IV.

Ein Tag kam herauf, doch ein Tag ohne Sonne: der Himmel war finster, und

ein feiner Regen rieselte über die Felder und Wälder und über den

breiten Dnjepr hernieder. Pani Katerina war aufgewacht, aber ihr war

nicht recht froh zumute: ihre Augen waren verweint, und sie war wirr und

ruhelos. »Geliebter Mann, teurer Mann,« sprach sie, »ich hab' einen

wunderlichen Traum geträumt!«

»Was für einen Traum, meine liebe Pani Katerina?«

»Mir träumte etwas so Wunderliches, und wahrlich so lebensvoll, als ob

ich wachte, mir träumte, mein eigner Vater sei jenes selbe Ungeheuer,

das wir beim Jessaul geschaut. Doch ich bitt' dich, trau' dem Traume

nicht: was träumt man nicht alles für Torheit! Mir war's, als stände ich

vor ihm und zitterte, und bei jedem Wort von ihm stöhnte es auf in

meinen Adern. O hättest du gehört, was er gesprochen ....«

»Was sprach er denn, meine goldene Katerina?«

»Er sprach: »Schau mich an, Katerina, ich bin schön! Zu Unrecht sagen

die Leute, daß häßlich ich sei. Doch werde ich dir ein trefflicher Mann

sein. Sieh, wie mein Auge glüht!« -- Da warf er einen flammenden Blick

auf mich, und ich schrie auf und erwachte!«

»Ja, vieles Wahre sagen die Träume. Ist es dir auch bekannt, daß hinter

den Bergen nicht alles mehr ruhig ist? Die Polen sollen sich wieder

gezeigt haben. Gorobetz ließ mir verkünden, ich solle nicht schlafen;

doch seine Sorge ist grundlos: auch ohne dies bin ich kein Schläfer.

Meine Burschen schlugen heut Nacht zwölf Schanzen auf. Wir wollen den

Herren vom Polenreich mit Bleipflaumen aufwarten, und die Schlachzizen

sollen unter der Zuchtrute tanzen lernen!«

»Und weiß mein Vater das?«

»Dein Vater sitzt mir auf dem Halse! Er blieb mir ein Rätsel bis zur

Stunde. Er hat wohl viel gesündigt im fremden Lande. Wahrlich, was mag

das für einen Sinn haben -- schon einen Monat fast lebt er hier, und

noch nie war er lustig und froh, wie ein rechter Kosak! Er weigert sich,

Meth zu trinken! Hörst, Katerina, weigert sich Meth zu trinken, den ich

herausgesackt habe von den Brester Juden! Heda, Bursche!« rief Pan

Danilo, »lauf schnell in den Keller, Junge, und hol mir Judenmeth! Auch

trinkt er keinen Schnaps! Hölle und Teufel! mir scheint fast, Pani

Katerina, er glaubt wohl auch nicht an Christus, unseren Herrgott! Was

dünkt dir?«

»Weiß Gott, was alles du sprichst, Pan Danilo!«

»'S ist wunderlich, Pani,« fuhr Danilo fort und nahm den Tonkrug aus der

Hand des Kosaken entgegen. »Selbst die Katholiken im heidnischen Rom

sind Freunde des Schnapses. Nur die Türken trinken ihn nicht. Nun,

Stetzko, hast du im Keller tüchtig vom Meth geschluckt?«

»Ich habe nur gekostet, Pan!«

»Du lügst, Hundesohn! Sieh nur, wie sich die Fliegen auf deinen

Schnurrbart stürzen! Ich seh's an deinen Augen, daß du einen halben

Kübel ausgesoffen hast. Hei, ihr Kosaken! Was für ein tolles Volk seid

ihr doch! Ihr seid bereit, alles dem Freunde hinzugeben, doch wenn's

gilt zu saufen, dann schluckt ihr's selbst herunter. Ich war schon lange

nicht mehr betrunken, wie, Katerina?«

»Ei, warum lange! Erst am letzten .....«

»Fürchte dich nicht, fürchte dich nicht! Ich trink nicht mehr, als einen

Krug! Da kommt der türkische Abt durch die Tür geschlichen!« murmelte er

durch die Zähne, als er den Schwiegervater erblickte, der sich bückte,

um durch die Tür zu kommen.

»Nun, meine Tochter,« sagte der Vater, nahm die Mütze vom Kopf und

ordnete seinen Gürtel, an dem ein Säbel mit wundersamem Gestein hing,

»die Sonne steht schon hoch, und noch ist das Mittagsmahl nicht

bereitet.«

»Das Mahl ist bereit, Herr Vater, bald wird es gerichtet sein! Nimm den

Topf mit den Klößen vom Feuer!« fuhr Pani Katerina zu der alten Dienerin

gewandt fort, die das Holzgerät abwischte. »Nein, warte, ich tu' es

lieber selbst, ruf mir die Burschen!«

Alle ließen sich im Kreis auf die Erde nieder, der Vater gegenüber dem

Heiligenbild, ihm zur Linken Pan Danilo, ihm zur Rechten Pani Katerina

und zehn der allertreuesten Burschen in blauen und gelben Schupans.

»Ich mag diese Klöße nicht!« sprach der Herr Vater; er aß nur wenig und

legte den Löffel hin, »sie schmecken nach nichts!«

»Ich weiß, besser schmecken dir Judennudeln!« dachte Danilo bei sich.

»Warum, meinst du, die Klöße schmeckten nach nichts, Herr Schwäher?«

fuhr er laut fort. »Oder sind sie vielleicht schlecht bereitet? Meine

Katerina macht so gute Klöße, wie sie selbst der Hetman selten zu essen

bekommt. So was verschmäht man nicht: 's ist ein christlich Gericht!

Alle heiligen und gottesfürchtigen Männer haben stets Klöße gegessen!«

Der Vater sagte kein Wort, und auch Pan Danilo verstummte. Hierauf wurde

ein gebratener Eber mit Kohl und Pflaumen gebracht. »Ich mag das

Schweinefleisch nicht!« sprach Katerinas Vater und steckte den Löffel in

den Kohl.

»Wie kann man Schweinefleisch verschmähen?« sagte Danilo: »nur Türken

und Juden essen kein Schweinefleisch.«

Des Vaters Stimmung wurde noch finsterer und düsterer; nichts als

Mehlbrei mit Milch aß der Alte, und statt des Schnapses trank er nur

dann und wann eine dunkle Flüssigkeit aus einer Flasche, die er im Busen

verwahrt hielt.

Nach dem Mahl legte sich Danilo zu einem kräftigen Schläfchen nieder und

wachte erst gegen Abend auf. Er setzte sich hin, Sendbriefe zu schreiben

an das Heer der Kosaken. Pani Katerina aber saß währenddessen auf der

Ofenbank und schaukelte die Wiege mit ihrem Fuße. Pan Danilo sitzt da,

blickt mit dem linken Aug' auf die Schrift und mit dem rechten nach dem

Fenster. Und ins Fenster leuchten die Berge und glänzt der Dnjepr von

ferne herein; hinter dem Dnjepr blauen die Wälder, und von oben glimmt

der geklärte Himmel der Nacht. Doch nicht auf dem fernen Himmel noch auf

dem blauen Walde ruht Danilos Blick; er schaut nach der vorspringenden

Landzunge. Schwarz erhebt sich darauf das alte Schloß. Ihn deuchte, es

blitzte im Schlosse ein schmales Fensterchen auf. Doch alles blieb

still; gewiß hatte es ihm nur so geschienen. Unten hörte man nur den

Dnjepr dumpf rauschen und von drei Seiten das Tosen der jäh erwachten

Wogen herüber hallen. Nicht Aufruhr war's oder Empörung: der Dnjepr

murrte und grollte wie ein Greis; nichts wollte ihm gefallen, denn alles

um ihn herum war verändert; er führte einen heimlichen Krieg mit den

Bergen, den Wäldern und den Wiesen am Ufer und Klage trägt er ob ihrer

zum Schwarzen Meere hin.

Da erschien plötzlich ein Kahn wie ein schwarzer Fleck auf dem breiten

Spiegel des Dnjepr, und im Schlosse flammte es von neuem auf. Leise

pfiff Danilo, und auf den Pfiff lief der treue Bursche herzu: »Nimm

schnell den scharfen Säbel und das Gewehr, Stetzko, und folge mir!«

»Du gehst?« fragte Pani Katerina.

»Ja, Frau, ich gehe. Ich muß überall hingehen, zu sehen, ob alles in

Ordnung ist.«

»Ich fürchte mich so, allein zu bleiben. Der Schlaf kommt über mich.

Wie, wenn ich heute wieder dasselbe träumte? Ich bin nicht gewiß, ob es

auch wirklich nur ein Traum war, -- so lebendig stand alles vor mir!«

»Die Alte bleibt bei dir, und auf der Diele und im Hof schlafen die

Kosaken!«

»Die Alte schläft auch schon, und auf die Kosaken vertrau ich nicht

sehr. Hör, Pan Danilo: Schließ mich im Zimmer ein und nimm den Schlüssel

mit dir. Dann ist mir nicht so schrecklich zumute, und die Kosaken laß

vor der Tür schlafen.«

»Sei's denn so,« sagte Danilo, wischte den Staub von der Flinte und

schüttete Pulver auf.

Der treue Stetzko stand schon angekleidet da in seiner ganzen

Kosakenausrüstung. Danilo setzte die Lammfellmütze auf, machte das

Fenster zu, schob den Riegel vor die Tür, schloß sie ab und ging

zwischen den schlafenden Kosaken hindurch auf den Hof und in die Berge

hinaus.

Der Himmel war jetzt schon fast völlig klar. Ein frischer Wind wehte

leise vom Dnjepr herüber. Und hätte man nicht von ferne den Schrei einer

Möwe gehört, so wäre alles tot und starr erschienen. Doch jetzt vernahm

man ein Rascheln ..... Burulbasch versteckte sich leise mit seinem

treuen Diener hinter dem Gestrüpp, das einen Verhau verdeckte. Vom Berge

kam jemand herabgeschritten, mit zwei Pistolen im roten Schupan, und an

der Seite den Säbel. -- »Das ist der Schwäher!« sagte Pan Danilo,

während er ihn hinterm Busch beschaute. »Wohin nur geht er zu dieser

Stunde und wozu? -- Gähne nicht, Stetzko, und gib acht, welchen Weg der

Herr Vater einschlägt!« Der Mann im roten Schupan schritt zum Ufer

hinab, machte eine Wendung und ging auf die Landzunge zu: »Ah, dahin

geht's also!« sprach Pan Danilo. »Wie, Stetzko, ist er nicht geradeswegs

in die Höhle des Zaubrers geschlichen?«

»Ja, sicher an keinen anderen Ort, Pan Danilo, sonst würden wir ihn auf

jener Seite sehen, aber er ist vor dem Schlosse verschwunden.«

»Halt, kriechen wir aus dem Verhau und gehen wir seinen Spuren nach.

Dahinter steckt etwas. Nein, Katerina, hab's dir wohl gleich gesagt, daß

dein Vater kein guter Mensch sei; sein Tun ist nicht das eines

Rechtgläubigen!«

Schon standen Pan Danilo und sein getreuer Bursch auf der Landzunge.

Schon waren sie nicht mehr zu sehen, denn der dichte Wald, der das

Schloß rings umgab, ließ nichts von ihnen gewahr werden. In der Höhe

leuchtete schwach ein Fensterchen auf. Unten standen die Kosaken und

trachteten hineinzukommen: doch waren weder Tor noch Tür zu sehen; vom

Hof aus gab's sicher einen Zugang, aber wie sollte man dort hingelangen?

Von ferne hörte man Ketten rasseln und Hunde herumlaufen.

»Was grüble ich noch lange!« sprach Pan Danilo, als er eine hohe Eiche

vor dem Fenster erblickte. »Bleib hier, mein Junge! Ich steig' auf die

Eiche: von hier aus kann ich gerad ins Fenster schauen.«

Da nahm er seinen Gürtel ab, legte den Säbel nieder, damit er nicht

klirrte, griff in die Zweige und schwang sich hinauf. Das Fenster war

immer noch hell. Dicht davor klammerte er sich mit einer Hand, auf einem

Aste zusammengekauert, am Baum fest, und was sah er? Im Zimmer brannte

kein Licht, doch es leuchtete ganz. Die Wände waren mit wunderlichen

Zeichen bedeckt und mit Waffen behängt; doch war es höchst seltsames

Gewaffen: solches tragen weder die Türken noch die Bewohner der Krim,

weder Polen noch Christen, noch das wackere Schwedenvolk. Unter der

Decke flogen Fledermäuse hin und her, und ihr Schatten huschte über die

Wände, die Türen und die Diele. Doch da öffnete sich ganz leise und ohne

zu knarren die Tür. Ein Mann im roten Schupan trat herein und ging

geradewegs auf den Tisch zu, der mit einem weißen Tuche bedeckt war. »Er

ist's! Es ist der Schwiegervater!« Pan Danilo kauerte sich noch mehr

zusammen und drückte sich noch fester an den Baumstamm.

Doch der Schwiegervater hatte nicht Zeit darnach zu sehen, ob ihm jemand

ins Fenster guckte oder nicht. Finster trat er herein und zornig riß er

die Decke vom Tisch herab -- und plötzlich ergoß sich fast unmerklich

ein blau durchsichtiges Licht übers Zimmer, und nur die Wellen des alten

bleichgoldigen Lichtes, die sich noch nicht mit dem neuen vermischt

hatten, fluteten auf und ab wie ein azurenes Meer und zogen sich, wie

ein buntscheinendes Aderngeflecht im Marmor, durch die Luft. Da stellte

er einen Topf auf den Tisch und begann Kräuter hineinzuwerfen.

Pan Danilo sah genauer hin, doch jetzt gewahrte er schon den roten

Schupan nicht mehr; statt dessen hatte jener weite Pluderhosen an, wie

sie die Türken tragen, in seinem Gürtel steckten Pistolen, und auf dem

Kopfe hatte er eine wunderliche Mütze, ganz mit Zeichen bemalt, die aber

weder dem russischen, noch dem polnischen Alphabet angehörten. Er sah

ihm ins Antlitz -- und auch das Gesicht begann sich zu verwandeln: die

Nase fing an sich zu dehnen und hing ihm bald über die Lippe herüber;

der Mund breitete sich bis an die Ohren, ein Hauer kroch aus ihm hervor

und bog sich zur Seite -- vor ihm stand derselbe Zauberer, der einst

beim Jessaul auf der Hochzeit erschienen war. »Dein Traum ist wahr,

Katerina!« dachte Burulbasch.

Der Zauberer fing an, den Tisch schneller zu umkreisen, die Zeichen an

der Wand begannen sich rascher zu ändern und Fledermäuse flatterten

wilder herauf und herab, hin und her. Das blaue Licht ward milder und

milder und schien ganz zu verlöschen. Und schon hellte die Kammer sich

auf von sanft rosigem Licht. Wie ein zarter Klang, so floß das

wundersame Licht in alle Winkel, doch plötzlich schwand es dahin, und es

wurde ganz dunkel. Nur ein Geräusch war noch zu hören, wie wenn zur

stillen Abendstunde der Wind kreisend auf dem Wasserspiegel spielt und

die Silberweiden noch tiefer zum Wasser biegt. Und Pan Danilo ist's, als

ob im Gemach ein Mond aufglänzte, Sterne auf und ab wandelten und ein

dunkelblauer Himmel darüber aufleuchtete, ja sogar die Kühle der

Nachtluft hauchte ihm ins Gesicht. Dann aber ist's Pan Danilo plötzlich

so (er zupfte sich gar am Schnurrbart, ob er nicht schliefe), als breite

sich im Gemach schon kein Himmel mehr aus, sondern als sei dies seine

eigene Schlafkammer: an den Wänden hängen seine Säbel von Tataren und

Türken; längs der Wände Bretter mit allerhand Geschirr und Hausgeräten;

auf dem Tische Brot und Salz, und dort hängt die Wiege. Doch statt der

Heiligen blickten schreckliche Larven aus den Bilderrahmen hervor, und

auf der Ofenbank ..... aber nun sank ein Nebel hernieder und legte sich

auf alles, und es wurde wieder dunkel. Und wieder erfüllt sich der Raum

in wunderbarem Klingen mit rosigem Lichte und wieder steht der Zauberer

regungslos da in seinem sonderbaren Turban. Die Klänge werden immer

stärker und tiefer, das sanfte Rosenlicht wird immer heller, und etwas

wie eine weiße Wolke strich durch das Zimmer. Und es kam Pan Danilo so

vor, als sei die Wolke keine Wolke, sondern eine Frau; doch was war das,

war sie gar aus Luft gewebt? Wie stand sie denn da, ohne die Erde zu

berühren? Sie stützte sich auf nichts, und das rosige Licht und die

Zeichen an der Wand schimmerten durch sie hindurch. Doch jetzt bewegte

sie den durchsichtigen Kopf: die blaßblauen Augen leuchteten still auf,

das Haar fiel ihr kraus wie ein fahlgrauer Nebel über die Schultern, ein

blasses Rot färbte ihre Lippen, wie wenn in der Frühe das junge

Morgenrot kümmerlich durch den bleichen durchsichtigen Himmel

hindurchschimmert, ganz wie ein schwacher Schatten leuchteten ihre

Brauen. »Ah! es ist Katerina.« Und Danilo fühlte, wie ihm die Glieder

erstarrten; er wollte sprechen, doch seine Lippen bewegten sich lautlos.

Der Zauberer stand regungslos auf seinem Platze. »Wo bist du gewesen?«

fragte er, und sie, die vor ihm stand, erschauerte.

»Oh, warum hast du mich gerufen?« stöhnte sie leise. »Ich war so froh.

Ich befand mich an jenem Ort, wo ich geboren ward, und ich lebte

fünfzehn Jahre lang dort. O, wie herrlich ist's da! Wie grün und duftig

ist diese Wiese, auf der ich in meiner Kindheit spielte! Auch die

Feldblümelein sind noch dieselben, und das Haus und der Garten auch! Wie

zärtlich umarmte mich die gute Mutter! Wieviel Liebe ist in ihren Augen!

Sie hat mich geherzt und auf Wange und Mund geküßt und meine blonden

Flechten mit dem dichten Kamme gekämmt. Vater!« Sie heftete ihre

bleichen Augen auf den Zauberer. »Warum hast du meine Mutter ermordet?«

Der Zauberer drohte zornig mit dem Finger. »Hab' ich verlangt, du

sollest davon sprechen?« Und die aus Luft gewobene Schöne erbebte.

»Wo ist deine Herrin jetzt?«

»Meine Herrin, Pani Katerina, ist jetzt eingeschlafen. Ich freute mich

des, flatterte empor und flog von hinnen. Ich wollte meine Mutter schon

lang wieder sehen. Auf einmal war ich wieder fünfzehn Jahre alt und so

leicht wie ein Vogel. Warum hast du mich gerufen?«

»Denkst du noch an all das, was ich dir gestern gesagt?« fragte der

Zauberer so leise, daß man's kaum hören konnte.

»Gewiß denk' ich dran, gewiß. Aber was würd' ich darum geben, es zu

vergessen. Arme Katerina! Sie weiß gar manches von dem nicht, was ihre

Seele weiß.«

»Das ist die Seele Katerinas!« dachte Pan Danilo, aber er wagte es noch

immer nicht, sich zu bewegen.

»Tu Buße, Vater! Ist's dir denn nicht fürchterlich, wenn nach jedem

deiner Morde die Toten aus den Gräbern steigen?«

»Schon wieder die alten Reden!« unterbrach sie der Zauberer streng »Ich

setz' meinen Willen durch, ich werde dich zwingen, mir zu gehorchen.

Katerina wird mich lieben lernen!«

»Oh, ein Ungeheuer bist du, du bist nicht mein Vater!« stöhnte sie auf.

»Nein, nicht sei es so, wie du willst! Hast dir freilich mit unreinen

Zauberkünsten die Macht erworben, meine Seele heraufzubeschwören und sie

zu martern. Doch Gott allein kann sie zwingen, ihm den Willen zu tun.

Nein, nie wird Katerina, solange ich in ihr lebe, die gottverfluchte Tat

vollbringen. O, Vater! Das jüngste Gericht ist nahe! Und wärst du auch

nicht mein Vater, nie würdest du mich zwingen können, meinen treuen,

geliebten Gatten zu betrügen. Ja, wär' mir mein Gemahl auch nicht so

lieb und so treu, ich würd' ihn dennoch nie betrügen; denn Gott liebt

die meineidigen und treulosen Seelen nicht!«

Da heftete sie ihre bleichen Augen auf das Fenster, vor dem Pan Danilo

saß, und hielt starr inne ....

»Wohin blickst du? Was siehst du dort?« schrie der Zauberer auf.

Die luftgewobene Katerina erzitterte. Aber Pan Danilo war schon längst

wieder unten auf der Erde und zog mit seinem getreuen Stetzko in die

Berge.

»Furchtbar, furchtbar!« sprach er bei sich selber und Angst umfing sein

Kosakenherz.

Bald war er wieder auf seinem Hofe, wo die Kosaken noch immer fest

schliefen; nur der eine saß da, hielt Wache und rauchte sein Pfeifchen.

Der Himmel war ganz mit Sternen besät.

Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen · 第 29 / 45 题