XVI.

In der Stadt Gluchow hatte sich das Volk um einen greisen Harfenspieler

geschart und lauschte wohl schon eine Stunde lang dem Spiele des

Blinden. Kein Harfenspieler hatte je so wundersame Lieder, so herrlich

hatte noch nie ein Harfenspieler gesungen. Er sang von den Hetmans der

alten Zeiten: von dem Sagajdatschny und von Chmelnitzki. Ja, das war

eine andere Zeit: weit berühmt und geehrt waren damals die Kosaken; sie

zertraten ihre Feinde mit den Hufen ihrer Rosse, und niemand wagte es,

ihrer zu spotten. Aber der Greis sang auch lustige Lieder und er ließ

seine Augen im Kreise umherwandern wie ein Sehender, und die Finger mit

den Knochenstäbchen flogen wie Fliegen über die Saiten, sodaß die Saiten

von selbst zu spielen schienen; und ringsherum stand das Volk, -- die

Greise gesenkten Hauptes, und die Jungen, die Augen zum Sänger erhoben,

und wagten es nicht einmal, untereinander zu flüstern.

»Wartet einmal!« sprach der Alte. »Ich will euch singen von einer

längstvergangnen Begebenheit.«

Die Leute drängten sich noch enger zusammen, und der Blinde begann:

Zur Zeit Pan Stephans, des Fürsten von Siebenbürgen (der Fürst von

Siebenbürgen war auch König der Polen), da lebten einmal zwei Kosaken:

Iwan und Petro. Sie lebten wie zwei Brüder. »Hör, Iwan,« sagte Petro

einst, »alles, was wir erbeuten, -- sei zu gleichen Teilen unter uns

geteilt; des einen Freude sei des andern Freude und des einen Kummer sei

des andern Schmerz; des einen Beute soll auch dem anderen zukommen, und

wenn der eine in Gefangenschaft gerät, soll der andere alles verkaufen

und Lösegeld zahlen, oder selbst in Gefangenschaft gehen.« Und so

geschah's auch, alles, was die Kosaken erbeuteten, teilten sie

untereinander: ob sie nun fremdes Vieh wegtrieben oder Pferde -- sie

teilten alles zu gleichen Teilen unter sich.

* * * * *

Einst führte König Stephan Krieg mit dem Türkenvolk. Drei Wochen schon

focht er gegen den Türken und konnte ihn immer noch nicht vertreiben.

Die Türken aber hatten einen Pascha, der ganz allein mit zehn

Janitscharen ein ganzes Heer in die Flucht schlagen konnte. Da tat König

Stephan kund, wenn sich ein Wagehals fände, der ihm den Pascha lebend

oder tot brächte, so wolle er ihm allein einen so hohen Lohn bezahlen,

wie den, den er seinem ganzen Heere zukommen ließ. Da sprach Iwan zu

Petro: »Komm, Herzensbruder, wir wollen den Pascha fangen!« Und die

Kosaken ritten davon: der eine hierhin, der andere dorthin.

* * * * *

Ob ihn Petro nun gefangen hätte oder nicht, das läßt sich nicht sagen,

doch schon führt Iwan den Pascha an einem Strick um den Hals vor den

König. »Tapfrer Kosak,« sprach König Stephan und ließ ihm allein soviel

Lohn ausbezahlen, als sonst sein ganzes Heer erhielt; und er hieß ihm

Land zuzuteilen, wo er welches haben wollte, und Vieh schenken, soviel

er nur wünschte. Wie Iwan nun den Lohn vom König erhalten hatte, teilte

er ihn noch am selbigen Tage zu gleichen Teilen unter sich und Petro.

Petro bekam die Hälfte vom Lohne des Königs, aber der konnte es nicht

verwinden, daß Iwan vom Könige solche Ehren zuteil geworden waren, und

in den Tiefen seiner Seele regten sich Rachegedanken.

* * * * *

Einst ritten die beiden Ritter jenseits der Karpathen durch das Land,

das der König ihnen geschenkt hatte, und der Kosak Iwan hatte auch

seinen Sohn neben sich auf dem Roß sitzen und ihn fest an sich gebunden.

Schon senkte sich die Dämmerung aufs Land herab -- sie aber ritten immer

weiter und weiter. Der Knabe schlief, und auch Iwan fing an

einzuschlummern. »Schlaf nicht, Kosak, denn gefahrvoll sind die Pfade in

den Bergen!« .... Doch der Kosak hatte ein Pferd, das alle Wege kannte,

und nie stolperte oder strauchelte es. Ein Abgrund lag tief zwischen den

Bergen versenkt, und noch niemand hatte den Grund des Schlundes gesehen,

denn so hoch es von der Erde bis zum Himmel ist, so tief ist es bis zum

Grunde jener Schlucht. Über den Abgrund führte ein Steg -- über dem noch

gerade zwei Menschen hinweg reiten konnten, nicht aber drei. Behutsam

schritt das Roß mit dem schlummernden Kosaken über den Steg. An seiner

Seite aber ritt Petro, er bebte am ganzen Leibe und hielt vor Freude den

Atem an, und nun blickte er um sich, stieß seinen selbst erkorenen

Bruder in den Abgrund hinab, und das Roß stürzte mitsamt dem Kosaken und

dem Kinde in die Tiefe.

* * * * *

Doch der Kosak vermochte noch einen Ast zu erfassen, und das Pferd

stürzte allein hinab. So begann er denn, mit seinem Sohne auf dem

Rücken, in die Höhe zu klimmen; und er war schon beinahe ganz oben, da

erhob er die Augen und sah, wie Petro mit seiner Pike nach ihm zielte,

um ihn wieder hinabzustoßen. »O, du gerechter Gott! Hätte ich doch

lieber nicht die Augen erhoben; warum muß ich jetzt sehn, wie mein

erkorener Bruder mit der Pike nach mir zielt, um mich wieder

hinabzustoßen. O, lieber Bruder! Stich zu mit der Pike, wenn's mir denn

schon so beschieden ist, nur nimm meinen Sohn zu dir: was hat das

unschuldige Kind denn getan, daß es solch grimmen Tod erleiden soll?« Da

lachte Petro, stieß mit der Pike nach ihm, und der Kosak flog samt dem

Knaben in den Abgrund hinab. Und Petro nahm all sein Hab und Gut an

sich, und lebte dahin wie ein Pascha. Niemand hatte solche Viehherden

wie Petro, und nirgends gab's so viel Schafe und Hammel, wie er besaß.

Doch eines Tages starb Petro.

* * * * *

Als Petro tot war, rief Gott die Seele der beiden Brüder, Petro und

Iwan, vor Gericht. »Dieser Mensch ist ein großer Sünder!« sprach Gott.

»Iwan! Ich weiß keine Strafe, die groß genug für ihn wäre; wähle du

sie!« Lang grübelte Iwan nach, um eine Strafe zu ersinnen, und endlich

sprach er: »Dieser Mensch hat mir einen großen Schmerz zugefügt: er hat

seinen Bruder verraten wie ein Judas, und er hat mich meines edlen

Geschlechts beraubt und meiner Nachkommenschaft auf Erden, und ein

Mensch ohne ehrlich Geschlecht und ohne Nachkommen ist wie ein

Getreidekorn, das man auf die Erde wirft, und das in der Erde umkommt.

Da gibt's keine Saat, und niemand erfährt je, daß ein Same ausgesät

ward.«

* * * * *

»So tu denn also, o Gott, daß sein ganzes Geschlecht auf Erden kein

Glück habe und daß der letzte seines Geschlechts solch ein Bösewicht

werde, wie es noch nie einen in der Welt gab: seine Ahnen und Urahnen

mögen durch jede seiner Freveltaten aus der Ruhe ihrer Gräber aufgestört

werden, und in Qualen, wie die Welt sie nicht kennt, ihren Gräbern

entsteigen! Der Judas Petro aber soll nicht die Kraft haben, sich zu

erheben, auf daß noch viel größere Martern ihn peinigen; wütend soll er

Erde fressen und sich wie ein Rasender unter der Erde winden!«

* * * * *

»Und wenn das Maß der Freveltaten jenes Menschen voll ist, Gott, so

erhebe mich mitsamt meinem Roß aus jenem Schlunde bis auf den höchsten

Berg, dann soll jener zu mir kommen, und ich will ihn von dem Berge in

den tiefen Abgrund stürzen, und alle Toten, seine Ahnen und Urahnen, sie

sollen herbeieilen von allen Enden der Welt, wo sie auch bei Lebzeiten

geweilet haben mögen, und an ihm nagen zum Dank für die Qualen, die er

ihnen zugefügt; ewiglich sollen sie an ihm nagen, ich aber werde mich

freuen beim Anblick seiner Qualen. Der Judas Petro aber soll sich nicht

aus der Erde erheben können, er soll _auch_ den Wunsch haben, an dem

andren zu nagen, aber er mag an sich selbst nagen, und seine Knochen

sollen immer größer werden und höher empor wachsen, auf daß darob seine

Qual noch stärker werde. Diese Qual ist die fürchterlichste von allen;

denn es gibt keine größere Folter für den Menschen, als sich rächen zu

wollen und nicht rächen zu können.«

* * * * *

»Furchtbar fürwahr ist die Strafe, die du ersonnen, o Mensch!« sprach da

Gott. »Und alles möge so geschehen, wie du es gesprochen; aber auch du

sitze nun ewiglich dort zu Pferde, und das Himmelreich sei dir nicht

beschieden, solange du noch dort auf deinem Rosse sitzen mußt!« Und

alles geschah, wie es gesagt ward: auch heute noch steht der wunderbare

Ritter auf dem Karpathenberge und sieht im bodenlosen Schlunde die Toten

an einem Leichnam nagen, und er fühlt, wie der Leichnam unter der Erde

wächst, wie er in furchtbarer Pein an den eigenen Knochen nagt und

schrecklich die Erde erschüttert ........

Der Blinde hatte sein Lied beendet, schon fing er von neuem an, die

Saiten zu zupfen und schon begann er wieder ergötzliche Märlein von

Choma und Jerjoma, und von Stkljar Stokosa zu singen ... aber Alt und

Jung konnten noch immer nicht zu sich kommen, und lange noch standen sie

mit gesenktem Haupte da, in tiefes Sinnen versunken über die

schreckliche Tat aus vergangenen Zeiten.

Iwan Fjodorowitsch Schponjka

und seine Tante

Mit dieser Geschichte ist selbst eine Geschichte passiert: erzählt hat

sie uns Stepan Iwanowitsch Kurotschka aus Gadjatsch. Nun muß ich euch

vermelden, daß mein Gedächtnis ganz unmöglich schlecht ist: ob mir einer

was sagt oder nicht, das kommt ganz auf dasselbe hinaus, es ist genau

so, als wenn man Wasser in ein Sieb gießt. Weil ich aber meinen Fehler

kenne, so habe ich ihn gebeten, die Geschichte in ein Heftchen

einzutragen. Gott schenke ihm ein langes Leben, er hat sich mir

gegenüber immer als guter Mensch erwiesen, und so hat er die Geschichte

denn auch wirklich aufgeschrieben. Nun gut. Ich legte also das Heftchen

in das kleine Tischchen: -- Ich glaube, ihr kennt es alle, es steht

gleich in der Ecke, wenn man zur Tür hereinkommt ..... Ja, da hab' ich

richtig vergessen, daß ihr noch niemals bei mir wart! Meine Alte, mit

der ich schon an die dreißig Jahre zusammen lebe, hat, -- was soll ich

ein Hehl daraus machen, -- ihr Lebtag nichts vom Lesen verstanden.

Einmal bemerkte ich nun, wie sie Küchel auf Papier bäckt. Diese

Küchelchen kann sie nämlich ganz wunderbar backen, lieber Leser; bessere

Küchel bekommt ihr sicherlich nirgends zu essen. Wie ich mir nun so den

Boden eines Küchelchens anschaue, da finde ich plötzlich geschriebene

Worte! Ich laufe zum Tischchen, als ob mein Herz es geahnt hätte: -- vom

Hefte ist kaum mehr als die Hälfte übrig! Sie hatte sich alle übrigen

Blätter für ihre Kuchen weggeschleppt! Was sollte man da machen? Man

kann sich doch nicht auf seine alten Tage noch raufen! Nun reiste ich

aber im vorigen Jahre so einmal durch Gadjatsch hindurch: noch, bevor

ich in die Stadt kam, hatte ich mir absichtlich einen Knoten ins

Taschentuch gemacht, um nicht zu vergessen, daß ich Stepan Iwanowitsch

meine Bitte vortragen wollte. Mehr noch, ich nahm mir selbst das

Versprechen ab: mich, sobald ich in der Stadt niesen würde, daran zu

erinnern. Aber es war alles vergebens. Ich kam durch die Stadt, nieste

auch, schneuzte mich in mein Taschentuch und vergaß es dennoch; erst als

ich schon sechs Werst hinterm Tor war, da fiel es mir wieder ein. Na, da

war nichts mehr zu machen, und so mußte die Geschichte denn notgedrungen

ohne Schluß abgedruckt werden. Übrigens, wenn jemand unbedingt wissen

will, wie diese Geschichte weitergeht, braucht er nur nach Gadjatsch zu

fahren und bei Stepan Iwanowitsch vorzusprechen. Der wird sie ihm mit

dem größten Vergnügen von Anfang bis zu Ende erzählen. Stepan

Iwanowitsch wohnt nicht weit von der steinernen Kirche. Da ist gleich so

ein kleines Gäßchen: sobald ihr in dies Gäßchen einbiegt, ist's der

zweite oder dritte Torweg. Oder noch besser: wenn ihr im Hofe eine lange

Stange mit einer Wachtel erblickt und euch ein dickes Weibsbild in einem

grünen Rocke entgegenkommt (nebenbei bemerkt, er führt ein

Junggesellenleben), so ist das sein Hof. Ihr könnt ihm übrigens auch auf

dem Markt begegnen, wo er jeden Morgen bis gegen neun Uhr Fische oder

Gemüse für seinen Tisch einkauft und sich mit Vater Antip oder mit dem

jüdischen Händler unterhält. Ihr werdet ihn sofort erkennen, denn

niemand außer ihm trägt Hosen aus bedruckter Leinewand oder einen gelben

Nankingrock. Oder, da habt ihr noch ein gutes Merkzeichen: wenn er geht,

so schlägt er mit den Armen um sich. Der Assessor am Ort, Denis

Petrowitsch, pflegte immer zu sagen, wenn er ihn von ferne herankommen

sah: »Seht, seht doch, da kommt die Windmühle!«

I.

Iwan Fjodorowitsch Schponjka

Es ist schon vier Jahre her, daß Iwan Fjodorowitsch Schponjka Abschied

vom Militär genommen hatte und auf seinem Gutshof Wytrebenjki hauste.

Als er noch der kleine Iwan hieß, besuchte er die Kreisschule zu

Gadjatsch, und das muß man sagen, er war ein höchst sittsamer und

fleißiger Junge. Sein Lehrer in der russischen Grammatik, Nikifor

Timofejewitsch Dejepritschastje, behauptete immer, wenn alle so fleißig

gewesen wären wie Schponjka, dann hätte er das Ahornlineal nicht in die

Klasse mitzunehmen brauchen, denn er war, wie er selbst eingestand, es

schon müde, den Faulen und Mutwilligen immer auf die Finger zu klopfen.

Iwans Heftchen war stets sauber; es war rings herum mit einem Rande

versehen, und nirgends war ein Fleckchen zu entdecken. Er saß stets

still mit gefalteten Händen und die Augen auf den Lehrer gerichtet, da;

nie heftete er einem vor ihm sitzenden Kameraden einen Zettel auf den

Rücken, schnitzte nie Buchstaben oder Zeichen in die Bank und spielte

auch nie »Drängeln,« bevor der Lehrer in die Klasse trat. Wenn jemand

ein Messer brauchte, um sich eine Feder zu schneiden, so wandte er sich

sofort an Iwan Fjodorowitsch, da jeder wußte, daß er stets ein

Messerchen bei sich hatte; und Iwan Fjodorowitsch, der damals noch

einfach »Wanjuscha« genannt wurde, holte das Messer aus dem kleinen

Ledertäschchen, das am Knopfloch seines grauen Rockes hing, und bat nur

darum, man möchte die Feder nicht mit der scharfen Seite des Messers

schaben, denn er behauptete, daß die stumpfe Seite dazu da sei.

Diese Sittsamkeit lenkte bald sogar die Aufmerksamkeit des lateinischen

Lehrers auf ihn, der schon im Korridor durch sein Husten, und noch bevor

sein Friesmantel und sein blatternarbiges Gesicht in der Tür erschien,

die ganze Klasse in Angst und Schrecken jagte. Dieser fürchterliche

Lehrer, auf dessen Katheder stets zwei Rutenbündel prangten, und bei dem

die Hälfte aller Schüler auf den Knien stehen mußten, machte Iwan

Fjodorowitsch zum Auditor der anderen, obwohl es in der Klasse viele

Schüler gab, die bedeutend begabter waren als er. Hier darf ein Fall

nicht übergangen werden, der einen gewissen Einfluß auf Iwans Leben

gewann. Einer der ihm anvertrauten Schüler, der den Auditor bewegen

wollte, ihm ein »_Scit_« ins Klassenbuch zu schreiben, obgleich er keine

blasse Ahnung von seiner Lektion hatte, brachte einen in Papier

eingewickelten und mit Butter übergossenen Eierkuchen in die Klasse mit.

Trotzdem Iwan Fjodorowitsch sonst stets gerecht war, war er doch gerade

in diesem Augenblick sehr hungrig und daher konnte er der Versuchung

nicht widerstehen. Er nahm den Eierkuchen, pflanzte ein Buch vor sich

auf und begann ihn zu verzehren. Er war so damit beschäftigt, daß er

nicht einmal merkte, wie es plötzlich in der Klasse totenstill wurde. So

kam er erst wieder zu sich, als sich eine schreckliche Hand aus dem

Friesmantel hervorstreckte, ihn beim Ohr packte und mitten in die Klasse

zerrte. »Gib den Eierkuchen heraus, gib ihn heraus! sagt man dir, du

Taugenichts!« rief der schreckliche Lehrer, ergriff den fettigen

Eierkuchen mit den Fingern und warf ihn durchs Fenster, wobei er es

übrigens nicht vergaß, den im Hofe herumlaufenden Schuljungen aufs

strengste zu verbieten, ihn aufzuheben. Darauf schlug er Iwan

Fjodorowitsch gleich an Ort und Stelle kräftig auf die Finger, und das

mit Recht: denn die Finger waren ja gerade die Schuldigen, _sie_ hatten

sich ja den Eierkuchen genommen und kein anderer Körperteil. Wie dem

auch sei, genug, seitdem wurde Iwans Schüchternheit, die aufs engste mit

seiner Person verwachsen war, nur noch größer. Vielleicht war eben

dieses Geschehnis der Grund davon, daß er später nie Lust hatte, in den

Zivildienst einzutreten; hatte er doch aus eigener Erfahrung erkannt,

daß es uns nicht immer gelingt, unsere Sünden zu verbergen.

Er war nicht weniger als fünfzehn Jahre alt, als er in die zweite Klasse

versetzt wurde, wo er vom kleinen Katechismus und den vier Spezies in

der Arithmetik, zum großen Katechismus, zum Buch von den Pflichten des

Menschen und zu den Brüchen überging. Aber da er merkte, daß, je größer

der Wald, um so dichter die Baumstämme beieinander ständen, und als er

die Nachricht erhielt, daß sein Vater das Zeitliche gesegnet habe, blieb

er nur noch zwei Jahre dort und trat dann mit Einwilligung seiner Mutter

in das P--er Infanterieregiment.

Das P--er Infanterieregiment war nun keineswegs von der Sorte, zu der

die meisten Infanterieregimenter gehören; und obwohl es gewöhnlich nur

in Dörfern lag, lebte es doch auf großem Fuße, so daß es manchem

Kavallerieregiment nichts nachgab. Der größte Teil der Offiziere trank

den stärksten Schnaps, den man nur durch Gefrierenlassen gewinnt, und

verstand es nicht schlechter als die Husaren, die Juden bei den

Schläfenlöckchen zu packen und nach sich zu ziehen; einige von den

Offizieren konnten sogar Mazurka tanzen, und der Oberst des P--schen

Regiments ließ sich in Gesellschaft nie die Gelegenheit entgehen, dies

besonders zu betonen. »Bei mir,« sagte er gewöhnlich und tätschelte sich

bei jedem Wort seinen Bauch, »bei mir im Regiment tanzen viele Mazurka,

jawohl viele, sogar sehr viele!« Um dem Leser den Grad der Bildung, der

im P--er Infanterieregiment herrschte, noch deutlicher vor Augen zu

führen, wollen wir noch hinzufügen, daß zwei seiner Offiziere ganz

schreckliche Spielratten waren und Uniform, Mütze, Mantel samt ihrer

Troddel und ihrer Unterkleidung im Bankspiel verloren, und das kommt ja

selbst bei den Kavalleristen nicht immer vor.

Der Umgang mit solchen Kameraden hatte jedoch nicht im geringsten dazu

beigetragen, die Schüchternheit von Iwan Fjodorowitsch zu vermindern,

und da er nur einfachen Schnaps trank, und zwar _ein_ Gläschen vor dem

_Mittag_- und _ein_ Gläschen _vor_ dem _Abend_essen -- weder Mazurka

tanzte noch Karten spielte, so blieb er natürlich immer allein. Auf

diese Art pflegte er, während die anderen auf Gutspferden zu den

kleineren Grundbesitzern zu Besuch fuhren, in seiner Wohnung zu sitzen

und sich Beschäftigungen zu widmen, die nur zu einer sanften und gütigen

Seele passen: bald putzte er seine Knöpfe, bald las er im Wahrsagebuch,

bald stellte er in allen Winkeln seines Zimmers Mausefallen auf, und

bald warf er endlich die Uniform ab und lag dann lang ausgestreckt auf

dem Bette.

Dafür aber gab es niemand im Regiment, der zuverlässiger gewesen wäre,

als Iwan Fjodorowitsch, und er befehligte seine Korporaltruppen so gut,

daß der Kompagniechef ihn den andern immer zum Vorbild aufstellte. Dafür

wurde er auch, kaum elf Jahre, nachdem er die Fähnrichscharge erhalten

hatte, zum Sekondeleutnant ernannt.

Während dieser Zeit erhielt er die Nachricht, seine Mutter sei gestorben

und seine Tante, die leibliche Schwester seiner Mutter, eine Tante, die

er nur _daher_ kannte, weil sie ihm in seiner Kindheit einmal

getrocknete Rosinen und äußerst schmackhafte, selbst gebackene Bretzeln

mitgebracht hatte und die ihm später dergleichen schöne Dinge sogar nach

Gadjatsch schickte (sie war mit seiner Mutter verfeindet, und daher

bekam sie Iwan Fjodorowitsch später nicht mehr zu sehen), -- diese Tante

habe aus reiner Gutherzigkeit die Verwaltung seines kleinen Gutes

übernommen, wovon sie ihm rechtzeitig in einem Briefe Mitteilung machte.

Iwan Fjodorowitsch, der von dem verständigen Sinn seiner Tante

vollkommen überzeugt war, verrichtete indes seinen Dienst weiter wie

früher. Manch einer an seiner Stelle wäre, wenn er solch einen Rang

erklommen hätte, stolz geworden; aber jeglicher Stolz war ihm völlig

fremd, und auch als Sekondeleutnant blieb er ganz derselbe Iwan

Fjodorowitsch, der er auch als Fähnrich gewesen war. Er brachte nach

diesem für ihn so denkwürdigen Ereignis noch weitere vier Jahre so zu,

und war gerade im Begriff, mit seinem Regiment aus dem Gouvernement

Mohilew nach Großrußland zu ziehen, als er einen Brief folgenden Inhalts

erhielt:

»Mein lieber Neffe Iwan Fjodorowitsch!

Ich schicke Dir Wäsche: fünf Paar Zwirnsocken und vier feine

Leinenhemden; auch möchte ich geschäftlich mit Dir reden: da Du ja

schon einen nicht geringen Rang erklommen, und, wie ich glaube, ein

Alter erreicht hast, wo man weiß, daß es an der Zeit ist, sich mit

der Landwirtschaft zu beschäftigen, so solltest Du nicht länger noch

beim Militär bleiben. Ich bin schon alt und kann auf Deinem

Besitztum nicht alles selbst besorgen; auch muß ich Dir vieles

persönlich mitteilen. Komm, mein Lieber. Indem ich sehnsüchtig auf

das Vergnügen warte, Dich wiederzusehen, verbleibe ich Deine Dich

innig liebende Tante

Wassilissa Zuptschewska.

_P. S._ Bei uns im Garten gibt's jetzt herrliche Rüben: sie gleichen

schon mehr Kartoffeln als Rüben.«

Acht Tage nach Empfang des Briefes erhielt Iwan Fjodorowitschs Tante

folgende Antwort:

»Liebe Tante Wassilissa Kaschparowna!«

»Vielen Dank für die Wäschesendung. Besonders meine Socken sind

schon sehr alt, so daß der Bursche sie bereits viermal stopfen

mußte; dadurch sind sie mir auch zu eng geworden. Was Ihre Ansicht

über den Dienst anbelangt, so bin ich ganz mit Ihnen einverstanden,

und habe daher vorgestern meinen Abschied eingereicht. Sobald ich

den Dispens erhalte, nehme ich mir sogleich einen Wagen. Ihren

früheren Auftrag, Ihnen sibirischen Weizensamen zu besorgen, konnte

ich leider nicht ausführen: im ganzen Gouvernement Mohilew gibt es

keinen solchen Samen. Schweine werden hier meistenteils mit Mais

gemästet, wobei man etwas gegorenes Bier hinzutut.

Mit vorzüglicher Hochachtung verbleibe ich

Ihr Neffe

Iwan Schponjka.«

Endlich erhielt Iwan Fjodorowitsch seinen Abschied, und wurde dabei zum

Oberleutnant befördert; mietete sich für vierzig Rubel einen jüdischen

Fuhrmann von Mohilew bis Gadjatsch und nahm im Wagen Platz, just zu der

Zeit, da die Bäume sich mit den ersten jungen Blättern schmückten, die

Erde in frischem Grün prangte, und alle Felder einen herrlichen

Frühlingsduft ausströmten.

II.

Die Reise

Unterwegs passierte nichts besonders Bemerkenswertes. Man reiste etwas

über vierzehn Tage lang. Vielleicht wäre Iwan Fjodorowitsch noch früher

angekommen, wenn der fromme Jude nicht seinen Sabbath eingehalten und

nicht den ganzen Tag über, in seine Pferdedecke gehüllt, gebetet hätte.

Wie ich übrigens schon gelegentlich bemerkt habe, war Iwan Fjodorowitsch

ein Mensch, der keine Langeweile aufkommen ließ. Während dieser Zeit

schnallte er seinen Koffer auf, nahm seine Wäsche heraus, musterte sie,

ob sie auch gut gewaschen und richtig zusammengelegt sei, entfernte

behutsam ein Federchen von seiner Uniform, die schon keine Epauletten

mehr zierten, und legte alles wieder in schönster Weise zusammen. Er

liebte im Allgemeinen das Bücherlesen nicht; und wenn er auch hie und da

in das Wahrsagebuch hineinblickte, so geschah es nur deshalb, weil er es

gern hatte, bekannten Dingen, die er schon einige Male gelesen, wieder

einmal zu begegnen. Genau so besucht der Städter seinen Klub, nicht etwa

um irgend etwas Neues zu hören, sondern um dort Freunde zu treffen, mit

denen er seit unvordenklichen Zeiten im Klub zu plaudern gewohnt ist.

Oder so liest ein Beamter ein paarmal täglich mit viel Genuß das

Adreßbuch, nicht etwa um irgendwelcher tiefer diplomatischer Pläne

willen, sondern weil ihn die gedruckten Namen amüsieren. »Ah! Das ist

Iwan Gawrilowitsch so und so! ....« murmelt er dumpf vor sich hin. »Ah!

Da bin ich! hm! ....« Und am folgenden Tage liest er's wieder, wobei er

seine Lektüre mit denselben Interjektionen begleitet.

Nach einer vierzehntägigen Fahrt erreichte Iwan Fjodorowitsch ein

Dörfchen, das hundert Werst von Gadjatsch entfernt war. Es war gerade

ein Freitag und die Sonne war schon längst untergegangen, als er samt

seinem Wagen und dem Juden in den Hof des Gasthauses einfuhr.

Dieses Gasthaus unterschied sich durch nichts von allen andren

Gasthäusern, die man in kleinen Dörfern vorfindet. Dort bringt man dem

Fremden zumeist mit viel Eifer Heu und Hafer entgegen, gleich als ob er

ein Postgaul wäre. Will er dagegen frühstücken, wie anständige Leute es

gewöhnlich zu tun pflegen, so soll er sich seinen Appetit ruhig und

unversehrt bis zu einer anderen Gelegenheit aufsparen. Indessen, da Iwan

Fjodorowitsch all das wußte, hatte er sich rechtzeitig zwei Bündel

Brezeln und Wurst besorgt, bestellte sich jetzt nur einen Schnaps, an

dem es in keinem Wirtshaus fehlt, und begann sein Abendmahl, indem er

auf der Bank vor dem Eichentisch Platz nahm, der fest in den Lehmboden

eingegraben war.

Währenddessen kam unter mächtigem Gerassel ein Wagen heran. Das Tor

knarrte, aber der Wagen fuhr noch lange nicht in den Hof hinein und man

hörte jemand mit lauter Stimme auf die Alte losschimpfen, der das

Wirtshaus gehörte. »Gut, ich steige hier ab,« hörte Iwan Fjodorowitsch

den Fremden rufen, »wenn mich aber auch nur eine Wanze beißt, so prügle

ich dich durch, bei Gott, du alte Hexe, ich prügle dich durch, und

bezahle dir nichts für dein Heu!«

Einen Augenblick später ging die Tür auf, und herein trat, oder

richtiger gesagt, _kroch_ ein dicker Mann in einem grünen Rock. Sein

Kopf saß unbeweglich auf dem kurzen Halse, der infolge des Doppelkinns

noch dicker erschien. Schon nach dem bloßen Äußeren hätte man glauben

können, einen Mann vor sich zu haben, der sich nie den Kopf über

Alfanzereien zerbrach, und dessen Leben ruhig dahinglitt wie Öl.

»Ich wünsche Ihnen eine gute Gesundheit, mein Herr!« rief er, als er

Iwan Fjodorowitsch erblickte.

Iwan Fjodorowitsch verneigte sich stumm.

»Darf ich fragen, mit wem habe ich die Ehre, zu sprechen?« fuhr der

dicke Fremde fort.

Bei diesen Fragen erhob sich Iwan Fjodorowitsch unwillkürlich von seinem

Platze und richtete sich stramm auf, wie er es zu tun pflegte, wenn sein

Oberst sich bei ihm nach irgend etwas erkundigte. »Leutnant außer

Diensten Iwan Fjodorowitsch Schponjka,« antwortete er.

»Darf ich fragen, wohin Sie zu fahren belieben?«

»Auf mein Gut Wytrebenjki«.

»Wytrebenjki!« rief der gestrenge Frager. »Gestatten Sie, mein Herr,

gestatten Sie!« rief er, indem er auf ihn zutrat und mit den Armen um

sich schlug, gleich als ob er sich gegen jemanden wehren, oder sich

durch eine Menschenmenge hindurchdrängen wollte. Dann aber trat er auf

ihn zu, schloß Iwan Fjodorowitsch in die Arme und küßte ihn zuerst auf

die rechte, dann auf die linke und dann wieder auf die rechte Wange.

Iwan Fjodorowitsch fand Gefallen an diesem Zärtlichkeitsausbruch, denn

die großen Wangen des Fremden erschienen seinen Lippen wie zwei weiche

Kissen.

»Erlauben Sie, mein Herr, daß wir einander kennen lernen!« fuhr der

Dicke fort. »Ich bin Gutsbesitzer, und zwar ebenfalls im Kreise

Gadjatsch; ich bin Ihr Nachbar, wohne höchstens fünf Werst von Ihrem

Gutshof Wytrebenjki entfernt auf meinem Gute Chortystsche, und heiße

Grigori Grigorjewitsch Stortschenko. Nein, unbedingt, mein Herr,

unbedingt .... ich will nichts von Ihnen wissen, wenn Sie nicht zu mir

nach Chortystsche zu Besuch kommen. Jetzt muß ich eilig in Geschäften

weiter .... Was soll denn das da bedeuten?« sprach er mit sanfter Stimme

zu seinem Reitknecht, einem Knaben in einem Kosakenkittel mit geflickten

Ellenbogen und verwunderter Miene, der allerhand Pakete und Schachteln

auf den Tisch stellte. »Was soll das? Wie?« -- und Grigori

Grigorjewitschs Stimme wurde zusehends strenger und strenger. »Habe ich

dir etwa befohlen, das hierher zu stellen, du Schurke? Habe ich dir

nicht befohlen, zuerst das Huhn warm zu machen, Halunke du? Pack dich!«

rief er und stampfte mit dem Fuße auf. »Halt, du Fratz du! Wo ist denn

das Kästchen mit den Flaschen? Iwan Fjodorowitsch!« fuhr er fort, indem

er ein Gläschen Kräuterschnaps einschenkte, »bitte ergebenst: ärztlich

empfohlen!«

»Bei Gott, ich kann nicht .... ich hatte schon Gelegenheit ....« sagte

Iwan Fjodorowitsch stockend.

»Nein, ich will nichts hören, mein Herr!« rief der Gutsbesitzer mit

erhobener Stimme, »ich will nichts hören! Ich rühr' mich nicht vom

Fleck, bis Sie getrunken haben ....«

Iwan Fjodorowitsch sah ein, daß hier eine Weigerung unmöglich war, und

trank den Schnaps nicht ohne Vergnügen.

»Hier ist Huhn, mein Herr,« fuhr der dicke Grigori Grigorjewitsch fort,

indem er das Huhn in seinem Holzkästchen mit dem Messer zerlegte. »Ich

muß Ihnen sagen, meine Köchin Jawdocha liebt es manchmal, ein Gläschen

hinter die Binde zu gießen, und daher macht sie's zuweilen zu trocken.

He, Junge!« und hierbei wandte er sich an den Knaben im Kosakenkittel,

der gerade ein Federbett und ein Kissen hereinbrachte, »mach mir das

Bett auf dem Fußboden, mitten in der Stube! Paß aber auch gut auf, lege

recht viel Heu unter das Kopfkissen! Und reiße dem Frauenzimmer ein

bißchen Hanf aus der Decke, damit ich mir zur Nacht die Ohren zustopfen

kann! Sie müssen nämlich wissen, mein Herr, daß ich die Gewohnheit habe,

mir nachts die Ohren zuzustopfen, seit jener verfluchten Geschichte, wo

mir einmal in einer großrussischen Kneipe eine Schwabe ins Ohr gekrochen

ist. Wie ich später erfahren habe, essen diese verdammten Russen sogar

Kohlsuppe mit Schwaben. Es ist unmöglich zu beschreiben, was damals mit

mir vorging: es kitzelte und kitzelte mir nur so im Ohr ... na, um auf

die Wände zu klettern! Schließlich hat mir ein einfaches altes Weib

geholfen, aber das war schon hier in unserer Gegend, und womit glauben

Sie? Ganz einfach, indem sie mich besprach. Was denken Sie über die

Ärzte, mein Herr? Ich meine, die foppen uns nur und halten uns zum

Besten; manche alte Frau weiß zwanzigmal mehr, als all diese Ärzte.«

»In der Tat, was Sie da zu sagen belieben, ist vollkommen richtig. In

der Tat, es gibt ....« Und Iwan Fjodorowitsch hielt inne, als ob er kein

passendes Wort finden konnte. An dieser Stelle muß ich sagen, daß er

überhaupt ziemlich wortkarg war. Vielleicht rührte das von seiner

Schüchternheit her, vielleicht aber entsprach es auch nur dem Wunsche,

sich möglichst hübsch auszudrücken.

»Schüttle das Heu nur recht tüchtig; tüchtig, hörst du!« rief Grigori

Grigorjewitsch seinem Lakai zu. »Hier ist das Heu so abscheulich, daß

man nur allzuleicht auf ein Ästchen stoßen kann. Ich erlaube mir, Ihnen

eine gute Nacht zu wünschen, mein Herr! Morgen werden wir uns wohl nicht

mehr sehen: ich fahre noch vor Tagesanbruch weiter. Ihr Jude wird hier

wohl seinen Sabbath halten, morgen ist nämlich Sonnabend; da brauchen

Sie nicht so früh aufzustehen. Vergessen Sie nur meine Bitte nicht, ich

will einfach nichts von Ihnen wissen, wenn Sie nicht nach Chortystsche

kommen.«

Der Kammerdiener zog dem Grigori Grigorjewitsch Rock und Stiefel aus,

half ihm statt dessen in einen Schlafrock hinein, und Grigori

Grigorjewitsch warf sich auf sein Bett, was genau so aussah, wie wenn

ein riesiges Federbett sich auf ein anderes gelegt hätte.

»He, Bursche! Wo steckst du nur, du Schuft? Komm her, leg mir die Decke

zurecht! He, Junge, lege mir noch Heu unter den Kopf! Wie? sind die

Pferde schon getränkt? _Noch_ mehr Heu! Hierher, _da_ unter die Seite!

Aber so lege mir doch die Decke zurecht, du Schurke! So! Besser, noch

besser .... Oh! ....«

Und Grigori Grigorjewitsch seufzte noch ein paarmal tief auf, und

erfüllte das ganze Zimmer mit einem fürchterlichen Pfeifen, das aus

seiner Nase hervordrang; er schnarchte zuweilen so laut, daß die alte

Frau, die auf der Ofenbank schlummerte, aufwachte, verwundert in alle

Ecken und Winkel guckte, und erst, als sie nichts besonderes bemerkte,

beruhigt wieder einschlief.

Als Iwan Fjodorowitsch am nächsten Morgen erwachte, war der dicke

Gutsbesitzer nicht mehr da. Das war das einzige merkwürdige Ereignis,

das sich während seiner Reise zugetragen hatte. Zwei Tage darauf näherte

er sich seinem Gutshof.

Er fühlte, wie sein Herz heftig zu schlagen begann, als die Windmühle,

ihre Flügel schwenkend, hervorschaute, und als in dem Maße, wie der Jude

seine Stuten den Berg hinaufjagte, unten eine Reihe von Weiden

auftauchte. Hell und lebhaft schimmerte der Teich zwischen ihnen auf und

strömte eine kühlende Frische aus. Hier pflegte er früher zu baden; und

in demselben Teiche war er einstmals mit den Dorfjungen, bis zum Halse

im Wasser, herumgewatet, um Krebse zu fangen. Das Wägelchen fuhr den

Damm hinauf, und jetzt erblickte Iwan Fjodorowitsch das alte mit Schilf

gedeckte Häuschen, und die alten Äpfel- und Kirschbäume, auf denen er

einstmals heimlich herumgeklettert war. Kaum war er in den Hof

eingefahren, so kamen von allen Seiten Hunde aller möglichen Rassen

herbeigelaufen: schwarze, dunkelbraune, graue, scheckige. Die einen

warfen sich den Pferden bellend vor die Füße, die anderen liefen

hinterdrein, da sie merkten, daß die Achse mit Fett eingeschmiert war;

ein Hund stand neben der Küche, hatte die Pfote auf einen Knochen gelegt

und kläffte aus Leibeskräften; ein andrer bellte von ferne, rannte hin

und her, und wedelte mit dem Schweif, gleich als ob er sagen wollte:

»Seht, ihr Christenmenschen, was ich noch für ein Jüngling bin!« Mehrere

Jungen in schmutzigen Hemden kamen herausgelaufen, um zu gaffen. Eine

Sau, die mit sechzehn Ferkeln im Hofe herumpromenierte, hob ihre

Schnauze mit prüfender Miene in die Höhe und grunzte noch lauter als

sonst. Im Hofe lag auf einem Stück grober Leinwand eine Unmenge Weizen,

Gerste und Buchweizen, und all dieses trocknete in der Sonne. Auch auf

dem Dache lagen allerhand Kräuter zum Trocknen: Nagelkraut, Grindkraut

und mehr dergleichen.

Iwan Fjodorowitsch war dermaßen in Betrachtung all dieser Herrlichkeiten

versunken, daß er erst wieder zu sich kam, als ein scheckiger Hund den

vom Bock herunterkriechenden Juden in die Wade biß. Das Gesinde, das

auch herbeigeeilt war und aus einer Köchin, einer Frau und zwei Mädeln

in wollenen Röcken bestand, meldete ihm, nachdem alle laut ausgerufen

hatten »Da ist ja der junge Herr!«, daß sich die Tante im Gemüsegarten

befände und zusammen mit der Dienstmagd Paloschka und dem Kutscher

Omeljka, der manchmal auch das Amt eines Gärtners und Wärters versah,

Weizen säe. Aber die Tante, die den Wagen von ferne erblickt hatte, war

schon selbst erschienen. Iwan Fjodorowitsch erstaunte, als sie ihn fast

in ihren Armen in die Höhe hob, und er fing beinahe an zu zweifeln, ob

das auch wirklich dieselbe Tante sei, die ihm so viel von ihrer

Gebrechlichkeit und Kränklichkeit geschrieben hatte.

III.

Die Tante

Tante Wassilissa Kaschparowna war damals gegen fünfzig Jahre alt. Sie

war nie verheiratet gewesen, und sie behauptete, das jungfräuliche Leben

sei ihr wertvoller als alles auf der Welt. Übrigens hatte -- so viel ich

mich besinnen kann, -- auch nie jemand um ihre Hand angehalten. Das kam

daher, daß alle Männer ihr gegenüber eine gewisse Schüchternheit

empfanden und nicht den Mut hatten, ihr ihre Gefühle zu erklären.

»Wassilissa Kaschparowna hat sehr viel Charakter,« sagten die Freier,

und sie hatten recht, denn Wassilissa Kaschparowna verstand es, einen

sammetweich zu machen. Aus dem versoffenen Müller, der zu gar nichts

mehr zu gebrauchen war, hatte sie ohne Anwendung irgendwelcher äußerer

Mittel und nur indem sie ihn täglich ein paarmal am Schopfe rupfte,

verstanden, einen ganzen Menschen, ja, mehr noch, geradezu einen

Goldklumpen zu machen. Ihr Wuchs ging ins Riesenhafte, und ihre

Beleibtheit und Kraft entsprachen ihm. Es hatte den Anschein, als ob die

Natur einen unverzeihlichen Fehler begangen habe, als sie es ihr zum

Schicksal bestimmte, an den Werktagen ewig einen dunkelbraunen

Morgenrock mit kleinen Säumchen und am Ostersonntag und an ihrem

Namenstage einen roten Kaschmir-Schal zu tragen, während ihr ein

Dragonerschnurrbart und lange Schaftstiefel am besten gestanden hätten.

Dafür aber entsprach ihre Beschäftigung vollkommen ihrem Charakter, sie

konnte rudern, und zwar besser als irgend ein Fischer; sie ging auf die

Jagd; sie beaufsichtigte die Schnitter, sie kannte die Zahl der Kürbisse

und Melonen auf dem Felde auswendig; sie erhob eine Steuer von fünf

Kopeken von jedem Wagen, der über ihren Damm fuhr; sie kletterte auf die

Bäume und schüttelte die Birnen herunter; sie prügelte eigenhändig ihre

faulen »Vasallen« mit ihrer schrecklichen Hand und belohnte die Würdigen

mit einem Schnaps aus derselben gestrengen Hand. Und fast zur gleichen

Zeit konnte sie schimpfen, Leinwand färben, in die Küche rennen, Kwas

bereiten, und Honig einmachen; sie machte sich den ganzen lieben Tag zu

schaffen und versäumte nichts. Die Folge davon war, daß Iwan

Fjodorowitschs kleines Gut, das nach der letzten Revision achtzehn

Leibeigene gezählt hatte, förmlich aufblühte, und zwar im vollen Sinne

dieses Wortes. Übrigens liebte sie auch ihren Neffen viel zu sehr und

hob sorgsam jede Kopeke für ihn auf.

Seit Iwan Fjodorowitsch wieder zu Hause war, ging eine große Veränderung

in seinem Leben vor und es schlug völlig neue Bahnen ein. Es schien so,

als ob die Natur ihn geradezu dazu geschaffen hätte, ein Gut mit

achtzehn Leibeigenen zu beaufsichtigen. Sogar die Tante merkte, daß er

einen guten Landwirt abgeben würde, obwohl sie ihm übrigens nicht

gestattete, sich in alle Fragen der Wirtschaft einzumischen. »Der Junge

ist noch nicht alt genug!« pflegte sie gewöhnlich zu sagen, trotzdem

Iwan Fjodorowitsch mindestens vierzig Jahre alt war; »woher soll er auch

alles wissen!«

Er wich jedoch auf dem Felde keinen Schritt von den Schnittern und

Mähern, und dies bereitete seiner sanften Seele einen unaussprechlichen

Genuß. Ein Dutzend glänzender Sensen und mehr fliegen einmütig in einem

Schwunge in die Höhe; das Gras sinkt rauschend in harmonischen Reihen

zur Erde; und nun erklingen die Lieder der Schnitterinnen, bald lustig,

wie beim Empfang von Gästen, und bald wehmütig, wie bei einer Trennung;

der Abend ist still und die Luft ist rein! -- O wie köstlich ist solch

ein Abend! Wie leicht und frisch ist die Luft! wie erscheint dann alles

belebt: die Steppe rötet sich, blaut und glüht in allen Farben auf;

Wachteln, Trappgänse, Möwen, Heimchen und tausende von Insekten: sie

alle pfeifen, summen, knarren, schreien, und auf einmal ist's ein

harmonischer Chor; und nichts verstummt auch nur für einen Augenblick.

Schon senkt sich die Sonne herab und versteckt sich. Ah! wie frisch und

wohlig wird einem da! Auf dem Felde werden hie und da Feuer entzündet

und Kessel aufgestellt, und die schnauzbärtigen Schnitter setzen sich

rings um die Kessel herum; von den brodelnden Klößen steigt ein Dampf

auf; der Abend graut .... Es wäre schwer zu sagen, was dann in Iwan

Fjodorowitsch vorging. Er vergaß es, wenn er sich zu den Schnittern

gesellte, von ihren Klößen zu kosten, obwohl er sie doch so gerne aß,

stand regungslos auf einem Fleck da, verfolgte eine hoch im Himmel

schwirrende Möwe mit den Augen oder zählte die Garben des abgemähten

Kornes, die das Feld überfluteten.

Bald erzählte man überall von Iwan Fjodorowitsch, er sei ein großer

Landwirt vor dem Herrn. Die Tante konnte sich nicht genug über ihren

Neffen freuen und ließ sich keine Gelegenheit entgehen, mit ihm zu

prahlen und wichtig zu tun. Eines Tages aber -- es war am Ausgang des

Juli und schon nach Beendigung der Ernte -- faßte Wassilissa

Kaschparowna ihren Neffen mit geheimnisvoller Miene bei der Hand und

erklärte ihm, sie wolle mit ihm über etwas sprechen, was sie schon seit

langem beschäftigte.

»Es ist dir wohl bekannt, lieber Iwan Fjodorowitsch,« begann sie, »daß

dein Gutshof achtzehn Leibeigene zählt; übrigens nur laut der letzten

Revision, in Wirklichkeit werden's vielleicht noch mehr sein, vielleicht

gar bis an die vierundzwanzig. Doch es handelt sich nicht darum, du

kennst wohl das Wäldchen, das sich hinter unserer Trift befindet, und

wohl auch die breite Wiese hinter diesem Walde: sie ist mindestens

zwanzig Deßjatin groß, und es wächst so viel Gras darauf, daß man jedes

Jahr für mehr als hundert Rubel davon verkaufen kann, besonders wenn,

wie man erzählt, ein Kavallerie-Regiment in Gadjatsch stehen wird.«

»Gewiß, liebe Tante; das Gras ist sehr gut!«

»Ich weiß selbst, daß es sehr gut ist; aber weißt du auch, daß dieses

ganze Land eigentlich von Rechts wegen dir gehört? Was siehst du mich so

groß an? Hör mich an, Iwan Fjodorowitsch! Erinnerst du dich noch an

Stepan Kusmitsch? Warum sage ich eigentlich: erinnerst du dich? Du warst

ja damals noch so klein, daß du nicht einmal seinen Namen aussprechen

konntest. Wie solltest du dir da noch eine Erinnerung bewahrt haben! Ich

weiß noch: als ich grad vor Philippi zu euch kam und ich dich auf die

Arme nahm, da hättest du mir beinahe das ganze Kleid verdorben; zum

Glück konnte ich dich noch der Amme Matrjona übergeben, so abscheulich

warst du damals .... Aber es handelt sich ja nicht darum. Das ganze

Land, das sich hinter unserem Gutshof befindet, und selbst das Dorf

Chortystsche gehörte damals Stepan Kusmitsch. Und da muß ich dir sagen

-- denn damals warst du noch nicht auf der Welt -- der kam zu jener Zeit

oft zu deiner Mutter zu Besuch, -- freilich zu einer Zeit, da dein Vater

nicht zu Hause war. Ich sag' es jedoch nicht, um ihr einen Vorwurf

daraus zu machen. -- Gott sei ihrer Seele gnädig! Obwohl die Selige mir

gegenüber im Unrecht war. Aber es handelt sich jetzt nicht darum. Wie

dem auch sei, genug, Stepan Kusmitsch setzte eine Schenkungsurkunde auf,

in der er dir das Gut vermachte, von dem ich dir eben sprach. Deine

selige Mutter hatte jedoch, -- unter uns gesagt, einen ganz wunderlichen

Charakter. Selbst der Teufel (Gott verzeih mir dies häßliche Wort!)

hätte sie nicht verstehen können. Wohin sie diese Urkunde gesteckt hat

-- das weiß der liebe Himmel. Ich glaube einfach, sie befindet sich in

den Händen des alten Junggesellen, Grigori Grigorjewitsch Stortschenko.

Und nun ist alles diesem dickbäuchigen Schurken zugefallen. Bei Gott,

ich wäre bereit, um alles in der Welt zu wetten, daß er die Urkunde

einfach unterschlagen hat.«

»Darf ich fragen, liebe Tante, ob das derselbe Stortschenko ist, den ich

auf der Station kennen gelernt habe?« Und Iwan Fjodorowitsch erzählte

ihr von seiner Begegnung.

»Wer weiß!« antwortete die Tante nach kurzem Nachdenken. »Vielleicht ist

er doch kein Schuft. Es ist wahr, er lebt erst ein halbes Jahr lang

hier, und in so kurzer Zeit kann man einen Menschen nicht genau kennen

lernen. Die Alte, das heißt seine Mutter, soll, wie ich gehört habe,

eine sehr vernünftige Frau sein und sich meisterlich darauf verstehen,

Gurken einzulegen, und ihre Mägde sollen großartige Teppiche weben. Da

er dich, wie du sagst, so freundlich empfangen hat, so fahre nur zu ihm

hin: vielleicht wird der alte Sünder auf sein Gewissen hören und

zurückgeben, was ihm nicht gehört. Du kannst meinetwegen die Kalesche

nehmen, nur haben die verdammten Kinder hinten alle Nägel herausgezogen;

man muß vorher dem Kutscher Omeljko sagen, daß er das Leder festnageln

soll.«

»Wozu nur, liebe Tante? Ich nehme lieber das Wägelchen, in dem Sie auf

die Jagd fahren.«

Damit schloß das Gespräch.

IV.

Das Diner

Iwan Fjodorowitsch kam um die Mittagszeit im Dorfe Chortystsche an, und

wurde etwas unruhig, als er sich dem Herrenhause näherte. Dieses Haus

war sehr lang und nicht mit Schilf gedeckt, wie die Häuser so vieler

Gutsbesitzer in der Umgegend, sondern hatte ein Holzdach. Die zwei

Schuppen im Hofe waren ebenfalls mit Holzdächern versehen; und das Tor

war aus Eichenholz. Iwan Fjodorowitsch glich einem jener Stutzer, die

auf einen Ball kommen und plötzlich bemerken, daß, wohin sie auch

blicken mögen, alle Leute feiner gekleidet sind als sie selbst. Er ließ

sein Wägelchen respektvoll neben einem Schuppen halten und ging zu Fuß

auf die Freitreppe zu.

»Ah! Iwan Fjodorowitsch!« rief der dicke Grigori Grigorjewitsch, der

gerade im Hof herumspazierte; er hatte einen Rock an, aber keine

Kravatte, keine Weste und keine Hosenträger. Aber auch dies Kostüm

schien ihn bei seiner Leibesfülle noch zu belästigen, denn der Schweiß

rieselte ihm nur so vom Gesicht herunter.

»Sie sagten doch, daß Sie sofort kommen würden, sobald Sie Ihre Tante

gesehen hätten; warum sind Sie denn dann nicht früher gekommen?« Und bei

diesen Worten berührten die Lippen Iwan Fjodorowitschs die ihm

wohlbekannten Kissen.

»Ich war meist in der Wirtschaft beschäftigt .... Ich komme auch nur auf

einen Augenblick zu Ihnen, eigentlich sogar in Geschäften ....«

»Was, nur für einen Augenblick? Nein, das gibt's nicht. He, Junge!« rief

der dicke Hausherr, und der Bursche im Kosakenkittel, den Iwan schon

kannte, kam aus der Küche gelaufen. »Sage dem Kaßjan, er solle sofort

das Tor schließen, -- hörst du! -- fest zuschließen! Und die Pferde

dieses Herrn sollen auf der Stelle ausgespannt werden. Bitte, kommen Sie

mit mir ins Haus: hier ist es so heiß, daß mein Hemd schon ganz naß

ist.«

Im Zimmer angelangt, beschloß Iwan Fjodorowitsch, keine Zeit zu

verlieren, und trotz seiner Schüchternheit, mit aller Entschiedenheit

vorzugehen.

»Meine Tante hatte die Ehre .... Meine Tante hat mir gesagt, daß die

Schenkungsurkunde des verstorbenen Stepan Kusmitsch ....«

Es ist schwer zu beschreiben, welch unangenehmen Ausdruck das breite

Gesicht Grigori Grigorjewitschs bei diesen Worten annahm. »Bei Gott, ich

höre rein gar nichts!« antwortete er. »Ich muß Ihnen sagen, daß eine

Schwabe in mein linkes Ohr hineingekrochen ist, (bei diesen verfluchten

Russen gibt's überall Schwaben in den Häusern); keine Feder kann Ihnen

beschreiben, was das für eine Qual war -- es kitzelte so fürchterlich,

sage ich Ihnen, -- es kitzelte und krabbelte ....! Aber eine kluge Frau

hat mir mit einem ganz einfachen Mittel geholfen ....«

»Ich wollte nur sagen ....« wagte Iwan Fjodorowitsch ihn zu

unterbrechen, als er sah, daß Grigori Grigorjewitsch das Gespräch

absichtlich auf ein andres Thema lenken wollte, »daß im Testament des

verstorbenen Stepan Kusmitsch die Rede von .... sozusagen die Rede von

einer Schenkungsurkunde ist .... nach der ich ....«

»Ich weiß schon, was Ihre Tante Ihnen eingeredet hat. Das ist alles

erlogen, bei Gott, es ist erlogen! Mein Onkel hat nicht die geringste

Schenkungsurkunde hinterlassen. Im Testament ist allerdings von einer

Urkunde die Rede, aber wo ist sie? Niemand hat sie vorlegen können. Ich

sage Ihnen das nur deshalb, weil ich Ihnen von Herzen wohl will. Bei

Gott, es ist erlogen!«

Iwan Fjodorowitsch verstummte, da ihm der Gedanke kam, es könnte der

Tante vielleicht in der Tat nur so vorgekommen sein.

»Ah, da kommen ja auch meine Mutter und meine Schwestern!« rief Grigori

Grigorjewitsch. »Das Mittagessen ist also schon fertig; gehen wir!«

Und er zog Iwan Fjodorowitsch am Ärmel ins Zimmer, wo bereits allerhand

Schnäpse und eine kalte Platte auf dem Tische standen.

In demselben Augenblick trat eine alte Frau herein; sie war sehr klein

und glich einer Kaffeekanne, die mit einer Haube bedeckt ist; zwei junge

Mädchen, ein blondes und ein brünettes, begleiteten sie. Als

wohlerzogener Kavalier küßte Iwan Fjodorowitsch erst der Alten und dann

den beiden Fräuleins die Hand.

»Das ist unser Nachbar, Iwan Fjodorowitsch Schponjka, Mütterchen!« sagte

Grigori Grigorjewitsch.

Die Alte sah Iwan Fjodorowitsch scharf an oder gab sich vielleicht auch

nur den Anschein, als ob sie ihn anblickte. Übrigens war sie die Güte

selbst; es schien, als ob sie Iwan Fjodorowitsch gleich hätte fragen

wollen: »Wie viel Gurken machen Sie zum Winter ein?«

»Haben Sie schon einen Schnaps genommen?« fragte die Alte.

»Sie haben wohl nicht ausgeschlafen, Mütterchen,« meinte Grigori

Grigorjewitsch. »Wer wird denn einen Gast fragen, ob er schon einen

Schnaps getrunken hat? Reden Sie dem Gast nur zu; ob wir aber trinken

oder nicht, das ist schon unsere Sache. Iwan Fjodorowitsch, bitte:

Wollen Sie Tausendgüldenkräuterlikör oder diesen Schnaps? Welchen ziehen

Sie vor? Iwan Iwanowitsch! Nun, was stehst du so da?« rief Grigori

Grigorjewitsch, indem er sich rückwärts wandte, und Iwan Fjodorowitsch

sah den soeben erwähnten Iwan Iwanowitsch auf den Schnaps zugehen; dies

war ein Mann in einem Rock mit langen Schößen und mit einem riesigen

Stehkragen, der seinen ganzen Nacken bedeckte, so daß sein Kopf ganz im

Kragen steckte, wie in einer Kutsche.

Iwan Iwanowitsch trat an den Schnaps heran, rieb sich die Hände, sah

sich das Glas genau an, schenkte ein, hielt es gegen das Licht, und goß

den Schnaps mit einem Male aus dem Glase in den Mund, aber er schluckte

ihn nicht herunter, sondern spülte sich erst ordentlich den Mund,

schluckte ihn erst darauf herunter, nahm etwas Brod und gesalzene

Eierschwämme, und wandte sich dann an Iwan Fjodorowitsch.

»Habe ich die Ehre, mit Herrn Iwan Fjodorowitsch Schponjka zu sprechen?«

»Jawohl,« antwortete Iwan Fjodorowitsch.

»Sie beliebten sich seit der Zeit, wo ich Sie kenne, sehr zu verändern.

O ja!« fuhr Iwan Iwanowitsch fort: »ich kannte Sie, als Sie noch so groß

waren!« Dabei hielt er die Hand eine halbe Elle weit über den Boden.

»Ihr seliger Vater -- Gott schenke ihm die ewige Seligkeit -- war ein

seltener Mann. Er hatte solche Kürbisse und Melonen, wie man sie jetzt

nirgends mehr findet. Hier zum Beispiel«, fuhr er fort, indem er ihn zur

Seite führte, »werden Ihnen auch Melonen vorgesetzt werden -- aber was

sind das für Melonen? Nicht ansehen möchte man sie. Glauben Sie mir's,

seine Melonen waren ....« rief er mit geheimnisvoller Miene und spreizte

die Arme, als ob er einen dicken Baum umschlingen wollte, »bei Gott,

seine Melonen waren so dick!«

»Gehn wir zu Tisch!« sagte Grigori Grigorjewitsch und faßte Iwan

Fjodorowitsch rasch unterm Arm.

Grigori Grigorjewitsch ließ sich auf seinen üblichen Platz am Ende des

Tisches nieder; er band sich seine riesige Serviette vor und glich so

einem jener Helden, wie sie sich die Barbiere auf ihre Schilder malen

lassen. Iwan Fjodorowitsch setzte sich errötend auf den ihm zugewiesenen

Platz, den beiden Fräuleins gegenüber, und Iwan Iwanowitsch versäumte

nicht, an seiner Seite Platz zu nehmen, innerlich hocherfreut, daß er

jemanden hatte, dem er seine Kenntnisse mitteilen konnte.

»Nehmen Sie doch lieber kein _Bürzelbein_, Iwan Fjodorowitsch! Da ist ja

noch ein Truthahn!« rief die Alte, zu Iwan Fjodorowitsch gewandt, dem

der Diener vom Lande in einem grauen Frack mit schwarzem Flicken gerade

eine Schüssel reichte. »Nehmen Sie doch ein Stück vom Rücken!«

»Mütterchen! Es hat Sie doch niemand gebeten, sich in fremde

Angelegenheiten zu mischen!« rief Grigori Grigorjewitsch. »Seien Sie

versichert, unser Gast weiß selbst, was er nehmen soll! Iwan

Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Flügelchen und noch dies zweite und

den Magen dazu! Warum haben Sie sich nur so wenig genommen? Nehmen Sie

noch ein Beinchen! Was stehst du mit der Schüssel da und sperrst den

Mund auf? Du sollst ihn sofort darum bitten, auf die Knie, du Schurke

und sag sofort: >Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Beinchen!<«

»Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Beinchen!« brüllte der Diener,

mit der Schüssel in der Hand, und kniete nieder.

»Hm! Was sind denn das für Truthähne!« sagte Iwan Iwanowitsch halblaut

und mit verächtlicher Miene zu seinem Tischnachbar. »Darf denn ein

Truthahn so sein, wie der da? Sie hätten mal meine Truthähne sehen

sollen! Ich versichere Ihnen, jeder einzelne hatte mehr Fett an sich,

als zehn solche, wie die da. Glauben Sie mir, mein Herr, man mag gar

nicht ansehen, wie sie bei mir auf dem Hof herumspazieren -- so fett

sind sie! ....«

»Du lügst, Iwan Iwanowitsch!« schrie Grigori Grigorjewitsch, der

zugehört hatte.

»Ich will Ihnen was sagen,« fuhr Iwan Iwanowitsch zu seinem Nachbar

gewandt fort, indem er so tat, als ob er Grigori Grigorjewitschs Worte

gar nicht gehört hätte. »Als ich sie im vorigen Jahre nach Gadjatsch

brachte, da bot man mir fünfzig Kopeken pro Stück, und doch wollte ich

sie nicht dafür hergeben.«

»Ich sage dir, du lügst, Iwan Iwanowitsch!« rief Grigori Grigorjewitsch,

hierbei betonte er, um noch deutlicher zu sein, jede Silbe und sprach

noch lauter als vorher.

Aber Iwan Iwanowitsch tat so, als ob ihn das gar nicht anginge und fuhr

in seiner Rede fort, nur sprach er jetzt bedeutend leiser als früher.

»Ja, mein Herr, ich wollte das Geld nicht nehmen. In Gadjatsch hatte

kein Gutsbesitzer ....«

»Iwan Iwanowitsch! du bist ganz dumm und weiter nichts,« rief Grigori

Grigorjewitsch laut. »Iwan Fjodorowitsch weiß doch das alles besser als

du und glaubt dir sicher nicht!«

Da aber fühlte sich Iwan Iwanowitsch verletzt; er verstummte und begann,

mit dem Truthahn aufzuräumen, trotzdem dieser lange nicht so fett war,

wie die Truthähne, die man »gar nicht ansehen« mochte.

Eine Zeitlang ersetzte das Klappern der Messer, der Löffel und Teller

das Gespräch; am lautesten aber hörte man, wie Grigori Grigorjewitsch

das Mark aus einem Hammelknochen aussog.

»Haben Sie schon gelesen,« fragte Iwan Iwanowitsch nach einigem

Stillschweigen, steckte den Kopf aus seinem Wagen und wandte ihn Iwan

Fjodorowitsch zu, »haben Sie das Buch: >Korobejnikows Reise ins heilige

Land< gelesen? Ein wahrer Genuß für Seele und Leib! Jetzt werden keine

solchen Bücher mehr gedruckt. Leider habe ich nicht nachgesehen, aus

welchem Jahre es stammt.«

Als Iwan Fjodorowitsch hörte, daß es sich um ein Buch handelte, begann

er, eifrig seine Sauce aufzulöffeln.

»Ein wahres Wunder, mein Herr, wenn man bedenkt, daß ein einfacher

Kleinbürger all diese Länder durchwandert hat: über dreitausend Werst,

mein Herr! Über dreitausend Werst! Wahrlich, Gott selbst hat ihn würdig

befunden, bis nach Palästina und Jerusalem zu kommen.«

»Sie sagen, daß er auch in Jerusalem war,« rief Iwan Fjodorowitsch, der

noch als Soldat von seinem Burschen viel über Jerusalem gehört hatte.

»Worüber sprechen Sie, Iwan Fjodorowitsch?« rief Grigori Grigorjewitsch

vom Ende des Tisches herüber.

»Ich habe, das heißt, ich bemerkte gelegentlich, daß es in der Welt

ferne Länder gibt!« antwortete Iwan Fjodorowitsch, innerlich

hochbefriedigt, daß es ihm gelungen war, einen so langen und schweren

Satz zu Ende zu bringen.

»Glauben Sie ihm nicht, Iwan Fjodorowitsch!« sagte Grigori

Grigorjewitsch, ohne genauer hinzuhören, »alles ist gelogen!«

Das Diner war zu Ende. Grigori Grigorjewitsch zog sich nach seiner

Gewohnheit zurück, um ein Nickerchen zu machen; und die Gäste folgten

der alten Hausfrau und den jungen Mädchen ins Gastzimmer, wo derselbe

Tisch, auf dem sie den Schnaps stehen gelassen hatten, als sie sich zum

Mittagsmahl begaben, sich wie auf einen Wink verwandelt und mit

Schälchen voll verschiedener Konfitüren und Schüsseln mit Melonen,

Kirschen und Zuckerkürbissen bedeckt hatte.

Grigori Grigorjewitschs Abwesenheit machte sich an allem bemerkbar: die

Hausfrau wurde gesprächig und teilte ganz von selbst, ohne dazu

aufgefordert worden zu sein, mancherlei Geheimnisse über die Zubereitung

von Marmelade und das Trocknen von Birnen mit. Selbst die jungen Mädchen

begannen zu sprechen, doch blieb die Blonde, die sechs Jahre jünger

aussah als ihre Schwester und von Ansehen etwa fünfundzwanzig Jahre alt

sein mochte, etwas schweigsam.

Am meisten aber redete und betätigte sich Iwan Iwanowitsch. Da er sicher

war, daß ihn nun niemand mehr unterbrechen und in Verlegenheit bringen

würde, redete er von allem möglichen: von Gurken und Kartoffelsaat,

davon, wie gescheit die Leute früher waren -- was wären die Heutigen

dagegen? -- und davon, wie jetzt alle immer klüger würden, je weiter man

komme, wie man noch die allergescheitesten Dinge ersinnen würde; kurz er

war einer von den Menschen, die sich mit dem größten Vergnügen

erbaulichen Gesprächen hingeben und über alles reden, worüber man nur

reden kann. Wenn das Gespräch wichtige und heilige Gegenstände berührte,

seufzte Iwan Iwanowitsch nach jedem Worte auf und nickte leise mit dem

Kopfe; wenn es sich um Wirtschaftsangelegenheiten handelte, so steckte

er den Kopf aus seinem Wagen hervor und schnitt seltsame Gesichter, aus

denen man ganz deutlich entnehmen konnte, wie man den Birnenmost

zubereiten müsse, wie groß die Melonen seien, von denen er sprach, und

wie fett die Gänse wären, die bei ihm im Hofe herumliefen.

Endlich gelang es Iwan Fjodorowitsch mit vieler Mühe und erst gegen

Abend, sich zu verabschieden; aber obwohl er leicht zu überreden war und

man ihn geradezu zwingen wollte, über Nacht dazubleiben, bestand er doch

auf seiner Absicht, nach Hause zu fahren -- und fuhr richtig davon.

V.

Der neue Plan der Tante

»Nun? Hast du die Urkunde von dem alten Schelm herausgelockt?« Dies war

die erste Frage, mit der Iwan Fjodorowitsch von seiner Tante empfangen

wurde, die ihn bereits seit einigen Stunden voller Ungeduld an der

Freitreppe erwartete, und sich schließlich kaum hatte überwinden können,

nicht bis vors Tor zu laufen.

»Nein, liebe Tante!« sagte Iwan Fjodorowitsch indem er ausstieg.

»Grigori Grigorjewitsch _hat_ gar keine Urkunde.«

»Und du hast ihm geglaubt? Er lügt, der verdammte Kerl! O, ich bekomme

ihn noch eines Tages zu sehen, wahrhaftig, und dann prügle ich ihn mit

meinen eigenen Händen durch. Oh, ich werde ihm schon etwas von seinem

Fett abzapfen! Übrigens wollen wir zuerst mit unsrem Gerichtsschreiber

reden, ob man vielleicht auf gerichtlichem Wege .... Aber es handelt

sich jetzt ja nicht darum. Nun, war das Diner gut?«

»Sehr gut! .... sehr gut, liebe Tante!«

»Nun, und was gab's dort zu essen? Erzähle! ich weiß schon, die Alte

versteht sich gut auf die Küche.«

»Käsekuchen mit Rahm, liebe Tante; Sauce mit gefüllten Tauben ....«

»Und gab es auch einen Truthahn mit Pflaumen?« fragte die Tante, denn

sie selbst verstand es meisterhaft, dieses Gericht zuzubereiten.

»Es gab auch Truthahn! .... Die Schwestern von Grigori Grigorjewitsch

sind sehr hübsche junge Mädchen, besonders die Blonde!«

»Ah!« rief die Tante und sah Iwan Fjodorowitsch scharf an, er errötete

und ließ die Augen sinken. Ein neuer Gedanke blitzte in ihr auf. »So?«

fragte sie voll Neugierde, »und was für Augenbrauen hat sie?« Hier ist

es nicht überflüssig zu bemerken, daß für die Tante das Schönste an der

Frau die Augenbrauen waren.

»Das Fräulein hat genau solche Augenbrauen, liebe Tante, wie Sie sie

nach Ihren Erzählungen in Ihrer Jugend gehabt haben müssen, und ihr

ganzes Gesicht ist voller Sommersprossen.«

»Ah!« rief die Tante, äußerst befriedigt über Iwan Fjodorowitschs

Bemerkung, der allerdings nie daran gedacht hatte, der Tante ein

Kompliment machen zu wollen. »Und was für ein Kleid hatte sie an? Man

findet zwar heutzutage keine solchen haltbaren Stoffe mehr wie zum

Beispiel den, aus dem dieser Morgenrock gemacht ist. Aber es handelt

sich jetzt nicht darum. Und hast du dich gut mit ihr unterhalten?«

»Das heißt, wie meinen Sie .... liebe Tante? Sie glauben vielleicht

schon ....«

»Was denn? Was ist denn Wunderbares dabei? Das ist nun mal Gottes Wille!

Vielleicht ist's euch beiden noch beschieden, einmal ein Paar zu

werden.«

»Ich verstehe nicht, liebe Tante, wie Sie nur so reden können. Das

beweist doch nur, daß Sie mich absolut nicht kennen ....«

»So, nun fühlt er sich richtig beleidigt!« sagte die Tante. »Der Junge

ist noch nicht alt genug!« dachte sie bei sich. »Er weiß noch von

nichts! Ich werde die beiden mal zusammenbringen, sie sollen einander

näher kennen lernen!«

Und die Tante ging nach der Küche und ließ Iwan Fjodorowitsch allein.

Aber seit der Zeit dachte sie an nichts anderes, als daran, ihren Neffen

möglichst bald zu verheiraten und seine kleinen Enkelkinder zu wiegen.

Ihr Kopf war nur noch von Gedanken an die Vorbereitungen zur Hochzeit

erfüllt, und man sah ganz deutlich, daß sie noch viel emsiger war als

vorher, obwohl alles eher schlimmer als besser ging. Wenn sie jetzt

einen Kuchen zubereitete, den sie übrigens niemals der Köchin

anzuvertrauen pflegte, versank sie häufig in Gedanken, bildete sich ein,

neben ihr stehe ein kleines Enkelchen, das ein Stückchen Kuchen haben

wollte, und streckte zerstreut die Hand mit dem besten Stücke aus; der

Hofhund machte sich das gewöhnlich zunutze, packte den leckeren Bissen

und weckte sie durch sein lautes Schmatzen aus ihrer Nachdenklichkeit,

wofür der Hund übrigens immer Schläge mit dem Ofenhaken bekam. Sie gab

sogar ihre Lieblingsbeschäftigung auf und fuhr nicht mehr zur Jagd,

besonders seitdem sie einmal statt eines Truthahns eine Krähe geschossen

hatte, was ihr früher niemals widerfahren war.

Vier Tage später sah man endlich die Kalesche aus dem Schuppen in den

Hof fahren. Der Kutscher Omeljko, der gleichzeitig auch Gärtner und

Aufseher war, fing schon seit dem frühen Morgen an zu hämmern und das

Leder anzunageln, während er immerzu die Hunde davonjagen mußte, die

herankamen und an den Rädern leckten. Hier halte ich es für meine

Pflicht, dem Leser zu berichten, daß dies dieselbe Kalesche war, in der

schon Adam gefahren ist, und sollte daher jemand eine andere für die

Adams ausgeben, so wäre das sicherlich eine freche Lüge, und die

Kalesche wäre unecht. Es ist nicht genau bekannt, wie sie der Sintflut

entronnen ist, man kann nur annehmen, daß in der Arche Noah ein

besonderer Schuppen für sie vorhanden war. Es ist sehr schade, daß ich

dem Leser ihre Gestalt nicht lebendig vor Augen führen kann. Es genüge

daher zu sagen, daß Wassilissa Kaschparowna mit ihrer Bauart äußerst

zufrieden war und es stets bedauerte, daß die alten Equipagen aus der

Mode gekommen seien. Selbst das, daß die Kalesche etwas schief, und daß

die rechte Seite etwas höher war, als die linke, erregte ihren Beifall,

denn so konnte von der _einen_ Seite, wie sie behauptete, ein Mensch von

kleinem Wuchse, und von der anderen ein großer aussteigen. Im übrigen

konnte die Kalesche etwa fünf Personen von kleiner Statur und drei

solche, wie die Tante, in ihrem Inneren aufnehmen.

Als er mit der Kalesche fertig war, führte Omeljko gegen Mittag drei

Pferde aus dem Stall, die etwas jünger waren als die Kalesche und band

sie mit einem Strick fest an die majestätische Equipage. Iwan

Fjodorowitsch und die Tante stiegen ein, er von der einen, sie von der

anderen Seite, und die Pferde zogen an. Alle Bauern, die ihnen

begegneten, blieben beim Anblick dieser vornehmen Equipage (die Tante

pflegte nämlich nur selten in ihr auszufahren) respektvoll stehen,

nahmen die Mützen ab und verbeugten sich bis zur Erde.

Nach etwa zwei Stunden machte der Wagen vor der Freitreppe Halt; ich

glaube, es ist hier nicht erst nötig zu sagen, vor wessen Freitreppe er

hielt. Grigori Grigorjewitsch war nicht zu Hause; und die Alte und die

Fräuleins empfingen die Gäste im Speisezimmer; die Tante näherte sich

ihnen mit majestätischen Schritten, stellte mit viel Geschicklichkeit

einen Fuß vor und sagte laut:

»Gnädige Frau, ich freue mich, daß ich die Ehre habe, Ihnen persönlich

meine Hochachtung ausdrücken zu dürfen, zugleich erlaube ich mir mit

Respekt, Ihnen meinen Dank für die gastfreundliche Aufnahme meines

Neffen Iwan Fjodorowitsch auszusprechen, der Ihres Lobes voll ist. Sie

haben einen wundervollen Buchweizen, gnädige Frau, das habe ich bemerkt,

als ich mich dem Dorfe näherte. Darf ich fragen, wieviel Sie pro

Deßjatin ernten?«

Hierauf küßten alle einander aufs herzlichste ab und erst als man im

Gastzimmer Platz genommen hatte, begann die Alte:

»Was den Buchweizen anbetrifft, so kann ich Ihnen nichts Genaues darüber

sagen. Das ist Grigori Grigorjewitschs Ressort; ich beschäftige mich

schon längst nicht mehr damit, auch könnte ich's nicht, selbst wenn ich

wollte: ich bin schon zu alt dazu! In früheren Zeiten wuchs, wie ich

mich besinne, der Buchweizen bei uns so hoch, daß er einem bis an den

Gürtel reichte, jetzt ist das nicht mehr so, obwohl man stets behauptet,

es werde jetzt alles immer besser.« Die Alte stieß einen Seufzer aus,

und ein aufmerksamer Beobachter hätte in ihm das Aufseufzen des alten

achtzehnten Jahrhunderts vernehmen können.

»Ich habe gehört, daß bei Ihnen im Hause großartige Teppiche gemacht

werden, gnädige Frau,« sagte Wassilissa Kaschparowna und berührte damit

die empfindlichste Seite der Alten: bei diesen Worten lebte jene auf,

und nun strömten ihre Reden nur so hin: wie man das Gewebe färben,

welchen Faden man dazu nehmen müsse und was dergleichen mehr ist.

Von den Teppichen ging die Unterhaltung bald aufs Gurkeneinlegen und

Birnentrocknen über. Kurz, es war noch keine Stunde verflossen, da

unterhielten sich die beiden Damen schon so lebhaft, als ob sie ihr

Lebtag miteinander bekannt gewesen wären. Ja, Wassilissa Kaschparowna

sprach sogar über viele Dinge so leise mit der Alten, daß Iwan

Fjodorowitsch nichts mehr hören konnte.

»Wollen Sie nicht selbst sehen?« sagte die greise Hausfrau und erhob

sich.

Die Fräuleins und Wassilissa Kaschparowna erhoben sich mit ihr und

begaben sich ins Mädchenzimmer. Die Tante machte Iwan Fjodorowitsch ein

Zeichen, er solle zurückbleiben und flüsterte der alten Dame etwas zu.

»Maschenjka!« sagte die Alte zu dem blonden Fräulein, »bleibe bei

unserem Gaste und unterhalte ihn, damit ihm die Zeit nicht zu lang

wird!«

Das blonde Fräulein blieb zurück und setzte sich auf das Sofa. Iwan

Fjodorowitsch saß auf seinem Stuhle wie auf Nadeln, errötete und schlug

die Augen nieder; aber das Fräulein schien dies gar nicht zu bemerken,

saß gleichgültig auf dem Sofa, beobachtete fleißig die Fenster und die

Wände, oder verfolgte die Katze, die scheu unter den Stühlen umherlief,

mit den Augen.

Iwan Fjodorowitsch wurde etwas mutiger und wollte schon ein Gespräch

anknüpfen, es war ihm aber so, als ob er unterwegs alle Worte verloren

hätte. Es wollte ihm kein einziger Gedanke in den Sinn kommen.

Dieses Schweigen dauerte eine Viertelstunde lang, aber das Fräulein saß

noch immer ebenso da wie früher.

Endlich faßte Iwan Fjodorowitsch sich ein Herz. »Im Sommer gibt's so

viel Fliegen, gnädiges Fräulein!« rief er mit einer Stimme, die vor

Erregung zitterte.

»Ja, außerordentlich viele Fliegen!« versetzte das Fräulein. »Mein

Bruder hat eigens deswegen aus Mamas altem Schuh eine Fliegenklappe

hergestellt, aber es bleiben doch noch immer sehr viele übrig.«

Hier stockte die Unterhaltung, und Iwan Fjodorowitsch wollte durchaus

kein Wort mehr einfallen.

Endlich kamen die Alte, die Tante und das dunkle Fräulein zurück.

Nachdem man sich noch etwas unterhalten hatte, nahm Wassilissa

Kaschparowna Abschied von der Dame und den Fräuleins, obwohl sie

dringend gebeten wurde, über Nacht da zu bleiben. Die Dame und die

Fräuleins begleiteten die Gäste bis zur Freitreppe und winkten der aus

der Kalesche hinausblickenden Tante und ihrem Neffen noch lange zu.

»Nun, Iwan Fjodorowitsch, worüber hast du dich mit dem Fräulein

unterhalten?« fragte die Tante unterwegs.

»Marja Grigorjewna ist ein sehr bescheidenes und sittsames Fräulein!«

sagte Iwan Fjodorowitsch.

»Höre, Iwan Fjodorowitsch: ich will ernst mit dir reden. Du bist, Gott

sei Dank, schon fast achtunddreißig Jahre alt; und einen schönen Rang

hast du _auch_ schon: es wird nun bald Zeit, an die Kinder zu denken! Du

brauchst unbedingt eine Frau ....«

»Wie, liebe Tante!« rief Iwan Fjodorowitsch ganz erschrocken: »Wie? Eine

Frau! Nein, liebe Tante, seien Sie doch so lieb .... Sie beschämen mich

.... Ich bin noch nie verheiratet gewesen .... Ich weiß ja gar nicht,

was ich mit einer Frau anfangen soll!«

»Du wirst's schon lernen, Iwan Fjodorowitsch, du wirst es schon lernen,«

rief die Tante lächelnd und dachte bei sich: >Kein Gedanke! Der Junge

ist noch ein richtiges Kind: er weiß ja von gar nichts!< -- »Ja, ja,

Iwan Fjodorowitsch!« fuhr sie laut fort, »eine bessere Frau als Marja

Grigorjewna wirst du wohl nie finden. Außerdem hat sie dir ja doch gut

gefallen. Die Alte und ich haben schon viel darüber gesprochen: sie wäre

sehr froh, dich zum Schwiegersohn zu bekommen. Freilich weiß man noch

nicht, was dieser alte Sünder Grigori Grigorjewitsch dazu sagen wird;

aber wir werden nicht darauf achten, und sollte er dir etwa die Mitgift

nicht herausgeben wollen, so würden wir ihn auf gerichtlichem Wege ....«

In diesem Augenblick fuhr der Wagen in den Hof und die uralten Stuten

lebten auf, als sie die Nähe des Stalles witterten.

»Höre, Omeljko! laß die Pferde zuerst gut ausruhen und führe sie nicht

gleich zur Tränke. Die Pferde sind ja noch ganz heiß. -- Also, Iwan

Fjodorowitsch, ich rate dir, dir die Sache gründlich zu überlegen. Ich

muß noch etwas in der Küche nachschauen: ich habe vergessen, das

Abendbrot bei der Solocha zu bestellen und das nichtsnutzige Weib hat

sicher nicht von selbst daran gedacht.«

Iwan Fjodorowitsch stand da wie vom Donner gerührt. Marja Grigorjewna

war zwar ein sehr nettes Fräulein: aber heiraten! .... Das erschien ihm

so sonderbar und wundersam, daß er nicht ohne Schreck daran denken

konnte. Mit einer Frau zusammen leben! .... das war doch ganz

unbegreiflich! Er sollte nicht mehr allein in seinem Zimmer sein können,

sondern sie würden immer zu zwei sein! .... Und der Schweiß trat ihm auf

die Stirn, je mehr er sich in die Betrachtung vertiefte.

Früher als sonst ging er zu Bett, aber trotz aller Bemühungen konnte er

nicht einschlafen. Endlich suchte ihn der ersehnte Schlaf, dieser

Ruhebringer und Tröster aller Menschen auf. Aber was war das für ein

Schlaf! Unzusammenhängendere Träume hatte er noch niemals gesehen. Bald

träumte er, rings um ihn rausche und drehe sich alles, und er selbst

laufe und laufe atemlos dahin .... Schon verließen ihn die Kräfte ....

Plötzlich aber packte ihn jemand am Ohr. »O je! Wer ist das?« -- »Das

bin _ich_, deine Frau!« sprach eine lärmende Stimme zu ihm -- und er

erwachte. Bald schien es ihm, er sei schon verheiratet und alles in dem

Häuschen sei so absonderlich und so merkwürdig; in seinem Zimmer stehe

statt eines einfachen Bettes ein Doppelbett und auf dem Stuhle sitze

seine Frau. Es war ihm ganz eigentümlich zumute: er wußte nicht, wie er

an sie herantreten, worüber er mit ihr sprechen sollte, und nun erst

merkte er, daß sie das Gesicht einer Gans hatte. Zufällig drehte er sich

um und sah eine zweite Frau, die ebenfalls einen Gänseschnabel hatte, er

drehte sich auf die andere Seite um -- da stand eine dritte Frau, er

wandte sich nach hinten -- da stand noch eine Frau. Da erfaßte ihn eine

wilde Angst; er stürzte in den Garten, aber im Garten war es heiß, er

nahm den Hut ab, und siehe: auch im Hute saß eine Frau. Schweiß bedeckte

sein Gesicht; er wollte das Taschentuch aus der Tasche holen -- aber

auch in der Tasche saß eine Frau; er zog sich die Watte aus dem Ohre --

auch da saß eine Frau .... Dann hüpfte er wieder auf einem Bein, und die

Tante sah zu und sprach mit würdevoller Miene: »Ja, jetzt kannst du

hüpfen und springen, denn du bist ja jetzt ein verheirateter Mann.« Er

eilte auf sie zu; aber die Tante war nicht mehr die Tante, sondern ein

Glockenturm. Und er fühlte, wie jemand ihn an einem Strick auf den

Glockenturm hinaufzog. »Wer zieht mich da hinauf?« fragte Iwan

Fjodorowitsch klagend. »Ich ziehe dich, ich, deine Frau, denn du bist

eine Glocke!« »Nein, ich bin keine Glocke, ich bin Iwan Fjodorowitsch!«

schrie er. »Nein, du bist eine Glocke!« sprach der Oberst des P--er

Infanterieregiments im Vorübergehen.

Oder er träumte, seine Frau sei gar kein Mensch, sondern ein wollener

Stoff; er käme nach Mohilew in einen Laden, und der Kaufmann fragte ihn:

»Was für einen Stoff wünschen Sie? Nehmen Sie doch Frau, das ist der

modernste Stoff! Er ist sehr haltbar! Man macht jetzt Röcke daraus.« Und

der Kaufmann maß und schnitt ein Stück von der Frau ab. Iwan

Fjodorowitsch nahm sie unter den Arm und ging damit zum jüdischen

Schneider. -- »Nein,« meinte der Jude, »das ist ein schlechter Stoff!

Daraus läßt sich doch niemand einen Rock machen ....!«

Voller Angst und ganz außer sich erwachte Iwan Fjodorowitsch; der kalte

Schweiß troff nur so von ihm herunter wie ein Platzregen.

Kaum war er aufgestanden, so wandte er sich sofort an sein Wahrsagebuch,

dem ein tugendhafter Buchhändler in seiner seltenen Güte und

Uneigennützigkeit noch einen kurzen Traumdeuter angehängt hatte. Aber

dort stand nichts, was diesem sinnlosen Traume auch nur einigermaßen

entsprochen hätte.

Indessen aber reifte im Kopfe der Tante ein ganz neuer Plan, von dem Sie

im nächsten Kapitel hören sollen.

Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen · 第 41 / 45 题