Im nächsten Augenblick lag sie an seiner Brust.
Er hob sie wie ein kleines Kind empor und trug sie zu seinem
Großvaterstuhl, in den er sie sorgsam hineinsetzte, um dann seinerseits
vor ihr niederzuknien. Er küßte ihre Hände, ihre Kniee, er konnte sich
nicht satt sehen an ihr, als wolle er das Versäumte nachholen, als
glaube er noch nicht, daß sie wieder bei ihm war, daß er sie wieder sah
und hörte, – sie, seinen vergötterten Liebling, seine Natascha! Anna
Andrejewna drückte, unfähig ein Wort hervorzubringen, schluchzend
Nataschas Köpfchen an ihre Brust.
„Mein Liebstes! ... Mein Leben! ... Meine Freude du!“ stammelte der
Alte, Nataschas Hände mit Küssen bedeckend, und mit Augen, wie sie nur
Verliebte haben, hing er an ihrem blassen, schmalen, und bei alledem
doch so unendlich liebreizenden Gesicht, an ihren lieben Augen, in denen
Tränen glänzten. „Mein Kind, mein Sonnenschein!“ wiederholte er nur, und
wieder verstummte er, um sie von neuem wie verzückt zu betrachten. „Aber
wie, wie hat man mir denn gesagt, daß sie so abgenommen habe!“ fuhr er
mit seltsamem Kinderlächeln fort, sich halbwegs an uns wendend. „Ja, ein
bißchen ist das Gesichtchen schmäler geworden, auch ein wenig bleicher,
aber sieh sie doch nur an, wie reizend sie ist! Noch schöner als sie
früher war, ja, noch schöner!“ Unwillkürlich verstummte er wie unter
einem seelischen Schmerz, einer jener freudvollen Schmerzempfindungen,
von denen man meint, sie brächen das Herz entzwei.
„Stehen Sie auf, Papa! So stehen Sie doch auf,“ bat Natascha. „Ich will
Sie doch auch küssen ...“
„O, mein Liebling, mein Liebstes! Hörst du, hast du gehört, Annuschka,
wie lieb sie das gesagt hat!“
Und er umarmte sie leidenschaftlich.
„Nein, Natascha, ich ... ich muß so lange zu deinen Füßen liegen, bis
ich fühle, daß du mir verziehen hast! Sage mir, was soll ich tun, um
deine Verzeihung zu erlangen! Ich hatte dich verstoßen, ich hatte dich
verflucht – hörst du, Natascha? – ich hatte dich verflucht! Ich, ich
konnte das fertig bringen! ... Aber du, Natascha, wie konntest du nur
glauben, daß ich dich auf ewig verstoßen würde! Und du hast es doch
geglaubt, hast es geglaubt! Wozu, warum? Nein, du hättest es nicht
glauben sollen! Ganz einfach – nicht glauben sollen hättest du es! Wie
konntest du so grausam sein, mich für so grausam zu halten? Weshalb
kamst du nicht zu mir? Du hättest doch wissen müssen, wie ich dich liebe
... O, Natascha, du weißt doch noch, wie ich dich früher liebte? Nun,
dann wisse, daß ich dich in dieser ganzen Zeit noch einmal so sehr,
nein, tausendmal mehr geliebt habe als früher! Mit meinem ganzen Blut
liebte ich dich! Meine Seele hätte ich aus meinem Blut gezogen, mein
Herz mir aus der Brust gerissen und dir zu Füßen gelegt! ... So liebte
ich dich ... mein Liebling, meine Freude!“
„So küssen Sie mich doch auf den Mund, Papa, auf die Wangen, so wie
Mama!“ rief Natascha mit einer Stimme, in der Tränen zitterten,
Müdigkeit, Qual und Glück.
„Und deine Augen! Auch deine Augen will ich küssen! Weißt du noch, so
wie früher ...“ und der Alte küßte seine Tochter. „O, Natascha! Hat dir
nicht von uns geträumt? Mir bist du fast in jeder Nacht im Traum
erschienen, in jeder Nacht bist du zu mir gekommen und ich habe über
dich geweint. Einmal aber erschienst du als kleines Mädchen, weißt du,
so wie damals, als du noch keine zehn Jahre alt warst und gerade erst
Klavier zu spielen begannst. Du kamst in einem kurzen Kleidchen zu mir,
in hellen Stiefelchen, und deine kleinen Händchen waren rot ... sie
hatte doch damals oft rote Händchen, weißt du noch, Annuschka? – sie kam
zu mir, setzte sich auf meinen Schoß und schlang die Ärmchen um meinen
Hals ... Und du, du böses Mädchen, konntest noch glauben, daß ich dir
die Tür gewiesen hätte, wenn du zu mir gekommen wärest! ... Ich war ja
doch ... höre, Natascha: ich bin doch oft zu dir gegangen, nur hat das
bisher niemand gewußt, auch sie, deine Mutter, nicht, keine
Menschenseele! So stand ich dort auf der anderen Straßenseite und
schaute hinauf zu den Fenstern deiner Wohnung, oder ich wartete in der
Nähe deiner Haustür, in der Hoffnung, du würdest vielleicht ausgehen und
dann könnte ich dich von ferne sehen. Oft sah ich abends eine Kerze auf
deinem Fensterbrett brennen, und oft, Natascha, bin ich nur deshalb
hingegangen sobald es dunkelte, um diese brennende Kerze zu sehen,
vielleicht auch deinen Schatten auf dem Vorhang, und um dich für die
Nacht zu segnen. Hast du auch so an mich gedacht? Hast du? Hast du es
nicht gefühlt, daß ich dort unter deinem Fenster stand? Mehr als einmal
bin ich im Winter spät abends deine Treppe hinaufgestiegen und habe auf
dem dunklen Treppenabsatz gestanden und mein Gehör angestrengt, um durch
die Tür vielleicht doch deine Stimme zu hören. Nun, lachst du nicht? Ich
dich verfluchen! War ich doch an jenem Abend zu dir gegangen, um dir
alles zu verzeihen – ja, das wollte ich! – und erst vor der Tür gab ich
es auf. ... O, Natascha!“
Er stand auf und zog auch sie empor, um sie fest an seine Brust zu
drücken.
„Du bist hier, ich kann dich wieder an mein Herz drücken! Ich danke dir,
Gott, für alles, für alles, auch für deinen Zorn, und danke dir für
deine Güte! ... Und auch für deine Sonne, die du jetzt nach dem Gewitter
auf uns niederscheinen läßt! Für diesen ganzen Tag danke ich dir! O!
mögen wir Erniedrigte, mögen wir Beleidigte sein, was tut das! – wir
sind doch wieder alle beisammen! Und mögen sie doch, mögen sie doch
triumphieren, die Stolzen und Hochmütigen, die uns erniedrigt und
beleidigt haben! Mögen sie nur Steine auf uns werfen! Fürchte dich
nicht, Natascha ... Wir werden Hand in Hand gehen und ich werde ihnen
sagen: dies hier ist meine einzige, meine geliebte Tochter, mein
unschuldiges geliebtes Kind, das ihr beleidigt und erniedrigt habt, das
ich aber über alles liebe, ich, und das ich für alle Zeiten segne! ...“
„... Wanjä! Wanjä!“ rief mich Natascha leise zu sich und streckte mir
über den Arm ihres Vaters die Hand entgegen.
O, niemals werde ich es vergessen, daß sie in diesem Augenblick noch an
mich dachte und mich zu sich rief!
„Wo ist Nelly geblieben?“ fragte plötzlich der Alte, sich umschauend.
„Ach, wo ist sie denn?“ fuhr auch Anna Andrejewna ganz erschrocken auf.
„Mein Täubchen, wo bist du! Haben wir sie doch über der Freude ganz
vergessen!“
Doch Nelly war aus dem Zimmer verschwunden. Unbemerkt war sie ins
Schlafzimmer geschlüpft. Wir gingen alle hin; Nelly stand in einem
Winkel hinter der Tür und wollte sich ängstlich vor uns verstecken.
„Nelly, was fehlt dir, mein Kind, was hast du?“ fragte der Alte
zärtlich, und er wollte den Arm um sie legen.
Doch sie sah ihn nur seltsam starr mit weit offenen Augen an.
„Mama, wo ist Mama?“ fragte sie, als sei sie nicht mehr ganz bei
Besinnung. „Wo ist meine Mama?“ rief sie angstvoll, ihre zitternden
Hände nach uns ausstreckend.
Und plötzlich drang ein unheimlicher, markerschütternder Schrei aus
ihrer Brust; ein krampfartiges Zucken lief über ihr Gesicht und in einem
schweren Anfall fiel sie nieder ...
Letzte Erinnerungen.
Mitte Juni. Ein heißer, drückend schwüler Tag; ganz unmöglich in der
Stadt zu bleiben: überall Staub, Kalk, Baugerüste vor den Häusern,
glühend heiße Pflastersteine, von Ausdünstungen verpestete Luft ... Doch
da – o, Freude! – irgendwo in der Ferne donnerte es; der Himmel wurde
trübe, umwölkte sich und wurde düster; der Wind erhob sich und trieb den
Straßenstaub in dichten Wolken vor sich her. Einzelne große Tropfen
fielen schwer zur Erde und plötzlich war es, als öffne der Himmel seine
Schleusen: ein ganzer Strom ergoß sich mit seinen Wassermassen über die
Stadt. Als nach einer halben Stunde wieder die Sonne durch die Wolken
brach, stieß ich das Fenster meiner Dachstube auf und atmete gierig mit
meiner ganzen müden Brust die frische Luft ein. Wie ein Rausch kam es
über mich und ich wollte Feder und Papier liegen lassen, auch den
Verleger vergessen, und auf die Wassiljeff-Insel laufen zu den _Meinen_!
Aber so groß auch die Versuchung war, ich bezwang mich doch und begann
mit einer wahren Wut wieder zu arbeiten: ich mußte heute noch mit meiner
Novelle fertig werden, um jeden Preis! Mein Verleger wartete und nur
wenn ich ihm das fertige Manuskript brachte, würde er mir Geld geben,
das wußte ich. Ichmenjeffs erwarteten mich zwar, doch dafür würde ich
dann am Abend frei sein, vollkommen frei, frei wie der Wind, und dieser
Abend sollte mich für die letzten zwei Tage und zwei Nächte, in denen
ich dreieinhalb große Druckbogen geschrieben, vollauf belohnen.
Und endlich kam dann auch der Augenblick, in dem ich die Arbeit beendet
vor mir liegen sah ... Ich warf die Feder hin und erhob mich, mit einem
Schmerzgefühl im Rücken und in der Brust, und im Kopf drehte sich alles
im Kreise. Ich wußte, daß meine Nerven zum Zerreißen angespannt waren
und es war mir, als hörte ich noch die letzten Worte meines alten
Arztes: „Nein, einer solchen Lebensweise könnte auch die beste
Gesundheit nicht lange standhalten!“ Nun, solange sie noch standhält ...
Vor meinen Augen tanzten grüne Punkte, ich hielt mich kaum noch auf den
Beinen, aber Freude, grenzenlose Freude erfüllte mein Herz. Meine
Novelle war beendet und der Verleger würde mir jetzt, obschon ich ihm
noch viel schuldete, doch wenigstens etwas Geld geben, wenn auch nur
fünfzig Rubel – wie lange aber hatte ich nicht mehr so viel Geld in
Händen gehabt! Freiheit und Geld! ... Ganz begeistert griff ich nach
meinem Hut, schnell das Manuskript unter den Arm, und wie ein Schulbube
lief ich die Treppe hinunter, um den werten Alexander Petrowitsch noch
im Bureau anzutreffen.
Ich kam gerade noch rechtzeitig, denn schon war er im Begriff,
fortzugehen. Auch er hatte soeben erst etwas sehr Wichtiges beendet;
freilich keine Novelle, sondern nur eine ganz unliterarische, doch dafür
um so vorteilhaftere zweistündige geschäftliche Unterredung, und nachdem
er endlich das schwarzglänzende Jüdchen zur Tür geleitet hatte, streckte
er mir freundlich die Hand entgegen und erkundigte sich mit seinem
weichen gutmütigen Baß nach meiner Gesundheit. Er war ja doch ein
herzensguter Mensch und ich war ihm – im Ernst – nicht wenig zu Dank
verpflichtet. Was konnte er denn schließlich dafür, daß er in der
Literatur sein Leben lang _nur_ „Verleger“ gewesen war und bis zum Grabe
auch nur „Verleger“ bleiben würde? Dafür hatte er erkannt, daß unsere
Literatur eines Verlegers bedurfte, und hatte es sogar sehr zur rechten
Zeit erkannt, also Ehre wem Ehre gebührt – in diesem Fall, versteht
sich, allerdings nur Verlegerehre.
Mit wohlgefälligem Lächeln vernahm er, daß ich meine Novelle beendet
hatte und die folgende Nummer der Zeitschrift somit in ihrem Hauptteil
gesichert war. Er äußerte noch in humoristischer Weise seine Bewunderung
darüber, daß ich überhaupt einmal etwas zum Termin hatte beenden können
und machte ein paar Bonmots ... Darauf begab er sich zu seinem
Geldschrank, um ihm die mir versprochenen fünfzig Rubel zu entnehmen,
machte mich aber vorher noch auf einige Zeilen einer Kritik aufmerksam.
Ich nahm das Blatt zur Hand – doch was sah ich: es war meine vorletzte
Novelle, die da besprochen wurde. Sie wurde nicht gerade gelobt, aber
auch nicht gerade heruntergerissen, und alles in allem genommen, konnte
ich sogar sehr zufrieden sein. Unter anderem meinte aber der Kritiker,
daß meine Arbeiten „nach Schweiß“ röchen, daß ich mir gar zu große Mühe
gäbe und so lange an ihnen feilte und polierte, daß es einem wirklich
widerlich würde.
Wir lachten beide herzlich darüber. Ich sagte ihm, daß ich diese meine
vorletzte Novelle in zwei Nächten geschrieben, die soeben gebrachte
aber, die über dreieinhalb Druckbogen lang sein dürfte, in zwei Tagen
und zwei Nächten. Wenn das mein verehrter Kritiker wüßte!
„Aber es ist doch Ihre eigene Schuld, Iwan Petrowitsch: weshalb schieben
Sie das Arbeiten immer so lange auf, daß Sie dann die Nächte zu Hilfe
nehmen müssen!“
Alexander Petrowitsch war ja sonst ein äußerst netter Mensch, nur hatte
er eine kleine, bisweilen etwas lästige Schwäche, und zwar: mit seinem
literarischen Urteil gerade vor jenen großzutun, die ihn, wie er es
mitunter sogar selbst ganz richtig vermutete, schon längst durchschaut
hatten. Ein Gespräch über Literatur und literarisches Schaffen mit ihm
zu führen, war daher auch für mich nichts Verlockendes und so griff ich,
da ich das Geld schon empfangen hatte, abschiednehmend nach meinem Hut.
Alexander Petrowitsch erkundigte sich nach dem Wohin, und wie er hörte,
daß ich auf die Wassiljeff-Insel wollte, bot er mir großmütig einen
Platz in seinem Wagen an, er fahre nach Haus, sagte er – er wohnte im
Sommer auf einer der Inseln in seiner Villa – und da wäre es für ihn
kein Umweg.
„Ich habe doch jetzt einen neuen Wagen – haben Sie ihn noch nicht
gesehen? Na, ich sage Ihnen – tadellos!“
Wir begaben uns zur Vorfahrt. Der neue halboffene Wagen war allerdings
tadellos, und ich fand es begreiflich, daß Alexander Petrowitsch in der
ersten Zeit des Besitzes mit einer ganz besonderen Vorliebe, die sogar
ein gewisses geistiges Bedürfnis verriet, seine Bekannten zu einer
gemeinsamen Fahrt aufforderte.
Unterwegs erging sich Alexander Petrowitsch dafür ungehindert in
Betrachtungen über die zeitgenössische Literatur. Meine Gegenwart
verwirrte ihn nicht im geringsten und mit beneidenswerter Gewissensruhe
wiederholte er verschiedene fremde Gedanken, die er in der letzten Zeit
gehört hatte, in erster Linie, versteht sich, von Literaten, deren
Meinung er für richtig hielt und hochschätzte. Bei der Gelegenheit
passierte es ihm aber, daß er mitunter sehr wunderliche Dinge sagte,
denn da wir Menschen nicht alles auswendig behalten können, was wir nur
einmal hören, verwechselte er so manches mit der größten Harmlosigkeit.
„Und alles das will er noch als seine eigene heilige Überzeugung
respektiert wissen!“ dachte ich seufzend bei mir. Ich saß, hörte
schweigend zu und wunderte mich über die Verschiedenheit und
Grillenhaftigkeit der menschlichen Leidenschaften. „Da haben wir nun
einen Menschen,“ dachte ich weiter, „dessen einziger Lebenszweck es doch
zu sein scheint, Geld und nichts als Geld zusammenzuscharren, und das
müßte ihm doch eigentlich genügen; aber nein, es verlangt ihn noch nach
Ruhm, nach literarischem Ruhm, er will sogar als Kritiker anerkannt
werden!“
So bemühte er sich, während ich dieses dachte, mir eine besondere
Auffassung der Literatur wiederzugeben, eine Auffassung, die er vor drei
Tagen von mir gehört und der er vor drei Tagen, nebenbei bemerkt, heftig
widersprochen hatte, was ihn jedoch nicht hinderte, sie als seine
ureigenste Schöpfung zu wiederholen. Doch was die Vergeßlichkeit in
solchen Dingen – wohlverstanden: nur in solchen Dingen! – anging, so
hatte es Alexander Petrowitsch in seinem Bekanntenkreise bereits zu
einer gewissen Berühmtheit gebracht. Wie froh es ihn machte, in _seinem_
Wagen reden zu können, wie zufrieden er mit seinem Schicksal war, wie
gütig! Er führte ein wissenschaftlich-literarisches Gespräch und sogar
sein weicher Baß versuchte in wissenschaftlich harten Tonfärbungen die
Worte zu modellieren! Ganz allmählich, offenbar ungewollt und unbewußt,
ging er auf den Liberalismus über und verfocht unter anderem die
unschuldsvoll skeptische Überzeugung, daß es in unserer Literatur – das
heißt: in unserer sowohl wie in jeder anderen – weder Ehrlichkeit noch
Bescheidenheit geben könne, sondern einzig und allein ein „um die Wette
laufen“. Ich dachte bei mir, daß Alexander Petrowitsch dann wohl auch
geneigt war, jeden ehrlichen und aufrichtigen Schriftsteller für seine
Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, wenn nicht gerade für einen Esel so doch
zum mindesten für einen Einfaltspinsel zu halten. Selbstverständlich war
diese seine individuelle Auffassung auf nichts anderes als auf seine
ganz außergewöhnliche Unschuld und Naivität zurückzuführen.
Doch ich hörte nicht mehr auf ihn. Auf der Wassiljeff-Insel
verabschiedete ich mich von ihm, stieg aus und eilte zu Ichmenjeffs. Im
Augenblicke hatte ich die Dreizehnte Linie und fünf Minuten später auch
ihr Häuschen erreicht. Anna Andrejewna drohte mir, als sie mich
erblickte, mit dem Finger, legte ihn dann vertikal vor den Mund, winkte
darauf beschwichtigend mit beiden Händen und flüsterte endlich: „Pst! –
leise!“ – damit ich nur ja nicht unnützen Lärm mache.
„Nelly ist soeben erst eingeschlafen, das arme Kind!“ fügte sie dann zur
Erklärung hinzu. „Um Gottes willen, wecken Sie sie nicht auf! Gott, was
ist sie für ein schwächliches Geschöpfchen! Wir sind wirklich in Sorge
um sie. Der Arzt sagt ja wohl, daß es vorläufig nichts Schlimmes sei,
aber aus _dem_ etwas Gescheites herauszubringen, ist ja ganz unmöglich!
Ich danke für diesen _Ihren vielgepriesenen_ Arzt! Und Sie, Sie schämen
sich nicht, Iwan Petrowitsch? Wir haben auf Sie gewartet und gewartet –
die ganze Zeit vor dem Essen ... Sie sind doch zwei Tage nicht mehr hier
gewesen! ...“
„Aber ich habe es Ihnen doch vorgestern ausdrücklich gesagt, daß ich
zwei Tage nicht kommen werde!“ flüsterte ich ebenso leise wie sie. „Ich
mußte meine Arbeit beenden ...“
„Aber Sie versprachen doch, heute zu Mittag zu kommen! Weshalb kamen Sie
denn nicht? Nelly war eigens dazu aufgestanden, wir setzten sie, unser
Engelchen, noch in den Großvaterstuhl und so saß sie am Eßtisch und
wartete. ‚Ich will mit euch zusammen Wanjä erwarten,‘ sagte sie, wer
aber nicht kam – das war Wanjä. Es ist doch schon bald sechs! Wo haben
Sie sich denn wieder herumgetrieben? Ach Gott, wer die Jugend von heute
nicht kennt! Und das hat sie so aufgeregt, daß ich nicht wußte, wie sie
beruhigen ... ein Wunder, daß sie endlich einschlief, mein Engelchen.
... Nikolai Ssergejewitsch ist in die Stadt gegangen – zum Tee wird er
wieder zurück sein – er hat doch Aussicht, eine Anstellung zu bekommen!
Wenn ich aber denke, daß es in der Nähe von Perm ist, so läuft es mir
kalt über den Rücken.“
„Wo ist Natascha?“
„Im Gärtchen ist sie, mein Liebling, hier gleich im Gärtchen! Gehen Sie
mal zu ihr ... Sie scheint mir auch nicht so ganz ... ich weiß nicht,
was ich denken soll ... Ach, Iwan Petrowitsch, das Leben wird einem
nicht leicht! Sie sagt wohl immer, daß sie heiter und zufrieden sei,
aber ich glaube es ihr nicht ... Gehen Sie mal zu ihr, Wanjä, und dann
sagen Sie mir später unter vier Augen, was sie eigentlich hat ... Bitte,
bitte!“
Doch ich war schon unterwegs zum Garten. Dieser Garten gehörte zum
Hause. Er war etwa fünfundzwanzig Schritt lang und ungefähr auch ebenso
breit, und bestand aus einem Rasenplatz, drei großen, alten Bäumen, ein
paar jungen Birken und einigen Fliederbüschen; am Zaune wuchs Geisblatt
und an einer Seite waren Himbeeren und zwei kleine Erdbeerbeete, und
durch das Ganze schlängelten sich zwei schmale Wege. Der alte Ichmenjeff
war von seinem Garten bis zur Begeisterung eingenommen und versicherte,
daß in ihm bald Pilze wachsen würden. Die Hauptsache war aber, daß Nelly
diesen Garten liebgewonnen hatte, weshalb sie denn auch oft im Lehnstuhl
auf den Rasenplatz hinausgetragen wurde. Nelly war bereits zum Abgott
des ganzen Hauses geworden. Doch da erblickte ich schon Natascha: sie
kam mir freudig entgegen und reichte mir die Hand. Wie elend sie noch
aussah, wie bleich! Sie hatte sich auch kaum erst von der Krankheit
erholt.
„Hast du sie schon ganz beendet, deine Novelle, Wanjä?“ fragte sie mich.
„Ganz, ganz! Jetzt bin ich auch den ganzen Abend frei.“
„Nun, Gott sei Dank! Hast du dich sehr beeilt? – Doch nicht zu überhin
geschrieben?“
„Das läßt sich nicht ändern ... Übrigens hat das nichts auf sich. Diese
angespannte Arbeit reizt meine Nerven, meine Gedanken sind dann klarer,
ich fühle und empfinde alles viel lebhafter und auch tiefer, sogar der
Stil paßt sich mir an, so daß gerade diese angespannte Arbeitsweise sich
als die vorteilhaftere erweist. Alles ist gut ...“
„Ach, Wanjä, Wanjä!“
Es fiel mir auf, daß Natascha in der letzten Zeit auf meine
literarischen Erfolge, auf meinen Ruhm entschieden eifersüchtig wurde.
Sie las nochmals alles der Reihe nach, was ich im Laufe dieses Jahres
geschrieben hatte, fragte mich jeden Augenblick nach meinen weiteren
Plänen, interessierte sich für jede Kritik, die über mich geschrieben
wurde, ärgerte sich über jedes absprechende Wort, und wollte unbedingt,
daß ich es zu großer Berühmtheit brächte.
„So wirst du dich aber bald ausschreiben, Wanjä,“ sagte sie zu mir, „du
wirst dich durch eine so angespannte Arbeit schnell erschöpfen; außerdem
untergräbst du damit auch deine Gesundheit. S. zum Beispiel schreibt in
zwei Jahren nur eine Novelle und N. hat in zehn Jahren im ganzen nur
einen Roman geschrieben. Dafür aber – wie ist der auch geschrieben!
Meisterhaft! Da findest du keinen einzigen nachlässigen Satz, kein
einziges flüchtiges, unbedachtes Wort ...“
„Ja, schon möglich, aber diese Herren leben in gesicherten
Verhältnissen, ich aber – bin wie ein gehetzter Postgaul. Ach, nun, das
ist ja doch Unsinn! Reden wir nicht davon. Du? ... Was gibt es sonst
Neues?“
„Vieles! Erstens einen Brief von _ihm_.“
„Noch einen?“
„Noch einen.“
Und sie reichte mir den letzten Brief von Aljoscha. Es war der dritte
nach der Trennung. Den ersten hatte er aus Moskau geschrieben: er teilte
ihr damals mit, daß die Umstände es ihm ganz unmöglich machten, aus
Moskau nach Petersburg zurückzukehren, wie es vor der Trennung
verabredet worden war. Im zweiten Brief benachrichtigte er sie, daß er
in den nächsten Tagen wieder in Petersburg eintreffen werde, um sich
dann mit ihr, Natascha, sogleich trauen zu lassen, das sei nun einmal
sein fester Entschluß, von dem ihn keine Macht der Welt abbringen könne.
Indes verriet der ganze Ton des Briefes nur zu deutlich, daß die anderen
Einflüsse ihn bereits besiegt hatten, weshalb er denn überhaupt nicht
mehr zu wissen schien, was er tun oder lassen sollte. Unter anderem
schrieb er in diesem Brief noch, daß Katjä seine Vorsehung sei, und sie
allein tröste ihn noch und stehe ihm bei. Ich gestehe, daß ich mehr als
neugierig war, diesen seinen letzten Brief zu lesen.
Es waren zwei Briefbogen. Die Handschrift war unordentlich, flüchtig,
der ganze Brief mit Tinte besudelt und hier und da einzelne Worte von
Tränen verwischt. Aljoscha begann damit, daß er sich von Natascha
lossagte und sie bat, ihn zu vergessen. Er bemühte sich, ihr zu
beweisen, daß eine Ehe zwischen ihnen unmöglich sei, daß andere, ihnen
feindliche „Einflüsse“ stärker seien als er, und zu guter Letzt, daß es
doch so am besten sei, denn sowohl er wie Natascha würden in der Ehe
unglücklich geworden sein, da sie doch nicht zueinander paßten.
Plötzlich aber vergaß er alle seine Vernunftschlüsse und Beweise und
gestand – ohne die erste Hälfte seines Briefes zu zerreißen –, daß er
ein Verbrecher, ein verlorener Mensch sei und nicht mehr die Kraft habe,
sich dem Willen seines Vaters, der übrigens auch schon auf dem Gute
eingetroffen war, zu widersetzen. Ferner schrieb er noch, daß er nicht
fähig sei, seine Qualen zu schildern oder sonstwie auszudrücken, was er
empfand, gestand aber im nächsten Satz, daß er durchaus die Fähigkeit in
sich fühle, Natascha glücklich zu machen, worauf er zu beweisen begann,
daß sie vollkommen ebenbürtig und für einander geschaffen wären, um zum
Schluß mit aller Hartnäckigkeit die Einwendungen des Vaters
zurückzuweisen. Mit wahrer Verzweiflung schilderte er die Glückseligkeit
des Lebens, das ihrer harrte, falls sie sich heirateten – um darauf sich
selbst wegen seines Kleinmuts zu verwünschen und – ihr auf ewig Lebewohl
zu sagen!
Man sah es, daß er den Brief unter Qualen geschrieben hatte, daß er in
seiner Ratlosigkeit ganz außer sich gewesen war. Mir traten plötzlich
Tränen in die Augen. Natascha reichte mir einen anderen Brief. Es war
ein Brief von Katjä, den sie in einem Kouvert mit dem Brief Aljoschas
gesandt hatte.
Katjä schrieb ziemlich kurz, daß Aljoscha in der Tat sehr
niedergeschlagen sei, oft weine, mitunter scheinbar der Verzweiflung
nahe und sogar ein wenig krank sei, daß _sie_ aber bei ihm bleiben und
ihn wieder glücklich machen werde. Sie schrieb, Natascha dürfe daraus
nicht schließen, daß Aljoscha sich bald trösten werde und seine Trauer
nicht ernst zu nehmen sei. Im Gegenteil! „Niemals wird er Sie
vergessen,“ schrieb sie, „selbst wenn er es wollte, könnte er es nicht,
denn sein Herz ließe es einfach nicht zu. Er liebt Sie ganz grenzenlos
und wird Sie immer lieben, und ich sage Ihnen: sollte er jemals –
gleichviel wann – aufhören, Sie zu lieben oder aufhören, sich nach Ihnen
zu sehnen bei der Erinnerung an Sie, so werde ich sofort aufhören, ihn
meinerseits zu lieben ...“
Ich gab Natascha beide Briefe zurück: wir sahen uns nur einmal an und
sagten kein Wort. Dasselbe hatten wir auch nach den ersten Briefen
getan. Überhaupt vermieden wir es jetzt, von Vergangenem zu sprechen,
als hätten wir es so verabredet. Sie litt unsäglich, das sah ich, aber
selbst mich wollte sie davon nichts merken lassen. Nach ihrer Rückkehr
ins Elternhaus hatte sie drei Wochen zu Bett gelegen und auch jetzt noch
hatte sie sich kaum erholt. Von der nahe bevorstehenden Trennung
sprachen wir überhaupt nicht, obwohl wir beide wußten, daß ihr Vater
eine Anstellung bekommen würde. Trotzdem aber war sie so lieb zu mir,
interessierte sich in der letzten Zeit so lebhaft für alles, was mich
betraf und hörte mir mit so angespannter Aufmerksamkeit zu, wenn ich ihr
auf ihre dringende Bitte von mir erzählte, daß es mir anfangs das
Beisammensein schwer machte: es schien mir, daß sie mich für das
Vergangene entschädigen wollte. Doch bald begriff ich, daß es sich hier
um etwas ganz anderes handelte, daß sie mich einfach liebte, ja, ganz
unendlich liebte und ohne mich gar nicht mehr leben konnte. Ich glaube,
selbst eine Schwester hätte ihren Bruder nicht so lieb haben können, wie
Natascha mich lieb hatte. Ich wußte sehr gut, daß unsere bevorstehende
Trennung wie ein Alp auf ihr lag und sie quälte, denn auch sie wußte,
daß ich ebensowenig ohne sie leben konnte. Doch wir sprachen nicht
davon, wenn wir uns auch oft genug sehr eingehend über Bevorstehendes
unterhielten ...
Ich erkundigte mich nach Nikolai Ssergejewitsch.
„Er wird bald zurückkommen, denke ich,“ sagte Natascha, „zum Tee
jedenfalls bestimmt.“
„Ist er wegen der neuen Anstellung in die Stadt gegangen?“
„Ja. Übrigens ist es jetzt schon abgemacht, daß er sie bekommt ... Ich
glaube, es war gar nicht so notwendig, daß er heute fortging,“ fügte sie
wie in Gedanken hinzu. „Er hätte es auch morgen tun können.“
„Weshalb ist er denn heute fortgegangen?“
„Weil ich den Brief erhielt ...“
„Er leidet fast mehr als ich,“ fuhr Natascha nach kurzem Schweigen fort,
„und du kannst dir denken, Wanjä, wie mich das quält. Ich glaube, er
denkt an nichts anderes als an mich, nicht einmal im Schlaf scheint er
mich vergessen zu können. Er weiß nicht, wie ich mich in diesem Leben
zurechtfinden werde, was ich denke, was ich fühle. Sehe ich traurig aus,
so ist er wie zerschlagen, und weiß nicht, wie er mich trösten soll,
ohne mich dabei merken zu lassen, daß er mich trösten will. Mein Gott,
ich sehe doch, wie ungeschickt er sich verstellt, wenn er uns Heiterkeit
vortäuscht, sich zum Scherzen und Lachen zwingt! Mama ist dann auch ganz
unglücklich, denn daß er sich nur uns zuliebe verstellt, das sieht sie
doch ... So bleibt ihr nichts übrig, als zu seufzen ... Sich verstellen
– das versteht sie nicht ... wie alle ehrlichen, offenherzigen
Menschen!“ Natascha lächelte. „Und als ich heute den Brief erhielt,
mußte er sogleich aus dem Hause, um nicht meinem Blick irgendwie zu
begegnen ... Ich liebe ihn mehr als mich selbst, ich liebe ihn mehr als
alle anderen auf der Welt, Wanjä,“ fügte sie mit gesenktem Kopfe hinzu
und drückte mir leise die Hand, „sogar mehr als dich ...“
Wir gingen zweimal durch den Garten, ehe sie wieder zu sprechen begann.
„Masslobojeff war heute bei uns, auch gestern war er hier.“
„Ja, er hat euch in letzter Zeit oft besucht.“
„Weißt du auch, weshalb er kommt? Mama glaubt an ihn wie an einen
Allmächtigen. Sie ist überzeugt, daß er alles so genau wisse – nun, da
die Gesetze und alles übrige – daß er alles zustande bringen könne. Und
nun, was meinst du, woran sie denkt? Es tut ihr, weißt du, im Grunde
doch sehr leid, daß ich nicht Fürstin geworden bin. Das läßt ihr jetzt
keine Ruhe, und ich glaube, sie hat Masslobojeff in ihren Kummer
eingeweiht. Papa gegenüber wagt sie natürlich nicht, etwas davon
verlauten zu lassen, und da hofft sie nun, daß sich eventuell durch
Masslobojeff etwas machen ließe, so – vielleicht mit Hilfe irgend eines
Gesetzparagraphen. Masslobojeff ist natürlich klug genug, ihr nicht viel
zu widersprechen und läßt es ruhig geschehen, daß sie ihm jedesmal Wein
vorsetzt,“ schloß Natascha belustigt.
„Glaub’s schon, das sieht ihm ähnlich! Aber woher weißt du es denn?“
„Daß Mama –? ... Ach, Mamachen verrät sich doch immer selbst ... mit
ihren Andeutungen ... Dazu bedarf es nicht fremder Hilfe.“
„Was macht Nelly? Wie ist sie jetzt?“ fragte ich.
„O, ich wundere mich schon die ganze Zeit über dich, Wanjä: erst jetzt
erkundigst du dich nach ihr?“
Ich glaubte aus Nataschas Stimme einen leisen Vorwurf herauszuhören.
Nelly war, wie gesagt, der Abgott des ganzen Hauses. Natascha gewann sie
geradezu leidenschaftlich lieb und auch Nelly erwiderte ihre Liebe bald
von ganzem Herzen. Die arme Kleine hatte es sich wohl nicht träumen
lassen, daß sie je im Leben solche Menschen und soviel Liebe finden
würde, und zu meiner Freude sah ich, daß ihr erbittertes kleines Herz
mit der Zeit ganz weich und zutraulich wurde. Ja, bald erwiderte sie die
allgemeine Liebe, die sie hier umgab, mit einer nahezu fieberhaften
Gegenliebe, die man ihr nach ihrem früheren Mißtrauen, ihrer
Verstocktheit und Unnahbarkeit kaum zugetraut hätte. Übrigens war aber
diese Veränderung doch nicht so schnell vor sich gegangen: lange Zeit
hatte sie sich noch wie ein Muscheltier zu den liebevollen
Annäherungsversuchen der anderen verhalten, bis sie dann endlich ihre
Scheu verlor und sich ganz ihrer Liebe zu uns hingab. Am meisten liebte
sie Natascha und den alten Ichmenjeff. Ich aber, oder vielmehr meine
Gegenwart wurde für sie förmlich zur ersten Lebensbedingung, so daß sich
ihr Zustand jedesmal verschlimmerte, wenn ich an einem Tage nicht zu ihr
kam. So hatte ich sie zum Beispiel das letztemal beim Abschied, als ich
ihr sagen mußte, daß ich zwei Tage nicht zu ihr kommen würde, da ich
eine Arbeit beenden mußte, lange Zeit darüber beruhigen müssen ...
natürlich indirekt. Denn Nelly schämte sich ihrer Gefühle viel zu sehr,
als daß ich offen von ihnen hätte sprechen können, daher mußte ich mir
den Anschein geben, daß ich ihr das alles nur so beiläufig erkläre.
Doch ihr Zustand beunruhigte uns nicht wenig. Selbstverständlich wurde
es schon von Anfang an als stillschweigend beschlossen angenommen – eben
weil es so selbstverständlich war –, daß Nelly bei Ichmenjeffs blieb.
Nun rückte der Tag der Abreise immer näher, Nelly aber wurde noch immer
nicht gesund, ja, ihre Krankheit verschlimmerte sich sogar
augenscheinlich. Erkrankt war sie nach jenem schweren Anfall an dem
Tage, als ich zum erstenmal mit ihr zu Ichmenjeffs gekommen war, am Tage
der Versöhnung des Alten mit Natascha. Doch übrigens, was sage ich! Sie
war ja doch wohl nie ganz gesund gewesen: die Krankheit hatte schon von
Geburt an in ihr gesessen, deshalb machte sie auch, einmal zum Ausbruch
gekommen, so erschreckend schnelle Fortschritte. Worin ihre Krankheit
bestand, vermag ich nicht genau zu erklären. Die epileptischen Anfälle
kehrten jetzt allerdings nach kürzerer Zeit wieder als früher; doch in
der Hauptsache schien es eine Art Zehrung zu sein, ein allgemeiner,
unaufhaltsamer Kräfteverlust, Fieber und ein krankhaftes, nervöses
Erregtsein. Alles dies hatte sie so geschwächt, daß sie in den letzten
Tagen nur noch zu Bett lag. Doch sonderbar: je mehr sie ihrer Krankheit
erlag, um so freundlicher, liebevoller und offener wurde sie zu uns. Vor
drei Tagen griff sie plötzlich nach meiner Hand, als ich an ihrem Bett
vorüberging. Ich blieb natürlich stehen und sah sie an. Sie zog mich
näher zu sich. Es war außer uns niemand im Zimmer. Ihr Gesichtchen, das
so schmal geworden war, und ihre dunklen Augen glühten und in ihren
fieberheißen Händchen zuckte es. Und zuckend, wie vor verhaltener
Leidenschaft, streckte sie sich auf den Kissen näher zu mir, und als ich
mich zu ihr beugte, schlang sie plötzlich ihre dünnen braunen Ärmchen
krampfhaft um meinen Hals und küßte mich fest auf den Mund, und dann
verlangte sie sogleich, Natascha solle zu ihr kommen. Ich rief sie.
Nelly wollte unbedingt, daß sie sich zu ihr aufs Bett setze und sie
ansehe ...
„Ich will euch beide ansehen,“ sagte sie. „Ich habe euch heute nacht
beide im Traum gesehen ... aber nicht nur heute nacht, sondern sehr oft
... in jeder Nacht ...“
Es drängte sie offenbar, uns etwas zu sagen; aber sie begriff vielleicht
ihre Gefühle selbst nicht und wußte daher auch nicht, wie sie es
ausdrücken sollte, was sie auf dem Herzen hatte ...
Nein, am meisten liebte sie nach mir freilich doch den alten Nikolai
Ssergejewitsch. Doch ich muß sagen, daß auch Nikolai Ssergejewitsch sie
fast ebenso liebte, wie seine Natascha. Er verstand es großartig, seine
kleine Nelly zu erheitern: kaum war er in ihr Zimmer getreten, da hörte
man sie schon beide lachen. Nelly wurde heiter und unartig wie ein
kleines unvernünftiges Kind, kokettierte aber zwischendurch sogar mit
dem Alten und lachte ihn aus, um ihm darauf mit ernstestem Gesicht ihre
Träume zu erzählen, wobei sie jedesmal die ungeheuerlichsten Dinge
erfand, die er ihr dann – gleichfalls mit vollkommen ernstem Gesicht –
zu deuten versuchte, worauf er dann ihr wiederum seine Träume erzählte,
bei welcher Gelegenheit er eine nicht minder blühende Phantasie
entwickelte. Kurz, der Alte war von seinem „kleinen Töchterchen“ so
eingenommen, daß er sich bald mit bloßer Liebe zu ihr nicht mehr
begnügte und für sie einfach zu schwärmen begann.
„Gott hat sie uns zum Geschenk gemacht, damit uns die Freude, die sie
uns bringt, für den Kummer dieses letzten Jahres entschädige,“ sagte er
einmal zu mir, als er wieder ganz gerührt Nellys Zimmer verließ, nachdem
er sie zur Nacht gesegnet hatte.
Die Abende verbrachten wir sehr gemütlich: gewöhnlich versammelten wir
uns alle im Eßzimmer um den runden Tisch. Masslobojeff erschien fast an
jedem Abend, der alte Doktor, der sich mit ganzem Herzen Ichmenjeffs
angeschlossen hatte, erschien nicht so oft, aber immerhin ein paarmal in
der Woche. Dann trugen wir Nelly aus ihrem Krankenzimmer zu uns und
setzten sie in den Großvaterstuhl. Die Tür zum Garten stand weit offen
und vor uns lag der grüne Rasenplatz im Licht der Abendsonne. Und es
duftete nach frischem Grün und blühendem Flieder. Nelly rührte sich
nicht in ihrem Großvaterstuhl, ganz still hörte sie unserem Gespräch zu
und nur ihre Augen bewegten sich langsam, wenn sie vom einen zum anderen
sah. Mitunter aber wurde auch sie lebhaft und begann, sich an unserer
Unterhaltung zu beteiligen ... Nur muß ich gestehen, daß wir uns dann
etwas beunruhigt fühlten, zumal sie auf Dinge zu sprechen kommen konnte,
die sie an Vergangenes erinnern mußten, und das war es gerade, was wir
ängstlich zu vermeiden suchten. Wir waren uns unserer Schuld sehr wohl
bewußt, denn wenn sie uns damals nicht ihre Lebensgeschichte hätte
erzählen _müssen_, wäre es vielleicht auch nicht zu jenem schweren
Anfall gekommen, der dann den Ausbruch ihrer Krankheit zur Folge hatte.
Auch der Doktor war sehr gegen diese Erinnerungen und so gaben wir uns
in solchen Fällen gewöhnlich alle die größte Mühe, das Gespräch
möglichst unauffällig auf neutrales Gebiet abzulenken. Dann bemühte sich
wiederum Nelly, uns nicht merken zu lassen, daß sie unsere Absicht
erriet, und sie begann mit dem Doktor und Nikolai Ssergejewitsch zu
scherzen und zu lachen.
Und doch wurde es mit ihr von Tag zu Tag schlechter. Ihre nervöse
Erregbarkeit nahm täglich zu und der Puls wurde immer unregelmäßiger.
Der alte Doktor sagte mir, daß sie sogar sehr bald sterben könne.
Natürlich verriet ich das nicht den anderen, – ‚sie werden es ja noch
früh genug erfahren,‘ sagte ich mir. Nikolai Ssergejewitsch war übrigens
fest überzeugt, daß sie noch vor der Reise vollkommen gesund werden
würde.
„Ah, da ist Papa schon zurückgekehrt!“ sagte Natascha, die seine Stimme
gehört hatte. „Gehen wir, Wanjä.“
Nikolai Ssergejewitsch hatte, kaum über die Schwelle getreten, seiner
Gewohnheit gemäß sogleich laut zu sprechen begonnen, so daß Anna
Andrejewna ihn nicht angstvoll und schnell genug zur Ruhe winken konnte.
Ganz erschrocken hielt der Alte in seiner heiteren Rede inne, um darauf,
als Natascha und ich ins Zimmer traten, flüsternd und – um seine
Verlegenheit zu verbergen – mit geschäftiger Miene das Ergebnis seiner
soeben gehabten Unterredung mitzuteilen: die Stelle, um die er sich
bemüht hatte, war nun endgültig ihm zugesprochen und das freute ihn
natürlich sehr.
„Nach zwei Wochen können wir hinfahren,“ schloß er händereibend, doch
warf er gleichzeitig einen besorgten Blick auf Natascha.
Sie bemerkte den Blick und antwortete ihm mit einem beruhigenden
Lächeln, legte die Hände auf seine Schultern und küßte ihn, was seine
Befürchtungen im Augenblick verscheuchte.
„Ja, dann fahren wir, dann fahren wir, meine Lieben!“ fuhr er erfreut
fort. „Nur du, Wanjä, sieh ... nur die Trennung von dir wird uns schwer
werden ...“
Nebenbei bemerkt: er hatte mich noch mit keinem Wort aufgefordert, mit
ihnen zu fahren, was er, nach seinem Charakter zu urteilen, unbedingt
getan haben würde, wenn er ... nicht um meine Liebe zu Natascha gewußt
hätte.
„Nun, aber was ist da zu machen, Kinder! Was sein muß, muß sein! Es tut
mir mehr als leid, mein Junge ... Aber ich hoffe, daß diese
Lebensveränderung uns allen gut tun wird ... Eine Veränderung der
Lebensweise bedeutet – daß ein neues Leben beginnt und ein altes
_abgetan ist_!“ schloß er, wieder mit einem Seitenblick auf seine
Tochter.
Und er glaubte daran, was er sagte, und dieser Glaube machte ihn froh.
„Aber Nelly?“ fragte Anna Andrejewna.
„Nelly? Wieso, was? ... Nun ja, das Rackerchen ist noch ein wenig
schwach, aber bis dahin wird sie ja wohl wieder auf den Beinen sein. Sie
ist ja auch jetzt schon ein wenig besser, – findest du nicht auch,
Wanjä?“ fragte er mich, wie es schien etwas beunruhigt, und dabei sah er
mich so an, als hinge von mir allein alles ab.
„Ja, wie geht es ihr jetzt? Hat sie lange geschlafen? Ist ihr sonst
nichts passiert? Oder ist sie vielleicht von meinem lauten Sprechen
aufgewacht? Weißt du was, Anna Andrejewna: wir schieben den Tisch
schnell auf die Terrasse und trinken dort unseren Tee, wenn die anderen
kommen, und Nelly kann heute auch mal draußen sitzen, es ist doch ein
Wetter wie geschaffen dazu! ... Das wird schön werden. Aber ist sie
nicht vielleicht doch schon aufgewacht? Ich werde mal nachsehen ...
nein, nein, hab nur keine Angst, ich werde sie schon nicht aufwecken!“
beruhigte er Anna Andrejewna, da sie wieder ängstlich zur Ruhe mahnen
wollte.
Doch Nelly war bereits wach. Nach einer Viertelstunde saßen wir wie
gewöhnlich um den runden Tisch beim Abendtee.
Nelly saß wieder in ihrem Großvaterstuhl. Da erschien auch der Doktor
und bald nach ihm kam Masslobojeff. Letzterer brachte Nelly ein großes
Bukett blühender Fliederdolden, schien aber sonst gereizt und besorgt zu
sein.
Masslobojeff war bei Ichmenjeffs ein gern gesehener Gast und er besuchte
sie fast täglich. Sonderbar war aber eines: obschon wir ihn alle gern
hatten, was ich namentlich von Anna Andrejewna sagen kann, wurde doch
Alexandra Ssemjonownas nie mit einem Wort Erwähnung getan; auch
Masslobojeff sprach nicht von ihr. Da Anna Andrejewna durch mich
erfahren hatte, daß Alexandra Ssemjonowna es noch nicht dazu gebracht,
seine rechtmäßige Gattin zu werden, so war sie zu der Überzeugung
gekommen, daß sie dieses Mädchen nicht nur nicht bei sich empfangen,
sondern nicht einmal von ihr sprechen durfte. Und dabei blieb es – was
zur Charakteristik Anna Andrejewnas dienen mag. Übrigens glaube ich
aber, daß sie, wenn sie nicht Natascha gehabt hätte und – das mag wohl
der Hauptgrund gewesen sein – wenn nicht das geschehen wäre, was
geschehen war, so würde sie vielleicht auch nicht so strengdenkend
gewesen sein.
Nelly war an diesem Abend auffallend traurig und ihre Gedanken schienen
mit etwas Besonderem beschäftigt zu sein. Es war, als habe sie einen
schlechten Traum gehabt und denke nun über ihn nach. Doch über
Masslobojeffs Geschenk freute sie sich sehr und betrachtete mit frohem
Lächeln die Blumen, die Anna Andrejewna in einer Vase vor ihr auf den
Tisch gestellt hatte.
„Also du hast Blumen gern, Nelly?“ fragte der Alte. „Schau, schau! Na,
wart mal,“ meinte er schmunzelnd, „morgen ... na, du wirst schon sehen
...“
„Ja, ich liebe Blumen,“ sagte Nelly, „und ich weiß noch, wie wir Mama
einmal mit Blumen überraschten. Als wir noch dort waren,“ – dort
bedeutete jetzt: im Auslande – „war Mama einmal einen ganzen Monat sehr
schwer krank. Da verabredeten wir uns, Heinrich und ich, für sie, wenn
sie zum erstenmal ihr Schlafzimmer verlassen würde, alle anderen Zimmer
mit Blumen zu schmücken. Und so machten wir es auch. Mama sagte am
Abend, daß sie am nächsten Tage unbedingt mit uns frühstücken wolle. Da
standen wir sehr, sehr früh auf und Heinrich brachte viele Blumen und
wir schmückten das ganze Zimmer mit grünen Ästen und Blumensträußen. Es
waren da auch Efeuranken und noch andere, sehr breite Blätter – ich weiß
nicht mehr, wie sie heißen – und dann noch andere, die überall kleben
bleiben, und dann noch große weiße Blüten und weiße Narzissen – das sind
meine Lieblingsblumen – und dann noch Rosen, so schöne, schöne Rosen,
und noch viele, viele Blumen. Und wir schmückten das ganze Zimmer. Und
dann waren da noch solche Büsche, ganz wie kleine Bäume sahen sie aus,
in großen Kübeln, die stellten wir in die Ecken und zu beiden Seiten von
Mamas Stuhl, und als Mama kam, war sie ganz verwundert und sie freute
sich sehr und Heinrich war auch froh ... Ich weiß noch ganz genau wie
das war ...“
Der Doktor war sichtlich besorgt und schien sie unterbrechen zu wollen,
denn Nelly sah so erschöpft und bleich aus. Aber sie wollte sprechen und
so erzählte sie bis zum Sonnenuntergang von jenem Leben, das sie „dort“
geführt hatten, und wir unterbrachen sie nicht. „Dort“ war sie mit ihrer
Mutter und Heinrich viel gereist und sie erzählte mit glücklichen Augen
vom tiefblauen Himmel, von hohen Bergen mit schneebedeckten Gipfeln, von
Wasserfällen und Gletschern. Dann sprach sie von den Seen und Schluchten
Italiens, von Blumen und Bäumen und von italienischen Bauern und deren
braunen Gesichtern mit den schwarzen Augen; und sie erzählte
verschiedene Erlebnisse, und was ihnen hier und da begegnet war. Dann
sprach sie von großen Städten und Palästen, von einem großen Dom mit
einer großen Kuppel, die plötzlich in den verschiedensten Farben
erstrahlte, als man einmal die ganze Stadt illuminiert hatte; und dann
von einer heißen südlichen Stadt, über der der Himmel ganz wolkenlos und
ganz blau gewesen war und die an einem blauen Meerbusen lag ... Es war
das das erstemal, daß Nelly so ausführlich von ihrer Vergangenheit
erzählte, und wir hörten ihr gespannt zu. Wir hatten bisher nur ihr
Leben in Petersburg gekannt – dieses Leben in einer finsteren,
unfreundlichen Stadt, in einem rauhen, kalten Klima, unter einer trüben,
bleichen Sonne und unter bösen, halbwahnsinnigen Menschen, durch die sie
und ihre Mutter so viel zu leiden hatten. Ich dachte mir, wie sie beide
an so manchem feuchten Abend in der schmutzigen Kellerwohnung auf ihrem
armseligen Lager eng umschlungen gelegen und von Vergangenem gesprochen
haben mögen, vom toten Freunde und von den Wundern anderer Länder. Ich
dachte auch an Nelly, wie sie sich dann später allein dessen erinnert
haben mag, als auch ihre Mutter schon tot war und die Bubnowa sie mit
tierischer Grausamkeit zu Schändlichkeiten zwingen wollte ...
Ganz erschöpft hielt Nelly endlich inne: sie fühlte sich sehr schlecht
und wollte wieder ins Bett getragen werden. Nikolai Ssergejewitsch war
ganz erschrocken und konnte es sich nachher nicht verzeihen, daß er sie
so lange hatte sprechen lassen. Nelly bekam einen leichten
Ohnmachtsanfall; in der letzten Zeit war das öfter geschehen. Als sie
sich wieder etwas erholt hatte, wollte sie mich sprechen. Und sie bat so
dringend, mich zu ihr zu rufen und uns allein zu lassen, daß der alte
Doktor zu guter Letzt selbst darauf bestand, ihren Wunsch zu erfüllen.
„Ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen, Wanjä,“ begann Nelly, als wir
allein waren. „Ich weiß, die denken alle, daß ich mit ihnen dorthin
fahren werde; aber ich werde nicht mitfahren, denn ich kann nicht, und
vorläufig will ich bei dir bleiben. Das mußte ich dir jetzt sagen.“
Ich versuchte, sie zu bereden; ich sagte ihr, daß Ichmenjeffs sie so
liebten als wäre sie ihr leibliches Kind, daß sie sehr traurig sein
würden, wenn sie sich von ihr trennen müßten, daß sie bei mir dagegen
ein sehr schlechtes Leben hätte, und daß wir uns daher wohl, so lieb sie
mir auch war, doch würden trennen müssen.
„Nein, das geht nicht!“ sagte sie sehr bestimmt, „denn ich sehe jetzt
Mama oft im Traum und sie sagt mir, daß ich nicht mit ihnen fortfahren,
sondern hierbleiben soll; sie sagt, ich hätte viel gesündigt, weil ich
Großpapa allein gelassen habe, und sie weint immer, wenn sie das sagt.
Ich will hierbleiben und Großpapa pflegen, Wanjä.“
„Aber dein Großpapa ist doch schon tot, Nelly,“ sagte ich, nachdem ich
sie etwas verwundert angehört hatte.
Sie dachte nach und sah mich dabei mit vollkommen unbeweglichem, ernstem
Blick an.
„Erzähle mir noch einmal, Wanjä, wie Großpapa gestorben ist. Erzähle
alles ganz genau, vergiß nichts!“
Ich wunderte mich wieder über ihr eigentümliches Verlangen, begann aber
doch nach bestem Wissen zu erzählen. Ich sagte mir, daß sie vielleicht
nur phantasiere, oder wenn nicht gerade das, so doch nach dem
Ohnmachtsanfall vielleicht noch etwas unzurechnungsfähig war.
Sie folgte aber meiner Erzählung mit angespannter Aufmerksamkeit.
Deutlich sehe ich noch ihre dunkeln, krank blickenden Augen mit dem
Fieberglanz unablässig auf mich gerichtet, solange ich erzählte.
„Nein, Wanjä, er ist nicht tot!“ sagte sie plötzlich überzeugt, als ich
verstummt war und sie noch eine Weile nachgedacht hatte. „Mama spricht
jedesmal von Großpapa, und als ich ihr gestern sagte: ‚Aber er ist doch
tot,‘ da war sie sehr traurig und weinte, und dann sagte sie mir, daß es
nicht wahr sei, daß man es mir nur so sage, daß er aber auch jetzt noch
dort gehe und um Almosen bitte, ‚so wie wir beide früher gingen,‘ sagte
Mama, ‚und er geht immer dort auf der Stelle, wo wir ihn das erstemal
gesehen haben, als ich vor ihm niederfiel und Asorka mich erkannte‘ ...“
„Das ist ein Traum, Nelly, und ein kranker Traum, weil du selbst krank
bist,“ sagte ich ihr.
„Das habe ich auch gedacht, daß es nur ein Traum sein kann, und deshalb
habe ich auch niemandem etwas davon gesagt,“ fuhr Nelly fort. „Nur dir
allein wollte ich es erzählen. Aber heute als ich nach dem Essen
einschlief, nachdem du nicht gekommen warst, sah ich auch Großpapa im
Traum. Er saß bei sich zu Hause und wartete auf mich, und er sah wieder
so unheimlich aus, und er sagte, daß er zwei Tage nichts mehr gegessen
habe und Asorka auch nicht, und er war sehr böse auf mich und machte mir
Vorwürfe. Dann sagte er noch, daß er gar keinen Schnupftabak habe, ohne
diesen Tabak aber könne er gar nicht leben. Das hat er mir wirklich auch
schon früher einmal gesagt, Wanjä, als Mama schon gestorben war und ich
noch zu ihm ging. Dann war er ganz krank und begriff fast gar nicht mehr
was ich ihm sagte. Wie ich das nun heute von ihm hörte, dachte ich bei
mir: ich werde auf die Straße gehen und um Almosen bitten, und dann für
ihn Brot, gekochte Kartoffeln und Schnupftabak kaufen. Und da ging ich
auch auf die Straße, stand und bat, nur sah ich plötzlich, daß auch
Großpapa nicht weit von mir auf der Straße war, er wartete ein wenig und
dann trat er an mich heran und sah nach, wieviel ich bekommen hatte und
nahm mir das Geld fort. ‚Das ist für Brot,‘ sagte er, ‚jetzt sammle für
Tabak.‘ Ich bitte also weiter um Almosen und er kommt dann wieder und
nimmt mir das Geld wieder fort. Ich sage ihm, daß ich ihm doch sowieso
das ganze Geld geben werde, daß ich doch nichts für mich behalten will.
Er aber sagt: ‚Nein, du bestiehlst mich; auch die Bubnowa hat mir
gesagt, daß du eine Diebin bist, deshalb werde ich dich auch niemals zu
mir nehmen. Wo hast du ein Fünfkopekenstück hingetan?‘ Ich begann zu
weinen, weil er mich eine Diebin genannt und mir nicht traute, er aber
hörte nicht auf mich und schrie immer nur: ‚Fünf Kopeken hast du
gestohlen, gib sie her!‘ Und dann fing er an, mich zu schlagen, dort vor
allen Menschen auf der Straße, und er schlug mich so stark, daß ich
schreien wollte vor Schmerz. Und ich weinte sehr ... Sieh, und da denke
ich jetzt, daß er bestimmt noch lebt und irgendwo dort allein geht und
auf mich wartet ...“
Ich begann sie wieder zu beruhigen und ihr zu versichern, daß er
tatsächlich gestorben sei, bis sie es mir zu guter Letzt doch zu glauben
schien. Sie sagte nur, daß sie sich jetzt fürchte, einzuschlafen, weil
sie dann den Großpapa sehen werde. Endlich umarmte sie mich wieder ganz
plötzlich und heiß ...
„Aber ich kann dich doch nicht verlassen, Wanjä!“ sagte sie, ihr
Gesichtchen an meine Wange schmiegend. „Auch wenn Großpapa nicht wäre –
ich würde doch nicht von dir fortfahren!“
Die anderen waren alle sehr besorgt um Nelly. Ich ging mit dem Doktor
ins Nebenzimmer und erzählte ihm dort unter vier Augen von ihren
Träumen. Ich bat ihn, mir seine endgültige Meinung zu sagen.
„Das kann ich nicht, denn ich weiß selbst noch nicht genau, um was es
sich hier handelt,“ sagte er nachdenklich. „Ich beobachte vorläufig
noch, ich kombiniere und versuche es mehr zu erraten, aber ... bestimmt
etwas sagen läßt sich vorläufig noch nicht. Außer dem einen: daß eine
absolute Gesundung prinzipiell unmöglich ist und sie unfehlbar bald
sterben wird. Ichmenjeffs habe ich davon noch nichts gesagt, da Sie mich
darum so gebeten haben, aber ... Ich will sie morgen noch einmal
untersuchen und auch noch andere Ärzte zur Beratung heranziehen.
Vielleicht läßt sich da noch etwas machen, vielleicht! Sie tut mir leid,
die Kleine, es ist mir, als müßte ich mein eigenes Kind verlieren ...
Solch ein liebes, reizendes Mädchen! Und wie verständig sie ist, wie
klug für ihr Alter!“ ...
Nikolai Ssergejewitsch war ganz besonders aufgeregt und trug sich mit
großen Plänen.
„Höre mal, Wanjä, ich habe mir was ausgedacht!“ begann er sogleich, als
ich zu ihnen zurückkehrte. „Sie liebt – Blumen sehr – weißt du, was wir
da machen wollen? Wir arrangieren ihr zu morgen genau solch einen
Empfang mit Blumen, wie sie ihn mit jenem Heinrich ihrer Mutter bereitet
hat, weißt du, so wie sie vorhin erzählte ... Es regte sie so auf als
sie davon sprach ...“
„Das ist eben der Haken, – Aufregung schadet ihr,“ wandte ich ein.
„Ja, aber eine angenehme Aufregung doch nicht! – das ist doch etwas ganz
anderes! Glaube mir nur, Freundchen, verlaß dich auf meine Erfahrung:
angenehme Aufregung schadet nie, im Gegenteil, die kann sogar gesund
machen oder wenigstens zur Gesundung beitragen ...“
Mit einem Wort, der Alte war von seiner Idee so entzückt, daß er sich
für sie fast schon zu begeistern begann. Es war ganz unmöglich, ihm zu
widersprechen. Er fragte auch noch den Doktor nach seiner Meinung, doch
bevor dieser etwas meinen konnte, hatte er schon Hut und Stock in der
Hand und wandte sich zum Gehen.
„Hör’ mal,“ sagte er im Fortgehen, „hier ist eine Orangerie in der Nähe,
eine prächtige Orangerie. Und jetzt ist dort Ausverkauf: da kann man für
den billigsten Preis Blumen kaufen, wirklich, geradezu erstaunlich
billig! ... Du, sag das bei Gelegenheit Anna Andrejewna, damit sie sich
nicht wegen der Ausgabe allzusehr beunruhigt ... Na, also das wäre das
... Ja! Noch eines, Freund: wohin gehst du denn jetzt? Du bist doch
fertig, hast die Arbeit beendet, wozu also jetzt nach Hause eilen?
Nächtige doch bei uns oben, in der Dachkammer – weißt du noch, wie
früher? Deine Kissen, das Bett – alles steht noch auf demselben Fleck, –
nicht angerührt! Wirst wie ein König von Frankreich dort oben schlafen.
Was? Bleib mal hier! Morgen können wir dann früher aufstehen, und dann,
weißt du, wenn die Blumen gebracht werden, können wir beide das Zimmer
schmücken, so daß zu acht Uhr alles fertig ist. Und Natascha wird uns
helfen – sie hat doch mehr Geschmack als wir beide zusammen ... Nun,
bist du einverstanden? Bleibst du?“
Natürlich blieb ich. Der Alte traf sogleich die nötigen Anordnungen.
Inzwischen verabschiedeten sich der Arzt und Masslobojeff und gingen
nach Hause, denn Ichmenjeffs pflegten früh zu Bett zu gehen, gewöhnlich
schon um elf Uhr. Masslobojeff war, als er sich verabschiedete, still
und nachdenklich und wollte mir etwas mitteilen, schob es aber auf.
„Ein anderes Mal, heute ist es zu spät,“ sagte er.
Als ich aber den Alten gute Nacht gewünscht und in meine Dachkammer
hinaufgestiegen war, da fand ich ihn zu meiner Verwunderung dort oben
vor. Er saß am Tisch und blätterte in einem Buch. Offenbar erwartete er
mich.
„Habe unterwegs kehrtgemacht, Wanjä,“ sagte er, „denn schließlich ist es
doch besser, ich erzähle es dir heute noch. Setze dich. Sieh, die ganze
Geschichte ist so dumm, so blödsinnig dumm, daß man sich darüber nur
ärgern kann ...“
„Was, was ist denn los?“
„Los ist nichts, aber dein vermaledeiter Fürst hat mich vor zwei Wochen
so geärgert, so geärgert, sag ich dir, daß mein Ärger selbst in zwei
Wochen noch nichts an Kraft und Größe eingebüßt hat.“
„Wie, was? Stehst du denn mit dem Fürsten immer noch in Verbindung?“
„Na ja, wußt ich’s doch, daß du sogleich Wie und Was schreien wirst, als
wäre Gott weiß was passiert! Du, Freund, du bist auf ein Haar wie meine
Alexandra Ssemjonowna ... Überhaupt ist das alles unerträgliches
Weibergewäsch ... Kann so was nicht verdauen! ... Da braucht nur eine
Krähe einmal zu krächzen, sogleich ist das Gezeter groß: ‚Wie! was!‘“
„Nun, ärgere dich nicht.“
„Tue ich gar nicht, aber man muß doch mit nüchternen normalen Augen auf
die Dinge sehen, nicht durch Vergrößerungsgläser ... Ja.“
Er schwieg eine Weile, als ärgere er sich noch über mich. Ich schwieg
gleichfalls und wartete.
„Siehst du, Freund,“ begann er dann, „ich bin da auf eine Spur gestoßen
... das heißt, genau genommen bin ich weder auf eine Spur gestoßen, noch
hat es eine Spur überhaupt gegeben, aber es schien mir plötzlich so ...
Ich habe gewisse Dinge kombiniert und daraus die Schlußfolgerung
gezogen, daß Nelly ... vielleicht ... nun, mit einem Wort, des Fürsten
rechtmäßige Tochter ist.“
„Was!“
„Na ja, das konnte ich mir ja denken, daß du sogleich ‚was!‘ schreien
würdest! Bei Gott, es ist keine Möglichkeit, mit diesen Leuten zu
reden!“ rief er scheinbar wütend aus. „Habe ich dir denn schon was
Positives gesagt, du leichtsinniger Mensch? Habe ich dir gesagt, daß sie
die _bewiesenermaßen rechtmäßige_ Tochter des Fürsten sei? Habe ich dir
das gesagt oder nicht? ...“
„Höre, mein Bester,“ unterbrach ich ihn erregt, „schreie um Gottes
willen nicht so, sondern tue mir den Gefallen und erkläre es mir ruhig
und deutlich. Bei Gott, ich werde dich verstehen. So begreife doch, bis
zu welch einem Grade das wichtig ist und welche Folgen ...“
„Jawohl, Folgen! Wo willst du die Folgen hernehmen? Wo sind die Beweise?
Ohne Beweise macht man nichts, ich aber erzähle es dir nur als größtes
Geheimnis. Weshalb ich aber überhaupt davon mit dir rede – das werde ich
dir später erklären. Du siehst, es ist notwendig, daß ich’s tue, und
damit basta. Also schweige vorläufig, höre zu und laß dir gesagt sein,
daß es dir nur unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit mitgeteilt
wird ... Sieh, die Geschichte verhält sich so: schon im Winter, noch
bevor der alte Smitt starb, begann der Fürst sogleich nach seiner
Rückkehr aus Warschau die ganze Sache ... Das heißt: begonnen hatte er
sie schon viel früher, etwa vor einem Jahr. Damals aber hatte er nach
etwas anderem geforscht, jetzt aber begann er nach etwas Neuem zu
forschen. Die Hauptsache war nämlich die, daß er ihre Spur verloren
hatte. Vor dreizehn Jahren hatte er die Smitt in Paris verlassen, doch
während dieser ganzen Zeit hatte er sie nicht aus dem Auge verloren: so
hatte er gewußt, daß sie mit Heinrich zusammenlebte – mit diesem, von
dem heute die Rede war; er wußte, daß sie eine Tochter, namens Nelly,
hatte, er wußte auch, daß sie selbst krank war; na, mit einem Wort, er
wußte alles, nur verlor er plötzlich die Spur, und das, wie mir scheint,
bald nach dem Tode Heinrichs, als die Smitt nach Petersburg
zurückkehrte. Hier in Petersburg hätte er sie allerdings bald gefunden,
gleichviel unter welchem Namen sie zurückgekehrt wäre; aber sieh, die
Sache war nämlich die, daß seine ausländischen Agenten ihn betrogen
hatten: sie schrieben ihm, daß sie in Süddeutschland irgendwo dort in
einer kleinen Stadt lebe, was sie selber für vollkommen richtig hielten,
doch hatten sie sich getäuscht: das war eine andere Smitt. Und das
dauerte so ungefähr ein Jahr oder noch länger, der Fürst aber begann
schließlich Verdacht zu schöpfen, denn aus gewissen Umständen glaubte er
zu ersehen, daß es nicht diese Smitt sein könne. Jetzt fragte es sich:
wo war die richtige Smitt? Und da kam es ihm in den Sinn – so, ganz von
selbst, ohne jede Handhabe: sollte sie nicht in Petersburg sein? Während
nun seine Agenten sich im Auslande erkundigten, begann er selber hier in
Petersburg nachzuforschen, nur wollte er, wie’s scheint, nicht gar zu
offiziell vorgehen. Na und da wandte er sich an mich. Man hatte mich ihm
empfohlen, so und so, aus Liebhaberinteresse, wie gesagt, befaßt sich
mitunter auch mit solchen Sachen, – nun und so weiter, und so weiter
...“
„Nun und so erklärte er mir denn den Sachverhalt, aber nur so mehr
andeutungsweise, der Hund, so schleierhaft und zweideutig, daß kein
Teufel recht klug draus werden konnte. Versah sich oft, wiederholte
manches mehrmals, und erzählte ein und dasselbe zuerst so, dann wiederum
so und dann nochmals anders, – kurz: alles doppelt, dreifach und
verschieden ... Na, aber wie schlau er auch war, alles läßt sich doch
nicht verbergen. Ich, versteht sich, ich begann mit vollster
Unterwürfigkeit und Herzenseinfalt, mit einem Wort: ergebenster Sklave.
Nach meinem Grundsatz aber, den ich mir ein für allemal aufgestellt
habe, erstens, und zweitens gemäß dem Naturgesetz – denn das ist ein
Naturgesetz, mußt du wissen – dachte ich bei mir: erstens ist das, was
er mir gesagt hat, das, was er wissen will? Und zweitens: verbirgt sich
nicht hinter dem angegebenen Beweggrunde ein ganz anderer, nicht
angegebener, ja nicht einmal angedeuteter? Ist aber das der Fall, so
will er mich – was du, mein Sohn, mit deinem Dichterschädel vielleicht
auch begreifen wirst – so will er mich einfach bestehlen: denn das eine,
siehst du, ist, sagen wir, nur einen Rubel wert, das andere aber
mindestens vier; da müßte ich doch ein Esel sein, wenn ich ihm für einen
Rubel das gebe, was vier wert ist. Ich begann nachzudenken und hin und
her zu raten und allmählich kam ich denn auch der Sache auf die Spur.
Einiges erfuhr ich von ihm selber, anderes von diesem und jenem, auf
wieder anderes verfiel ich selbst, – brauchte nur meinen Verstand
kombinieren zu lassen. Fragst du, weshalb ich das tat? Nun, wenn auch
nur deshalb, weil der Fürst doch etwas gar zu besorgt war, weil er gar
zu vieles zu befürchten schien. Was konnte er aber da schließlich zu
befürchten haben, wenn man es recht bedenkt? Hat aus dem Hause des
Vaters die Geliebte entführt, und als sie in Umständen war, verließ er
sie. Was ist denn dabei Wunderliches? Eine liebe, nette Unart und nichts
weiter! Da hörte doch alles auf, wenn ein Mensch wie der Fürst sich
deshalb fürchten sollte! Er aber fürchtete sich ... Und da schöpfte ich
eben Verdacht. Und da bin ich, mußt du wissen, auf ungemein interessante
Spuren gestoßen, zum Teil auch durch diesen Heinrich. Er ist natürlich
schon längst tot, aber durch eine seiner Kusinen – jetzt ist sie hier
mit einem Bäcker verheiratet – also von dieser Kusine, die einst glühend
in ihn verliebt gewesen ist und ihn fünfundzwanzig Jahre lang
unverändert weitergeliebt hat, ungeachtet der Existenz ihres Mannes, des
Bäckers, mit dem sie ganz aus Versehen acht Kinder in die Welt gesetzt
hat – also wie gesagt, von dieser Kusine habe ich denn endlich nach den
verschiedensten und kompliziertesten Manövern einen ungemein wichtigen
Umstand in Erfahrung gebracht. Dieser Heinrich hatte ihr nämlich nach
deutscher Art lange Briefe geschrieben, und vor dem Tode hatte er ihr
dann noch verschiedene Papiere und so etwas wie ein Tagebuch zugesandt.
Sie, diese Gans, hat natürlich von dem Geschreibsel nur die Stellen
verstanden, wo er vom Monde, meinem lieben Augustin und von Wieland,
wenn ich nicht irre, spricht, doch vom Wichtigen hat sie kein Wort
kapiert. Aus diesen Briefen erfuhr ich aber einiges, das für mich von
großer Wichtigkeit war und vor allem kam ich durch sie auf eine neue
Spur. So erfuhr ich zum Beispiel vom alten Smitt, vom Vermögen, das die
Tochter ihm entwendet hatte, und daß der Fürst dieses Vermögen sich
angeeignet; und zwischen Ausrufen, Allegorien und anderem Zeug las ich
dann die ganze Wahrheit heraus: da heißt, Wanjä, – du verstehst doch?
Nichts Positives! Dieser Schmachtlappen Heinrich hat absichtlich nichts
ausgesprochen, sondern eben nur so angedeutet. Nun, diese Andeutungen
aber verbanden sich für mich zu geradezu himmlischer Harmonie! Versteh:
der Fürst war mit der Smitt regelrecht verheiratet! Wo er sich hat
trauen lassen, hier oder im Auslande, wann, wo die Dokumente sind –
alles das ist unbekannt. Weißt du, Freund Wanjä, ich habe mir vor Ärger
die Haare aus dem Schädel gerauft und Tag und Nacht gesucht und gesucht,
das heißt vielmehr – geforscht ...“
„Endlich kam ich dem alten Smitt auf die Spur, da aber mußte es ihm
plötzlich einfallen zu sterben. So habe ich ihn lebend nicht einmal zu
Gesicht bekommen. Zufällig aber erfuhr ich zu derselben Zeit, daß auf
dem Wassiljewskij-Ostroff eine Frau, auf die schon früher mein Verdacht
gefallen war, gestorben sei. Und da kam ich wieder auf eine richtige
Spur. Weißt du noch, wir trafen uns damals, als ich auf die Insel eilte?
Dort erfuhr ich ziemlich viel. Auch Nelly hat mir hier in mancher
Beziehung geholfen ...“
„Höre,“ unterbrach ich ihn, „glaubst du wirklich, daß Nelly es weiß ...“
„Was?“
„Daß sie vielleicht die Tochter des Fürsten ist?“
„Aber du weißt doch selber, daß sie die Tochter des Fürsten ist,“
versetzte er und sah mich mit einem gewissen Vorwurf an. „Wozu stellst
du so müßige Fragen? Sei nicht langweilig! Nicht das ist die Hauptsache,
ob sie es weiß oder nicht weiß, und auch nicht das, daß sie einfach nur
des Fürsten Tochter ist, sondern: daß sie seine _rechtmäßige_ Tochter
ist – begreifst du jetzt?“
„Das kann nicht sein!“ rief ich aus.
„Das habe ich auch bei mir gedacht, daß es nicht sein könne, auch jetzt
noch sage ich es mir bisweilen. Aber das ist es ja gerade, daß es
tatsächlich so sein _kann_ und höchstwahrscheinlich auch so _ist_!“
„Nein, Masslobojeff, das kann nicht so sein, du hast übertrieben!“
unterbrach ich ihn. „Nicht nur, daß sie es nicht weiß, – sie ist auch in
der Tat nur ein uneheliches Kind. Sollte denn die Mutter, wenn sie nur
irgendwelche Dokumente in Händen gehabt hätte, ein so schreckliches
Elend hier in Petersburg freiwillig ertragen und dabei nicht einmal an
die elende Zukunft ihres Kindes gedacht haben? Geh! Das ist unmöglich!“
„Das habe ich auch gedacht, oder vielmehr: das steht auch jetzt noch als
Rätsel vor mir. Aber sieh: die Smitt war doch an und für sich das
hirnverbrannteste Weib der Welt, ein Frauenzimmer, wie man es sich kaum
denken kann. Stelle dir doch bloß einmal die Verhältnisse vor! Das ist
doch eine Romantik, die nichts mit der Welt zu tun hat, die irgendwo
dort über den Sternen schwebt – einfach die wildeste Dummheit im
verrücktesten Maßstabe! Nimm doch die Sache wie sie ist: zuerst hat sie
nur an einen Himmel auf Erden gedacht und in ihm einen Engel in
Menschengestalt gesehn, kurz: sie war hoffnungslos verliebt, vertraute
schrankenlos, und ich bin überzeugt, daß sie dann später nicht deshalb
den Verstand verloren hat, weil er sie zu lieben aufhörte und verließ,
sondern weil er sie betrogen hatte, weil er _fähig gewesen war_, sie zu
betrügen und zu verlassen, das heißt, weil ihr Engel sich plötzlich als
schmutziger Lump entpuppte, der sie in den Schmutz herabgezogen. Diese
Verwandlung konnte ihre romantische Seele nicht überwinden. Und außerdem
noch diese Kränkung – du begreifst doch, von welch einer Kränkung ich
rede? Entsetzen und Stolz und grenzenlose Verachtung mußte sie
empfinden, als ihr die Augen aufgingen. Und da hat sie vielleicht alles
zerrissen, alle Dokumente und Papiere, und hat ihm auch das Geld
geschenkt, ohne daran zu denken, daß es nicht ihr Geld, sondern ihres
Vaters Geld war. Sie verzichtete einfach auf dieses Geld, wie etwa auf
Straßenschmutz, um ihren Betrüger durch seelische Erhabenheit zu
erdrücken, um ihn als Dieb, der sie bestohlen, ihr Leben lang verachten
zu können, und sie wird ihm wohl gesagt haben, daß sie es für eine
Schmach halte, seine Frau zu sein. Unsere Kirche erlaubt keine
Scheidung, sie aber lebten ^de facto^ geschieden, – wie hätte sie also
noch um Hilfe flehen sollen? Bedenke doch, daß sie, diese Wahnsinnige,
ihrer Tochter Nelly noch auf dem Sterbebett gesagt hat: geh nicht zu
ihnen, arbeite, verkomme, aber geh nicht zu ihnen, gleichviel _wer_ dich
auch rufen sollte. Also hat sie doch immer noch erwartet, daß man sie
_rufen_ werde, folglich aber würde sie Gelegenheit haben, sich noch
einmal zu rächen, dem _Rufenden_ ihre Verachtung zu zeigen. Sagen wir es
kurz: sie hat sich nicht von Brot, sondern von ihrem Haß genährt.
Vieles, Freund, habe ich auch von Nelly erfahren; selbst jetzt noch
forsche ich sie aus. Freilich war ihre Mutter krank, schwindsüchtig; und
die Schwindsucht soll ja im Menschen ganz besondere Erbitterung und
Reizbarkeit hervorrufen. Dennoch weiß ich ganz genau – ich erfuhr es von
einer Gevatterin der Bubnowa – daß sie einen Brief an den Fürsten
geschrieben hat: ja, an den Fürsten ...“
„Einen Brief! Und hat er ihn erhalten?“ fragte ich gespannt.
„Das ist es ja, was ich nicht weiß! Verdammt! Die Smitt hat sich
jedenfalls einmal an diese Gevatterin gewandt – du hast sie doch gesehn,
weißt du, dieses gepuderte Mädchen bei der Bubnowa? Jetzt sitzt sie im
Zuchthaus. Nun, und durch diese selbe wollte sie ihm den Brief senden,
den sie ^nota bene^ bereits geschrieben hatte. Aber da besann sie sich
plötzlich eines anderen und gab ihr den Brief nicht oder forderte ihn
zurück. Das war drei Wochen vor ihrem Tode ... Nichtsdestoweniger ist
das von großer Wichtigkeit: denn wenn sie sich schon einmal entschlossen
hatte, an ihn zu schreiben und ihm den Brief zu übersenden, so kann sie
doch, wenn sie ihn auch zurückgenommen hat, sehr wohl ein anderes Mal
gesandt haben. Hat sie ihn nun abgesandt oder nicht? Wenn ich das wüßte!
Ich habe einen gewissen Grund anzunehmen, daß sie ihn nicht abgesandt
hat, denn ich glaube, daß der Fürst erst _nach_ ihrem Tode mit voller
Sicherheit erfahren hat, daß sie überhaupt in Petersburg war, und daß
sie bei der Bubnowa wohnte. Was der sich gefreut haben muß!“
„Ja, ich entsinne mich, Aljoscha sprach einmal von einem Brief, den der
Fürst erhalten und über den er sich sehr gefreut habe. Das war vor gar
nicht langer Zeit, vor zwei Monaten höchstens. Aber weiter, weiter – wie
ist jetzt dein Verhältnis zum Fürsten?“
„Mein Verhältnis zum Fürsten? Begreifst du, was das heißt: die vollste
moralische Überzeugung und dabei keinen einzigen positiven Beweis haben
– _keinen einzigen_, ungeachtet aller meiner Anstrengungen! Ist das
nicht zum Verzweifeln? Ich hätte im Auslande nachforschen müssen, aber
wo im Auslande? – wer das wüßte! wer das wüßte! Ich begriff natürlich,
daß mir keine so leichte Schlacht bevorstand, daß ich ihm nur mit
Andeutungen einen Schrecken einjagen konnte, wenn ich mich anstellte,
als wüßte ich weit mehr, als es in Wirklichkeit der Fall war ...“
„Nun und?“
„Er ließ sich aber nicht hinters Licht führen; doch erschrak er übrigens
nicht wenig, erschrak sogar so, daß er mich auch jetzt noch fürchtet.
Wir haben mehrere Zusammenkünfte gehabt. Wie er sich jedesmal verstellt
hat! Einmal machte er sich daran, mir – gewissermaßen aus Freundschaft –
selbst alles zu erzählen. Das war damals, als er dachte, ich wisse
alles. Er erzählte gut, das läßt sich nicht leugnen, erzählte mit
Gefühl, offenherzig – d. h. er log mit unglaublicher Gewissenlosigkeit.
Eben daran konnte ich ermessen, wie sehr er mich fürchtete. Eine
Zeitlang spielte ich den dümmsten Tölpel, der sich selbst für sehr
schlau hält. Begann ihn ungeschickt einzuschüchtern, mit Absicht
ungeschickt, sagte ihm Grobheiten, drohte ihm sogar, – alles nur, damit
er mich für einen Tölpel halte und sich dann vielleicht einmal
unvorsichtigerweise verspreche. Er durchschaute mich aber, der Schuft!
Ein anderes Mal spielte ich den Betrunkenen, nur kam dabei auch nichts
Gescheites heraus. Er ist zu gerieben! Versteh’, Wanjä: ich mußte zuerst
feststellen, inwieweit er mich fürchtet, um ihn dann glauben zu machen,
daß ich viel mehr wisse, als ich in der Tat weiß ...“
„Nun und – was erreichtest du damit?“
„Ja – nichts, es kam nichts dabei heraus. Beweise, Beweise waren nötig,
ich aber habe keinen einzigen Beweis. Nur eines begriff er, nämlich, daß
ich einen Skandal heraufbeschwören könnte. Er aber befürchtet ihn um so
mehr, als er hier bereits Verbindungen angeknüpft hat. Du weißt doch,
daß er heiraten wird?“
„Nein ...“
„Im nächsten Jahr! Die Braut hat er sich schon im vorigen Jahr
ausgesucht: damals war sie erst vierzehn Jahre alt, jetzt ist sie schon
fünfzehn, geht noch im Flügelkleide, glaube ich, das arme Dingelchen.
Die Eltern sind selbstverständlich froh. Begreifst du jetzt, wie
notwendig es für ihn war, daß seine Frau starb? Diese Fünfzehnjährige
ist eine Generalstochter, und zwar schwerreich! Wir, Freund Wanjä, du
und ich, wir werden nie so heiraten ... Was ich mir aber zeit meines
Lebens nicht verzeihen werde,“ rief Masslobojeff plötzlich wütend aus
und er schlug mit der Faust auf den Tisch, „das ist: daß er mich
angeführt hat, jawohl! – vor zwei Wochen ... dieser Schuft!“
„Wieso?“
„Ganz einfach! Ich sah schon, er hatte es erraten, daß ich nichts
Positives gegen ihn in der Hand hatte und außerdem fühlte ich, daß er,
je mehr ich die Sache in die Länge zog, um so eher meine völlige
Machtlosigkeit erraten mußte. Nun und da nahm ich denn mit den
Zweitausend fürlieb.“
„Du nahmst Zweitausend! ...“
„In Silber, Wanjä; innerlich knirschend nahm ich sie. Gott, ist denn so
etwas bloß lumpige Zweitausend wert! Ich erniedrigte mich, indem ich sie
nahm! Wie ein übers Ohr gehauener Esel stand ich da vor ihm, er aber
sagte noch: ‚Ich habe Sie, Masslobojeff, für Ihre früheren Bemühungen
noch nicht entschädigt‘ – das war aber gar nicht der Fall, er hatte mir
schon längst der Verabredung gemäß, hundertundfünzig Rubel gezahlt –
‚nun,‘ sagte er, ‚hier sind zweitausend Rubel, und ich hoffe, daß wir
jetzt unsere _sämtlichen_ Geschäfte als erledigt betrachten können.‘ Na
und da antwortete ich ihm: ‚Vollkommen erledigt, Fürst,‘ wagte aber
dabei nicht mal, ihm in die Fratze zu sehen; ich dachte bei mir, in
diesem Gesicht müsse geschrieben stehn: ‚Na, hast du viel
herausgeschunden? Ich gebe dir das Geld ja nur so, einzig aus Großmut!‘
Ich weiß nicht einmal, wie ich seine Wohnung verlassen habe!“
„Aber das ist doch eine Gemeinheit, Masslobojeff!“ rief ich empört aus.
„Bedenke doch, was du mit Nelly getan hast!“
„Das ist nicht nur einfach eine Gemeinheit, das ist einfach
niederträchtig, schmutzig ... Das ... das ... weißt du, es gibt keine
Worte, um das auszudrücken!“
„Mein Gott! Aber er müßte doch wenigstens Nellys Zukunft sicherstellen!“
„Müßte! Wer kann ihn dazu zwingen? Oder meinst du, man könne ihn
einschüchtern? Da sei du unbesorgt: der läßt sich nicht bange machen:
ich habe doch das Geld von ihm angenommen. Damit habe ich doch selbst,
versteh, ich selbst habe damit zugegeben, daß meine ganze Macht gegen
ihn nur lumpige zweitausend Rubel wert ist! Womit kann ich ihn jetzt
noch ängstigen?“
„Aber wie, wie ist es denn möglich, wie können denn Nellys Ansprüche
damit für immer begraben sein?“ fragte ich ganz verzweifelt.
„Das sind sie ja gar nicht!“ rief Masslobojeff und geriet sogar ganz aus
dem Häuschen. „Du glaubst, ich werde ihm das schenken? Ich fange von
neuem an, Wanjä: ich habe mich schon entschlossen. Was ist denn dabei,
daß ich die Zweitausend genommen habe? Na, zum Teufel damit! Ich habe
das Geld einfach für die Kränkung genommen, als Entschädigung, wenn du
willst, denn dieser Spitzbube hat mich betrügen wollen, hat sich über
mich einfach lustig gemacht, hat mich zum Narren gehabt! Ich erlaube es
ihm aber nicht, mich an der Nase zu führen ... Jetzt werde ich, weißt
du, zuerst mit Nelly anfangen. Ich habe sie beobachtet und bin zu der
Überzeugung gekommen, daß sie den Knoten der ganzen Sache in der Hand
hat. Sie weiß _alles, alles_ ... Die Mutter hat es ihr erzählt.
Vielleicht schon vor der Krankheit, vielleicht erst später, im Fieber,
wenn die Qual zu groß wurde. Sie hatte sonst keinen bei sich, dem sie es
hätte klagen können, da wird sie es eben Nelly erzählt haben. Und wenn
sie nur einmal damit begonnen hat, dann hat sie ihr unfehlbar _alles_
erzählt. Vielleicht aber können wir mit Nellys Hilfe auch noch gewisse
Dokumente entdecken!“ fügte er schmunzelnd hinzu und rieb sich
stillvergnügt die Hände. „Begreifst du jetzt, Wanjä, weshalb ich in
letzter Zeit so oft herkomme? Erstens natürlich aus Freundschaft zu dir,
das versteht sich von selbst. Doch der Hauptzweck ist doch: Nelly zu
beobachten. Und drittens, alter Freund, mußt du, ob du willst oder
nicht, – mußt du mir behilflich sein, denn du hast großen Einfluß auf
Nelly ...“
„O, gewiß, ich bin gern bereit,“ sagte ich lebhaft erfreut, „denn ich
hoffe, Masslobojeff, daß du dich in ihrem Interesse bemühst, daß du es
für das arme Waisenkind tun willst, nicht nur um deines eigenen Vorteils
willen ...“
„Gott, was geht das dich an, um wessen Vorteils willen, wie du sagst,
ich mich plagen werde, du seliger Mensch du? Wenn es nur gelingt, – das
ist die Hauptsache! Natürlich, versteht sich: in der Hauptsache für das
Waisenkindchen, so will’s ja auch die Nächstenliebe. Aber du, Wanjä,
Wanjuscha, du verurteile mich nicht bis zu letzter Verdammnis, wenn ich
dabei auch an mich denke. Ich bin ein armer Mensch, wie du weißt, er
aber soll es hinfort nicht wagen, arme Menschen zu beleidigen. Er
entzieht mir das, was mir von Rechts wegen zukommt, und außerdem hat er
mich noch betrogen! Und solch einem Spitzbuben soll ich noch was
schenken, meinst du? Das wird mir gerade einfallen!“
* * * * *
Leider sollte unser Blumenfest am nächsten Tage unserer Erwartung nicht
entsprechen: Nelly fühlte sich bedeutend schlechter und konnte das
Zimmer nicht verlassen.
Und sie sollte es überhaupt nicht mehr verlassen.
Sie starb nach zwei Wochen. In diesen zwei Wochen ihrer Agonie kam sie
nur selten zu sich, gewöhnlich hielten seltsame Phantasien sie gefangen.
Es schien fast, als sei sie nicht mehr bei vollem Verstande. Von Anfang
an war sie fest überzeugt, daß der Großvater sie zu sich rufe und sich
über sie ärgere, weil sie nicht käme, und dann klopfe er mit dem Stock
und sage, sie müsse von „guten Leuten“ Geld zu Brot und Tabak
zusammenbetteln. Oft weinte sie im Schlaf, und wenn sie dann erwachte,
erzählte sie, daß sie ihre Mutter gesehen habe.
Einmal war ich allein bei ihr, als sie wieder zu sich kam; da schob sie
sich näher zu mir und ergriff meine Hand mit ihren abgezehrten,
fieberheißen Händchen.
„Wanjä,“ sagte sie, „wenn ich sterbe, dann heirate Natascha!“
Ich glaube, dieser Gedanke hatte sich schon vor langer Zeit in ihr
festgesetzt, und immerwährend schien er sie zu beschäftigen. Ich
lächelte ihr schweigend zu. Als sie mein Lächeln sah, lächelte sie
gleichfalls und drohte mir schelmisch mit ihrem dünnen Fingerchen und
dann küßte sie mich.
An einem wundervollen Sommerabend – es war drei Tage vor ihrem Tode –
bat sie, man möge den Vorhang vor dem Fenster emporziehen und das
Fenster öffnen. Vor dem Fenster lag das Gärtchen. Lange blickte sie in
das frische Grün und sah die leuchtenden Farben der Abendsonne, und
plötzlich bat sie, uns beide allein zu lassen.
„Wanjä,“ sagte sie mit kaum hörbarer Stimme, denn sie war schon sehr
schwach, „ich werde bald sterben. Sehr bald, und ich will dir sagen, daß
du mich nicht vergessen sollst. Zum Andenken hinterlasse ich dir dieses
hier,“ – sie wies auf ein großes Amulett, das sie an dem Bändchen, an
dem auch ihr Kreuz hing, auf der Brust trug. „Das hat Mama mir sterbend
hinterlassen. Also, wenn ich sterbe, so nimm du dieses Amulett an dich,
nimm es und lies, was darin steht. Ich werde heute auch den andern
sagen, daß du allein dieses Amulett erhalten sollst. Und wenn du gelesen
hast, was hier geschrieben steht, dann geh zu _ihm_ und sage ihm, daß
ich gestorben bin, ihm aber nicht verziehen habe. Sage ihm auch, daß ich
die Bibel vor nicht langer Zeit gelesen habe. Dort ist gesagt: vergebt
allen euren Feinden. Nun, ich habe das gelesen, _ihm_ aber vergebe ich
trotzdem nicht, denn als Mama im Sterben lag und noch sprechen konnte,
war das Letzte, was sie mir sagte: ‚_Ich verfluche ihn_‘. Nun und so
verfluche auch _ich_ ihn, verfluche ihn nicht um meinetwillen, sondern
um Mamas willen ... Und du erzähle ihm, wie Mama gestorben ist, wie ich
bei der Bubnowa allein zurückblieb, erzähle ihm, wie du mich bei der
Bubnowa gesehn hast, – alles, alles erzähle ihm und dann sage ihm auch,
daß ich lieber bei der Bubnowa bleiben wollte, als zu ihm gehen ... Ich
bin nicht zu ihm gegangen ...“
Nelly war bleich geworden, ihre Augen brannten und ihr Herz klopfte so
stark, daß sie auf das Kissen zurücksank und eine Weile kein Wort
sprechen konnte.
„Rufe sie, Wanjä,“ sagte sie dann endlich mit schwacher Stimme. „Ich
will von allen Abschied nehmen. Leb wohl, Wanjä! ...“
Noch einmal, zum letzten Male umarmte sie mich krampfhaft. Der Alte
konnte es nicht fassen, daß sie sterben solle, konnte diese Möglichkeit
überhaupt nicht zugeben. Bis zum letzten Augenblick stritt er noch mit
uns und versicherte, daß sie unfehlbar gesund werden müsse. Er magerte
sichtlich ab vor Sorge und saß ganze Tage und sogar Nächte hindurch an
Nellys Bett. In den letzten Nächten schlief er überhaupt nicht. Den
geringsten Wunsch suchte er ihr schon im voraus zu erfüllen, noch bevor
sie ihn ausgesprochen hatte. Als er an jenem Tage, nachdem sie von uns
Abschied genommen, zu uns ins andere Zimmer kam, weinte er bitterlich,
doch bald begann er wieder zu hoffen und uns zu versichern, daß sie
gesund werden müsse. Ihr Zimmer schmückte er täglich mit Blumen. Einmal
kaufte er ein großes Bukett der schönsten roten und weißen Rosen und
hatte deshalb einen weiten Weg zurückgelegt, nur um seiner kleinen Nelly
eine Freude zu bereiten ... Natürlich regte sie sich darüber nicht wenig
auf: war doch eine so große und so allgemeine Liebe etwas ganz Neues für
sie. Der Alte wollte unter keiner Bedingung Abschied von ihr nehmen. Da
lächelte Nelly ihm zu und bemühte sich den ganzen Abend, fröhlich zu
scheinen und mit uns zu scherzen, ja sie lachte sogar ... Wenigstens
verließen wir sie alle fast hoffnungsfreudig, doch am nächsten Tage
hatte sie schon die Sprache verloren. Nach zwei Tagen starb sie.
Ich erinnere mich noch, wie der Alte ihren Sarg mit Blumen schmückte und
wie verzweifelt er ihr abgezehrtes totes Gesichtchen, ihr totes Lächeln
und ihre schmalen gefalteten Händchen betrachtete. Er weinte, als habe
er sein leibliches Kind verloren. Natascha, ich und überhaupt alle
trösteten ihn, so gut wir zu trösten vermochten, doch er ließ sich nicht
trösten und erkrankte nach ihrer Beerdigung sogar ziemlich schwer.
Anna Andrejewna gab mir das Amulett, das sie Nelly abgenommen hatte. Es
enthielt nur einen Brief, den Nellys Mutter an den Fürsten geschrieben
hatte. Ich las ihn durch. Sie wandte sich mit einem Fluch an ihn, sie
sagte, daß sie ihm nicht vergeben könne; sie beschrieb ihr Leben in den
letzten Jahren und schilderte das Schicksal, das ihre Tochter erwarte,
und darauf flehte sie ihn an, doch etwas wenigstens für das Kind zu tun.
„Es ist _Ihr Kind_,“ schrieb sie, „es ist Ihre Tochter und _Sie wissen
es selbst, daß sie Ihre natürliche, Ihre rechtmäßige_ Tochter ist. Ich
habe ihr gesagt, sie solle zu Ihnen gehen, wenn ich gestorben bin, und
Ihnen diesen Brief übergeben. Wenn Sie das Kind nicht verstoßen, werde
ich Ihnen _dort_ vielleicht noch vergeben, werde am Tage des Gerichts
vor dem Throne Gottes niederknien und den Richter anflehen, Ihnen Ihre
Sünden zu vergeben. Nelly weiß, was in diesem Brief steht: ich habe ihn
ihr vorgelesen; ich habe ihr _alles_ erzählt, sie weiß _alles, alles_
...“
Nelly hatte die Bitte der Mutter nicht erfüllt: sie war nicht zum
Fürsten gegangen und unversöhnt gestorben.
Als wir von ihrer Beerdigung zurückkamen, gingen wir beide, Natascha und
ich, in den Garten. Es war ein heißer, blendend lichtheller Tag. In
einer Woche sollten sie abreisen. Natascha sah mich lange mit seltsamen
Blicken an.
„Wanjä,“ sagte sie, „Wanjä, das war doch nur ein Traum.“
„Was war ein Traum?“ fragte ich.
„Alles, alles das,“ sagte sie, „alles, was in diesem einen Jahr gewesen
ist. Wanjä, weshalb habe ich dein Glück zerstört?“
Und in ihren Augen las ich:
„Wir hätten beide so glücklich sein können!“