XI.

»Sei ruhig, liebe Schwester!« sprach der alte Jessaul Gorobetz. »Träume

reden selten die Wahrheit.«

»Leg dich doch hin, Schwesterchen!« sagte seine junge Schwiegertochter.

»Ich werde die alte Wahrsagerin rufen: ihr kann keine Macht der Welt

widerstehen: sie wird deine Unruhe bannen.«

»Fürchte nichts!« rief der Sohn und griff nach dem Säbel, »niemand soll

dir etwas zuleide tun.«

Mit trüben und düsteren Augen blickte Katerina sie alle an und fand kein

Wort zur Antwort. »Ich habe mir selbst mein Verderben bereitet: ich hab

ihn befreit!« Endlich aber sprach sie: »Ich habe keine Ruhe vor ihm.

Schon sind's zehn Tage, daß ich bei euch in Kijew bin, und mein Schmerz

ist um keinen Tropfen geringer. Ich hab mir gedacht, ich will nun in

aller Stille mein Söhnchen als Rächer aufziehen ...... O, furchtbar,

furchtbar war er, wie er mir im Traume erschien. Behüt euch Gott davor,

ihn je zu erblicken! Mein Herz pocht noch immer!« -- »Ich hack dir dein

Kind in Stücke, Katerina!« schrie er, »wenn du nicht mein Weib sein

willst! ....« Schluchzend stürzte sie sich auf die Wiege, daß das

erschrockene Kindlein die Hände ausstreckte und zu schreien begann.

Des Jessauls Sohn brauste zornig auf, als er diese Rede hörte.

Auch Gorobetz, der Jessaul, raste vor Wut: »Mag er's nur wagen, hierher

zu kommen, der gottlose Antichrist -- er soll die Kraft meiner alten

Kosakenarme kosten. Gott ist mein Zeuge!« rief er und hob die scharf

blickenden Augen gen Himmel empor. »Bin ich denn Bruder Danilo nicht zu

Hilfe geeilt? Doch es war Gottes heiliger Wille! Ich traf ihn schon auf

dem kalten Lager, darauf schon so viel Kosakenvolk sich gebettet. Hat

man ihm zu Ehren nicht dafür einen prächtigen Leichenschmaus gefeiert?

Ist etwa auch nur ein Pole lebend entkommen? Sei ruhig, mein Kind!

Niemand wird es wagen, dich zu berühren, solange wir leben, ich und mein

Sohn!«

Mit diesen Worten trat der alte Jessaul an die Wiege. Das Kindchen

erblickte die rote Pfeife mit der silbernen Fassung am Riemen und den

Beutel mit dem glänzenden Feuerstein, streckte die Händchen zu ihm hin

und lachte. »Der wird ganz wie der Vater!« sprach der alte Jessaul, nahm

die Pfeife aus dem Munde und reichte sie dem Kinde hin. »Noch hat er die

Wiege nicht verlassen und schon will er ein Pfeifchen rauchen!«

Katerina seufzte leise auf und begann die Wiege zu schaukeln. Man

verabredete sich, die Nacht gemeinsam zu verbringen; nach einer kurzen

Weile schliefen alle, und auch Katerina schlummerte bald ein.

Im Hofe und in der Stube war alles still, nur die Kosaken, die Wache

hielten, schlummerten nicht. Plötzlich wachte Katerina mit einem Schrei

auf, und mit ihr erwachten alle aus ihrem Schlummer. »Er ist tot, man

hat ihn ermordet!« schrie sie und stürzte zur Wiege hin ..... Alle

umringten die Wiege und waren starr vor Entsetzen, als sie das leblose

Kind daliegen sahen. Keiner sprach ein Wort und niemand wußte, was er

von dem unerhörten Frevel denken sollte.

Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen · 第 36 / 45 题