XIII.

Der Alte trat ein. Er blickte uns neugierig und fast etwas verschämt an,

dann verfinsterte sich sein Gesicht und er trat an den Tisch.

„Nun,“ fragte er, „hat man noch immer nicht den Samowar gebracht?“

„Man bringt ihn sofort, Väterchen, sofort; nun, da ist er schon,“

beeilte sich Anna Andrejewna zu bemerken.

Matrjona erschien sofort mit dem Samowar, als sie den Herrn erblickte,

ganz als hätte sie nur auf ihn gewartet. Diese Matrjona war eine alte,

erprobte und ergebene Dienerin, aber die eigenwilligste und brummigste

von allen Mägden der Welt, mit eigensinnigem, rechthaberischem

Charakter. Nikolai Ssergejewitsch jedoch fürchtete sie und vor ihm hielt

sie den Mund. Dafür entschädigte sie sich aber um so mehr an Anna

Andrejewna, war gegen sie grob und zeigte ihr auf Schritt und Tritt den

Wunsch, über sie, ihre Herrin, zu herrschen, obwohl sie zu gleicher Zeit

ihr und Natascha von Herzen ergeben war. Ich hatte Matrjona schon in

Ichmenjeffka gekannt.

„Hm ... es ist nicht angenehm, so durchnäßt zu sein, und hier will man

einem nicht einmal den Tee bereiten,“ brummte der Alte halblaut vor sich

hin.

Anna Andrejewna warf mir einen verständnisvollen Blick zu, heimlich auf

ihren Mann weisend. Er aber konnte die geheimen Einverständnisse nicht

leiden, und wenn er sich in diesem Augenblicke auch die Mühe gab, sie

nicht zu bemerken, so konnte man es ihm doch ansehen, daß er alles wußte

und verstanden hatte.

„Ich war in Geschäften ausgegangen, Wanjä,“ begann er plötzlich. „Alles

in den Dreck gefahren. Sagte ich dir nicht? Mich werden sie verurteilen.

Beweise habe ich nicht; die nötigen Papiere fehlen mir; die Angaben

sollen sich als unrichtig erweisen ... Hm! ...“

Er sprach von seinem Prozeß mit dem Fürsten; dieser Prozeß zog sich noch

immer hin, nahm aber für Nikolai Ssergejewitsch die denkbar schlechteste

Wendung. Ich schwieg, ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte. Er

blickte mich argwöhnisch an.

„Und was tut’s!“ griff er plötzlich auf, als reizte ihn unser Schweigen,

„je schneller, desto besser. Zum Schurken können sie mich nicht machen,

wenn sie mich auch verurteilen, zu bezahlen. Ich habe mein reines

Gewissen, mögen sie beschließen, was sie wollen. Wenigstens wird die

Sache einmal ihr Ende nehmen; sie befreien mich, indem sie mich zugrunde

richten ... Ich werde alles hinwerfen und gehe nach Sibirien.“

„Um Gottes willen, wohin gehen! Weshalb so weit!“ konnte Anna Andrejewna

sich nicht enthalten, auszurufen.

„Und hier, wem sind wir hier denn nah und irgend etwas wert?“ fragte er

sie brutal und als freute er sich dieser Erwiderung.

„Immerhin doch ... in der Nähe von Menschen ...“ erwiderte Anna

Andrejewna, mich traurig ansehend.

„Von Menschen!“ fuhr er auf, seinen flammenden Blick von mir auf sie

heftend und wieder zurücklenkend, „von welchen Menschen? Von Räubern,

Verleumdern und Verrätern? Die gibt es überall; beunruhige dich nicht,

auch in Sibirien findet man sie. Wenn du nicht mit mir fahren willst, so

bleibe, bitte, hier; ich werde dich nicht zwingen, mitzukommen.“

„Väterchen, Nikolai Ssergejewitsch! Was soll ich denn ohne dich!“ rief

die arme Anna Andrejewna. „Ich habe doch, außer dir, in der ganzen Welt,

niem...“

Sie stockte, schwieg und sah mich erschrocken und flehend an, als bäte

sie mich um Beistand und Hilfe. Der Alte war gereizt; nörgelte an jedem

Wort; ihm widersprechen durfte man jetzt nicht.

„Beruhigen Sie sich, Anna Andrejewna,“ sagte ich, „in Sibirien ist es

durchaus nicht so schlimm, wie es scheint. Wenn das Unglück geschehen

sollte, daß Sie Ichmenjeffka verkaufen müssen, so ist die Absicht

Nikolai Ssergejewitschs sogar sehr gut. In Sibirien kann man einen guten

Privatverdienst finden, – und dann ...“

„Nun, es freut mich, daß du etwas von der Sache verstehst, Iwan. Ich

habe so beschlossen; ich verwerfe die ganze Sache und fahre.“

„Nein, das hatte ich doch nicht erwartet!“ rief Anna Andrejewna und

schlug die Hände zusammen. „Also auch du, Wanjä! Von dir, Iwan

Petrowitsch, hätte ich das denn doch nicht erwartet ... Ich dächte, du

hättest doch von uns nichts anderes als Liebe erfahren, und jetzt ...“

„Ha, ha, ha! Was hattest du denn erwartet? Wovon werden wir denn leben,

was denkst du wohl! Das Geld ist verlebt, bald stehen wir vor dem

Nichts! Befiehlst du vielleicht, daß ich zum Fürsten Pjotr

Alexandrowitsch gehe und ihn um Verzeihung bitte?“

Als die Alte den Namen des Fürsten hörte, fing sie vor Schreck an zu

zittern. Der Löffel in ihrer Hand schlug hell und vernehmbar an die

Untertasse.

„Nein, wirklich, Wanjä, was meinst du,“ fuhr der Alte weiter fort, mit

boshafter, hartnäckiger Schadenfreude. „Warum nach Sibirien fahren?

Besser ist’s, ich ziehe mich morgen an, kämme mich, putze mich, Anna

Andrejewna wird mir ein neues Vorhemd zurechtlegen, werde mir neue

Handschuhe kaufen, und zu Sr. Durchlaucht fahren: Väterchen, Euer

Durchlaucht, Gönner und Wohltäter! Üben Sie Gnade an mir, geben Sie mir

mein Stück Brot wieder, ... meine Frau ... meine kleinen Kinder! ...

Soll ich’s so machen, Anna Andrejewna? Wünschst du es so?“

„Väterchen ... ich will nichts, garnichts will ich! Habe nur so aus

Dummheit gesagt; verzeih, wenn ich dich geärgert habe, nur höre auf.“

Sie zitterte immer mehr vor Angst und Erregung.

Ich bin überzeugt, daß in dem Augenblicke, als er die Angst und die

Tränen seiner armen Frau sah, der Schmerz seine Seele durchbohrte; ich

bin überzeugt, daß er noch mehr litt; doch konnte er jetzt nicht mehr an

sich halten. So geschieht es meistens bei herzensguten, aber weichen

Menschen, die ungeachtet ihrer Güte sich von ihrem eigenen Zorn und

Schmerz so weit hinreißen lassen, daß es ihnen zum Genuß wird, sich

selbst zu quälen und dabei einen anderen nahestehenden und ganz

unschuldigen Menschen in Mitleidenschaft zu ziehen. Frauen, zum

Beispiel, haben oft ein Bedürfnis, sich unglücklich und beleidigt zu

fühlen, obgleich weder eine Beleidigung noch ein Unglück vorliegt. Auch

gibt es Männer, die in dem Falle oft den Frauen gleichen und sogar

starke Männer, die sonst nichts Weibisches an sich haben. Der Alte

suchte den Streit, obgleich er selbst darunter litt.

Ich erinnere mich, es kam mir damals der Gedanke, ob er sich nicht in

der Tat zu irgend einem Schritt entschlossen hatte, wie Anna Andrejewna

es befürchtete. Es war doch möglich, daß er sich wirklich zu Natascha

aufgemacht hatte, aber auf dem Wege zu ihr seine Absicht aufgegeben –

was doch gewiß eintreten mußte – und jetzt nach Hause zurückgekehrt war,

sich gekränkt und beleidigt fühlte – und sich seiner eigenen Wünsche und

Gefühle schämte. Er mußte jetzt diesen Ärger an jemandem auslassen, und

zwar an demjenigen, den er am meisten verdächtigte, dieselben Wünsche

und Gefühle zu haben, wie er sie selbst hatte.

Ihr niedergeschmetterter und bebender Anblick rührte ihn anfangs. Er

schien sich seines Zornes zu schämen und hielt einen Augenblick an sich.

Wir schwiegen alle; ich bemühte mich, ihn nicht anzusehen. Dieser

glückliche Moment hielt jedoch nicht lange an. Was daraus auch werden

möge, er mußte sich davon befreien, sollte es auch mit einem Wutausbruch

oder mit einem Fluch endigen!

„Siehst du, Wanjä,“ sagte er plötzlich, „mir tut es leid, ich wollte

lieber nichts davon reden, doch ist jetzt die Zeit gekommen, daß ich

mich offen und ohne Winkelzüge ausspreche, wie es sich so für einen

aufrichtigen Menschen gehört ... Du verstehst mich doch, Wanjä? Ich bin

froh, daß du gekommen bist, und deshalb möchte ich vor dir erklären,

damit es auch _andere_ hören, daß ich von all diesen Tränen, Seufzern,

dem Unglück und Unsinn genug habe. Das, was ich einmal, vielleicht mit

großem Schmerz, aus meinem Herzen gerissen habe, kann ich nie und nimmer

wieder in mein Herz einpflanzen. Ja! Ich habe es gesagt und so bleibt

es. Ich spreche von dem, was vor einem halben Jahr geschah, du verstehst

mich, Wanjä! und ich spreche jetzt davon ganz aufrichtig und gradaus,

damit du dich nie in meinen Absichten irren mögest,“ fügte er hinzu, mit

flammenden Augen mich ansehend, um dem erschreckten Blick seiner Frau

auszuweichen. „Ich wiederhole es: ich wünsche es nicht! ... Mich kränkt

es, daß man mich für einen Dummkopf, für den allerniedrigsten Schurken

hält, daß _alle_ solcher niedrigen und schwachen Gefühle mich für fähig

halten ... sie denken, daß ich vor Kummer meinen Verstand verliere ...

Alles Unsinn! Ich habe die alten Gefühle vergessen, aus meinem Herzen

gerissen! Für mich gibt es keine Erinnerungen ... so! so! ja so ist es!

...“

Er stand auf und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß alle Tassen

klirrten.

„Nikolai Ssergejewitsch! Ist es wirklich möglich, daß Ihnen Anna

Andrejewna nicht leid tut! Sehen Sie sie doch an, was Sie tun!“ sagte

ich, nicht mehr imstande, meinen Unwillen niederzukämpfen. Doch ich goß

nur Öl ins Feuer.

„Nicht leid!“ schrie er, erzitternd und erbleichend, „nicht leid, wenn

man auch mich nicht schont! Nicht leid, weil in meinem Hause

Verschwörungen gegen mein beschimpftes Haupt, wegen einer verkommenen

und aller Strafen und des Fluches würdigen Tochter angezettelt werden!

...“

„Väterchen! Nikolai Ssergejewitsch, verfluche sie nicht! ... Alles was

du willst, doch verfluchen darfst du deine Tochter nicht!“ schrie Anna

Andrejewna außer sich.

„Ich verfluchte sie!“ schrie der Alte zweimal so laut als früher, „denn

von mir, dem Beleidigten und Beschimpften verlangt man, daß ich zu

dieser Verfluchten gehe und sie um Verzeihung bitte! Ja, ja, so ist es!

Damit quält man mich in meinem Hause jeden Tag, Tag und Nacht, mit

Tränen, Seufzern und dummen Bemerkungen! Man will mich weich machen ...

Sieh her, sieh her, Wanjä,“ fügte er hinzu, mit zitternden Händen aus

seiner Brusttasche Papiere herausziehend, „sieh diese Papiere an, aus

meinem Prozeß! Nach diesen Papieren bin ich ein Dieb und Betrüger, und

habe meinen Brotherrn bestohlen! ... Ihretwegen bin ich zum Schurken,

zum Betrüger, gemacht worden! Sieh, sieh sie dir an, sieh! ...“

Und er begann die verschiedensten Schriftstücke aus der Tasche zu ziehen

und sie eines nach dem anderen auf den Tisch zu werfen, ungeduldig

dasjenige suchend, das er mir zeigen wollte; doch, wie zum Trotz, fand

er gerade dieses nicht. Ungeduldig geworden, riß er alles aus der

Tasche, was sich in ihr befand und plötzlich – fiel etwas hell

aufklingend auf den Tisch ... Anna Andrejewna schrie laut auf ... es war

das verlorene Medaillon!

Ich traute meinen Augen kaum. Das Blut stieg dem Alten zu Kopf und ergoß

sich über sein ganzes Gesicht. Er fuhr zusammen. Anna Andrejewna stand

da, die Hände übereinandergelegt und sah ihn flehend an. Auf ihrem

Gesicht erstrahlte eine helle, freudige Hoffnung. Die Röte, die Erregung

des Alten ... sie konnte sich jetzt nicht mehr irren, sie verstand jetzt

alles ... das Medaillon!

Sie begriff, daß er es gefunden haben mußte und, vor Freude über den

Fund und aus Begeisterung darüber, es eifersüchtig vor den Augen anderer

verborgen hatte; daß er sich dann irgendwo allein, versteckt von allen

anderen, an dem Gesichtchen seines lieben Kindes nicht habe sattsehen

können; daß vielleicht auch er wie sie, die arme Mutter, sich allein in

seinem Zimmer eingeschlossen mit seiner Natascha Zwiesprach gehalten,

vielleicht auch er des Nachts die Brust von Sehnsucht und Schluchzen

erstickt, dieses Bild geküßt und statt des Fluches Segen und Vergebung

vom Himmel erfleht hatte auf sie, die er jetzt nicht sehen wollte und

vor allen verfluchte.

„Väterchen, so liebst auch du sie noch!“ rief Anna Andrejewna, die jetzt

ihre Gefühle nicht mehr zurückhalten konnte und ganz vergessen zu haben

schien, daß er ihre Natascha noch vor einem Augenblick verflucht hatte.

Doch kaum hatte er ihren Schrei gehört, so packte ihn eine wahnsinnige

Wut und mit flammenden Augen nahm er das Medaillon, warf es mit aller

Gewalt auf den Fußboden und wollte es wie ein Rasender mit den Füßen

zerstampfen.

„Auf ewig, auf ewig sei von mir verflucht!“ heischte er heiser vor Wut.

„Auf ewig, auf ewig!“

„Mein Gott!“ rief die Alte, „sie, sie! Meine Natascha! Ihr Gesichtchen

... mit den Füßen zertreten! Mit den Füßen! Du Tyrann! Du herzloser

Mensch!“

Als er das Jammern seiner Frau vernahm, hielt der Alte inne, ganz

erschrocken über das, was geschehen. Plötzlich hob er das Medaillon auf

und wollte aus dem Zimmer stürzen, doch kaum hatte er einen Schritt

getan, als er auf die Knie fiel und, sein Gesicht mit beiden Händen

bedeckend, legte er seinen Kopf auf den vor ihm stehenden Diwan.

Er schluchzte wie ein Kind, wie ein Weib. Verhaltenes Schluchzen wühlte

in seiner Brust, als wollte es sie zersprengen! Der drohende Alte wurde

in einem Augenblicke zum schwachen Kinde. Oh, jetzt hätte er niemand

mehr fluchen können, jetzt schämte er sich nicht seiner Liebesausbrüche

und bedeckte vor uns das kleine Bild, das er vor einem Augenblick mit

Füßen getreten, mit zahllosen Küssen. Es war, als ob alle Zärtlichkeit,

alle Liebe zu seiner Tochter, die er solange zurückgehalten, sich jetzt

mit unwiderstehlicher Gewalt hinausdrängte, und die Riesenkraft des

Ausbruches sein ganzes Sein zerschmetterte.

„Vergib ihr, vergib!“ rief schluchzend Anna Andrejewna, die sich über

ihn gebeugt hatte, ihn umarmend. „Rufe sie zurück in ihr Elternhaus und

Gott selbst wird dir einst am Tage des furchtbaren Gerichts deine Demut

und Güte anrechnen.“

„Nein, nein! Nie, niemals!“ rief er mit heiserer, erstickter Stimme.

„Niemals! Niemals!“

Sämtliche Werke 19 · 第 21 / 59 题