III.

Als ich am andern Morgen um zehn Uhr meine Wohnung verlassen wollte, um

nach Wassilij-Ostroff zu Ichmenjeffs zu gehen und von dort zu Natascha,

stieß ich an der Tür mit meinem gestrigen Besuch zusammen, der kleinen

Enkelin Smitts. Sie hatte zu mir kommen wollen. Ich weiß nicht warum,

doch war ich ungemein erfreut darüber. Gestern hatte ich sie mir in der

Dunkelheit kaum ansehen können, und jetzt am Tage setzte mich ihr

Anblick noch mehr in Erstaunen. Es wäre kaum möglich gewesen, ein

eigenartigeres Geschöpf, wenigstens dem Äußeren nach, zu finden. Klein

von Wuchs, mit blitzenden, dunklen, nicht russischen Augen, mit dichtem,

dunklem, widerspenstigem Haar und mit rätselhaftem, stummem, fast

unbeweglichem Blick, hätte es sogar jeden Vorübergehenden fesseln

müssen. Besonders aber setzte mich dieser Blick in Erstaunen: in ihm lag

so viel Klugheit und ein fast inquisitorisches Mißtrauen. Ihr

abgetragenes und schmutziges Kleidchen ähnelte bei Tage gesehen noch

mehr einem Lappen. Mir schien es, daß sie an irgend einer inneren

Krankheit leiden müßte, die langsam, aber sicher ihren Organismus

zerstörte. Ihr bleiches, mageres Gesichtchen hatte einen krankhaften,

gelblich braunen Farbenton. Doch ungeachtet ihrer Armut, Verwahrlosung

und Verelendung war sie hübsch zu nennen. Sie hatte wundervoll

geschwungene Brauen, schön war ihre breite etwas niedrige Stirn, die

Lippen waren fein gezeichnet in einem stolzen und kühnen Bogen, doch

fast farblos.

„Ah, da bist du ja wieder!“ rief ich. „Nun, ich wußte, daß du

wiederkommst. Komm mal herein!“

Sie trat langsam über die Schwelle, ganz wie gestern, und blickte

mißtrauisch um sich. Aufmerksam betrachtete sie das Zimmer, in dem ihr

Großvater gewohnt hatte, als wollte sie sehen, ob es sich mit dem neuen

Einwohner verändert hätte. ‚Gerade wie der Großvater, so ist auch die

Enkelin,‘ dachte ich bei mir. ‚Sie scheint ja auch nicht recht bei

Sinnen zu sein?‘ Sie schwieg indessen immer noch; ich wartete.

„Die Bücher!“ flüsterte sie endlich, die Augen zu Boden geschlagen.

„Ach, ja! Deine Bücher; da sind sie, da nimm sie! Ich hatte sie für dich

aufgehoben.“

Ein neugieriger Blick traf mich und sie verzog ein wenig den Mund, wie

zu einem ungläubigen Lächeln. Doch das Lächeln verschwand sofort wieder

und verwandelte sich in den früheren, rätselhaften Ausdruck.

„Hat denn Großpapa von mir gesprochen?“ fragte sie plötzlich, mich

ironisch vom Kopf bis zu den Füßen betrachtend.

„Nein, von dir hat er nichts gesagt, aber er ...“

„Aber woher wußten Sie denn, daß ich kommen würde? Wer hat es Ihnen

gesagt?“ fragte sie, mich plötzlich unterbrechend.

„Weil es mir unmöglich schien, daß dein Großvater ganz allein, ohne

jegliche Hilfe hätte leben können. Er war so alt und schwach, da dachte

ich, jemand muß doch für ihn gesorgt haben. Da, nimm deine Bücher. Du

hast wohl aus ihnen gelernt?“

„Nein.“

„Wozu brauchtest du sie denn?“

„Großpapa lehrte mich lesen, als ich noch zu ihm kam.“

„Bist du denn später nicht mehr gekommen?“

„Ich bin nicht mehr gekommen ... weil ich krank wurde,“ fügte sie, sich

gleichsam entschuldigend, hinzu.

„Hast du denn keine Mutter, keinen Vater?“

Sie zog plötzlich unwillig ihre Brauen zusammen und ein erschreckter

Blick traf mich. Sie verstummte wieder vollständig, drehte sich um und

ging leise aus dem Zimmer, ohne mich einer Antwort zu würdigen, ganz wie

gestern. Ich sah ihr erstaunt nach. Doch auf der Schwelle blieb sie

stehen.

„Wie ist er gestorben?“ stieß sie abgebrochen, halb zu mir gekehrt,

hervor, mit derselben Bewegung wie gestern, als sie, mit dem Gesicht zur

Tür gewandt, nach Asorka fragte.

Ich ging auf sie zu, und erzählte ihr alles in kurzen Worten. Sie

verharrte bewegungslos in ihrer Stellung und hörte gespannt zu. Ich

sagte ihr auch, daß der Alte sterbend von der sechsten Linie gesprochen

hätte.

„Ich erriet sofort,“ fügte ich hinzu, „daß in ihr jemand von den Seinen

leben mußte, daher erwartete ich auch, daß man sich bei mir nach ihm

erkundigen würde. Sicher hat er dich sehr geliebt, wenn er im letzten

Augenblick an dich gedacht hat.“

„Nein,“ flüsterte sie, wie zufällig, „er hat mich nicht geliebt.“

Sie war sehr erregt. Während ich von ihrem Großvater erzählte, beugte

ich mich zu ihr hinab, um ihr ins Gesicht zu sehen. Ich bemerkte, welche

Anstrengungen sie machte, um ihre Erregung vor mir, aus Stolz, zu

verbergen. Sie erbleichte immer mehr und mehr und nagte krampfhaft an

ihrer Unterlippe. Doch besonders beunruhigte mich ihr Herzklopfen: ich

konnte es auf zwei bis drei Schritte von ihr hören. Ich dachte, sie

würde plötzlich in Tränen ausbrechen, wie gestern; aber es geschah

nicht.

„Wo ist der Zaun?“

„Welcher Zaun?“

„An welchem er starb.“

„Ich werde ihn dir zeigen ... wenn wir hinausgehen. Höre, wie heißt du?“

„Nicht nötig ...“

„Warum nicht?“

„Nicht nötig; nicht ... ich heiße nicht ...“ sagte sie abgebrochen und

schickte sich an fortzugehen. Ich hielt sie zurück.

„Warte doch, sonderbares Kind, du! Ich will dir doch nur Gutes tun; du

tust mir leid seit gestern, wie du da in der Ecke weintest. Ich kann gar

nicht daran denken ... Dabei ist dein Großvater in meinen Armen

gestorben, und dachte sicher dabei an dich, als er mir befahl, in die

sechste Linie zu gehen, also hat er dich eigentlich mir überlassen. Ich

sehe ihn jedesmal im Traum ... Und die Bücher habe ich für dich

aufbewahrt, und du bist so scheu und fürchtest dich vor mir. Du bist

sicher ein Waisenkind, sehr arm und vielleicht bei fremden Leuten, ist

es so oder nicht?“

Ich sprach eindringlich zu ihr, ich weiß selbst nicht, was mich zu ihr

zog. Ich fühlte für sie noch etwas anderes als nur Mitleid. Etwas

Geheimnisvolles, das mit Smitt zusammenhing, und meine eigene

phantastische Stimmung zog mich zu ihr hin. Meine Worte schienen sie

gerührt zu haben. Doch sah sie mich noch immer mißtrauisch an, wenn auch

jetzt nicht mehr so finster. Dann blickte sie wieder nachdenklich zu

Boden.

„Helene,“ flüsterte sie plötzlich, ganz unerwartet und kaum hörbar.

„Also, Helene heißt du?“

„Ja ...“

„Wirst du mich besuchen?“

„Nein ... ich weiß nicht ... vielleicht,“ flüsterte sie wie im inneren

Kampfe.

In diesem Augenblick schlug eine Uhr. Sie zuckte zusammen und mit einem

unbeschreiblich qualvollen Ausdruck fragte sie mich immer noch

flüsternd:

„Wieviel Uhr ist es?“

„Ich glaube halb elf.“

Sie schrie auf.

„Gott im Himmel!“ rief sie erschreckt aus und stürzte zur Tür hinaus.

Doch erhaschte ich sie noch im Flur.

„Ich werde dich nicht so fortlassen,“ sagte ich zu ihr. „Wen fürchtest

du? Warum hast du dich verspätet? Wohin mußt du?“

„Ich bin heimlich davongelaufen! Lassen Sie mich! Sie wird mich

schlagen,“ rief sie zitternd vor Angst, sich aus meinen Händen

befreiend.

„Höre mich an, steh’ still; du mußt nach Wassilij-Ostroff, auch ich muß

dahin. Ich habe mich gleichfalls verspätet und werde mir eine Droschke

nehmen. Du fährst einfach mit mir. Ich nehme dich mit, dann kommst du

schneller hin, als zu Fuß ...“

„Zu mir kann man nicht, kann man nicht kommen,“ schrie sie in noch

größerer Angst. Ihre Züge verzerrten sich bei dem für sie fürchterlichen

Gedanken, ich könnte dahin kommen, wo sie lebte.

„Ich habe dir doch gesagt, daß ich in die dreizehnte Linie muß, in

meiner eigenen Angelegenheit, und durchaus nicht zu dir kommen will! Mit

der Droschke geht es schneller. Fahren wir!“

Wir liefen beide die Treppe hinunter. Ich nahm die erste beste Droschke,

die vor Alter in allen Fugen krachte. Sie mußte es wohl sehr eilig

haben, da sie einwilligte, mitzufahren. Das allerrätselhafteste war, daß

ich sie nicht einmal zu fragen wagte. Sie winkte mir sofort mit den

Händen ab und war gleich bereit, aus der Droschke zu springen, als ich

sie nur danach fragte, wen sie doch zu Hause so fürchte? „Was ist denn

das für ein Geheimnis?“ dachte ich.

Im Wagen saß sie äußerst unbequem. Bei jedem Stoß griff sie mit ihrer

kleinen, schmutzigen Hand nach meinem Paletot. In der anderen Hand hielt

sie ihre Bücher, fest an die Brust gedrückt, man sah daraus, wie teuer

ihr diese Bücher waren. Als sie sich wieder einmal zurechtsetzte, sah

ich zu meinem größten Erstaunen, daß ihre Füße ohne Strümpfe in

zerrissenen Stiefeln staken. Obgleich ich beschlossen hatte, sie um

nichts mehr zu fragen, so konnte ich mich doch nicht enthalten, etwas zu

bemerken:

„Hast du wirklich keine Strümpfe an?“ fragte ich sie. „Wie kann man

barfuß bei solcher Feuchtigkeit und Kälte gehen?“

„Nein,“ antwortete sie kurz abgebrochen.

„Mein Gott, du lebst doch bei irgend jemandem, konntest du dir denn

nicht Strümpfe verschaffen, wenn du schon ausgehen mußtest.“

„Nein.“

„Du konntest dich doch erkälten und sterben!“

„Um so besser.“

Sie wollte nicht antworten, wie es schien; meine Fragen ärgerten sie

offenbar sehr.

„Hier ist er gestorben,“ sagte ich, und zeigte ihr das Haus, wo der Alte

verendet war.

Sie sah aufmerksam hin, und plötzlich wandte sie sich an mich mit der

Bitte:

„Um Gottes willen, kommen Sie nicht zu mir. Ich werde zu Ihnen kommen;

wenn es mir nur möglich sein wird, werde ich kommen!“

„Schön, ich habe es dir doch schon versprochen, nicht zu kommen. Doch

wen oder was fürchtest du so? Du quälst dich furchtbar, es tut mir leid,

dich anzusehen ...“

„Ich fürchte niemanden,“ antwortete sie in gereiztem Tone.

„Doch vorhin sagtest du: sie wird dich schlagen!“

„Soll sie es doch!“ antwortete sie und ihre Augen blitzten. „Soll sie es

doch!“ rief sie bitter aus und ihre Oberlippe zitterte leise und

verächtlich.

Endlich langten wir auf Wassilij-Ostroff an. Sie befahl dem Kutscher, an

der sechsten Linie zu halten, sprang dann aus dem Wagen und sah sich

scheu um.

„Fahren Sie weiter; ich werde kommen, ich werde kommen!“ wiederholte sie

in großer Aufregung und bat mich flehentlich, ihr nicht zu folgen.

„Fahren Sie weiter, schneller, schneller!“

Ich fuhr weiter, sprang aber, als ich eine kurze Strecke am Kai entlang

gefahren war, aus der Droschke und bog in die sechste Linie ein, wo ich

ihr auf der anderen Seite folgte. Ich sah sie sofort, sie war noch nicht

weit gegangen, obgleich sie fast lief und sich dabei immer umsah; einmal

blieb sie sogar stehen, um besser sehen zu können ob ich ihr folge oder

nicht? Ich bog sofort in ein Hoftor ein. Sie hatte mich nicht bemerkt.

Sie ging weiter, ich folgte ihr auf der anderen Seite.

Meine Neugierde war im höchsten Grade angeregt. Obgleich ich beschlossen

hatte, ihr nicht in das Haus selbst zu folgen, so wollte ich doch

wenigstens wissen, in welchem Hause sie wohnte ... auf alle Fälle. Ich

stand unter dem Eindruck eines schweren und sonderbaren Gefühls, das

ganz ähnlich dem Gefühle war, als damals in der Konditorei Asorka

plötzlich verendet war.

Sämtliche Werke 19 · 第 27 / 59 题