Hedi lachte. »Ich bin vor kaum zehn Minuten gekommen.«

Schon kam der Kellner und brachte Tee.

»Ich habe dem Kellner gesagt, sofort Tee zu bringen, wenn du kommst«,

sagte Hedi. »Du hast es gewiß sehr eilig.« Schon errötete Otto und

runzelte die Stirn. Etwas gefiel ihm nicht.

Die Musiker packten ihre Instrumente ein und klappten den Flügel zu.

»Es ist lieb von dir, daß du gekommen bist,« fuhr Hedi fort, »wir sehen

uns nun vielleicht lange nicht, vielleicht nie mehr. Und ich wollte

gerne . . .« Sie sprach leichthin -- ganz Dame.

Ottos blanke, graue Augen waren fragend auf sie gerichtet.

»Ich reise wahrscheinlich.«

»Du reisest?«

»Ja. Nach Schweden. Es ist noch nicht ganz sicher. Man ist an Papa

herangetreten.« (Welche Lüge, welch infame Lüge, aber sie war ihr

plötzlich durch den Kopf geschossen!)

»So?« Ottos Neugierde war wach, aber er wagte nicht zu fragen.

»Ich werde der Mission attachiert. Wahrscheinlich muß ich nach Rußland.

In besonderem Auftrag.«

»Ah!«

Der Herr im weiten hellen Mantel stand auf und grüßte. Er verneigte sich

auch gegen Hedi, und während sie ihn kurz anblickte, lächelte sie

unmerklich. Aber, sie konnte schwören, sie hätte nie, nimmermehr

gelächelt, wäre ihr Herz in diesem Augenblick nicht so voller Bitterkeit

gewesen. Der Spanier -- er war übrigens nicht hübsch, eher häßlich --

war ein Herr Ströbel oder ein Herr v. Ströbel, ein während des Krieges

reich gewordener junger Mann. Sie erinnerte sich seines Namens. In

seinem Hause, das wußte sie von Otto, fanden jene berüchtigten

Spielabende statt, die die ganze Nacht hindurch dauerten.

Verlassen lag der Strauß weißer Rosen auf dem Tisch.

»Ich freue mich übrigens, Hedi --« begann Otto.

»Ich meine -- du begreifst ja wohl meine Motive? Es ist mir ja --«

»Bitte, Otto!« unterbrach ihn Hedi. »Ich bin doch keine kleine

Verkäuferin« -- scherzte sie -- »wir wollen gute Kameraden bleiben. Kein

Wort weiter. Hast du Zigaretten?«

Der Kellner stürzte mit einem Streichholz herbei. Er störte. Nur um

etwas zu sagen, warf Hedi hin, daß das letztemal, als er zur Front

reiste, diese furchtbare Hitze in Berlin war. Es lag keinerlei Absicht

darin, auf Ehre, allein der dumme Kellner war Schuld daran. Schon stieg

ihr die Röte ins Gesicht, und auch Otto errötete plötzlich.

Das letztemal -- da war Hedis berühmtes Abschiedssouper gewesen.

Otto war ihr Gast!

Das Auto fuhr und fuhr -- damals war Berlin ja noch nicht tot -- es fuhr

bis zu einem gänzlich entlegenen Hotel am Schlesischen Bahnhof -- und

Otto mußte sich fügen.

Hedi aber hatte schon alles vorbereitet. Sie hatte dem Besitzer des

Hotels mit einem Schwall von Worten erklärt, daß ihr Mann auf Urlaub,

durchkäme, und daß sie aus der Provinz seien, kriegsgetraut, und daß er

nur diese eine Nacht hier wäre, daß sie ihn am Bahnhof abholen und

hierher bringen werde. Mit einem Schwall von Worten hatte sie, bebend

vor Angst und Aufregung, die Zimmer ausgewählt und das Menü

zusammengesetzt. Nichts war gut genug, und der Kellner bekam zwanzig

Mark Trinkgeld im voraus, damit er wußte, mit wem er es zu tun hatte.

Die gesamten Ersparnisse eines vollen Jahres gingen darauf. Es gab

Kerzen anstatt des elektrischen Lichts, obwohl Kerzen schwer

aufzutreiben waren, es gab Rotwein, obwohl Rotwein für die Lazarette

beschlagnahmt war, es gab Sekt, obwohl er Unsummen kostete. Die kleine

Tafel, die sie selbst deckte, war mit Blumen geschmückt. Er sollte

sehen, daß es unsinnig war, den letzten Abend in irgendeinem

langweiligen Weinrestaurant zu verbringen. Man mußte nur wissen, wie man

es anpackte. Es ging alles in Berlin, aber man mußte etwas

Unternehmungsgeist haben.

Und Otto -- staunte! Über die Kerzen, den Wein, die ganze Aufmachung,

wie er es nannte.

Es war heiß, und die elektrischen Bahnen brausten drunten vorüber. Es

war Juli. Ein Bataillon zog zum Bahnhof, singend. Die Musik schmetterte

und die Leute schrien begeistert. Berlin, das Berlin des Hochsommers

brauste -- drunten, tief drunten.

Die Kerzen, der Wein. Er war ihr Gast!

Sie entzog sich ihm nicht, weshalb denn? Sie legte das Kleid ab, sie

öffnete ihr Haar. Sie schlüpfte in das dünne Seidenkimono, das sie für

diesen Abend geschneidert hatte. Er sollte sehen, daß sie ihn liebte,

und daß sie nicht ein albernes Gänschen war. Sie trug ihre kleinen

himbeerfarbenen Pantöffelchen.

Berlin, das Berlin des Hochsommers und des Lebens brauste drunten, tief

da unten -- irgendwo.

Dann kam die Nacht.

Er sollte wissen, daß sie ihn liebte und Mut hatte. Ja, es gehörte Mut

dazu, denn Papa würde sie auf die Straße werfen, wenn etwas passierte.

Sie war völlig außer sich vor Raserei. Ja, und sie konnte schwören, daß

sie nichts bereute, daß sie es niemals bereute -- trotz der

fürchterlichen Angst, die sie ausgestanden hatte.

Hunderte von Pferdehufen trappelten auf der Straße -- sie hörte sie

immer noch -- jetzt in dieser Sekunde . . .

Die Zigarette brannte. »Danke«, sagte sie, und der Kellner ging.

»Wo liegt dein Regiment jetzt, Otto?« fragte sie, während die Röte ihrer

Wangen langsam verflog.

»Ich weiß es nicht genau. Wohl an derselben Stelle.«

Einige Belanglosigkeiten -- und plötzlich sieht Hedi auf die Armbanduhr

und springt auf. Mein Himmel! Sie reicht dem Kellner eine Note, zehn

Mark, das macht drei Mark Trinkgeld, aber sie kann nicht warten bis er

herausgibt.

»Nun will ich dir gute Reise wünschen, Otto. Nein, bleibe sitzen. Ich

will allein gehen. Ich habe es sehr eilig. Auf Wiedersehen!«

Ihr Aufbruch kam so rasch, daß Otto völlig verblüfft war. Hedi ging, und

sie sah die weißen Rosen, die verlassen auf dem Nachbartisch lagen,

nicht an. Ganz Lady, schritt sie über die Teppiche.

Ein Nicken, ein Lächeln an der Türe, der Groom verbeugte sich.

Es ging gelinde ab, dachte Otto, der den Kellner ungeduldig herbeiwinkte

und es plötzlich ebenfalls sehr eilig hatte. Da fiel ihm ein, daß sein

General seinerzeit den gleichen Ausdruck ihm gegenüber gebraucht hatte

-- damals, als er dreißig Prozent seiner Leute liegenließ. Er hatte die

Geschichte erst vorhin Heinz erzählt. Nun, jedenfalls hatte sie sich wie

eine Dame benommen. Er fürchtete nichts mehr als Szenen.

Aber ein unangenehmes Empfinden blieb in ihm zurück. Was war es doch?

Er haßte sie in diesem Augenblicke bitter.

7

»Schuft, Schuft!« Hedi lachte. Was für ein bodenloser Schuft war er

doch!

Mit schnellen Schritten eilte sie an den Häusern entlang in das

Schneetreiben hinein, den Hut mit dem kleinen Reiher dicht in den Schirm

gedrückt.

Seine Motive -- seine Motive kannte sie ganz genau! Seine Familie, seine

Karriere -- was für Ausflüchte! Hätte er doch den Mut gehabt ihr zu

sagen, daß er sie nicht mehr liebte! Aber diese Männer sind Feiglinge,

und wenn sie auch mitten in den Kugelregen hineingehen. Geld und

Ordensauszeichnungen, das war alles, wonach diese Offiziere trachteten.

Die Lampen eines Automobils blendeten durch die finstere Straße, und die

Schneeflocken jagten gleißend durch den Lichtkegel. Plötzlich aber

stockte Hedis Schritt, in dem gleißenden Lichtkegel flatterte ein

weiter, heller Mantel. Er mußte ihr gefolgt sein, sie umgangen haben, um

plötzlich vor ihr erscheinen zu können, oder war es ein Zufall? Ihre

Füße waren wie gelähmt, denn der Mantel kam näher, und sie bemerkte, daß

er die Richtung seiner Bewegung änderte. Sie bog rasch ab und stürmte

die Treppe zur Untergrundbahn hinunter. Mein Gott, sie war falsch

gegangen, sie wollte nach dem Leipziger Platz, und nun war sie an der

Friedrichstraße angelangt.

Der gelbe Mantel erschien auf der Treppe der Station. Er war nur einen

Augenblick sichtbar, dann verschwand er, er kam nicht herunter.

Hedi atmete erleichtert auf.

Nein, sie brauchte Otto nicht, sie brauchte ja nur die Hand

auszustrecken und soviel Finger sie hatte, soviel . . .

Der 9. November: Roman · 第 10 / 74 题