Am andern Morgen erzählte mir Nelly eigenartige Dinge vom gestrigen
Besuch. Es war übrigens schon sonderbar, daß Masslobojeff sich gerade
den Abend ausgesucht hatte, an dem, wie er wissen mußte, ich nicht zu
Hause war; ich hatte ihn noch bei unserem letzten Zusammensein davon
unterrichtet, ich erinnere mich dessen nur zu gut. Nelly behauptete, daß
sie am Anfang nicht habe öffnen wollen, weil sie sich gefürchtet, – es
sei bereits acht Uhr abends gewesen. Er habe sie hinter der Tür
angefleht, ihm zu öffnen, da er etwas sehr Wichtiges für mich zu melden
habe, und es mir morgen sonst sehr schlecht ergehen könne. Gleich,
nachdem er eingetreten, hatte er sich an meinen Schreibtisch gesetzt, um
mir den Zettel zu schreiben, darauf war er aufgestanden und hatte sich
zu ihr auf den Diwan gesetzt. „Ich stand auf und wollte nicht mit ihm
sprechen,“ erzählte Nelly, „ich fürchtete mich sehr; er begann von der
Bubnowa zu erzählen, wie sie wütend sei, daß sie mich jetzt für immer
verloren und darauf lobte er Sie; er sagte, Sie seien sein guter Freund
und er habe Sie bereits als Kind gekannt. Da verlor ich meine Angst und
habe mit ihm gesprochen. Er reichte mir Konfekt; ich wollte es aber
nicht annehmen. Er versicherte mir, daß er kein schlechter Mensch sei,
daß er zu tanzen und zu singen verstehe; er stand sofort auf und fing an
zu tanzen. Ich mußte lachen. Darauf sagte er, daß er noch ein wenig
bleiben wolle, – um Wanjä abzuwarten – und bat mich sehr, ihn nicht zu
fürchten, und mich neben ihm hinzusetzen. Ich setzte mich, doch wollte
ich kein Wort mit ihm sprechen. Er sagte mir, daß er Mama und Großpapa
gekannt habe und ... da habe ich denn gesprochen. Er saß noch lange ...“
„Und wovon habt ihr denn gesprochen?“
„Von Mama ... von der Bubnowa ... und von Großpapa.“
Nelly schien es mir nicht sagen zu wollen, wovon sie gesprochen. Ich
fragte sie auch nicht weiter aus, denn ich hoffte alles durch
Masslobojeff zu erfahren. Allem Anscheine nach hatte Masslobojeff Nelly
allein antreffen wollen. „Wozu nur das?“ dachte ich.
Sie zeigte mir lachend die drei Konfektstückchen, die er ihr gegeben.
Das waren schlechte in einem Schmierladen gekaufte Bonbons.
„Warum hast du sie nicht gegessen?“ fragte ich.
„Ich wollte nicht,“ antwortete sie finster, mit gerunzelten Brauen. „Ich
habe sie nicht genommen, er hat sie auf dem Diwan liegen lassen ...“
Ich hatte an diesem Tage viele Gänge zu machen und mußte Nelly bereits
wieder verlassen.
„Hast du es langweilig allein?“ fragte ich sie beim Fortgehen.
„Langweilig und auch nicht langweilig. Langweilig, weil Sie immer so
lange fortbleiben.“ Und sie sah mich mit großer Liebe an. Sie hatte mich
bereits den ganzen Morgen zärtlich angesehen und schien halb fröhlich,
halb zärtlich, halb verlegen zu sein; auch war in ihr etwas Scheues, als
fürchtete sie, mich irgendwie zu ärgern oder mein Wohlwollen zu
verlieren ...
„Also ... und warum auch _nicht_ langweilig?“ fragte ich sie,
unwillkürlich über sie lächelnd, so lieb und teuer war sie mir geworden.
„Das kann ich nicht sagen,“ antwortete sie lächelnd und verschämt.
Wir standen an der Schwelle bei offener Tür. Nelly stand vor mir mit
gesenkten Augen, mit einer Hand an meinem Rockärmel zupfend.
„Das ist also ein Geheimnis?“ fragte ich sie.
„Nein ... das nicht ... ich ... ich habe Ihr Buch zu lesen angefangen,“
sagte sie mit leiser Stimme und richtete ihren zärtlichen Blick über und
über errötend auf mich.
„Ah, sieh mal an! Nun, gefällt es dir?“
Als Autor war ich außer mir vor Freude, doch ich hätte weiß Gott was
gegeben, wenn ich sie in diesem Augenblick hätte küssen können. Doch das
war nicht möglich. Nelly schwieg.
„Warum, warum mußte er sterben?“ fragte sie mit einem Ausdruck tiefster
Trauer, heimlich mich ansehend, um dann plötzlich wieder die Augen
niederzuschlagen.
„Wer denn?“
„Dieser junge Mann ... an der Schwindsucht ... im Buche, da?“
„Es mußte so sein, Nelly.“
„Durchaus nicht,“ antwortete sie fast flüsternd, doch plötzlich brach
sie ab, halb böse, halb schmollend und hartnäckig die Augen zu Boden
gerichtet.
Es verging eine Minute.
„Und sie ... nun sie, alle beide, das Mädchen und der Alte,“ flüsterte
sie kaum hörbar und zupfte mich immer heftiger am Ärmel, „bleiben sie
zusammen? Und werden sie nicht mehr arm sein?“
„Nein, Nelly, sie fährt weit fort und wird die Frau eines Gutsbesitzers,
er aber bleibt ganz allein,“ es tat mir wirklich leid, daß ich ihr
nichts Beruhigenderes mitteilen konnte.
„Wenn es so ist ... so werde ich jetzt nicht mehr weiterlesen!“
Sie stieß meine Hand von sich, kehrte mir den Rücken, ging an den Tisch
und blieb so von mir abgewandt stehen. Sie atmete unregelmäßig vor
heftiger Erregung.
„Du hast dich also geärgert, Nelly?“ Ich trat an sie heran, „das ist
doch alles nicht wahr, das habe ich mir doch nur ausgedacht. Worüber
bist du denn böse, empfindsame Kleine!“
„Ich bin nicht böse,“ sagte sie bescheiden und mich traf ein heller,
liebevoller Blick. Plötzlich ergriff sie aber meine Hand, preßte ihr
Gesicht an meine Brust und fing an zu weinen.
Doch im selben Augenblick lachte sie auch schon wieder, lachte und
weinte zusammen. Auch mir war es so komisch und doch – so süß zumute.
Doch sie wollte um nichts in der Welt ihr Köpfchen aufheben, und je mehr
ich mir Mühe gab, es von meiner Brust loszureißen, um so mehr preßte sie
es an mich und lachte immer heftiger und heftiger.
Endlich machten wir dieser gefühlvollen Szene ein Ende. Wir
verabschiedeten uns voneinander und ich eilte davon. Nelly, ganz rot im
Gesicht und verschämt mit glänzenden Augen, lief mir noch nach auf die
Treppe und bat mich, bald wieder zu kommen. Ich versprach ihr, zu Mittag
zurück zu sein.
Zuerst ging ich zu den Alten. Beide waren erkältet. Anna Andrejewna war
sogar ganz krank. Nikolai Ssergejewitsch war in seinem Kabinett. Er
hörte, daß ich kam, doch wußte ich, daß er nach seiner Gewohnheit erst
eine Viertelstunde später erscheinen würde, um uns miteinander Zeit zur
Aussprache zu geben. Ich wollte Anna Andrejewna nicht zu sehr aufregen
und schwächte meine Erzählung über den gestrigen Abend nach Möglichkeit
ab, doch konnte ich die Wahrheit nicht verheimlichen; zu meiner
Verwunderung jedoch nahm die Alte die Nachricht von der Möglichkeit
eines Bruches ohne jede Verwunderung hin.
„Nun, mein Lieber, das wußte ich doch,“ sagte sie. „Als du damals
fortgegangen warst, habe ich mir noch lange alles überlegt, daß es nicht
sein kann. Wir haben es beim lieben Herrgott nicht verdient und er ist
doch ein so gemeiner Mensch; kann man denn von ihm etwas Gutes erwarten.
Ist es denn ein Spaß, daß er von uns umsonst zehntausend Rubel nimmt; er
weiß es, daß er sie umsonst bekommt, und doch nimmt er sie. Unser
letztes Stück Brot nimmt er uns und Ichmenjeffka wird verkauft.
Nataschenka ist klug und gerecht, daß sie ihm nicht glaubt. Ja, weißt
du, mein Lieber,“ fuhr sie fort, ihre Stimme dämpfend; „der Meine, der
Meine ... ist durchaus gegen die Hochzeit. Ich beredete ihn: er will
nicht, sagt er! Zuerst dachte ich, er verstellt sich; doch nein, es ist
so. Was soll dann aus ihr, meinem Täubchen, werden? Er würde sie dann
verfluchen. Nun, und dieser da, der Aljoscha, was tut er?“
Und lange fragte sie mich noch aus, nach allem, wie es so ihre
Gewohnheit war, seufzend und murrend. Ich hatte überhaupt bemerkt, daß
sie in letzter Zeit fassungslos und verworren war. Jede Nachricht
erschütterte sie. Das Leid um Natascha tötete ihr Herz und ihre
Gesundheit.
Der Alte erschien in Schlafrock und Pantoffeln; er klagte über Fieber,
behandelte aber seine Frau, die ganze Zeit über, die ich bei ihnen
verbrachte, mit großer Zärtlichkeit, sah ihr zärtlich in die Augen,
pflegte sie und sorgte sich um sie. Ihre Krankheit hatte ihn sehr
erschreckt, auch fühlte er, daß er alles im Leben verlieren würde, wenn
er sie verlöre.
Ich saß bei ihnen über eine Stunde. Als ich mich von ihnen verabschiedet
hatte, kam er mit mir hinaus ins Vorzimmer und fragte nach Nelly. Er
hatte die ernste Absicht, sie zu sich ins Haus zu nehmen. Er wollte sich
mit mir beraten, wie man Anna Andrejewna dafür gewinnen könne. Mit
großem Interesse fragte er mich, ob ich nicht noch etwas Neues über sie
erfahren hätte? Ich erzählte ihm in aller Kürze, was ich wußte. Meine
Erzählung machte auf ihn einen großen Eindruck.
„Wir wollen noch darüber reden,“ sagte er in bestimmtem Tone, „– bis
dahin ... übrigens, ich werde noch selbst zu dir kommen, wenn meine
Gesundheit es mir erlauben wird. Dann wollen wir sehen ...“
Punkt zwölf Uhr war ich bei Masslobojeff. Zu meiner großen Verwunderung
war die erste Person, der ich begegnete, der Fürst. Er zog im Vorzimmer
gerade seinen Mantel an und Masslobojeff half ihm geschäftig dabei und
reichte ihm seinen Stock. Er hatte mir ja von seiner Bekanntschaft mit
dem Fürsten erzählt, aber diese Begegnung setzte mich doch in Erstaunen.
Auch der Fürst schien ein wenig konfus zu sein, als er mich erblickte.
„Ach, Sie sind es!“ rief er mit übertriebener Freundlichkeit. „Welch
eine sonderbare Begegnung! Übrigens habe ich soeben von Herrn
Masslobojeff erfahren, daß Sie mit ihm bekannt sind. Es freut mich, es
freut mich sehr, Ihnen begegnet zu sein, ich möchte Sie sprechen und
hoffe, so bald als möglich zu Ihnen zu kommen; Sie erlauben doch? Ich
habe eine Bitte an Sie: helfen Sie mir, erklären Sie mir unsere jetzige
Lage. Sie sind dort befreundet, Sie kennen den ganzen Gang der
Angelegenheit; Sie haben Einfluß ... Es tut mir leid, jetzt nicht mit
Ihnen bleiben zu können ... Geschäfte! In den nächsten Tagen jedoch,
oder noch früher, werde ich das Vergnügen haben, bei Ihnen zu
erscheinen. Doch jetzt ...“
Er schüttelte schon gar zu herzlich meine Hand, warf Masslobojeff einen
verständnisvollen Blick zu und verschwand.
... „Sage mir doch, um Gotteswillen,“ begann ich, ins Zimmer tretend.
„Nichts werde ich dir sagen,“ unterbrach mich Masslobojeff, der eilig
nach der Mütze griff und ins Vorzimmer stürzte – „ich habe zu tun! Ich,
Bruderherz, muß selbst eilen, habe mich verspätet! ...“
„Du hast mir doch geschrieben, um zwölf Uhr zu kommen ...“
„Was will das heißen? Das habe ich dir gestern geschrieben, heute aber
hat man mir geschrieben ... ich sage dir, daß mir der Kopf brummt – vor
Geschäften! Man erwartet mich. Verzeih, Wanjä. Alles, was zu deiner
Genugtuung geschehen kann, ist, daß du mich durchprügeln kannst, weil
ich dich umsonst herbemüht habe. Wenn es dir gefällt, so haue mich nur,
doch um Christi willen, schnell! Halte mich nicht auf, man wartet auf
mich ...“
„Wozu soll ich dich verhauen? Hast du Geschäfte, nun so laufe,
Unvorhergesehenes kann jedem passieren. Nur ...“
„Von dem _Nur_ werde ich dir schon erzählen,“ unterbrach er mich,
stürzte ins Vorzimmer und zog seinen Mantel an. (Auch ich zog mich an.)
„Deinetwegen habe ich eine sehr ernste Sache zu erledigen; dieser Sache
wegen habe ich dich hergebeten, sie betrifft dich und deine Interessen.
Da ich dir aber jetzt in einem Augenblick nicht alles erzählen kann, so
gib mir, bitte, um Christi willen, dein Wort, daß du heute um punkt
sieben Uhr, nicht früher und nicht später, zu mir kommst. Ich werde dann
zu Hause sein.“
„Heute noch,“ sagte ich unentschlossen, „nun, Bruderherz, heute abend
wollte ich doch dahin gehn ...“
„Dahin, mein Lieber, wo du am Abend gehn wolltest, gehe jetzt und am
Abend komme zu mir. Denn, Wanjä, du kannst dir nicht vorstellen, was für
eine Sache ich dir mitzuteilen habe.“
„Na, schön, schön; was ist es denn? Ich gestehe, daß du mich neugierig
gemacht hast.“
Wir traten aus dem Haustor und standen auf dem Trottoir.
„Du wirst also kommen?“ fragte er.
„Ich habe gesagt, daß ich komme.“
„Gib dein Ehrenwort.“
„Warum, wozu? Nun, ich gebe dir mein Ehrenwort.“
„Das ist anständig. Wohin gehst du?“
„Dahin,“ antwortete ich, und zeigte nach rechts.
„Nun, und ich muß dorthin,“ und er zeigte nach links. „Lebe wohl, Wanjä,
vergiß nicht ... sieben Uhr ...“
„Sonderbar, höchst sonderbar,“ dachte ich und sah ihm nach.
Am Abend hatte ich eigentlich zu Natascha gehen wollen. Doch da ich
jetzt Masslobojeff mein Wort gegeben hatte, zu ihm zu kommen, so
beschloß ich, jetzt zu ihr zu gehn. Ich war überhaupt überzeugt, daß ich
jetzt Aljoscha bei ihr antreffen würde. Und wirklich, er war dort, und
freute sich außerordentlich über mein Kommen.
Er war sehr nett, fröhlich und außerordentlich zärtlich zu Natascha.
Natascha tat alles, um fröhlich zu erscheinen, doch sah man es ihr an,
daß es ihr schwer fiel. Sie sah krank und bleich aus; sie hatte die
Nacht nicht geschlafen. Zu Aljoscha war sie gezwungen zärtlich.
Aljoscha sprach und erzählte sehr viel, offenbar wollte er sie
belustigen und ihren Lippen ein Lächeln abringen. Er erwähnte aber in
seinem Gespräche weder Katjä noch seinen Vater. Wahrscheinlich war ihm
sein gestriger Versöhnungsversuch nicht gelungen.
„Weißt du, Wanjä? Er möchte furchtbar gern von mir fortgehen,“ flüsterte
mir Natascha in aller Eile zu, als Aljoscha hinausging, um Mawra irgend
etwas aufzutragen. – „Doch er fürchtet sich, mich zu kränken. Und auch
ich selbst fürchte mich, ihm zu sagen, daß er gehen soll, denn dann
versteift er sich erst recht darauf zu bleiben, und am meisten fürchte
ich mich, daß er sich bei mir langweilt und mich überhaupt zu lieben
aufhört! Was soll ich tun?“
„Gott, in welche Lage ihr euch selbst bringt! Und wie mißtrauisch einer
den andern verfolgt! Erklärt euch doch gegenseitig einfach und damit
abgemacht. Durch solches Verhalten werdet ihr euch wirklich gegenseitig
zur Last fallen.“
„Was soll ich tun?“ rief sie erschrocken aus.
„Warte, ich werde schon alles in Ordnung bringen.“
Ich ging in die Küche unter dem Vorwand, Mawra zu bitten meine Galoschen
zu reinigen.
„Vorsichtig, Wanjä!“ rief Natascha mir nach.
Kaum war ich in der Küche, als Aljoscha sich auf mich stürzte, als hätte
er mich erwartet.
„Iwan Petrowitsch, Lieber, was soll ich tun? Raten Sie mir: ich habe
noch gestern mein Wort gegeben, um diese Zeit bei Katjä zu sein. Ich
darf es nicht verfehlen! Ich liebe Natascha mehr als alles, ich bin
bereit für sie durchs Feuer zu gehen, aber Sie sehen doch ein, daß ich
die andere jetzt nicht ganz ...“
„Nun, so fahren Sie doch ...“
„Was wird Natascha dazu sagen? Ich werde ihr wehetun ... Iwan
Petrowitsch, helfen Sie mir ...“
„Meiner Meinung nach ist es besser, daß Sie fahren. Sie wissen, wie sehr
Natascha Sie lieb hat: sie wird sich fürchten, daß Sie sich bei ihr
langweilen, wenn Sie sich zwingen bei ihr zu bleiben. Übrigens, kommen
Sie, ich werde Ihnen helfen.“
„Lieber Iwan Petrowitsch, wie gut Sie sind!“
Wir kehrten zurück, nach einem Augenblick sagte ich zu ihm:
„Ich habe soeben Ihren Vater gesehen.“
„Wo?“ rief er ganz erschrocken aus.
„Zufällig auf der Straße. Er redete mich an und fragte nach Ihnen, ob
ich nicht wüßte, wo Sie seien? Er müßte Sie durchaus sprechen.“
„Ach, Aljoscha, fahre zu ihm, suche ihn auf,“ unterstützte mich
Natascha, die sofort begriff, was ich damit wollte.
„Wo kann ich ihn denn jetzt antreffen? Wird er zu Hause sein?“
„Nein, ich glaube, er sagte, daß er bei der Gräfin sein würde.“
„Aber, wie soll ich denn ...“ bemerkte naiv Aljoscha und sah Natascha
traurig an.
„Ach, Aljoscha, was tut es denn!“ sagte sie. „Willst du denn wirklich
diese Bekanntschaft aufgeben, um mich zu beruhigen. Das wäre doch
kindisch. Erstens wäre es unmöglich, und zweitens wäre es einfach
Undankbarkeit Katjä gegenüber. Ihr seid befreundet: kann man denn
freundschaftliche Bande so brutal zerreißen. Und mich beleidigst du
einfach, wenn du glaubst, daß ich so eifersüchtig sei. Fahre also, fahre
unverzüglich, ich bitte dich! Ja, und auch dein Vater wird sich
beruhigen.“
„Natascha, du bist ein Engel und ich bin deines kleinen Fingers nicht
wert!“ rief Aljoscha voll Begeisterung und Reue zugleich. „Du bist so
gut, und ich ... ich ... ich habe soeben Iwan Petrowitsch in der Küche
gebeten mir zum Fortgehen zu verhelfen. Er hat sich das ausgedacht.
Verurteile mich nicht, Natascha! Doch fühle ich mich gar nicht so
schuldig, denn ich liebe dich tausendmal mehr als alles auf der Welt und
ich habe mir da etwas Neues ausgedacht: ich will wieder alles Katjä
anvertrauen, ihr unsere jetzige Lage mitteilen, und alles was gestern
passiert ist. Sie wird sich etwas zu unserer Rettung ausdenken, denn sie
ist uns mit ganzer Seele zugetan ...“
„Nun, so beeile dich,“ antwortete ihm lächelnd Natascha, „und weißt du,
mein Freund, auch ich möchte ihre Bekanntschaft machen. Wie soll man das
arrangieren?“
Aljoschas Begeisterung war grenzenlos. Er erging sich sofort in Plänen,
wie es sich machen ließe. Doch das Problem löste er sofort dadurch, daß
Katjä es schon machen würde. Er wollte in zwei, drei Stunden Natascha
die Antwort bringen und den Abend bei ihr verbringen.
„Wirst du wirklich kommen?“ fragte ihn ungläubig Natascha.
„Wie kannst du daran zweifeln? Lebe wohl Natascha, meine Liebe – meine
ewig Geliebte! Lebe wohl, Wanjä! Ach, mein Gott, ich habe Sie zufällig
Wanjä genannt. Hören Sie, Iwan Petrowitsch, ich liebe Sie – warum sagen
wir nicht _Du_? Wollen wir uns duzen?“
„Schön.“
„Gott sei Dank! Wie oft habe ich daran gedacht. Ich habe nur immer nicht
gewagt, es Ihnen zu sagen. Sehen Sie, auch jetzt sage ich wieder _Sie_.
Es ist zu schwer, sich an das Du zu gewöhnen. Das ist so gut bei
Tolstoi, glaube ich, beschrieben: Zwei geben sich gegenseitig das Wort
‚_Du_‘ zu sagen, und können sich nicht daran gewöhnen, da vermeiden sie
immer die Sätze, in denen sie es anwenden müssen. Ach, Natascha! Lesen
wir einmal zusammen ‚Kindheit und Alter‘; das ist so schön!“
„Geh nur, geh!“ trieb ihn Natascha zur Eile an, „jetzt redest du wieder
so viel vor lauter Freude ...“
„Leb wohl! In zwei Stunden werde ich wieder bei dir sein!“
Er küßte ihre Hand und stürzte hinaus.
„Siehst du, siehst du, Wanjä!“ rief sie, und brach in Tränen aus.
Ich blieb zwei Stunden bei ihr, tröstete und beruhigte sie. Sie hatte
natürlich in allen ihren Befürchtungen recht. Mir tat das Herz weh, wenn
ich an ihre jetzige Lage dachte; ich fürchtete für sie. Doch, was war
hier zu machen?
Sonderbar schien mir auch Aljoscha: er liebte sie nicht weniger als
früher, vielleicht sogar noch mehr, quälender vor Reue und Dankbarkeit.
Doch zu gleicher Zeit setzte sich die neue Liebe immer mehr in seinem
Herzen fest. Ich selbst war neugierig, Katjä kennen zu lernen, auch
versprach ich Natascha ihre Bekanntschaft zu vermitteln.
Zum Schluß wurde sie sogar heiter. Unter anderem erzählte ich ihr alles
über Nelly und Masslobojeff; von der Bubnowa und meiner Begegnung des
Fürsten bei Masslobojeff und von meiner Verabredung um sieben Uhr bei
ihm; alles interessierte sie sehr. Auch von den Alten teilte ich ihr
alles mit, nur schwieg ich über die Absichten Nikolai Ssergejewitschs;
das Duell hätte sie erschrecken können. Ihr schienen die Beziehungen des
Fürsten zu Masslobojeff höchst sonderbar, sein Wunsch, mich kennen zu
lernen, erklärte sich wohl durch die Verhältnisse ...
Um drei Uhr nachmittags kehrte ich zurück nach Hause. Nelly empfing mich
mit strahlendem Gesichtchen ...