XII.

Fern vom Lande der Ukraine, wenn man das Polenreich durchreist und schon

die volkreiche Stadt Lemberg hinter sich hat, stößt man auf eine

Gebirgskette mit hohen Gipfeln. Berg an Berg umklammern hier von rechts

und links wie mit steinernen Ketten die Erde und schmieden sie in einen

Felsenring, damit das brausende tosende Meer nicht hereinbreche. Die

Felsenketten ziehen sich bis in die Wallachei und das Siebengebirge

hinein, und ragen wie ein gigantisches Hufeisen zwischen Galiziens und

Ungarns Völkern empor. Solche Berge gibt's in unserer Gegend nicht, und

das Auge wagt es nicht, sie zu umspannen. Einige von diesen Gipfeln hat

noch kein menschlicher Fuß betreten. Wie ein Mirakel sind sie zu

schauen: gleich als wäre ein trotziges Meer während eines Sturmes seinen

weiten Ufern entflohen und als hätte es mißgestalte Wogen aufgetürmt,

die dann zu Stein geworden, steil in der Luft emporstarrten. Oder sind

es schwarze Wolken, die vom Himmel herabgestürzt sind und den Weg zur

Erde versperrt haben? Denn ihre Farbe ist ebenso grau wie die der

Wolken, und der weiße Gipfel blitzt und funkelt in der Sonne. Bis zu den

Karpathen hin hört man die russische Zunge, und auch hinter den Bergen

hallt's hie und da wieder wie ein Klang aus der Heimat; doch dann kommen

Menschen mit einem andern Glauben und einer fremden Sprache. Hier lebt

das zahlreiche Volk der Ungarn; die reiten, fechten und trinken nicht

schlechter als die Kosaken und kargen nicht, wenn's gilt, goldene

Dukaten für Pferdegeschirr und kostbare Kaftans aus dem Beutel zu holen.

Groß und frei liegen ihre Seen zwischen den Bergen. Unbeweglich wie Glas

sind sie, und wie ein Spiegel werfen sie die nackten Gipfel der Berge

und die grünende Sohle zurück.

Doch wer kommt dort inmitten der Nacht -- bei Finsternis oder

Sternenglanz -- auf dem riesigen Rappen daher geritten? Welch ein Recke

von übermenschlichem Körpermaß fegt die Berge entlang und über die Seen

dahin und spiegelt sich samt seinem Riesenroß in den leblosen Gewässern,

daß sein unermeßlicher Schatten furchtbar über die Berge hinhuscht? Es

glänzt der Harnisch von herrlichem Schmiedeeisen; er trägt eine Pike auf

der Schulter, am Sattel rasselt der Säbel, das Visier ist

niedergelassen, schwarz hängt ihm der Schnurrbart herab, die Augen sind

geschlossen, und die Lider gesenkt. -- Er schläft und hält im Schlafe

die Zügel fest, hinter ihm auf demselben Roß sitzt der junge Page und

auch er schläft und klammert sich schlafend an den Ritter. Wer ist er,

wo reitet er hin und zu welchem Ziele? Wer weiß etwas von ihm? Nicht

einen Tag nur oder zwei reitet er schon über die Berge dahin. Der Tag

bricht an, die Sonne geht auf, aber _er_ ist nicht zu erblicken. Nur

selten sehen die Bergbewohner einen langen Schatten durch die Berge

huschen -- und doch ist der Himmel ganz klar, und keine Wolke zieht über

ihn hin. Aber kaum bricht die Nacht an und mit ihr die Finsternis, so

läßt er sich wieder sehen; dann spiegelt er sich in den Seen, und hinter

ihm kommt zitternd sein Schatten einher gesprungen. Schon ist er an

vielen Bergen vorbeigekommen und selbst auf den Kriwan ist er

hinaufgeritten. Und doch ist in den Karpathen kein Berg höher als

dieser, denn einem Könige gleich erhebt er sich über die andern. Da

machte Roß und Reiter Halt; tiefer noch sank er in Schlaf, und

herabsinkende Wolken bedeckten ihn.

Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen · 第 37 / 45 题