VIII.

In diesem Augenblick donnerte es plötzlich stark und der Regen schlug in

großen Tropfen an die Fensterscheiben; im Zimmer wurde es dunkler. Anna

Andrejewna schien ganz erschrocken zu sein und bekreuzte sich. Wir waren

alle verstummt.

„Das Gewitter wird bald vorüberziehen,“ sagte der Alte nach einem Blick

zum Fenster hinaus. Dann stand er auf und ging eine Weile im Zimmer hin

und her, wie um sich Bewegung zu machen.

Nelly beobachtete ihn verstohlen. Sie war krankhaft erregt, das sah ich;

doch sie vermied es, mich anzusehen.

„Nun, und was weiter?“ fragte endlich der Alte, indem er sich wieder auf

seinen Platz setzte.

Nelly blickte scheu von einem zum anderen.

„So hast du denn deinen Großvater nicht wieder gesehen?“

„Nein, doch, ich habe ihn wiedergesehen ...“

„Ja! ja? Erzähl’, mein Täubchen, erzähl’ nur weiter,“ ermunterte sie

Anna Andrejewna.

„Drei Wochen sah ich ihn nicht,“ begann Nelly wieder zu erzählen, „bis

zum Winter. Dann wurde es kalt und es schneite. Als ich Großpapa

wiedersah, auf derselben Stelle, wo ich ihm früher begegnet war, da war

ich sehr froh ... denn Mama grämte sich, weil er nicht mehr kam. Als ich

ihn aber erblickte, lief ich absichtlich auf das andere Trottoir, damit

er sah, daß ich von ihm fortlief. Wie ich mich aber nach ihm umschaute,

sah ich, daß er mir sehr schnell nachkam und dann fast lief, um mich

einzuholen, und er rief mich: ‚Nelly, Nelly!‘ Und Asorka lief ihm nach.

Mir tat er leid und so blieb ich stehen. Großpapa kam zu mir, nahm mich

bei der Hand und führte mich; plötzlich sah er, daß ich weinte: da blieb

er stehen, sah mich an, beugte sich über mich und küßte mich. Da sah er

auch, daß meine Schuhe schon ganz schlecht waren und er fragte mich, ob

ich denn keine besseren hätte. Ich sagte ihm, daß Mama gar kein Geld

mehr hatte und der Sargmacher uns nur aus Mitleid zu essen gab. Großpapa

sagte darauf nichts, aber er führte mich auf den Markt und kaufte mir

dort ein Paar Schuhe, die ich gleich anziehen mußte, er wollte es so,

und dann führte er mich zu sich, in die Gorochowaja, und unterwegs ging

er noch in eine Bude und kaufte eine Pastete und zwei Bonbons, und als

wir in sein Zimmer kamen, sagte er, ich solle die Pastete essen, und er

sah mich dabei die ganze Zeit an, während ich aß, und dann gab er mir

die Bonbons. Aber Asorka hatte die Vorderpfoten auf den Tisch gelegt und

bat um ein Stückchen Pastete und ich gab ihm denn auch etwas, und

Großpapa lachte. Dann nahm er mich und ich mußte vor ihm stehen und er

streichelte mein Haar und fragte mich, ob ich schon was gelernt habe und

was ich überhaupt wisse. Ich sagte ihm darauf alles und darauf sagte er,

daß ich jeden Tag um drei Uhr zu ihm kommen müsse, er wolle mich selbst

unterrichten. Dann sagte er, ich müsse mich jetzt mit dem Rücken zu ihm

wenden und zum Fenster hinaussehen, bis er mir sagte, daß ich mich

wieder umkehren könne. Ich stellte mich auch so hin, aber dann guckte

ich mich heimlich doch nach ihm um, und da sah ich, daß er sein Kissen

am unteren Ende auftrennte und vier silberne Rubelstücke herausnahm.

Dann kam er zu mir und gab mir das Geld und sagte: ‚Das ist für dich

allein‘. Ich wollte es schon nehmen, aber dann dachte ich nach und

sagte: ‚Für mich allein nehme ich es nicht.‘ Großpapa wurde sehr böse,

aber er sagte doch: ‚Nun, dann wie du willst, geh!‘ Ich ging fort, er

aber küßte mich nicht zum Abschied.

Als ich nach Haus kam, erzählte ich alles Mama. Sie fühlte sich aber

immer schlechter. Zu jenem Sargmacher, bei dem wir wohnten, kam auch ein

Student; der behandelte Mama und verschrieb ihr eine Arznei.

Ich ging von da an sehr oft zu Großpapa: Mama wollte es so. Großpapa

kaufte das Neue Testament und ein Geographiebuch und unterrichtete mich;

manchmal aber erzählte er mir nur von den Ländern und Völkern und was

für Menschen es überall gibt und was für Meere und Berge, und was früher

alles war, und wie Christus uns alle erlöst hat. Wenn ich selbst eine

Frage stellte, so war er sehr froh und darum fragte ich ihn immer recht

viel und er sagte mir dann alles und auch von Gott sprach er viel.

Manchmal aber lernten wir nicht, sondern ich spielte mit Asorka. Asorka

liebte mich sehr, und ich ließ ihn sitzen und übern Stock springen, und

Großpapa lachte und streichelte wieder meinen Kopf. Nur lachte Großpapa

eigentlich sehr selten.

Zuweilen sprach er sehr viel, plötzlich aber verstummte er und saß dann

so, als wäre er eingeschlafen, die Augen aber waren offen. Und so saß er

bis es dunkel wurde, in der Dämmerung aber wurde er immer so unheimlich,

so alt sah er dann aus ... Zuweilen aber war es so, wenn ich zu Großpapa

kam: er sitzt auf seinem Stuhl, denkt und hört nichts, und Asorka liegt

neben seinem Stuhl. Ich warte, warte – endlich huste ich: Großpapa hört

aber gar nichts und rührt sich nicht. So ging ich denn wieder fort. Zu

Hause aber erwartete mich Mama immer in großer Angst. Und ich erzählte

ihr dann immer alles, alles, während sie im Bett lag, und es wurde

darüber Nacht, ich aber erzählte immer noch von Großpapa und sie hörte

zu: was er erzählt hatte, was für Geschichten, was ich gelernt hatte,

und was ich das nächste Mal lernen würde. Und wenn ich von Asorka

erzählte, wie ich ihn über einen Stock hatte springen lassen und wie

Großpapa darüber gelacht hatte, da begann auch sie plötzlich zu lachen,

und sie lachte und freute sich und ich mußte es ihr von neuem erzählen,

und dann plötzlich begann sie zu beten. Ich aber dachte immer: wie kommt

es, daß Mama, ihn, den Großpapa, so lieb hat, er sie aber gar nicht, und

als ich zu ihm kam, fing ich absichtlich davon an, wie Mama ihn liebte.

Er hörte zu und rührte sich nicht, und so böse sah er aus, kein Wort

sagte er, er hörte nur zu; dann fragte ich ihn, weshalb denn gerade Mama

ihn so liebte, daß sie immer nach ihm fragte, er aber nach ihr gar nicht

fragte. Da wurde Großpapa sehr böse und jagte mich hinaus auf den

Treppenflur. Ich stand dort ein Weilchen hinter der Tür und wartete, da

kam er aber wieder und rief mich zurück, aber er war immer noch sehr

böse und schwieg die ganze Zeit. Als wir aber dann im Neuen Testament zu

lesen begannen, fragte ich wieder, wie es denn komme, daß Jesus Christus

gesagt hat, wir sollen einander lieben und alles verzeihen, er aber

meiner Mama nicht vergeben wolle. Da sprang er auf und schrie, daß ich

von Mama beauftragt sei, das zu fragen, und er stieß mich wieder hinaus

und sagte, daß ich mich nicht unterstehen solle, nochmals zu ihm zu

kommen. Ich aber sagte, daß ich jetzt von selbst gar nicht mehr zu ihm

kommen wolle und auch nicht kommen werde, und ich ging fort ... Großpapa

zog aber am nächsten Tage aus jener Wohnung aus ...“

„Siehst du, ich sagte dir, daß der Regen nicht lange dauern werde – da

hat es schon aufgehört zu regnen und dort scheint auch schon die Sonne

hervor ... sieh, Wanjä,“ sagte Nikolai Ssergejewitsch, sich zum Fenster

wendend.

Anna Andrejewna sah ihn äußerst verwundert an, und plötzlich drückte

sich heftiger Unwille in den Augen der bis dahin ängstlichen,

eingeschüchterten alten Frau aus. Schweigend zog sie Nelly zu sich heran

und nahm sie auf ihren Schoß.

„Erzähle mir, mein Täubchen, mir allein,“ sagte sie, „ich werde allein

zuhören. Laß jene Hartherzigen.“ –

Sie sprach es nicht ganz aus, was sie sagen wollte, und wischte sich

wieder die Tränen aus den Augen. Nelly sah mich, offenbar etwas

verwundert und vielleicht auch erschrocken mit fragendem Blick an. Der

Alte wandte sich zu mir, als wolle er etwas sagen, zuckte jedoch nur mit

der Achsel und wandte sich sogleich wieder fort.

„Erzähle nur weiter, Nelly,“ sagte ich.

„Ich ging drei Tage nicht zu Großpapa,“ begann Nelly wieder zu erzählen,

„Mama aber fühlte sich damals schon sehr schlecht. Geld hatten wir

keinen Kopeken mehr, so konnten wir auch keine Arznei kaufen, und wir

aßen nichts, denn auch der Sargmacher, bei dem wir wohnten, hatte mit

seiner Frau nichts mehr zu essen, und sie begannen uns schon Vorwürfe zu

machen, weil wir uns von ihnen ernähren ließen, wie sie sagten. Da stand

ich am dritten Tage auf und kleidete mich an. Mama fragte mich, wohin

ich denn gehen wolle. Ich sagte: zu Großpapa, um ihn um Geld zu bitten.

Da freute sie sich sehr, denn ich hatte ihr doch alles erzählt, wie er

mich von sich fortgejagt, und daß ich jetzt nicht mehr zu ihm gehen

wollte. Sie weinte wohl und beredete mich, doch wieder zu ihm zu gehen,

aber ich sagte: nein, ich will nicht, ich werde nicht! Ich ging hin und

erfuhr, daß Großpapa von dort ausgezogen war. Ich ging dann zu seiner

neuen Wohnung. Wie ich aber bei ihm eintrat, sprang er auf, stürzte mir

zornig entgegen und stampfte mit den Füßen, aber ich sagte ihm schnell,

daß Mama sehr krank sei und daß wir zur Arznei Geld brauchten, fünfzig

Kopeken, und daß wir nichts zu essen hätten. Großpapa schrie mich an und

stieß mich hinaus auf die Treppe und schlug hinter mir die Türe zu, die

er dann noch verriegelte. Als er mich aber hinausstieß, sagte ich ihm,

daß ich so lange auf der Treppe sitzen und nicht fortgehen werde, bis er

mir Geld gibt. Und ich setzte mich auf die Treppe. Nach einer Weile

machte er die Tür auf und sah hinaus, und als er sah, daß ich dort saß,

da schloß er die Tür wieder zu. Dann verging lange Zeit, bis er wieder

die Tür aufmachte, wieder hinaussah auf die Treppe und wieder die Tür

schloß. Und noch mehrere Mal machte er so die Tür auf und wieder zu.

Endlich trat er mit Asorka aus dem Zimmer, schloß die Tür ganz zu und

ging an mir vorüber aus dem Hause hinaus, ohne ein Wort zu mir zu sagen.

Auch ich sagte kein Wort und blieb so sitzen und saß bis zur Dämmerung.“

„Täubchen, mein Kindchen,“ rief Anna Andrejewna ganz erschrocken aus,

„aber es war doch kalt dort auf der Treppe!“

„Ich war im Pelzmäntelchen,“ sagte Nelly.

„Pelzmäntelchen! Was ist denn solch ein Mäntelchen ... Du mein Täubchen,

wieviel du ausgehalten hast! Nun und – wann kam er denn zurück?“

Nellys Lippen begannen zu zucken, doch sie nahm sich krampfhaft zusammen

und erzählte weiter.

„Er kam als es schon ganz dunkel geworden war, und als er beim

Hinaufsteigen plötzlich auf mich stieß, schrie er: wer ist hier? Ich

sagte, daß ich es sei. Er aber hatte gewiß gedacht, daß ich schon längst

fortgegangen, und deshalb war er, als er mich immer noch dort sitzen

sah, sehr verwundert und stand lange Zeit ganz still vor mir. Plötzlich

schlug er mit dem Stock auf die Treppe, lief dann an mir vorüber, riß

die Tür auf und kam schon im nächsten Augenblick zurück: er brachte mir

Kupfergeld, lauter Fünfkopekenstücke und er warf sie auf die Treppe. ‚Da

hast du,‘ schrie er, ‚nimm, das ist alles was ich habe, und sage deiner

Mutter, daß ich sie verfluche!‘ Und damit schlug er die Tür zu. Aber die

Geldstücke waren alle die Treppe hinunter gerollt. Ich begann sie in der

Dunkelheit zu suchen, aber Großpapa muß es nachher doch eingefallen

sein, daß es schwer war, die verstreuten Kupferstücke im Dunkeln zu

finden, so kam er denn mit einer Kerze aus dem Zimmer und leuchtete, und

da sammelte ich sie schnell auf. Und Großpapa half mir noch beim Suchen

und sagte, daß es im ganzen siebzig Kopeken gewesen seien, und dann ging

er wieder zurück ins Zimmer. Als ich nach Haus kam, gab ich Mama das

Geld und erzählte ihr alles, und Mama fühlte sich wieder schlechter, und

ich war auch die ganze Nacht krank und am anderen Tage hatte ich auch

Fieber, aber ich dachte nur an eines, denn ich war böse auf Großpapa,

und als Mama wieder eingeschlafen war, ging ich hinaus auf die Straße

und ging zu Großpapa, aber noch bevor ich sein Haus erreichte, blieb ich

auf dem Trottoir stehen. Da kam _jener_ ...“

„Sie meint Archipoff,“ sagte ich, „jenen, von dem ich Ihnen, Nikolai

Ssergejewitsch, bereits erzählt habe, – der zusammen mit dem Kaufmann

bei der Bubnowa war und die dort durchgeprügelt wurden. Damals hat ihn

Nelly zum erstenmal gesehen ... Erzähle weiter, Nelly.“

„Als er an mir vorübergehen wollte, hielt ich ihn auf und bat ihn um

Geld, um einen Rubel. Er sah mich an und fragte: ‚Einen Rubel?‘ Ich

sagte: ‚Ja.‘ Da begann er zu lachen und sagte: ‚Komm mit.‘ Ich wußte

nicht, ob ich gehen sollte. Da trat plötzlich ein alter kleiner Herr mit

einer goldenen Brille an uns heran, denn er hatte gehört, was ich haben

wollte, und er beugte sich zu mir und fragte mich, wofür ich gerade so

viel brauchte. Ich sagte ihm, daß Mama krank wäre und die Arznei so viel

kostete. Er fragte, wo wir wohnten und schrieb das in sein Taschenbuch

und gab mir einen Rubel. _Jener_ aber, als er den alten Herrn mit der

Brille sah, ging fort und sagte mir nicht mehr, daß ich mitgehen solle.

Ich ging dann in eine Bude und wechselte das Geld in kupferne

Fünfkopekenstücke; von denen wickelte ich dreißig Kopeken in Papier ein,

die behielt ich für Mama, die übrigen siebzig Kopeken wickelte ich aber

nicht ein, sondern behielt sie in der Hand und ging mit ihnen zu

Großpapa. Als ich vor seinem Zimmer stand, machte ich die Tür auf, blieb

aber auf der Schwelle stehen und schleuderte ihm das ganze Geld hin, so

daß alle Kupferstücke über den Fußboden rollten. ‚Da haben Sie Ihr

Geld!‘ sagte ich zu ihm. ‚Mama braucht es nicht von Ihnen, wenn Sie sie

verfluchen.‘ Und ich schlug die Tür zu und lief fort.“

Ihre Augen glänzten fieberhaft und mit kindlich stolzem,

herausforderndem Blick sah sie den Alten an.

„Das war gut!“ sagte Anna Andrejewna, ohne ihren Gatten weiter zu

beachten und indem sie Nelly fest an sich drückte. „So geschah ihm

recht! Dein Großvater war ein böser, grausamer Mensch ...“

„Hm!“ äußerte sich dazu Nikolai Ssergejewitsch.

„Nun und wie wurde es dann, was geschah darauf?“ fragte Anna Andrejewna

ungeduldig.

„Ich ging nicht mehr zu Großpapa und er kam mir nicht mehr entgegen,“

sagte Nelly.

„Nun, aber wie wurde es denn mit deiner Mama, was tatet ihr? Ach, ihr

Armen, ihr Armen!“

„Mit Mama wurde es immer schlechter, sie konnte fast gar nicht mehr

aufstehen,“ fuhr Nelly mit unsicherer Stimme fort. „Geld hatten wir

überhaupt keines mehr und darum ging ich denn mit der Kapitanscha. Die

Kapitanscha ging in die Häuser und bat um Geld, aber auch auf der Straße

wandte sie sich an gutgekleidete Leute und bat sie um Geld, denn nur

davon lebte sie. Sie sagte mir, daß sie nicht ganz so arm sei, daß sie

aber Papiere habe, auf denen ihr Name geschrieben stand, und auf denen

gesagt war, daß sie sehr arm sei. Diese Papiere zeigte sie immer vor und

dafür gab man ihr Geld. Sie sagte mir auch, daß es keine Schande sei,

von reichen Leuten Geld zu erbitten. So ging ich denn mit ihr und man

gab uns Geld und davon lebten wir. Mama erfuhr das bald, denn die

anderen Einwohner machten ihr Vorwürfe, weil sie arm war, die Bubnowa

aber kam selbst zu Mama und sagte, sie solle mich doch lieber zu ihr

schicken als mich auf der Straße betteln lassen. Sie war auch früher zu

Mama gekommen und hatte ihr Geld gebracht, als Mama es aber nicht von

ihr annahm, sagte sie: ‚Weshalb sind Sie so stolz?‘ und schickte uns

dann etwas zu essen. Als sie das von mir aber Mama erzählt hatte, begann

Mama zu weinen, denn sie war sehr erschrocken, die Bubnowa aber, die

ganz betrunken war, begann sie zu schelten und sagte, daß ich sowieso

ein Bettelkind sei und schon mit der Kapitanscha ginge, und noch am

selben Abend jagte sie die Kapitanscha aus dem Hause. Als Mama das alles

erfuhr, begann sie zu weinen, dann stand sie plötzlich auf, kleidete

sich an, nahm mich bei der Hand und führte mich mit sich fort. Iwan

Alexandrowitsch wollte sie zurückhalten, aber sie hörte nicht auf ihn

und wir gingen hinaus. Mama konnte kaum gehen, alle Augenblicke setzte

sie sich hin und ich stützte sie. Und sie sprach die ganze Zeit und

sagte, daß sie zu Großpapa gehe, und daß ich sie hinführen solle, nur

war es schon lange Nacht geworden. Da kamen wir zu einem großen schönen

Hause, vor dem viele Equipagen standen und viele Menschen kamen aus dem

Hause und alle Fenster waren hell und man hörte auch Musik. Mama blieb

stehen, zog mich an sich heran und sagte zu mir: ‚Nelly, sei arm, bleibe

dein Leben lang arm, gehe nicht zu ihnen, wer dich auch rufen, wer auch

zu dir kommen sollte! Auch du könntest dort sein, in einem reichen,

schönen Kleide, aber ich will es nicht. Sie sind böse und roh, und nun

höre mein Gebot: bleibe arm, arbeite und bitte um Almosen, wenn man aber

zu dir kommt und dich unter jene bringen will, dann sage: ich will nicht

zu euch! ...‘ Das sagte mir damals Mama als sie krank war und ich will

ihr mein ganzes Leben lang gehorchen,“ schloß Nelly zitternd vor

Erregung. Ihr Gesichtchen glühte wie im Fieber. „Und ich werde mein

ganzes Leben lang dienen und arbeiten, und auch zu Ihnen bin ich

gekommen, um zu arbeiten, ich will nicht so wie eine Tochter ...“

„Beruhige dich, mein Täubchen, beruhige dich nur!“ unterbrach sie Anna

Andrejewna, die Nelly wieder mit ihrer ganzen mütterlichen Zärtlichkeit

an sich drückte. „Deine Mama war damals doch ganz krank als sie das

sagte, mein Täubchen.“

„Wahnsinnig war sie!“ bemerkte schroff der Alte.

„Und wenn auch!“ wandte sich Nelly brüsk an ihn, „und wenn sie auch

hundertmal wahnsinnig war, aber sie hat mir das so gesagt, und ich werde

mein ganzes Leben lang so leben. Als sie mir das gesagt hatte, fiel sie

aber in Ohnmacht.“

„Großer Gott!“ rief Anna Andrejewna aus, „im Winter krank, auf der

Straße! ...“

„Man wollte uns auf die Polizei bringen, aber ein Herr trat für uns ein.

Er fragte mich, wo wir wohnten, gab mir zehn Rubel und ließ uns in

seiner Equipage nach Hause bringen. Von da an hat Mama das Bett nicht

mehr verlassen und nach drei Wochen starb sie ...“

„Und der Vater? Der hat ihr nicht verziehen?“ fragte Anna Andrejewna

angstvoll und erschrocken.

„Nein, er hat ihr nicht verziehen!“ sagte Nelly, sich qualvoll

zusammennehmend. „Eine Woche vor ihrem Tode rief sie mich zu sich und

sagte: ‚Nelly, geh noch einmal zu Großpapa, zum letztenmal, und bitte

ihn, daß er zu mir komme und mir vergebe; sage ihm, daß ich nach wenigen

Tagen sterben werde und dich allein auf der Welt zurücklasse. Und sage

ihm noch, daß es mir schwer wird, zu sterben ...‘ Ich ging zu Großpapa

und pochte an die Tür. Er machte die Tür auf, aber wie er mich

erblickte, wollte er die Tür sogleich wieder schließen, doch hatte ich

mich schon mit beiden Händen an die Tür geklammert und schrie ihm zu:

‚Mama stirbt, Sie sollen hinkommen, sie ruft Sie! ...‘ Er stieß mich

aber fort und schlug die Tür zu. Ich ging zu Mama zurück, legte mich

neben sie hin, umarmte sie und sagte kein Wort ... Mama umarmte mich

gleichfalls und fragte mich auch nichts ...“

Hier stützte sich Nikolai Ssergejewitsch mit der Hand schwer auf den

Tischrand und erhob sich langsam, doch blickte er uns alle nur mit einem

seltsamen, trüben Blick der Reihe nach an und sank dann wie erschöpft

wieder auf seinen Platz zurück. Anna Andrejewna beachtete ihn nicht, sie

weinte und umarmte Nelly ...

„Erst am letzten Tage, bevor sie starb, rief sie mich zu sich – es war

schon Abend – und sie nahm meine Hand und sagte: ‚Ich werde heute

sterben, Nelly.‘ Sie wollte noch etwas sagen, aber sie konnte nicht

mehr. Ich sah sie an, und da war es mir, als sehe sie mich gar nicht,

nur meine Hand hielt sie krampfhaft fest. Da befreite ich vorsichtig

meine Hand und lief aus dem Hause und lief den ganzen Weg so schnell ich

konnte bis zu Großpapa. Wie er mich erblickte, sprang er vom Stuhl auf

und sah mich so groß an, und er war so erschrocken, daß er ganz bleich

wurde und zu zittern begann. Ich ergriff seine Hand und sagte nur das

eine: ‚Sie wird gleich sterben,‘ und da war er plötzlich ganz anders: er

lief durch das Zimmer, ergriff seinen Stock und eilte zur Tür; sogar

seinen Hut vergaß er, und es war doch kalt. Ich nahm seinen Hut und gab

ihn ihm und wir liefen beide hinaus auf die Straße. Ich trieb ihn zur

Eile an und sagte, er solle eine Droschke nehmen, denn Mama würde gleich

sterben, aber Großpapa hatte im ganzen nur sieben Kopeken. Er blieb wohl

bei den Droschken stehen und handelte mit den Kutschern, aber die

lachten nur, und auch über Asorka lachten sie, denn Asorka lief uns

nach, und wir liefen immer weiter, immer weiter. Großpapa wurde müde und

atmete schwer, aber er lief doch so schnell er konnte. Plötzlich fiel er

und der Hut flog fort. Ich lief dem Hut nach und hob ihn auf und half

Großpapa aufzustehen und dann führte ich ihn an der Hand, aber es war

schon Nacht als wir nach Hause kamen ... Und Mama war schon tot. Als

Großpapa sie dort liegen sah, erhob er die Arme, erzitterte und starrte

sie an, sagte aber kein Wort. Da ging ich zu meiner toten Mama, zog ihn

ans Bett und schrie: ‚Siehst du, siehst du, du schlechter, herzloser

Mensch, sieh! ... Sieh! ...‘ Da schrie Großpapa laut auf und fiel hin

wie ein Toter ...“

Nelly befreite sich heftig aus den Armen Anna Andrejewnas, sprang von

ihrem Schoß und blieb bleich, erschöpft und über alle Maßen erregt

zwischen uns stehen. Doch Anna Andrejewna stürzte wieder zu ihr, zog sie

von neuem in ihre Arme und rief wie in Ekstase:

„Ich, ich werde deine Mutter sein, Nelly, und du mein Kind! Ja, Nelly,

laß uns von hier fortgehen, verlassen wir die Herzlosen! Mögen sie in

ihrem Stolz Trost finden, Gott aber, Gott wird es ihnen schon anrechnen

... Gehen wir, Nelly, gehen wir von hier fort, komm! ...“

Noch nie hatte ich Anna Andrejewna in einer solchen Erregung gesehn. Und

offen gestanden: ich hätte es auch gar nicht für möglich gehalten, daß

sie sich unter Umständen auch so erregen könnte.

Nikolai Ssergejewitsch richtete sich in seinem Lehnstuhle bei den

letzten Worten etwas auf und als er sah, daß Anna Andrejewna es ernst

meinte, erhob er sich langsam und fragte mit merklich unsicherer Stimme:

„Wohin willst du denn gehen, Anna Andrejewna?“

„Zu ihr, zu meiner Tochter, zu Natascha!“ rief sie erregt, Nelly zur Tür

nach sich ziehend.

„Warte, warte doch, so warte doch!“

„Wie lange soll ich noch warten, du herzloser Vater! Ich habe lange

genug gewartet und sie hat lange genug gewartet, jetzt gehe ich, lebe

wohl! ...“

Sie wandte sich, zum Abschied nickend, noch einmal zu ihrem Mann zurück.

Da! – was war das? – sie starrte ihn sprachlos an. Ihr Nikolai

Ssergejewitsch stand vor ihr mit dem Hut auf dem Kopf und zog sich mit

zitternden Händen seinen Paletot an.

„Du ... du kommst auch!“ stotterte sie, ohne es fassen zu können, dann

faltete sie die Hände und sah ihn an, als wage sie noch nicht, an ein

solches Glück zu glauben.

„Natascha, wo ist meine Natascha? Wo ist sie? Wo ist meine Tochter?“

rang es sich plötzlich hervor. „Gebt mir meine Tochter zurück, mein

Kind! Wo ist sie, wo ist sie?“

Er riß mir seinen Stock, den ich ihm reichte, aus der Hand und wandte

sich hastig zur Tür.

„Er verzeiht! er verzeiht!“ stammelte Anna Andrejewna.

Doch noch bevor der Alte die Tür erreicht hatte, wurde diese von außen

aufgestoßen und ins Zimmer stürzte Natascha, bleich vor Erregung und mit

glänzenden Augen, wie sie sonst nur Fieberkranke haben. Ihr Kleid war

verknüllt und vom Regen naß. Das Tuch, das sie sich um den Kopf

geschlungen hatte, war in den Nacken gesunken und in ihrem welligen Haar

glänzten Regentropfen. Mit einem Schrei warf sie sich vor ihrem Vater

auf die Kniee nieder und erhob flehend die Hände.

Sämtliche Werke 19 · 第 56 / 59 题