Nach einigen Minuten lachten wir alle wie unsinnig.
„Nun, laßt mich doch, laßt mich doch erzählen,“ übertönte uns Aljoscha
mit seiner hellen Stimme. „Ihr denkt, daß ich euch, wie immer, nur mit
Dummheiten komme ... Ich versichere euch, daß ich wirklich Interessantes
mitzuteilen habe. Ja, werdet ihr denn nicht endlich mal aufhören!“
Er wollte so schnell wie möglich alles erzählen, und er schien uns
wirklich etwas Wichtiges mitteilen zu wollen. Doch seine Wichtigtuerei
und der naive Stolz über den Besitz dieser Neuigkeiten reizte Natascha
zum Lachen. Der Ärger und die kindliche Verzweiflung Aljoschas wiederum
brachten uns schließlich so weit, daß wir nur den kleinen Finger zu
zeigen gebraucht hätten, wie beim Gogolschen Midshipman, um sofort vor
Lachen zu bersten. Schließlich kam sogar Mawra aus der Küche und stellte
sich an der Tür auf; mit ernstem Unwillen betrachtete sie uns, wütend,
daß Aljoscha nicht eine ordentliche Standrede von Natascha bekommen, auf
die sie sich schon die ganzen Tage lang gefreut hatte, und daß sie uns
statt dessen so fröhlich sehen mußte.
Natascha hörte endlich auf zu lachen, als sie bemerkte, daß Aljoscha
anfing, sich beleidigt zu fühlen.
„Was willst du uns denn erzählen?“ fragte sie ihn.
„Soll ich den Samowar anmachen?“ fragte Mawra, Aljoscha ohne jegliche
Rücksicht unterbrechend.
„Mach, daß du fortkommst, Mawra,“ und er winkte ihr mit Händen und Füßen
ab, damit sie sich schneller entfernen sollte. „Ich werde alles
erzählen, wie es gewesen, wie es ist und wie es sein wird, denn ich weiß
jetzt alles. Ich weiß es, meine Freunde, und ihr wollt wissen, wo ich
die fünf Tage gewesen bin – das ist’s, was ich euch erzählen will, ihr
aber laßt mich nicht dazu kommen. Nun, und vor allem also: ich habe dich
die ganze Zeit über betrogen, Natascha, schon lange, lange habe ich dich
betrogen, und das ist es ...“
„Betrogen?“
„Ja, betrogen, schon seit einem Monat, noch vor Papas Ankunft; jetzt ist
endlich die Zeit gekommen, da ich dir alles aufrichtig sagen kann. Vor
einem Monat, als mein Vater noch nicht angekommen war, erhielt ich
plötzlich einen langen Brief von ihm, den ich euch beiden gar nicht
gezeigt habe. In diesem Brief erklärte er mir einfach und geradeaus –
und bemerkt wohl, in einem Tone, wie ich ihn noch niemals von ihm gehört
hatte, so daß ich sehr erschrak – erklärte er mir also einfach, daß
meine Heirat schon beschlossene Sache sei, daß meine Braut eine
weibliche Vollkommenheit und ich ihrer gar nicht wert sei, daß ich sie
aber trotzdem heiraten müsse. Und deshalb sei es nötig, daß ich mir alle
Torheiten aus dem Kopfe schlage, und so weiter, und so weiter – wie es
euch schon bekannt ist. Diesen Brief, seht ihr, habe ich euch garnicht
gezeigt und auch nichts von ihm erwähnt.“
„Wieso nicht erwähnt?!“ unterbrach ihn Natascha, „was du behauptest! Im
Gegenteil, du hast ihn uns sofort mitgeteilt. Ich erinnere mich noch,
wie du plötzlich zärtlich und gehorsam mir gegenüber warst und nicht von
mir gingst, als fühltest du dich schuldig vor mir ... und den ganzen
Brief hast du uns stückweise mitgeteilt.“
„Das kann nicht sein, die Hauptsache habe ich euch sicher nicht erzählt.
Vielleicht habt ihr beide alles erraten, ich jedenfalls habe nichts
erzählt. Ich habe geschwiegen und schrecklich darunter gelitten.“
„Ich erinnere mich, Aljoscha, daß Sie mich damals jeden Augenblick um
Rat fragten und mir alles erzählten,“ fügte ich hinzu, mit einem Blick
auf Natascha.
„Alles hast du erzählt,“ griff Natascha meine Bemerkung auf. „Was kannst
du denn verheimlichen? Kannst du denn einen Menschen betrügen? Sogar
Mawra weiß alles. Nicht wahr, Mawra?“
„Wie soll man denn nicht wissen!“ mischte sich Mawra wieder ein. „In den
drei ersten Tagen hast du alles erzählt. Du Schlauberger!“
„Pui, mit euch ist es wirklich ärgerlich, etwas zu tun zu haben! Das
behauptest du alles nur aus Bosheit, Natascha! Und du, Mawra, du irrst
dich gewaltig. Ich weiß, ich war damals noch wie ein Wahnsinniger!“
„Kein Wunder. Du bist ja auch jetzt wie ein Wahnsinniger.“
„Nein, nein, ich spreche nicht davon. Weißt du, das war damals, als wir
kein Geld hatten und du gingst noch, um mein silbernes Zigarettenetui zu
versetzen; doch erlaube, Mawra, du scheinst dich mir gegenüber ganz und
gar zu vergessen. Das hat dir Natascha beigebracht. Nun, nehmen wir an,
ich habe euch wirklich damals alles erzählt, doch den Ton, den Ton des
Briefes, den kennt ihr nicht, und der Ton des Briefes ist doch die
Hauptsache. Davon spreche ich auch jetzt.“
„Nun, wie ist denn der Ton?“ fragte Natascha.
„Höre mal, Natascha, du fragst wie im Scherz. Scherze nicht. Ich
versichere dir, das ist sehr wichtig. Der Ton war so, daß ich einfach
die Hände fallen ließ. Niemals hatte er so mit mir gesprochen. Eher
müßte Lissabon untergehen, als sein Wunsch sich nicht: sieh, so ist der
Ton!“
„Nun, nun, erzähle weiter; warum wolltest du denn das vor mir
verheimlichen?“
„Ach, mein Gott! Um dich nicht zu erschrecken. Ich hoffte, alles wieder
gut zu machen. Aber eine schwere Zeit brach an, als mein Vater nun
zurückkehrte. Ich wollte ihm auf seinen Brief bestimmt und klar
antworten, und immer gelang es mir nicht. Und er, er fragte nicht einmal
danach, der Schlaufuchs! Im Gegenteil, er gab sich den Anschein, als
wäre alles zwischen uns beschlossen und zu unserer gegenseitigen
Befriedigung abgemacht. Höre doch, wie ist das möglich, eine solche
Selbstverständlichkeit! Zu mir verhielt er sich zärtlich und
liebenswürdig. Ich war einfach starr. Wie er klug ist, Iwan Petrowitsch,
wenn Sie wüßten! Er hat alles gelesen, alles weiß er, wenn er nur einen
ansieht, so weiß er sofort dessen Gedanken. Darum hat man ihn wohl auch
einen Jesuiten genannt. Natascha liebt es nicht, wenn ich ihn lobe. Sei
nicht böse, Natascha ... doch zur Sache! Er gab mir am Anfang kein Geld,
gestern hat er mir aber wieder welches gegeben. Natascha, mein Engel!
Jetzt hat unsere Armut aufgehört. Sieh, hier! Alles, was er mir in
diesem halben Jahr entzogen, hat er mir gestern wiedergegeben; sieh, wie
viel es ausmacht; ich habe es noch nicht gezählt. Mawra sieh mal, wie
viel es ausmacht, jetzt brauchen wir keine Löffel mehr zu versetzen!“
Er zog einen großen Packen Geld aus der Tasche, wohl über tausend Rubel
und legte ihn auf den Tisch. Mawra geriet in Erstaunen und lobte ihn
sehr. Natascha drang in ihn, weiter zu erzählen.
„Nun, was soll ich machen – denke ich?“ fuhr Aljoscha fort. „Wie soll
ich jetzt gegen seinen Willen handeln? Denn ich schwöre euch beiden,
wäre er schlecht und nicht so gut zu mir gewesen, so hätte ich mir
weiter keine Gedanken gemacht. Ich hätte ihm geradeaus ins Gesicht
gesagt, daß ich nicht will, daß ich ein erwachsener Mensch bin und –
Schluß! Und glaubt mir, ich hätte auf dem meinen bestanden. Aber jetzt –
was soll ich ihm jetzt sagen? Bitte, beschuldigt mich nicht. Ich sehe,
daß du mit mir unzufrieden bist, Natascha. Warum seht ihr euch
gegenseitig so an? Wahrscheinlich denkt ihr wohl: ‚nun, da haben sie ihn
jetzt gekriegt und er hat keinen Charakter.‘ Ich aber, ich habe
Charakter, mehr als ihr glaubt! Zum Beweise dafür, habe ich, ungeachtet
meiner Lage, mir sofort gesagt: ‚es ist meine Pflicht, meine
Schuldigkeit, meinem Vater alles zu sagen,‘ und ich habe ihm alles
gesagt und er hat mir ruhig zugehört.“
„Ja was, was hast du ihm denn gesagt?“ fragte, unruhig geworden,
Natascha.
„Daß ich keine andere Braut haben will, daß ich schon selbst eine habe –
und das wärest du! Das heißt, ich habe es ihm noch nicht genau so
gesagt, sondern ihn nur darauf vorbereitet, doch morgen werde ich’s ihm
sagen, das habe ich mir schon vorgenommen. Zuerst begann ich damit, daß
es Schimpf und Schande wäre, um des Geldes willen zu heiraten, und wenn
wir uns für wer weiß was für Aristokraten hielten, so wäre das einfach –
dumm (ich bin ja zu ihm so aufrichtig wie zu einem Bruder). Darauf habe
ich ihm erklärt, daß ich zum Dritten Stande gehöre, zum ^tiers-état^ und
^le tiers-état c’est l’essentiel^; daß es mein Stolz wäre, mit allen
gleich zu stehen, mich von niemandem zu unterscheiden ... mit einem
Wort, ich habe ihm alle diese gesunden neuen Ideen auseinandergesetzt
... Ich ließ mich hinreißen und sprach ganz begeistert. Ich war selbst
über mich erstaunt. Ich bewies ihm und fragte ihn einfach: was wir für
Fürsten seien? Vielleicht nur dem Geschlechte nach, fragte ich, doch in
Wirklichkeit, was wäre an uns Fürstliches? Besonders reich wären wir
nicht und Reichtum – ist doch die Hauptsache. Heutigentags ist der
größte Fürst – Rothschild. Zweitens hat man in der großen Welt von uns
schon längst nichts mehr gehört. Mein Großvater Ssemjon Walkowskij, der
Letzte aus der Familie, der in Moskau bekannt war, ja – der hatte seine
ganzen dreihundert Seelen vergeudet, und wenn mein Vater sich nicht Geld
erworben hätte, so würden seine Enkel vielleicht jetzt selbst das Land
pflügen müssen, wie es Fürsten oft tun. Wir hätten also nichts, auf das
wir stolz sein könnten. Mit einem Wort, ich habe alles ausgesprochen,
was in mir gärte – alles, ganz aufrichtig, ich habe sogar noch manches
hinzugefügt. Er antwortete mir garnicht, sondern warf mir nur vor, daß
ich das Haus des Grafen Nainskij nicht mehr besuchte, daß ich die
Bekanntschaft der Gräfin K., meiner Taufmutter, machen müsse und daß
ich, wenn diese Gräfin mich liebenswürdig aufnähme, überall empfangen
werden würde und Karriere machen könnte usw. usw.! Das waren alles
Anspielungen darauf, Natascha, daß du mich beeinflußt hättest, diese
Besuche zu unterlassen. Von dir selbst zu sprechen, hat er bis jetzt
unterlassen. Wir sind beide schlau; wir warten beide, wie der eine den
andern fangen wird, und sei überzeugt, auch auf unserer Straße wird es
Feiertag geben.“
„Schon gut, schon gut, Aljoscha, doch womit endet es denn, was hat er
beschlossen? Das ist doch die Hauptsache! – Was bist du doch für ein
Schwätzer, Aljoscha ...“
„Gott weiß es, aus ihm kann man nicht ... klug werden; ich bin durchaus
kein Schwätzer, ich rede ganz sachlich. Er hat einfach nicht so
beschlossen, sondern nur mitleidig zu allem gelächelt, was ich ihm
sagte. ‚Ich bin,‘ sagte er, ‚mit allem einverstanden, was du denkst,
doch fahren wir jetzt zum Grafen Nainskij, hüte dich aber dort, von
diesen Dingen zu reden. Ich verstehe dich zur Not noch, sie aber werden
dich nicht verstehen.‘ Es scheint, daß sie ihn dort selbst nicht gern
empfangen; daß sie gegen ihn verstimmt sind. Überhaupt scheint man
meinen Vater in der Gesellschaft nicht mehr gern zu sehen. Der Graf
empfing mich zuerst ganz von oben herab; er schien es völlig vergessen
zu haben, daß ich in seinem Hause erzogen worden bin. Er hält es für
‚Undankbarkeit‘, daß ich sein Haus nicht mehr besuche, doch kann dabei
von Undankbarkeit meinerseits keine Rede sein; in seinem Hause ist es
einfach langweilig und – das ist alles, ist der Grund, warum ich nicht
mehr hingegangen bin. Auch meinen Vater empfing er so herablassend, so
herablassend, daß ich einfach nicht verstehe, wie er noch zu ihm fahren
kann. Das hat mich sehr aufgeregt. Der arme Vater muß vor ihm den Rücken
beugen, und das alles meinetwegen – und ich, ich habe das alles garnicht
nötig. Ich hätte meinem Vater gern meine Meinung gesagt, aber ich ließ
es bleiben. Und wozu denn auch; seine Überzeugung kann ich ihm nicht
nehmen, ich verärgere ihn nur und er hat es ohnehin schon schwer. Nun,
denke ich mir, ich werde sie alle überlisten und werde den Grafen
zwingen, mich zu achten – und, was glaubst du! Ich habe sofort alles
erreicht und in einem Tage hat sich alles geändert! Graf Nainskij weiß
jetzt nicht mehr, wie er mit mir umgehen soll. Und alles das habe ich
ganz allein durch meine Schlauheit erreicht, so daß mein Vater vor
Erstaunen ...“
„Höre doch, Aljoscha, bleibe doch bei der Sache!“ unterbrach ihn
ungeduldig Natascha: „ich dachte, du hättest etwas zu erzählen, was uns
anbetrifft, doch du erzählst nur davon, wie du dich beim Grafen
ausgezeichnet hast. Was geht mich dein Graf an!“
„Was geht er dich an! Hören Sie, Iwan Petrowitsch, was geht er Sie an?
Aber das ist doch die Hauptsache! Das wirst du selbst gleich sehen, laß’
mich doch nur zu Ende erzählen ... Und schließlich, warum soll ich’s
nicht aufrichtig sagen, Sie, Iwan Petrowitsch, und Natascha haben oft
gefunden, daß ich nicht sehr vernünftig sei; nun, und oft bin ich
wirklich einfach dumm gewesen. Doch dieses Mal, ich versichere euch,
habe ich viel Schlauheit gezeigt, auch viel Klugheit; so daß Sie beide,
denke ich, selbst sehr froh sein werden, daß ich nicht immer – dumm
bin.“
„Ach, wie kannst du so sprechen, Aljoscha! Laß’ doch, mein Lieber!“
Natascha konnte es nicht ertragen, wenn man Aljoscha für dumm hielt. Wie
oft war sie nicht gekränkt gewesen, wenn ich ohne jegliche Zeremonie,
Aljoscha irgendeiner seiner Dummheiten überführte. Es war ein wunder
Punkt in ihrem Herzen. Sie konnte eine Erniedrigung Aljoschas nicht
ertragen, um so weniger, als sie sich seiner geistigen Beschränktheit
bewußt war. Doch wagte sie nie ihre Meinung über ihn auszusprechen, um
seine Eigenliebe nicht zu verletzen. Er aber schien in der Beziehung
besonders empfindlich zu sein und erriet jedesmal ihre geheimen Gefühle.
Natascha wiederum versuchte ihn durch Liebkosungen und Schmeichelworte
davon abzulenken. Deshalb berührten sie seine Worte auch dieses Mal
peinlich ...
„Laß doch, Aljoscha, du bist nur leichtsinnig, du bist durchaus nicht so
...“ fügte sie hinzu, „warum sich erniedrigen?“
„Nun, schon gut, schon gut, laß mich nur zu Ende erzählen. Nach diesem
Empfang beim Grafen war der Vater außer sich über mich. Warte, denke
ich! Wir fuhren gerade zur Gräfin; ich hatte bereits erfahren, daß sie
vor Alter den Verstand verloren habe, fast taub sei und über alles Hunde
liebte. Sie besitzt ein ganzes Rudel dieser Tiere und läßt nichts auf
sie kommen. Ungeachtet dessen hat sie einen so großen Einfluß in der
Welt, daß sogar Graf Nainskij, ^le superbe^, bei ihr antichambriert.
Schon unterwegs hatte ich meinen Plan entworfen, und was glaubt ihr
wohl, worauf ich mich stützte? Darauf, daß alle Hunde mich lieben.
Wahrhaftig, ich habe es oft bemerkt. Steckt in mir ein solcher
Magnetismus oder kommt es daher, daß ich selbst Tiere so gern habe, ich
weiß es nicht, doch die Hunde lieben mich, das ist so! Übrigens, was den
Magnetismus anbelangt, so habe ich dir noch nicht erzählt, Natascha, daß
wir vor ein paar Jahren Geister beschwört haben, ich war bei einem
Spiritisten; das ist sehr interessant, Iwan Petrowitsch; es hat mich
wirklich in Erstaunen gesetzt. Ich habe Julius Cäsar beschworen.“
„Ach, mein Gott! Was soll dir Julius Cäsar?“ rief Natascha, hell
auflachend. „Das fehlte auch noch!“
„Ja, warum denn nicht ... ganz als ob ich, ich weiß nicht, ver... Warum
soll ich nicht das Recht haben, Julius Cäsar zu beschwören? Was ist denn
dabei? Sehen Sie, jetzt lacht sie!“
„Natürlich ist nichts dabei ... ach, ach, mein Lieber! Nun, und was
sagte dir Julius Cäsar?“
„Nichts sagte er. Ich hielt nur den Bleistift und der Bleistift schrieb
von selbst auf das Papier. Alle sagten, das wäre Julius Cäsar. Ich
glaubte es aber nicht.“
„Und was schrieb er denn?“
„Er schrieb etwas über – aber nun höre auf zu lachen!“
„Ja, aber erzähle uns nun doch von der Gräfin!“
„Ihr unterbrecht mich ja immer. Wir kamen also zur Fürstin und ich
begann sofort, Mimi den Hof zu machen. Diese Mimi ist ein altes,
ekliges, widerwärtiges Hündchen und dazu noch knurrig und bissig. Die
Fürstin liebt es natürlich über alle Maßen. Ich füttere Mimi sofort mit
Konfekt und bringe das Tier in zehn Minuten so weit, daß es mir die
Pfote gibt, was man ihm das ganze Leben lang nicht hatte beibringen
können. Die Fürstin geriet ganz außer sich vor Entzücken, fast hätte sie
vor Freuden weinen können: ‚Mimi, Mimi, Mimi gibt die Pfote!‘ hieß es,
wenn jemand eintrat. Graf Nainskij erschien. ‚Mein Taufsohn hat es ihm
beigebracht!‘ rief man ihm entgegen. ‚Mimi reicht die Pfote.‘ Dabei
sieht sie mich fast mit Tränen der Rührung an. Die gute Alte; sie kann
mir fast leid tun. Ich ließ keine Gelegenheit vorübergehn, um ihr zu
schmeicheln: ihre Tabakdose zeigt ein Jugendbild von ihr als Braut vor
sechzig Jahren. Die Dose also fiel zu Boden, ich hob sie auf und sagte
so, als wäre es mir garnicht bewußt: ^Quelle charmante peinture!^ Welch
ideale Schönheit! Da taute sie schon ganz auf; sprach mit mir von dem
und jenem, wo ich erzogen sei, bei wem ich verkehre, wie schön mein Haar
wäre usw. usw. Ich brachte sie auch zum Lachen, erzählte ihr ein
skandalöses Geschichtchen. Sie liebt das, drohte mir mit dem Finger,
aber lachen tat sie doch. Sie entläßt mich, küßt und bekreuzt mich, und
verlangt, daß ich jeden Tag zu ihr komme, um sie zu zerstreuen. Der Graf
drückt mir die Hand, seine Augen schwammen ganz vor Rührung, und der
Vater, der doch der beste, ehrlichste und anständigste Mensch ist –
glauben Sie mir oder glauben Sie mir nicht – er weinte fast vor Freude,
als wir beide zusammen nach Hause fuhren; er umarmte mich, wurde zu mir
aufrichtig, teilte mir allerhand Geheimnisse über Karriere,
Verbindungen, Geld, Ehe mit, so daß ich vieles davon nicht einmal
verstehen konnte. Bei der Gelegenheit gab er mir denn auch das Geld. Das
war gestern. Morgen muß ich wieder zur Fürstin und Papa ist, wie gesagt,
der anständigste Mensch – glaubt nur nichts Schlechtes von ihm, wenn er
mich auch von Natascha trennen will, so sind es doch nur die Millionen
Katjäs, die ihn blind machen. Du besitzt doch keine ... und er will sie
nur für mich, und nur aus Blindheit und Unwissenheit ist er ungerecht zu
dir. Doch, welcher Vater wünscht seinem Sohne nicht Glück! So sind sie
alle! Man muß ihn nur von diesem Standpunkt aus beurteilen, und er
bekommt sofort recht. Ich bin gleich zu dir geeilt, Natascha, um dich
davon zu überzeugen, ich weiß, du bist ihm gegenüber voreingenommen und,
versteht sich, nicht schuld daran. Ich möchte dich auch garnicht
anklagen ...“
„Also das ist alles, was du erlebt, du hast bei der Fürstin Karriere
gemacht? Darin besteht deine ganze Schlauheit?“ fragte Natascha.
„Wieso! Das ist doch nur der Anfang ... ich habe nur darum von der
Fürstin erzählt, weil ich durch sie meinen Vater in die Hand bekomme,
doch mit der Hauptsache habe ich noch nicht einmal begonnen.“
„Nun, so erzähle doch!“
„Ich hatte heute ein sonderbares Erlebnis, worüber ich selbst noch ganz
erstaunt bin,“ fuhr Aljoscha fort. „Ich muß bemerken, daß die Verlobung
zwischen meinem Vater und der Gräfin wohl beschlossen, doch noch nicht
öffentlich bekannt gegeben worden ist, so daß sie ohne jeglichen Skandal
wieder gelöst werden kann; nur Graf Nainskij weiß davon, doch der zählt
ja nur als Verwandter und Gönner ... Obgleich ich in diesen Tagen Katjä
viel näher getreten bin, so hatten wir doch bis heute miteinander kein
Wort über Zukünftiges gesprochen, das heißt, weder von der Ehe, noch von
der Liebe. Außerdem ist noch beschlossen worden, die Einwilligung der
Fürstin K. abzuwarten, von deren Gunst man Goldberge erwartet. Was sie
dazu sagen wird, das wird auch die ganze Welt sagen; sie hat ja so große
Verbindungen ... Man möchte mich durchaus in die Gesellschaft einführen.
Daran besteht besonders die Gräfin, Katjäs Stiefmutter. Die Sache ist
nämlich die, daß die Fürstin sie vielleicht ihrer Abenteuer im Auslande
wegen nicht mehr empfangen wird, und wenn die Fürstin sie nicht mehr
empfängt, so tun es die andern auch nicht; es ist also meine Verlobung
mit Katjä eine bequeme Gelegenheit, um wieder anzuknüpfen. Darum freute
sich auch die Gräfin, die früher gegen die Verlobung war, so sehr über
meinen Erfolg bei der Fürstin, ... doch das ist ja Nebensache, die
Hauptsache ist: Katherina Fedorowna hatte ich vor einem Jahr kennen
gelernt; aber damals war ich noch ein Junge und konnte nichts begreifen,
und nichts besonderes in ihr finden ...“
„Einfach, weil du mich damals mehr liebtest, als jetzt,“ unterbrach ihn
Natascha, „deshalb konntest du nichts in ihr finden, aber jetzt ...“
„Kein Wort mehr, Natascha!“ rief feurig Aljoscha, „du irrst dich in
allem und beleidigst mich! ... Ich werde dir nichts darauf antworten;
höre weiter und du wirst sehen ... Ach, wenn du Katjä kennen würdest!
Wenn du wüßtest, was das für eine zärtliche, helle und reine Seele ist!
Doch, du wirst sie kennen lernen, höre mich nur an! Vor zwei Wochen, als
der Vater zurückkam und mich zu ihr führte, habe ich sie mir näher
angesehen. Ich bemerkte, daß auch sie mich beobachtete. Das erweckte in
mir die Neugierde schon deshalb, weil ich eine besondere Absicht dabei
verfolgte, sie näher kennen zu lernen, – eine Absicht, die ich seit dem
Brief meines Vaters, der mich so in Erstaunen setzte, verfolgte. Ich
werde nichts über sie sagen, ich werde sie nicht loben, ich will nur
bemerken: daß sie eine große Ausnahme in ihrem Kreise ist. Sie ist
nämlich eine so eigenartige Natur, eine so starke und aufrichtige Seele,
stark durch ihre Reinheit und Wahrhaftigkeit, daß ich einfach vor ihr,
wie ihr jüngerer Bruder erscheine, ungeachtet dessen, daß sie erst
siebzehn Jahre alt ist. Eines habe ich noch bemerkt: in ihr lebt ein
Leid, ein Geheimnis; sie ist sehr verschlossen; im Hause schweigt sie
immer, als fürchte sie etwas ... Immer ist sie in Gedanken versunken.
Meinen Vater scheint sie zu fürchten. Die Stiefmutter liebt sie nicht, –
das habe ich sofort bemerkt. Wenn die Gräfin behauptet, daß ihre
Stieftochter sie sehr liebe, so tut sie es nur, um gewisser Ziele
willen, doch ist es garnicht wahr. Katjä gehorcht ihr nur in allem, ganz
als hätte sie sich mit ihr darüber verständigt, als sei es eine
verabredete Sache zwischen ihnen. Vor vier Tagen beschloß ich, meine
Absicht auszuführen, und heute abend ist es mir gelungen. Meine Absicht
war: alles Katjä zu erzählen, ihr alles anzuvertrauen, sie auf unsere
Seite hinüberzuführen und dann mit einem Male der ganzen Sache ein Ende
zu machen ...“
„Wie! Was erzählen, was ihr anvertrauen,“ fragte beunruhigt Natascha.
„Alles, einfach alles,“ antwortete Aljoscha, „und Gott, der mir diesen
Gedanken eingegeben, sei Dank, doch höre, höre! Vor vier Tagen beschloß
ich, nicht eher zu dir zurückzukehren, bis ich die ganze Sache allein
durchgeführt hätte. Hätte ich auf dich gehört, so wäre ich unentschieden
geblieben, doch allein geblieben, hatte ich mich vor die Tatsache
gestellt, daß die Sache ein Ende nehmen müsse, und nur so konnte ich sie
durchführen! Ich verließ dich mit dem Entschluß, und ich habe ihn jetzt
ausgeführt!“
„Wie, wie das? Erzähle! schneller!“
„Sehr einfach! Ich sagte ihr alles, ehrlich und mutig ... Doch vorher
muß ich von einem Zufall erzählen, der mich sehr in Erstaunen setzte.
Bevor wir uns dahin begaben, erhielt der Vater einen Brief. In dem
Augenblick trat ich zu ihm ins Kabinett und blieb an der Türe stehen. Er
bemerkte mich nicht. Er war durch den Brief dermaßen erregt, daß er laut
mit sich selbst sprach, erregt im Zimmer auf und ab ging, und mit dem
Brief in der Hand plötzlich laut auflachte. Ich fürchtete mich sogar,
einzutreten ... Der Vater war über irgend etwas dermaßen erfreut, so
erfreut, daß er mich ganz sonderbar anredete, dann plötzlich abbrach und
sofort mit mir fortging, obgleich es noch viel zu früh war. Bei ihnen
war heute niemand zu Gast, und es war rein ein Irrtum von dir, Natascha,
wenn du gedacht hast, es wäre ein Gesellschaftsabend gewesen. Man hat
dich falsch unterrichtet.“
„Ach, Aljoscha, schweife doch nicht wieder ab; sag’ doch, was du alles
Katjä erzählt hast?“
„Es war ein Glück, daß wir beide zwei ganze Stunden allein blieben. Ich
erklärte ihr einfach, daß man uns beide verloben möchte, doch daß diese
Ehe unmöglich sei, daß ich in meinem Herzen für sie eine große Sympathie
empfinde und daß sie allein mich retten könne. Darauf erzählte ich ihr
alles. Stelle dir nur vor, Natascha! sie wußte nichts von unserer
Geschichte. Wenn du nur gesehen hättest, wie erschüttert sie davon war.
Sie erbleichte sogar. Ich erzählte ihr also unsere ganze Geschichte: wie
du dein Elternhaus verlassen, wie wir allein gelebt haben, wie wir uns
jetzt quälen und uns ängstigen und um ihre Hilfe bitten (ich sprach auch
in deinem Namen, Natascha), und hofften, daß sie auf unsere Seite träte
und einfach ihrer Stiefmutter erkläre, daß sie mich nicht heiraten
wolle; daß es unsere einzige Rettung wäre und wir einen anderen Ausweg
nicht finden könnten. Sie hörte mir mit großer Aufmerksamkeit und
Teilnahme zu. Was sie in diesem Augenblick für herrliche Augen hatte!
Ihre ganze Seele lag in ihren Augen. Sie hat tiefblaue Augen. Sie dankte
mir, daß ich zu ihr Vertrauen gehabt, und versprach, uns mit allen
Kräften zu helfen. Dann fragte sie nach dir, sagte, daß sie dich kennen
lernen wollte, bat mich, dir zu sagen, daß sie dich wie eine Schwester
lieb habe, und daß auch du sie lieben möchtest; und als sie erfuhr, daß
ich dich bereits den fünften Tag nicht mehr gesehen, schickte sie mich
selbst sofort zu dir ...“
Natascha war gerührt.
„Und du konntest uns von deinen Heldentaten bei der tauben, alten
Fürstin erzählen, ohne uns zuerst dieses mitzuteilen. Ach, Aljoscha,
Aljoscha!“ rief Natascha aus, in vorwurfsvollem Tone. „Und wie war denn
Katjä? War sie fröhlich, als sie dich entließ?“
„Ja, sie war sehr froh, uns helfen zu können, doch brach sie bald darauf
in Tränen aus. Denn sie hat mich auch lieb gewonnen, Natascha! Sie
gestand mir, daß sie mich zu lieben angefangen, und daß ich ihr schon
längst gefallen hätte, besonders deshalb, weil sie von Lüge und
Schlauheit umgeben sei, und sie nur mich allein für einen aufrichtigen
und ehrlichen Menschen hält. Sie stand auf und sagte: ‚Nun, Gott sei mit
Ihnen, Alexei Petrowitsch, ich dachte nur ...‘ Sie vollendete nicht,
brach in Tränen aus und verließ das Zimmer. Wir haben beschlossen, daß
sie morgen ihrer Stiefmutter erklären soll, sie wolle mich nicht
heiraten, und ich solle alles meinem Vater sagen, mutig und fest. Sie
machte mir nur Vorwürfe, warum ich es ihr nicht schon früher gesagt
hätte, denn ‚ein ehrlicher Mensch dürfe nichts fürchten!‘ Sie ist so
edel. Meinen Vater liebt sie auch nicht; sie sagt, er sei schlau und
wolle nur Geld. Ich verteidigte ihn, sie glaubte mir nicht. Wenn ich
morgen beim Vater nichts erreichen sollte (sie glaubt nämlich, ich würde
nichts erreichen), so ist sie dafür, daß ich zur Fürstin K. gehe. Dann
wird es niemand wagen, gegen uns vorzugehen. Wir gaben uns gegenseitig
das Wort, wie Bruder und Schwester zu sein. Wenn du ihre
Lebensgeschichte kennen würdest, wie auch sie unglücklich ist, wie
widerwärtig sie ihr Leben bei der Stiefmutter und diese ganze Umgebung
empfindet! Sie sagte es mir, nicht so geradezu, als fürchtete sie, es
auszusprechen, aber aus ihren Worten habe ich es doch erraten. Natascha,
mein Liebling! Wie würde sie sich freuen, dich zu sehen! Und was für ein
gutes Herz sie hat! Es ist so schön, bei ihr zu sein. Ihr seid beide wie
geschaffen füreinander, ihr müßt euch gegenseitig wie Schwestern lieb
haben! Ich habe die ganze Zeit daran gedacht. Ich müßte euch beide
zusammenführen. Mit Entzücken würde ich euch betrachten! Laß mich bitte
noch von ihr sprechen, Natascha, glaube nicht etwas Schlechtes. Mit ihr
zusammen möchte ich über dich sprechen und mit dir über sie. Du weißt
doch, daß ich dich über alles liebe, noch mehr als sie ...“
Natascha schwieg und sah ihn zärtlich und zugleich traurig an. Seine
Worte umschmeichelten sie und quälten sie zugleich.
„Und schon lange, schon vor zwei Wochen habe ich Katjä kennen und
schätzen gelernt. Ich bin doch jeden Abend bei ihr gewesen. Wenn ich
dann nach Hause zurückkehrte, dachte ich immer, immer an euch beide und
verglich euch miteinander.“
„Wer von uns schien dir denn besser?“ fragte lächelnd Natascha.
„Einmal du, einmal – sie. Doch meist schienst du besser. Nur wenn ich
mit ihr spreche, fühle ich, daß ich selbst besser, klüger und edler bin.
Doch morgen, morgen wird sich alles entscheiden!“
„Tut sie dir nicht leid? Sie liebt dich doch, sagtest du selbst.“
„Gewiß, Natascha! Doch wir werden uns alle drei lieb haben, und dann
...“
„Und dann, leb wohl!“ sagte leise vor sich hin Natascha.
Aljoscha sah sie unwillig an.
Unsere Unterhaltung wurde plötzlich in unerwarteter Weise unterbrochen.
In die Küche, die zu gleicher Zeit das Vorzimmer war, hörte man jemanden
eintreten. Gleich darauf öffnete Mawra die Tür und winkte Aljoscha,
hinzukommen. Wir alle wandten uns nach ihr um.
„Man fragt nach Ihnen!“ sagte sie mit geheimnisvoller Stimme.
„Wer kann das sein, zu dieser Stunde?“ Aljoscha blickte uns ganz
verwundert an. „Ich werde sehen!“
Aus der Küche entfernte sich in demselben Augenblick der Lakai des
Fürsten, seines Vaters. Die Sache verhielt sich so, daß der Fürst auf
der Rückreise nach Hause bei Nataschas Wohnung vorgefahren war, um zu
erfahren, ob Aljoscha bei ihr sei. Als es dem Lakai bestätigt wurde,
entfernte er sich sofort wieder.
„Sonderbar! Das ist doch noch niemals geschehen,“ sagte verwirrt
Aljoscha. „Was soll das bedeuten?“
Natascha sah ihn beunruhigt an. Plötzlich öffnete Mawra wieder die Tür.
„Der Fürst kommt selbst,“ flüsterte sie uns eilig zu und verschwand.
Natascha erbleichte und erhob sich von ihrem Platz. Plötzlich flammten
ihre Augen auf. Sie stützte sich leicht auf den Tisch und blickte
erwartungsvoll zur Tür, durch die der ungebetene Gast eintreten mußte.
„Natascha, fürchte dich nicht, ich bin bei dir! Ich erlaube niemanden,
dich zu beleidigen,“ flüsterte ihr Aljoscha, der seine Fassung nicht
verloren hatte, erregt zu.
Die Tür ging auf und auf der Schwelle erschien Fürst Walkowskij in
eigener Person.