Als ich am andern Morgen um zehn Uhr meine Wohnung verlassen wollte, um
nach Wassilij-Ostroff zu Ichmenjeffs zu gehen und von dort zu Natascha,
stieß ich an der Tür mit meinem gestrigen Besuch zusammen, der kleinen
Enkelin Smitts. Sie hatte zu mir kommen wollen. Ich weiß nicht warum,
doch war ich ungemein erfreut darüber. Gestern hatte ich sie mir in der
Dunkelheit kaum ansehen können, und jetzt am Tage setzte mich ihr
Anblick noch mehr in Erstaunen. Es wäre kaum möglich gewesen, ein
eigenartigeres Geschöpf, wenigstens dem Äußeren nach, zu finden. Klein
von Wuchs, mit blitzenden, dunklen, nicht russischen Augen, mit dichtem,
dunklem, widerspenstigem Haar und mit rätselhaftem, stummem, fast
unbeweglichem Blick, hätte es sogar jeden Vorübergehenden fesseln
müssen. Besonders aber setzte mich dieser Blick in Erstaunen: in ihm lag
so viel Klugheit und ein fast inquisitorisches Mißtrauen. Ihr
abgetragenes und schmutziges Kleidchen ähnelte bei Tage gesehen noch
mehr einem Lappen. Mir schien es, daß sie an irgend einer inneren
Krankheit leiden müßte, die langsam, aber sicher ihren Organismus
zerstörte. Ihr bleiches, mageres Gesichtchen hatte einen krankhaften,
gelblich braunen Farbenton. Doch ungeachtet ihrer Armut, Verwahrlosung
und Verelendung war sie hübsch zu nennen. Sie hatte wundervoll
geschwungene Brauen, schön war ihre breite etwas niedrige Stirn, die
Lippen waren fein gezeichnet in einem stolzen und kühnen Bogen, doch
fast farblos.
„Ah, da bist du ja wieder!“ rief ich. „Nun, ich wußte, daß du
wiederkommst. Komm mal herein!“
Sie trat langsam über die Schwelle, ganz wie gestern, und blickte
mißtrauisch um sich. Aufmerksam betrachtete sie das Zimmer, in dem ihr
Großvater gewohnt hatte, als wollte sie sehen, ob es sich mit dem neuen
Einwohner verändert hätte. ‚Gerade wie der Großvater, so ist auch die
Enkelin,‘ dachte ich bei mir. ‚Sie scheint ja auch nicht recht bei
Sinnen zu sein?‘ Sie schwieg indessen immer noch; ich wartete.
„Die Bücher!“ flüsterte sie endlich, die Augen zu Boden geschlagen.
„Ach, ja! Deine Bücher; da sind sie, da nimm sie! Ich hatte sie für dich
aufgehoben.“
Ein neugieriger Blick traf mich und sie verzog ein wenig den Mund, wie
zu einem ungläubigen Lächeln. Doch das Lächeln verschwand sofort wieder
und verwandelte sich in den früheren, rätselhaften Ausdruck.
„Hat denn Großpapa von mir gesprochen?“ fragte sie plötzlich, mich
ironisch vom Kopf bis zu den Füßen betrachtend.
„Nein, von dir hat er nichts gesagt, aber er ...“
„Aber woher wußten Sie denn, daß ich kommen würde? Wer hat es Ihnen
gesagt?“ fragte sie, mich plötzlich unterbrechend.
„Weil es mir unmöglich schien, daß dein Großvater ganz allein, ohne
jegliche Hilfe hätte leben können. Er war so alt und schwach, da dachte
ich, jemand muß doch für ihn gesorgt haben. Da, nimm deine Bücher. Du
hast wohl aus ihnen gelernt?“
„Nein.“
„Wozu brauchtest du sie denn?“
„Großpapa lehrte mich lesen, als ich noch zu ihm kam.“
„Bist du denn später nicht mehr gekommen?“
„Ich bin nicht mehr gekommen ... weil ich krank wurde,“ fügte sie, sich
gleichsam entschuldigend, hinzu.
„Hast du denn keine Mutter, keinen Vater?“
Sie zog plötzlich unwillig ihre Brauen zusammen und ein erschreckter
Blick traf mich. Sie verstummte wieder vollständig, drehte sich um und
ging leise aus dem Zimmer, ohne mich einer Antwort zu würdigen, ganz wie
gestern. Ich sah ihr erstaunt nach. Doch auf der Schwelle blieb sie
stehen.
„Wie ist er gestorben?“ stieß sie abgebrochen, halb zu mir gekehrt,
hervor, mit derselben Bewegung wie gestern, als sie, mit dem Gesicht zur
Tür gewandt, nach Asorka fragte.
Ich ging auf sie zu, und erzählte ihr alles in kurzen Worten. Sie
verharrte bewegungslos in ihrer Stellung und hörte gespannt zu. Ich
sagte ihr auch, daß der Alte sterbend von der sechsten Linie gesprochen
hätte.
„Ich erriet sofort,“ fügte ich hinzu, „daß in ihr jemand von den Seinen
leben mußte, daher erwartete ich auch, daß man sich bei mir nach ihm
erkundigen würde. Sicher hat er dich sehr geliebt, wenn er im letzten
Augenblick an dich gedacht hat.“
„Nein,“ flüsterte sie, wie zufällig, „er hat mich nicht geliebt.“
Sie war sehr erregt. Während ich von ihrem Großvater erzählte, beugte
ich mich zu ihr hinab, um ihr ins Gesicht zu sehen. Ich bemerkte, welche
Anstrengungen sie machte, um ihre Erregung vor mir, aus Stolz, zu
verbergen. Sie erbleichte immer mehr und mehr und nagte krampfhaft an
ihrer Unterlippe. Doch besonders beunruhigte mich ihr Herzklopfen: ich
konnte es auf zwei bis drei Schritte von ihr hören. Ich dachte, sie
würde plötzlich in Tränen ausbrechen, wie gestern; aber es geschah
nicht.
„Wo ist der Zaun?“
„Welcher Zaun?“
„An welchem er starb.“
„Ich werde ihn dir zeigen ... wenn wir hinausgehen. Höre, wie heißt du?“
„Nicht nötig ...“
„Warum nicht?“
„Nicht nötig; nicht ... ich heiße nicht ...“ sagte sie abgebrochen und
schickte sich an fortzugehen. Ich hielt sie zurück.
„Warte doch, sonderbares Kind, du! Ich will dir doch nur Gutes tun; du
tust mir leid seit gestern, wie du da in der Ecke weintest. Ich kann gar
nicht daran denken ... Dabei ist dein Großvater in meinen Armen
gestorben, und dachte sicher dabei an dich, als er mir befahl, in die
sechste Linie zu gehen, also hat er dich eigentlich mir überlassen. Ich
sehe ihn jedesmal im Traum ... Und die Bücher habe ich für dich
aufbewahrt, und du bist so scheu und fürchtest dich vor mir. Du bist
sicher ein Waisenkind, sehr arm und vielleicht bei fremden Leuten, ist
es so oder nicht?“
Ich sprach eindringlich zu ihr, ich weiß selbst nicht, was mich zu ihr
zog. Ich fühlte für sie noch etwas anderes als nur Mitleid. Etwas
Geheimnisvolles, das mit Smitt zusammenhing, und meine eigene
phantastische Stimmung zog mich zu ihr hin. Meine Worte schienen sie
gerührt zu haben. Doch sah sie mich noch immer mißtrauisch an, wenn auch
jetzt nicht mehr so finster. Dann blickte sie wieder nachdenklich zu
Boden.
„Helene,“ flüsterte sie plötzlich, ganz unerwartet und kaum hörbar.
„Also, Helene heißt du?“
„Ja ...“
„Wirst du mich besuchen?“
„Nein ... ich weiß nicht ... vielleicht,“ flüsterte sie wie im inneren
Kampfe.
In diesem Augenblick schlug eine Uhr. Sie zuckte zusammen und mit einem
unbeschreiblich qualvollen Ausdruck fragte sie mich immer noch
flüsternd:
„Wieviel Uhr ist es?“
„Ich glaube halb elf.“
Sie schrie auf.
„Gott im Himmel!“ rief sie erschreckt aus und stürzte zur Tür hinaus.
Doch erhaschte ich sie noch im Flur.
„Ich werde dich nicht so fortlassen,“ sagte ich zu ihr. „Wen fürchtest
du? Warum hast du dich verspätet? Wohin mußt du?“
„Ich bin heimlich davongelaufen! Lassen Sie mich! Sie wird mich
schlagen,“ rief sie zitternd vor Angst, sich aus meinen Händen
befreiend.
„Höre mich an, steh’ still; du mußt nach Wassilij-Ostroff, auch ich muß
dahin. Ich habe mich gleichfalls verspätet und werde mir eine Droschke
nehmen. Du fährst einfach mit mir. Ich nehme dich mit, dann kommst du
schneller hin, als zu Fuß ...“
„Zu mir kann man nicht, kann man nicht kommen,“ schrie sie in noch
größerer Angst. Ihre Züge verzerrten sich bei dem für sie fürchterlichen
Gedanken, ich könnte dahin kommen, wo sie lebte.
„Ich habe dir doch gesagt, daß ich in die dreizehnte Linie muß, in
meiner eigenen Angelegenheit, und durchaus nicht zu dir kommen will! Mit
der Droschke geht es schneller. Fahren wir!“
Wir liefen beide die Treppe hinunter. Ich nahm die erste beste Droschke,
die vor Alter in allen Fugen krachte. Sie mußte es wohl sehr eilig
haben, da sie einwilligte, mitzufahren. Das allerrätselhafteste war, daß
ich sie nicht einmal zu fragen wagte. Sie winkte mir sofort mit den
Händen ab und war gleich bereit, aus der Droschke zu springen, als ich
sie nur danach fragte, wen sie doch zu Hause so fürchte? „Was ist denn
das für ein Geheimnis?“ dachte ich.
Im Wagen saß sie äußerst unbequem. Bei jedem Stoß griff sie mit ihrer
kleinen, schmutzigen Hand nach meinem Paletot. In der anderen Hand hielt
sie ihre Bücher, fest an die Brust gedrückt, man sah daraus, wie teuer
ihr diese Bücher waren. Als sie sich wieder einmal zurechtsetzte, sah
ich zu meinem größten Erstaunen, daß ihre Füße ohne Strümpfe in
zerrissenen Stiefeln staken. Obgleich ich beschlossen hatte, sie um
nichts mehr zu fragen, so konnte ich mich doch nicht enthalten, etwas zu
bemerken:
„Hast du wirklich keine Strümpfe an?“ fragte ich sie. „Wie kann man
barfuß bei solcher Feuchtigkeit und Kälte gehen?“
„Nein,“ antwortete sie kurz abgebrochen.
„Mein Gott, du lebst doch bei irgend jemandem, konntest du dir denn
nicht Strümpfe verschaffen, wenn du schon ausgehen mußtest.“
„Nein.“
„Du konntest dich doch erkälten und sterben!“
„Um so besser.“
Sie wollte nicht antworten, wie es schien; meine Fragen ärgerten sie
offenbar sehr.
„Hier ist er gestorben,“ sagte ich, und zeigte ihr das Haus, wo der Alte
verendet war.
Sie sah aufmerksam hin, und plötzlich wandte sie sich an mich mit der
Bitte:
„Um Gottes willen, kommen Sie nicht zu mir. Ich werde zu Ihnen kommen;
wenn es mir nur möglich sein wird, werde ich kommen!“
„Schön, ich habe es dir doch schon versprochen, nicht zu kommen. Doch
wen oder was fürchtest du so? Du quälst dich furchtbar, es tut mir leid,
dich anzusehen ...“
„Ich fürchte niemanden,“ antwortete sie in gereiztem Tone.
„Doch vorhin sagtest du: sie wird dich schlagen!“
„Soll sie es doch!“ antwortete sie und ihre Augen blitzten. „Soll sie es
doch!“ rief sie bitter aus und ihre Oberlippe zitterte leise und
verächtlich.
Endlich langten wir auf Wassilij-Ostroff an. Sie befahl dem Kutscher, an
der sechsten Linie zu halten, sprang dann aus dem Wagen und sah sich
scheu um.
„Fahren Sie weiter; ich werde kommen, ich werde kommen!“ wiederholte sie
in großer Aufregung und bat mich flehentlich, ihr nicht zu folgen.
„Fahren Sie weiter, schneller, schneller!“
Ich fuhr weiter, sprang aber, als ich eine kurze Strecke am Kai entlang
gefahren war, aus der Droschke und bog in die sechste Linie ein, wo ich
ihr auf der anderen Seite folgte. Ich sah sie sofort, sie war noch nicht
weit gegangen, obgleich sie fast lief und sich dabei immer umsah; einmal
blieb sie sogar stehen, um besser sehen zu können ob ich ihr folge oder
nicht? Ich bog sofort in ein Hoftor ein. Sie hatte mich nicht bemerkt.
Sie ging weiter, ich folgte ihr auf der anderen Seite.
Meine Neugierde war im höchsten Grade angeregt. Obgleich ich beschlossen
hatte, ihr nicht in das Haus selbst zu folgen, so wollte ich doch
wenigstens wissen, in welchem Hause sie wohnte ... auf alle Fälle. Ich
stand unter dem Eindruck eines schweren und sonderbaren Gefühls, das
ganz ähnlich dem Gefühle war, als damals in der Konditorei Asorka
plötzlich verendet war.