Die alten Ichmenjeffs liebten sich sehr. Liebe und langjährige
Gewohnheit hatte sie unzertrennlich aneinandergefesselt. Doch war
Nikolai Ssergejewitsch nicht nur jetzt, sondern auch schon früher in
seinen glücklichen Zeiten, nicht sehr mittelsam zu seiner Anna
Andrejewna gewesen, und hin und wieder geradezu streng mit ihr
umgegangen, letzteres besonders in Gegenwart von fremden Leuten. In
einigen Naturen, die sehr zart und feinfühlend sind, erhebt sich
manchmal ein Widerstand dagegen, der von ihnen geliebten Person ihre
Zärtlichkeit nicht nur in Gegenwart von Menschen, sondern auch unter
vier Augen zu zeigen. Nur hin und wieder bricht die Zärtlichkeit durch,
um so heißer und leidenschaftlicher, je länger sie zurückgehalten worden
war! So verhielt sich auch teilweise der alte Ichmenjeff zu seiner Anna
Andrejewna, und zwar von Anfang an in seiner Ehe mit ihr. Er achtete und
liebte sie grenzenlos, ungeachtet dessen, daß sie nur eine gute Frau
war, die nichts als ihn zu lieben verstand; und er ärgerte sich oft sehr
darüber, daß sie sich ihrerseits in ihren Gefühlen zu ihm, in ihrer
Natürlichkeit, keinen Zwang antat. Doch seit Natascha sie verlassen,
waren sie viel zärtlicher zueinander geworden; sie fühlten es
schmerzlich, daß sie jetzt ganz allein auf der Welt waren. Und obgleich
Nikolai Ssergejewitsch oft sehr verschlossen und finster war, so konnten
doch beide nicht zwei Stunden ohne Schmerz und Sehnsucht voneinander
getrennt sein. Sie waren schweigend übereingekommen, von Natascha mit
keinem Wort zu sprechen, als wäre sie niemals auf der Welt gewesen. Anna
Andrejewna wagte in Gegenwart ihres Mannes denn auch nicht, Natascha nur
im geringsten zu erwähnen, obgleich es ihr sehr schwer fiel. Sie hatte
Natascha in ihrem Herzen schon längst verziehen. Zwischen uns war
gewissermaßen eine stillschweigende Abmachung getroffen worden, daß ich
zu jedem Besuch bei ihr Nachrichten von ihrem unvergeßlichen, geliebten
Kinde brachte.
Die Alte wurde krank, wenn sie länger keine Nachrichten hatte, und
sobald ich dann wieder bei ihr erschien, wollte sie aber auch die
kleinste Einzelheit wissen. Mit zitternder Neugier erkundigte sie sich
nach allem, was ich gesehen, und wäre beinahe vor Schreck gestorben, als
sie hörte, daß Natascha erkrankt war; fast wäre sie selbst zu ihr
gegangen. Doch hätte sie es wohl nur im äußersten Fall getan. Sie wagte
mir gegenüber nicht einmal den Wunsch, ihre Tochter wiederzusehen,
auszusprechen, und jedesmal hielt sie es nach unseren Gesprächen,
nachdem sie mich über alles ausgeforscht, für ihre Pflicht,
nachdrücklich zu wiederholen, daß, wenn sie sich auch nach wie vor sehr
um das Schicksal ihrer Tochter kümmere und sorge, Natascha doch eine
Verbrecherin bliebe, der man nicht verzeihen könne. Das war jedoch alles
nur äußerlich. Es kam vor, daß Anna Andrejewna sich bis zur
Krankhaftigkeit abquälte, in meiner Gegenwart Natascha mit den
zärtlichsten Namen nannte, sich bitter über Nikolai Ssergejewitsch
beklagte, und in seiner Anwesenheit, wenn auch mit großer Vorsicht,
versteckte Anspielungen machte, von Hochmut und Hartherzigkeit der
Menschen sprach und davon, daß wir nicht zu verzeihen verstünden, Gott
aber den Verstockten seinerseits auch nicht vergäbe – doch mehr wagte
sie in seiner Gegenwart nicht zu sagen. In solchen Augenblicken
verdüsterte sich das Gesicht des Alten, er wurde mürrisch und
schweigsam, und plötzlich sprach er dann, gewöhnlich sehr ungeschickt,
laut von etwas ganz anderem, um dann schließlich doch aufzustehen und
sich in sein Zimmer zurückzuziehen, um auf diese Weise Anna Andrejewna
die Möglichkeit zu geben, ihren Kummer vor mir auszuschütten und sich
auszuweinen. Ebenso zog er sich bei meinen Besuchen, nachdem er mich
begrüßt hatte, immer gleich zurück, um mir Gelegenheit zu geben, Anna
Andrejewna die letzten Nachrichten über Natascha mitzuteilen. So tat er
es auch diesmal.
„Ich bin ganz durchnäßt,“ sagte er zu ihr, als wir kaum ins Zimmer
getreten waren, „ich gehe in mein Zimmer, und du, Wanjä, bleibe hier.
Ihm ist eine Geschichte passiert ... mit der Wohnung; erzähle ihr das.
Ich komme gleich wieder zurück ...“
Und er eilte hinaus, bemüht, uns nicht anzusehen, als schäme er sich,
daß er uns selbst zusammenbrachte. Wenn er wieder zu uns zurückkehrte,
war er dann mürrisch, sowohl gegen mich als gegen Anna Andrejewna, ganz,
als ärgere er sich über seine eigene Weichheit und Nachgiebigkeit.
„So ist er immer,“ sagte die Alte, die in letzter Zeit ihre frühere
Zurückhaltung gegen mich ganz aufgegeben hatte. „Immer ist er so zu mir;
dabei weiß er doch, daß wir seine Schlauheit durchschauen. Warum
verstellt er sich vor mir! Bin ich denn etwa eine Fremde für ihn? So ist
er auch zu seiner Tochter. Er könnte ihr doch verzeihen, vielleicht
wünscht er es sogar, Gott weiß es! Die Nächte über weint er, habe es
selbst gehört! Äußerlich will er sich stark zeigen. Der Stolz beherrscht
ihn ... Lieber Iwan Petrowitsch, erzähl’ schneller: wohin war er
gegangen?“
„Nikolai Ssergejewitsch? Ich weiß es nicht: ich wollte Sie fragen.“
„Und ich dich! Mir wurde ganz schwach zumute, als ich ihn gehen sah. Er
ist doch krank, und bei solchem Wetter, in der Dunkelheit! Nun, dachte
ich, der muß etwas wichtiges vorhaben; was kann es aber wichtigeres
geben, als die uns bekannte Angelegenheit? So dachte ich bei mir, aber
zu fragen wagte ich ihn nicht. Großer Gott, ich zitterte ordentlich bei
dem Gedanken an ihn und an sie. Nun, dachte ich, jetzt geht er zu ihr;
jetzt wird er ihr verzeihen! Er hat doch alles erfahren, auch die
letzten Nachrichten von ihr kennt er. Ich bin fest überzeugt, daß er
alles weiß, woher er aber Nachrichten über sie erhält, kann ich mir
nicht vorstellen. Gar zu sehr grämte er sich schon gestern, und heute
gleichfalls. Ja, was schreist du denn! Erzähle doch, mein Lieber, was
dort vorgefallen ist! Wie einen Engel Gottes habe ich dich erwartet,
habe mir die Augen nach dir ausgesehen. Nun, wie ist es, verläßt dieser
Bösewicht Natascha?“
Ich erzählte sofort Anna Andrejewna alles, was ich selbst wußte. Zu ihr
war ich immer vollkommen aufrichtig. Ich teilte ihr mit, daß es in der
Tat diesmal zwischen Natascha und Aljoscha zu einem Bruch kommen könnte;
daß diesmal der Konflikt ernster als die früheren sei; daß Natascha mir
gestern einen Zettel geschickt und mich gebeten, heute abend um neun Uhr
zu ihr zu kommen, weshalb ich auch garnicht die Absicht gehabt, hierher
zu gehen, aber Nikolai Ssergejewitsch habe mich mitgenommen. Ich
erzählte ihr, und erklärte ihr ausführlich, daß die Lage jetzt eine sehr
kritische sei; daß der Vater Aljoschas, der vor zwei Wochen von einer
Reise zurückgekehrt sei, von alledem nichts hören wolle und energisch
gegen Aljoscha vorgehe. Doch wichtiger sei, daß Aljoscha selbst, wie es
scheine, zu der andern hinneige, und wie man höre, sich sogar in sie
verliebt haben solle. Ich fügte noch hinzu, daß der Brief von Natascha
in großer Aufregung geschrieben sei, und daß heute, wie sie darin
schrieb, alles sich entscheiden würde. In welcher Richtung? Das sei noch
unentschieden. Sonderbar, daß sie _heute_ geschrieben, mir aber befohlen
habe, morgen um neun Uhr abends zu kommen. Darum müsse ich auch sofort
gehen, und zwar so schnell als möglich.
„Gehe nur, gehe, Junge, gehe sofort,“ rief Anna Andrejewna besorgt und
beunruhigt, „sobald er kommt, trinkst du noch rasch den Tee ... Warum
hat man den Samowar noch nicht gebracht! Matrjona! Wo bleibt denn der
Samowar? Der Nichtsnutz! ... Wenn du also deinen Tee ausgetrunken hast,
finde einen passenden Vorwand, und – fort mit dir! Morgen aber komme
unbedingt zu mir und erzähle mir alles. Ja, komme so früh als möglich.
Großer Gott! Wenn nur kein Unglück geschieht! Kann es denn noch
schlechter kommen! Nikolai Ssergejewitsch hat sicher schon alles
erfahren, mein Herz sagt es mir, daß er alles schon weiß. Ich habe ja
auch von Matrjona vieles erfahren und diese wieder durch Agascha;
Agascha wiederum ist ein Taufkind von Marja Wassiljewna, die im Hause
des Fürsten dient ... nun, du weißt doch selbst alles. Böse war heute
Nikolai Ssergejewitsch, böse. Ich sprach nur so von diesem und jenem, er
aber schrie mich an, wie ein Wütender; später tat es ihm leid,
behauptete, wir hätten bald kein Geld mehr. Als wäre er des Geldes wegen
wütend gewesen! Nun, du kennst ja doch unsere Verhältnisse. Nach dem
Mittagessen ging er schlafen. Ich blickte durch die Türspalte ins Zimmer
(in der Tür ist eine kleine Spalte, er weiß nichts von ihr), er aber,
mein Täubchen, lag auf den Knien vor einem Heiligenbild und betete. Als
ich das erblickte, da wankten mir die Knie. Und den Tee trank er nicht,
geschlafen hat er auch nicht. Nahm seinen Hut und ging. Ich wagte nicht
ihn zu fragen; er hätte mich wieder angeschrien. Er schreit jetzt des
öfteren, wenn er mich nicht anschreit, dann Matrjona; so wie er aber zu
schreien anfängt, zittern mir die Knie und mein Herz hört auf zu
schlagen. Wenn er auch übertreibt, nun ich weiß ja doch, daß er
absichtlich so tut, aber schrecklich ist es doch. Als er fortging, habe
ich zu Gott eine ganze Stunde gebetet, er möge alles zum Guten lenken.
Wo ist ihr Brief, zeig’ ihn mir!“
Ich gab ihr den Brief. Ich wußte, daß Anna Andrejewna nur den einen
Wunsch hatte, daß Aljoscha, den sie einen Bösewicht und dummen Jungen
nannte, zuletzt doch Natascha heiraten würde, und daß sein Vater, der
Fürst Pjotr Alexandrowitsch, seine Einwilligung dazu gäbe. Sie hatte es
einmal sogar mir gegenüber ausgesprochen, es dann jedoch bereut und
mehrmals widerrufen. Niemals aber hätte sie ihre Hoffnungen vor Nikolai
Ssergejewitsch auszusprechen gewagt, obgleich sie wußte, daß der Alte
ihr das nachtrug und ihr im stillen geradezu Vorwürfe deswegen machte.
Ich glaube, er hätte Natascha auf immer verflucht und ihr Andenken ganz
aus seinem Herzen gerissen, wenn er auch nur von einer Möglichkeit
dieser Ehe erfahren hätte.
Wir alle waren damals derselben Meinung. Er erwartete seine Tochter mit
jeder Fiber seines Herzens, doch erwartete er sie allein, reuig und
bereit, jede Erinnerung an ihren Aljoscha aus ihrem Herzen zu reißen.
Nur unter dieser einen Bedingung hätte er ihr verziehen – wenn er das
auch nicht in dieser Weise ausgesprochen, so begriff man es doch sofort,
wenn man ihn nur ansah.
„Charakterlos ist er, ein charakterloser, grausamer Junge ist er, das
habe ich immer gesagt,“ begann Anna Andrejewna wieder von neuem. „Man
hat ihn nicht zu erziehen verstanden, ein Leichtsinn ist er geworden. Um
dieser neuen Liebe willen sie zu verlassen! Gott, mein Gott! Was wird
aus der Armen werden? Und was er wohl an der Anderen gefunden haben mag,
das begreife ich nicht!“
„Ich habe gehört, Anna Andrejewna,“ bemerkte ich, „daß diese Braut ein
reizendes, bezauberndes Mädchen sein soll, auch Natalja Nikolajewna hat
es von ihr behauptet ...“
„Und du glaubst natürlich alles!“ unterbrach sie mich. „Bezaubernd? Für
euch Federfuchser ist jede bezaubernd, wenn sie nur einen Rock an hat.
Und wenn Natascha sie lobt, so tut sie das nur, weil sie ein edles Herz
hat. Sie versteht nicht ihn zu halten, alles verzeiht sie ihm, selbst
aber leidet sie. Wie oft ist er ihr schon untreu gewesen! Böse,
hartherzige Menschen! Mich aber packt die Angst, Iwan Petrowitsch! Der
Stolz blendet sie alle. Wenn der Meine sich wenigstens überwinden,
meinem Täubchen verzeihen und es wieder zu mir bringen würde! Wie wollte
ich sie umarmen, mich an ihr satt sehen! Sie sieht wohl sehr elend aus?“
„Ja, Anna Andrejewna.“
„Die Arme! Und mit mir steht es auch nicht ganz gut, Iwan Petrowitsch!
Die ganze Nacht und den ganzen heutigen Tag habe ich geweint ...
worüber, das werde ich dir später erzählen! Wievielmal habe ich ihm
nicht von ferne angedeutet, er möge ihr doch verzeihen: geradeaus wage
ich es ihm nicht zu sagen, doch so auf Umwegen muß man’s ihm beibringen.
Das Herz erstirbt mir dabei in der Brust: wenn er nun wütend wird, und
sie noch verflucht! Verflucht hat er sie noch nicht, das habe ich von
ihm noch nicht gehört ... Darum fürchte ich mich aber auch so sehr, daß
er es nur ja nicht tut! Was würde wohl dann sein? Der Fluch des Vaters
ist auch Gottes Fluch. So lebe ich, jeden Tag zittere ich vor Angst. Und
auch du solltest dich schämen, Iwan Petrowitsch; bist in unserem Hause
aufgewachsen, hast elterliche Liebe von uns empfangen und hast dir auch
ausgedacht, daß die Andere bezaubernd sei! Was geht denn dich das an?
Was für eine Bezaubernde? Da hat Marja Wassiljewna besser gesprochen.
(Ich habe es gewagt: habe sie einmal zu mir zum Kaffee eingeladen, als
Meiner einen ganzen Morgen in Geschäften aus war.) Sie hat mich über
alles aufgeklärt. Der Fürst, der Vater von Aljoscha, hat zu der Gräfin
in unerlaubten Beziehungen gestanden. Die Gräfin hat ihm schon immer
vorgeworfen, daß er sie nicht heirate, er hat es aber immer wieder
aufgeschoben. Die Gräfin jedoch stand schon bei Lebzeiten ihres Gemahls
in schlechtem Rufe. Als ihr Mann starb, reiste sie ins Ausland: hier
lernte sie Italiener, Franzosen, Barone und Grafen kennen, und da hat
sie auch den Fürsten Pjotr Alexandrowitsch gekrallt. Ihre Stieftochter
aber, die Tochter ihres ersten Mannes, der ein Branntweinpächter war,
wuchs allmählich heran. Die Gräfin, ihre Stiefmutter also, hatte bis
dahin alles verlebt, was sie besaß, mit Katherina Fedorowna zusammen
aber wuchsen auch die zwei Millionen heran, die ihr Vater für sie in der
Bank deponiert hatte. Jetzt, sagt man, habe sie drei Millionen, und da
hat sich denn der Fürst gedacht, daß es sehr vorteilhaft wäre, Aljoscha
mit ihr zu verheiraten. (Fürchte dich nicht, der läßt nichts durch.) Der
Graf, der vornehme, hochgestellte Hofmann, ihr Verwandter, hat
eingewilligt; drei Millionen sind kein Spaß! Gut, sagt er, sprechen Sie
mit der Gräfin. Der Fürst teilt der Gräfin seinen Wunsch mit. Die ist
dagegen, mit Händen und Füßen. Eine tolle Frau, sagt man, ohne jeden
Anstand! Hier sollen sie schon viele nicht mehr empfangen, wie wird es
erst im Auslande gewesen sein! Nein, sagt sie, du, Fürst, mußt mich
heiraten, meine Stieftochter bekommt Aljoscha nicht. Die Tochter soll
aber eine Seele von Mensch sein, doch ihrer Stiefmutter in allem
untertan und sie geradezu anbeten. Eine bescheidene, sagt man, eine
engelsgute Seele! Der Fürst versteht natürlich sofort, um was es sich
handelt, und sagt es ihr auch: ‚Du, Gräfin, beunruhige dich nicht. Du
hast dein Gut verlebt und eine Menge Schulden. Wenn aber deine
Stieftochter Aljoscha heiraten wird, so gibt es ein gutes Paar: sie ist
unschuldig wie ein Engel und Aljoscha ein Dummkopf; wir werden sie beide
zusammen bevormunden, dann wirst auch du Geld haben. Was nützt es dir,
wenn ich dich heirate?‘ sagte er. Ein schlauer Mensch. Ein Freimaurer!
Vor einem halben Jahr hat die Gräfin sich nicht dazu entschließen
können, jetzt, sagt man, seien sie nach Warschau gefahren, dort habe sie
eingewilligt. So ist es. Das hat mir alles Marja Wassiljewna erzählt,
die es selbst von einem glaubwürdigen Menschen erfahren. Nun, siehst du
wohl: um Geld handelt’s sich, um Millionen, und nicht darum, daß sie
bezaubernd ist!“
Die Erzählung Anna Andrejewnas setzte mich in Erstaunen. Sie stimmte
vollkommen mit dem überein, was ich selbst unlängst von Aljoscha gehört
hatte. Als er es mir erzählte, behauptete er fest, daß er nie des Geldes
wegen heiraten würde. Doch hatte Katherina Fedorowna einen tiefen
Eindruck auf ihn gemacht. Ich hörte auch von Aljoscha, daß der Vater
selbst vielleicht heiraten möchte, doch alles Gerede darüber als unwahr
bezeichne, um die Gräfin nicht vorher zu reizen. Ich sagte bereits, daß
Aljoscha seinen Vater sehr liebte und pries, und an ihn, wie an einen
Gott, glaubte.
„Und nicht aus gräflichem Geschlecht ist sie, deine Bezaubernde!“ fuhr
Anna Andrejewna fort, sehr gereizt über das Lob, das ich der zukünftigen
Braut des jungen Fürsten gespendet hatte. „Natascha wäre für ihn eine
bessere Partie. Sie ist die Tochter eines Kaufmanns. Natascha aber ist
aus altem adligem Geschlecht. Mein Alter öffnete gestern (ich habe es
vergessen, dir zu sagen) seine eiserne Kiste, du kennst sie doch, und
hat den ganzen Tag in alten Urkunden geblättert. So ernst saß er da. Ich
strickte meinen Strumpf und wagte nicht, ihn anzusehn. Als er nun sieht,
daß ich schweige, wird er wütend, er muß mich nun selbst rufen und da
hat er mir den ganzen Abend unseren Stammbaum erklärt: Und so erfuhr ich
denn, daß die Ichmenjeffs schon zu Zeiten Iwan Wassiljewitsch des
Grausamen den Adel besaßen und meine Familie, das Geschlecht der
Schumiloffs, schon unter Alexei Michailowitsch bekannt war, und eine
Rolle gespielt hat – wir haben die Dokumente darüber und auch in der
Geschichte Karamsins sind wir verzeichnet. Also, mein Väterchen, wir
sind nicht schlechter in der Beziehung als die Anderen. Als der Alte mir
das zu erklären anfing, verstand ich, was er im Sinne hatte. Ihn kränkt
es, daß man Natascha so gering einschätzt. Nur mit dem Reichtum sind sie
uns über. Nun, möge sich dieser Räuber Pjotr Alexandrowitsch um sein
Geld mühen: das ist ja allen bekannt: er ist eine hartherzige, gierige
Seele. Er sei in Warschau, sagt man, zu den Jesuiten übergetreten? Ist
es wahr, was glaubst du?“
„Dummes Gerede,“ antwortete ich, doch unwillkürlich interessierte mich
die Hartnäckigkeit, mit der sich dieses Gerücht verbreitete und erhielt.
Auch die Nachricht von Nikolai Ssergejewitsch, der seine Urkunden
durchsuchte, interessierte mich sehr. Früher hatte er nie seines
Geschlechtes Erwähnung getan.
„Alle sind sie hartherzige Menschen!“ fuhr Anna Andrejewna fort. „Doch,
was tut sie, mein Täubchen? grämt sie sich, weint sie? Es ist Zeit, daß
du zu ihr gehst! Matrjona, Matrjona! Wo bleibst du, Nichtsnutz! Haben
sie sie beleidigt? Sage doch, Wanjä!“
Was sollte ich antworten? Sie fing an zu weinen. Ich fragte sie, welches
Unglück sie denn noch betroffen hätte, wie sie vorhin gesagt.
„Ach, mein Lieber, als ob es noch nicht genug wäre, als ob der Kelch
nicht zum Überfließen voll wäre! Erinnerst du dich, mein Freund, oder
weißt du nicht mehr, daß ich ein goldenes Medaillon besaß, mit Nataschas
Bildchen, aus ihren Kinderjahren; acht Jahre alt war sie damals, mein
Herzenskind. Wir bestellten es bei einem durchreisenden Maler, du hast
es wohl sicher vergessen, mein Lieber! Ein guter Maler war es, er hat
sie als Kupido dargestellt: helles lockiges Haar hatte sie damals,
durchs Hemdchen schien ihre weiße Haut durch, und so reizend sah sie
aus, daß man sich gar nicht an ihr sattsehen konnte. Ich bat den Maler,
ihr doch Flügel anzumalen, doch er wollte es nicht tun. Nun, siehst du,
mein Lieber, in diesen schrecklichen Tagen hatte ich es aus der
Schatulle herausgenommen und es mir um den Hals gehängt; so hing es
neben meinem Kreuz, und ich fürchetete schon immer, der Alte würde es
vielleicht bemerken. Er befahl doch damals, alle ihre Sachen aus dem
Hause zu entfernen oder zu verbrennen, damit wir durch nichts mehr an
sie erinnert würden. Ich aber war glücklich, wenn ich das Bild
wenigstens betrachten konnte; ich sehe es mir an und weine mich aus,
dann wird mir leichter ums Herz; ein anderes Mal aber, wenn ich allein
bin, küsse ich es, als wäre sie es selbst und nenne sie bei ihrem Namen
und bekreuzige sie zur Nacht. Ich spreche laut mit ihr, wenn ich allein
bin, frage sie dies und jenes und mir ist, als antworte sie mir. Ach,
mein lieber Wanjä, schwer ist es mir, davon zu sprechen! Nun, ich war
froh, daß er wenigstens vom Medaillon nichts bemerkt hatte; wie ich aber
gestern abend nach meinem Medaillon greife, ist es nicht mehr da. Mir
schwanden die Sinne. Suche, suche und suche – nichts! Es ist verloren
und bleibt verloren! Und wie kann ich es verloren haben? Im Bett, denke
ich, habe ich es abgerissen; ich kehre das ganze Bett um, – nichts! Wenn
ich es verloren habe, wer kann es denn finden, wenn nicht _er_ oder
Matrjona? Nun, Matrjona kann ich schon garnicht verdächtigen, sie ist
mir mit ganzer Seele zugetan ... (Matrjona, wirst du endlich den Samowar
aufstellen?) Nun, denke ich, wenn er es findet, was wird dann sein? Ich
sitze da und weine, weine, kann meine Tränen nicht mehr zurückhalten.
Und Nikolai Ssergejewitsch ist so zärtlich zu mir, und sieht mich
bedauernd an, als wüßte er, warum ich weine. Und da denke ich: er hat
das Medaillon gefunden und es aus dem Fenster geworfen! In seinem Herzen
ist er doch fähig dazu; hat es hinausgeworfen und jetzt tut es ihm
selbst leid, bedauert es jetzt, denke ich. Nun, ich lief unter das
Fenster, um es mit Matrjona zu suchen, – wir fanden nichts. Ich weinte
die ganze Nacht über. Zum ersten Male hatte ich sie nicht zur Nacht
bekreuzigt. Oh, das führt zum Schlechten, zum Schlechten, Iwan
Petrowitsch, das bedeutet nichts Gutes; auch den nächsten Tag wurden
meine Augen nicht trocken, immer wieder weinte ich. Habe dich erwartet,
mein Freund, wie einen Engel Gottes, damit du meine Seele erlösest ...“
Und sie weinte bitterlich.
„Ach, ja, was ich vergessen, dir zu sagen!“ begann sie plötzlich, ganz
erfreut darüber, daß es ihr eingefallen, „hast du etwas von dem
Waisenkind gehört?“
„Ja, Anna Andrejewna, er hat mir erzählt, Sie hätten beide beschlossen,
ein armes Mädchen, eine Waise, zur Erziehung anzunehmen. Ist das wahr?“
„Nicht gedacht habe ich daran, mein Lieber, nicht gedacht! Und
überhaupt, ein Waisenkind will ich nicht haben! Nur an unser schweres
Schicksal, an unser Unglück, wird sie uns erinnern. Außer Natascha will
ich niemanden haben. Meine einzige Tochter war sie, meine einzige wird
sie auch bleiben. Doch, was soll das wohl bedeuten, dieser Einfall mit
der Waise? Was denkst du davon, Iwan Petrowitsch? Mir zur Beruhigung,
etwa, damit ich mein leibliches Kind vergessen und mich an ein anderes
gewöhnen soll? Was hat er dir von mir erzählt? Wie schien er dir –
streng ... böse? Ts! Er kommt! Nachher davon, nachher! ... Morgen mußt
du kommen, vergiß nicht ...“