X.

Voller Wunder ist der Dnjepr bei heiterem Wetter, wenn er frei und

ungehemmt durch Gebirg und Wälder seine reichen Wasser trägt. Da ertönt

kein leises Rauschen und kein mächtiger Donnerlaut. Du blickst hin und

weißt es kaum, ob sich sein hehrer breiter Rücken regt, ob nicht; ganz

aus Glas gegossen scheint die Flut und sein blauer Spiegelweg windet

sich, breit ohne Maßen, lang ohn' Ende, in verschlungenen Bahnen durch

die grüne Welt. Dann blickt auch die heiße Sonne selig von der Höhe

herab und taucht ihre Strahlen in die kühlen gläsernen Wässer, und selig

spiegeln sich die Wälder am Ufer in den klaren Fluten. O, ihr

Grüngelockten! Ihr drängt euch mit den Feldblumen zum Wasser hin, beugt

euch hinab, schaut hinein und könnt euch nicht satt sehen an eurem

klaren Angesicht und ihr lächelt ihm zu und grüßt es, indem ihr die

Zweige schüttelt. Aber in die Mitte des Dnjepr wagt ihr doch nicht zu

blicken: in sie hinein blickt nur die Sonne und der blaue Himmel, und

selten nur kommt ein Vogel bis mitten über den Dnjepr geflogen. O, du

herrlicher Fluß! Kein Strom in der Welt kommt dir gleich. Voller Wunder

ist auch der Dnjepr in einer stillen Sommernacht, wenn alles in

Schlummer sinkt: Mensch und Tier und Vogel. Nur Gott allein blickt

majestätisch auf Himmel und Erde und schüttelt gewaltig sein wunderbares

Ornat. Und von dem Kleide regnen Sterne herab; die Sterne aber glühen

und leuchten über die Welt, und spiegeln sich alle im Dnjepr wieder. Der

Dnjepr birgt sie alle in seinem dunklen Schoße, und kein einziger kann

ihm entrinnen -- es sei denn, daß er am Himmel erlischt. Der schwarze

Wald mit seinen Reih an Reih schlafenden Raben und die in grauer Urzeit

geborstenen Berge beugen sich vor und suchen ihn wenigstens mit ihren

langen Schatten zu bedecken -- vergebens! Es gibt nichts auf der Welt,

das den Dnjepr überdecken könnte. Azurblau fließt er gemessen dahin, und

bei Nacht wie bei Tage sieht man ihn so, wie nur ein Menschenauge sehen

kann. Wenn er sich wiegt und wie ein verzärteltes Kind bei der

nächtlichen Kühle ans Ufer schmiegt, dann wird er zur silbernen Flut und

die flammt auf, wie die stählerne Schneide einer Damaszenerklinge und

dann liegt er wieder tiefblau da und schlummert. Und auch dann ist der

Dnjepr voller Wunder und kein Fluß in der Welt kommt ihm gleich! Doch

wenn sich am Himmel die blauen Wolken zu Bergen ballen, der schwarze

Wald bis auf die Wurzeln bebt, die Eichen krachen und der Blitz, aus den

Wolken splitternd, plötzlich die ganze Welt erhellt -- o, dann ist der

Dnjepr schrecklich! Die Wasserhügel tosen, wenn sie gegen die steinigen

Felsen anprallen, sinken blitzend und stöhnend zurück und ächzen und

heulen in der Ferne. So jammert wohl die alte Kosakenmutter, wenn sie

ihren Sohn ins Kriegslager geleitet: frei und kühn reitet er auf seinem

rabenschwarzen Roß dahin, die Hand in die Hüfte gestemmt und die Mütze

keck aufs Ohr geschoben, sie aber läuft schluchzend hinter ihm her,

hängt sich an den Steigbügel, greift ihm in die Zügel, ringt die Hände

und zerfließt in heißen Tränen.

Wild und schwarz ragen zwischen den kämpfenden Wellen auf der Landzunge

verkohlte Baumstümpfe und Steine in die Luft. Ein Boot, das landen will,

wird ans Ufer geworfen, schießt hoch empor und sinkt dann wieder tief

abwärts. Wer ist der Kosak, der sich in den Kahn gewagt, zu einer Zeit,

da der alte Dnjepr grollt? Der weiß nicht, daß der Dnjepr die Menschen

hinabschlingt wie Fliegen!

Doch nun landete das Boot, und der Zauberer entstieg ihm. Ihm ist nicht

heiter zumute. Er grollt über den Totenschmaus, den die Kosaken ihrem

erschlagenen Herrn zu Ehren abhielten. Die Polen mußten ihn teuer

bezahlen, vierundvierzig vornehme Herren in schönen Schupans, ihr ganzes

Pferdegeschirr und dreiunddreißig Knechte dazu wurden in Stücke gehauen,

und die übrigen saßen mit ihren Rossen gefangen und sollten an die

Tataren verkauft werden.

Er stieg die steinernen Stufen zwischen den verkohlten Baumstümpfen

hinab, wo sich tief unten im Erdreich seine Hütte befand. Leise und ohne

mit der Türe zu knarren, trat er ein, stellte einen Topf auf den

gedeckten Tisch und begann mit seinen langen Armen unbekannte Kräuter in

ihn hineinzuwerfen, dann holte er einen Krug herbei, der aus einem

merkwürdigen Holz geschnitzt war, schöpfte Wasser und begann es wieder

auszugießen, während seine Lippen Beschwörungen murmelten.

Rosiges Licht erhellte die Kammer, und schrecklich war es, sein Gesicht

zu schauen: es sah ganz blutig aus, tiefe schwarze Furchen gruben sich

drein, und die Augen glühten wie ein Feuer. Schrecklicher Sünder! Der

Bart war ihm längst ergraut, und das Gesicht von Runzeln durchfurcht,

schon ist er fast gänzlich verdorrt, und noch immer trachtet er nach

gottlästerlichen Taten. Inmitten des Raumes erhob sich jetzt eine weiße

wehende Wolke, und etwas wie Freude huschte über des Zaubrers Gesicht.

Doch warum stand er plötzlich regungslos mit weitgeöffnetem Munde da,

warum wagte er es nicht, sich zu bewegen? Und warum sträubten sich die

Haare wie Borsten auf dem Haupte? In der Wolke erschien ihm ein

sonderbares Gesicht. Ungebeten und ungerufen kam es zu Gaste; immer

deutlicher trat es hervor und bohrte die starren Augen in ihn hinein.

Die Züge, die Brauen, die Augen, die Lippen -- alles war ihm unbekannt

und noch nie in seinem Leben hatte er es gesehen. Auch war nichts

eigentlich Grauenhaftes an ihm, und doch packte ihn ein unüberwindliches

Entsetzen. Das seltsame unbekannte Haupt blickte ihn noch immer starr

durch die Wolke an. Doch nun war die Wolke verschwunden, aber das

unbekannte Gesicht hing noch klarer vor ihm, und die scharfen

schneidenden Blicke wollten sich nicht von ihm wenden. Der Zauberer

wurde so weiß wie Leinen; mit einer furchtbaren Stimme, die ihn selber

fremd dünkte, schrie er auf, warf den Topf um. Alles war verschwunden.

Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen · 第 35 / 45 题