Voller Wunder ist der Dnjepr bei heiterem Wetter, wenn er frei und
ungehemmt durch Gebirg und Wälder seine reichen Wasser trägt. Da ertönt
kein leises Rauschen und kein mächtiger Donnerlaut. Du blickst hin und
weißt es kaum, ob sich sein hehrer breiter Rücken regt, ob nicht; ganz
aus Glas gegossen scheint die Flut und sein blauer Spiegelweg windet
sich, breit ohne Maßen, lang ohn' Ende, in verschlungenen Bahnen durch
die grüne Welt. Dann blickt auch die heiße Sonne selig von der Höhe
herab und taucht ihre Strahlen in die kühlen gläsernen Wässer, und selig
spiegeln sich die Wälder am Ufer in den klaren Fluten. O, ihr
Grüngelockten! Ihr drängt euch mit den Feldblumen zum Wasser hin, beugt
euch hinab, schaut hinein und könnt euch nicht satt sehen an eurem
klaren Angesicht und ihr lächelt ihm zu und grüßt es, indem ihr die
Zweige schüttelt. Aber in die Mitte des Dnjepr wagt ihr doch nicht zu
blicken: in sie hinein blickt nur die Sonne und der blaue Himmel, und
selten nur kommt ein Vogel bis mitten über den Dnjepr geflogen. O, du
herrlicher Fluß! Kein Strom in der Welt kommt dir gleich. Voller Wunder
ist auch der Dnjepr in einer stillen Sommernacht, wenn alles in
Schlummer sinkt: Mensch und Tier und Vogel. Nur Gott allein blickt
majestätisch auf Himmel und Erde und schüttelt gewaltig sein wunderbares
Ornat. Und von dem Kleide regnen Sterne herab; die Sterne aber glühen
und leuchten über die Welt, und spiegeln sich alle im Dnjepr wieder. Der
Dnjepr birgt sie alle in seinem dunklen Schoße, und kein einziger kann
ihm entrinnen -- es sei denn, daß er am Himmel erlischt. Der schwarze
Wald mit seinen Reih an Reih schlafenden Raben und die in grauer Urzeit
geborstenen Berge beugen sich vor und suchen ihn wenigstens mit ihren
langen Schatten zu bedecken -- vergebens! Es gibt nichts auf der Welt,
das den Dnjepr überdecken könnte. Azurblau fließt er gemessen dahin, und
bei Nacht wie bei Tage sieht man ihn so, wie nur ein Menschenauge sehen
kann. Wenn er sich wiegt und wie ein verzärteltes Kind bei der
nächtlichen Kühle ans Ufer schmiegt, dann wird er zur silbernen Flut und
die flammt auf, wie die stählerne Schneide einer Damaszenerklinge und
dann liegt er wieder tiefblau da und schlummert. Und auch dann ist der
Dnjepr voller Wunder und kein Fluß in der Welt kommt ihm gleich! Doch
wenn sich am Himmel die blauen Wolken zu Bergen ballen, der schwarze
Wald bis auf die Wurzeln bebt, die Eichen krachen und der Blitz, aus den
Wolken splitternd, plötzlich die ganze Welt erhellt -- o, dann ist der
Dnjepr schrecklich! Die Wasserhügel tosen, wenn sie gegen die steinigen
Felsen anprallen, sinken blitzend und stöhnend zurück und ächzen und
heulen in der Ferne. So jammert wohl die alte Kosakenmutter, wenn sie
ihren Sohn ins Kriegslager geleitet: frei und kühn reitet er auf seinem
rabenschwarzen Roß dahin, die Hand in die Hüfte gestemmt und die Mütze
keck aufs Ohr geschoben, sie aber läuft schluchzend hinter ihm her,
hängt sich an den Steigbügel, greift ihm in die Zügel, ringt die Hände
und zerfließt in heißen Tränen.
Wild und schwarz ragen zwischen den kämpfenden Wellen auf der Landzunge
verkohlte Baumstümpfe und Steine in die Luft. Ein Boot, das landen will,
wird ans Ufer geworfen, schießt hoch empor und sinkt dann wieder tief
abwärts. Wer ist der Kosak, der sich in den Kahn gewagt, zu einer Zeit,
da der alte Dnjepr grollt? Der weiß nicht, daß der Dnjepr die Menschen
hinabschlingt wie Fliegen!
Doch nun landete das Boot, und der Zauberer entstieg ihm. Ihm ist nicht
heiter zumute. Er grollt über den Totenschmaus, den die Kosaken ihrem
erschlagenen Herrn zu Ehren abhielten. Die Polen mußten ihn teuer
bezahlen, vierundvierzig vornehme Herren in schönen Schupans, ihr ganzes
Pferdegeschirr und dreiunddreißig Knechte dazu wurden in Stücke gehauen,
und die übrigen saßen mit ihren Rossen gefangen und sollten an die
Tataren verkauft werden.
Er stieg die steinernen Stufen zwischen den verkohlten Baumstümpfen
hinab, wo sich tief unten im Erdreich seine Hütte befand. Leise und ohne
mit der Türe zu knarren, trat er ein, stellte einen Topf auf den
gedeckten Tisch und begann mit seinen langen Armen unbekannte Kräuter in
ihn hineinzuwerfen, dann holte er einen Krug herbei, der aus einem
merkwürdigen Holz geschnitzt war, schöpfte Wasser und begann es wieder
auszugießen, während seine Lippen Beschwörungen murmelten.
Rosiges Licht erhellte die Kammer, und schrecklich war es, sein Gesicht
zu schauen: es sah ganz blutig aus, tiefe schwarze Furchen gruben sich
drein, und die Augen glühten wie ein Feuer. Schrecklicher Sünder! Der
Bart war ihm längst ergraut, und das Gesicht von Runzeln durchfurcht,
schon ist er fast gänzlich verdorrt, und noch immer trachtet er nach
gottlästerlichen Taten. Inmitten des Raumes erhob sich jetzt eine weiße
wehende Wolke, und etwas wie Freude huschte über des Zaubrers Gesicht.
Doch warum stand er plötzlich regungslos mit weitgeöffnetem Munde da,
warum wagte er es nicht, sich zu bewegen? Und warum sträubten sich die
Haare wie Borsten auf dem Haupte? In der Wolke erschien ihm ein
sonderbares Gesicht. Ungebeten und ungerufen kam es zu Gaste; immer
deutlicher trat es hervor und bohrte die starren Augen in ihn hinein.
Die Züge, die Brauen, die Augen, die Lippen -- alles war ihm unbekannt
und noch nie in seinem Leben hatte er es gesehen. Auch war nichts
eigentlich Grauenhaftes an ihm, und doch packte ihn ein unüberwindliches
Entsetzen. Das seltsame unbekannte Haupt blickte ihn noch immer starr
durch die Wolke an. Doch nun war die Wolke verschwunden, aber das
unbekannte Gesicht hing noch klarer vor ihm, und die scharfen
schneidenden Blicke wollten sich nicht von ihm wenden. Der Zauberer
wurde so weiß wie Leinen; mit einer furchtbaren Stimme, die ihn selber
fremd dünkte, schrie er auf, warf den Topf um. Alles war verschwunden.