XV.

Ein Anachoret saß einsam in seiner Höhle vor einer Leuchte und wandte

seine Blicke nicht von dem heiligen Buche ab, das vor ihm lag. Seit

vielen Jahren schon hatte er sich in der Höhle eingeschlossen und schon

hatte er sich den hölzernen Sarg gezimmert, in dem er zu ruhen pflegte,

wie in einem Bett. Der heilige Greis schloß eben das Buch und begann zu

beten .... Da stürzte plötzlich ein Mann von seltsamem und schrecklichem

Äußeren herein. Zum ersten Male erstaunte der heilige Einsiedler und

trat einen Schritt zurück vor diesem Menschen. Der aber bebte am ganzen

Leibe wie Espenlaub, seine Augen irrten wild umher; ein schreckliches

Feuer glomm furchtsam in ihnen, und sein verzerrtes Gesicht machte die

Seele erschauern.

»Bete, Vater! So bete doch!« schrie er verzweifelt. »Bete für eine

verlorene Seele!« Und er stürzte zu Boden.

Der heilige Anachoret machte das Zeichen des Kreuzes, holte das Buch

hervor, schlug es auf, aber er wich entsetzt zurück und ließ das Buch

wieder herabsinken. »Nein, du unerhörter Sünder! Es gibt keine Gnade für

dich! Flieh von hinnen! Nie vermag ich für dich zu beten!«

»Nie!« schrie der Sünder wie toll.

»Blick hin: die heiligen Lettern dieses Buches sind blutüberströmt ....

noch niemals hat die Welt einen solchen Sünder gesehen.«

»Vater! Du spottest über mich!«

»Geh, du gottverdammter Sünder! Ich spotte nicht. Angst ergreift mich.

Nichts Gutes bedeutet es für einen Menschen, in deiner Nähe zu weilen.«

»Nein, nein! Du spottest, rede nicht .... Ich sehe, wie dein Mund sich

öffnet und mich die weißen Reihen deiner alten Zähne spöttisch

anblicken!«

Und er sprang rasend vor -- und erschlug den heiligen Einsiedler.

Da stöhnte etwas schwer auf, und das Stöhnen hallte durch Feld und Wald

weiter. Hinter dem Walde streckten sich ein Paar dürre hagere Hände mit

langen Krallen hervor, fingen an zu beben und verschwanden wieder.

Und schon war keine Angst mehr da, und er fühlte nichts mehr. Alles

erschien ihm verschwommen: in seinen Ohren sauste es, es rauschte ihm im

Kopfe wie wenn er trunken wäre. Er sprang aufs Roß und ritt gen Kanew,

von dort gedachte er seinen Weg über Tscherkany geradeaus zu den Tataren

und nach der Krim zu lenken, doch wußte er selbst nicht, zu welchem

Zweck er es tat. Er ritt einen Tag lang und ritt einen zweiten, aber

Kanew wollte sich immer noch nicht sehen lassen. Es war der richtige

Weg, und er hätte schon längst in Kanew sein müssen, aber die Stadt

wurde und wurde nicht sichtbar. Da leuchteten plötzlich in der Ferne die

Kuppeln von Kirchen auf, aber es war nicht Kanew, sondern Schumsk. Der

Zauberer war aufs höchste betroffen, als er sah, daß er eine falsche

Richtung eingeschlagen hatte; er jagte sein Roß zurück auf Kijew zu, und

einen Tag später tauchte eine Stadt vor ihm auf, aber es war wieder

nicht Kijew, sondern Halitsch, eine Stadt, die noch weiter von Kijew

entfernt ist als selbst Schumsk und schon nahe bei Ungarn liegt. Ohne zu

wissen, was er tun sollte, riß er sein Pferd wieder herum. Aber wiederum

fühlte er, daß er in der entgegengesetzten Richtung dahinritt, und immer

weiter und weiter. Kein Mensch in der Welt hätte sagen können, was in

der Seele des Zauberers vorging; und hätte jemand hinein geblickt und

gesehen, was dort geschah, so hätte er keine Nacht mehr ruhig

geschlafen, und nie hätt' er mehr gelacht. Das war nicht Wut, nicht

Furcht noch wilder Groll. Es gibt kein Wort dafür in der Welt. Es glühte

und siedete in ihm, die ganze Welt hätte er mit seinem Rosse

zerstampfen, die ganze Erde von Kijew bis Halitsch mitsamt all den

Menschen und allem, was drauf lebte, packen, und sie im Schwarzen Meere

ertränken mögen. Doch war es nicht Grimm, warum er dies tun wollte, er

wußte selbst nicht warum. Und er erbebte, als ganz nahe vor ihm die

Karpathen und der hohe Kriwan erschienen, der sich eine schwarze Wolke

wie eine Mütze auf seinen Schädel gestülpt hatte; aber das Roß jagte

immer weiter dahin und trabte schließlich bis ins Gebirge. Plötzlich

verschwanden die Wolken und vor ihm erschien in furchtbarer Erhabenheit

der Reiter ..... Der Zauberer mühte sich, Halt zu machen und zog die

Zügel straff, aber das Roß wieherte wild, warf den Kopf empor und raste

dem Ritter entgegen. Da ward dem Zauberer zumute, als ob alles in ihm

erstarrte und ihm schien, der regungslose Ritter rührte sich vom Fleck;

er machte auf einmal die Augen weit auf, sah den ihm entgegeneilenden

Zauberer an und lacht laut auf. Wie ein Donner rollte das wilde

Gelächter durchs Gebirge, hallte dröhnend im Herzen des Zauberers wieder

und erschütterte sein ganzes Innere. Es schien ihm, als ob ein

furchtbares, gewaltiges Wesen in ihn hineingekrochen wäre und in seinem

Inneren umherwandere, auf sein Herz und alle seine Sehnen loshämmerte,

so gewaltig hallte das Gelächter in ihm wieder!

Der Reiter packte den Zauberer mit seiner schrecklichen Hand und hob ihn

hoch in die Lüfte, und im Nu war der Zauberer tot, doch er öffnete nach

dem Tode noch die Augen; aber schon war er ein Leichnam und sah wie ein

Toter vor sich hin. So fürchterlich blickt kein Lebender und auch kein

Auferstandener. Er rollte die blinden Augen nach allen Seiten, und er

sah, wie sich die Toten in Kijew, Galizien und in den Karpaten erhoben,

und sie alle glichen ihm von Angesicht, wie zwei Tropfen Wasser einander

gleichen.

Bleich, totenbleich, der eine den anderen an Größe überragend, und der

eine knochiger als der andere, so drängten sie sich um den Ritter, der

seine furchtbare Beute in der Hand hielt. Noch einmal lachte der Ritter

auf und dann schleuderte er sie in den Abgrund. Und alle Toten sprangen

in den Abgrund herab, fingen den toten Zauberer auf und bohrten ihre

Zähne in ihn hinein. Aber da war noch einer, der größer und furchtbarer

war als alle; der wollte sich auch aus der Erde erheben, doch er

vermochte es nicht, er hatte nicht mehr die Kraft, es zu tun. -- So

riesengroß war er geworden in seiner Erdengrube; hätte er sich erhoben,

so hätte er die Karpathen umgestürzt und das Siebengebirge und das

Türkenreich dazu. Ein wenig nur rührte er sich im Grabe -- und es ging

ein Beben über die ganze Erde, viele Häuser wurden allerorten

umgeworfen, und viele Menschen erstickten.

Oft hört man in den Karpathen ein Schnauben, wie wenn das Wasser über

tausend Mühlräder dahinrauscht: das sind die Toten, die in einem

Abgrund, dem man nicht entrinnen kann und den noch nie ein Mensch

gesehen hat, an einem Leichnam nagen, und jeden graut es, vorbeizugehen.

Gar oft geschieht es, daß die Erde von einem Ende bis zum andern erbebt:

das kommt, wie die Schriftgelehrten sagen, daher, daß irgendwo, in der

Nähe des Meeres ein Berg steht; aus dem schlagen Flammen und fließen

brennende Ströme hervor. Aber die greisen Männer im Ungarlande und auch

in Galizien wissen es besser und erzählen von dem ungeheueren Toten, der

in die Erde hineinwuchs, sich erheben will und so das Weltall

erschüttert.

Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen · 第 40 / 45 题