X.

Packe dich, Satansbrut!

Aus einem kleinrussischen Schwank.

Die Frische des Morgens wehte über der erwachten Stadt. Aus allen

Schloten stiegen Rauchsäulen der Sonne entgegen. Auf dem Jahrmarkt wurde

es wieder lebendig. Schafe blökten, Pferde wieherten, das Schnattern der

Gänse und der Händlerinnen erfüllte wieder das ganze Lager -- und die

schrecklichen Gerüchte vom _roten Kittel_, die in der geheimnisvollen

Stimmung der Dämmerstunde die Menschen in eine solche Angst versetzt

hatten, waren mit dem Heraufkommen des Morgens verschwunden.

Gähnend und sich räkelnd schlummerte Tscherewik in der strohgedeckten

Scheune seines Gevatters unter Ochsen, Mehlsäcken und Weizen weiter und

schien gar keine Lust zu haben, sich von seinen Träumen zu trennen, als

er auf einmal eine Stimme vernahm, die ihm ebenso vertraut vorkam, wie

der gesegnete Ofen seiner Stube oder die Kneipe einer entfernten

Verwandten, die keine zehn Schritt von der Schwelle seines Hauses

entfernt war, diese Zufluchtsstätten seiner großen Faulheit.

»Steh auf! Steh auf!« knurrte die zärtliche Gattin, die ihn aus aller

Kraft am Arm zerrte, über seinem Ohre.

Statt jeder Antwort blies Tscherewik die Backen auf und begann mit den

Armen zu fuchteln wie ein Trommelschläger.

»Du verrückter Kerl!« schrie sie und prallte vor dem Schwung seiner

Hand, die ihr beinahe ins Gesicht gefahren wäre, zurück.

Tscherewik erhob sich, rieb sich die Augen und sah sich um.

»Hol' mich der Henker! Aber deine Fratze kam mir wie eine Trommel vor,

auf der ich den Zapfenstreich schlagen mußte, mein Täubchen. Akkurat wie

die Moskowiter! diese Schweinsfratzen, von denen der Gevatter sagt ....«

»Laß das Tratschen! Geh, führ die Stute auf den Markt. Es ist einfach

zum Lachen. Wir sind auf den Jahrmarkt gekommen, und bisher ist noch

keine Handvoll Hanf verkauft ....«

»Ja, Frauchen,« sagte Tscherewik, »jetzt wird man schön über uns

lachen!«

»Geh, geh! Man lacht ohnehin über dich!«

»Du siehst ja, ich habe mich noch nicht gewaschen!« fuhr Tscherewik

gähnend und sich den Rücken kratzend fort, um Zeit für seine Faulheit zu

gewinnen.

»Du hast dir ja eine recht passende Zeit für deine Reinlichkeit gewählt!

Wann war sowas bei dir Sitte? Da ist ein Handtuch für dich, wisch dir

deine Fresse ab.«

Sie ergriff etwas, das zu einem Knäuel geballt dalag, und -- schleuderte

es entsetzt von sich: es war der Ärmelaufschlag eines _roten Kittels_.

»Geh schon, geh an deine Sachen!« wiederholte sie, bereits wieder

ermutigt, als sie sah, daß ihm vor Angst die Beine gelähmt waren und die

Zähne klapperten.

»Das wird ja jetzt ein schönes Geschäft werden!« brummte er bei sich,

während er die Stute losband und sie auf den Platz führte. »Nicht ohne

Grund also lag mir's, als ich zu diesem verfluchten Jahrmarkt fuhr, so

schwer auf der Seele, als hatte mir jemand eine krepierte Kuh

aufgeladen; und die Ochsen sind ja auch zweimal von selbst mitten auf

dem Wege umgekehrt. Und da fällt mir ein, wir sind ja auch am Montag

abgereist. Da haben wir die Bescherung! .... Ein schöner Störenfried ist

mir dieser verdammte Teufel: Kann er nicht seinen Kittel ohne den einen

Ärmel tragen! Aber nein, er gönnt den Leuten ihre liebe Ruhe nicht. Wenn

ich beispielsweise, was Gott bewahre, der Teufel wäre, -- hätte ich mich

da um solch einen verfluchten Fetzen herumgetrollt?«

Hier wurde unser Tscherewik durch eine fette und schrille Stimme in

seinem Philosophieren unterbrochen. Vor ihm stand ein großer Zigeuner.

»Was hast du zu verkaufen, guter Mann?«

Der Händler blieb eine Weile stumm, sah ihn vom Kopf bis zu den Füßen an

und sagte dann mit ruhiger Miene, ohne stehen zu bleiben oder die Zügel

aus der Hand zu lassen: »Du siehst ja selbst, was ich zu verkaufen

habe!«

»Riemen?« fragte der Zigeuner und blickte auf die Zügel in Tscherewiks

Hand.

»Jawohl, Riemen -- wenn eine Stute 'nem Riemen ähnelt!«

»Potztausend, Landsmann! Du hast sie wohl mit Stroh gefüttert!«

»Mit Stroh?«

Tscherewik wollte eben die Zügel anziehen, um seine Stute vorzuführen,

und den schamlosen Beleidiger Lügen zu strafen; aber seine Hand fuhr ihm

mit ungewöhnlicher Leichtigkeit ans Kinn. Was sah er! -- Die Zügel waren

durchgeschnitten, und daran gebunden sah man -- oh Entsetzen! Seine

Haare standen ihm zu Berge! -- den Ärmelfetzen eines _roten Kittels_!

.... Ausspuckend, sich bekreuzigend, und mit den Armen fuchtelnd floh er

von dannen vor diesem unerwarteten Geschenk, und verschwand flinker als

irgendein junger Bursch in der Menge.

Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen · 第 17 / 45 题