Packe dich, Satansbrut!
Aus einem kleinrussischen Schwank.
Die Frische des Morgens wehte über der erwachten Stadt. Aus allen
Schloten stiegen Rauchsäulen der Sonne entgegen. Auf dem Jahrmarkt wurde
es wieder lebendig. Schafe blökten, Pferde wieherten, das Schnattern der
Gänse und der Händlerinnen erfüllte wieder das ganze Lager -- und die
schrecklichen Gerüchte vom _roten Kittel_, die in der geheimnisvollen
Stimmung der Dämmerstunde die Menschen in eine solche Angst versetzt
hatten, waren mit dem Heraufkommen des Morgens verschwunden.
Gähnend und sich räkelnd schlummerte Tscherewik in der strohgedeckten
Scheune seines Gevatters unter Ochsen, Mehlsäcken und Weizen weiter und
schien gar keine Lust zu haben, sich von seinen Träumen zu trennen, als
er auf einmal eine Stimme vernahm, die ihm ebenso vertraut vorkam, wie
der gesegnete Ofen seiner Stube oder die Kneipe einer entfernten
Verwandten, die keine zehn Schritt von der Schwelle seines Hauses
entfernt war, diese Zufluchtsstätten seiner großen Faulheit.
»Steh auf! Steh auf!« knurrte die zärtliche Gattin, die ihn aus aller
Kraft am Arm zerrte, über seinem Ohre.
Statt jeder Antwort blies Tscherewik die Backen auf und begann mit den
Armen zu fuchteln wie ein Trommelschläger.
»Du verrückter Kerl!« schrie sie und prallte vor dem Schwung seiner
Hand, die ihr beinahe ins Gesicht gefahren wäre, zurück.
Tscherewik erhob sich, rieb sich die Augen und sah sich um.
»Hol' mich der Henker! Aber deine Fratze kam mir wie eine Trommel vor,
auf der ich den Zapfenstreich schlagen mußte, mein Täubchen. Akkurat wie
die Moskowiter! diese Schweinsfratzen, von denen der Gevatter sagt ....«
»Laß das Tratschen! Geh, führ die Stute auf den Markt. Es ist einfach
zum Lachen. Wir sind auf den Jahrmarkt gekommen, und bisher ist noch
keine Handvoll Hanf verkauft ....«
»Ja, Frauchen,« sagte Tscherewik, »jetzt wird man schön über uns
lachen!«
»Geh, geh! Man lacht ohnehin über dich!«
»Du siehst ja, ich habe mich noch nicht gewaschen!« fuhr Tscherewik
gähnend und sich den Rücken kratzend fort, um Zeit für seine Faulheit zu
gewinnen.
»Du hast dir ja eine recht passende Zeit für deine Reinlichkeit gewählt!
Wann war sowas bei dir Sitte? Da ist ein Handtuch für dich, wisch dir
deine Fresse ab.«
Sie ergriff etwas, das zu einem Knäuel geballt dalag, und -- schleuderte
es entsetzt von sich: es war der Ärmelaufschlag eines _roten Kittels_.
»Geh schon, geh an deine Sachen!« wiederholte sie, bereits wieder
ermutigt, als sie sah, daß ihm vor Angst die Beine gelähmt waren und die
Zähne klapperten.
»Das wird ja jetzt ein schönes Geschäft werden!« brummte er bei sich,
während er die Stute losband und sie auf den Platz führte. »Nicht ohne
Grund also lag mir's, als ich zu diesem verfluchten Jahrmarkt fuhr, so
schwer auf der Seele, als hatte mir jemand eine krepierte Kuh
aufgeladen; und die Ochsen sind ja auch zweimal von selbst mitten auf
dem Wege umgekehrt. Und da fällt mir ein, wir sind ja auch am Montag
abgereist. Da haben wir die Bescherung! .... Ein schöner Störenfried ist
mir dieser verdammte Teufel: Kann er nicht seinen Kittel ohne den einen
Ärmel tragen! Aber nein, er gönnt den Leuten ihre liebe Ruhe nicht. Wenn
ich beispielsweise, was Gott bewahre, der Teufel wäre, -- hätte ich mich
da um solch einen verfluchten Fetzen herumgetrollt?«
Hier wurde unser Tscherewik durch eine fette und schrille Stimme in
seinem Philosophieren unterbrochen. Vor ihm stand ein großer Zigeuner.
»Was hast du zu verkaufen, guter Mann?«
Der Händler blieb eine Weile stumm, sah ihn vom Kopf bis zu den Füßen an
und sagte dann mit ruhiger Miene, ohne stehen zu bleiben oder die Zügel
aus der Hand zu lassen: »Du siehst ja selbst, was ich zu verkaufen
habe!«
»Riemen?« fragte der Zigeuner und blickte auf die Zügel in Tscherewiks
Hand.
»Jawohl, Riemen -- wenn eine Stute 'nem Riemen ähnelt!«
»Potztausend, Landsmann! Du hast sie wohl mit Stroh gefüttert!«
»Mit Stroh?«
Tscherewik wollte eben die Zügel anziehen, um seine Stute vorzuführen,
und den schamlosen Beleidiger Lügen zu strafen; aber seine Hand fuhr ihm
mit ungewöhnlicher Leichtigkeit ans Kinn. Was sah er! -- Die Zügel waren
durchgeschnitten, und daran gebunden sah man -- oh Entsetzen! Seine
Haare standen ihm zu Berge! -- den Ärmelfetzen eines _roten Kittels_!
.... Ausspuckend, sich bekreuzigend, und mit den Armen fuchtelnd floh er
von dannen vor diesem unerwarteten Geschenk, und verschwand flinker als
irgendein junger Bursch in der Menge.