IX.

Pan Danilo sitzt in seiner Stube am Tisch, das Haupt auf den Ellenbogen

gestützt, und sinnt nach. Auf der Ofenbank aber sitzt Pani Katerina und

singt ein Lied.

»Mir ist so traurig zumute, Weib!« spricht Pan Danilo, »der Kopf tut mir

weh und das Herze auch. Es lastet etwas auf mir! Mein Tod ist wohl nicht

mehr fern.«

»O, mein herzliebster Gemahl, neig deinen Kopf zu mir her! Warum hegst

du so schwarze Gedanken in deiner Brust?« dachte Katerina, wagte es aber

nicht auszusprechen. Ihr, der Schuldbewußten, wurde es schwer, des

Mannes Liebkosungen entgegenzunehmen.

»Hör, liebes Weib!« sagte Danilo, »verlaß meinen Sohn nicht, wenn ich

einst tot bin! Gott wird kein Glück auf dich herabsenden, weder in

dieser, noch in jener Welt, wenn du ihn von dir stößt. Schwer würde es

meinen Knochen werden, in der feuchten Erde zu verfaulen, und noch

trauriger wär' meine Seele!«

»Was sprichst du, mein Gemahl? Warst du es nicht, der uns schwache

Frauen einst auslachte? Und jetzt redest du selbst wie ein schwaches

Weib. Du wirst noch lange leben!«

»Nein, Katerina, meine Seele ahnt schon den nahen Tod. Es wird so

traurig in der Welt und schlimme Zeiten brechen an. Oh! ich besinne mich

wohl auf die vergangenen Jahre; die kehren wohl nimmer wieder! Damals

war noch der alte Konaschewitsch am Leben, der Ruhm und die Ehr' unseres

Heeres! Und all die Kosakenregimenter ziehen wieder an meinen Augen

vorüber. Ja, es war eine goldene Zeit, Katerina! Der alte Hetman saß auf

seinem Rappen und in seiner Hand glänzte der Hetmansstab; rings um ihn

standen die Führer, und auf den Seiten wogte das rote Meer der

Saporoger. Und wenn der Hetman zu sprechen begann, dann stand alles da

wie erstarrt. Der Alte weinte, als er der früheren Taten und Gefechte

gedachte. Ach, wenn du wüßtest, Katerina, wie wir damals uns mit den

Türken schlugen: Noch heute sieht man die Narbe auf meinem Haupte. Vier

Kugeln durchbohrten mich an vier Stellen, und keine der Wunden ist je

vollständig geheilt. O, wieviel Gold wir damals erbeuteten, und die

Edelsteine schöpften die Kosaken wie Wasser mit ihren Mützen. Und was

für Pferde, wenn du wüßtest, was für Pferde wir damals raubten,

Katerina! Nein, solche Kriege erleb' ich nie wieder! Noch bin ich ja

nicht alt, ich bin noch rüstig, doch das Kosakenschwert entsinkt meiner

Hand, ich lebe tatenlos dahin und weiß selbst nicht, wozu ich lebe. In

der Ukraine herrscht keine Ordnung mehr: die Feldherrn und Jessauls

beißen sich herum wie die Hunde; 's ist keiner da, dem alle gehorchten

und der ihr Haupt wäre. Unsere Schlachzizen haben alles geändert und

polnische Sitten eingeführt, sie sind so schlau und so tückisch geworden

und haben ihre Seelen verkauft, indem sie die Union annahmen und einen

Bund mit dem Papst schlossen. Die Juden knechten das arme Volk. O

Zeiten, Zeiten, vergangene Zeiten! Wo seid ihr geblieben, ihr, meine

vergangenen Jahre? Geh ins Gewölbe hinab, Bursch, und hol mir einen Krug

mit Meth! Ich will trinken auf unser altes Leben und die vergangenen

Zeiten!«

»Womit sollen wir die Gäste empfangen, Pan? Die Polen kommen von der

Wiese her!« rief Stetzko, der in diesem Augenblick ins Zimmer

hereinstürzte.

»Ich weiß wohl, wozu sie kommen!« sprach Danilo, sich von seinem Platze

erhebend. »Sattelt die Pferde, meine treuen Knechte! Schirrt sie rasch

an und heraus mit den Säbeln! Vergeßt auch die blauen Bohnen nicht! Die

Gäste sollen mit Ehren empfangen werden!«

Kaum hatten die Kosaken ihre Pferde bestiegen und die Musketen geladen,

da überschwemmten die Polen schon den Berg wie Laub, das im Herbst von

den Bäumen fällt.

»Hehe, da gibt's eine feine Gesellschaft!« rief Danilo und blickte auf

die dicken Pans, die sich würdevoll auf ihren goldgeschirrten Rossen

schaukelten. »Wohl denn, so werden wir uns einmal noch herrlich tummeln!

Freu dich zum letzten Male, Kosakenseele. Wohlauf, ihr Burschen, das

Fest hat begonnen!«

Und auf den Bergen ward es fröhlich, und das Fest hub an: da schwirren

die Säbel, da fliegen die Kugeln, da wiehern und trampeln die Pferde.

Die Schädel dröhnen vom Rufen und Schreien, und der Rauch blendet die

Augen. Alles geht wild durcheinander, aber der Kosak ahnt wohl, wo

Freund und Feind ist. Eine Kugel kommt gepfiffen, und ein tapferer

Reitersmann stürzt vom Roß; ein Säbel klirrt -- und ein Kopf wälzt sich,

zusammenhanglose Reden lallend, am Boden.

Aber mitten im Haufen, da sieht man die rote Kosakenmütze des Pan

Danilo, und wie ein Blitz trifft das Auge das Gefunkel des goldenen

Gürtels auf dem blanken Schupan; wie ein Wirbelwind flattert die Mähne

des Rapphengstes daher; gleich einem Vogel eilt er bald hier hin, bald

dort hin, schreit laut auf, schwenkt den Damaszener-Säbel und schlägt

rechts und links um sich. Hau zu, Kosak! Frisch drauf und los, Kosak!

Erfreu dein mutiges Herz, aber verguck dich nicht in das Gold der

Gespanne und Schupans; tritt Gold und Edelsteine mit den Füßen! Stich

zu, Kosak! Frisch drauf los, Kosak! Aber sieh dich nicht um: schon

stecken die frevelnden Polen die Hütten in Brand und treiben das

ängstliche Vieh fort. Wie ein Sturm wirbelt Pan Danilo zurück, die Mütze

mit dem roten Dach blitzt schon dicht neben den Häusern auf, und rings

um ihn wird der Haufen geringer.

Nicht nur eine Stunde oder zwei kämpften die Kosaken und Polen. Immer

weniger wurden ihrer auf beiden Seiten; doch Pan Danilo ermattete nicht:

mit seiner langen Lanze hob er die Feinde aus dem Sattel, und trat mit

seinem tapferen Roß das Fußvolk nieder. Schon leert sich der Hof, schon

fliehen die Polen, schon reißen die Kosaken die goldenen Schupans und

die reiche Rüstung von den Gefallenen herab. Schon will Pan Danilo zur

Verfolgung aufbrechen, schon blickt er sich um, die Seinen zu sammeln

..... doch da kocht in ihm die Wut, vor ihm taucht Katerinas Vater auf.

Nun steht er auf dem Berge und zielt mit seiner Muskete nach ihm. Danilo

treibt sein Pferd grad auf ihn los .... Kosak, du eilst ins Verderben!

Da kracht die Muskete, und der Zauberer ist hinter dem Berge

verschwunden. Nur der getreue Stetzko hat noch gesehen, wie das rote

Gewand und die seltsame Mütze im Husch vorbeiflogen. Danilo schwankt und

stürzt zu Boden. Der treue Stetzko eilte zu seinem Pan: sein Herr liegt

ausgestreckt auf der Erde, und hat die hellen Augen geschlossen, und das

hellrote Blut quillt aus seiner Brust. Aber er erkannte den treuen

Diener noch, leis hob er die Lider und blitzte ihn mit den Augen an:

»Leb wohl, mein Stetzko! Sag Katerina, sie soll meinen Sohn nicht

verlassen! Verlaßt auch ihr ihn nicht, ihr meine treuen Diener!« und er

verstummte. Die tapfere Kosakenseele war aus dem adligen Leibe

entflohen; blau sind seine Lippen, der Kosak schläft einen Schlaf, aus

dem es kein Erwachen gibt.

Da schluchzte der getreue Diener auf und winkte Katerina mit der Hand:

»Komm, komm schnell herbei, Pani! Dein Pan hat ausgetobt; sieh, da liegt

er, trunken auf feuchtem Erdreich; nimmer wird der aus seinem Rausche

erwachen!«

Da schlug Katerina die Hände zusammen und sank über den Leichnam hin wie

eine Garbe. »O mein Gemahl, du mein Gemahl! Bist du's, der geschlossenen

Auges daliegt? Steh auf, mein herzallerliebster Falke, rühr deine süße

Hand! Erhebe dich doch! O, schau sie nur einmal noch an, deine Katerina,

reg deine Lippen und sprich nur ein einziges Wörtlein! ... Doch ach, du

schweigst, du schweigst, mein lieber herrlicher Pan! Bläulich wardst du

wie das Schwarze Meer, und dein Herz schlägt nicht! Warum bist du so

kalt, mein Pan? O, ich seh's, meine Tränen sind nicht heiß genug, sie

können dich nicht erwärmen! Ich seh's, nicht laut genug ist meine Klage,

denn sie kann dich nicht erwecken! Wer wird jetzt deine Heere anführen?

Wer wird nun auf deinem Rappen dahinjagen und laut jauchzend vor den

Kosaken den Säbel schwingen? Kosaken, Kosaken! Wo ist eure Ehre und euer

Ruhm? Da liegt eure Ehre und euer Ruhm geschlossenen Augs auf der

feuchten Erde. O, begrabt nun auch mich, begrabt mich zusammen mit ihm!

Streut mir Erde auf die Augen, preßt die Bretter von Ahorn mir auf die

weißen Brüste! Ich brauche meine Schönheit nicht mehr!«

Und Katerina weinte und klagte bitterlich, da aber steigt eine

Staubwolke in der Ferne auf: Gorobetz, der alte Jessaul, sprengt zu

Hilfe heran.

Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen · 第 34 / 45 题