VI.

In Pan Danilos tiefem Verließe sitzt der Zauberer in eiserne Ketten

geschmiedet; fern über dem Dnjepr brennt sein satanisches Schloß, und

blutrote Wellen gurgeln und lecken an den uralten Mauern empor. Nicht

wegen Hexerei, noch um gottwidrige Taten sitzt der Zauberer im tiefen

Verließ: die richtet nur Gott; um eines geheimen Verrates willen sitzt

er dort, und wegen seines Bundes mit den Feinden des rechtgläubigen

Russenlands -- den er mit den Römlingen eingegangen, um ihnen das

ukrainische Volk zu verschachern und die christlichen Kirchen

niederzubrennen. Gar finster und grimmig ist der Zauberer;

nachtschwarzes Sinnen zieht durch seinen Kopf; nur ein Tag noch bleibt

ihm zu leben, und morgen gilt's, Abschied zu nehmen von der Welt: morgen

erwartet ihn Tod. Kein leichter Tod wartet auf ihn: es ginge noch gnädig

ab, wenn er lebendig im Kessel gekocht oder wenn ihm die sündhafte Haut

abgezogen würde. Düster und grimmig ist der Zauberer, und er läßt den

Kopf hängen. Vielleicht geht er vor seiner Sterbestunde noch in sich;

doch sind seine Sünden nicht so, daß Gott ihm verzeihen könnte. Hoch

oben vor ihm ist ein schmales Fenster, das Eisenstäbe vergittern. Mit

seinen klirrenden Ketten hat er sich bis zum Fenster emporgehoben, um zu

schauen, ob seine Tochter nicht vorbeiginge. Sie ist mild wie ein

Täubchen und nicht rachesüchtig. Würde sie sich nicht des Vaters

erbarmen? ... Aber es war niemand da. Tief unten zieht der Weg sich hin,

aber niemand wandert auf ihm. Und tiefer noch zieht der Dnjepr vorbei;

aber der achtet auf niemand: er tost dahin, und schmerzlich ist's dem

Gefesselten, seinem dumpfen Rauschen zu lauschen.

Da erschien jemand auf dem Wege -- es war ein Kosak! Schwer seufzte der

Gefangene auf, und wieder ward alles tot und leer. Doch dort in der

Ferne kam jemand herab ...... Ein grüner Überwurf flatterte empor, ein

goldener Kopfschmuck glänzte auf dem Haupte. Das war _sie_! Noch enger

preßte er sich ans Fenster. Sie kam näher und immer näher ...

»Katerina! Meine Tochter, erbarme dich! Hab' Mitleid mit mir! .......«

Aber sie blieb stumm, sie wollte ihn nicht hören. Sie wendete nicht

einmal die Augen nach dem Gefängnis, und schon war sie vorbei und wieder

verschwunden. Leer wird die Welt, wehmütig rauscht der Dnjepr;

hoffnungslose Trauer und Wehmut umfängt das Herz; aber wußte wohl der

Zauberer, was Wehmut ist?

Der Tag ging zur Neige. Schon sank die Sonne hinab, schon ist sie nicht

mehr. Schon war es Abend. Kühl ward es, irgendwo brüllte ein Stier, von

irgendwo tönten verwehte Klänge herüber; sicherlich kamen jetzt die

Menschen von ihrer Arbeit, um auszuruhen und fröhlich zu sein: über den

Dnjepr glitt ein Kahn ...... aber wer kümmerte sich um den Gefangenen?

Die silberne Sichel leuchtet am Himmel auf; da schreitet jemand von der

anderen Seite den Weg empor; schwer war's, im Dunkeln zu erkennen, wer

das war: Es war Katerina, die jetzt zurückkehrte.

»In Christi Namen, Tochter! Selbst das grausame Junge des Wolfes

zerfleischt seine Mutter nicht! Tochter, so wirf doch nur einen Blick

auf deinen sündigen Vater!«

Aber sie hörte ihn nicht und ging weiter.

»Tochter, im Namen deiner unglücklichen Mutter ...« Sie blieb stehen.

»Komm und vernimm mein letztes Wort!«

»Wozu rufst du mich, Gottesverächter? Nenn' mich nicht Tochter! Zwischen

uns ist keine Verwandtschaft! Was willst du von mir im Namen meiner

unglücklichen Mutter?«

»Katerina, mein Ende ist nahe! Ich weiß, dein Mann gedenkt, mich an den

Schweif eines Rosses zu binden und übers Feld zu schleifen, oder

vielleicht erfindet er einen noch grauenvolleren Tod für mich ...«

»Gibt es denn auf der Welt einen Tod, der deinen Sünden gleichkommt?

Mach dich darauf gefaßt, für dich wird niemand bitten!«

»Katerina, mich schreckt nicht der Tod, mich schrecken die Qualen in

_jener_ Welt! ...... _Du_ bist frei von Schuld, Katerina: deine Seele

wird im Paradies in Gottes Nähe weilen, aber die Seele deines gottlosen

Vaters wird im ewigen Feuer brennen, und nimmer wird dieses Feuer

erlöschen, nur noch höher und höher wird es emporlodern. Kein Tautropfen

wird auf ihn herabfallen, und kein Wind wird ins Feuer hauchen.«

»Ich habe nicht die Macht, deine Strafe durch Gebet zu mindern!« sprach

Katerina und wandte sich ab.

»Katerina, warte, noch ein Wort: Du kannst meine Seele erretten. Du

weißt noch nicht, wie gut und gnädig Gott ist. Hast du je vom Apostel

Paulus gehört, der voller Sünden war und dann in sich ging -- und ein

Heiliger wurde?«

»Was kann ich tun, deine Seele zu retten?« sprach Katerina. »Sollte ich,

ein schwaches Weib, daran denken können?«

»Wenn es mir gelänge, von hier zu entfliehen, so würde ich mein ganzes

altes Leben aufgeben! Ich würde Buße tun, in die Wüste gehen, ein

härenes Hemd anlegen und Tag und Nacht beten! Ja, nicht einmal

Fastenkost und keinen Fisch soll mein Mund mehr berühren! Kein Gewand

breit' ich mir hin, wenn ich mich zum Schlaf niederlege! Und immer nur

werde ich beten und beten! Und wenn Gottes Gnade auch nicht den

hundertsten Teil meiner Sünden von mir nimmt, dann will ich mich bis an

den Hals in die Erde vergraben oder eine Wand von Stein um mich

aufmauern, nicht Speise noch Trank will ich mehr zu mir nehmen und

sterben, und all mein Hab und Gut will ich den Mönchen vermachen, auf

daß sie vierzig Tage und vierzig Nächte lang Seelenmessen für mich

lesen!«

Katerina sann nach. »Selbst wenn ich dir das Tor aufschlösse, ich kann

dir doch die Ketten nicht aufschmieden!«

»Die Ketten fürchte ich nicht. Du meinst wohl, sie hätten mir Hände und

Füße zusammengeschmiedet? O nein, ich senkte Nebel auf die Augen der

Menschen und hielt ihnen statt der Hände ein trockenes Holz hin. Schau,

hier bin ich: jetzt trag' ich keine Kette mehr!« sagte er und trat frei

in die Mitte des Raumes. »Ich hätte ja auch die Wände nimmer gefürchtet

und wäre hindurchgeschritten; aber dein Mann weiß nicht, was das hier

für Mauern sind: Ein heiliger Anachoret hat sie einst errichtet und

keine unreine Macht ist imstande, den Gefangenen zu befreien, ohne die

Zelle mit jenem Schlüssel aufzuschließen, mit dem der Heilige sie

verschloß. Solch eine Zelle will ich, schrecklichster aller Sünder, auch

mir erbauen, wenn ich nur frei bin!«

»Nun wohl, so höre: ich lass' dich hinaus, doch, wie wenn du mich

trügst,« sprach Katerina und blieb vor der Tür starr stehen. »Wenn du,

statt in dich zu gehen, wieder des Teufels Bruder wirst?«

»Nein, Katerina, ich hab' nicht mehr lange zu leben; auch ohne diese

Marter ist mein Ende nahe. Glaubst du denn, daß ich mich selbst zu

ewigen Qualen verurteilen will?«

Die Schlösser klirrten. »Leb' wohl, der barmherzige Gott behüte dich,

mein Kind!« sprach der Zauberer und küßte sie.

»Rühr mich nicht an, schrecklichster aller Sünder! Geh schnell von

hinnen!« rief Katerina.

Doch er war schon verschwunden.

»Ich hab' ihn befreit!« flüsterte sie und blickte voller Schrecken wie

irr auf die Mauern. »Was soll ich jetzt meinem Manne sagen? Ich bin

verloren! Ich kann mich nur noch lebendig ins Grab legen.« Und sie sank

schluchzend auf den Klotz, auf dem der Gefangene gesessen hatte. »Aber

ich habe eine Seele gerettet!« sagte sie leise. »Ich tat ein Gott

wohlgefälliges Werk. Jedoch mein Mann ...... Ich hab' ihn zum ersten

Male betrogen. O, wie furchtbar, wie schwer wird mir's werden, ihm die

Unwahrheit zu sagen! Da kommt jemand! O, _er_ ist es! es ist mein Mann!«

rief sie verzweifelt, und besinnungslos fiel sie zu Boden.

Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen · 第 31 / 45 题