VII.

Das ist ja ein Wunder, mein Herr!

Aus einem kleinrussischen Schwank.

Auf dem Jahrmarkt hatte sich ein sonderbares Ereignis zugetragen: alles

war von dem Gerüchte erfüllt, daß irgendwo unter den Waren der _rote

Kittel_ aufgetaucht sei. Die Alte, die Brezeln verkaufte, behauptete,

den Satan in Gestalt eines Schweines gesehen zu haben, das unaufhörlich

unter den Wagen umherschnüffelte, als ob es da irgend etwas suchte. Das

Gerücht verbreitete sich schnell an allen Ecken und Enden des nun schon

stillen Lagers, und jeder hätte es für ein Verbrechen gehalten, nicht

daran zu glauben, obgleich die Brezelverkäuferin, die ihren Stand neben

der Bude des Schankweibes aufgeschlagen hatte, den ganzen lieben Tag

ohne jeglichen Grund Verbeugungen machte und mit den Füßen ähnliche

Linien beschrieb wie ihre leckere Ware. Dazu kamen noch die

übertriebenen Gerüchte von dem Mirakel, das der Gemeindeschreiber

angeblich nachts in der verfallenen Scheune gesehen hatte, so daß sich

alle, als es Nacht wurde, eng aneinander drängten; die Ruh war gestört,

und die Angst ließ keinen ein Auge zutun. Die, welche ein Nachtlager in

den Häusern haben konnten und nicht sehr wagemutig waren, zogen unter

Dach und Fach. Zu diesen letzteren gehörten auch der Gevatter und

Tscherewik mit seiner Tochter, die zusammen mit den Gästen, welche

ebenfalls ins Haus drängten, das Gepolter verursacht hatten, das unsere

Chiwrja so sehr erschreckte. Der Gevatter hatte schon etwas geladen. Das

konnte man daraus ersehen, daß er bereits zweimal mit dem Wagen den Hof

abgefahren hatte, bevor er sein Haus fand. Die Gäste waren ebenfalls

alle schon sehr heiter und traten ganz ohne Umstände vor dem Wirt ins

Haus. Die Frau unseres Tscherewik saß wie auf Nadeln, als sie in allen

Ecken der Stube umherzuscharren begannen.

»Nun, Frau Gevatter,« rief der eintretende Hausherr, »wirst du immer

noch vom Fieber geschüttelt?«

»Ja, mir ist nicht wohl!« antwortete Chiwrja, unruhig auf die Bretter

unter der Decke blickend.

»So, Frau, hole uns doch das Fäßchen dort vom Wagen!« sprach der

Gevatter zu seiner Frau, die mit ihm gekommen war, »wir wollen eins mit

den guten Leuten trinken, die verfluchten Weiber haben einem solche

Angst eingejagt, daß es einfach eine Schande ist! Bei Gott, Brüder, wir

sind ganz umsonst hierhergekommen!« fuhr er, aus dem Tonkrug schlürfend,

fort. »Ich setz' eine neue Mütze zum Pfand, daß die Weiber uns zum

besten gehalten haben. Und wenn es auch Satan wäre, -- was ist denn das,

der Satan? Spuckt ihm auf den Kopf! Wenn er, beispielsweise jetzt im

Augenblick hier vor mir erschiene: ich will ein Hundesohn sein, wenn ich

ihm nicht einen Nasenstüber versetze!«

»Warum bist du denn auf einmal so bleich geworden?« rief einer der

Gäste, der alle anderen einen Kopf hoch überragte und sich stets als

Held aufspielte.

»Ich? ..... Was fällt dir ein! Du träumst wohl!«

Die Gäste lachten. Ein zufriedenes Lächeln glitt über das Gesicht des

prahlmutigen Helden.

»Warum soll denn der bleich werden!« fiel da ein anderer ein: »seine

Backen blühen ja wie Mohn; jetzt sieht Zibulja nicht mehr wie eine

Zwiebel aus, sondern wie eine rote Rübe, oder richtiger wie der _rote

Kittel_ selbst, der die Leute so erschreckt hat!«

Das Fäßchen wurde auf den Tisch gerollt und machte die Gäste noch

lustiger. Unser Tscherewik, der schon lange von dem Gedanken an den

_roten Kittel_ gequält wurde, und dessen neugieriger Geist keinen

Augenblick Ruhe fand, machte sich an den Gevatter heran.

»Sag mir doch, Gevatter, sei so gut, ich frage und frage und kann's

nicht herausbekommen, was für eine Bewandtnis es mit dem verdammten

_Kittel_ hat!«

»He, Gevatter! Das sollte man eigentlich nicht zur Nacht erzählen; aber

um dir einen Gefallen zu tun und den guten Leuten da (dabei wandte er

sich zu den Gästen), die, wie ich merke, die Geschichte genau so wie du

kennen lernen wollen -- Meinetwegen, also hört!«

Er kratzte sich die Schulter, wischte sich am Rockschoß ab, legte beide

Arme auf den Tisch und begann:

»Einst wurde -- ob er nun etwas verschuldet hatte oder nicht, das weiß

ich bei Gott nicht -- ein Teufel aus der Hölle gejagt .....«

»Wieso denn, Gevatter?« unterbrach ihn Tscherewik. »Wie ist das bloß

möglich, daß ein Teufel aus der Hölle gejagt wird?«

»Was kann man da machen, Gevatter! Man jagt ihn heraus und fertig! --

wie ein Bauer seinen Hund aus der Stube jagt. Vielleicht hatte ihn die

Lust überkommen, eine gute Tat zu tun: nun, da hat man ihn eben

hinausgeworfen. Da ward dem armen Teufel so bang zumute, und er begann

sich so nach der Hölle zu sehnen, daß er sich am liebsten aufgehängt

hätte. Was war zu machen? Vor Kummer warf er sich aufs Saufen, er

nistete sich in der verfallenen Scheune ein, die du dort am Berge

gesehen hast, und an der jetzt kein guter Mensch vorübergeht, ohne

vorher das Zeichen des heiligen Kreuzes zu machen, und der Teufel wurde

zu so einem Säufer, wie man ihn selbst unter den Burschen kaum finden

kann: vom frühen Morgen bis zum späten Abend saß er nur immer in der

Schenke ......«

Hier unterbrach der gestrenge Tscherewik wiederum unseren Erzähler:

»Gott, was du da redest, Gevatter! Wie ist denn das möglich, daß jemand

den Teufel in die Schenke hineinläßt? Er hat doch, Gott sei gelobt,

Krallen an den Tatzen und Hörner auf dem Kopf.«

»Das ist's ja eben! er hatte eine Mütze aufgesetzt und Däumlinge

angezogen. Wie sollte man ihn da wohl erkennen? Er fing an, ein lustiges

Leben zu führen und endlich kam es so weit, daß er alles versoffen

hatte, was er bei sich trug. Der Schankwirt gab ihm längere Zeit Kredit,

aber endlich hörte er damit auf. Da war der Teufel gezwungen, seinen

roten Kittel fast für ein Drittel des Wertes bei dem Juden zu versetzen,

der damals auf dem Jahrmarkt zu Sorotschintzy den Schnapsausschank in

Besitz hatte. Er versetzte ihn also und sprach: »Gib acht, Jude, genau

nach einem Jahre hole ich mir den Kittel wieder, heb ihn wohl auf!« --

und weg war er, wie in die Erde gesunken. Der Jude sah sich den Kittel

genau an: solches Tuch war in Mirgorod nicht zu bekommen, und die rote

Farbe brannte wie Feuer, daß man sich an ihr gar nicht satt sehen

konnte. Nun wurde es dem Juden aber zu viel, den Termin abzuwarten. Er

kratzte sich die Schläfenlöckchen, und nahm einem zugereisten Pan ganze

fünf Dukaten für den Kittel ab! denn den Termin hatte der Jude schon

längst vergessen. Einmal, so gegen Abend, kam da ein Mensch angerückt:

»Nun Jude, gib mir meinen Kittel!« Der Jude erkannte ihn zuerst nicht,

aber dann tat er so, als ob er ihn nie gesehen hätte: »Was für einen

Kittel? Ich weiß von keinem Kittel!« Jener ging seiner Wege, aber gegen

Abend, als der Jude, der seine Bude schon geschlossen und das Geld in

den Kästen gezählt hatte, ein Bettuch umnahm und nach Judenart zu Gott

zu beten anfing, -- da hörte er ein Geräusch .... Sieh da -- aus allen

Fenstern gucken Schweineschnauzen herein .....«

Hier wurde tatsächlich ein undeutlicher Laut hörbar, der dem Grunzen

eines Schweines sehr ähnlich war; alle erbleichten ... Der Schweiß trat

dem Erzähler auf die Stirn.

»Was gibt's!« fragte Tscherewik ganz erschrocken.

»Es ist nichts!« .... antwortete der Gevatter, der am ganzen Leibe

zitterte.

»Ah!« rief einer der Gäste.

»Hast du was gesagt?« ......

»Nein!«

»Wer hat da gegrunzt?«

»Ach Gott, warum sind wir nur so erschrocken? Es war ja nichts!«

Alle begannen sich scheu umzusehen und die Winkel abzusuchen. Chiwrja

war mehr tot als lebendig. »Ach was seid ihr doch für Weiber, was seid

ihr für Weiber!« rief sie laut aus: »Ihr wollt Kosaken und Männer sein!

Man sollte euch ein Spinnrad in die Hände geben und an den Rocken

setzen! Einem von euch ist wohl, mit Verlaub zu sagen, eine Sünde

entfahren, oder die Bank hat unter jemandem geknarrt, und ihr springt in

die Höhe, als ob ihr halb toll seid!«

Das beschämte unsere Helden und gab ihnen neuen Mut. Der Gevatter

schlürfte aus dem Krug und erzählte weiter: »Der Jude war fast tot vor

Schreck; aber die Schweine krochen auf ihren Beinen, die so lang wie

Stelzen waren, in die Fenster, machten ihn im Nu mit dem dreischwänzigen

Kantschu wieder lebendig und ließen ihn höher springen, als dieser

Balken da oben ist. Der Jude fiel auf die Knie und gestand alles ein.

Aber der Kittel war nicht so schnell wieder zu finden. Der Pan war

unterwegs von einem Zigeuner bestohlen worden, der den Kittel an eine

Händlerin verkauft hatte. Die brachte ihn wieder auf den Jahrmarkt von

Sorotschintzy, aber von Stund an wollte niemand etwas bei ihr kaufen.

Die Händlerin wunderte sich lange Zeit, aber endlich kam sie der Sache

auf den Grund. Sicher hatte der rote Kittel an allem schuld; daher

fühlte sie auch immer, wenn sie ihn anzog, daß sie etwas drückte. Ohne

lange zu überlegen, warf sie ihn ins Feuer -- aber der Teufelsrock

wollte nicht brennen! .... »Ah so, das ist also ein Teufelsgeschenk!«

Die Händlerin war so klug, ihn einem Bauern unter den Wagen zu schieben,

der Butter zum Verkauf brachte. Der Dummkopf war hocherfreut, aber

niemand fragte mehr nach seiner Butter. »O weh, da haben mir böse Hände

den Kittel da unter den Wagen gesteckt!« Er ergriff eine Axt und hackte

ihn in Stücke; aber sieh da, ein Stück kriecht zum andern, und wieder

ist's ein ganzer Kittel! Er bekreuzigte sich, schlug noch mal darauf,

streute die Stücke auseinander und machte sich davon. Und seit jener

Stunde geht jedes Jahr, pünktlich zur Jahrmarktszeit, der Teufel in

Gestalt eines Schweines auf dem Platze um, grunzt und sucht die Stücke

seines Kittels zusammen. Jetzt soll ihm nur noch der linke Ärmel fehlen.

Die Leute hüten sich seitdem vor jenem Orte, und bald werden es zehn

Jahre sein, daß dort kein Jahrmarkt mehr gewesen ist. Da muß nun der

Böse den Präsidenten reiten, daß er gerade _hier_ den Jahr......«

Die andere Hälfte des Wortes erstarb dem Erzähler auf den Lippen:

krachend sprang das Fenster auf; klirrend flogen die Scheiben herum, und

eine schreckliche Schweinsfratze erschien in der Öffnung, die Augen

rollend, als ob sie fragen wollte: »Was treibt ihr hier, ihr lieben

Leute?«

Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen · 第 14 / 45 题