Sie erhob sich und sprach stehend, ohne es in ihrer Erregung zu
bemerken. Der Fürst hörte sie an und erhob sich gleichfalls von seinem
Platze. Die ganze Szene nahm daher einen vielleicht etwas zu feierlichen
Charakter an.
„Erinnern Sie sich selbst an Ihre Worte am Dienstag. Sie sagten, Sie
hätten Geld nötig, Beziehungen zur großen Welt ... nicht wahr?“
„Ja.“
„Nun wohl, um Geld und Erfolge zu erhalten, die Ihnen aus den Händen zu
gleiten drohten, kamen Sie am Dienstag hierher, und dachten sich die
Verlobung aus, weil Sie dadurch hofften, alles wiederzugewinnen, Herr
über die Situation zu werden.“
„Natascha,“ rief ich. „Bedenke was du sprichst!“
„Alles wiederzugewinnen! Aus Berechnung!“ wiederholte der Fürst mit
äußerst gekränkter Würde.
Aljoscha saß da wie niedergeschmettert, als begriffe er nicht, was vor
sich ging.
„Ja, ja, unterbrechen Sie mich jetzt nicht, ich habe geschworen, alles
zu sagen,“ rief Natascha gereizt aus. „Das ganze halbe Jahr haben Sie
sich Mühe gegeben, ihn von mir zu entfernen. Er hat sich Ihrem Einfluß
nicht ergeben. Und plötzlich kam Ihnen der Gedanke, als es nicht mehr so
weiter ging, ihm die Erlaubnis zur Heirat zu geben, da die Zeit drängte,
und die Braut und das Geld, – hauptsächlich das Geld, die drei Millionen
Mitgift zu verlieren ...; Sie durften diese günstige Gelegenheit nicht
vorübergehen lassen ... Was sollten Sie tun: Aljoscha mußte sich in die
Braut verlieben, die Sie für ihn bestimmt hatten, dann würde er von mir
lassen ...“
„Natascha, Natascha!“ rief Aljoscha voll Trauer aus, „was redest du!“
„Das war Ihr Plan, das führten Sie aus,“ fuhr Natascha fort, ohne sich
um Aljoscha zu kümmern, „also die alte Geschichte, ich störte Sie
wieder! Doch eines gab Ihnen Hoffnung: als erfahrener und schlauer
Mensch der Sie sind, hatten Sie bemerkt, daß Aljoscha die frühere
Anhänglichkeit zu mir hin und wieder lästig zu empfinden anfing. Sie
wußten, daß oft fünf Tage vergingen, ohne daß Aljoscha mich besucht
hätte. Sie hofften schon am Ziel zu sein, als plötzlich am Dienstag die
Handlung Aljoschas einen Strich durch Ihre Rechnung machte. Was sollten
Sie tun! ...“
„Erlauben Sie,“ rief der Fürst, „im Gegenteil, diese Tatsache ...“
„Ich spreche jetzt,“ unterbrach ihn Natascha mit Nachdruck. „An dem
Abend fragten Sie sich: ‚was soll man nun tun?‘ und beschlossen, nicht
in der Tat, doch anscheinend in eine Heirat mit mir einzuwilligen, um
Aljoscha zu beruhigen. Den Termin der Hochzeit konnte man ja
aufschieben, so lang als man wollte, unterdessen würde die neue Liebe
das ihre tun. Und da haben Sie auf diese neue Liebe alle Ihre Pläne
aufgebaut.“
„Romane, alles Romane,“ sagte der Fürst halblaut vor sich hin.
„Einsamkeit, Grübelei und Romane!“
„Ja, auf diese neue Liebe setzten Sie all Ihre Hoffnungen,“ wiederholte
Natascha, ohne seinen Worten Beachtung zu schenken, wie im Fieber und
immer aufgeregter – „und was für Chancen hatte diese neue Liebe! Sie
begann bereits damals, als er alle Vorzüge dieses jungen Mädchens noch
nicht einmal kannte! Sie begann in demselben Augenblick, als er an dem
Abend ihr das Geständnis machte, daß er sie nicht lieben kann und darf,
weil eine andere Liebe und die Pflicht es ihm gebietet, – und dieses
Mädchen plötzlich ihm gegenüber so viel Edelmut erweist, so viel
Mitgefühl für ihn und ihre Gegnerin empfindet, so viel Vergebung, daß
er, wenn er auch von ihrer Schönheit überzeugt gewesen war, bis zu dem
Augenblick doch nicht gewußt hatte, daß sie so reizend sein konnte. Als
er damals zu mir kam, sprach er nur von ihr, so sehr hatte sie ihn in
Erstaunen gesetzt. Freilich, er mußte ein unüberwindliches Verlangen
haben, dieses reizende Geschöpf, wenn auch nur aus Dankbarkeit, am
nächsten Morgen wiederzusehen. Ja, und warum sollte er denn nicht zu ihr
fahren? – Seine frühere Liebe litt doch jetzt nicht mehr, ihr Schicksal
war beschlossen, ihr würde er doch sein ganzes Leben hingeben, jener nur
einen Augenblick ... Und wie undankbar wäre diese Natascha, wenn sie auf
diesen Augenblick eifersüchtig sein sollte! Und unbemerkt entzieht man
dieser Natascha statt Augenblicke Tage, den ersten, zweiten, dritten ...
In der Zeit geschieht es, daß das junge Mädchen sich noch von einer ganz
neuen, unerwarteten Seite zeigt. Sie ist edel und enthusiastisch, zu
gleicher Zeit naiv wie ein Kind, und darum so passend für Aljoscha. Sie
schwören sich gegenseitig Freundschaft, Bruderschaft, und wollen sich
ihr ganzes Leben lang nicht mehr trennen. ‚In einigen fünf, sechs
Stunden Beisammenseins‘ öffnete sich seine Seele ganz den neuen
Empfindungen und er gibt sich ihnen mit seinem ganzen Herzen hin ... Es
wird die Zeit kommen, denken Sie, wo er seine alte Liebe mit den neuen
Eindrücken vergleichen muß. Dort ist alles alt und bekannt, dort weint
man, ist eifersüchtig ... hier ist alles jung, frisch und beherrschend
... dort liebkost man ihn fast wie ein Kind ... und die Hauptsache ...
alles ist ja gewesen ... bekannt ...“
Tränen drohten ihre Stimme zu ersticken, doch raffte sie sich noch
einmal auf und fuhr fort:
„Und dann? Alles weitere überläßt man dann der Zeit; bis zur Trauung ist
es noch weit hin und mit der Zeit kann sich alles ändern ... Worte,
Bemerkungen, Andeutungen tragen das ihre dazu bei. Man kann diese
Natascha verleugnen, kann sie in ein unvorteilhaftes Licht stellen und
... und wie sich das alles noch lösen wird ... ist noch ungewiß, doch
der Sieg gehört Ihnen! Aljoscha! vergib mir, mein Freund! Sage nicht,
daß ich deine Liebe nicht zu schätzen weiß. Ich weiß, daß du mich auch
jetzt noch liebst und meine Klagen nicht verstehen kannst. Ich weiß, daß
ich schlecht getan, mich jetzt so rücksichtslos auszusprechen. Doch was
soll ich tun, wenn ich es auch selbst weiß, so liebe ich dich doch noch
immer mehr ... und mehr ... bis zum Wahnsinn!“
Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, fiel in ihren Sessel zurück
und weinte wie ein Kind. Aljoscha schrie auf und stürzte zu ihr. Er
konnte sie nicht weinen sehen, ohne selbst zu weinen.
Dieser leidenschaftliche Ausbruch kam dem Fürsten sehr gelegen.
Nataschas heftige Anklagen, ihre Ausschreitungen ihm gegenüber, hätte er
anstandshalber als Beleidigung auffassen müssen, jetzt konnte man alles
auf einen Ausbruch gekränkter Liebe, auf Eifersucht, auf eine krankhafte
Anwandlung zurückführen und ihr sogar eine gewisse Teilnahme zeigen ...
„Beruhigen Sie sich doch, Natalja Nikolajewna,“ versuchte sie der Fürst
zu trösten, „das sind alles Phantasiegespinste, Folgen der Einsamkeit
... Sie sind gereizt durch sein leichtsinniges Betragen ... Doch, wenn
das nur Leichtsinn seinerseits ist ... Die Hauptsache ist doch die
Tatsache am Dienstag, sie muß Ihnen doch seine grenzenlose Hingebung an
Sie – gezeigt haben und Sie im Gegenteil ...“
„O, bitte, sagen Sie nichts mehr, quälen Sie mich jetzt nicht noch!“
unterbrach ihn Natascha, bitterlich weinend.
„Mein Herz hat mir schon alles gesagt! Glauben Sie denn wirklich, daß
ich es nicht fühle, daß seine frühere Liebe dahin ist ... Hier, in
diesem Zimmer, immer allein ... von ihm verlassen und vergessen, habe
ich alles erlebt, erlitten und durchdacht ... Was sollte ich da tun! Ich
beschuldige dich nicht, Aljoscha ... Warum wollen Sie mich täuschen?
Glauben Sie denn etwa, daß ich nicht versucht habe, mich zu täuschen!
... O, wie oft, wie oft! Kenne ich denn etwa nicht den Klang seiner
Stimme? Verstehe ich denn nicht auf seinem Gesicht, in seinen Augen zu
lesen? Alles, alles ist vorbei, alles begraben ... Oh, ich
Unglückliche!“
Aljoscha lag vor ihr auf den Knien und weinte.
„Ich, ich bin an allem schuld! An allem ich!“ rief er unter Schluchzen.
„Nein, beschuldige dich nicht, Aljoscha ... unsere Feinde sind’s ... Sie
allein, – allein!“
„Aber, bitte, erlauben Sie doch,“ begann der Fürst ungeduldig –
„woraufhin schreiben Sie mir alle Verbrechen zu? Das sind alles nur Ihre
Annahmen, aber Beweise ...“
„Beweise!“ Natascha sprang vom Sessel. „Beweise wollen Sie, Sie falscher
Mensch! Sie konnten nur mit dieser Absicht zu mir kommen! Sie mußten
Ihren Sohn beruhigen, sein Gewissen übertäuben, damit er sich ruhiger
und freier Katjä ergeben sollte; denn sonst hätte er mich nicht
vergessen können, und es langweilte Sie zu warten: Sollte denn das nicht
wahr sein!“
„Ich muß gestehen,“ antwortete ihr der Fürst mit sarkastischem Lächeln,
„wenn ich Sie wirklich hätte betrügen wollen, so hätte ich tatsächlich
darauf gerechnet; Sie sind sehr ... klug, doch müssen Sie es erst
beweisen können, bevor Sie es unternehmen, einem Menschen solche
Vorwürfe zu machen ...“
„Beweisen! Und Ihr früheres Verhalten, als Sie ihn mir abspenstig
machten! Derjenige, welcher seinen Sohn auffordert mit solchen
Pflichten, um des Vorteils und des Geldes wegen, zu spielen –
demoralisiert ihn! Was sagten Sie vorhin von der Treppe und der
schlechten Wohnung? Haben nicht Sie ihm das Taschengeld entzogen, um uns
durch Not und Hunger zu zwingen, auseinander zu gehen? Ihre Schuld ist
diese Treppe und diese Wohnung, Sie aber machen ihm Vorwürfe, Sie
falscher Mensch! Und woher sollten denn plötzlich an diesem Abend diese
neuen und Ihnen so fernliegenden Überzeugungen kommen? Und warum hatten
Sie mich auf einmal so nötig? Ich bin hier diese vier Tage lang auf und
ab gegangen und habe mir alles überlegt und habe alles abgewogen, jedes
Ihrer Worte, das Mienenspiel Ihres Gesichtes, und habe mich davon
überzeugt, daß alles nur Scherz und eine niedrige, beleidigende und
unserer unwürdige Komödie gewesen ist ... Ich kenne Sie bereits längst!
So oft Aljoscha von Ihnen zu mir kam, habe ich an seinen Mienen alles
erraten, was Sie ihm gesagt hatten. Alle Ihre Schachzüge gegen mich,
habe ich durch Ihr Verhalten zu ihm erfahren! Nein, mich können Sie
nicht mehr täuschen! Es ist möglich, daß Sie sonst in diesem Augenblick
noch andere Berechnungen gegen oder durch mich im Sinn führen – doch das
läßt mich gleichgültig! Die Hauptsache ist, daß Sie mich betrogen haben!
Das mußte ich Ihnen noch ins Gesicht sagen!“
„Also das allein sind Ihre Beweise? Bedenken Sie doch, exzentrisches
Fräulein, durch meinen Antrag am Dienstag hatte ich mich doch
vollständig gebunden. Es war also zu leichtsinnig von mir gewesen ...“
„Wodurch, wodurch haben Sie sich gebunden? Was will denn das in Ihren
Augen besagen, mich zu hintergehen? Mich Unglückliche, Schutzlose, vom
Vater Verstoßene, deren Leben auf immer zerstört! Lohnt es sich da, mich
zu schonen, wenn dieser Scherz dazu noch was einbringt!“
„In welche Lage stellen Sie sich selbst, Natalja Nikolajewna, bedenken
Sie doch! Sie wollen durchaus darauf bestehen, daß ich Sie meinerseits
beleidigt habe. Diese Beleidigung jedoch ist so erniedrigend und so
weittragend, daß ich nicht verstehen kann, wie man sie überhaupt
annehmen, noch auf ihr bestehen kann. Man muß in allen Lebenslagen gar
zu unerfahren sein, um so etwas überhaupt zuzulassen. Entschuldigen Sie,
bitte, ich bin durchaus im Recht, Ihnen diese Vorwürfe zu machen, denn
Sie reizen meinen Sohn gegen mich auf: wenn er jetzt für Sie einsteht,
so ist sein Herz eben gegen mich ...“
„Nein, Papa, nein!“ rief Aljoscha, „wenn ich bis jetzt mich nicht gegen
dich geäußert habe, so geschah es deshalb nicht, weil ich nicht glauben
kann, daß du zu einer solchen Beleidigung fähig seiest!“
„Haben Sie gehört?“ rief der Fürst aus.
„Natascha, an allem bin ich schuld, bitte, beschuldige ihn nicht. Das
wäre schrecklich, das wäre Sünde!“
„Hörst du, Wanjä? Er ist schon gegen mich!“ rief Natascha.
„Genug!“ sagte der Fürst. „Wir müssen dieser unangenehmen Szene ein Ende
bereiten. Dieser verblendete und heftige Ausbruch Ihrer grenzenlosen
Leidenschaft zeigt mir Ihren Charakter in einem ganz neuen Licht. Ich
bin gewarnt, eines besseren belehrt. Ich habe mich in der Tat sehr
übereilt. Sie bemerken es nicht einmal, wie sehr Sie mich beleidigt
haben. Wir haben uns übereilt ... übereilt ... freilich, mein Wort
bleibt bestehen, doch ... als Vater wünsche ich meinem Sohne Glück ...“
„Sie sagen sich also los von Ihrem Wort,“ rief Natascha außer sich. „Sie
benutzen den Zufall! Doch wissen Sie, daß ich selbst hier vor zwei Tagen
beschlossen habe, ihn von seinem Wort zu entbinden, was ich jetzt in
Gegenwart aller tue. Ich gebe ihn frei!“
„Das heißt vielleicht, daß Sie in ihm die frühere Unruhe wieder
heraufbeschwören wollen, das Gefühl der Pflicht Ihnen gegenüber – wie
Sie sich noch soeben ausgedrückt haben – um ihn dadurch wieder an Sie zu
fesseln. Nach Ihrer Theorie müßte es sich wenigstens so ereignen; ich
sage es ja auch nur deshalb; doch genug davon; die Zeit wird alles
entscheiden. Ich werde einen ruhigeren Augenblick abwarten, um mich mit
Ihnen auszusprechen. Ich hoffe, daß wir unsere Beziehungen nicht
endgültig abbrechen werden. Ich hoffe gleichfalls, daß Sie mich noch
besser schätzen lernen. Ich wollte Ihnen noch heute ein Projekt
mitteilen, wonach Ihre Eltern ... doch genug! Iwan Petrowitsch!“ er trat
auf mich zu, „jetzt werden Sie mir mehr denn je von Nutzen sein können,
ich möchte Sie näher kennen lernen, es ist ja mein langgehegter Wunsch.
Ich hoffe, daß Sie mich verstehen werden. Ich werde Sie in diesen Tagen
aufsuchen; Sie erlauben?“
Ich verneigte mich. Mir selbst schien es, daß ich jetzt einer
Bekanntschaft mit ihm nicht mehr ausweichen konnte. Er reichte mir die
Hand, verbeugte sich stumm vor Natascha und verließ, mit dem Ausdruck
gekränkter Würde, das Zimmer.