II.

... Er flog ins Zimmer auf uns zu, mit strahlenden Augen, glücklich und

heiter. Er mußte diese vier Tage lustig und angenehm verbracht haben und

aus seinem ganzen Auftreten konnte man erraten, daß er uns viel

mitzuteilen beabsichtigte.

„Da bin ich!“ rief er über das ganze Zimmer, „ich, der ich von allen als

Erster hätte hier sein müssen. Doch werdet ihr sofort, alles, alles,

alles von mir erfahren! Vorhin konnte ich mit dir, Papa, kaum ein paar

Worte sprechen, obgleich ich dir so viel zu sagen habe. – Nur in einigen

seltenen Augenblicken erlaubt er mir _du_ zu sagen,“ wandte er sich an

mich, „denn sonst verbietet er’s mir! Und was für eine sonderbare Taktik

er dann mir gegenüber gebraucht: er sagt zu mir einfach _Sie_. Doch von

heute ab wünschte ich, daß es nur solche seltene Augenblicke gäbe!

Überhaupt habe ich mich in diesen vier Tagen ganz und gar verändert,

ganz und gar, ich werde euch alles erzählen. Doch davon später. Zuerst

kommt die Reihe an sie! sie! und wieder an sie, meine Natascha, mein

Engel!“ Er setzte sich neben sie und küßte ihr gierig die Hände. „Hast

du dich sehr um mich gegrämt in diesen Tagen! Doch, was soll ich sagen!

Ich konnte nicht kommen! Konnte nicht ... Mein Liebling! Du hast

abgenommen und bist so bleich ...“

Er bedeckte immer wieder ihre Hände mit Küssen, sah ihr in die Augen,

als könne er sich nicht an ihr sattsehen. Ich sah Natascha an und erriet

sofort, daß wir denselben Gedanken hatten: Daß er vollkommen unschuldig

war. Ja, und wie sollte dieser _Unschuldige_ jemals schuldig werden?

Eine helle Röte bedeckte plötzlich die bleichen Wangen Nataschas, als

hätte sich ihr ganzes Blut vom Herzen ins Gesicht ergossen. Ihre Augen

glänzten und sie sah stolz den Fürsten an.

„Wo warst du denn ... alle diese Tage?“ fragte sie mit abgebrochener

Stimme. Sie atmete schwer und ungleichmäßig. Mein Gott, wie sie ihn

liebte!

„Das ist es ja, daß es wirklich den Anschein hat, als wäre ich schuldig

vor dir; ja, als wenn _ich’s wäre_? Versteht sich von selbst, daß ich’s

bin, mit dem Bewußtsein bin ich auch hierhergekommen. Katjä sagte mir

noch gestern und heute, daß eine Frau eine solche Vernachlässigung

unmöglich verzeihen könne. Sie weiß doch, was sich Dienstag hier mit uns

zugetragen, ich habe es ihr gleich am andern Tage mitgeteilt. Ich habe

mich mit ihr gestritten, habe ihr gesagt, daß diese Frau _Natascha_

heißt, und daß auf der ganzen Welt ihr nur eine ähnlich kommt: und das

ist Katjä; und ich bin hierhergekommen mit dem vollen Bewußtsein, daß

ich im Streite recht behalten. Wie soll ein solcher Engel wie du, nicht

verzeihen? ‚Es wird ihn etwas aufgehalten haben, aber er wird nicht

aufgehört haben, mich zu lieben,‘ so denkt meine Natascha! Ja und wie

kann man aufhören, dich zu lieben? Ist denn das möglich? Mir schmerzte

das Herz deinetwegen. Denn ich fühle mich doch schuldbewußt. Du selbst

wirst mich jedoch rechtfertigen, wenn du alles erfahren haben wirst! Ich

werde dir sofort alles erzählen, ich muß mein Herz vor euch allen

ausschütten; darum bin ich gekommen. Ich wollte heute auf einen freien

Augenblick zu dir eilen, um dich zu küssen, doch auch das mißlang mir:

Katjä verlangte, daß ich in einer wichtigen Angelegenheit umgehend zu

ihr käme. Das war in dem Augenblick, als du mich trafst, Papa; auf einen

besonderen Brief Katjäs fuhr ich das zweitemal zu ihr. In diesen Tagen

sind Briefe zwischen uns hin- und hergegangen. Iwan Petrowitsch, Ihren

Brief habe ich erst gestern gelesen, Sie sind durchaus im Recht, in

allem, was Sie mir gesagt haben. Doch was sollte ich tun: eine physische

Unmöglichkeit! Ich dachte bei mir: morgen abend wirst du dich

verteidigen, denn heute abend war es mir doch schon ganz unmöglich nicht

zu dir zu kommen, Natascha.“

„Was war das für ein Brief?“ fragte Natascha.

„Er war bei mir gewesen und hatte mich, versteht sich, nicht

angetroffen. Im Brief, den er mir hinterlassen, machte er mir heftige

Vorwürfe, dich nicht besucht zu haben. Und darin ist er vollkommen im

Recht. Das war gestern.“

Natascha sah mich an.

„Wenn du aber Zeit hattest vom Morgen bis zum Abend bei Katherina

Fedorowna zu sein ...“ begann der Fürst.

„Ich weiß, ich weiß, was du sagen willst,“ unterbrach ihn Aljoscha:

„‚Wenn du bei Katjä deine Zeit zubringen kannst, um wieviel mehr hättest

du sie hier zubringen können.‘ Ich bin durchaus darin mit dir

einverstanden und füge noch meinerseits hinzu, daß ich noch tausendmal

mehr Grund gehabt hätte, hier zu sein. Doch gibt es unerwartete,

sonderbare Zufälle, die alles um und um werfen. Nun, mit mir ist etwas

geschehen, das mich vollständig verändert hat – bis auf die

Fingerspitze, also muß es doch etwas Besonderes gewesen sein!“

„Ach, mein Gott, was ist denn mit dir geschehen? Martere mich nicht,“

bemerkte Natascha, belustigt über den Eifer Aljoschas.

In der Tat war er ein wenig lächerlich: er beeilte sich schon gar zu

sehr, seine Worte überstürzten sich, er redete zusammenhangslos. Er

schien nur zu reden, zu reden und nichts zu sagen. Zwischendurch führte

er immer wieder Nataschas Hand an seine Lippen, als könnte er sich nicht

an ihr sattküssen.

„Was mit mir geschehen ist?“ fuhr Aljoscha fort. „Ach, meine Lieben! Was

ich getan, was ich gesehen, welche Menschen ich kennen gelernt habe!

Erstens, Katjä: sie ist die Vollkommenheit! Ich habe sie bis jetzt

überhaupt nicht gekannt! Auch am Dienstag, Natascha, als ich von ihr so

begeistert sprach, kannte ich sie noch fast gar nicht. Bis jetzt hatte

sie sich ja auch vor mir verschlossen, doch jetzt kennen wir einander

gut und sagen uns bereits _du_. Doch ich will von Anfang beginnen:

erstens, Natascha, wenn du gehört hättest, wie sie von dir gesprochen,

als ich ihr am nächsten Tage, am Mittwoch, alles mitteilte, was sich

hier, zwischen uns, ereignet hatte ... A propos: soeben fällt mir ein,

wie dumm ich mich hier bei dir am Mittwoch morgen betragen! Du empfingst

mich begeistert, so durchdrungen von der glücklichen Veränderung unserer

Verhältnisse; du wolltest mit mir von alledem sprechen; du warst

wehmütig gestimmt und zu gleicher Zeit liebkostest du mich und

scherztest mit mir; und ich ... ich machte einen soliden Menschen aus

mir! Oh, ich Dummkopf! Denn ich wollte den zukünftigen Ehemann spielen

und mir einen ernsten Anschein geben, vor wem? Vor dir! Wie mußt du über

mich gelacht haben, und wie verdiente ich deinen Spott!“

Der Fürst saß stumm da und betrachtete Aljoscha mit einem

triumphierend-ironischen Lächeln, als wäre er froh gewesen, daß sein

Sohn sich von einer so lächerlichen und leichtsinnigen Seite gab. Den

ganzen Abend beobachtete ich den Fürsten aufmerksam und ich kam zu der

festen Überzeugung, daß er seinen Sohn überhaupt nicht liebte, wenn auch

alle von seiner großen Liebe zu ihm sprachen.

„Von dir fuhr ich damals sofort zu Katjä,“ redete Aljoscha weiter. „Ich

habe bereits erzählt, daß wir uns an diesem Morgen gegenseitig kennen

lernten, und wie sonderbar das vor sich ging ... ich weiß eigentlich

selbst nicht mehr wie ... Einige begeisterte Worte, einige starke

Eindrücke, einige ausgesprochene Gedanken – und wir verstanden uns ...

auf immer. Du mußt sie, du mußt sie kennen lernen, Natascha! Wie hat sie

dich mir erklärt! Wie hat sie mir die Augen geöffnet, welch ein Schatz

du für mich wärest! Nach und nach teilte sie mir alle ihre Ideen mit und

ihre Anschauung über das Leben. Was für ein ernster, was für ein

begeisterter Mensch sie ist! Sie erzählte von unserer Pflicht, von

unserer Bedeutung der Menschheit gegenüber und da wir im Laufe von sechs

bis sieben Stunden in allem miteinander übereinstimmten, so schworen wir

uns ewige Freundschaft und gaben uns das Versprechen, unser ganzes Leben

zusammen zu wirken!“

„Worin zu wirken?“ fragte verwundert der Fürst.

„Ich habe mich so verändert, Papa, daß du dich natürlich über mich

wundern wirst, und ich fühle alle deine Entgegnungen mir gegenüber im

voraus,“ antwortete begeistert Aljoscha. „Alle seid ihr praktische

Menschen, die streng nach erprobten und festen Regeln leben und die sich

zu allem Jungen, Frischen und Neuen ungläubig, feindselig und spöttisch

verhalten. Doch bin ich jetzt nicht mehr derselbe, den du noch vor ein

paar Tagen kanntest. Ich bin ein anderer! Ich sehe kühn jedem und aller

Welt in die Augen. Wenn ich weiß, daß meine Überzeugung richtig ist, so

werde ich sie bis zum äußersten verteidigen; und wenn ich nicht von

meinem Wege abweiche, so bin ich ein ehrlicher Mensch. Doch genug von

mir. Möget ihr sagen, was ihr wollt, ich bleibe dabei.“

„Oho!“ bemerkte spöttisch der Fürst.

Natascha wurde unruhig. Sie fürchtete für Aljoscha. Sie fürchtete, daß

er sich in seinem Gespräch hinreißen lassen würde, wobei er sich nie in

einem für ihn günstigen Lichte zeigte. Sie wollte nicht, daß er in

unserer Gegenwart, namentlich seinem Vater gegenüber, lächerlich

erscheine.

„Was redest du, Aljoscha! Das ist ja schon die reine Philosophie,“ sagte

sie zu ihm, – „wer hat sie dir beigebracht ... es wäre besser, du

erzähltest ...“

„Schon gut, ich werde doch alles erzählen!“ rief Aljoscha aus. „Die

Sache verhält sich nämlich so: Katjä hat zwei Vettern, Ljowinka und

Borinka, der eine ist Student, der andere nur ein junger Mann. Sie steht

mit ihnen in Verbindung und diese sind einfach – außergewöhnliche

Menschen! Die Gräfin besuchen sie fast nie, und zwar – aus Prinzip. Als

wir, Katjä und ich, über die Aufgabe des Menschen und von all diesen

Dingen sprachen, gab mir Katjä sofort einen Brief an sie mit, und ich

eilte zu ihnen, um ihre Bekanntschaft zu machen. Noch am selben Abend

wurden wir die besten Freunde. Dort waren Menschen der verschiedensten

Nationalitäten – Studenten, Offiziere, Künstler; es war auch ein

Schriftsteller dort ... alle kannten Ihren Namen, Iwan Petrowitsch, alle

hatten sie Ihre Sachen gelesen und erwarten in Zukunft viel von Ihnen.

Ich sagte ihnen, daß ich Sie kenne und versprach Sie ihnen vorzustellen.

Alle empfingen sie mich brüderlich, mit offenen Armen. Ich sagte ihnen

sofort, daß ich bald heiraten würde und alle behandelten sie mich

bereits wie einen verheirateten Menschen. Alle leben sie im fünften

Stock unter dem Dach und versammeln sich so oft als möglich bei Ljowinka

und Borinka. Das ist alles Jugend, voll leidenschaftlicher Liebe zur

Menschheit! Wir sprachen von der Zukunft, von Wissenschaft und

Literatur, und alle sprachen sie so gut, so einfach und aufrichtig ...

Auch ein Gymnasiast ist unter ihnen. Wie sie miteinander verkehren, so

edel sind sie! Ich habe noch niemals solche Menschen gekannt! Wo ich

auch gewesen bin, was ich auch gesehen, unter welchen Menschen ich auch

aufgewachsen, nur du, Natascha, hast mir ähnliches gesagt. Ach,

Natascha, du mußt sie durchaus kennen lernen; Katjä kennt sie bereits.

Sie sprechen von ihr mit großer Verehrung und Katjä hat Ljowinka und

Borinka versprochen, sobald sie in den Besitz ihres Kapitals gelangt,

eine Million zum Wohle der Menschheit zu opfern.“

„Und die Verwalter dieser Million werden wohl Ljowinka und Borinka mit

ihrem ganzen Gefolge sein?“ fragte der Fürst.

„Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr, du solltest dich schämen so zu

sprechen, Papa!“ rief in flammendem Protest Aljoscha. „Ich weiß, was du

meinst! Wegen dieser Million haben wir hin- und hergesprochen und

beraten, wie man sie anwenden soll. Es wurde endlich beschlossen, sie

für die Volksaufklärung zu verwenden ...“

„Dann freilich habe ich Katherina Fedorowna bis jetzt nicht gekannt,“

bemerkte der Fürst wie zu sich selbst mit demselben ironischen Lächeln.

„Ich habe übrigens viel von ihr erwartet, doch das ...“

„Wieso!“ unterbrach ihn Aljoscha, „was scheint dir dabei so sonderbar?

Weil niemand von euch bis jetzt eine Million gegeben hat, sie aber

dieses Opfer bringen will? Darum etwa, wie? Wenn sie jedoch auf fremde

Rechnung nicht leben will, denn von diesen Millionen leben, heißt auf

fremde Rechnung leben? (Das habe ich erst jetzt erfahren.) Sie will

ihrem Vaterland Nutzen bringen und allen denen, die es brauchen. Und

worauf fußt eure ganze belobigte Vernunft, die ich bis jetzt geglaubt

habe? Warum siehst du mich so an, Papa? als stände ein Narr oder

Dummkopf vor dir? Was tut’s, wenn ich ein Dummkopf bin! Wenn du wissen

würdest, Natascha, wie Katjä darüber denkt: ‚Nicht der Verstand ist die

Hauptsache, sondern was ihn leitet – die Natur, das Herz, die edlen

Instinkte.‘ Doch die Hauptsache ist, was Besmygin zu diesen Dingen sagt,

– Besmygin ist ein Bekannter Ljowinkas und Borinkas und das Haupt der

ganzen Gesellschaft, wirklich ein genialer – Kopf! Gestern machte er

noch den Ausspruch: ‚Ein Dummkopf, der sich bewußt ist, ein Dummkopf zu

sein, ist bereits nicht mehr ein Dummkopf!‘ Wie wahr das ist! Und mit

solchen Wahrheiten wirft er nur so um sich.“

„Wirklich genial!“ brummte der Fürst.

„Du lachst. Doch ich habe nie etwas Ähnliches in unserer Gesellschaft

gehört. Im Gegenteil, bei uns bringt man alles dem Erdboden so nah als

möglich, damit alle gleich von Wuchs sind, damit alle Nasen gleich hoch

nach dem Strich reichen und nach gewissen Regeln – ganz als ob das

möglich wäre! Als ob das nicht sogar tausendmal mehr unmöglich wäre, als

was wir denken und anstreben. Uns aber nennt man Utopisten! Wenn du

gehört hättest, was sie gestern zu mir sagten ...“

„So erzähle doch, Aljoscha, was ihr denkt und wovon ihr gesprochen, ich

muß gestehen, daß ich noch nichts begriffen habe,“ sagte Natascha.

„Wir haben von alledem gesprochen, was zum Fortschritt, zur Humanität

und Liebe führt; von allem, was zu den zeitgemäßen Fragen gehört. Wir

sprechen von Reformen, von der Liebe zur Menschheit, wir lesen die Werke

unserer Zeitgenossen und kritisieren sie. Doch die Hauptsache, wir haben

uns gegenseitig das Wort gegeben, immer gegeneinander vollkommen

aufrichtig zu sein. Nur durch vollkommene Aufrichtigkeit und

Wahrhaftigkeit kann man das Ziel erreichen. Darauf besteht besonders

Besmygin. Ich erzählte es Katjä und sie stimmte ihm vollkommen bei: Und

deshalb haben wir uns alle unter seine Führung gestellt, haben ihm das

Wort gegeben, unser ganzes Leben hindurch ehrlich und aufrichtig zu

handeln, was man auch von uns sagen, wie uns beurteilen möge – niemals

zu verzagen und uns nicht unserer Begeisterung, unserer Fehler zu

schämen, sondern unseren Weg geradeaus zu gehen. Wenn du wünschst, daß

man dich achte, achte du dich selbst zuerst, nur durch deine

Selbstachtung wirst du andere zwingen, dich zu achten. Das sagt

Besmygin, und Katjä ist vollständig mit ihm einverstanden. Wir haben

beschlossen, uns gegenseitig zu erkennen und uns gegenseitig aufeinander

aufmerksam zu machen ...“

„Welch ein Blödsinn!“ rief der Fürst beunruhigt, „und wer ist dieser

Besmygin? Nein, das kann nicht so fortgehen.“

„Was kann nicht so fortgehen?“ fragte Aljoscha. „Höre, Papa, warum

erzähle ich dir das alles? Weil ich hoffe, dich für unseren Kreis zu

gewinnen. Ich habe es ihnen bereits dort versprochen. Du aber machst

mich lächerlich ... Nun, ich wußte, daß du’s tun würdest! Doch, höre

mich an! Du bist gut und edel; du wirst mich verstehen. Du kennst sie

nicht, du hast diese Leute nicht gesehen, sie nicht angehört. Vielleicht

hast du von ihnen gehört und bist von ihren Ideen unterrichtet, denn du

bist ja sehr gelehrt; doch sie selbst kennst du nicht, bist nie bei

ihnen gewesen, wie kannst du dann über sie urteilen! Erst wenn du bei

ihnen gewesen bist, sie angehört hast, dann, ich gebe dir mein Wort,

dann wirst du ... unser! Denn ich will alle Mittel brauchen, um dich von

den Anschauungen deiner Gesellschaft zu befreien, an denen du so

hängst.“

Der Fürst hörte schweigend und mit hämischem Lächeln diesem Ausbruch zu;

in seinem Gesicht lag verhaltene Wut. Natascha betrachtete ihn mit

unverhohlenem Widerwillen. Er sah es, doch tat er, als bemerkte er’s

nicht. Kaum hatte Aljoscha geendet, als er in ein unbändiges Gelächter

ausbrach. Er lehnte sich weit in seinem Stuhl zurück, als könne er sich

vor Lachen kaum mehr halten. Doch war das ein erzwungenes Lachen, und

man merkte es nur zu deutlich, daß der Fürst seinen Sohn beleidigen

wollte. Aljoscha schien der Spott seines Vaters sehr zu Herzen zu gehen,

sein ganzes Gesicht drückte tiefe Trauer aus. Nichtsdestoweniger wartete

er ruhig, bis die Heiterkeit seines Vaters sich beruhigt hatte. „Papa,“

sagte er traurig, „weshalb lachst du über mich? Ich bin dir gegenüber so

aufrichtig gewesen, und wenn ich deiner Meinung nach Dummheiten gesagt

habe, so belehre mich doch eines besseren, aber lache nicht über mich.

Und worüber lachst du eigentlich? Darüber, was mir edel und heilig

schien. Nun, möge ich mich auch in vielem geirrt haben und alles woran

ich glaube unwahr sein, bin ich auch ein Dummkopf, wie du mich soeben

genannt hast; doch wenn ich mich geirrt habe, so tat ich es ehrlich und

aufrichtig und habe dabei die Anständigkeit meiner Gesinnung nicht

eingebüßt. Ich habe mich an hohen Ideen begeistert. Wenn sie nicht echt

sein sollten, so ist doch das Gefühl, aus dem sie entspringen, heilig.

Ich habe dir bereits gesagt, daß unsere Gesellschaft mir nichts

Ähnliches, was mich so mitgerissen hätte, gegeben hat. Zeige mir was

Besseres und ich werde dir folgen, doch lache nicht über mich, denn das

beleidigt mich.“

Aljoscha hatte wirklich mit Würde gesprochen. Natascha folgte seinen

Worten mit großem Mitgefühl. Der Fürst selbst schien mit Verwunderung

seinen Sohn anzuhören und veränderte sofort seinen Ton.

„Ich habe dich durchaus nicht beleidigen wollen, mein Freund, im

Gegenteil, du tust mir leid. Du beabsichtigst einen so wichtigen Schritt

in deinem Leben zu machen, und mußt aufhören, noch ein so leichtsinniges

Kind zu sein. Das ist’s, was ich denke. Ich mußte unwillkürlich über

dich lachen, doch lag es nicht in meiner Absicht, dich zu beleidigen.“

„Warum hat es mir denn so geschienen?“ bemerkte Aljoscha bitter. „Und

warum fühle ich es denn schon lange, daß du dich zu mir feindlich, kalt

und spöttisch verhältst, und nicht wie ein Vater zu seinem Sohn? Warum

fühle ich es, daß ich an deiner Stelle mich nicht so beleidigend zu

meinem Sohn verhalten könnte, wie du es tust. Höre mich an, Papa,

sprechen wir uns ein für allemal darüber aus, damit es keine

Mißverständnisse mehr unter uns gibt, denn so hatte ich nicht erwartet,

euch alle hier anzutreffen. Verhält es sich so, oder nicht? Ist es nicht

besser, jeder sagt, was er denkt? Wieviel Unglück kann man durch

Aufrichtigkeit vermeiden!“

„Sprich dich nur aus, Aljoscha!“ sagte der Fürst. „Was du vorschlägst,

scheint sehr klug zu sein. Vielleicht hätte man damit beginnen sollen,“

fügte er, an Natascha gewandt, hinzu.

„Ärgere dich nicht über meine Aufrichtigkeit,“ begann Aljoscha. „Du hast

sie selbst herausgefordert. Du hast in meine Ehe mit Natascha

eingewilligt; du hast uns dieses Glück geschenkt und dich selbst

überwunden. Du warst großmütig und wir alle haben deine edle

Handlungsweise anerkannt. Warum machst du mir aber jetzt ununterbrochen

die Bemerkung, daß ich doch nur ein lächerlicher Junge bin, der zum

Manne überhaupt nicht taugt. Warum erniedrigst du mich, und willst mich

besonders vor Natascha lächerlich machen? Du scheinst dich geradezu zu

freuen, wenn du mich von irgendeiner Seite lächerlich machen kannst; das

habe ich nicht nur jetzt, sondern bereits früher bemerkt. Du willst

offenbar darauf hinweisen, daß unsere Ehe lächerlich und dumm erscheint

und wir zueinander nicht passen. Als glaubtest du selbst nicht daran,

warum du eingewilligt, als wäre das alles nur ein Scherz, eine

Spielerei, ein lächerliches Vaudeville ... Ich schließe das nicht nur

aus deinen heutigen Worten, denn noch am selben Abend, am Dienstag, als

ich von hier zu dir zurückkehrte, machtest du so sonderbare Bemerkungen,

die mich so wunderlich berührten. Und auch am Mittwoch, als du

fortfuhrst, machtest du einige Bemerkungen über unsere jetzige Lage, die

in bezug auf Natascha, wenn nicht gerade beleidigend, so doch frivol

waren, wenigstens Bemerkungen, die ich nicht von dir zu hören wünschte,

so lieblos waren sie im Grunde und so ohne jegliche Achtung für sie ...

Das ist schwer mit Worten nachzuweisen, doch der Ton macht’s und das

Herz fühlt es. Sage du mir, daß ich mich geirrt habe. Beruhige du mich

darüber ... und auch sie, denn auch sie muß es empfunden haben. Ich habe

es sogleich auf den ersten Blick erraten, als ich hier eintrat ...“

Aljoscha sprach voll Feuer und mit Bestimmtheit. Natascha hörte ihm mit

flammendem Gesicht feierlich zu. Hin und wieder unterbrach sie ihn in

seiner Rede mit der Bestätigung: „Ja, ja, so, so ist’s!“ Der Fürst

schien unruhig und geärgert.

„Mein Freund,“ begann er, „natürlich kann ich mich nicht mehr dessen

erinnern, was ich dir alles gesagt haben soll; doch sonderbar erscheint

es mir, daß du meine Worte hast so auslegen können. Wenn ich dagegen

soeben gelacht habe, so ist das nur zu verständlich. Mit meinem Lachen

wollte ich ein bitteres Gefühl gegen dich unterdrücken. Daß du heiraten

willst, scheint mir jetzt erst recht unsinnig, ja, verzeih den Ausdruck

– sogar komisch. Wenn ich dich ausgelacht habe, so bist du allein daran

schuld, denn mich trifft nur die Schuld, daß ich dir in der letzten Zeit

eine größere Freiheit gegeben habe, als du sie ertragen kannst und erst

heute abend habe ich’s erfahren, wozu du nicht alles fähig bist. Ich

zittere bei dem Gedanken an Natalja Nikolajewnas Zukunft: ich habe zu

übereilt gehandelt; ich sehe, daß ihr beide viel zu ungleich seid. Die

Liebe vergeht, doch die Ungleichheit bleibt. Ich will schon nicht von

deinem Schicksal reden, wenn du aber ein ehrlicher Mensch bist, so denke

doch an Natalja Nikolajewna, deren Leben du vernichtest, vollkommen

vernichtest! Du hast, zum Beispiel, die ganze Zeit über von der Liebe

zur Menschheit, vom Adel der Gesinnung und Anschauung, von edlen

Menschen gesprochen, die du kennen gelernt hast; frage aber Iwan

Petrowitsch, was ich ihm gesagt, als ich mit ihm hier auf der vierten

Etage einer engen, dunklen Treppe zusammentraf, Gott dankend, daß ich

mir nicht die Beine gebrochen? Weißt du, was für ein Gedanke mir durch

den Kopf ging? Ich wunderte mich, daß du, mit deiner großen Liebe zu

Natalja Nikolajewna, es leiden kannst, daß sie in einer solchen Wohnung

lebt? Hast du es dir denn nicht überlegt, daß du ohne Mittel, oder ohne

die Fähigkeit zu besitzen, deine Pflichten zu erfüllen, nicht das Recht

hast, überhaupt zu heiraten. Liebe allein genügt nicht, und Liebe äußert

sich in Taten; wie aber denkst du: ‚lebe mit mir, wenn du auch durch

mich leidest,‘ ist das etwa human, ist das etwa edel! Von der Liebe zu

reden, sich für allgemein menschliche Fragen zu interessieren und zu

gleicher Zeit sich an der Liebe zu versündigen und es nicht einmal zu

bemerken – ist mir unverständlich! Du sagst mir Aljoscha, daß du in

diesen Tagen erlebt, was schön und edel sei und wirfst mir vor, daß

unsere Gesellschaft nur vom trockenen Verstande gelenkt werde. Das ist

schön: sich am Hohen und Edlen zu begeistern und nach dem, was sich am

Dienstag hier zugetragen, auf vier Tage diejenige zu vergessen, die dir

am teuersten auf der Welt sein sollte! Ja, du behauptest noch Katherina

Fedorowna gegenüber, daß Natalja Nikolajewna dich so liebt und so

großmütig ist, daß sie dir alles verzeihen wird. Welch ein Recht hast du

denn auf ihre Vergebung, und wie kommst du dazu, darauf zu wetten? Hast

du denn wirklich nicht ein einziges Mal daran gedacht, wieviel Qualen,

wieviel bittere Enttäuschung und Zweifel deine Abwesenheit in Natalja

Nikolajewna erwecken mußte? Hattest du wirklich das Recht, um der neuen

Ideen willen, deine heiligste und erste Pflicht zu vernachlässigen?

Verzeihen Sie mir, Natalja Nikolajewna, wenn ich mein Wort nicht

gehalten habe. Die jetzige Angelegenheit ist wichtiger als dieses Wort:

Sie werden das selbst verstehen ... Weißt du, Aljoscha, daß ich Natalja

Nikolajewna in solchen Qualen vorgefunden habe, daß man wohl begreifen

kann, in welche Hölle du diese vier Tage für sie verwandelt hast, die

die glücklichsten ihres Lebens sein sollten. Solche Handlungen

einerseits und – Worte nichts als Worte andererseits ... habe ich denn

nicht recht! Und du wagst mir, Vorwürfe zu machen, wo du allein schuld

bist?“

Der Fürst hatte geendigt und, ganz seiner Beredsamkeit hingegeben,

konnte er sich eines triumphierenden Gefühls nicht erwehren. Als

Aljoscha von Nataschas Qualen hörte, fiel ein schmerzhaft wehmütiger

Blick auf sie, doch Natascha bemerkte kurz entschlossen:

„Laß, Aljoscha, quäle dich nicht,“ sagte sie, „andere haben mehr Schuld

als du. Setze dich und höre zu, was ich deinem Vater sagen werde. Es ist

Zeit, der Sache ein Ende zu machen!“

„Ich bitte Sie dringend, Natalja Nikolajewna, sich endlich zu erklären,“

griff der Fürst auf. „Ich höre die Anspielungen bereits zwei Stunden und

ich muß gestehen, daß es mir unerträglich wird; einen solchen Empfang

hatte ich nicht erwartet.“

„Vielleicht; Sie glaubten uns wohl mit Ihren Worten zu bezaubern, damit

wir Ihre geheimen Absichten nicht bemerkten. Was soll ich Ihnen da

sagen! Sie wissen und verstehen doch selbst alles. Aljoscha hat recht.

Ihr erster einziger Wunsch ist – uns zu trennen. Sie wußten und wissen

alles im voraus, wie es kommen muß, seit dem Abend als Sie hier waren

haben Sie sich alles an den Fingern abgezählt. Ich habe es Ihnen bereits

gesagt, daß Sie zu uns wie zu mir nicht aufrichtig sind. Sie spielen mit

uns und verfolgen dabei ein bestimmtes Ziel. Ihr Spiel freilich ist

aufrichtig, und Aljoscha hat recht, wenn er Ihnen den Vorwurf macht, auf

unsere Sache wie auf ein Vaudeville zu sehen. Sie sollten sich im

Gegenteil über Aljoscha freuen, statt ihm Vorwürfe zu machen, wie gut er

mir gegenüber seine Pflicht erfüllt hat, vielleicht besser, als man es

von ihm verlangen konnte.“

Ich erstarrte vor Verwunderung. Ich hatte ja vermutet, daß es an diesem

Abend zu einer Katastrophe kommen würde. Doch diese beleidigende

Aufrichtigkeit Nataschas und der unverhohlen verächtliche Ton ihrer

Worte setzten mich in äußerste Verwunderung! Sie mußte in der Tat etwas

erfahren und sich zu einem völligen Bruch entschlossen haben. Vielleicht

hatte sie sogar mit Ungeduld den Fürsten erwartet, um ihm alles ins

Gesicht zu schleudern. Der Fürst erblaßte ein wenig. Aljoschas Gesicht

drückte naive Furcht und quälende Erwartung aus.

„Bedenken Sie doch, wessen Sie mich soeben beschuldigt haben,“ rief der

Fürst aus, „und überlegen Sie sich Ihre Worte ... Ich habe nichts davon

verstanden.“

„Ah! Dann wollen Sie sie wohl nicht verstehen,“ sagte Natascha, „sogar

er, sogar Aljoscha hat es empfunden und Sie wissen, daß wir uns nicht

gesehen noch gesprochen haben! Und auch ihm hat es geschienen, daß Sie

mit uns ein unwürdiges, beleidigendes Spiel treiben, er, der Sie liebt

und Ihnen glaubt wie einer Gottheit. Sie haben sich nicht einmal die

Mühe gegeben, schlauer und vorsichtiger ihm gegenüber zu sein, so sehr

rechneten Sie darauf, daß er nichts bemerken würde. Doch er hat ein

feinfühlendes, empfindsames und empfängliches Herz, und Ihre Worte und

den Ton Ihrer Worte hat er mit dem Herzen nicht vergessen können ...“

„Ich verstehe nichts, aber auch gar nichts!“ wiederholte der Fürst und

wandte sich verwundert an mich, als wolle er mich zum Zeugen anrufen. Er

war aufgeregt und sehr gereizt. „Sie sind mißtrauisch,“ fuhr er fort,

„und einfach eifersüchtig auf Katherina Fedorowna und darum wollen Sie

alle Welt und mich als Ersten beschuldigen ... und erlauben Sie, daß ich

schon alles sage: eine sonderbare Meinung muß man sich von Ihrem

Charakter machen ... Ich bin an solche Szenen nicht gewöhnt; ich würde

keinen Augenblick mehr hierbleiben, wenn nicht die Interessen meines

Sohnes ... Ich warte noch immer, ob Sie geruhen werden, sich zu

erklären?“

„Also Sie bestehen darauf, in ein paar Worten wollen Sie es nicht

begreifen, was Sie doch bereits selbst wissen? Sie wollen, daß ich alles

Ihnen gegenüber ausspreche?“

„Ich warte ja nur darauf.“

„Nun gut, hören Sie alle,“ rief Natascha voll Zorn, mit blitzenden

Augen. „Ich werde alles, alles sagen!“

Sämtliche Werke 19 · 第 38 / 59 题