Ein rascher, aufmerksamer Blick streifte uns alle. Aus diesem Blicke
konnte man nicht erkennen, ob er von einem Freunde oder Feinde kam. Das
Äußere des Fürsten setzte mich an diesem Abend besonders in Erstaunen.
Ich hatte ihn auch schon früher gesehen. Er war ein Mann von
fünfundvierzig Jahren, nicht älter, mit regelmäßigen und schönen
Gesichtszügen, deren Ausdruck sich je nach den Umständen, und zwar
plötzlich, mit unvorhergesehener Geschwindigkeit, zu verändern pflegte,
und die in einem Moment von dem angenehmsten zum bösesten Ausdruck
überspringen konnten, als gehorchten sie dem Druck einer mechanischen
Feder. Das ebenmäßige Oval des etwas gebräunten Gesichtes, die
prachtvollen Zähne, die feingeschwungenen und schmalen Lippen, die schön
geschnittene etwas längliche Nase, die hohe Stirn, auf der noch kein
Fältchen zu sehen war, die grauen, großen Augen – dies alles machte ihn
zum schönen Manne. Und doch machten seine Züge keinen angenehmen
Eindruck. Dieses Gesicht hatte etwas so Abstoßendes, weil es gar nicht
seinen eigenen Ausdruck besaß, sondern etwas Verstelltes, Erdachtes,
Angeeignetes darin lag. Man hatte unwillkürlich die Überzeugung, daß man
niemals seinen wahren Ausdruck zu sehen bekommen würde. Wenn man das
Gesicht näher betrachtete, so schien hinter seiner Maske etwas Böses,
Schlaues und im höchsten Grade Egoistisches zu lauern. Namentlich zogen
die grauen, schönen, offenen Augen die Aufmerksamkeit auf sich. Sie
allein konnten sich seinem Willen nicht unterordnen. Er wollte einen
weich und liebenswürdig ansehen, doch schienen sich die Strahlen seines
Blickes gleichsam zu spalten und mitten zwischen den milden,
freundlichen Strahlen blitzten dann böse, mißtrauische, harte,
forschende auf ... Er war von ziemlich hohem Wuchs, schlank und elegant.
So schien er viel jünger an Jahren, als er wirklich war. Sein
dunkelbraunes und weiches Haar war noch nicht ergraut. Seine Ohren,
Hände und Füße waren von wunderbarer Form. Er hatte durchaus das, was
man Rasse nennt. Seine Kleidung war gewählt und etwas jugendlich, was
ihm aber sehr gut stand. Man hätte ihn für den älteren Bruder von
Aljoscha halten können, niemals jedoch für den Vater eines erwachsenen
Sohnes.
Er ging geradewegs auf Natascha zu und sah ihr ruhig und fest ins Auge.
„Mein Besuch zu dieser Stunde und ohne jede Anmeldung mag Ihnen
sonderbar und unangebracht erscheinen; doch ich hoffe, Sie werden mir
glauben, daß ich das Exzentrische meiner Handlungsweise durchaus
überschaue. Ich meinerseits weiß es gleichfalls, mit wem ich es zu tun
habe, ich weiß, daß Sie klug und großzügig sind. Ich bitte Sie mir zehn
Minuten zu gewähren und Sie werden meine Handlungsweise begreifen und
selbst rechtfertigen.“
Er sprach sehr höflich, doch mit einem gewissen Nachdruck.
„Bitte, nehmen Sie Platz!“ sagte Natascha immer noch verwirrt von der
Überraschung.
Er verbeugte sich leicht und setzte sich.
„Erlauben Sie mir, zuerst meinem Sohne ein paar Worte zu sagen.
Aljoscha, als du kaum fortgegangen warst, ohne dich von uns zu
verabschieden, wurde der Gräfin gemeldet, daß Katherina Fedorowna sich
schlecht fühle. Die Gräfin wollte sich zu ihr begeben, als Katherina
Fedorowna selbst plötzlich ganz verstört und aufgeregt erschien. Sie
erklärte uns, daß sie nie deine Frau werden könne. Darauf sagte sie uns,
daß sie in ein Kloster ginge, daß du sie um ihre Hilfe gebeten und ihr
selbst gestanden hättest, du liebtest Natascha Nikolajewna ... Ein so
unwahrscheinliches Geständnis von seiten Katherina Fedorownas in einem
solchen Augenblick war natürlich nur die Folge deiner sonderbaren
Erklärung ihr gegenüber. Sie war einfach ganz außer sich. Du verstehst,
wie überrascht und bestürzt ich war. Als ich hier vorbeikam, erblickte
ich Licht in Ihren Fenstern,“ wandte er sich zu Natascha. „Da kam mir
denn der Gedanke wieder, der mich schon lange beschäftigt hatte, so daß
ich jetzt dem ersten Impuls nachgab und zu Ihnen ging. Wozu? Das werde
ich Ihnen gleich sagen, ich bitte jedoch, sich wegen einer gewissen
Schärfe und Plötzlichkeit meiner Erklärung nicht zu verwundern. Alles
das kam so jäh ...“
„Ich hoffe, daß ich Sie so verstehen werde, wie es nötig ist ... und das
von Ihnen Gesagte schätzen werde,“ sagte etwas stockend Natascha.
Der Fürst sah sie aufmerksam an, als wollte er sie in einem Augenblick
ganz und gar durchschauen.
„Ich hoffe auf Ihren Scharfsinn,“ fuhr er fort, – „und wenn ich es mir
erlaubt habe, jetzt zu Ihnen zu kommen, so tat ich es nur, weil ich
wußte, mit wem ich es zu tun haben werde. Ich kenne Sie schon lange,
obgleich ich ungerecht zu Ihnen war, was ich Ihnen offen bekennen muß.
Hören Sie mich also an: Sie wissen, daß zwischen mir und Ihrem Herrn
Vater eine alte Fehde besteht. Ich will mich nicht rechtfertigen.
Vielleicht bin ich ihm gegenüber mehr schuld, als ich es bisher
angenommen habe. Wenn es sich so verhalten sollte, dann geschah es, weil
ich selbst betrogen worden bin. Ich bin mißtrauisch und ich mache kein
Geheimnis daraus. Ich bin immer geneigt, eher das Schlechte als das Gute
anzunehmen – ein unglücklicher Zug, nur möglich bei einem Manne mit
hartem Herzen. Doch habe ich nicht die Angewohnheit, meine Mängel zu
verhehlen. Ich habe allen Verleumdungen über Sie Glauben geschenkt, und
als Sie Ihre Eltern verlassen hatten, fürchtete ich für Aljoscha. Doch
damals kannte ich Sie noch nicht. Die Nachforschungen, die ich nach und
nach angestellt habe, beruhigten mich vollständig. Ich konnte mich
schließlich davon überzeugen, daß meine Verdächtigung Ihnen gegenüber
tatsächlich unbegründet war. Ich erfuhr und hörte davon, daß Sie sich
mit den Ihrigen überworfen, und ich weiß auch, daß Ihr Herr Vater
durchaus gegen eine Ehe mit meinem Sohne ist. Und schon allein, daß Sie,
die Sie einen solchen Einfluß auf Aljoscha ausüben, ihn bis jetzt nicht
zu einer Heirat mit Ihnen gezwungen haben – dies schon allein zeigt Sie
von Ihrer besten Seite. Und doch muß ich Ihnen gestehen, daß ich bereits
fest entschlossen war, mit aller Gewalt der Möglichkeit einer Ehe mit
meinem Sohne entgegenzuarbeiten. Ich weiß es, daß ich mich jetzt nur
allzu aufrichtig zu Ihnen ausspreche, doch dieser Augenblick verlangt
nun einmal die größte Aufrichtigkeit meinerseits. Sie werden es mir
selbst im Laufe unseres Gespräches zugeben. Bald darauf, als Sie Ihr
Elternhaus verlassen hatten, verließ ich Petersburg, und als ich es
verließ, da fürchtete ich schon nicht mehr für Aljoscha. Ich rechnete
auf Ihren edlen stolzen Sinn. Ich hatte verstanden, daß Sie die Ehe mit
Aljoscha nicht wollten, bevor der Familienstreit ein Ende genommen, und
daß Sie das gute Einvernehmen zwischen mir und meinem Sohne nicht zu
zerstören gedachten, da ich ihm niemals die Heirat mit Ihnen verziehen
haben würde. Auch wollten Sie wohl nicht, daß man von Ihnen sagen
konnte, Sie hätten die Verbindung mit einem fürstlichen Hause gesucht.
Im Gegenteil, Sie zeigten unserem Stande gegenüber eine gewisse
Verachtung und warteten vielleicht auf den Augenblick, daß ich selbst zu
Ihnen käme, um Sie zu bitten, uns die Ehre zu erweisen und die Hand
meines Sohnes anzunehmen. Aber trotzdem blieb ich Ihr hartnäckiger
Gegner. Ich will mich Ihnen gegenüber nicht rechtfertigen, die Gründe
Ihnen offen klarlegen. Sie sind nicht reich; Ihre Familie ist nicht
angesehen. Wenn ich auch vermögend bin, so brauchen wir doch mehr. Mit
unserer Familie geht es bergab. Wir haben Verbindungen und Geld nötig.
Die Stieftochter der Gräfin hat allerdings keine Verbindungen, aber sie
ist sehr reich. Ich durfte keine Zeit verlieren, andere Freier hätten
uns die Braut fortgenommen, und so beschloß ich denn, obgleich Aljoscha
viel zu jung ist, ihn zu verheiraten. Sie sehen, ich verheimliche nichts
vor Ihnen. Sie können mit Verachtung auf den Vater sehen, der seinen
Sohn aus Habsucht und Vorurteil zu einer schlechten Tat zwingt; denn ein
Mädchen, das ihm großmütig alles geopfert hat, zu verlassen, ist eine
schlechte Tat. Ich will mich, wie gesagt, nicht entschuldigen. Der
zweite Grund für eine Heirat meines Sohnes mit der Stieftochter der
Gräfin ist der, daß dieses Mädchen durchaus seiner Liebe und Achtung
würdig ist. Sie ist hübsch, gut erzogen, sehr klug und ein herrlicher
Charakter, wenn sie auch in vielem noch ein Kind ist. Aljoscha dagegen
ist ganz charakterlos, leichtsinnig, unüberlegt und mit seinen
zweiundzwanzig Jahren nicht nur ein halbes, sondern ein vollkommenes
Kind, das nur den einen Vorzug hat – ein gutes Herz zu besitzen, was bei
seinen Fehlern durchaus nicht ungefährlich ist. Ich habe schon längst
bemerkt, daß mein Einfluß auf ihn sich verringert hat: das jugendliche
Feuer nimmt überhand, auch über seine Verpflichtungen hinweg. Ich
meinerseits liebe ihn vielleicht zu sehr, doch habe ich mich immer mehr
und mehr davon überzeugt, daß mein Einfluß allein nicht für ihn
ausreicht. Trotzdem und gerade deshalb muß er immer unter irgend einem
guten Einfluß stehen. Seine Natur ist schwach und liebebedürftig, auch
hat sie die Neigung, mehr zu gehorchen, als zu befehlen. So wird er sein
ganzes Leben sein. Sie können sich nun vorstellen, wie froh ich war, in
Katherina Fedorowna ein Mädchen zu finden, wie ich es meinem Sohne gern
zur Frau gewünscht hätte. Doch meine Freude kam zu spät, ihn beherrschte
bereits ein anderer Einfluß – der Ihre. Nach meiner Rückkehr beobachtete
ich ihn scharf und bemerkte in ihm eine Wandlung zum Besseren. – Sein
Leichtsinn, seine Kindlichkeit waren dieselben, daneben aber zeigte sich
ein höheres Bestreben: er interessiert sich plötzlich nicht nur für
Spielereien, sondern auch für Edleres. Seine Ideen sind noch sonderbar
und ungeschickt, doch der Wille, der Wunsch zum Besseren ist entschieden
vorhanden und das ist schließlich das Fundament zu allem; all dieses
Bessere aber kommt sicher von Ihnen. Sie haben ihn erzogen. Ich gestehe
Ihnen, daß ich zuerst den Gedanken hatte, daß tatsächlich Sie allein
vielleicht sein Glück ausmachen könnten. Doch habe ich diesen Gedanken
sofort wieder unterdrückt. Ich wünsche, offen gestanden, nicht, daß es
so sei. Ich mußte ihn, sagte ich mir, Ihrem Einfluß entreißen, was es
mich auch koste; ich handelte danach und hoffte schon, daß ich mein Ziel
erreichen würde. Noch vor einer Stunde dachte ich, der Sieg sei auf
meiner Seite. Doch das Ereignis im Hause der Gräfin stürzte alle meine
Hoffnungen wieder über den Haufen und vor allem setzte mich diese ganz
unerwartete Tatsache in Erstaunen: dieser seltsame Ernst in Aljoscha,
seine Anhänglichkeit an Sie, und die Beharrlichkeit dieser
Anhänglichkeit. Ich wiederhole es Ihnen, Sie haben ihn vollständig
umgewandelt und ich sah plötzlich, daß diese Umwandlung sich weiter
erstreckt, als ich es ahnen konnte. Heute habe ich zum ersten Male an
ihm so etwas wie Verstand wahrgenommen, und zu gleicher Zeit eine große
Feinfühligkeit des Herzens. Er hatte den rechten Weg gewählt, um aus
dieser Lage heraus zu kommen, die für ihn eine sehr schwierige war. Er
rührte an die alleredelsten Fähigkeiten des Menschenherzens, nämlich –
die Fähigkeit, zu verzeihen und Böses mit Großmut zu vergelten. Er gab
sich ganz in die Gewalt des von ihm gekränkten Wesens und bat um dessen
Teilnahme und Hilfe. Er weckte den ganzen Stolz einer Frau, die ihn
liebte, indem er ihr offen erklärte, daß sie eine Nebenbuhlerin hätte,
und zu gleicher Zeit erweckte er in ihr Sympathie zu dieser
Nebenbuhlerin und für sich Vergebung und brüderliche Freundschaft. So
etwas zu wagen und dabei nicht zu beleidigen, das können die schlausten
und fähigsten Leute nicht, das kann nur ein junges, reines und
gutgelenktes Herz, wie das seine. Ich bin überzeugt, daß Sie, Natalja
Nikolajewna, an seinem heutigen Schritte vollkommen unbeteiligt sind.
Sie haben, vielleicht, von alledem erst soeben durch ihn erfahren. Nicht
wahr, ich irre mich nicht?“
„Sie irren sich nicht!“ wiederholte Natascha, deren Gesicht glühte und
deren Augen eigentümlich leuchteten. Die Dialektik des Fürsten begann
bereits, ihre Wirkung auszuüben. „Ich habe Aljoscha seit fünf Tagen
nicht mehr gesehen,“ fügte sie hinzu. „Das hat er sich alles allein
ausgedacht und allein ausgeführt.“
„So ist es,“ bestätigte der Fürst, „aber abgesehen davon, ist seine
ganze Entschlossenheit doch nur eine Folge Ihres Einflusses. Dies hatte
ich mir alles auf der Fahrt nach Hause überlegt – und plötzlich fühlte
ich in mir die Kraft, hier einen Entschluß herbeizuführen. Unsere
Werbung im Hause der Gräfin ist nun für immer zerstört und kann nicht
wieder hergestellt werden, selbst wenn es noch möglich wäre. Wie, wenn
ich mich jetzt hätte überzeugen müssen, daß nur Sie sein Glück
ausmachen, daß nur Sie seine Führerin sein können! Ich habe vor Ihnen
nichts verheimlicht und würde es auch jetzt nicht tun: ich liebe
Karriere, Geld, Ansehen, Rang, wenn ich auch ganz bewußtermaßen alles
das nur für ein Vorurteil halte, – doch ich liebe nun einmal diese
Vorurteile. Aber es gibt Umstände, in denen man auch andere Auffassungen
gelten lassen muß, man kann nun einmal nicht alles mit demselben Maße
messen ... Außerdem liebe ich meinen Sohn über alles. Kurz, ich bin zu
der Überzeugung gekommen, daß Aljoscha sich nicht von Ihnen trennen
soll, weil er ohne Sie zugrunde geht. Ich muß mir sogar sagen, daß ich
mich innerlich vielleicht schon vor einem Monat dazu entschlossen hatte,
und daß ich jetzt recht daran getan, die Sache so aufzufassen. Freilich,
um Ihnen dieses Geständnis zu machen, hätte ich nicht diese Stunde, so
spät am Abend, zu wählen brauchen. Doch meine Eile möge Ihnen beweisen,
wie eifrig, und vor allem, wie aufrichtig ich mich der Sache annehme.
Ich bin kein Jüngling, in meinen Jahren kann man keinerlei unüberlegte
Schritte mehr tun. Als ich hier bei Ihnen eintrat, war alles schon
beschlossen und wohl erwogen. Aber ich fühle, ich werde noch viel Zeit
brauchen, Sie von meiner Aufrichtigkeit zu überzeugen ... Doch zur
Sache! Soll ich Ihnen jetzt noch erklären, weshalb ich zu Ihnen gekommen
bin? Ich bin gekommen, um Ihnen gegenüber meine Schuldigkeit zu tun und
bei Ihnen feierlich, voll unbegrenzter Hochachtung zu Ihnen für meinen
Sohn um Ihre Hand anzuhalten. O, glauben Sie nicht, daß ich zu Ihnen
gekommen bin wie ein grausamer Vater, der endlich, endlich es über sich
gebracht hat, seinen Kindern zu verzeihen und in ihr Glück
einzuwilligen. Nein, nein! Sie erniedrigen mich, wenn Sie das von mir
voraussetzen. Denken Sie, bitte, auch nicht, daß ich schon im voraus von
Ihrer Einwilligung überzeugt gewesen bin; durchaus nicht. Ich bin der
erste, der sagt und offen eingesteht, daß er Ihrer nicht wert ist ...
(wenn er auch gut und reines Herzens ist) ... und er selbst wird es
bestätigen. Doch das wäre noch wenig. Mich hat zu dieser Stunde nicht
nur dies hierher gezogen ... ich bin außerdem gekommen ... (und er erhob
sich ehrerbietig und mit einer gewissen Feierlichkeit) ... ich bin
hierhergekommen, um Ihr Freund zu sein! Ich weiß, daß ich dazu nicht das
kleinste Recht beanspruchen kann, im Gegenteil! Doch erlauben Sie mir,
daß ich mir dieses Recht verdiene! Lassen Sie mich hoffen! ...“
Er verbeugte sich ehrerbietig vor Natascha und erwartete ihre Antwort.
Die ganze Zeit, während seiner Rede, beobachtete ich ihn aufmerksam. Er
merkte es.
Er hatte seine Rede in kühlem Ton gesprochen mit merkbarer Absicht,
tadellose und zugleich gewinnende Sätze zu formen, und stellenweise
wieder mit vornehmer Nachlässigkeit. Der Ton seiner Rede entsprach
durchaus nicht dem Ungestüm eines Besuches zu so unpassender Zeit.
Einige Bemerkungen wurden besonders unterstrichen und hin und wieder gab
er sich, während seiner langen Rede, den Anschein eines Sonderlings, der
seine Gefühle durch Humor und Scherz zu verdecken sucht. Doch fiel mir
das alles erst später auf, denn seine letzten Worte hatte er mit so viel
Gefühl und Verehrung zu Natascha ausgesprochen, daß er uns sofort alle
damit besiegte. An seinen Augenwimpern schienen Tränen zu erglänzen.
Nataschas edles Herz war vollständig besiegt. Sie erhob sich gleichfalls
von ihrem Stuhl und reichte ihm in tiefer Bewegung ihre Hand. Er ergriff
sie und küßte sie zärtlich und gefühlvoll. Aljoscha war außer sich vor
Begeisterung.
„Was habe ich dir gesagt, Natascha!“ rief er aus. „Du hast mir nicht
glauben wollen! Du hast mir nicht glauben wollen, daß er der edelste
Mensch auf der Welt ist! Siehst du, siehst du es jetzt selbst ein! ...“
Er stürzte zu seinem Vater und umarmte ihn. Dieser erwiderte seine
Zärtlichkeit, doch beeilte er sich, die gefühlvolle Szene abzukürzen,
als schäme er sich seiner Gefühle.
„Schon gut,“ sagte er und griff nach seinem Hut, „ich gehe. Ich erbat
mir nur zehn Minuten und habe eine ganze Stunde bei Ihnen zugebracht,“
fügte er lächelnd hinzu. „Aber ich gehe von Ihnen voll Ungeduld, Sie
möglichst bald wieder zu sehen. Erlauben Sie es, daß ich Sie des öfteren
besuche?“
„Ja, gewiß, – o, ja!“ antwortete Natascha. „Auch ich möchte Sie so bald
als möglich ... lieben lernen ...“ fügte sie ganz verwirrt hinzu.
„Wie Sie aufrichtig und ehrlich sind!“ sagte der Fürst über ihren
Ausbruch lächelnd. „Sie wollen mir nicht nur eine einfache
Höflichkeitsformel sagen. Ihre Aufrichtigkeit ist mir viel teurer als
alle Höflichkeit. Ja! Ich sehe es ein, daß ich mir Ihre Liebe erst noch
verdienen muß!“
„Genug, loben Sie mich bitte nicht ... genug davon!“ flüsterte Natascha
ganz bestürzt.
Wie schön war sie in diesem Augenblick!
„Wie Sie wünschen!“ beschloß der Fürst. „Doch noch ein paar Worte zur
Sache. Können Sie sich vorstellen, wie unglücklich ich bin, denn weder
morgen, noch übermorgen werde ich in Petersburg sein ... Ich erhielt
heute einen Brief in einer sehr wichtigen Angelegenheit, die meine
Anwesenheit verlangt. Morgen früh also verlasse ich Petersburg. Bitte,
glauben Sie nicht etwa, ich bin deshalb heute so spät am Abend gekommen,
weil es mir morgen und übermorgen nicht möglich gewesen wäre. Natürlich
denken Sie gar nicht daran, aber – nun sehen Sie, da haben Sie wieder
eine Probe meines Mißtrauens! Viel hat mir dieses Mißtrauen schon in
meinem Leben geschadet, der ganze Prozeß mit Ihrer Familie, ist nichts
als die Folge dieses elenden Charakterzuges! ... Heute haben wir
Dienstag. Mittwoch, Donnerstag, Freitag werde ich also nicht in
Petersburg sein. Sonnabend hoffe ich wieder zurückzukommen und werde Sie
dann sofort aufsuchen. Kann ich auf den ganzen Abend zu Ihnen kommen?“
„Gewiß! Natürlich!“ rief Natascha. „Sonnabend abend werde ich Sie
erwarten! Mit Ungeduld werde ich Sie erwarten!“
„Und ich meinerseits bin sehr glücklich darüber, daß ich Sie näher
kennen lernen kann! Doch – jetzt gehe ich! Ich kann nicht umhin, auch
Ihnen die Hand zu reichen,“ wandte er sich plötzlich an mich.
„Entschuldigen Sie, wir sprechen so durcheinander ... Ich hatte wohl
schon des öfteren das Vergnügen, Ihnen zu begegnen, ich glaube, wir sind
uns sogar vorgestellt worden. Ich möchte nicht von hier fortgehen, ohne
Ihnen versichert zu haben, daß es mir sehr angenehm ist, unsere
Bekanntschaft zu erneuern.“
„Wir sind uns begegnet, das ist wahr,“ ich ergriff seine Hand, „doch
erinnere ich mich nicht, Ihnen vorgestellt zu sein.“
„Beim Fürsten R., im vorigen Jahr.“
„Entschuldigen Sie, ich habe es vergessen. Doch ich versichere, daß ich
es dieses Mal nicht vergessen werde. Dieser Abend wird mir durchaus in
der Erinnerung bleiben.“
„Ja, das ist recht. Ich weiß es längst, daß Sie der aufrichtigste Freund
Natalja Nikolajewnas und meines Sohnes sind. – Ich hoffe zu Ihnen dreien
als der Vierte hinzuzutreten. Habe ich recht?“ Mit diesen Worten wandte
er sich wieder an Natascha.
„Ja, er ist unser aufrichtiger Freund, und wir wollen alle Freunde
sein!“ antwortete Natascha voll tiefer Überzeugung.
Die Arme! Sie strahlte vor Freude, als sie bemerkte, daß der Fürst mich
nicht vergessen hatte. Wie sie mich doch lieb hatte!
„Ich bin vielen Verehrern Ihres Talentes begegnet,“ fuhr der Fürst fort,
„und ich kenne zwei Ihrer aufrichtigsten Verehrerinnen. Es würde sie
sehr freuen, Sie persönlich kennen zu lernen. Es sind das die Gräfin,
meine beste Freundin, und ihre Stieftochter, Katherina Fedorowna
Philimonnowa. Lassen Sie mich hoffen, Sie diesen Damen vorstellen zu
dürfen.“
„Das ist für mich sehr schmeichelhaft, obgleich ich jetzt wenig in der
Gesellschaft verkehre ...“
„Geben Sie mir Ihre Adresse! Wo wohnen Sie? Ich werde das Vergnügen
haben ...“
„Ich empfange nicht, Fürst, wenigstens nicht gegenwärtig ...“
„Vielleicht machen Sie mit mir eine Ausnahme ...“
„Wenn Sie es verlangen, mir soll es sehr angenehm sein. Ich wohne in der
M.-Gasse im Hause Klugen.“
„Im Hause Klugen!“ rief er ganz betroffen aus. „Wie! Wohnen Sie ...
schon lange dort?“
„Nein, nicht lange,“ antwortete ich und faßte ihn unwillkürlich schärfer
ins Auge. „Meine Wohnung ist Nummer vierundvierzig.“
„Nummer vierundvierzig? Sie leben dort ... allein?“
„Ganz allein.“
„Ja! Ich glaube ... ich kenne dieses Haus. Um so besser ... Ich werde
Sie bestimmt besuchen, bestimmt! Ich habe über vieles mit Ihnen zu reden
und ich verspreche mir sehr viel von Ihnen. Sie können mir einen großen
Dienst erweisen. Sehen Sie, da komme ich schon gleich mit einer Bitte.
Also auf Wiedersehen. Geben Sie mir noch einmal Ihre Hand!“
Er reichte mir und Aljoscha die Hand, küßte nochmals Nataschas Händchen,
und forderte Aljoscha nicht auf, ihm zu folgen.
Wir drei blieben in großer Erregung zurück. Alles das hatte sich so
plötzlich und unerwartet zugetragen. Alle fühlten wir, daß sich in einem
Augenblick alles verändert und nun etwas Neues, Unbekanntes beginnen
würde. Aljoscha setzte sich schweigend zu Natascha und küßte ihr leise
zärtlich die Hand. Von Zeit zu Zeit sah er ihr ins Gesicht, als
erwartete er von ihr, daß sie etwas sagen würde.
„Lieber Aljoscha, fahre morgen zu Katherina Fedorowna,“ sagte sie
endlich zu ihm.
„Das habe ich auch schon gedacht,“ antwortete er, „ich werde es bestimmt
tun.“
„Vielleicht wird es ihr aber schwer fallen, dich zu sehen ... was meinst
du?“
„Ich weiß es nicht, mein Liebling. Auch daran habe ich gedacht. Ich
werde sehen ... wie ich mich entschließe. Jetzt, Natascha, hat sich
alles bei uns geändert,“ konnte sich Aljoscha nicht enthalten zu
bemerken.
Sie lächelte und sah ihn lange zärtlich an.
„Und wie er delikat ist. Er hat doch gesehen, wie ärmlich deine Wohnung
ist, und nicht ein Wort hat er ...“
„Worüber?“
„Nun ... du mögest eine andere Wohnung nehmen, oder so etwas Ähnliches,“
fügte er errötend hinzu.
„Aber, Aljoscha, aus welchem Grunde denn!“
„Ich sage ja eben, daß er so delikat ist. Und wie er dich lobte! Ich
habe es dir ja gesagt ... gesagt! Nein, er fühlt und versteht alles! Und
von mir sprach er wie von einem Kinde; alle halten mich dafür! Doch was
tut’s, ich bin es ja auch.“
„Du bist ein Kind, und siehst zugleich schärfer als wir alle. Du,
lieber, guter Aljoscha! Du!“
„Er aber sagte, daß mein gutes Herz mir schadet. Wie meint er das? Ich
verstehe es nicht. Doch, was meinst du, Natascha, soll ich jetzt nicht
gleich zu ihm fahren. Sowie es morgen hell wird, komme ich zu dir.“
„Geh nur, geh, mein Lieber. Du hast ganz recht. Und zeige dich ihm noch
heute abend, hörst du? Und morgen komme so früh als möglich. Jetzt wirst
du mich nicht mehr fünf Tage allein lassen?“ fügte sie schelmisch hinzu,
ihn zärtlich ansehend.
Alle waren wir voll stiller, reiner Freude.
„Kommen Sie mit mir, Wanjä?“ fragte Aljoscha, das Zimmer verlassend.
„Nein, er bleibt; wir haben noch miteinander zu reden, Wanjä. Auf morgen
früh also.“
„Ja, morgen früh. Na, adieu, Mawra!“ Mawra war in großer Aufregung. Sie
hatte gehorcht und alles gehört, was der Fürst gesagt, doch vieles nicht
verstanden. Gern wollte sie das nähere erfahren. Doch sah sie jetzt sehr
stolz und ernst drein, sie hatte gleichfalls das Bewußtsein, daß sich
nun alles ändern würde.
Wir blieben allein. Natascha nahm schweigend meine Hand und blieb stumm,
als wüßte sie nicht, womit sie beginnen sollte.
„Ich fühle mich so müde!“ sagte sie endlich mit schwacher Stimme. „Höre,
du gehst doch morgen zu ihnen?“
„Selbstverständlich.“
„Mama kannst du es erzählen, ihm aber nicht.“
„Von dir spreche ich ja auch sonst nie mit ihm.“
„Er wird es ja sowieso erfahren. Achte darauf, wie er es aufnehmen wird.
Mein Gott, Wanjä! Wird er mich wirklich dieser Ehe wegen verfluchen?
Nein, das kann nicht sein!“
„Das wird alles vom Fürsten abhängen,“ beeilte ich mich zu versichern.
„Er muß sich mit ihm aussöhnen und dann wird alles anders werden.“
„O, großer Gott! Wenn es möglich wäre, wenn das nur möglich wäre!“ rief
sie verzweifelt aus.
„Beunruhige dich nicht, Natascha, alles wird sich jetzt zum besten
kehren.“
Sie sah mich forschend an.
„Wanjä, wie denkst du vom Fürsten?“
„Wenn er wirklich aufrichtig gesprochen hat, so ist er meiner Meinung
nach ein edler Mensch!“
„Wenn er aufrichtig gesprochen hat? Was willst du damit sagen? Könnte er
denn auch unaufrichtig gesprochen haben?“
„Mir scheint es auch so,“ antwortete ich ausweichend. „Also steigen auch
in ihr Zweifel auf,“ dachte ich bei mir. „Sonderbar!“
„Du sahst ihn so eigentümlich an ... so beobachtend ...“
„Ja, er schien mir etwas – merkwürdig.“
„Und mir auch. Er spricht so seltsam. – Doch ich bin jetzt müde, mein
Lieber. Weißt du? Gehe auch du nach Haus. Und morgen komme von ihnen so
bald als möglich zu mir. Du, es lag doch nichts Beleidigendes darin, daß
ich ihm sagte, ich wollte ihn schnell lieben lernen?“
„Nein ... wieso Beleidigendes?“
„Und ... auch nichts Dummes? Denn es hieß doch eigentlich, daß ich ihn
jetzt noch nicht liebe.“
„Im Gegenteil, das war sehr schön von dir, so naiv und spontan. Du warst
so wunderbar in diesem Augenblick! Dumm wäre nur _er_, wenn er es mit
seinem Gesellschaftsempfinden nicht verstünde!“
„Du scheinst ihm nicht gut gesinnt zu sein, Wanjä? Wie schlecht,
mißtrauisch und ehrgeizig ich dagegen bin! Lache nicht über mich, du
weißt, ich verberge nichts vor dir. Ach, Wanjä, du mein lieber Freund!
Wenn ich nun jetzt wieder unglücklich werde, wenn das Leid wieder zu mir
kommt, dann wirst du der Einzige sein, der bei mir bleibt! Wodurch habe
ich das alles verdient! Verwünsche du mich nie, Wanjä! ...“
Als ich nach Hause zurückgekehrt war, legte ich mich sofort zu Bett. Im
Zimmer bei mir war es feucht und dunkel wie in einem Keller. Sonderbare
Gedanken und Empfindungen wogten in mir auf und ab, lange konnte ich
nicht einschlafen.
Doch, wie muß an diesem Abend jener Mensch gelacht haben, der in seiner
luxuriösen Wohnung in weichem Bette ruhig einschlief – wenn er uns
überhaupt eines Lächelns würdigte! Wahrscheinlich tat er aber wohl das
nicht einmal!