II.

Still leuchtete es über dem Weltall auf: der Mond schien hinterm Berg

empor. Mit einem kostbaren Schleier aus schneeweißem Damast verhüllte er

des Dnjepr gebirgiges Ufer und sein Schatten schlich weit zurück bis ins

Dickicht der Fichten.

Inmitten des Dnjepr schwimmt ein eichener Kahn, vorn sitzen zwei

Burschen, die schwarzen Kosakenmützen schief in die Stirn gedrückt, und

von ihren Rudern sprühen Wasserstrahlen nach allen Seiten auf, wie aus

dem Feuerstein Funken.

Warum singen die Kosaken nicht? Warum sprechen sie nicht davon, daß die

römischen Pfaffen die Ukraine durchwandern, die Kosaken umzutaufen und

zu Katholiken zu machen, und auch nicht davon, wie ihre Horde zwei ganze

Tage lang am Salzsee gekämpft. Wie sollten sie auch singen und sagen von

kühnen Taten? Pan Danilo, ihr Herr, war in Gedanken versunken, ein Ärmel

seines rostroten Schupans glitt aus dem Boot und sank ins Wasser, aber

ihre Herrin, Pani Katerina, wiegte leise das Kind und wendete kein Auge

von dem Manne, und auf ihren festlichen Rock, der nicht von schützender

Leinwand bedeckt war, sprühte das Wasser herab wie grauer Staub.

Köstlich ist von der Mitte des Dnjepr die Schau auf die hohen Berge, die

weiten Wiesen und die Wälder im Grün! Das sind nicht Berge wie andere

auch: ihr Fuß ist nicht zu sehen, nach oben wie nach unten ragen die

spitzen Gipfel empor, sich im Wasser spiegelnd, und über und unter ihnen

dehnt sich hoch und weit der Himmel. Auch auf den Hügeln die Wälder sind

keine Wälder: das sind Haare auf des Waldgreises zottigem Haupte. Unten

umspült ihm das Wasser den Bart, und ganz hoch über dem Barte und über

den Haaren erhebt sich der hohe Himmel. Auch die Wiesen sind keine

Wiesen: ein grüner Gürtel ist's, der den runden Himmel in der Mitte

umgürtet, und auf seiner oberen wie auf der unteren Hälfte lustwandelt

der Mond.

Pan Danilo blickt nicht zur Seite, er blickt auf sein junges Weib.

»Warum versankst du in Gram, mein junges Weib, meine goldene Katerina?«

»Nicht bin ich in Gram versunken, mein Herr Danilo! Mich erschreckten

nur die seltsamen Sagen vom zaubernden Mann. Man sagt doch, gar

furchtbar an Gestalt sei er zur Welt gekommen ..... und von klein auf

wollte kein Kind mit ihm spielen. Hör', Pan Danilo, wie schrecklich das

ist, was man erzählt: man sagt, es dünkte ihn stets, daß ihn alle

verhöhnten. Geschieht's, daß abends, wenn's dunkelt, ein Mensch ihm

begegnet, so meint der gleich zu sehen, wie jener den Mund auftut und

die Zähne fletscht. Und dann ist der Mensch am folgenden Tage tot. Es

ward mir so sonderbar, so grauenvoll ward mir zumute, als ich die Mären

vernahm,« sprach Katerina, und sie nahm ein Tuch und wischte damit ihrem

Kinde, das ihr in den Armen schlief, das Gesicht. Dies Tuch war mit

Blättern und Beeren geziert, die mit roter Seide darauf gestickt waren.

Pan Danilo sprach kein Wort. Er blickte ins Dunkel der Schatten hinüber,

wo in der Ferne sich hinter dem Wald ein Erdwall gleich einem schwarzen

Streifen dahinzog, und wo hinter dem Walle ein altes Schloß in die Höhe

starrte. Da zeichneten sich in Danilos Antlitz drei Falten über den

Brauen ab, und die linke Hand spielte mit dem kecken Schnurrbart. »Nicht

das ist schrecklich, daß er ein Zauberer ist,« sprach er, »schrecklich

ist's, daß er ein schlimmer Gast ist. Was fiel ihm ein, hierher zu

kommen? Ich hörte, die Polen wollen eine Festung bauen, um uns den Weg

zu den Saporogern abzuschneiden. Mag's wahr sein ..... Dies Teufelsnest

will ich vernichten, sobald nur das Gerücht umzugehen beginnt, daß das

ein Schlupfwinkel sei! Ich will den alten Zauberer verbrennen, daß

selbst den Raben nichts zu picken mehr bleibt. Doch ich denke mir, er

besitzt wohl nicht wenig Gold und allerhand Gut. Hier ist's, wo dieser

Satan wohnt! Wär' Gold bei ihm zu finden, so ...... Wir rudern sogleich

bei den Kreuzen vorbei -- da ist der Friedhof, wo das unreine Gebein

seiner Ahnen modert. Sie alle, sagt man, waren bereit, sich für einen

Groschen dem Satan zu verkaufen, mitsamt ihrer Seele und ihrem

zerlumpten Schupan. Doch besitzt er in Wahrheit soviel Gold, dürfte man

jetzt nicht lange mehr zögern, nicht immer kann man's im Kriege da

erbeuten.«

»Ich kenne dein Vorhaben wohl: nichts Gutes verkündet mir die Begegnung

mit ihm. Du atmest so schwer, du blickst so rauh, deine Brauen sind so

finster über den Augen geballt! ....«

»Schweig, Weib!« rief Danilo wütend, »wer sich mit euch verbindet, wird

selbst zum Weibe. Gib mir Feuer für meine Pfeife, Junge!«

Er wandte sich an einen der Ruderer, der klopfte glühende Asche aus

seiner Pfeife und tat sie in die Pfeife des Herrn.

»Sie schreckt mich mit dem Zauberer!« fuhr Pan Danilo fort. »Der Kosak

fürchtet, Gott Lob und Dank, weder Teufel, noch römische Priester. Das

wär' was Rechtes, wenn wir auf die Weiber zu hören anfingen. Nicht wahr,

Burschen? Unsere Frau ist die Pfeife und die Schärfe des Schwerts!«

Katerina verstummte und ließ die Augen über das träge Wasser gleiten;

der Wind kräuselte die stille Flut, und der ganze Dnjepr schimmerte

silbern wie ein Wolfsfell zur Nacht.

Der Kahn machte eine Wendung und glitt am waldigen Ufer entlang. Jetzt

wurde der Friedhof am Ufer sichtbar. Haufen morscher Kreuze drängten

sich da aneinander. Da blühte kein Wachholder zwischen ihnen, da grünte

kein Moos, und nur der Mond schien von seiner himmlischen Höhe wärmend

auf sie herab.

»Hört ihr das Schreien, ihr Burschen? Jemand ruft uns zu Hilfe!« sprach

da Pan Danilo, indem er sich an seine Ruderer wandte.

»Ja, wir hören jemand rufen, und dort von jener Seite her, scheint's!«

riefen alle Burschen zugleich und wiesen nach dem Friedhof. Doch es war

schon wieder alles still. Der Kahn wendete nun und fuhr um eine

Landzunge herum. Plötzlich ließen die Leute ihre Ruder sinken und

blickten starr zum Ufer hinüber. Auch Pan Danilo hielt inne: Angst und

kaltes Grauen rannen durch der Kosaken Adern.

Das Kreuz auf einem der Gräber wankte, und plötzlich erhob sich daraus

ganz leise ein vertrockneter Leichnam. Er hatte einen Bart, der bis auf

den Gürtel reichte, und lange Krallen an den Fingern, die noch länger

waren als die Finger. Leis erhob er die Arme, sein Gesicht erschauerte

und verzerrte sich. Man sah ihm an, daß er entsetzliche Qualen litt.

»Mir ist so schwül, so schwül!« stöhnte er mit wilder unmenschlicher

Stimme. Seine Stimme bohrte sich einem ins Herz wie ein Messer. Aber

plötzlich war der Leichnam wieder in der Erde verschwunden. Dann wankte

ein anderes Kreuz, und wiederum entstieg ein Leichnam dem Grabe, noch

schrecklicher und noch größer als jener: er war ganz von Haar

überwachsen, sein Bart ging bis an die Knie und die Krallen an den

Knochen waren noch länger. Er rief noch wilder: »Mir ist so schwül!« und

sank in die Erde zurück. Jetzt wankte ein drittes Kreuz, und ein dritter

Leichnam stand auf. Da schien's, als wenn ein riesenhaftes Knochengerüst

sich hoch über die Erde erhob. Der Bart floß bis zu den Fersen herab,

die Finger mit den riesigen Krallen gruben sich tief in die Erde,

furchtbar warf er die Arme empor, als ob er bis an den Mond langen

wollte, und er begann zu schreien, wie wenn ihm einer seine gelben

Knochen zersägte ....

Das schlafende Kind, das in Katerinas Armen lag, stieß einen Schrei aus

und erwachte; die Pani selbst schrie auf, die Ruderer ließen die Mützen

in den Dnjepr fallen, und auch der Pan erschauerte.

Auf einmal aber war alles verschwunden, als wär' es überhaupt nie

gewesen, doch die Burschen griffen noch lange nicht zu den Rudern.

Besorgt blickte Burulbasch auf seine junge Frau, die das schreiende Kind

voller Schrecken in ihren Armen in Schlaf wiegte; er drückte sie an sein

Herz und küßte sie auf die Stirn. »Fürchte dich nicht, Katerina! Schau:

es ist ja nichts!« sprach er und wies nach allen Seiten. »Der Zauberer

will den Menschen nur Schrecken einjagen, damit ihm niemand bis an sein

unsauberes Nest gelange. Nur Weiber kann er damit schrecken! Gib mir den

Sohn doch herüber!«

Bei diesen Worten hob Pan Danilo seinen Sohn in die Höhe und drückte ihn

an seine Lippen. »Nun, mein Iwan, fürchtest du dich vor Zauberern? --

Sag: >nein, Vater, ich bin ein Kosak!< Doch genug, hör auf zu weinen!

Wir fahren nach Hause! Gleich sind wir wieder zu Haus, dann kocht Mutter

dir Brei, legt den Iwan in die Wiege und singt ihm das Lied:

Lulli, lulli, lulli, lulli!

Schlaf, mein Söhnchen, schlafe ein!

Bleib gesund und wachs mir fein!

Bring Kosaken Ruhm und Freud,

Und den Feinden Schmerz und Leid!

Hör', Katerina, ich glaube, dein Vater will nicht in Frieden mit uns

leben. So mürrisch kam er hier an und so verdrießlich, als zürnte er uns

... Wenn er nicht zufrieden ist -- wozu kam er denn her? Er wollte nicht

mit uns trinken auf die Kosakenfreiheit und hat nicht einmal das Kind in

den Armen gewiegt! Zuerst wollte ich ihm alles anvertrauen, was mir das

Herze beschwert, doch etwas hielt mich zurück, und meine Rede stockte.

Nein, er hat kein Kosakenherz! Ein Kosakenherz fängt gleich laut in der

Brust an zu schlagen, wenn's einem andern begegnet! Nun, liebe Burschen,

ist das Ufer schon nah? Ihr sollt auch neue Mützen bekommen. Du,

Stetzko, kriegst eine, die mit Sammet und Gold verziert ist. Ich hab'

sie dereinst einem Tataren mitsamt seinem Kopfe genommen; auch sein

ganzes Rüstzeug fiel mir damals zu, nur seine Seele allein ließ ich

frei. Legt an! Siehst du, Iwan, da sind wir schon, und du weinst noch

immer! Nimm ihn, Katerina!«

Alle gingen ans Land. Hinter dem Berge stieg ein Strohdach auf, das war

Pan Danilos Erbsitz. Dahinter lag noch ein anderer Berg, dann kam gleich

freies Feld, und hundert Werst weit konnte man laufen, ohne auf eine

Kosakenseele zu stoßen.

Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen · 第 27 / 45 题