XI.

Doch kaum war ich auf das feuchte, schmutzige Trottoir des Prospekts

hinausgetreten, als ich mit einem Vorübergehenden zusammenstieß, der

offenbar ganz in Gedanken versunken, den Kopf gesenkt, sich sehr

beeilte. Zu meinem größten Erstaunen erkannte ich in ihm den alten

Ichmenjeff. Es war für mich ein Abend unerwarteter Begegnungen. Ich

wußte, daß der Alte vor drei Tagen stark erkältet war, und nun plötzlich

begegne ich ihm bei diesem feuchten Wetter auf der Straße! Zudem war er

früher nie zur Abendzeit ausgegangen und seitdem Natascha die Eltern

verlassen, das heißt fast seit einem halben Jahr, rührte er sich nicht

aus dem Hause. Als er mich erblickte, schien er außerordentlich erfreut

zu sein, wie ein Mensch, der endlich einen Freund trifft, mit dem er

seine Gedanken teilen kann. Er ergriff meine Hand, drückte sie kräftig,

zog mich mit sich fort und fragte, wohin ich ginge. Er schien sehr

erregt, seine Bewegungen waren hastig und zerstreut. „Wohin mag der wohl

gegangen sein?“ dachte ich bei mir. Ihn danach zu fragen, das ging nicht

an: er war in letzter Zeit so mißtrauisch geworden, daß er oft in der

allereinfachsten Frage oder Bemerkung eine Anspielung oder Beleidigung

witterte.

Ich betrachtete ihn mir von der Seite: sein Gesicht sah krankhaft aus,

in der letzten Zeit war es sehr abgemagert, der Bart war ihm seit einer

Woche nicht mehr geschnitten worden. Das nun fast ganz ergraute Haar

quoll unordentlich unter dem verbeulten Hut hervor und hing in langen

Strähnen auf dem Kragen seines alten abgetragenen Überziehers. Ich hatte

es schon öfter bemerkt, daß er sich minutenlang ganz vergessen konnte;

er vergaß zum Beispiel, daß er allein im Zimmer war, sprach laut mit

sich selbst und gestikulierte mit den Armen. Es tat weh, ihn

anzuschauen.

„Nun, Wanjä, nun? Wohin gingst du? Siehst du, mein Lieber, ich, ich bin

ausgegangen; in Geschäften. Bist du gesund?“

„Und Sie, sind Sie gesund?“ antwortete ich. „Sie waren doch unlängst

krank, und jetzt gehen Sie aus?“

Der Alte antwortete mir nicht, es war, als hätte er mich garnicht

gehört.

„Wie geht es Anna Andrejewna?“

„Gut, gut ... Übrigens, vielleicht ist sie ein bißchen erkaltet. Sie hat

es bei mir ein wenig traurig ... Sie sprach auch von dir ... Warum bist

du nicht gekommen? Ja, gehst du jetzt mit zu uns, Wanjä, oder nicht?“

fragte er plötzlich, mich scharf und fragend ansehend.

Der mißtrauische Alte war so empfindlich geworden, daß, wenn ich ihm

jetzt geantwortet hätte, es sei nicht meine Absicht gewesen, zu ihnen zu

kommen, er sich unfehlbar beleidigt gefühlt und sich kühl von mir

verabschiedet hätte. Ich beeilte mich also, ihm zu versichern, daß ich

soeben die Absicht gehabt, Anna Andrejewna aufzusuchen, obgleich ich

wußte, daß ich mich dadurch verspäten würde und das Wiedersehen mit

Natascha überhaupt in Frage gestellt wurde.

„Nun, das ist gut,“ sagte der Alte, vollständig beruhigt durch meine

Antwort. „Das ist gut ...“

Und plötzlich verstummte er wieder und wurde nachdenklich.

„Ja, das ist gut!“ wiederholte er nach fünf Minuten wieder mechanisch

dasselbe, als erwache er aus einer tiefen Versunkenheit. „Hm! ... Siehst

du, Wanjä, du bist uns immer wie unser eigener Sohn gewesen; Gott

schenkte uns ... keinen Sohn ... und schickte uns dich; so habe ich

immer gedacht. Die Alte ... auch! Ja! Und du hast dich immer ehrerbietig

zu uns benommen, zärtlich, wie ein dankbares Kind. Möge dich Gott dafür

segnen, Wanjä, wie wir beiden Alten dich segnen und lieben ... Ja!“

Seine Stimme bebte, er hielt einen Augenblick inne.

„Ja ... nun ... wie ist es dir ergangen? Warst du nicht erkältet? Warum

warst du so lange nicht mehr bei uns?“

Ich erzählte ihm die ganze Geschichte mit Smitt, entschuldigte meine

Abwesenheit durch diese Angelegenheit, sagte, daß ich mich außerdem

krank gefühlt, und daß der Weg nach Wassilij-Ostroff (wo sie damals

wohnten), sehr weit sei. Ich wollte schon hinzufügen, daß ich auch noch

nicht Zeit gefunden hatte, Natascha zu besuchen, doch fiel mir das

Unangebrachte dieser Bemerkung noch zur rechten Zeit ein und ich

verstummte.

Die Geschichte mit Smitt interessierte ihn sehr. Er wurde aufmerksamer.

Als er erfuhr, daß meine neue Wohnung feucht war, vielleicht noch

feuchter als die alte und sechs Rubel monatlich koste, war er sehr

aufgebracht. Überhaupt war er recht heftig und ungeduldig geworden. Nur

Anna Andrejewna verstand es, in solchen Augenblicken mit ihm

auszukommen, und auch das nicht immer.

„Hm! ... Das kommt von deiner Literatur, Wanjä!“ rief er wütend aus.

„Sie hat dich bis unter das Dach gebracht, und wird dich auch noch auf

den Kirchhof bringen! Habe ich dir’s damals nicht gesagt? Dich davor

gewarnt! ... Und wie steht es mit B.; schreibt er immer noch seine

Kritiken?“

„Er ist gestorben, an der Schwindsucht gestorben. Ich habe es Ihnen doch

schon mitgeteilt, wenn ich nicht irre.“

„Gestorben, hm! ... Gestorben! Ja, so mußte es kommen. Hat er seiner

Frau und seinen Kindern etwas hinterlassen? Du hast mir doch gesagt, daß

er Frau und Kinder hatte ... Woraufhin heiraten diese Leute überhaupt?“

„Nein, er hat ihnen nichts hinterlassen,“ antwortete ich.

„Nun, hab’ ich’s nicht gesagt!“ rief er außer sich, als ginge ihn die

Sache etwas an und als wäre der verstorbene B. sein eigener Bruder

gewesen. „Nichts! Also, so ... so, nichts! Nichts hinterlassen! Siehst

du, Wanjä, das hab ich vorausgefühlt, so mußte er enden, und schon

damals, weißt du noch, als du ihn immer so lobtest. Sehr einfach zu

sagen: hat nichts hinterlassen! Hm! ... hat sich dafür Ruhm erworben.

Nehmen wir an, unsterblichen Ruhm, doch von Ruhm lebt man nicht. Ich

habe damals, mein Lieber, auch bei dir alles vorausgesehen. Also so, B.

ist gestorben? Ja ... und warum soll er auch nicht sterben! Ist denn das

ein Leben hier ... in dieser Stadt! Sieh dich doch nur um!“ Und mit

einer unwillkürlichen Handbewegung wies er auf die neblige Perspektive

der wegen der undurchdringlichen Atmosphäre nur schwach erleuchteten

Straßen, auf die schmutzigen Häuser, auf die vor Feuchtigkeit

glitzernden Steinfliesen des Trottoirs, auf die finsteren und

durchnäßten Gestalten der Vorübereilenden, auf dieses ganze Bild, das

von der eintönig tuschfarbenen Kuppel eines Petersburger Himmels umrahmt

wurde. Wir traten auf den Platz hinaus; aus dem Dunkel vor uns erhob

sich das Denkmal Nikolais, von Gasarmen umgeben und von unten durch

Gasarme und Kandelaber beleuchtet, weiterhin die dunkle, kolossale Masse

der Isaakskirche, deren Formen bei der Dunkelheit des Himmels nur

undeutlich zu erkennen waren.

„Du sagtest doch, Wanjä, daß er ein großzügiger, sympathischer Mensch

gewesen sei, mit Herz und Verstand. Alle sind sie so, deine

sympathischen Leute mit den guten Herzen. Die Zahl der Waisenkinder zu

vermehren, das ist alles, was sie verstehen! Hm! ... ja und zu sterben

muß für ihn lustig gewesen sein, denke ich! he, he, he! Wäre er von hier

fortgefahren, und wär’s nach Sibirien! ... Was willst du, Kleine?“

fragte er plötzlich ein Kind, das ihn um Almosen bat.

Es war ein kleines schwächliches Mädchen, von sieben Jahren etwa, in

schmutzige Lumpen, beinah Fetzen gekleidet. Die nackten Füßchen steckten

in durchlöcherten Schuhen. Sie strengte sich an, den vor Kälte

zitternden Körper in ein altes Mäntelchen zu hüllen, dem sie längst

schon entwachsen war. Das abgemagerte, bleiche Gesichtchen war uns

zugewandt; sie sah uns stumm, mit flehenden Blicken an und mit ergebener

Furcht vor einer Absage streckte sie uns ihr zitterndes Händchen

entgegen. Der Alte erbebte, als er es sah und wandte sich so hastig zu

ihr hin, daß sie erschrak. Sie zuckte zusammen und fuhr entsetzt zurück.

„Was willst du, Kind?“ schrie er. „Was bittest du? Da, nimm ... nimm,

da!“ –

Und er wühlte mit zitternder Hand in seiner Tasche herum und holte zwei

oder drei Silberstücke heraus. Es schien ihm aber doch zu wenig, er zog

seine Geldtasche hervor und nahm einen Rubelschein heraus – alles was in

ihr enthalten war – und legte das Geld in die Hand des Bettelkindes.

„Möge Christus dich behüten, Kleine ... Mögen dich, mein Kind, Gottes

Engel begleiten!“

Mit zitternder Hand bekreuzte er mehrmals die Kleine, doch als er sah

und ihm einfiel, daß ich dabeistand und ihm zusah, runzelte er die

Stirne und setzte mit raschen Schritten seinen Weg fort.

„Siehst du, Wanjä,“ begann er nach langem, fast wütendem Schweigen, „ich

kann es nicht ansehen, wie diese kleinen, unschuldigen Geschöpfe, vor

Kälte zitternd auf der Straße ... ihrer verfluchten Mütter und Väter

wegen ... Übrigens, welche Mutter wird wohl ihr Kind hinaus in dieses

Unglück schicken, wenn nicht eine im tiefsten Elend! ... Wahrscheinlich

sitzen bei ihr in der Ecke noch andere Waisenkinder, diese war wohl die

Älteste; sicher ist sie krank ... die Mutter und ... hm! Nicht alle sind

Fürstenkinder ... viele Kinder gibt es in der Welt, Wanjä, ... die ...

hm!“

Er verstummte auf einen Augenblick, als wüßte er nicht, wie er

fortfahren sollte.

„Ich, siehst du, Wanjä, habe Anna Andrejewna versprochen,“ begann er ein

wenig verwirrt und unsicher, „ich habe ihr versprochen ... das heißt,

wir sind beide miteinander einig, Anna Andrejewna und ich, ein

Waisenkind zur Erziehung anzunehmen, ... so irgend ein armes, kleines,

ganz ins Haus zu uns ... Du verstehst doch? Uns Alten ist es einsam, so

allein ... hm ... nur, siehst du! Aber Anna Andrejewna scheint sich doch

noch dagegen zu sträuben. Sprich du doch mit ihr, weißt du, nicht von

mir aus, du weißt schon, sondern von dir aus, berede sie doch ... Du

verstehst mich? Schon lange wollte ich dich darum bitten ... sie möge

doch einwilligen ... ich kann es so recht nicht tun ... aber was rede

ich von diesen Albernheiten! Was geht mich ein Kind an? Ich habe es

nicht nötig! Nur so zur Beruhigung ... um ein Kinderstimmchen zu hören

..., und, ich tue es doch nur der Alten wegen; es wird für sie lustiger

sein, als immer mit mir Altem allein. Doch, alles das ist dummes Zeug!

Und – so kommen wir nicht weiter; nehmen wir eine Droschke, es ist noch

weit und Anna Andrejewna erwartet uns schon lange ...“

Es war halb acht, als wir endlich bei Anna Andrejewna ankamen.

Sämtliche Werke 19 · 第 19 / 59 题