Bäumlein, Bäumlein, bück dich nicht,
Weil du noch zu fein bist!
Sei nicht bös, Kosakenbursch,
Weil du noch zu klein bist!
Kleinrussisches Lied.
Zerstreut saß der Bursch im weißen Kittel neben seinem Wagen und blickte
auf das rings um ihn dumpf rauschende Volk. Die müde Sonne, die Morgen
und Mittag ruhig über den Himmel dahingeglüht hatte, verließ nun die
Welt, und der erlöschende Tag bemalte sich in berückender Helligkeit mit
rotem Gold. Blendend blitzten die Spitzen der weißen Zelte und Buden,
von einem kaum merkbaren feurig rosigen Glanz überstrahlt; die Scheiben
des zu Haufen aufgestapelten Fensterglases glühten; die grünen Flaschen
und die Gläser auf den Tischen der Schankweiber verwandelten sich in
Feuer; die Berge von Kürbissen und Melonen schienen aus Gold und dunklem
Kupfer gegossen zu sein. Die Gespräche wurden merkbar leiser und
dumpfer, und die müden Zungen der Händler, Bauern und Zigeuner regten
sich träger und langsamer. Irgendwo glomm ein Feuerchen auf, und ein
würziger Dampf von gekochten Klößen verbreitete sich in den immer
stiller werdenden Gassen.
»Was sinnst du, Grytzko?« rief ein hochgewachsener brauner Zigeuner, und
schlug unserem Burschen auf die Schulter. »Also gibst du die Bullen für
zwanzig her?«
»Du denkst an nichts als an Bullen und wieder Bullen! Ihr Leute wollt
nur immer Geschäfte machen und einen ehrlichen Menschen übers Ohr
hauen!«
»Pfui Teufel! Im Ernst, bei dir rappelt's wohl! Vielleicht gar aus
Ärger, daß du dir selbst eine Braut zugelegt hast?«
»Nein, so bin ich nicht: ich halte mein Wort. Was ich einmal getan habe,
das bleibt ewig bestehn. Aber dieser alte Knaster, der Tscherewik, hat
auch nicht für einen halben Heller Gewissen: erst versprochen, dann
gebrochen .... Na, ihm kann man keine Schuld geben: der ist ein Klotz
und nichts weiter. Das sind alles die Streiche der alten Hexe, die wir
Jungen heut auf der Brücke so recht nach Noten ausgeschimpft haben. Ach,
wenn ich ein König oder ein großer Herr wäre, ich wär' der erste, der
alle die Dummköpfe an den Galgen brächte, die sich von Weibern in die
Kandare nehmen lassen ....«
»Gibst du uns die Bullen für zwanzig, wenn wir Tscherewik zwingen, dir
Paraßka zu geben?«
Ganz erstaunt blickte ihn Grytzko an. Die braunen Züge des Zigeuners
hatten etwas Boshaftes, Grausames, Niedriges und zugleich Hochmütiges an
sich: jeder, der ihn ansah, mußte gestehen, daß in dieser seltsamen
Seele große Gefühle brodelten, für die es jedoch nur einen Lohn auf
Erden gibt -- den Galgen. Den Mund, der zwischen der Nase und dem
spitzen Kinn wie eingefallen erschien, umspielte ewig ein giftiges
Lächeln, kleine Augen, die lebhaft wie Feuer waren, und ein ewig
wechselndes Aufleuchten von Unternehmungen und Plänen im Gesicht, -- zu
alledem schien nur ein ganz besonderes Kostüm zu passen und zwar gerad
ein so sonderbares, wie er es trug. Dieser dunkelbraune Kaftan, der sich
bei der geringsten Berührung sicherlich in Staub verwandelt hätte; das
lang in Strähnen über die Schultern fallende Haar, die Schuhe an den
nackten braunen Füßen, -- all das schien mit ihm verwachsen zu sein und
seine eigentliche Natur auszumachen.
»Nicht nur für zwanzig, ich geb' sie dir für fünfzehn, wenn du Wort
hältst!« antwortete der Bursche, ohne seine prüfenden Augen von ihm
abzuwenden.
»Für fünfzehn? -- Gut! Paß auf und vergiß nicht: für fünfzehn! Hier hast
du einen Blauen als Handgeld!«
»Und wenn du lügst?«
»Wenn ich lüge, ist das Handgeld wieder dein!«
»Gut! Also schlag ein!«
»Nun gut, 's ist recht!«