Still leuchtete es über dem Weltall auf: der Mond schien hinterm Berg
empor. Mit einem kostbaren Schleier aus schneeweißem Damast verhüllte er
des Dnjepr gebirgiges Ufer und sein Schatten schlich weit zurück bis ins
Dickicht der Fichten.
Inmitten des Dnjepr schwimmt ein eichener Kahn, vorn sitzen zwei
Burschen, die schwarzen Kosakenmützen schief in die Stirn gedrückt, und
von ihren Rudern sprühen Wasserstrahlen nach allen Seiten auf, wie aus
dem Feuerstein Funken.
Warum singen die Kosaken nicht? Warum sprechen sie nicht davon, daß die
römischen Pfaffen die Ukraine durchwandern, die Kosaken umzutaufen und
zu Katholiken zu machen, und auch nicht davon, wie ihre Horde zwei ganze
Tage lang am Salzsee gekämpft. Wie sollten sie auch singen und sagen von
kühnen Taten? Pan Danilo, ihr Herr, war in Gedanken versunken, ein Ärmel
seines rostroten Schupans glitt aus dem Boot und sank ins Wasser, aber
ihre Herrin, Pani Katerina, wiegte leise das Kind und wendete kein Auge
von dem Manne, und auf ihren festlichen Rock, der nicht von schützender
Leinwand bedeckt war, sprühte das Wasser herab wie grauer Staub.
Köstlich ist von der Mitte des Dnjepr die Schau auf die hohen Berge, die
weiten Wiesen und die Wälder im Grün! Das sind nicht Berge wie andere
auch: ihr Fuß ist nicht zu sehen, nach oben wie nach unten ragen die
spitzen Gipfel empor, sich im Wasser spiegelnd, und über und unter ihnen
dehnt sich hoch und weit der Himmel. Auch auf den Hügeln die Wälder sind
keine Wälder: das sind Haare auf des Waldgreises zottigem Haupte. Unten
umspült ihm das Wasser den Bart, und ganz hoch über dem Barte und über
den Haaren erhebt sich der hohe Himmel. Auch die Wiesen sind keine
Wiesen: ein grüner Gürtel ist's, der den runden Himmel in der Mitte
umgürtet, und auf seiner oberen wie auf der unteren Hälfte lustwandelt
der Mond.
Pan Danilo blickt nicht zur Seite, er blickt auf sein junges Weib.
»Warum versankst du in Gram, mein junges Weib, meine goldene Katerina?«
»Nicht bin ich in Gram versunken, mein Herr Danilo! Mich erschreckten
nur die seltsamen Sagen vom zaubernden Mann. Man sagt doch, gar
furchtbar an Gestalt sei er zur Welt gekommen ..... und von klein auf
wollte kein Kind mit ihm spielen. Hör', Pan Danilo, wie schrecklich das
ist, was man erzählt: man sagt, es dünkte ihn stets, daß ihn alle
verhöhnten. Geschieht's, daß abends, wenn's dunkelt, ein Mensch ihm
begegnet, so meint der gleich zu sehen, wie jener den Mund auftut und
die Zähne fletscht. Und dann ist der Mensch am folgenden Tage tot. Es
ward mir so sonderbar, so grauenvoll ward mir zumute, als ich die Mären
vernahm,« sprach Katerina, und sie nahm ein Tuch und wischte damit ihrem
Kinde, das ihr in den Armen schlief, das Gesicht. Dies Tuch war mit
Blättern und Beeren geziert, die mit roter Seide darauf gestickt waren.
Pan Danilo sprach kein Wort. Er blickte ins Dunkel der Schatten hinüber,
wo in der Ferne sich hinter dem Wald ein Erdwall gleich einem schwarzen
Streifen dahinzog, und wo hinter dem Walle ein altes Schloß in die Höhe
starrte. Da zeichneten sich in Danilos Antlitz drei Falten über den
Brauen ab, und die linke Hand spielte mit dem kecken Schnurrbart. »Nicht
das ist schrecklich, daß er ein Zauberer ist,« sprach er, »schrecklich
ist's, daß er ein schlimmer Gast ist. Was fiel ihm ein, hierher zu
kommen? Ich hörte, die Polen wollen eine Festung bauen, um uns den Weg
zu den Saporogern abzuschneiden. Mag's wahr sein ..... Dies Teufelsnest
will ich vernichten, sobald nur das Gerücht umzugehen beginnt, daß das
ein Schlupfwinkel sei! Ich will den alten Zauberer verbrennen, daß
selbst den Raben nichts zu picken mehr bleibt. Doch ich denke mir, er
besitzt wohl nicht wenig Gold und allerhand Gut. Hier ist's, wo dieser
Satan wohnt! Wär' Gold bei ihm zu finden, so ...... Wir rudern sogleich
bei den Kreuzen vorbei -- da ist der Friedhof, wo das unreine Gebein
seiner Ahnen modert. Sie alle, sagt man, waren bereit, sich für einen
Groschen dem Satan zu verkaufen, mitsamt ihrer Seele und ihrem
zerlumpten Schupan. Doch besitzt er in Wahrheit soviel Gold, dürfte man
jetzt nicht lange mehr zögern, nicht immer kann man's im Kriege da
erbeuten.«
»Ich kenne dein Vorhaben wohl: nichts Gutes verkündet mir die Begegnung
mit ihm. Du atmest so schwer, du blickst so rauh, deine Brauen sind so
finster über den Augen geballt! ....«
»Schweig, Weib!« rief Danilo wütend, »wer sich mit euch verbindet, wird
selbst zum Weibe. Gib mir Feuer für meine Pfeife, Junge!«
Er wandte sich an einen der Ruderer, der klopfte glühende Asche aus
seiner Pfeife und tat sie in die Pfeife des Herrn.
»Sie schreckt mich mit dem Zauberer!« fuhr Pan Danilo fort. »Der Kosak
fürchtet, Gott Lob und Dank, weder Teufel, noch römische Priester. Das
wär' was Rechtes, wenn wir auf die Weiber zu hören anfingen. Nicht wahr,
Burschen? Unsere Frau ist die Pfeife und die Schärfe des Schwerts!«
Katerina verstummte und ließ die Augen über das träge Wasser gleiten;
der Wind kräuselte die stille Flut, und der ganze Dnjepr schimmerte
silbern wie ein Wolfsfell zur Nacht.
Der Kahn machte eine Wendung und glitt am waldigen Ufer entlang. Jetzt
wurde der Friedhof am Ufer sichtbar. Haufen morscher Kreuze drängten
sich da aneinander. Da blühte kein Wachholder zwischen ihnen, da grünte
kein Moos, und nur der Mond schien von seiner himmlischen Höhe wärmend
auf sie herab.
»Hört ihr das Schreien, ihr Burschen? Jemand ruft uns zu Hilfe!« sprach
da Pan Danilo, indem er sich an seine Ruderer wandte.
»Ja, wir hören jemand rufen, und dort von jener Seite her, scheint's!«
riefen alle Burschen zugleich und wiesen nach dem Friedhof. Doch es war
schon wieder alles still. Der Kahn wendete nun und fuhr um eine
Landzunge herum. Plötzlich ließen die Leute ihre Ruder sinken und
blickten starr zum Ufer hinüber. Auch Pan Danilo hielt inne: Angst und
kaltes Grauen rannen durch der Kosaken Adern.
Das Kreuz auf einem der Gräber wankte, und plötzlich erhob sich daraus
ganz leise ein vertrockneter Leichnam. Er hatte einen Bart, der bis auf
den Gürtel reichte, und lange Krallen an den Fingern, die noch länger
waren als die Finger. Leis erhob er die Arme, sein Gesicht erschauerte
und verzerrte sich. Man sah ihm an, daß er entsetzliche Qualen litt.
»Mir ist so schwül, so schwül!« stöhnte er mit wilder unmenschlicher
Stimme. Seine Stimme bohrte sich einem ins Herz wie ein Messer. Aber
plötzlich war der Leichnam wieder in der Erde verschwunden. Dann wankte
ein anderes Kreuz, und wiederum entstieg ein Leichnam dem Grabe, noch
schrecklicher und noch größer als jener: er war ganz von Haar
überwachsen, sein Bart ging bis an die Knie und die Krallen an den
Knochen waren noch länger. Er rief noch wilder: »Mir ist so schwül!« und
sank in die Erde zurück. Jetzt wankte ein drittes Kreuz, und ein dritter
Leichnam stand auf. Da schien's, als wenn ein riesenhaftes Knochengerüst
sich hoch über die Erde erhob. Der Bart floß bis zu den Fersen herab,
die Finger mit den riesigen Krallen gruben sich tief in die Erde,
furchtbar warf er die Arme empor, als ob er bis an den Mond langen
wollte, und er begann zu schreien, wie wenn ihm einer seine gelben
Knochen zersägte ....
Das schlafende Kind, das in Katerinas Armen lag, stieß einen Schrei aus
und erwachte; die Pani selbst schrie auf, die Ruderer ließen die Mützen
in den Dnjepr fallen, und auch der Pan erschauerte.
Auf einmal aber war alles verschwunden, als wär' es überhaupt nie
gewesen, doch die Burschen griffen noch lange nicht zu den Rudern.
Besorgt blickte Burulbasch auf seine junge Frau, die das schreiende Kind
voller Schrecken in ihren Armen in Schlaf wiegte; er drückte sie an sein
Herz und küßte sie auf die Stirn. »Fürchte dich nicht, Katerina! Schau:
es ist ja nichts!« sprach er und wies nach allen Seiten. »Der Zauberer
will den Menschen nur Schrecken einjagen, damit ihm niemand bis an sein
unsauberes Nest gelange. Nur Weiber kann er damit schrecken! Gib mir den
Sohn doch herüber!«
Bei diesen Worten hob Pan Danilo seinen Sohn in die Höhe und drückte ihn
an seine Lippen. »Nun, mein Iwan, fürchtest du dich vor Zauberern? --
Sag: >nein, Vater, ich bin ein Kosak!< Doch genug, hör auf zu weinen!
Wir fahren nach Hause! Gleich sind wir wieder zu Haus, dann kocht Mutter
dir Brei, legt den Iwan in die Wiege und singt ihm das Lied:
Lulli, lulli, lulli, lulli!
Schlaf, mein Söhnchen, schlafe ein!
Bleib gesund und wachs mir fein!
Bring Kosaken Ruhm und Freud,
Und den Feinden Schmerz und Leid!
Hör', Katerina, ich glaube, dein Vater will nicht in Frieden mit uns
leben. So mürrisch kam er hier an und so verdrießlich, als zürnte er uns
... Wenn er nicht zufrieden ist -- wozu kam er denn her? Er wollte nicht
mit uns trinken auf die Kosakenfreiheit und hat nicht einmal das Kind in
den Armen gewiegt! Zuerst wollte ich ihm alles anvertrauen, was mir das
Herze beschwert, doch etwas hielt mich zurück, und meine Rede stockte.
Nein, er hat kein Kosakenherz! Ein Kosakenherz fängt gleich laut in der
Brust an zu schlagen, wenn's einem andern begegnet! Nun, liebe Burschen,
ist das Ufer schon nah? Ihr sollt auch neue Mützen bekommen. Du,
Stetzko, kriegst eine, die mit Sammet und Gold verziert ist. Ich hab'
sie dereinst einem Tataren mitsamt seinem Kopfe genommen; auch sein
ganzes Rüstzeug fiel mir damals zu, nur seine Seele allein ließ ich
frei. Legt an! Siehst du, Iwan, da sind wir schon, und du weinst noch
immer! Nimm ihn, Katerina!«
Alle gingen ans Land. Hinter dem Berge stieg ein Strohdach auf, das war
Pan Danilos Erbsitz. Dahinter lag noch ein anderer Berg, dann kam gleich
freies Feld, und hundert Werst weit konnte man laufen, ohne auf eine
Kosakenseele zu stoßen.