»Sei ruhig, liebe Schwester!« sprach der alte Jessaul Gorobetz. »Träume
reden selten die Wahrheit.«
»Leg dich doch hin, Schwesterchen!« sagte seine junge Schwiegertochter.
»Ich werde die alte Wahrsagerin rufen: ihr kann keine Macht der Welt
widerstehen: sie wird deine Unruhe bannen.«
»Fürchte nichts!« rief der Sohn und griff nach dem Säbel, »niemand soll
dir etwas zuleide tun.«
Mit trüben und düsteren Augen blickte Katerina sie alle an und fand kein
Wort zur Antwort. »Ich habe mir selbst mein Verderben bereitet: ich hab
ihn befreit!« Endlich aber sprach sie: »Ich habe keine Ruhe vor ihm.
Schon sind's zehn Tage, daß ich bei euch in Kijew bin, und mein Schmerz
ist um keinen Tropfen geringer. Ich hab mir gedacht, ich will nun in
aller Stille mein Söhnchen als Rächer aufziehen ...... O, furchtbar,
furchtbar war er, wie er mir im Traume erschien. Behüt euch Gott davor,
ihn je zu erblicken! Mein Herz pocht noch immer!« -- »Ich hack dir dein
Kind in Stücke, Katerina!« schrie er, »wenn du nicht mein Weib sein
willst! ....« Schluchzend stürzte sie sich auf die Wiege, daß das
erschrockene Kindlein die Hände ausstreckte und zu schreien begann.
Des Jessauls Sohn brauste zornig auf, als er diese Rede hörte.
Auch Gorobetz, der Jessaul, raste vor Wut: »Mag er's nur wagen, hierher
zu kommen, der gottlose Antichrist -- er soll die Kraft meiner alten
Kosakenarme kosten. Gott ist mein Zeuge!« rief er und hob die scharf
blickenden Augen gen Himmel empor. »Bin ich denn Bruder Danilo nicht zu
Hilfe geeilt? Doch es war Gottes heiliger Wille! Ich traf ihn schon auf
dem kalten Lager, darauf schon so viel Kosakenvolk sich gebettet. Hat
man ihm zu Ehren nicht dafür einen prächtigen Leichenschmaus gefeiert?
Ist etwa auch nur ein Pole lebend entkommen? Sei ruhig, mein Kind!
Niemand wird es wagen, dich zu berühren, solange wir leben, ich und mein
Sohn!«
Mit diesen Worten trat der alte Jessaul an die Wiege. Das Kindchen
erblickte die rote Pfeife mit der silbernen Fassung am Riemen und den
Beutel mit dem glänzenden Feuerstein, streckte die Händchen zu ihm hin
und lachte. »Der wird ganz wie der Vater!« sprach der alte Jessaul, nahm
die Pfeife aus dem Munde und reichte sie dem Kinde hin. »Noch hat er die
Wiege nicht verlassen und schon will er ein Pfeifchen rauchen!«
Katerina seufzte leise auf und begann die Wiege zu schaukeln. Man
verabredete sich, die Nacht gemeinsam zu verbringen; nach einer kurzen
Weile schliefen alle, und auch Katerina schlummerte bald ein.
Im Hofe und in der Stube war alles still, nur die Kosaken, die Wache
hielten, schlummerten nicht. Plötzlich wachte Katerina mit einem Schrei
auf, und mit ihr erwachten alle aus ihrem Schlummer. »Er ist tot, man
hat ihn ermordet!« schrie sie und stürzte zur Wiege hin ..... Alle
umringten die Wiege und waren starr vor Entsetzen, als sie das leblose
Kind daliegen sahen. Keiner sprach ein Wort und niemand wußte, was er
von dem unerhörten Frevel denken sollte.