V.

Bäumlein, Bäumlein, bück dich nicht,

Weil du noch zu fein bist!

Sei nicht bös, Kosakenbursch,

Weil du noch zu klein bist!

Kleinrussisches Lied.

Zerstreut saß der Bursch im weißen Kittel neben seinem Wagen und blickte

auf das rings um ihn dumpf rauschende Volk. Die müde Sonne, die Morgen

und Mittag ruhig über den Himmel dahingeglüht hatte, verließ nun die

Welt, und der erlöschende Tag bemalte sich in berückender Helligkeit mit

rotem Gold. Blendend blitzten die Spitzen der weißen Zelte und Buden,

von einem kaum merkbaren feurig rosigen Glanz überstrahlt; die Scheiben

des zu Haufen aufgestapelten Fensterglases glühten; die grünen Flaschen

und die Gläser auf den Tischen der Schankweiber verwandelten sich in

Feuer; die Berge von Kürbissen und Melonen schienen aus Gold und dunklem

Kupfer gegossen zu sein. Die Gespräche wurden merkbar leiser und

dumpfer, und die müden Zungen der Händler, Bauern und Zigeuner regten

sich träger und langsamer. Irgendwo glomm ein Feuerchen auf, und ein

würziger Dampf von gekochten Klößen verbreitete sich in den immer

stiller werdenden Gassen.

»Was sinnst du, Grytzko?« rief ein hochgewachsener brauner Zigeuner, und

schlug unserem Burschen auf die Schulter. »Also gibst du die Bullen für

zwanzig her?«

»Du denkst an nichts als an Bullen und wieder Bullen! Ihr Leute wollt

nur immer Geschäfte machen und einen ehrlichen Menschen übers Ohr

hauen!«

»Pfui Teufel! Im Ernst, bei dir rappelt's wohl! Vielleicht gar aus

Ärger, daß du dir selbst eine Braut zugelegt hast?«

»Nein, so bin ich nicht: ich halte mein Wort. Was ich einmal getan habe,

das bleibt ewig bestehn. Aber dieser alte Knaster, der Tscherewik, hat

auch nicht für einen halben Heller Gewissen: erst versprochen, dann

gebrochen .... Na, ihm kann man keine Schuld geben: der ist ein Klotz

und nichts weiter. Das sind alles die Streiche der alten Hexe, die wir

Jungen heut auf der Brücke so recht nach Noten ausgeschimpft haben. Ach,

wenn ich ein König oder ein großer Herr wäre, ich wär' der erste, der

alle die Dummköpfe an den Galgen brächte, die sich von Weibern in die

Kandare nehmen lassen ....«

»Gibst du uns die Bullen für zwanzig, wenn wir Tscherewik zwingen, dir

Paraßka zu geben?«

Ganz erstaunt blickte ihn Grytzko an. Die braunen Züge des Zigeuners

hatten etwas Boshaftes, Grausames, Niedriges und zugleich Hochmütiges an

sich: jeder, der ihn ansah, mußte gestehen, daß in dieser seltsamen

Seele große Gefühle brodelten, für die es jedoch nur einen Lohn auf

Erden gibt -- den Galgen. Den Mund, der zwischen der Nase und dem

spitzen Kinn wie eingefallen erschien, umspielte ewig ein giftiges

Lächeln, kleine Augen, die lebhaft wie Feuer waren, und ein ewig

wechselndes Aufleuchten von Unternehmungen und Plänen im Gesicht, -- zu

alledem schien nur ein ganz besonderes Kostüm zu passen und zwar gerad

ein so sonderbares, wie er es trug. Dieser dunkelbraune Kaftan, der sich

bei der geringsten Berührung sicherlich in Staub verwandelt hätte; das

lang in Strähnen über die Schultern fallende Haar, die Schuhe an den

nackten braunen Füßen, -- all das schien mit ihm verwachsen zu sein und

seine eigentliche Natur auszumachen.

»Nicht nur für zwanzig, ich geb' sie dir für fünfzehn, wenn du Wort

hältst!« antwortete der Bursche, ohne seine prüfenden Augen von ihm

abzuwenden.

»Für fünfzehn? -- Gut! Paß auf und vergiß nicht: für fünfzehn! Hier hast

du einen Blauen als Handgeld!«

»Und wenn du lügst?«

»Wenn ich lüge, ist das Handgeld wieder dein!«

»Gut! Also schlag ein!«

»Nun gut, 's ist recht!«

Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen · 第 12 / 45 题