V.

Am andern Morgen erzählte mir Nelly eigenartige Dinge vom gestrigen

Besuch. Es war übrigens schon sonderbar, daß Masslobojeff sich gerade

den Abend ausgesucht hatte, an dem, wie er wissen mußte, ich nicht zu

Hause war; ich hatte ihn noch bei unserem letzten Zusammensein davon

unterrichtet, ich erinnere mich dessen nur zu gut. Nelly behauptete, daß

sie am Anfang nicht habe öffnen wollen, weil sie sich gefürchtet, – es

sei bereits acht Uhr abends gewesen. Er habe sie hinter der Tür

angefleht, ihm zu öffnen, da er etwas sehr Wichtiges für mich zu melden

habe, und es mir morgen sonst sehr schlecht ergehen könne. Gleich,

nachdem er eingetreten, hatte er sich an meinen Schreibtisch gesetzt, um

mir den Zettel zu schreiben, darauf war er aufgestanden und hatte sich

zu ihr auf den Diwan gesetzt. „Ich stand auf und wollte nicht mit ihm

sprechen,“ erzählte Nelly, „ich fürchtete mich sehr; er begann von der

Bubnowa zu erzählen, wie sie wütend sei, daß sie mich jetzt für immer

verloren und darauf lobte er Sie; er sagte, Sie seien sein guter Freund

und er habe Sie bereits als Kind gekannt. Da verlor ich meine Angst und

habe mit ihm gesprochen. Er reichte mir Konfekt; ich wollte es aber

nicht annehmen. Er versicherte mir, daß er kein schlechter Mensch sei,

daß er zu tanzen und zu singen verstehe; er stand sofort auf und fing an

zu tanzen. Ich mußte lachen. Darauf sagte er, daß er noch ein wenig

bleiben wolle, – um Wanjä abzuwarten – und bat mich sehr, ihn nicht zu

fürchten, und mich neben ihm hinzusetzen. Ich setzte mich, doch wollte

ich kein Wort mit ihm sprechen. Er sagte mir, daß er Mama und Großpapa

gekannt habe und ... da habe ich denn gesprochen. Er saß noch lange ...“

„Und wovon habt ihr denn gesprochen?“

„Von Mama ... von der Bubnowa ... und von Großpapa.“

Nelly schien es mir nicht sagen zu wollen, wovon sie gesprochen. Ich

fragte sie auch nicht weiter aus, denn ich hoffte alles durch

Masslobojeff zu erfahren. Allem Anscheine nach hatte Masslobojeff Nelly

allein antreffen wollen. „Wozu nur das?“ dachte ich.

Sie zeigte mir lachend die drei Konfektstückchen, die er ihr gegeben.

Das waren schlechte in einem Schmierladen gekaufte Bonbons.

„Warum hast du sie nicht gegessen?“ fragte ich.

„Ich wollte nicht,“ antwortete sie finster, mit gerunzelten Brauen. „Ich

habe sie nicht genommen, er hat sie auf dem Diwan liegen lassen ...“

Ich hatte an diesem Tage viele Gänge zu machen und mußte Nelly bereits

wieder verlassen.

„Hast du es langweilig allein?“ fragte ich sie beim Fortgehen.

„Langweilig und auch nicht langweilig. Langweilig, weil Sie immer so

lange fortbleiben.“ Und sie sah mich mit großer Liebe an. Sie hatte mich

bereits den ganzen Morgen zärtlich angesehen und schien halb fröhlich,

halb zärtlich, halb verlegen zu sein; auch war in ihr etwas Scheues, als

fürchtete sie, mich irgendwie zu ärgern oder mein Wohlwollen zu

verlieren ...

„Also ... und warum auch _nicht_ langweilig?“ fragte ich sie,

unwillkürlich über sie lächelnd, so lieb und teuer war sie mir geworden.

„Das kann ich nicht sagen,“ antwortete sie lächelnd und verschämt.

Wir standen an der Schwelle bei offener Tür. Nelly stand vor mir mit

gesenkten Augen, mit einer Hand an meinem Rockärmel zupfend.

„Das ist also ein Geheimnis?“ fragte ich sie.

„Nein ... das nicht ... ich ... ich habe Ihr Buch zu lesen angefangen,“

sagte sie mit leiser Stimme und richtete ihren zärtlichen Blick über und

über errötend auf mich.

„Ah, sieh mal an! Nun, gefällt es dir?“

Als Autor war ich außer mir vor Freude, doch ich hätte weiß Gott was

gegeben, wenn ich sie in diesem Augenblick hätte küssen können. Doch das

war nicht möglich. Nelly schwieg.

„Warum, warum mußte er sterben?“ fragte sie mit einem Ausdruck tiefster

Trauer, heimlich mich ansehend, um dann plötzlich wieder die Augen

niederzuschlagen.

„Wer denn?“

„Dieser junge Mann ... an der Schwindsucht ... im Buche, da?“

„Es mußte so sein, Nelly.“

„Durchaus nicht,“ antwortete sie fast flüsternd, doch plötzlich brach

sie ab, halb böse, halb schmollend und hartnäckig die Augen zu Boden

gerichtet.

Es verging eine Minute.

„Und sie ... nun sie, alle beide, das Mädchen und der Alte,“ flüsterte

sie kaum hörbar und zupfte mich immer heftiger am Ärmel, „bleiben sie

zusammen? Und werden sie nicht mehr arm sein?“

„Nein, Nelly, sie fährt weit fort und wird die Frau eines Gutsbesitzers,

er aber bleibt ganz allein,“ es tat mir wirklich leid, daß ich ihr

nichts Beruhigenderes mitteilen konnte.

„Wenn es so ist ... so werde ich jetzt nicht mehr weiterlesen!“

Sie stieß meine Hand von sich, kehrte mir den Rücken, ging an den Tisch

und blieb so von mir abgewandt stehen. Sie atmete unregelmäßig vor

heftiger Erregung.

„Du hast dich also geärgert, Nelly?“ Ich trat an sie heran, „das ist

doch alles nicht wahr, das habe ich mir doch nur ausgedacht. Worüber

bist du denn böse, empfindsame Kleine!“

„Ich bin nicht böse,“ sagte sie bescheiden und mich traf ein heller,

liebevoller Blick. Plötzlich ergriff sie aber meine Hand, preßte ihr

Gesicht an meine Brust und fing an zu weinen.

Doch im selben Augenblick lachte sie auch schon wieder, lachte und

weinte zusammen. Auch mir war es so komisch und doch – so süß zumute.

Doch sie wollte um nichts in der Welt ihr Köpfchen aufheben, und je mehr

ich mir Mühe gab, es von meiner Brust loszureißen, um so mehr preßte sie

es an mich und lachte immer heftiger und heftiger.

Endlich machten wir dieser gefühlvollen Szene ein Ende. Wir

verabschiedeten uns voneinander und ich eilte davon. Nelly, ganz rot im

Gesicht und verschämt mit glänzenden Augen, lief mir noch nach auf die

Treppe und bat mich, bald wieder zu kommen. Ich versprach ihr, zu Mittag

zurück zu sein.

Zuerst ging ich zu den Alten. Beide waren erkältet. Anna Andrejewna war

sogar ganz krank. Nikolai Ssergejewitsch war in seinem Kabinett. Er

hörte, daß ich kam, doch wußte ich, daß er nach seiner Gewohnheit erst

eine Viertelstunde später erscheinen würde, um uns miteinander Zeit zur

Aussprache zu geben. Ich wollte Anna Andrejewna nicht zu sehr aufregen

und schwächte meine Erzählung über den gestrigen Abend nach Möglichkeit

ab, doch konnte ich die Wahrheit nicht verheimlichen; zu meiner

Verwunderung jedoch nahm die Alte die Nachricht von der Möglichkeit

eines Bruches ohne jede Verwunderung hin.

„Nun, mein Lieber, das wußte ich doch,“ sagte sie. „Als du damals

fortgegangen warst, habe ich mir noch lange alles überlegt, daß es nicht

sein kann. Wir haben es beim lieben Herrgott nicht verdient und er ist

doch ein so gemeiner Mensch; kann man denn von ihm etwas Gutes erwarten.

Ist es denn ein Spaß, daß er von uns umsonst zehntausend Rubel nimmt; er

weiß es, daß er sie umsonst bekommt, und doch nimmt er sie. Unser

letztes Stück Brot nimmt er uns und Ichmenjeffka wird verkauft.

Nataschenka ist klug und gerecht, daß sie ihm nicht glaubt. Ja, weißt

du, mein Lieber,“ fuhr sie fort, ihre Stimme dämpfend; „der Meine, der

Meine ... ist durchaus gegen die Hochzeit. Ich beredete ihn: er will

nicht, sagt er! Zuerst dachte ich, er verstellt sich; doch nein, es ist

so. Was soll dann aus ihr, meinem Täubchen, werden? Er würde sie dann

verfluchen. Nun, und dieser da, der Aljoscha, was tut er?“

Und lange fragte sie mich noch aus, nach allem, wie es so ihre

Gewohnheit war, seufzend und murrend. Ich hatte überhaupt bemerkt, daß

sie in letzter Zeit fassungslos und verworren war. Jede Nachricht

erschütterte sie. Das Leid um Natascha tötete ihr Herz und ihre

Gesundheit.

Der Alte erschien in Schlafrock und Pantoffeln; er klagte über Fieber,

behandelte aber seine Frau, die ganze Zeit über, die ich bei ihnen

verbrachte, mit großer Zärtlichkeit, sah ihr zärtlich in die Augen,

pflegte sie und sorgte sich um sie. Ihre Krankheit hatte ihn sehr

erschreckt, auch fühlte er, daß er alles im Leben verlieren würde, wenn

er sie verlöre.

Ich saß bei ihnen über eine Stunde. Als ich mich von ihnen verabschiedet

hatte, kam er mit mir hinaus ins Vorzimmer und fragte nach Nelly. Er

hatte die ernste Absicht, sie zu sich ins Haus zu nehmen. Er wollte sich

mit mir beraten, wie man Anna Andrejewna dafür gewinnen könne. Mit

großem Interesse fragte er mich, ob ich nicht noch etwas Neues über sie

erfahren hätte? Ich erzählte ihm in aller Kürze, was ich wußte. Meine

Erzählung machte auf ihn einen großen Eindruck.

„Wir wollen noch darüber reden,“ sagte er in bestimmtem Tone, „– bis

dahin ... übrigens, ich werde noch selbst zu dir kommen, wenn meine

Gesundheit es mir erlauben wird. Dann wollen wir sehen ...“

Punkt zwölf Uhr war ich bei Masslobojeff. Zu meiner großen Verwunderung

war die erste Person, der ich begegnete, der Fürst. Er zog im Vorzimmer

gerade seinen Mantel an und Masslobojeff half ihm geschäftig dabei und

reichte ihm seinen Stock. Er hatte mir ja von seiner Bekanntschaft mit

dem Fürsten erzählt, aber diese Begegnung setzte mich doch in Erstaunen.

Auch der Fürst schien ein wenig konfus zu sein, als er mich erblickte.

„Ach, Sie sind es!“ rief er mit übertriebener Freundlichkeit. „Welch

eine sonderbare Begegnung! Übrigens habe ich soeben von Herrn

Masslobojeff erfahren, daß Sie mit ihm bekannt sind. Es freut mich, es

freut mich sehr, Ihnen begegnet zu sein, ich möchte Sie sprechen und

hoffe, so bald als möglich zu Ihnen zu kommen; Sie erlauben doch? Ich

habe eine Bitte an Sie: helfen Sie mir, erklären Sie mir unsere jetzige

Lage. Sie sind dort befreundet, Sie kennen den ganzen Gang der

Angelegenheit; Sie haben Einfluß ... Es tut mir leid, jetzt nicht mit

Ihnen bleiben zu können ... Geschäfte! In den nächsten Tagen jedoch,

oder noch früher, werde ich das Vergnügen haben, bei Ihnen zu

erscheinen. Doch jetzt ...“

Er schüttelte schon gar zu herzlich meine Hand, warf Masslobojeff einen

verständnisvollen Blick zu und verschwand.

... „Sage mir doch, um Gotteswillen,“ begann ich, ins Zimmer tretend.

„Nichts werde ich dir sagen,“ unterbrach mich Masslobojeff, der eilig

nach der Mütze griff und ins Vorzimmer stürzte – „ich habe zu tun! Ich,

Bruderherz, muß selbst eilen, habe mich verspätet! ...“

„Du hast mir doch geschrieben, um zwölf Uhr zu kommen ...“

„Was will das heißen? Das habe ich dir gestern geschrieben, heute aber

hat man mir geschrieben ... ich sage dir, daß mir der Kopf brummt – vor

Geschäften! Man erwartet mich. Verzeih, Wanjä. Alles, was zu deiner

Genugtuung geschehen kann, ist, daß du mich durchprügeln kannst, weil

ich dich umsonst herbemüht habe. Wenn es dir gefällt, so haue mich nur,

doch um Christi willen, schnell! Halte mich nicht auf, man wartet auf

mich ...“

„Wozu soll ich dich verhauen? Hast du Geschäfte, nun so laufe,

Unvorhergesehenes kann jedem passieren. Nur ...“

„Von dem _Nur_ werde ich dir schon erzählen,“ unterbrach er mich,

stürzte ins Vorzimmer und zog seinen Mantel an. (Auch ich zog mich an.)

„Deinetwegen habe ich eine sehr ernste Sache zu erledigen; dieser Sache

wegen habe ich dich hergebeten, sie betrifft dich und deine Interessen.

Da ich dir aber jetzt in einem Augenblick nicht alles erzählen kann, so

gib mir, bitte, um Christi willen, dein Wort, daß du heute um punkt

sieben Uhr, nicht früher und nicht später, zu mir kommst. Ich werde dann

zu Hause sein.“

„Heute noch,“ sagte ich unentschlossen, „nun, Bruderherz, heute abend

wollte ich doch dahin gehn ...“

„Dahin, mein Lieber, wo du am Abend gehn wolltest, gehe jetzt und am

Abend komme zu mir. Denn, Wanjä, du kannst dir nicht vorstellen, was für

eine Sache ich dir mitzuteilen habe.“

„Na, schön, schön; was ist es denn? Ich gestehe, daß du mich neugierig

gemacht hast.“

Wir traten aus dem Haustor und standen auf dem Trottoir.

„Du wirst also kommen?“ fragte er.

„Ich habe gesagt, daß ich komme.“

„Gib dein Ehrenwort.“

„Warum, wozu? Nun, ich gebe dir mein Ehrenwort.“

„Das ist anständig. Wohin gehst du?“

„Dahin,“ antwortete ich, und zeigte nach rechts.

„Nun, und ich muß dorthin,“ und er zeigte nach links. „Lebe wohl, Wanjä,

vergiß nicht ... sieben Uhr ...“

„Sonderbar, höchst sonderbar,“ dachte ich und sah ihm nach.

Am Abend hatte ich eigentlich zu Natascha gehen wollen. Doch da ich

jetzt Masslobojeff mein Wort gegeben hatte, zu ihm zu kommen, so

beschloß ich, jetzt zu ihr zu gehn. Ich war überhaupt überzeugt, daß ich

jetzt Aljoscha bei ihr antreffen würde. Und wirklich, er war dort, und

freute sich außerordentlich über mein Kommen.

Er war sehr nett, fröhlich und außerordentlich zärtlich zu Natascha.

Natascha tat alles, um fröhlich zu erscheinen, doch sah man es ihr an,

daß es ihr schwer fiel. Sie sah krank und bleich aus; sie hatte die

Nacht nicht geschlafen. Zu Aljoscha war sie gezwungen zärtlich.

Aljoscha sprach und erzählte sehr viel, offenbar wollte er sie

belustigen und ihren Lippen ein Lächeln abringen. Er erwähnte aber in

seinem Gespräche weder Katjä noch seinen Vater. Wahrscheinlich war ihm

sein gestriger Versöhnungsversuch nicht gelungen.

„Weißt du, Wanjä? Er möchte furchtbar gern von mir fortgehen,“ flüsterte

mir Natascha in aller Eile zu, als Aljoscha hinausging, um Mawra irgend

etwas aufzutragen. – „Doch er fürchtet sich, mich zu kränken. Und auch

ich selbst fürchte mich, ihm zu sagen, daß er gehen soll, denn dann

versteift er sich erst recht darauf zu bleiben, und am meisten fürchte

ich mich, daß er sich bei mir langweilt und mich überhaupt zu lieben

aufhört! Was soll ich tun?“

„Gott, in welche Lage ihr euch selbst bringt! Und wie mißtrauisch einer

den andern verfolgt! Erklärt euch doch gegenseitig einfach und damit

abgemacht. Durch solches Verhalten werdet ihr euch wirklich gegenseitig

zur Last fallen.“

„Was soll ich tun?“ rief sie erschrocken aus.

„Warte, ich werde schon alles in Ordnung bringen.“

Ich ging in die Küche unter dem Vorwand, Mawra zu bitten meine Galoschen

zu reinigen.

„Vorsichtig, Wanjä!“ rief Natascha mir nach.

Kaum war ich in der Küche, als Aljoscha sich auf mich stürzte, als hätte

er mich erwartet.

„Iwan Petrowitsch, Lieber, was soll ich tun? Raten Sie mir: ich habe

noch gestern mein Wort gegeben, um diese Zeit bei Katjä zu sein. Ich

darf es nicht verfehlen! Ich liebe Natascha mehr als alles, ich bin

bereit für sie durchs Feuer zu gehen, aber Sie sehen doch ein, daß ich

die andere jetzt nicht ganz ...“

„Nun, so fahren Sie doch ...“

„Was wird Natascha dazu sagen? Ich werde ihr wehetun ... Iwan

Petrowitsch, helfen Sie mir ...“

„Meiner Meinung nach ist es besser, daß Sie fahren. Sie wissen, wie sehr

Natascha Sie lieb hat: sie wird sich fürchten, daß Sie sich bei ihr

langweilen, wenn Sie sich zwingen bei ihr zu bleiben. Übrigens, kommen

Sie, ich werde Ihnen helfen.“

„Lieber Iwan Petrowitsch, wie gut Sie sind!“

Wir kehrten zurück, nach einem Augenblick sagte ich zu ihm:

„Ich habe soeben Ihren Vater gesehen.“

„Wo?“ rief er ganz erschrocken aus.

„Zufällig auf der Straße. Er redete mich an und fragte nach Ihnen, ob

ich nicht wüßte, wo Sie seien? Er müßte Sie durchaus sprechen.“

„Ach, Aljoscha, fahre zu ihm, suche ihn auf,“ unterstützte mich

Natascha, die sofort begriff, was ich damit wollte.

„Wo kann ich ihn denn jetzt antreffen? Wird er zu Hause sein?“

„Nein, ich glaube, er sagte, daß er bei der Gräfin sein würde.“

„Aber, wie soll ich denn ...“ bemerkte naiv Aljoscha und sah Natascha

traurig an.

„Ach, Aljoscha, was tut es denn!“ sagte sie. „Willst du denn wirklich

diese Bekanntschaft aufgeben, um mich zu beruhigen. Das wäre doch

kindisch. Erstens wäre es unmöglich, und zweitens wäre es einfach

Undankbarkeit Katjä gegenüber. Ihr seid befreundet: kann man denn

freundschaftliche Bande so brutal zerreißen. Und mich beleidigst du

einfach, wenn du glaubst, daß ich so eifersüchtig sei. Fahre also, fahre

unverzüglich, ich bitte dich! Ja, und auch dein Vater wird sich

beruhigen.“

„Natascha, du bist ein Engel und ich bin deines kleinen Fingers nicht

wert!“ rief Aljoscha voll Begeisterung und Reue zugleich. „Du bist so

gut, und ich ... ich ... ich habe soeben Iwan Petrowitsch in der Küche

gebeten mir zum Fortgehen zu verhelfen. Er hat sich das ausgedacht.

Verurteile mich nicht, Natascha! Doch fühle ich mich gar nicht so

schuldig, denn ich liebe dich tausendmal mehr als alles auf der Welt und

ich habe mir da etwas Neues ausgedacht: ich will wieder alles Katjä

anvertrauen, ihr unsere jetzige Lage mitteilen, und alles was gestern

passiert ist. Sie wird sich etwas zu unserer Rettung ausdenken, denn sie

ist uns mit ganzer Seele zugetan ...“

„Nun, so beeile dich,“ antwortete ihm lächelnd Natascha, „und weißt du,

mein Freund, auch ich möchte ihre Bekanntschaft machen. Wie soll man das

arrangieren?“

Aljoschas Begeisterung war grenzenlos. Er erging sich sofort in Plänen,

wie es sich machen ließe. Doch das Problem löste er sofort dadurch, daß

Katjä es schon machen würde. Er wollte in zwei, drei Stunden Natascha

die Antwort bringen und den Abend bei ihr verbringen.

„Wirst du wirklich kommen?“ fragte ihn ungläubig Natascha.

„Wie kannst du daran zweifeln? Lebe wohl Natascha, meine Liebe – meine

ewig Geliebte! Lebe wohl, Wanjä! Ach, mein Gott, ich habe Sie zufällig

Wanjä genannt. Hören Sie, Iwan Petrowitsch, ich liebe Sie – warum sagen

wir nicht _Du_? Wollen wir uns duzen?“

„Schön.“

„Gott sei Dank! Wie oft habe ich daran gedacht. Ich habe nur immer nicht

gewagt, es Ihnen zu sagen. Sehen Sie, auch jetzt sage ich wieder _Sie_.

Es ist zu schwer, sich an das Du zu gewöhnen. Das ist so gut bei

Tolstoi, glaube ich, beschrieben: Zwei geben sich gegenseitig das Wort

‚_Du_‘ zu sagen, und können sich nicht daran gewöhnen, da vermeiden sie

immer die Sätze, in denen sie es anwenden müssen. Ach, Natascha! Lesen

wir einmal zusammen ‚Kindheit und Alter‘; das ist so schön!“

„Geh nur, geh!“ trieb ihn Natascha zur Eile an, „jetzt redest du wieder

so viel vor lauter Freude ...“

„Leb wohl! In zwei Stunden werde ich wieder bei dir sein!“

Er küßte ihre Hand und stürzte hinaus.

„Siehst du, siehst du, Wanjä!“ rief sie, und brach in Tränen aus.

Ich blieb zwei Stunden bei ihr, tröstete und beruhigte sie. Sie hatte

natürlich in allen ihren Befürchtungen recht. Mir tat das Herz weh, wenn

ich an ihre jetzige Lage dachte; ich fürchtete für sie. Doch, was war

hier zu machen?

Sonderbar schien mir auch Aljoscha: er liebte sie nicht weniger als

früher, vielleicht sogar noch mehr, quälender vor Reue und Dankbarkeit.

Doch zu gleicher Zeit setzte sich die neue Liebe immer mehr in seinem

Herzen fest. Ich selbst war neugierig, Katjä kennen zu lernen, auch

versprach ich Natascha ihre Bekanntschaft zu vermitteln.

Zum Schluß wurde sie sogar heiter. Unter anderem erzählte ich ihr alles

über Nelly und Masslobojeff; von der Bubnowa und meiner Begegnung des

Fürsten bei Masslobojeff und von meiner Verabredung um sieben Uhr bei

ihm; alles interessierte sie sehr. Auch von den Alten teilte ich ihr

alles mit, nur schwieg ich über die Absichten Nikolai Ssergejewitschs;

das Duell hätte sie erschrecken können. Ihr schienen die Beziehungen des

Fürsten zu Masslobojeff höchst sonderbar, sein Wunsch, mich kennen zu

lernen, erklärte sich wohl durch die Verhältnisse ...

Um drei Uhr nachmittags kehrte ich zurück nach Hause. Nelly empfing mich

mit strahlendem Gesichtchen ...

Sämtliche Werke 19 · 第 41 / 59 题