Ich kam sehr spät zu Natascha; es war bereits zehn Uhr. Sie lebte damals
an der Fontanka, bei der Ssemjonoffschen Brücke, in dem schmutzigen
„Mietshause“ des Kaufmanns Kolotuschkin, im vierten Stock. In der ersten
Zeit nach ihrer Entfernung aus dem Elternhause lebte sie und Aljoscha in
einer reizenden, wenn auch nicht großen Wohnung im dritten Stock auf der
Liteinaja. Doch bald waren die Mittel des jungen Fürsten erschöpft.
Musiklehrer war er nicht geworden, hatte dagegen Geld aufgenommen und
bedeutende Schulden gemacht. Das Geld gab er zur Verschönerung der
Wohnung und für Geschenke an Natascha aus, die sich gegen diese
Verschwendung auflehnte, ihm deshalb Vorwürfe machte und oft darüber in
Tränen ausbrach. Der gefühlvolle und herzensgute Aljoscha konnte oft
wochenlang darüber nachsinnen und sich ausdenken, was er ihr schenken
solle, und wie sie sein Geschenk annehmen würde. Für ihn, dem dieses
Ereignis einen Feiertag bedeutete, und der mir oft im voraus alle seine
Erwartungen und Träume mitteilte, gab es dann jedesmal eine
Enttäuschung, wenn er statt dessen ihre Tränen sah, ihre Vorwürfe hörte.
Späterhin kam es der Geschenke wegen zu sehr unangenehmen Szenen.
Außerdem vergeudete Aljoscha hinter dem Rücken Nataschas noch viel Geld.
Er ging mit seinen Freunden durch; besuchte verschiedene Josephinen und
Minnas, doch nichtsdestoweniger liebte er Natascha grenzenlos. Er liebte
sie dann fast aus Selbstqual. Oft kam er zu mir, traurig und verstimmt,
und klagte, daß er Natascha nicht wert sei, daß er schlecht und böse und
nicht fähig sei, sie zu verstehen. Er hatte zum Teil recht, zwischen
ihnen war ein großer Abstand; er fühlte sich vor ihr wie ein Kind und
sie behandelte ihn auch danach. Mit Tränen in den Augen bereute er die
Bekanntschaft mit Josephine und zu gleicher Zeit flehte er mich an,
Natascha nichts davon zu sagen; und wenn er dann demütig und zitternd
vor Angst sich nach diesem aufrichtigen Geständnis mit mir zu Natascha
begab, (er versicherte, er könne nach diesem Verbrechen nur mit mir
zusammen zu ihr gehen, sowie, daß ich allein ihm Mut einzuflößen
vermöge), so wußte Natascha schon auf den ersten Blick, um was es sich
handelte. Sie war sehr eifersüchtig, und ich verstehe nicht, wie es ihr
möglich war, ihm alle seine leichtsinnigen Ausschreitungen immer wieder
zu vergeben. Gewöhnlich war es so: Aljoscha tritt mit mir zusammen ein,
schuldbewußt und demütig spricht er mit ihr und sieht ihr mit großer
Zärtlichkeit in die Augen. Sie errät sofort, daß er sich schuldig fühlt,
doch zeigt sie es ihm nicht, spricht nie davon, fragt ihn nie aus,
sondern im Gegenteil: sie verdoppelt ihre Zärtlichkeit, ist lustig und
heiter. Es war das nicht etwa eine ersonnene Schlauheit ihrerseits.
Nein; für dieses reizende Geschöpf war es eine unendliche Genugtuung, zu
verzeihen und zu lieben. Es war, als ob in der Vergebung für sie ein
besonderer verfeinerter Reiz lag. Freilich handelte es sich damals nur
um Josephinen. Aljoscha wiederum, der sie so zärtlich und liebend sah,
konnte mit seinem Geständnis nicht länger zurückhalten und erzählte ihr
alles, um sich das Herz zu erleichtern: damit wieder alles „beim alten“
wäre. Hatte er dann ihre Verzeihung erhalten, so geriet er in
Begeisterung, weinte oft vor Freude und Entzücken, küßte und umarmte
sie. Darauf fand er seinen Mut wieder und erzählte mit kindlicher
Offenherzigkeit alle Einzelheiten seines Vergehens mit Josephine,
lachte, freute sich und lobte Natascha, und der Tag wurde fröhlich und
glücklich beschlossen. Als bei ihm das Geld ausging, fing er an, seine
Sachen zu verkaufen. Auf Nataschas Verlangen wurde eine billige Wohnung
an der Fontanka gemietet. Die Sachen waren bald alle verkauft und
Natascha begann ihre Kleider zu versetzen und Arbeit zu suchen. Als
Aljoscha davon hörte, geriet er in grenzenlose Verzweiflung, verfluchte
sich und behauptete, daß er sich selbst verachte, trotzdem blieb aber
alles beim alten. In der letzten Zeit waren alle Einkünfte endgültig
erschöpft, es blieb ihnen nichts übrig, als Arbeit, und für die Arbeit
elender Lohn.
In der ersten Zeit seines Zusammenlebens mit Natascha hatte sich
Aljoscha mit seinem Vater ganz überworfen. Die damaligen Absichten des
Fürsten, seinen Sohn mit Katherina Fedorowna Filimonnowa, der
Stieftochter der Gräfin, zu verheiraten, waren nur erst ein Projekt.
Nichtsdestoweniger hielt er fest an dem Plan, brachte Aljoscha zu seiner
zukünftigen Braut, befahl ihm, alles zu tun, um ihr zu gefallen, und
zwang ihn durch Strenge, ihm zu Willen zu sein. Doch zerschlug sich die
Sache damals der Gräfin wegen. In der ersten Zeit nahm der Vater die
Verbindung seines Sohnes mit Natascha ruhig hin, in der Hoffnung – da er
die Unverantwortlichkeit und den Leichtsinn seines Sohnes kannte –
Aljoscha würde dieser Liebe bald überdrüssig werden. Daß Aljoscha sich
etwa mit Natascha hätte vermählen können, das wäre ihm auch nicht in den
Sinn gekommen – darüber machte er sich keine Sorgen. Was nun die
Liebenden selbst betrifft, so hatten sie die Vermählung bis zur
formellen Aussöhnung Aljoschas mit dem Vater aufgeschoben. Sie hofften
überhaupt auf eine Veränderung der Verhältnisse. Natascha wollte
offenbar nicht mehr davon sprechen. Aljoscha dagegen deutete mir an, daß
die ganze Geschichte seinem Vater in mancher Beziehung sogar sehr
angenehm wäre; ihm gefiele vor allem die Erniedrigung, die die
Ichmenjeffs dadurch erfuhren. Der Form halber fuhr er jedoch fort, seine
Unzufriedenheit seinem Sohne gegenüber aufrecht zu erhalten: er
verkleinerte dessen monatliches Taschengeld (in der Beziehung war er
übrigens immer ungemein geizig gewesen) und drohte, ihm auch noch dieses
zu entziehen. Doch bald darauf fuhr er nach Polen zu der Gräfin, die
dort geschäftliche Angelegenheiten zu ordnen hatte, und verfolgte
unablässig sein Heiratsprojekt. Freilich war Aljoscha noch viel zu jung
zur Ehe, doch die Braut war reich und diese Gelegenheit sollte nicht
ungenützt vorübergehen. Der Fürst erreichte endlich sein Ziel. Zu uns
drangen allerlei Gerüchte, daß die Sache für den Fürsten eine günstige
Wendung genommen hätte. Zu dieser Zeit war er dann wieder nach
Petersburg zurückgekehrt. Seinem Sohn begegnete er freundlich, doch die
Hartnäckigkeit seiner Beziehungen zu Natascha berührte ihn jetzt sehr
unangenehm. Er wurde nun doch ängstlich. Schroff und nachdrücklich
verlangte er die Trennung von Natascha, doch bald besann er sich eines
besseren, – er führte Aljoscha zur Gräfin. Die Stieftochter der Gräfin
galt für eine Schönheit. Sie war fast noch ein Kind, von seltener
Herzensgüte, hatte eine reine unschuldige Seele und war heiter, klug und
zärtlich. Der Fürst rechnete darauf, daß Natascha nach einem halben Jahr
für seinen Sohn nicht mehr den Reiz der Neuheit haben und er daher
allmählich mit anderen Augen seine zukünftige Braut ansehen würde, als
vorher. Zum Teil hatte er recht ... sie schien in der Tat auf Aljoscha
einen großen Eindruck gemacht zu haben. Hinzu kam, daß der Vater sich
jetzt ungemein gütig zu seinem Sohne zeigte (trotzdem gab er ihm kein
Geld). Aljoscha fühlte, was sich unter dieser Zärtlichkeit vorbereitete
und war sehr niedergeschlagen, übrigens, nicht so niedergeschlagen, wie
wenn er einen Tag über Katherina Fedorowna nicht gesehen hatte. Ich
wußte es, daß er schon den fünften Tag nicht mehr bei Natascha
erschienen war. Als ich jetzt von den alten Ichmenjeffs zu ihr ging,
riet ich unterwegs hin und her, was sie mir wohl mitzuteilen haben
würde? Schon von weitem sah ich das Licht auf ihrem Fenster. Es war
nämlich unter uns abgemacht worden, daß sie ein Licht an das Fenster
stellen sollte, sobald sie mich zu sehen wünschte. Wenn ich an ihrem
Hause vorüberging (was jeden Abend geschah), so konnte ich an dem Licht
erkennen, daß sie mich erwartete, und ich ihr unbedingt nötig war. In
der letzten Zeit hatte sie das Licht oft an das Fenster gestellt ...