Doch kaum war ich auf das feuchte, schmutzige Trottoir des Prospekts
hinausgetreten, als ich mit einem Vorübergehenden zusammenstieß, der
offenbar ganz in Gedanken versunken, den Kopf gesenkt, sich sehr
beeilte. Zu meinem größten Erstaunen erkannte ich in ihm den alten
Ichmenjeff. Es war für mich ein Abend unerwarteter Begegnungen. Ich
wußte, daß der Alte vor drei Tagen stark erkältet war, und nun plötzlich
begegne ich ihm bei diesem feuchten Wetter auf der Straße! Zudem war er
früher nie zur Abendzeit ausgegangen und seitdem Natascha die Eltern
verlassen, das heißt fast seit einem halben Jahr, rührte er sich nicht
aus dem Hause. Als er mich erblickte, schien er außerordentlich erfreut
zu sein, wie ein Mensch, der endlich einen Freund trifft, mit dem er
seine Gedanken teilen kann. Er ergriff meine Hand, drückte sie kräftig,
zog mich mit sich fort und fragte, wohin ich ginge. Er schien sehr
erregt, seine Bewegungen waren hastig und zerstreut. „Wohin mag der wohl
gegangen sein?“ dachte ich bei mir. Ihn danach zu fragen, das ging nicht
an: er war in letzter Zeit so mißtrauisch geworden, daß er oft in der
allereinfachsten Frage oder Bemerkung eine Anspielung oder Beleidigung
witterte.
Ich betrachtete ihn mir von der Seite: sein Gesicht sah krankhaft aus,
in der letzten Zeit war es sehr abgemagert, der Bart war ihm seit einer
Woche nicht mehr geschnitten worden. Das nun fast ganz ergraute Haar
quoll unordentlich unter dem verbeulten Hut hervor und hing in langen
Strähnen auf dem Kragen seines alten abgetragenen Überziehers. Ich hatte
es schon öfter bemerkt, daß er sich minutenlang ganz vergessen konnte;
er vergaß zum Beispiel, daß er allein im Zimmer war, sprach laut mit
sich selbst und gestikulierte mit den Armen. Es tat weh, ihn
anzuschauen.
„Nun, Wanjä, nun? Wohin gingst du? Siehst du, mein Lieber, ich, ich bin
ausgegangen; in Geschäften. Bist du gesund?“
„Und Sie, sind Sie gesund?“ antwortete ich. „Sie waren doch unlängst
krank, und jetzt gehen Sie aus?“
Der Alte antwortete mir nicht, es war, als hätte er mich garnicht
gehört.
„Wie geht es Anna Andrejewna?“
„Gut, gut ... Übrigens, vielleicht ist sie ein bißchen erkaltet. Sie hat
es bei mir ein wenig traurig ... Sie sprach auch von dir ... Warum bist
du nicht gekommen? Ja, gehst du jetzt mit zu uns, Wanjä, oder nicht?“
fragte er plötzlich, mich scharf und fragend ansehend.
Der mißtrauische Alte war so empfindlich geworden, daß, wenn ich ihm
jetzt geantwortet hätte, es sei nicht meine Absicht gewesen, zu ihnen zu
kommen, er sich unfehlbar beleidigt gefühlt und sich kühl von mir
verabschiedet hätte. Ich beeilte mich also, ihm zu versichern, daß ich
soeben die Absicht gehabt, Anna Andrejewna aufzusuchen, obgleich ich
wußte, daß ich mich dadurch verspäten würde und das Wiedersehen mit
Natascha überhaupt in Frage gestellt wurde.
„Nun, das ist gut,“ sagte der Alte, vollständig beruhigt durch meine
Antwort. „Das ist gut ...“
Und plötzlich verstummte er wieder und wurde nachdenklich.
„Ja, das ist gut!“ wiederholte er nach fünf Minuten wieder mechanisch
dasselbe, als erwache er aus einer tiefen Versunkenheit. „Hm! ... Siehst
du, Wanjä, du bist uns immer wie unser eigener Sohn gewesen; Gott
schenkte uns ... keinen Sohn ... und schickte uns dich; so habe ich
immer gedacht. Die Alte ... auch! Ja! Und du hast dich immer ehrerbietig
zu uns benommen, zärtlich, wie ein dankbares Kind. Möge dich Gott dafür
segnen, Wanjä, wie wir beiden Alten dich segnen und lieben ... Ja!“
Seine Stimme bebte, er hielt einen Augenblick inne.
„Ja ... nun ... wie ist es dir ergangen? Warst du nicht erkältet? Warum
warst du so lange nicht mehr bei uns?“
Ich erzählte ihm die ganze Geschichte mit Smitt, entschuldigte meine
Abwesenheit durch diese Angelegenheit, sagte, daß ich mich außerdem
krank gefühlt, und daß der Weg nach Wassilij-Ostroff (wo sie damals
wohnten), sehr weit sei. Ich wollte schon hinzufügen, daß ich auch noch
nicht Zeit gefunden hatte, Natascha zu besuchen, doch fiel mir das
Unangebrachte dieser Bemerkung noch zur rechten Zeit ein und ich
verstummte.
Die Geschichte mit Smitt interessierte ihn sehr. Er wurde aufmerksamer.
Als er erfuhr, daß meine neue Wohnung feucht war, vielleicht noch
feuchter als die alte und sechs Rubel monatlich koste, war er sehr
aufgebracht. Überhaupt war er recht heftig und ungeduldig geworden. Nur
Anna Andrejewna verstand es, in solchen Augenblicken mit ihm
auszukommen, und auch das nicht immer.
„Hm! ... Das kommt von deiner Literatur, Wanjä!“ rief er wütend aus.
„Sie hat dich bis unter das Dach gebracht, und wird dich auch noch auf
den Kirchhof bringen! Habe ich dir’s damals nicht gesagt? Dich davor
gewarnt! ... Und wie steht es mit B.; schreibt er immer noch seine
Kritiken?“
„Er ist gestorben, an der Schwindsucht gestorben. Ich habe es Ihnen doch
schon mitgeteilt, wenn ich nicht irre.“
„Gestorben, hm! ... Gestorben! Ja, so mußte es kommen. Hat er seiner
Frau und seinen Kindern etwas hinterlassen? Du hast mir doch gesagt, daß
er Frau und Kinder hatte ... Woraufhin heiraten diese Leute überhaupt?“
„Nein, er hat ihnen nichts hinterlassen,“ antwortete ich.
„Nun, hab’ ich’s nicht gesagt!“ rief er außer sich, als ginge ihn die
Sache etwas an und als wäre der verstorbene B. sein eigener Bruder
gewesen. „Nichts! Also, so ... so, nichts! Nichts hinterlassen! Siehst
du, Wanjä, das hab ich vorausgefühlt, so mußte er enden, und schon
damals, weißt du noch, als du ihn immer so lobtest. Sehr einfach zu
sagen: hat nichts hinterlassen! Hm! ... hat sich dafür Ruhm erworben.
Nehmen wir an, unsterblichen Ruhm, doch von Ruhm lebt man nicht. Ich
habe damals, mein Lieber, auch bei dir alles vorausgesehen. Also so, B.
ist gestorben? Ja ... und warum soll er auch nicht sterben! Ist denn das
ein Leben hier ... in dieser Stadt! Sieh dich doch nur um!“ Und mit
einer unwillkürlichen Handbewegung wies er auf die neblige Perspektive
der wegen der undurchdringlichen Atmosphäre nur schwach erleuchteten
Straßen, auf die schmutzigen Häuser, auf die vor Feuchtigkeit
glitzernden Steinfliesen des Trottoirs, auf die finsteren und
durchnäßten Gestalten der Vorübereilenden, auf dieses ganze Bild, das
von der eintönig tuschfarbenen Kuppel eines Petersburger Himmels umrahmt
wurde. Wir traten auf den Platz hinaus; aus dem Dunkel vor uns erhob
sich das Denkmal Nikolais, von Gasarmen umgeben und von unten durch
Gasarme und Kandelaber beleuchtet, weiterhin die dunkle, kolossale Masse
der Isaakskirche, deren Formen bei der Dunkelheit des Himmels nur
undeutlich zu erkennen waren.
„Du sagtest doch, Wanjä, daß er ein großzügiger, sympathischer Mensch
gewesen sei, mit Herz und Verstand. Alle sind sie so, deine
sympathischen Leute mit den guten Herzen. Die Zahl der Waisenkinder zu
vermehren, das ist alles, was sie verstehen! Hm! ... ja und zu sterben
muß für ihn lustig gewesen sein, denke ich! he, he, he! Wäre er von hier
fortgefahren, und wär’s nach Sibirien! ... Was willst du, Kleine?“
fragte er plötzlich ein Kind, das ihn um Almosen bat.
Es war ein kleines schwächliches Mädchen, von sieben Jahren etwa, in
schmutzige Lumpen, beinah Fetzen gekleidet. Die nackten Füßchen steckten
in durchlöcherten Schuhen. Sie strengte sich an, den vor Kälte
zitternden Körper in ein altes Mäntelchen zu hüllen, dem sie längst
schon entwachsen war. Das abgemagerte, bleiche Gesichtchen war uns
zugewandt; sie sah uns stumm, mit flehenden Blicken an und mit ergebener
Furcht vor einer Absage streckte sie uns ihr zitterndes Händchen
entgegen. Der Alte erbebte, als er es sah und wandte sich so hastig zu
ihr hin, daß sie erschrak. Sie zuckte zusammen und fuhr entsetzt zurück.
„Was willst du, Kind?“ schrie er. „Was bittest du? Da, nimm ... nimm,
da!“ –
Und er wühlte mit zitternder Hand in seiner Tasche herum und holte zwei
oder drei Silberstücke heraus. Es schien ihm aber doch zu wenig, er zog
seine Geldtasche hervor und nahm einen Rubelschein heraus – alles was in
ihr enthalten war – und legte das Geld in die Hand des Bettelkindes.
„Möge Christus dich behüten, Kleine ... Mögen dich, mein Kind, Gottes
Engel begleiten!“
Mit zitternder Hand bekreuzte er mehrmals die Kleine, doch als er sah
und ihm einfiel, daß ich dabeistand und ihm zusah, runzelte er die
Stirne und setzte mit raschen Schritten seinen Weg fort.
„Siehst du, Wanjä,“ begann er nach langem, fast wütendem Schweigen, „ich
kann es nicht ansehen, wie diese kleinen, unschuldigen Geschöpfe, vor
Kälte zitternd auf der Straße ... ihrer verfluchten Mütter und Väter
wegen ... Übrigens, welche Mutter wird wohl ihr Kind hinaus in dieses
Unglück schicken, wenn nicht eine im tiefsten Elend! ... Wahrscheinlich
sitzen bei ihr in der Ecke noch andere Waisenkinder, diese war wohl die
Älteste; sicher ist sie krank ... die Mutter und ... hm! Nicht alle sind
Fürstenkinder ... viele Kinder gibt es in der Welt, Wanjä, ... die ...
hm!“
Er verstummte auf einen Augenblick, als wüßte er nicht, wie er
fortfahren sollte.
„Ich, siehst du, Wanjä, habe Anna Andrejewna versprochen,“ begann er ein
wenig verwirrt und unsicher, „ich habe ihr versprochen ... das heißt,
wir sind beide miteinander einig, Anna Andrejewna und ich, ein
Waisenkind zur Erziehung anzunehmen, ... so irgend ein armes, kleines,
ganz ins Haus zu uns ... Du verstehst doch? Uns Alten ist es einsam, so
allein ... hm ... nur, siehst du! Aber Anna Andrejewna scheint sich doch
noch dagegen zu sträuben. Sprich du doch mit ihr, weißt du, nicht von
mir aus, du weißt schon, sondern von dir aus, berede sie doch ... Du
verstehst mich? Schon lange wollte ich dich darum bitten ... sie möge
doch einwilligen ... ich kann es so recht nicht tun ... aber was rede
ich von diesen Albernheiten! Was geht mich ein Kind an? Ich habe es
nicht nötig! Nur so zur Beruhigung ... um ein Kinderstimmchen zu hören
..., und, ich tue es doch nur der Alten wegen; es wird für sie lustiger
sein, als immer mit mir Altem allein. Doch, alles das ist dummes Zeug!
Und – so kommen wir nicht weiter; nehmen wir eine Droschke, es ist noch
weit und Anna Andrejewna erwartet uns schon lange ...“
Es war halb acht, als wir endlich bei Anna Andrejewna ankamen.