Einige Minuten blieben wir alle stumm. Natascha saß traurig und
gebrochen da, in trübes Nachdenken versunken. Jede Energie hatte sie
verlassen. Sie starrte, ohne was zu sehen, geradeaus vor sich hin, als
hätte sie auch vergessen, daß sie Aljoschas Hand in der ihren hielt. Der
weinte leise seinen Kummer aus, sie hin und wieder mit ängstlicher
Neugier beobachtend.
Endlich raffte er sich auf, begann sie zu trösten, bat sie, ihm zu
verzeihen, da nur er allein an allem die Schuld hätte: nur zu bemerkbar
war es, daß er seinen Vater rechtfertigen wollte; das schien ihm sehr am
Herzen zu liegen; er begann immer wieder davon zu sprechen, ohne es zu
wagen deutlich zu werden, um Nataschas Zorn nicht zu erregen. Er schwor
ihr ewige, unveränderliche Liebe und verteidigte voll Feuer seine
Anhänglichkeit zu Katjä; ununterbrochen wiederholte er, daß er sie nur
wie eine Schwester liebe, wie eine liebe, gute Schwester, die er doch
nicht ganz und gar verlassen könne; das wäre hartherzig und gemein
seinerseits und er versicherte immer wieder von neuem, daß Natascha,
wenn sie Katjä kennen lernte, sich mit ihr befreunden und niemals von
ihr lassen würde, und daß von Mißverständnissen schon garnicht die Rede
sein könne. Dieser Gedanke gefiel ihm besonders. Der Arme log wirklich
nicht. Er verstand die Bedenken Nataschas nicht, auch hatte er vieles,
was sie seinem Vater vorhin gesagt, überhaupt nicht begriffen. Er wußte
nur, daß sie sich entzweit hatten und das lag ihm wie ein schwerer Stein
auf dem Herzen.
„Bist du mir deines Vaters wegen böse, Aljoscha?“ fragte ihn Natascha.
„Wie kann ich ihn beschuldigen,“ antwortete er bitter, „wenn ich selbst
den Grund zu allem gegeben habe und an allem schuld bin? Ich habe dich
so sehr gekränkt, daß du in deinem Zorn ihn beschuldigt hast, um mich
verteidigen zu können; du verteidigst mich immer, ich aber bin es nicht
wert. Jemand mußte doch schuld sein, und so hieltest du ihn für
schuldig. Er aber hat keine Schuld daran, wirklich nicht!“ rief Aljoscha
bewegt aus. „War er denn deshalb hierher gekommen; sollte ich denn das
erwarten!“
Als er bemerkte, daß Natascha ihn traurig und vorwurfsvoll ansah,
bereute er das Gesagte wieder sofort.
„Nun, gut, schon gut, verzeih mir. Ich bin die Ursache von allem!“
„Ja, Aljoscha,“ fuhr Natascha schwermütig fort. „Jetzt ist er zwischen
uns getreten und hat uns fürs ganze Leben unsern Frieden zerstört. Du
hast immer an mich mehr geglaubt, als an alle anderen; jetzt hat er in
dein Herz Zweifel und Mißtrauen zu mir gesät; du klagst mich an; er nahm
mir die Hälfte deines Herzens. Eine schwarze Katze ist zwischen uns
gelaufen.“
„Sprich doch nicht so, Natascha: ‚eine schwarze Katze?‘“
Der Ausdruck mißfiel ihm.
„Durch erlogene Güte und vorgetäuschte Großmut fesselt er dich an sich,“
fuhr Natascha fort, „und wird dich jetzt gegen mich immer mehr und mehr
aufhetzen.“
„Ich schwöre es dir, nein!“ beteuerte Aljoscha feurig. „Er war gereizt,
als er sagte, daß wir uns ‚übereilt‘ hätten, und du wirst sehen, morgen
bereits wird er uns wieder verloben und wenn er sich wirklich so
geärgert haben sollte, daß er die Ehe nicht mehr wünscht, so schwöre ich
dir, daß ich ihm nicht gehorchen werde. Hoffentlich werden meine Kräfte
noch so weit reichen ... Und weißt du, wer uns helfen wird?“ rief er
plötzlich, von seiner Idee gepackt, begeistert aus. „Katjä wird uns
helfen! Und du wirst sehen, du wirst sehen, was sie für ein reizendes
Geschöpf ist! Du wirst sehen, ob sie deine Nebenbuhlerin sein kann, und
uns zu entzweien beabsichtigt! Und wie ungerecht du gegen mich warst,
als du vorhin sagtest, ich gehörte zu jenen, die bereits am Tage nach
der Hochzeit eine andere lieben können! Wie bitter weh mir das tat!
Nein, ich gehöre nicht zu denen, und wenn ich so oft zu Katjä ...“
„Genug, Aljoscha, besuche sie, so oft du willst. Nicht das habe ich
vorhin gemeint. Du hast nicht alles verstanden. Werde glücklich, mit wem
du willst. Ich kann doch von deinem Herzen nicht mehr verlangen, als du
mir freiwillig gibst ...“
Mawra trat ins Zimmer.
„Soll ich endlich den Tee bringen oder nicht? Der Samowar kocht schon
zwei Stunden; es ist elf Uhr.“
Sie war frech und wütend; offenbar war sie nicht bei Laune, weil sie
sich über Natascha geärgert hatte. Sie hatte nämlich seit Dienstag
triumphiert, daß ihr Fräulein (die sie sehr liebte) sich verheiraten
würde, was sie bereits im ganzen Hause herumerzählt hatte, im Laden,
beim Hausknecht. Sie hatte geprahlt, daß der Fürst, ein hoher General
und sehr reich, selbst gekommen sei, und um die Hand ihres Fräuleins
angehalten habe, was sie, Mawra, mit eigenen Ohren gehört hätte, und
plötzlich ging jetzt alles auseinander. Der Fürst war in böser Stimmung
fortgefahren, den Tee hatte man nicht serviert, und versteht sich, an
allem war das Fräulein schuld. Mawra hatte gehört, wie unehrerbietig sie
zu ihm gesprochen.
„Nun ... gib ihn her,“ antwortete Natascha.
„Und den Imbiß, soll ich den auch reichen, wie?“
„Gewiß, auch den Imbiß.“
Natascha lächelte.
„Da hat man nun alles vorbereitet, gestern den ganzen Tag bin ich
gelaufen. Bin auf den Newskij Prospekt nach Wein gegangen und nun ...“
Sie ging hinaus und schlug wütend die Tür hinter sich zu.
Natascha errötete und sah mich eigentümlich an.
Der Tisch wurde gedeckt; es gab Wild, Fisch, zwei Flaschen guten Wein
von Jelissejeff. „Wozu hatte man das alles vorbereitet,“ dachte ich.
„Siehst du, Wanjä, so bin ich,“ sagte Natascha zu mir, ganz verwirrt.
„Ich habe es gewußt, daß es heute so kommen würde, wie es gekommen ist
und doch hoffte ich, es würde anders sein. Ich dachte, Aljoscha würde
kommen und wir versöhnten uns wieder; meine Verdächtigungen würden sich
als ungerecht erweisen, man würde mich bereden, davon überzeugen und ...
so hatte ich denn auf jeden Fall etwas vorbereitet. Vielleicht, dachte
ich, werden wir zusammenbleiben, etwas plaudern ...“
Arme Natascha! Sie wurde über und über rot, als sie das sagte. Aljoscha
geriet in Entzücken.
„Siehst du, Natascha!“ rief er. „Du selbst hast nicht daran geglaubt;
noch vor zwei Stunden glaubtest du nicht daran! Nein; das muß alles
wieder gut gemacht werden; ich bin an allem schuld gewesen, ich muß auch
wieder alles gut machen. Natascha, erlaube mir, daß ich gleich zu Papa
gehe. Ich muß ihn sehen, er ist beleidigt und gekränkt; man muß ihn
beruhigen, ich werde ihm alles sagen, was ich denke, von mir aus denke;
dich werde ich nicht ins Gespräch ziehen. Sei mir nicht böse, wenn ich
dich jetzt verlasse und zu ihm will. Mir tut er leid; er wird sich vor
dir rechtfertigen; du wirst sehen ... Morgen werde ich den ganzen Tag
bei dir bleiben, zu Katjä werde ich nicht gehen.“
Natascha hielt ihn nicht zurück, sondern gab ihm selbst den Rat zu
fahren. Sie fürchtete sehr, Aljoscha würde jetzt mit Absicht ganze Tage
lang bei ihr bleiben und sich bei ihr langweilen. Sie bat ihn nur, sie
seinem Vater gegenüber nicht zu erwähnen, und gab sich Mühe, Aljoscha
beim Abschied freundlich zuzulächeln.
Er war schon im Begriff, fortzugehen, als er plötzlich umkehrte, sich
neben sie setzte und ihre Hände ergriff. Er sah sie mit
unbeschreiblicher Zärtlichkeit an.
„Natascha, mein Freund, mein Engel, sei mir nicht mehr böse und wir
wollen uns niemals mehr zanken. Und gib mir dein Wort, daß du mir in
allem glauben wirst und ich dir. Ich muß dir noch etwas erzählen, mein
Engel! Einmal waren wir miteinander verzankt, ich weiß nicht mehr,
warum; ich war der Schuldige. Ich trieb mich in der Stadt herum,
besuchte meine Kameraden, aber mein Herz war mir schwer, so schwer ...
Und plötzlich kam es mir in den Sinn: wie, zum Beispiel, wenn du
erkranktest und sterben würdest? Und wie ich mir das so vorstellte,
überkam mich solche Verzweiflung, als hätte ich dich tatsächlich auf
immer verloren. Meine Gedanken wurden immer dunkler und grauenvoller.
Ich stellte mir vor, wie ich zu deinem Grabe kommen, halb besinnungslos
vor Schmerz mich auf ihm niederlassen, es umarmen würde, dich rufen, und
Gott um das Wunder anflehen würde, daß du auf einen Augenblick vor mir
erschienest; ich stellte mir vor, wie ich mich auf dich stürzen würde,
um dich an mich zu pressen und dich zu küssen, und wahrscheinlich wäre
ich vor Seligkeit gestorben, wenn ich dich nur auf einen Augenblick, wie
früher, hätte umarmen können. Als ich mir aber vorstellte, daß ich Gott
anflehe, dich nur auf einen Augenblick zu besitzen, wo ich dich doch
schon sechs Monate besessen, und wo ich mich in diesen sechs Monaten so
oft mit dir gestritten und wir unser Glück nicht zu schätzen verstanden
..., jetzt aber fähig wäre für eine Minute Glück mit dir mein ganzes
Leben zu opfern ... da konnte ich es nicht mehr aushalten, ich stürzte
so schnell als möglich zu dir, kam hierher und du erwartetest mich
bereits. Ich preßte dich an mich, als hätte ich dich wirklich verloren
gehabt, Natascha! Wollen wir uns das Versprechen geben, niemals mehr zu
zanken! Mir ist dann immer so schwer! Und wie soll ich es mir
vorstellen, großer Gott, daß ich dich jemals verlassen könnte!“
Natascha weinte. Sie umarmten sich heftig und Aljoscha schwor ihr
nochmals, sie niemals zu verlassen. Er war fest überzeugt, daß er alles
wieder gut machen würde.
„Alles ist aus! Alles ist verloren!“ sagte Natascha, und drückte
krampfhaft meine Hand.
„Er liebt mich, und wird nie aufhören, mich zu lieben; doch, er liebt
auch Katjä und wird sie in einiger Zeit mehr lieben als mich. Und der
Fürst wird nicht ruhen ... und dann ...“
„Natascha! Auch ich glaube, daß der Fürst nicht aufrichtig handelt, doch
...“
„Du glaubst nicht an alles, was ich ihm gesagt habe! Ich habe es an
deinen Mienen bemerkt. Doch warte nur, du wirst noch sehen, ob ich recht
habe oder nicht? Ich habe noch längst nicht alles gesagt, Gott allein
weiß nur, was er alles noch beabsichtigt! Er ist ein schrecklicher
Mensch. Ich bin diese vier Tage hier im Zimmer auf- und abgegangen, ich
habe über alles nachgedacht, und bin hinter alles gekommen. Er will nur
das Herz Aljoschas von seinen Liebespflichten befreien. Er hat sich
diese Verlobung ausgedacht, um durch seine Großmut Aljoscha zu bezaubern
und ihn mir zu entreißen. Das ist so, Wanjä! Auch hat Aljoscha einen
solchen Charakter. Er würde sich beruhigen, seine Unruhe um mich würde
aufhören. Er denkt, ‚jetzt ist sie meine Frau, gehört mir auf immer‘ und
wird seine Aufmerksamkeit mehr Katjä zuwenden. Der Fürst kennt Katjä, er
hat sie gut beobachtet und findet, daß sie mehr zu ihm paßt, daß sie ihn
stärker beeinflussen kann, als ich. Ach, Wanjä, meine ganze Hoffnung
beruht auf dir, er will aus irgend einem Grunde mit dir zusammenkommen,
deine nähere Bekanntschaft machen. Weise ihn nicht ab, sondern versuche
um Gotteswillen, so bald als möglich zur Gräfin zu kommen. Du wirst
Katjäs Bekanntschaft machen und mir sagen, wie sie ist? Ich habe deine
Meinung über sie nötig. Keiner versteht mich so gut, wie du, und du
allein weißt, was ich brauche. Beobachte ihre Freundschaft, und worüber
sie miteinander sprechen; besonders beobachte Katjä ... Erweise mir noch
diesmal einen Freundschaftsdienst, mein einziger, lieber Wanjä! Nur auf
dich allein setze ich jetzt alle meine Hoffnungen! ...“
Als ich nach Hause zurückkehrte, war es bereits ein Uhr nachts. Nelly
öffnete mir mit verschlafenen Augen die Tür. Sie lächelte und sah mich
freudig an. Die Arme ärgerte sich darüber, daß sie eingeschlafen war.
Sie hätte mich durchaus erwarten wollen. Sie erzählte, daß in meiner
Abwesenheit jemand gewartet und auf meinem Schreibtisch einen Zettel an
mich hinterlassen. Der Zettel war von Masslobojeff. Er forderte mich
auf, morgen um ein Uhr zu ihm zu kommen. Ich hätte gerne Nelly über
alles ausgefragt, doch schob ich es auf morgen und bestand darauf, daß
sie sich jetzt schlafen lege. Die Arme war müde und hatte nur eine halbe
Stunde vor meinem Kommen geschlafen.