Das ist ja ein Wunder, mein Herr!
Aus einem kleinrussischen Schwank.
Auf dem Jahrmarkt hatte sich ein sonderbares Ereignis zugetragen: alles
war von dem Gerüchte erfüllt, daß irgendwo unter den Waren der _rote
Kittel_ aufgetaucht sei. Die Alte, die Brezeln verkaufte, behauptete,
den Satan in Gestalt eines Schweines gesehen zu haben, das unaufhörlich
unter den Wagen umherschnüffelte, als ob es da irgend etwas suchte. Das
Gerücht verbreitete sich schnell an allen Ecken und Enden des nun schon
stillen Lagers, und jeder hätte es für ein Verbrechen gehalten, nicht
daran zu glauben, obgleich die Brezelverkäuferin, die ihren Stand neben
der Bude des Schankweibes aufgeschlagen hatte, den ganzen lieben Tag
ohne jeglichen Grund Verbeugungen machte und mit den Füßen ähnliche
Linien beschrieb wie ihre leckere Ware. Dazu kamen noch die
übertriebenen Gerüchte von dem Mirakel, das der Gemeindeschreiber
angeblich nachts in der verfallenen Scheune gesehen hatte, so daß sich
alle, als es Nacht wurde, eng aneinander drängten; die Ruh war gestört,
und die Angst ließ keinen ein Auge zutun. Die, welche ein Nachtlager in
den Häusern haben konnten und nicht sehr wagemutig waren, zogen unter
Dach und Fach. Zu diesen letzteren gehörten auch der Gevatter und
Tscherewik mit seiner Tochter, die zusammen mit den Gästen, welche
ebenfalls ins Haus drängten, das Gepolter verursacht hatten, das unsere
Chiwrja so sehr erschreckte. Der Gevatter hatte schon etwas geladen. Das
konnte man daraus ersehen, daß er bereits zweimal mit dem Wagen den Hof
abgefahren hatte, bevor er sein Haus fand. Die Gäste waren ebenfalls
alle schon sehr heiter und traten ganz ohne Umstände vor dem Wirt ins
Haus. Die Frau unseres Tscherewik saß wie auf Nadeln, als sie in allen
Ecken der Stube umherzuscharren begannen.
»Nun, Frau Gevatter,« rief der eintretende Hausherr, »wirst du immer
noch vom Fieber geschüttelt?«
»Ja, mir ist nicht wohl!« antwortete Chiwrja, unruhig auf die Bretter
unter der Decke blickend.
»So, Frau, hole uns doch das Fäßchen dort vom Wagen!« sprach der
Gevatter zu seiner Frau, die mit ihm gekommen war, »wir wollen eins mit
den guten Leuten trinken, die verfluchten Weiber haben einem solche
Angst eingejagt, daß es einfach eine Schande ist! Bei Gott, Brüder, wir
sind ganz umsonst hierhergekommen!« fuhr er, aus dem Tonkrug schlürfend,
fort. »Ich setz' eine neue Mütze zum Pfand, daß die Weiber uns zum
besten gehalten haben. Und wenn es auch Satan wäre, -- was ist denn das,
der Satan? Spuckt ihm auf den Kopf! Wenn er, beispielsweise jetzt im
Augenblick hier vor mir erschiene: ich will ein Hundesohn sein, wenn ich
ihm nicht einen Nasenstüber versetze!«
»Warum bist du denn auf einmal so bleich geworden?« rief einer der
Gäste, der alle anderen einen Kopf hoch überragte und sich stets als
Held aufspielte.
»Ich? ..... Was fällt dir ein! Du träumst wohl!«
Die Gäste lachten. Ein zufriedenes Lächeln glitt über das Gesicht des
prahlmutigen Helden.
»Warum soll denn der bleich werden!« fiel da ein anderer ein: »seine
Backen blühen ja wie Mohn; jetzt sieht Zibulja nicht mehr wie eine
Zwiebel aus, sondern wie eine rote Rübe, oder richtiger wie der _rote
Kittel_ selbst, der die Leute so erschreckt hat!«
Das Fäßchen wurde auf den Tisch gerollt und machte die Gäste noch
lustiger. Unser Tscherewik, der schon lange von dem Gedanken an den
_roten Kittel_ gequält wurde, und dessen neugieriger Geist keinen
Augenblick Ruhe fand, machte sich an den Gevatter heran.
»Sag mir doch, Gevatter, sei so gut, ich frage und frage und kann's
nicht herausbekommen, was für eine Bewandtnis es mit dem verdammten
_Kittel_ hat!«
»He, Gevatter! Das sollte man eigentlich nicht zur Nacht erzählen; aber
um dir einen Gefallen zu tun und den guten Leuten da (dabei wandte er
sich zu den Gästen), die, wie ich merke, die Geschichte genau so wie du
kennen lernen wollen -- Meinetwegen, also hört!«
Er kratzte sich die Schulter, wischte sich am Rockschoß ab, legte beide
Arme auf den Tisch und begann:
»Einst wurde -- ob er nun etwas verschuldet hatte oder nicht, das weiß
ich bei Gott nicht -- ein Teufel aus der Hölle gejagt .....«
»Wieso denn, Gevatter?« unterbrach ihn Tscherewik. »Wie ist das bloß
möglich, daß ein Teufel aus der Hölle gejagt wird?«
»Was kann man da machen, Gevatter! Man jagt ihn heraus und fertig! --
wie ein Bauer seinen Hund aus der Stube jagt. Vielleicht hatte ihn die
Lust überkommen, eine gute Tat zu tun: nun, da hat man ihn eben
hinausgeworfen. Da ward dem armen Teufel so bang zumute, und er begann
sich so nach der Hölle zu sehnen, daß er sich am liebsten aufgehängt
hätte. Was war zu machen? Vor Kummer warf er sich aufs Saufen, er
nistete sich in der verfallenen Scheune ein, die du dort am Berge
gesehen hast, und an der jetzt kein guter Mensch vorübergeht, ohne
vorher das Zeichen des heiligen Kreuzes zu machen, und der Teufel wurde
zu so einem Säufer, wie man ihn selbst unter den Burschen kaum finden
kann: vom frühen Morgen bis zum späten Abend saß er nur immer in der
Schenke ......«
Hier unterbrach der gestrenge Tscherewik wiederum unseren Erzähler:
»Gott, was du da redest, Gevatter! Wie ist denn das möglich, daß jemand
den Teufel in die Schenke hineinläßt? Er hat doch, Gott sei gelobt,
Krallen an den Tatzen und Hörner auf dem Kopf.«
»Das ist's ja eben! er hatte eine Mütze aufgesetzt und Däumlinge
angezogen. Wie sollte man ihn da wohl erkennen? Er fing an, ein lustiges
Leben zu führen und endlich kam es so weit, daß er alles versoffen
hatte, was er bei sich trug. Der Schankwirt gab ihm längere Zeit Kredit,
aber endlich hörte er damit auf. Da war der Teufel gezwungen, seinen
roten Kittel fast für ein Drittel des Wertes bei dem Juden zu versetzen,
der damals auf dem Jahrmarkt zu Sorotschintzy den Schnapsausschank in
Besitz hatte. Er versetzte ihn also und sprach: »Gib acht, Jude, genau
nach einem Jahre hole ich mir den Kittel wieder, heb ihn wohl auf!« --
und weg war er, wie in die Erde gesunken. Der Jude sah sich den Kittel
genau an: solches Tuch war in Mirgorod nicht zu bekommen, und die rote
Farbe brannte wie Feuer, daß man sich an ihr gar nicht satt sehen
konnte. Nun wurde es dem Juden aber zu viel, den Termin abzuwarten. Er
kratzte sich die Schläfenlöckchen, und nahm einem zugereisten Pan ganze
fünf Dukaten für den Kittel ab! denn den Termin hatte der Jude schon
längst vergessen. Einmal, so gegen Abend, kam da ein Mensch angerückt:
»Nun Jude, gib mir meinen Kittel!« Der Jude erkannte ihn zuerst nicht,
aber dann tat er so, als ob er ihn nie gesehen hätte: »Was für einen
Kittel? Ich weiß von keinem Kittel!« Jener ging seiner Wege, aber gegen
Abend, als der Jude, der seine Bude schon geschlossen und das Geld in
den Kästen gezählt hatte, ein Bettuch umnahm und nach Judenart zu Gott
zu beten anfing, -- da hörte er ein Geräusch .... Sieh da -- aus allen
Fenstern gucken Schweineschnauzen herein .....«
Hier wurde tatsächlich ein undeutlicher Laut hörbar, der dem Grunzen
eines Schweines sehr ähnlich war; alle erbleichten ... Der Schweiß trat
dem Erzähler auf die Stirn.
»Was gibt's!« fragte Tscherewik ganz erschrocken.
»Es ist nichts!« .... antwortete der Gevatter, der am ganzen Leibe
zitterte.
»Ah!« rief einer der Gäste.
»Hast du was gesagt?« ......
»Nein!«
»Wer hat da gegrunzt?«
»Ach Gott, warum sind wir nur so erschrocken? Es war ja nichts!«
Alle begannen sich scheu umzusehen und die Winkel abzusuchen. Chiwrja
war mehr tot als lebendig. »Ach was seid ihr doch für Weiber, was seid
ihr für Weiber!« rief sie laut aus: »Ihr wollt Kosaken und Männer sein!
Man sollte euch ein Spinnrad in die Hände geben und an den Rocken
setzen! Einem von euch ist wohl, mit Verlaub zu sagen, eine Sünde
entfahren, oder die Bank hat unter jemandem geknarrt, und ihr springt in
die Höhe, als ob ihr halb toll seid!«
Das beschämte unsere Helden und gab ihnen neuen Mut. Der Gevatter
schlürfte aus dem Krug und erzählte weiter: »Der Jude war fast tot vor
Schreck; aber die Schweine krochen auf ihren Beinen, die so lang wie
Stelzen waren, in die Fenster, machten ihn im Nu mit dem dreischwänzigen
Kantschu wieder lebendig und ließen ihn höher springen, als dieser
Balken da oben ist. Der Jude fiel auf die Knie und gestand alles ein.
Aber der Kittel war nicht so schnell wieder zu finden. Der Pan war
unterwegs von einem Zigeuner bestohlen worden, der den Kittel an eine
Händlerin verkauft hatte. Die brachte ihn wieder auf den Jahrmarkt von
Sorotschintzy, aber von Stund an wollte niemand etwas bei ihr kaufen.
Die Händlerin wunderte sich lange Zeit, aber endlich kam sie der Sache
auf den Grund. Sicher hatte der rote Kittel an allem schuld; daher
fühlte sie auch immer, wenn sie ihn anzog, daß sie etwas drückte. Ohne
lange zu überlegen, warf sie ihn ins Feuer -- aber der Teufelsrock
wollte nicht brennen! .... »Ah so, das ist also ein Teufelsgeschenk!«
Die Händlerin war so klug, ihn einem Bauern unter den Wagen zu schieben,
der Butter zum Verkauf brachte. Der Dummkopf war hocherfreut, aber
niemand fragte mehr nach seiner Butter. »O weh, da haben mir böse Hände
den Kittel da unter den Wagen gesteckt!« Er ergriff eine Axt und hackte
ihn in Stücke; aber sieh da, ein Stück kriecht zum andern, und wieder
ist's ein ganzer Kittel! Er bekreuzigte sich, schlug noch mal darauf,
streute die Stücke auseinander und machte sich davon. Und seit jener
Stunde geht jedes Jahr, pünktlich zur Jahrmarktszeit, der Teufel in
Gestalt eines Schweines auf dem Platze um, grunzt und sucht die Stücke
seines Kittels zusammen. Jetzt soll ihm nur noch der linke Ärmel fehlen.
Die Leute hüten sich seitdem vor jenem Orte, und bald werden es zehn
Jahre sein, daß dort kein Jahrmarkt mehr gewesen ist. Da muß nun der
Böse den Präsidenten reiten, daß er gerade _hier_ den Jahr......«
Die andere Hälfte des Wortes erstarb dem Erzähler auf den Lippen:
krachend sprang das Fenster auf; klirrend flogen die Scheiben herum, und
eine schreckliche Schweinsfratze erschien in der Öffnung, die Augen
rollend, als ob sie fragen wollte: »Was treibt ihr hier, ihr lieben
Leute?«