Der Zug fuhr in die Station. --

Otto hatte gleich hinter Hedi das Hotel verlassen. Als er sie mit den

Blicken suchte, war sie schon verschwunden. Übrigens fesselte gerade

eine Dame seine Aufmerksamkeit, die aus einer Droschke stieg und duftend

und glitzernd die lichte Hotelhalle betrat. Otto eilte rasch nach Hause.

Er warf sich in Zivilkleidung, in ganz unglaublich kurzer Zeit hatte er

sich umgezogen. Er knöpfte noch den Mantel zu, als er wieder die Treppe

herabsprang. Er hatte nicht die geringste Lust, den Abend zu Hause zu

verbringen und alle möglichen Dinge über Siedelungsgebiete, Kolonien und

strategische Sicherungen zu hören.

An der Türe des schmalen Vorgärtchens prallte er mit einem kleinen Herrn

im Havelock zusammen. Aber der kleine Herr im Havelock war nicht im

geringsten ungehalten. Im Gegenteil, er zog den Hut, stammelte

Entschuldigungen.

»Herr Oberleutnant --« Offenbar kannte er ihn. Irgendein Hausmeister der

Nachbarvillen.

Fort! Schon rauschte die Limousine des Generals heran.

In einem Tempo, als habe er auch nicht eine Sekunde Zeit zu versäumen,

eilte Otto der Friedrichstadt zu.

8

Kälte schlug dem General entgegen, als er seine Wohnung betrat. Er

bewohnte das Parterre eines einstöckigen grauen Hauses an der

Tiergartenstraße, dicht am Kemperplatz, nicht weit von Doras

Backsteinvilla entfernt. Kälte und Stille -- die Wohnung war erfüllt von

Winter, von Tod.

Die Generalin war einige Jahre vor dem Krieg in Davos gestorben, nachdem

. . . Die Ehe des Generals war in den späteren Jahren nicht glücklich

gewesen, übrigens hatte die Generalin nie diese Wohnung in der

Tiergartenstraße betreten, damals -- wieviel Jahre sind es her! --

wohnten sie in der Margaretenstraße.

Auch sein Sohn Kurt, der älteste -- er war nicht mehr. Gefallen an der

Somme.

Ein eigentümlicher Hauch strich durch die Wohnung -- und augenblicklich

versteinte das Gesicht des Generals wieder. Den Rest des Familienlebens

hatte der Krieg vernichtet. Ruth und Otto gingen ihre eigenen Wege. Ruth

arbeitete zurzeit in ihrer Küche, früher in einem Lazarett, und Otto,

wenn er einmal auf Urlaub in Berlin war, war selten zu sehen -- ein

Leichtfuß . . . Es gibt in dieser Hinsicht keine Kompromisse: entweder

lebt eine Familie glücklich, oder sie zerfällt.

Die Burschen rasselten in der Diele in die Höhe. Auch die Ordonnanz

rasselte. Sie brachte die Mappe mit den Akten, die am Abend bearbeitet

werden mußten. Nur Soldaten lebten im Hause des Generals -- und eine

Wirtschafterin, Therese, die irgendwo hinten in den Zimmern hauste, und

die man nie sah. Soldaten gingen ein und aus, solange der General lebte.

Sein Vater war als Oberst gestorben. Es rasselte von Waffen, und sie

brachten den Geruch aus den Kasernen mit.

Der General ließ den Pelzmantel einfach fallen, irgend jemand stand

schon da und fing ihn auf.

Ja, Kälte -- trotzdem die Wohnung gut geheizt war. Durch einen dunkeln

Spiegel sah er sein steinernes Gesicht gleiten. Alle Lampen schienen

falsch oder ungeschickt angebracht. Anstatt Licht und Freundlichkeit zu

verbreiten -- wie warm war es doch bei Dora! -- verbreiteten sie

feindselige Grelle und haßerfüllte, pechschwarze Schatten. Dunkle

Täfelungen, schwere Barockmöbel, Gold -- die Parkettböden schrien, wenn

man sie betrat, es war ein altes Haus.

In seinem Arbeitszimmer fiel der Frost von ihm. Hier allein war er zu

Hause. Er atmete auf, seine Haltung wurde um etwas lässiger.

Mit raschen Schritten näherte er sich einem Vogelbauer, in dem ein

kleiner gelber Kanarienvogel hauste.

»Nun, Niki -- Niki!« Er steckte den Finger durch die Stäbe -- er sprach

mit dem Vogel genau so, wie er früher mit seinen Kindern gesprochen

hatte, mit veränderter, komischer Stimme -- als sie noch ganz klein

waren, klein, lieblich und voller Vertrauen.

»Aber das Apfelschnitzchen -- es ist ja heruntergefallen, nun wollen wir

aber das Apfelschnitzchen -- und das Wasserchen, wieder alles verspritzt

-- du Schlingelchen --«

Der Vogel piepte und sprang erregt von Stäbchen zu Stäbchen.

»Ja, siehst du -- das Herrchen --«

Es klopfte. Eine laute Stimme rief: »Es ist serviert, Herr General!« Das

war Jakob, der Ulan, Bursche und Kammerzofe des Generals. Es gab auch

noch einen Wangel, der aber war mehr für den Dienst außerhalb des

Hauses. Die Uhren schlugen. Es war acht.

Punkt acht -- Punkt, immer Punkt! Der General war für peinlichste

Pünktlichkeit. Zuweilen, erschöpft vom Dienst, legte er sich zur Ruhe --

zehn Minuten, zwanzig Minuten -- mit der Sekunde mußte er geweckt

werden. Die Burschen konnten den ganzen Tag faulenzen oder mit Köchinnen

klatschen, aber ihre Uhren mußten genau gerichtet sein. Punkt ein halb

acht Uhr morgens erhob sich der General, Punkt ein viertel nach acht

nahm er sein Frühstück, Punkt ein Uhr fuhr er zum Mittagessen (er aß in

der Stadt), Punkt acht Uhr erschien er zum Abendessen. Auch im Felde

hatte er die gleiche Einteilung des Tages eingehalten und wenn die Welt

unterging. Zuweilen ging sie auch unter, aber den Tagesplan des Generals

vermochte sie nicht zu verrücken.

Der 9. November: Roman · 第 11 / 74 题