Der Weg schien mir endlos lang. Endlich kamen wir an und mit beklommenem
Herzen trat ich zu den Alten ins Zimmer. Ich wußte nicht, mit welchen
Gefühlen ich sie wieder verlassen würde, doch eines stand fest, nicht
ohne Versöhnung und Frieden für uns alle erlangt zu haben.
Es war bereits vier Uhr geworden. Die Alten saßen allein, wie
gewöhnlich. Nikolai Ssergejewitsch fühlte sich immer noch sehr schwach
und lag bleich in seinem Lehnstuhl mit verbundenem Kopf. Anna Andrejewna
saß neben ihm und sah ihn hin und wieder mit fragenden und besorgten
Blicken an, was den Alten jedoch sehr zu beunruhigen und zu ärgern
schien. Er schwieg hartnäckig und sie wagte das Schweigen nicht zu
brechen. Unser plötzliches Erscheinen setzte sie beide in Erstaunen.
Anna Andrejewna schien sogar zu erschrecken als sie mich mit Nelly
erblickte, und in dem ersten Augenblick uns gegenüber fast so etwas wie
Schuldbewußtsein zu haben.
„Ich habe Ihnen da meine Nelly mitgebracht,“ sagte ich eintretend. „Sie
hat sich bedacht und selbst eingewilligt zu Ihnen zu kommen. Nehmen Sie
sie und haben Sie sie lieb ...“
Der Alte sah mich mißtrauisch an, ich erriet sofort, daß ihm bekannt,
daß Natascha jetzt verlassen, allein und erniedrigt dastehe. Er wollte
offenbar hinter das Geheimnis unseres Erscheinens kommen und sah mich,
wie Nelly, forschend an. Nelly zitterte und preßte meine Hand fest in
der ihren, sah zu Boden, und warf nur flüchtig hin und wieder ihren
Blick, schnell wie einen Pfeil über uns hin. Doch Anna Andrejewna besann
sich sofort und schien alles erraten zu haben: sie stürzte sich auf
Nelly, küßte und streichelte sie, fing sogar an zu weinen, setzte sie
neben sich und ließ ihre kleinen Hände nicht aus den ihrigen. Nelly sah
sie mit Neugier und Verwunderung von der Seite an.
Nachdem die Alte Nelly gestreichelt und geliebkost hatte, wußte sie
nicht mehr, was nun weiter zu tun, und sah mich in naiver Erwartung
fragend an. Der Alte runzelte die Brauen, weil er wohl begriff, warum
ich Nelly hierhergebracht. Als er sah, daß ich seine unzufriedene Miene
und finstere Stirn bemerkt hatte, führte er die Hand zum Kopfe und sagte
mit abgerissener Stimme:
„Der Kopf tut mir weh, Wanjä.“
Wir saßen noch alle und schwiegen: ich dachte nach, wie beginnen. Im
Zimmer war es düster; die dunkle Wolke kam immer näher, man hörte das
ferne Rollen des Donners.
„So früh im Frühling schon ein Gewitter,“ bemerkte Ichmenjeff. „Ich
erinnere mich, im Jahre siebenunddreißig gab es bei uns in Ichmenjeffka
ebenfalls so früh im Jahr ein Gewitter.“
Anna Andrejewna seufzte.
„Sollte man nicht den Samowar aufstellen?“ fragte sie schüchtern; doch
niemand antwortete ihr, und sie wandte sich daher wieder an Nelly. „Wie
heißt du, mein Täubchen?“ fragte sie sie.
„Nelly,“ sagte sie mit ihrem schwachen Stimmchen und senkte das Köpfchen
noch tiefer. Der Alte sah sie forschend an.
„Das heißt Helene, nicht?“ fügte Anna Andrejewna aufmunternd hinzu.
„Ja,“ antwortete Nelly.
Und wieder folgte minutenlanges Schweigen.
„Bei der Schwester Praßkoffja Andrejewna hieß die Kleine auch Helene,“
bemerkte Nikolai Ssergejewitsch, „man rief sie Nelly.“
„Du hast, mein Täubchen, keinen Vater, keine Mutter mehr?“ fragte wieder
Anna Andrejewna.
„Nein,“ flüsterte Nelly scheu und kurz.
„Das habe ich gehört, das habe ich gehört. Und ist deine Mutter schon
lange tot?“
„Nicht lange.“
„Ach, du mein armes Kind,“ fuhr Anna Andrejewna fort, sie mitleidig
betrachtend.
Nikolai Ssergejewitsch trommelte ungeduldig mit seinen Fingerspitzen auf
den Tisch.
„Deine Mutter war eine Ausländerin, nicht? So erzählten Sie doch, Iwan
Petrowitsch?“ setzte scheu die Alte ihre Fragen fort.
Nelly sah mich mit ihren dunklen Augen flüchtig an, als riefe sie mich
zu Hilfe. Sie atmete schwer und unregelmäßig.
„Ihre Mutter, Anna Andrejewna,“ begann ich, „war die Tochter eines
Engländers und einer Russin, so daß sie noch eher Russin war; Nelly ist
im Auslande geboren.“
„Warum ist denn ihre Mutter mit ihrem Gatten ins Ausland gefahren?“
Nelly wurde plötzlich feuerrot. Anna Andrejewna begriff sofort, daß sie
zu weit gegangen und zuckte unter dem strafenden Blick des Alten
zusammen. Er sah sie streng an und wandte sich dann ab zum Fenster.
„Ihre Mutter ist von einem nichtswürdigen Menschen betrogen worden,“
wandte er sich plötzlich an Anna Andrejewna. „Sie hatte mit ihm den
Vater verlassen und das Geld des Vaters ihm übergeben; er aber brachte
sie ins Ausland, betrog sie um das Geld und verließ sie. Ein guter
Freund von ihr hat ihr dann bis zu seinem Tode geholfen. Als er
gestorben war, kehrte sie zwei Jahre nach seinem Tode zum Vater zurück.
War es so, Wanjä?“ fragte er mich barsch.
Nelly hatte sich in höchster Erregung von ihrem Platze erhoben und
wollte zur Tür gehen.
„Komm her, Nelly,“ sagte der Alte, ihr endlich die Hand reichend, „setze
dich hierher, neben mich, so!“
Er beugte sich über sie, küßte sie auf die Stirn und strich ihr leise
übers Haar. Nelly erzitterte am ganzen Körper, doch beherrschte sie
sich. Anna Andrejewna sah mit Rührung und freudiger Hoffnung zu, wie
Nikolai Ssergejewitsch endlich die Kleine an sein Herz schloß.
„Ich weiß, Nelly, daß ein gemeiner und sittenloser Mensch deine Mutter
zugrunde gerichtet hat, aber ich weiß auch, daß sie ihren Vater geliebt
und geachtet hat,“ sagte erregt Nikolai Ssergejewitsch und fuhr fort
Nellys Köpfchen zu streicheln. Er konnte sich nicht versagen, diese
Herausforderung an uns zu richten. Seine bleichen Wangen röteten sich
und er vermied es, uns anzusehen.
„Mama liebte Großpapa mehr als Großpapa sie liebte,“ sagte Nelly mit
fester Stimme und bemühte sich ebenfalls niemanden anzusehen.
„Woher weißt du denn das?“ fragte sie der Alte heftig und ungeduldig wie
ein Kind.
„Ich weiß es,“ antwortete ihm kurz angebunden Nelly. „Er hat Mama nicht
zu sich genommen ... er hat sie von sich gestoßen ...“
Ich sah, wie Nikolai Ssergejewitsch etwas antworten wollte, zum
Beispiel, daß der Alte das volle Recht gehabt es zu tun, doch er sah uns
an und schwieg.
„Wie das, wo habt ihr denn gewohnt, wenn der Großpapa euch nicht
aufnahm?“ fragte Anna Andrejewna, die plötzlich den Eigensinn zu haben
schien, dieses Thema weiter fortzusetzen.
„Als wir hier ankamen, haben wir lange nach Großpapa gesucht,“
antwortete Nelly, „doch konnten wir ihn nicht finden. Mama erzählte mir
damals, daß Großpapa früher sehr reich gewesen sei und eine Fabrik habe
bauen wollen, und daß er jetzt ganz arm geworden, weil derjenige, der
mit Mama ins Ausland fuhr, ihr das Geld fortgenommen und es ihr nicht
mehr zurückgegeben hat. Das hat mir Mama selbst erzählt.“
„Hm! ...“ brummte der Alte.
„Und sie sagte mir auch,“ fuhr Nelly fort, sich immer mehr und mehr
belebend und offenbar mit dem Wunsch, Nikolai Ssergejewitsch ihre
Aussage zu beweisen, obgleich sie sich an Anna Andrejewna wandte, „sie
sagte mir auch, daß Großpapa auf sie sehr böse gewesen und sie in allem
vor ihm schuldig sei und daß sie jetzt außer Großpapa keinen Menschen
mehr auf der Welt hätte. Als sie mir das erzählte, weinte sie, und sie
sagte mir bereits bevor wir hierher kamen, daß er ihr ‚nie verzeihen‘
wird, doch vielleicht würde er, wenn er mich sieht, mich lieb gewinnen,
und ihr um meinetwillen vergeben. Mama liebte mich sehr und küßte mich
immer, Großpapa aber fürchtete sie sehr. Sie lehrte mich, für Großpapa
zu beten und betete selbst für ihn und immer erzählte sie mir dann, wie
sie früher zusammen mit Großpapa gelebt und wie er sie lieb gehabt habe,
lieber als alles auf der Welt. Sie hat ihm vorgespielt und am Abend
vorgelesen und Großpapa hätte sie reich beschenkt ... Einmal habe er
sich zu Mamas Namenstag sehr geärgert, weil Mama gewußt, was für
Geschenke er ihr machen würde. Mama hatte sich Ohrringe gewünscht und
Großpapa hatte gesagt, daß sie keine bekommen würde. Als Mama am
Namenstage gar nicht verwundert war, daß er ihr doch die Ohrringe
geschenkt, hatte er sich sehr darüber geärgert ... nachher habe er sie
aber geküßt und sie selbst um Verzeihung gebeten ...“
Nelly hatte sich von ihrer eigenen Erzählung fortreißen lassen und ihre
bleichen, kranken Wangen hatten sich gerötet.
Ihre arme Mama schien der kleinen Nelly oft von ihren glücklichen Tagen
erzählt zu haben, als sie da unten in der Kellerwohnung saßen und sie
ihr Kind, das einzige Glück, das ihr geblieben, herzte und küßte und
dabei ihren Kummer ausweinte, ohne daran zu denken, welchen starken und
krankhaften Eindruck ihre Erzählungen auf das frühentwickelte Herzchen
ihres kleinen Kindes machen mußten.
Nelly schien sich plötzlich zu besinnen, sah sich mißtrauisch im Kreise
um und verstummte. Der Alte runzelte die Stirn und trommelte wieder auf
den Tisch; in Anna Andrejewnas Augen zeigte sich eine Träne, die sie
sich schweigend mit dem Taschentuche abtrocknete.
„Mama war sehr krank, als wir hierherkamen,“ fügte Nelly mit leiser
Stimme hinzu. „Sie hatte eine kranke Brust. Wir suchten Großpapa lange
und konnten ihn nicht finden. Da mieteten wir den Winkel im Keller.“
„Eine Kranke in einem Winkel!“ rief Anna Andrejewna entsetzt.
„Ja ... in einem Winkel ...“ antwortete Nelly. „Mama war sehr arm. Mama
hat mir gesagt,“ fügte sie lebhaft hinzu, „daß es keine Sünde sei arm zu
sein, daß es aber Sünde sei, reich zu sein und schlecht ... und daß Gott
sie gestraft habe.“
„Habt ihr euch gleich dort auf Wassilij-Ostroff eingemietet? Dort bei
der Bubnowa?“ fragte der Alte, an mich gewandt mit einer gewissen
Nachlässigkeit. Es genierte ihn offenbar so schweigend dazusitzen.
„Nein, nicht dort ... zuerst in der Meschtschanskaja,“ antwortete Nelly.
„Dort war es sehr feucht und dunkel,“ fuhr sie nach einigem Schweigen
fort „und Mama war wohl krank, doch konnte sie noch gehen. Ich wusch
ihre Wäsche, sie aber weinte. Da lebte eine alte Kapitanscha[6] und ein
verabschiedeter Beamter, der jede Nacht betrunken nach Hause kam und
dann schrie und schimpfte. Einmal wollte er die Kapitanscha schlagen,
die aber war alt und schwach. Mama tat sie leid und sie wollte sie
verteidigen; da schlug der Beamte Mama und ich wieder den Beamten ...“
Nelly hielt inne. Die Erinnerung übermannte sie, ihre Augen blitzten.
„Großer Gott!“ rief Anna Andrejewna, die ganz Ohr war und ihr Auge von
Nelly nicht abwenden konnte. Nelly wandte sich auch hauptsächlich an
sie.
„Da ging Mama fort und nahm mich mit,“ erzählte Nelly weiter. „Wir
gingen den ganzen Tag bis zum Abend in den Straßen herum, Mama ging und
weinte und führte mich an der Hand mit sich. Ich war sehr müde, wir
hatten den ganzen Tag nichts gegessen. Mama sprach die ganze Zeit zu mir
und sagte mir: ‚bleibe arm, Nelly, und wenn ich sterbe, so höre auf
niemanden und nichts. Bleibe allein, gehe zu niemanden, bleibe arm und
arbeite, und wenn du keine Arbeit findest, so bitte um Almosen, aber zu
ihnen gehe du nicht.‘ In der Dämmerstunde gingen wir durch eine große
hellerleuchtete Straße, als Mama plötzlich ausrief: ‚Asorka, Asorka!‘ Es
sprang ein großer Hund herbei, kam winselnd zu Mama und sprang vor
Freude an Mama hinauf, die bleich dastand und sich plötzlich vor einem
hohen alten Herrn, der sich auf einen Stock stützte und immer zur Erde
sah, auf die Knie warf. Und dieser hohe alte Mann im abgetragenen
Überzieher, das war Großpapa. Da habe ich ihn zum ersten Male gesehen.
Großpapa erschrak auch sehr und war ganz bleich, als er sah, wie Mama
vor ihm auf der Straße kniete, aber er stieß Mama zurück, machte sich
von ihr los, schlug mit dem Stock auf die Steine und ging schnell davon.
Asorka aber blieb noch bei uns, winselte vor Freude und beleckte Mama;
darauf lief er zu Großpapa, packte ihn an der Hose und zog und zerrte
ihn zurück, aber Großpapa schlug ihn mit seinem Stock. Asorka kam darauf
wieder zu uns gelaufen, bis Großpapa ihn fortrief, da lief er davon und
heulte noch immer. Mama aber lag da wie eine Tote, um uns versammelten
sich Leute, die Polizei kam herbei. Ich weinte und bemühte mich, Mama
aufzuheben. Sie erhob sich auch endlich, sah ganz verwundert um sich und
ging dann mit mir weiter. Ich führte sie nach Hause. Die Leute sahen uns
noch lange nach und schüttelten die Köpfe ...“
Nelly hielt inne und schöpfte tief Atem, dann raffte sie sich wieder
auf. Sie war sehr bleich, doch in ihrem Blick lag feste
Entschlossenheit. Sie hatte sich vorgenommen, wie es schien, alles zu
sagen. In ihr lag sogar etwas Herausforderndes in diesem Augenblick.
„Nun,“ bemerkte Nikolai Ssergejewitsch mit unsicherer Stimme, in
gereiztem Tone. „Nun, deine Mutter hatte ihren Vater beleidigt, und sie
hatte es verdient, daß er sich von ihr abwandte ...“
„Mütterchen hat es mir auch gesagt,“ versetzte Nelly plötzlich, „und als
wir nach Haus gingen, sagte sie immer: das ist dein Großpapa, Nelly, und
ich habe ihm großes Leid zugefügt, deshalb hat er mich auch verstoßen
und deshalb werde ich jetzt von Gott gestraft, und den ganzen Abend und
alle folgenden Tage sprach sie nur davon. Sie war ganz wie von Sinnen
...“
Der Alte schwieg.
„Aber wie kamt ihr denn später in die andere Wohnung?“ fragte Anna
Andrejewna, der noch die Tränen über die Wangen rollten.
„Mama wurde in derselben Nacht krank, und die Kapitanscha fand
schließlich die Wohnung bei der Bubnowa, und nach drei Tagen zogen wir
dann hin. Als wir dann dort eingezogen waren, wurde Mama ganz krank und
sie lag drei Wochen zu Bett und ich pflegte sie. Geld hatten wir gar
nicht mehr, aber uns halfen die Kapitanscha und Iwan Alexandrowitsch.“
„Der Sargmacher, bei dem sie wohnten,“ bemerkte ich erklärend.
„Und als Mama das Bett wieder verlassen konnte und umherging, da
erzählte sie mir auch von Asorka.“
Nelly brach plötzlich ab. Dem Alten schien es sehr willkommen zu sein,
daß das Gespräch auf Asorka überging.
„Was hat sie dir denn von Asorka erzählt?“ fragte er wie beiläufig, sich
noch mehr nach vorn neigend, als wolle er sein Gesicht verbergen.
„Sie hat mir immer von Großpapa erzählt,“ antwortete Nelly auf seine
Frage, „als sie krank war, erzählte sie auch nur von ihm, und wenn sie
im Fieber phantasierte, sprach sie immer nur von Großpapa. Und als sie
dann anfing gesund zu werden, da erzählte sie mir wieder wie sie früher
gelebt hatte ... und dann erzählte sie auch von Asorka, denn einmal
hatten außerhalb der Stadt mehrere Jungen Asorka an einer Schnur zum
Fluß gezogen, um ihn zu ertränken, und da hatte Mama ihnen Geld gegeben
und Asorka von ihnen gekauft. Als aber Großpapa Asorka zu sehen
bekommen, da hatte er furchtbar über ihn gelacht. Nun war Asorka dann
fortgelaufen und Mama hatte darüber so geweint, daß Großpapa ganz
erschrocken gewesen war und gesagt hatte, er werde hundert Rubel
demjenigen geben, der Asorka wiederbrächte. Am dritten Tage wurde er
denn auch gebracht; Großpapa gab die hundert Rubel und von da an begann
er Asorka sehr zu lieben. Mama aber liebte den Hund bald so sehr, daß
sie ihn sogar zu sich ins Bett nahm. Sie sagte, Asorka sei früher mit
Komödianten herumgezogen und ein Äffchen ist auf Asorka geritten und
Asorka hat zu sitzen verstanden und zu schießen und vieles andere hat er
noch verstanden ... Als aber Mama dann Großpapa verlassen hatte, da
behielt Großpapa Asorka bei sich und ging niemals ohne ihn auf die
Straße, so wußte Mama jedesmal, wenn sie Asorka irgendwo erblickte, daß
Großpapa in der Nähe war ...“
Der Alte hatte nun freilich doch etwas anderes zu hören erwartet und
schien unangenehm berührt zu sein. Weiteres Fragen unterließ er
jedenfalls.
„Und wie war es dann, habt ihr nachher nie mehr den Großvater gesehen?“
fragte Anna Andrejewna.
„Nein, als es Mama besser ging, da begegnete ich ihm wieder einmal. Ich
ging zum Bäcker nach Brot: plötzlich sah ich Asorka mit einem Mann und
ich erkannte in ihm den Großpapa. Ich bog schnell aus und drückte mich
an die Hauswand. Großpapa aber sah mich und sah mich lange an, und er
hatte solch ein böses Gesicht, daß ich sehr erschrak, und er ging an mir
vorüber; Asorka aber erkannte mich und sprang an mir in die Höhe und
leckte meine Hände. Ich ging dann schnell nach Haus, blickte mich aber
noch einmal um, und da sah ich, daß Großpapa in den Bäckerladen eintrat.
Da dachte ich: jetzt wird er dort nach mir fragen, und ich erschrak noch
mehr, und als ich nach Haus kam, sagte ich Mama nichts davon, damit sie
nicht wieder krank werde. Am nächsten Tage ging ich aber nicht mehr zum
Bäcker, ich sagte, mein Kopf schmerze; als ich dann am dritten Tage
ging, begegnete mir niemand, nur hatte ich große Angst, und ich lief so
schnell ich konnte. Am nächsten Tage aber – wie ich um die Ecke bog,
stand dort plötzlich wieder Großpapa vor mir und neben ihm Asorka. Ich
lief schnell fort und lief durch eine andere Straße, um von der andern
Seite zum Bäcker zu kommen; doch stieß ich da plötzlich wieder auf ihn
und ich erschrak so, daß ich stehen blieb und nicht mehr weiter konnte.
Großpapa rührte sich auch nicht, er stand vor mir und sah mich wieder
lange an, dann aber streichelte er mich, nahm meine Hand und führte mich
mit sich, und Asorka kam hinter uns und wedelte mit der Rute. Da sah ich
denn, daß Großpapa gar nicht mehr gerade gehen konnte und sich immer auf
den Stock stützte, und seine Hände zitterten die ganze Zeit. Er führte
mich zum Höker, der an der anderen Straßenecke saß und Äpfel und
Pfefferkuchen verkaufte. Von ihm kaufte Großpapa einen Hahn und einen
Fisch aus Pfefferkuchen und ein Bonbon und einen Apfel, und als er das
Geld aus dem Lederbeutel nahm, da zitterten seine Hände so sehr, daß ein
Fünfkopekenstück auf das Trottoir fiel, und ich hob es auf und gab es
ihm. Er schenkte mir aber die fünf Kopeken und gab mir auch die
Pfefferkuchen und streichelte mich wieder, so über den Kopf, nur sagte
er wieder kein Wort und ging von mir fort nach Haus.
„Als ich dann zu Mama zurückkam, erzählte ich ihr alles vom Großpapa und
wie ich mich zuerst gefürchtet und vor ihm versteckt hatte. Mama glaubte
mir zuerst gar nicht, dann aber war sie so froh, daß sie mich den ganzen
Abend immer wieder nach allem fragte, mich küßte und weinte, und als ich
ihr alles erzählt hatte, sagte sie zu mir, daß ich mich niemals mehr vor
Großpapa fürchten solle, und daß er mich doch liebhaben müsse, wenn er
absichtlich zu mir gekommen war. Und sie sagte, ich solle freundlich zu
ihm sein und antworten, wenn er mich was fragt. Am nächsten Tag aber
schickte sie mich schon am Morgen immer wieder hinaus, obwohl ich ihr
sagte, daß Großpapa immer erst gegen Abend kommt. Und wenn ich ging, kam
sie selbst mir nach und wartete hinter der Ecke, und ebenso auch am
anderen Tage, aber Großpapa kam nicht mehr, und da es an diesem Tage
regnete, erkältete sich Mama, denn sie war doch hinausgegangen in den
Regen und da mußte sie wieder ins Bett.
„Großpapa kam erst nach einer Woche und kaufte mir wieder einen Fisch
und einen Apfel, sagte aber wieder nichts. Als er aber von mir fortging,
versteckte ich mich zuerst und folgte ihm dann heimlich. Das hatte ich
mir schon so vorgenommen, um zu sehen, wo Großpapa wohnte, und um das
Mama zu sagen. Ich ging ganz weit hinter ihm auf der andern
Straßenseite, so, damit Großpapa mich nicht sehen konnte. Er wohnte aber
sehr weit, gar nicht dort, wo er später wohnte und starb, sondern in der
Gorochowaja, auch in einem großen Hause und vier Treppen hoch. Das
erfuhr ich denn alles und kehrte spät zurück nach Haus. Mama hatte sich
sehr geängstigt, denn sie wußte doch nicht, wo ich geblieben war. Als
ich ihr aber alles erzählt hatte, war sie wieder sehr froh und wollte
gleich am nächsten Morgen zu Großpapa gehen; aber am nächsten Morgen
wurde sie wieder nachdenklich und begann sich zu fürchten, und sie
dachte immer an ihn und fürchtete sich ganze drei Tage; und so ging sie
denn nicht zu ihm. Dann aber rief sie mich zu sich und sagte mir: ‚Höre,
Nelly, ich bin jetzt krank und kann nicht zu ihm gehen, aber ich habe
einen Brief an deinen Großpapa geschrieben, geh du zu ihm und gib ihm
diesen Brief. Und sieh zu, Nelly, wie er diesen Brief liest und was er
sagt und wie er überhaupt sein wird. Und küsse ihm die Hand und bitte
ihn, daß er deiner Mama verzeihe ...‘ Und Mama weinte die ganze Zeit und
küßte mich und segnete mich und betete zu Gott und hieß mich, neben ihr
vor dem Muttergottesbilde niederknien, und obschon sie sehr krank war,
begleitete sie mich doch bis auf die Straße hinaus, und als ich
zurückschaute stand sie immer noch dort und sah mir nach wie ich ging
...
„Ich kam zu Großpapa und machte die Tür auf, denn die Tür war nicht
verschlossen und hatte auch gar keinen Griff. Großpapa saß am Tisch und
aß Brot mit Kartoffeln, Asorka aber stand vor ihm, sah ihm zu wie er aß
und wedelte mit der Rute. Großpapa hatte auch dort in jener Wohnung nur
einen Tisch und einen Stuhl und die Fenster waren klein und niedrig. Er
lebte dort ganz allein. Als ich eintrat erschrak er so, daß er ganz
bleich wurde und zitterte. Ich erschrak auch und sagte auch nichts, ich
ging nur zum Tisch und legte den Brief hin. Als Großpapa den Brief sah,
wurde er so böse, daß er aufsprang, nach seinem Stock griff und mich
schlagen wollte, nur schlug er mich nicht, er führte mich nur hinaus in
den Treppenflur und stieß mich. Ich war noch nicht die erste Treppe
hinuntergegangen, als er die Tür nochmals aufriß und mir den Brief
nachwarf, uneröffnet. Ich ging nach Haus und erzählte alles Mama. Da
wurde Mama wieder krank ...“