III.

Das Landgut Pan Danilos liegt zwischen zwei Bergen in einem engen Tal,

das auf den Dnjepr hinausgeht. Das Haus ist nicht hoch, gleicht von

außen der Hütte eines einfachen Kosaken, und bloß eine Stube ist drin;

doch ist Raum darinnen genug für ihn, wie für sein Weib und für die alte

Magd und zehn auserlesene Burschen. An den Wänden entlang laufen oben

eichene Bohlen. Dort stehen zahlreiche Schüsseln und Töpfe für die

Mahlzeiten, darunter auch Pokale von Silber, in Gold gefaßte Becher, die

der Pan zum Geschenke erhielt oder im Kriege erbeutete. Kostbare

Musketen hängen von den Wänden herab, Säbel, Feuergewehr und Lanzen;

freiwillig oder mit Gewalt nahm man sie aus Tatarenhänden oder von

Türken und Polen, und darum haben sie auch so viele Scharten. Ihr

Anblick gemahnte Pan Danilo gar oft wie Merkzeichen an seine vielen

Gefechte. An den Wänden ziehen sich glatte, gehobelte Eichenbänke hin

und daneben, vor der Ofenbank, hängt die Wiege an ein paar Stricken, die

man durch einen Ring an der Zimmerdecke oben gezogen hat. In der ganzen

Stube ist der Fußboden glatt gestampft und mit Lehm überstrichen. Auf

den Bänken schläft Pan Danilo mit seiner Frau, auf der Ofenbank die alte

Dienerin; in der Wiege spielt und schaukelt das kleine Kind, und auf dem

Fußboden schlafen die Burschen. Doch ist's dem Kosaken lieber, auf

nackter Erde unter dem freien Himmel zu schlafen, da braucht er weder

Kissen noch Federbett: er bettet sich frisches Heu unter den Kopf und

streckt sich wohlig hin aufs Gras. Dann freut's ihn wohl, wenn er mitten

in der Nacht erwacht, nach dem hohen, von Sternen besäten Himmel zu

sehen, und in der nächtlichen Kälte, die doch den Kosakenknochen soviel

Frische verleiht, zu erschauern; er dehnt sich, murmelt schlaftrunken

etwas, steckt seine Pfeife an und hüllt sich fester in seinen warmen

Pelz.

Es war nicht mehr ganz früh, als Burulbasch nach dem gestrigen Fest

erwachte; er setzte sich auf eine Bank in der Ecke und begann seinen neu

eingetauschten türkischen Säbel zu schleifen, Pani Katerina aber machte

sich dran, ein seidenes Tuch mit Gold zu besticken.

Auf einmal trat Katerinas Vater ein, griesgrämig und mürrisch, mit einer

fremdländischen Pfeife zwischen den Zähnen. Er ging auf seine Tochter zu

und begann streng sie auszuforschen, was wohl der Grund sei, daß sie so

spät nach Hause gekommen.

»Nach solcherlei Dingen hast du, Schwäher, nicht sie zu befragen,

sondern mich! Nicht der Frau steht die Antwort zu, sondern dem Manne. So

ist es nun einmal Sitte bei uns, nehmt es nicht übel!« sprach Danilo,

ohne von seiner Arbeit zu lassen, »vielleicht ist es in manchen Ländern,

wo Ungläubige wohnen, anders -- das freilich weiß ich nicht!«

Das rauhe Gesicht des Schwiegervaters verfärbte sich, und seine Augen

blitzten wild auf. »Wer hat denn sonst nach seiner Tochter zu sehen wenn

nicht der Vater!« murmelte er vor sich hin. »Nun denn, so frage ich

dich: wo bist du herumgestrichen bis spät in die Nacht?«

»Das hört sich schon anders an, lieber Schwäher. Darauf will ich dir

antworten, daß ich schon lange nicht mehr zu denen gehöre, die von einem

Weib in Windeln gewickelt werden. Ich weiß wohl, hoch zu Pferde zu

sitzen und in der Hand den scharfen Säbel zu schwingen; auch manches

andere noch versteh' ich ... Ich versteh es auch, niemandem Rechenschaft

zu geben über das, was ich treibe!«

»Ich seh' es, Danilo, ich weiß, du suchst Hader! Wer Heimliches tut, der

führt sicher nichts Gutes im Schilde.«

»Denk doch, was dir beliebt,« sagte Danilo, »auch ich denke das Meine.

Noch war ich nie in einen schändlichen Handel verwickelt, stets stand

ich für rechten Glauben und das Vaterland ein, nicht so wie mancher

Landstreicher, der sich, Gott weiß wo, umhertreibt, wenn rechtgläubige

Leute sich bis aufs Blut schlagen müssen; der will dann das Korn ernten,

das nie er gesät. Die gleichen nicht einmal den Unierten: nicht einmal

in Gottes Kirchen schauen sie hinein. Diese Leute sollte man befragen,

wo sie sich umhertreiben!«

»Holla, weißt du wohl, Kosak!« rief jener .... »Ich schieße ja nicht

gut, höchstens bis auf hundert Klafter trifft meine Kugel ins Herz, auch

bin ich kein allzu starker Fechter: die Stücke, in die ich die Menschen

schlage, sind kleiner als die Körner, draus man Brei kocht!«

»Ich bin bereit,« rief Pan Danilo und schlug flink mit dem Schwert ein

Kreuz in der Luft, als hätt' er gewußt, wozu er's geschliffen.

»Danilo!« schrie Katerina laut, ergriff ihn beim Arm und hing sich an

ihn, »du Wahnwitziger, bedenke doch, gegen wen du den Arm erhebst!

Vater, dein Haar ist so weiß wie Schnee, und doch erhitzest du dich wie

ein törichter Knabe!«

»Weib!« rief Danilo streng, »du weißt, das leide ich nicht, bleibe bei

deinen Weibergeschäften!«

Furchtbar erklirrten die Säbel; Eisen schlug Eisen, und die Kosaken

wurden von Funken besprüht wie von Staub. Weinend lief Katerina in eine

gesonderte Kammer, warf sich aufs Bett und hielt sich die Ohren zu, um

nichts von den Säbelhieben zu hören.

Doch so schlecht kämpften die Kosaken nicht, daß man ihren Hieb

überhören konnte. Das Herz wollte ihr springen, sie hört' es in ihrem

ganzen Leibe erzittern bei den klirrenden Lauten: Klick -- klack!

»Nein, ich halt es nicht aus, ich halt's nicht aus ... vielleicht

sprudelt schon purpurnes Blut aus dem weißen Leibe, vielleicht hat

meinen Liebsten schon seine Kraft verlassen, und ich liege noch hier!«

Und bleich, und kaum atmend schlich sie in die Stube.

Gleichmäßig und furchtbar schlugen sich die Kosaken, nicht der, noch

jener hatte einen Vorteil errungen. Bald drang Katerinas Vater vor und

Pan Danilo wich zurück oder Pan Danilo griff an, und der Vater wehrte

sich finster, und dann standen beide wieder gleich. Die Wut kocht in

ihnen. Sie holten aus .... hui! wie die Säbel schmettern .... und tosend

fliegen die Klingen zur Seite.

»Ich danke dir, Gott!« rief Katerina, doch tat sie gleich einen neuen

Schrei, als sie sah, wie die Kosaken nach den Musketen griffen; sie

richteten die Feuersteine und spannten die Hähne.

Pan Danilo feuerte ab und traf nicht. Jetzt zielte der Vater. Er war

alt, er sah nicht so scharf wie ein Junger und doch zittert ihm die Hand

nicht. Da krachte der Schuß ..... Pan Danilo wankte, und rot lief sein

helles Blut in den linken Ärmel des Kosakenschupans.

»Nein!« rief er, »so billig verkauf ich mich nicht! Nicht der linke Arm

ist der Herr, 's ist der rechte! Bei mir an der Wand hängt eine

türkische Pistole: noch nie in meinem Leben ist sie mir untreu geworden.

Komm von der Wand herab, alter Genosse! Erweis dem Freund deinen

Dienst!« Und Danilo streckte die Hand aus.

»Danilo!« schrie Katerina verzweifelt, packte ihn am Arm und warf sich

vor ihm auf die Knie, »nicht meinetwegen fleh ich dich an. Dein Ende ist

auch das meine: unwürdig ist die Frau, die ihren Mann überlebt; der

Dnjepr, der kalte Dnjepr wird mein Grab sein .. Aber siehe deinen Sohn

an, Danilo, sieh deinen Sohn! Wer wird das arme Kind beschirmen? Wer

wird es hätscheln? Wer wird es lehren, auf rabenschwarzem Rosse

dahinzufliegen, für Freiheit und Glauben zu kämpfen, nach Kosakenart zu

trinken und zechen? Mein Sohn, geh dahin und verdirb! Dein eigner Vater

will dich nicht mehr kennen! Schau, wie er sein Gesicht von dir

abwendet. Oh, jetzt kenn ich dich erst! Du bist ein Tier und kein

Mensch! Du hast das Herz eines Wolfs und den Sinn einer listigen

Schlange! Glaubt' ich denn nicht, du hegest ein Tröpflein Erbarmen in

deinem Herzen, und in deinem steinernen Leibe brenne ein menschlich

Gefühl? Wie töricht täuschte ich mich. Ja, das bereitet dir Freude.

Deine Knochen werden im Grabe vor Freude springen, wenn sie vernehmen,

wie diese ungläubigen Tiere, die Polen, deinen Sohn in die Flamme

werfen, wenn dein Sohn dann unter dem Messer und im siedenden Wasser

liegt und schreit! Oh, ich kenne dich! Froh wärest du wahrlich,

aufzustehn aus dem Grabe und das Feuer mit der Mütze zu schüren, das

unter ihm lodert!«

»Halt, Katerina! Komm her zu mir, lieber Iwan, ich will dich küssen!

Nein, mein Kind, niemand soll dir ein Härchen krümmen. Du wirst

aufwachsen zum Ruhm deines Vaterlands, wie im Sturm rasest du dereinst

vor den Kosaken dahin, mit einer Sammetmütze auf dem Kopfe und mit dem

scharfen Schwert in der Hand! Vater, reich mir die Hand! Wir wollen

vergessen, was zwischen uns vorfiel. Hab' ich dir Unrecht getan, nun so

gesteh' ich meine Schuld ein. Warum gibst du mir nicht deine Hand?«

sprach Danilo zu Katerinas Vater, der immer noch auf seinem alten Platze

dastand und dessen Gesicht weder von Zorn noch von Versöhnung sprach.

»Vater!« rief Katerina, umarmte und küßte ihn, »laß dich erbitten.

Vergib Danilo, er wird dich nimmermehr kränken!«

»Nur deinetwegen vergebe ich ihm, meine Tochter,« erwiderte jener, küßte

sie und seine Augen glänzten absonderlich auf.

Katerina schrak leise zusammen: so seltsam erschien ihr der Kuß, so

seltsam der Glanz seiner Augen. Sie stützte sich mit der Hand auf den

Tisch, auf dem Pan Danilo seinen verwundeten Arm verband. Indessen sann

Danilo darüber nach, daß er falsch gehandelt, und nicht nach rechter

Kosakenart, als er um Vergebung gebeten, obwohl er sich keiner Schuld

bewußt war.

Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen · 第 28 / 45 题