XV.

Ich traf Natascha allein. Sie schritt mit gekreuzten Armen, in tiefe

Gedanken versunken, im Zimmer auf und ab. Der erloschene Samowar stand

auf dem Tisch und schien lange auf mich gewartet zu haben. Schweigend

und mit einem verlorenen Lächeln reichte sie mir die Hand. Ihr Gesicht

war bleich mit leidendem Ausdruck. In ihrem Lächeln lag etwas so

Zärtliches, Duldendes. Ihre klaren blauen Augen schienen größer als

früher, das Haar dichter, weil sie so abgehärmt und krank aussah.

„Und ich dachte schon, du kämest nicht mehr,“ sagte sie, mir die Hand

reichend, „wollte schon Mawra zu dir schicken; fürchtete, du wärest

schon wieder erkrankt?“

„Nein, ich bin nicht krank, ich bin nur aufgehalten worden, werde dir

sogleich alles erzählen. Doch, was ist mit dir, Natascha? Was ist

geschehen?“

„Nichts ist geschehen!“ antwortete sie, ganz erstaunt über meine Frage.

„Was soll denn geschehen sein?“

„Ja, du hast mir doch geschrieben ... gestern geschrieben, daß ich

kommen soll, hast die Stunde bestimmt, nicht früher und nicht später;

nicht wie gewöhnlich.“

„Ach, ja! Ich erwartete _ihn_ gestern.“

„Nun, ist er noch immer nicht dagewesen?“

„Nein. Ich habe gedacht: wenn er nicht mehr kommt, so muß ich mit dir

sprechen,“ fügte sie hinzu und verstummte.

„Und heute abend, hast du ihn erwartet?“

„Nein, habe ihn nicht erwartet: er ist des Abends dort.“

„Denkst du denn, Natascha, daß er überhaupt nicht mehr wiederkommen

wird?“

„Selbstverständlich wird er kommen,“ antwortete sie, mich so

eigentümlich ernst ansehend.

Ihr mißfiel mein eiliges Fragen. Wir verstummten beide und schritten im

Zimmer auf und ab.

„Ich habe dich erwartet, Wanjä,“ begann sie mit einem sonderbaren

Lächeln, „und weißt du, was ich getan habe? Ich ging im Zimmer auf und

ab, und sagte mir das Gedicht her. Kennst du es noch: die Glocke, der

Winterweg: ‚Es brodelt der Samowar auf dem eichenen Tisch ...‘ wir haben

es noch zusammen gelesen:

Vorüber der Schneesturm; der Weg ist erhellt,

Aus Millionen von Augen blickt trübe die Nacht ...

Und dann weiter:

Und da scheint es mir – eine Stimme singt

Weich, harmonisch zum Schellengeläut:

‚Ach, wann kommt doch, wann kommt doch, mein Liebster zu mir,

Um zu ruhen an meiner Brust! ...

Ist bei mir nicht das Leben! Glänzt nicht der Abendschein

Rot durch der Eisblumen silberne Pracht –

Steht nicht alles bereit auf dem eichenen Tisch ...

Und im Ofen knistert das Holz und flammt

Auf dem blumigen Vorhang am Bett.‘

Wie ist das doch schön, Wanjä! Welche Qual ... und wie phantastisch das

Bild! Man kann alles hineinmalen, alles was man will! Zwei Welten: wie

es war und wie es ist ... Dieses ‚alles bereit auf dem eichenen Tisch‘,

und das Spiel der Flamme ‚an blumigen Vorhang am Bett ...‘ wie ist das

alles so bekannt. Alles wie in unseren Häusern in der Provinz; ich sehe

das Haus vor mir: neu, aus weißen, noch unbeschlagenen Balken ... Und

dann das andere Bild:

Und es scheint mir – dieselbe Stimme singt

Trüb und traurig zum Schellengeläut:

‚Wo ist nun mein Freund? Ich fürchte, er kommt

Und umschlingt mich zärtlich wie einst ...‘

Welch ein Leben das ist! So dunkel und eng

Meine Stube; dort bläst es herein ...

Nur ein einsamer Kirschbaum am Fenster steht

Und auch er ist erfroren schon längst.

Welch ein Leben! Verblichen der Vorhang am Bett,

Krank bin ich, schleppe mich hin ...

Bin den Eltern jetzt fremd, kein Liebster mehr kommt –

Nicht einmal zu schelten ist jemand mehr da ...

Und nur die Alte daneben, die brummt ...

Nicht einmal zu schelten ist jemand da. Wieviel Zärtlichkeit, wieviel

Qual, welch ein Rausch von Qual und Erinnerung, den man sich selbst

heraufbeschwört und den man lieb hat ... Herrgott, wie ist das schön!“

Sie verstummte wieder, als suche sie einen inneren Kampf zu bezwingen.

„Mein Lieber!“ sagte sie zu mir gewandt nach einem kurzen Augenblick und

verstummte dann plötzlich wieder, als hätte sie vergessen, was sie hatte

sagen wollen.

Unterdessen gingen wir immer noch schweigend im Zimmer auf und ab. Vor

dem Heiligenbild brannte das Lämpchen. Natascha schien in der letzten

Zeit sehr religiös geworden zu sein, doch liebte sie es nicht, wenn man

davon sprach.

„Ist morgen ein Feiertag?“ fragte ich. „Bei dir brennt das Lämpchen.“

„Nein, kein Feiertag ... Doch setzen wir uns, Wanjä, du mußt müde sein.

Willst du Tee? du hast sicher noch keinen getrunken?“

„Setzen wir uns, Natascha. Tee habe ich getrunken.“

„Ja, woher kommst du denn jetzt?“

„Von ihnen.“ So bezeichneten wir immer die Alten.

„Von ihnen? Bist du selbst dahin gegangen? Riefen sie dich? ...“

Sie überschüttete mich mit Fragen. Ihr Gesicht wurde noch bleicher vor

Erregung. Ich erzählte ihr ausführlich meine Begegnung mit dem Alten,

mein Gespräch mit der Mutter, die Szene mit dem Medaillon – erzählte

alles ausführlich und bis in alle Einzelheiten. Ich verheimlichte nie

etwas vor ihr. Sie griff jedes Wort begierig auf. Tränen erglänzten in

ihren Augen. Die Szene mit dem Medaillon hatte sie heftig erschüttert.

„Warte, warte, Wanjä,“ sagte sie, oft meine Erzählung unterbrechend,

„erzähle ausführlicher, alles, alles, so ausführlich als möglich; du

erzählst nicht ausführlich genug! ...“

Ich wiederholte alles zum zweiten, dritten Mal, durch ihre beständigen

Fragen immer wieder unterbrochen.

„Und du glaubst wirklich, daß er auf dem Weg zu mir war?“

„Ich weiß es nicht Natascha, ich kann es nicht beschwören. Daß er sich

nach dir sehnt, daß er dich liebt – das ist sicher, aber ob er zu dir

wollte, das ...“

„Und er küßte das Medaillon?“ unterbrach sie mich. „Was sagte er, als er

es küßte?“

„Nur unzusammenhängende Worte; er gab dir die zärtlichsten Namen, rief

dich ...“

„Rief mich?“

„Ja.“

Sie weinte still.

„Die Armen,“ sagte sie. „Und daß er von allem unterrichtet ist,“ fügte

sie nach einigem Schweigen hinzu, „daran ist kein Zweifel. Er hat von

Aljoschas Vater sicher Nachrichten erhalten.“

„Natascha,“ sagte ich schüchtern, „gehen wir zu ihnen! ...“

„Wann?“ fragte sie erbleichend und sich ein wenig erhebend.

Sie glaubte, ich forderte sie auf, gleich mit mir zu kommen.

„Nein, Wanjä,“ sagte sie, mir beide Hände auf die Schultern legend mit

traurigem Lächeln, „nein, mein Lieber, das sagst du immer, doch ...

sprich lieber nicht davon.“

„Also niemals, niemals soll dieser furchtbare Zwiespalt enden?“ rief ich

traurig aus. „Bist du wirklich zu stolz, daß du nicht den ersten Schritt

tun kannst. Und doch mußt du als erste ihn tun. Vielleicht wartet der

Vater nur darauf, um dir zu – um dir zu vergeben ... Er ist dein Vater;

du hast ihn gekränkt! Achte seinen Stolz, er ist berechtigt, er ist

natürlich! Du mußt es tun. Versuche es und er wird dir bedingungslos

alles vergeben.“

„Bedingungslos? Das ist unmöglich; und mache mir keine unnützen

Vorwürfe, Wanjä. Ich habe daran Tag und Nacht gedacht. Seitdem ich sie

verlassen, ist vielleicht kein Tag vergangen, ohne daß ich nicht daran

gedacht. Ja, und wie oft haben wir nicht davon gesprochen! Du weißt doch

selbst, daß es unmöglich ist!“

„Versuche es!“

„Nein, mein Freund, das geht nicht. Wenn ich es versuchte, so würde ich

ihn noch mehr gegen mich erzürnen. Vergangenes kehrt nicht wieder; und

weißt du, was auf immer vorüber ist?! Vorüber sind die glücklichen Tage

der Kindheit, die ich mit ihnen verlebt. Wenn der Vater mir auch

verzeihen würde, so würde er mich doch jetzt nicht mehr wiedererkennen.

Er liebte noch das Kind in mir. Er freute sich meiner kindlichen

Einfalt, er konnte mir noch über das Haar streichen, wie damals, da ich

als kleines Mädchen auf seinen Knien saß und ihm meine Liederchen sang.

Von Kindheit an, bis auf den letzten Tag kam er zu mir ans Bett und

bekreuzte mich zur Nacht. Einen Monat vor dem Unglück kaufte er mir noch

Ohrringe, heimlich vor mir (doch wußte ich alles) und freute sich wie

ein Kind, sie mir zu schenken. Er war aber einfach empört, als er später

erfuhr, daß ich vom Kauf dieser Ohrringe schon im voraus gewußt hatte.

Drei Tage vor meiner Flucht bemerkte er, daß ich traurig war, und sofort

war er bis zur Krankhaftigkeit niedergeschlagen, und – was glaubst du?

um mich zu erheitern, nahm er Billette fürs Theater! ... Wahrhaftig, er

wollte mich damit erheitern! Ich wiederhole es dir, er kannte und liebte

das Kind in mir, doch wollte er niemals daran denken, daß auch ich einst

eine Frau werden würde. Ihm kam das überhaupt nicht in den Sinn. Jetzt

aber, wenn ich nach Hause zurückkehrte, so würde er mich gar nicht

wiedererkennen. Und wenn er mir vergibt, was wird er in mir

wiederfinden? Ich bin nicht mehr dieselbe, ich bin nicht mehr das Kind,

ich habe viel durchlebt. Wenn ich mich auch bemühte, ihm alles recht zu

machen, so würde er doch immer an das vergangene Glück denken, sich

heimlich grämen, weil ich nicht mehr das von ihm geliebte Kind bin ...

das Vergangene erscheint einem ja immer so schön! Mit Qual wird er daran

denken! O, wie ist das Vergangene schön, Wanjä!“ rief sie, hingerissen

und sich selbst unterbrechend, mit diesem Wort, das so recht aus ihrem

wunden Herzen kam.

„Es ist alles wahr, Natascha, was du sagst. Also, muß er dich jetzt

wieder von neuem kennen lernen und von neuem lieben. Hauptsächlich aber

– kennen lernen. Und, was meinst du? Er wird dich wiederlieben! Denkst

du denn wirklich, daß er nicht imstande sein wird, dich zu verstehen,

er, er, mit seinem großen Herzen!“

„Ach, Wanjä, sei doch gerecht! Was ist denn an mir zu verstehen? Ich

spreche doch nicht davon. Siehst du: die väterliche Liebe ist auch

eifersüchtig. Er ist gekränkt, daß das mit Aljoscha so ohne ihn

geschehen konnte, daß er nichts bemerkt, nichts gewußt. Er glaubt, daß

alle unglücklichen Folgen unserer Liebe, meine Flucht, daß das alles nur

meiner undankbaren ‚Verschwiegenheit ihm gegenüber‘ zuzuschreiben ist.

Ich bin nicht sogleich zu ihm gekommen, ich habe ihm nicht von Anfang an

jede Regung meines Herzens mitgeteilt; ich habe im Gegenteil, alles in

meiner Seele verborgen gehalten, alles vor ihm versteckt, und das kränkt

ihn im Grunde genommen, mehr als die unglücklichen Folgen meiner Liebe,

kränkt ihn mehr – als daß ich von ihnen gegangen bin und mich meinem

Geliebten hingegeben habe. Nehmen wir an, daß er mich von neuem wie ein

Vater aufnimmt, zärtlich und liebevoll – der Same der Feindschaft wird

doch bleiben. Am zweiten, dritten Tage beginnen die Mißverständnisse,

kommen die Klagen und versteckten Vorwürfe. Zudem wird er mir nicht

bedingungslos verzeihen. Nehmen wir an, ich begreife aus der ganzen

Tiefe meines Herzens, daß ich ihn beleidigt habe, daß ich vor ihm

schuldig bin, so würde es mir doch weh tun, wenn er nicht verstünde, was

mich selbst das ganze Glück mit Aljoscha gekostet hat, welche Qualen ich

gelitten, welchen Schmerz ... Und, wenn ich auch alles auf mich nehmen,

alles schweigend ertragen wollte, – so würde ihm das noch immer zu wenig

sein. Er wird von mir einen unmöglichen Lohn fordern, er wird verlangen,

daß ich meine ganze Vergangenheit, daß ich Aljoscha verfluchen und meine

Liebe zu ihm bereuen soll. Dann aber, dann verlangt er von mir

Unmögliches – wenn ich das letzte halbe Jahr aus meinem Leben

ausstreichen soll. Denn ich – kann niemandem fluchen, ich kann nichts

bereuen ... Wie es geschehen ist, so mußte es geschehen ... Nein, Wanjä,

jetzt geht es noch nicht, noch ist die Zeit nicht dazu gekommen.“

„Wann wird sie denn kommen?“

„Ich weiß es nicht ... Man wird das zukünftige Glück wieder durch Leiden

erkämpfen müssen; mit neuem Leid es bezahlen müssen. Durch Leid wird

alles gesühnt ... Ach, Wanjä, wieviel Schmerz es im Leben gibt!“

Ich schwieg und sah sie nachdenklich an.

„Was siehst du mich so an, Aljoscha, nein, Wanjä?“ Sie versprach sich

und lächelte darüber.

„Ich wundere mich über dein Lächeln, Natascha. Wie kommt das, früher

lächeltest du anders.“

„Was ist denn mit meinem Lächeln?“

„Die frühere, die ganze kindliche Naivität ist wohl noch in ihm ...

Doch, wenn du jetzt lächelst, so scheint es einem immer, als ob dir zu

gleicher Zeit das Herz dabei weh tue. Du bist so abgemagert, Natascha,

doch dein Haar ist dichter geworden ... Was ist das für ein Kleid? Hast

du es jetzt machen lassen, oder schon früher?“

„Wie du mich lieb hast, Wanjä!“ Sie sah mich zärtlich an. „Nun, und du,

was tust du jetzt? Wie geht es dir?“

„Wie immer; ich schreibe meinen Roman, aber es geht nicht gut vorwärts.

Ich bin nicht recht aufgelegt dazu. Ich könnte ihn ja so

niederschreiben, doch mir tut die gute Idee leid. Sie ist meine

Lieblingsidee. Zum Termin muß ich aber damit fertig sein. Ich dachte

schon eine Novelle statt dieses Romans zu schreiben, etwas Leichtes,

Graziöses, etwas, das sich nicht in dieser düsteren Richtung bewegt ...

Es wäre Zeit, daß wir wieder alle glücklich und fröhlich wären! ...“

„Du armer Arbeiter! Und Smitt?“

„Smitt ist beerdigt.“

„Ich sage dir, Wanjä, im Ernst, du bist krank. Deine Nerven sind

zerrüttet. Was sind das alles für Ideen. Als du mir von deiner Wohnung

sprachst, – diese ganze Phantasie! Dazu ist die Wohnung ...“

„Ja! Übrigens erlebte ich heute etwas sehr Sonderbares ... Doch, ich

erzähle es dir später.“

Sie hörte mich schon nicht mehr an, und war ganz in Gedanken versunken.

„Ich verstehe nicht, wie ich damals von ihnen fortgehen konnte, ich war

wie im Fieber,“ sagte sie endlich, mich mit einem Ausdruck ansehend, der

keine Antwort erwartete.

Hätte ich etwas geantwortet, so hätte sie es nicht gehört.

„Wanjä,“ sagte sie mit kaum hörbarer Stimme, „ich habe dich hierher

gebeten, um dir etwas zu sagen.“

„Was ist geschehen?“

„Ich werde mich von ihm trennen.“

„Du hast dich schon getrennt oder du wirst dich trennen?“

„Mit diesem Leben muß ein Ende gemacht werden. Ich habe dich gerufen, um

dir alles, alles, zu sagen, was sich in mir angesammelt hat und was ich

bis jetzt dir gegenüber verschwiegen habe.“

So pflegte sie stets zu beginnen, wenn sie mir ihre geheimen Absichten

mitteilen wollte, und stets erwies es sich, daß ich von diesem Geheimnis

schon längst durch sie selbst unterrichtet war.

„Ach, Natascha, das habe ich schon tausendmal von dir gehört! Natürlich

könnt ihr nicht zusammen leben, zwischen euch ist nichts Gemeinsames.

Doch ... wirst du die Kraft dazu haben?“

„Früher hatte ich nur die Absicht, Wanjä, jetzt aber habe ich es

beschlossen. Ich liebe ihn unendlich, doch bin ich für ihn sein ärgster

Feind. Ich untergrabe ihm seine Zukunft. Man muß ihn befreien. Mich

heiraten kann er nicht; er hat nicht die Kraft, gegen den Willen des

Vaters zu handeln. Auch ich möchte ihn nicht an mich fesseln. Und

deshalb bin ich sogar glücklich, daß er sich in die – Braut verliebt

hat, die man ihm ausgewählt. Die Trennung von mir wird ihm leichter

fallen. Ich muß es tun. Es ist meine Pflicht ... Wenn ich ihn wirklich

liebe, so muß ich mich für ihn opfern. Das ist doch meine Pflicht! Nicht

wahr?“

„Doch wirst du ihn nicht dazu bereden können.“

„Ich werde ihn auch garnicht dazu bereden. Ich werde so zu ihm sein, wie

immer. Doch muß ich ein Mittel finden, damit er mich leicht und ohne

Gewissensbisse verlassen kann. Das aber quält mich, Wanjä. Hilf mir.

Kannst du mir einen Rat geben?“

„Dafür gibt es nur ein Mittel – einen anderen zu lieben, und nicht mehr

ihn! Und kaum wäre das in diesem Falle ein Mittel. Du kennst doch seinen

Charakter. Er ist jetzt fünf Tage nicht mehr bei dir gewesen. Nehmen wir

an, er habe dich auf immer verlassen; du brauchtest ihm nur zu

schreiben, daß du die Absicht hast, ihn zu verlassen, und er wird sofort

zu dir gelaufen kommen.“

„Warum liebst du ihn nicht, Wanjä?“

„Ich –?“

„Ja, du, du! Du bist sein geheimer, sein wütendster Feind. Du kannst von

ihm nicht ohne Haß sprechen. Ich habe es tausendmal bemerkt, daß es dir

eine Genugtuung ist, ihn zu erniedrigen und anzuschwärzen! Besonders,

ihn anzuschwärzen. Ja, so ist es, Wanjä!“

„Und tausendmal hast du es mir schon gesagt, Natascha. Genug, lassen wir

das Gespräch.“

„Ich möchte in eine andere Wohnung ziehen,“ sagte sie nach längerem

Schweigen. „Du, sei mir nicht böse, Wanjä ...“

„Nun, dann kommt er eben in die andere Wohnung. Ich, ich bin dir nicht

böse.“

„Die neue Liebe ist stark und kann ihn zurückhalten. Wenn er zu mir

kommen sollte, dann wird es doch nur auf einen Augenblick sein, was

glaubst du?“

„Ich weiß es nicht, Natascha, bei ihm ist alles möglich, ich glaube, er

kann die Andere heiraten und auch dich lieben. Er kann das alles zu

gleicher Zeit.“

„Wenn ich wüßte, daß er sie wirklich liebt, so würde ich mich sofort

entschließen ... Wanjä! verheimliche nichts vor mir! Weißt du irgend

etwas, das du mir nicht sagen möchtest, oder nicht?“

Sie sah mich mit unruhigem, fragendem Blick an.

„Ich weiß nichts, Natascha, ich gebe dir mein Ehrenwort, ich habe dir

nie etwas verheimlicht. Übrigens, was ich noch sagen wollte: vielleicht

ist er garnicht so verliebt in die Stieftochter der Gräfin, wie wir es

annehmen. Vielleicht ist er nur so ...“

„Glaubst du das, Wanjä? Gott, wenn ich es doch nur wüßte! Oh, wie würde

ich in diesem Augenblick ihn sehen wollen. Ich würde aus seinem Gesicht

alles erraten! Und er kommt nicht! Er kommt nicht!“

„Erwartest du ihn denn, Natascha?“

„Nein, er ist bei _ihr_; ich weiß es; ich habe auskundschaften lassen.

Wie gerne würde auch ich sie sehen ... Höre, Wanjä, vielleicht ist es

unsinnig von mir, doch sollte ich sie denn wirklich niemals sehen, nie

ihr begegnen können? Was glaubst du, ist es wirklich unmöglich?“

Unruhig erwartete sie, was ich sagen würde.

„Sehen würdest du sie schon können, doch das ist dir wohl zu wenig?“

„Es würde ja genügen, sie nur zu sehen, dann würde ich auch schon alles

andere wissen. Höre mich an: ich bin jetzt so dumm geworden; gehe hier

auf und ab, auf und ab, immer allein, immer allein – und denke. Oft sind

die Gedanken so schwer, daß sie mich wie ein Wirbelsturm niederreißen!

Wanjä, kannst du nicht ihre Bekanntschaft machen? Die Gräfin, wie du mir

damals selbst erzähltest, hatte doch deinen Roman sehr gelobt. Du gehst

doch manchmal des Abends zum Fürsten R; sie verkehrt doch bei ihm. Lasse

dich ihr vorstellen. Übrigens könnte dich auch Aljoscha ihr vorstellen.

Sieh, und du würdest mir dann alles von ihr erzählen.“

„Natascha, lieber Freund, davon später. Hier handelt’s sich darum:

glaubst du denn wirklich, daß du die Kraft dazu haben wirst? Sieh dich

doch an, wie gequält und unruhig du bist.“

„Ich werde sie haben!“ antwortete sie kaum hörbar. „Alles für ihn. Mein

ganzes Leben für ihn. Doch, weißt du, Wanjä, ich kann es nur nicht

ertragen, daß er mich jetzt bei ihr so ganz vergißt, in diesem

Augenblick vielleicht neben ihr sitzt, plaudert, lacht, weißt du, ganz

wie er es hier tut ... ihr gerade in die Augen sieht, – er sieht immer

gerade in die Augen – und es kommt ihm nicht einmal der Gedanke, daß ich

hier bin ... mit dir ...“

Sie beendigte ihren Satz nicht und blickte mich mit Verzweiflung an.

„Wie denn, Natascha, soeben sagtest du doch noch, soeben ...“

„Nein, mögen wir alle zusammen auseinandergehen!“ unterbrach sie mich

mit blitzenden Augen. „Ich selbst werde ihn segnen ... Doch schwer ist

es, Wanjä, wenn er als erster mich vergißt! Ach, Wanjä, was sind das für

Qualen! Ich selbst verstehe mich nicht: in Gedanken kann man alles, in

Wirklichkeit jedoch nichts. Was wird aus mir werden!“

„Genug, genug, Natascha, beruhige dich! ...“

„Und jetzt schon seit fünf Tagen, jede Stunde, jede Minute ... im Traum,

wenn ich wache oder schlafe ... immer denke ich an ihn, an ihn! Weißt

du, Wanjä, gehen wir dahin, bringe mich hin!“

„Aber, Natascha!“

„Ja, gehen wir! Ich habe nur auf dich gewartet, Wanjä! Drei Tage lang

habe ich nur darüber nachgedacht. Darum hatte ich dich gerufen ... Du

mußt mich begleiten; du darfst es mir nicht abschlagen ... Ich habe auf

dich gewartet ... drei Tage ... Dort ist heute ein Abend ... er ist dort

... gehen wir!“

Sie schien wie von Sinnen. Im Vorzimmer hörte man Stimmen. Mawra schien

sich mit jemanden zu streiten.

„Warte, Natascha, wer ist da?“ fragte ich. „Höre!“

Mit ungläubigem Lächeln horchte sie auf, und plötzlich erblaßte sie.

„Mein Gott! Wer ist da?“ hauchte sie mit kaum hörbarer Stimme.

Sie wollte mich, glaube ich, zurückhalten, doch ich ging ins Vorzimmer

zu Mawra. Also doch! Es war Aljoscha. Er stritt mit Mawra, die ihn

anfangs gar nicht hereinlassen wollte.

„Wo kommst du denn her?“ rief Mawra, als ob sie ein Recht dazu hätte.

„Was? Wo hast du dich herumgetrieben? Nun, geh nur, geh! Mir wirst du

nichts vormachen! Marsch, wollen wir sehen, was du antworten wirst!“

„Ich fürchte niemanden! Ich werde eintreten!“ sagte Aljoscha, etwas

konfus.

„Nun, mal los!“

„Ja, ich werde! Ah! Sie sind hier!“ sagte er, als er mich erblickte,

„wie gut das ist, daß Sie hier sind! Nun, und ich, sehen Sie, wie soll

ich jetzt ...“

„So kommen Sie doch einfach herein,“ antwortete ich, „was fürchten Sie

denn?“

„Ich fürchte wirklich nichts, versichere Ihnen, denn ich bin, bei Gott,

nicht schuld. Sie denken vielleicht, daß ich schuldig bin? Sie werden

sehen, ich werde mich gleich verteidigen. Natascha, kann man eintreten?“

rief er plötzlich mit gemachter Dreistigkeit aus und blieb an der

geschlossenen Tür lauschend stehen.

Niemand antwortete.

„Was bedeutet das?“ fragte er unruhig.

„Nichts, sie war soeben dort,“ antwortete ich, „was sollte denn sein

...“

Aljoscha öffnete vorsichtig die Tür und überflog mit schüchternem Blick

das Zimmer. Niemand war da.

Plötzlich bemerkte er sie in einer Ecke neben einem Schrank und dem

Fenster. Sie stand da, als hätte sie sich verstecken wollen, halb tot,

halb lebendig. Und jetzt noch, wenn ich daran denke, kann ich mich eines

Lächelns nicht erwehren. Aljoscha ging leise und vorsichtig auf sie zu.

„Natascha, was ist dir? Guten Tag, Natascha,“ sagte er schüchtern, und

sah sie ängstlich an.

„Wieso, nichts ... nichts ...“ antwortete sie in schrecklicher

Verwirrung, als fühlte sie sich schuldig. „Du ... willst du Tee?“

„Höre Natascha,“ sagte Aljoscha ganz verwirrt und verloren. „Du bist

vielleicht überzeugt, daß ich schuldig bin ... Doch ich bin an nichts

schuld, an nichts! Ich werde dir gleich alles erzählen.“

„Aber, warum denn das?“ murmelte kaum hörbar Natascha. „Nein, nein, das

ist nicht nötig ... gib mir lieber die Hand ... und alles ist ... wie

immer ...“

Und sie kam aus der Ecke heraus; leise Röte lag auf ihren Wangen. Sie

hielt die Augen niedergeschlagen, als fürchtete sie sich, Aljoscha

anzusehen.

„O, mein Gott!“ rief er außer sich vor Entzücken, „wenn ich mich

wirklich schuldig fühlte, so würde ich wahrlich nicht gewagt haben, sie

jetzt noch anzusehen! Sehen Sie, sehen Sie!“ rief er aus, zu mir

gewandt: „Sie hält mich für schuldig; alles spricht gegen mich. Fünf

Tage bin ich nicht zu ihr gekommen! Man sagt, ich sei bei der Braut –

und was glauben Sie? Sie hat mir schon vergeben! Sie sagt mir: ‚Gib die

Hand und alles ist wie früher!‘ Natascha, mein Täubchen, mein Engel! Ich

bin nicht schuld daran, daß du es weißt! Ich bin nicht im geringsten

schuld daran. Im Gegenteil! Im Gegenteil!“

„Aber ... aber wie kommst du denn _hierhin_ ... Man hatte dich doch

_dahin_ gerufen? Wieviel Uhr ist es denn?“

„Halb elf! Ich war da ... doch ich sagte, ich sei krank und bin

fortgefahren und – das ist das erste Mal, das erste Mal in diesen fünf

Tagen, daß ich frei bin, daß ich mich von ihnen losmachen und zu dir

fahren konnte, Natascha. Das heißt, ich hätte ja früher kommen können,

doch wollte ich es absichtlich nicht! Und warum? Du wirst es gleich

erfahren; ich werde alles erklären: ich bin deshalb gekommen, um alles

zu erklären; nur bin ich diesesmal in nichts schuldig. In nichts!“

Natascha hob ihren Kopf und sah ihn an ... Sein Blick leuchtete so

aufrichtig, sein Gesicht war so freudig erregt, so ehrlich und lustig,

daß man ihm alles glauben mußte. Ich dachte, sie würden gleich mit einem

Aufschrei aufeinander stürzen und sich umarmen, wie das früher in

ähnlichen Fällen immer geschehen war. Doch Natascha, wie von zu viel

Glück überschüttet, senkte nur ihren Kopf und begann plötzlich ... leise

zu weinen ... Da konnte Aljoscha sich nicht mehr halten. Er stürzte zu

ihren Füßen. Er küßte ihre Hände, ihre Füße. Er war außer sich. Ich

schob ihr einen Sessel hin ... Ihre Knie wankten ... Sie warf sich in

den Sessel.

Sämtliche Werke 19 · 第 23 / 59 题