X.

Fünf Tage nach dem Tode Smitts zog ich in dessen Wohnung ein. Den ganzen

Tag fühlte ich mich elend und traurig; das Wetter war feucht und kalt,

vom Himmel fiel halb Schnee, halb Regen. Nur gegen Abend zeigte sich für

einen Augenblick die Sonne und ein verlorener Strahl huschte, wohl aus

Neugier, für einen Augenblick zu mir ins Zimmer. Ich bedauerte es

bereits, hierher gekommen zu sein. Das Zimmer war ja groß, doch so

niedrig, feucht und öde, trotz der Möbel. Ich dachte mir gleich, daß ich

in dieser Wohnung den Rest meiner Gesundheit einbüßen würde. Und so

geschah es denn auch.

Den ganzen Morgen über hatte ich in meinen Papieren gelesen und sie in

Ordnung gebracht. Da ich keine Mappe besaß, hatte ich sie in einem

Kissenbezug hergebracht und alles durcheinander geworfen. Darauf setzte

ich mich hin um zu schreiben. Ich arbeitete damals an meinem großen

Roman, doch konnte ich die Gedanken nicht zusammenhalten, der Kopf war

mir so voll von anderen Dingen ...

Ich warf die Feder hin und setzte mich ans Fenster. Es dunkelte bereits

und auch in meiner Seele wurde es immer düsterer. Schwere Gedanken

lasteten auf mir. Es wurde mir klar, daß ich in Petersburg doch

schließlich untergehen mußte. Es nahte der Frühling; ich würde neu

aufleben, so schien es mir, wenn ich aus diesem Gefängnis wieder an die

freie Gotteswelt käme, den Duft frischer Wiesen und Wälder atmete, die

ich so lange nicht mehr gesehen! ... Mir ging noch der Gedanke durch den

Kopf, wie gut es wäre, wie durch einen Zauberspruch alles zu vergessen,

alles was ich in der letzten Zeit erlebt und erlitten, und mit frischem

Kopf und neuen Kräften von vorn wieder zu beginnen. Damals träumte ich

noch davon und hoffte auf eine Auferstehung. „Wie, wenn ich in ein

Irrenhaus käme, und dann gleichsam mein Gehirn von neuem gesundete.“ Ich

fühlte doch noch Lebensdurst in mir und glaubte an das Leben! ... Doch

auch bei diesem Gedanken lachte ich laut auf. „Und nach dem Irrenhause,

was würde dann folgen? Wirklich wieder Romane schreiben? ...“

So sann und trauerte ich, und die Zeit verstrich. Es war ganz dunkel

geworden. Am Abend stand mir ein Wiedersehen mit Natascha bevor; sie

hatte mich durch einen Brief vom Abend vorher dringend zu sich gebeten.

Ich sprang auf und bereitete mich vor, auszugehen. Es drängte mich

sowieso fort aus dieser Wohnung, einerlei wohin, in den Regen, in den

Schmutz.

Doch, je dunkler es wurde, um so geräumiger schien es bei mir im Zimmer

zu werden, das sich immer mehr und mehr erweiterte. Mir war, als müßte

ich in jeder Ecke des Zimmers den alten Smitt sehen, wie er so dasaß und

einen unbeweglich anstarrte, ihm zu Füßen Asorka. Und plötzlich

ereignete sich etwas, das tiefe Spuren in mir hinterließ.

Übrigens muß ich gestehen, daß es mir infolge nervöser Schwäche, oder

infolge der aufregenden Eindrücke in der neuen Wohnung und von der

Erkältung her geschehen konnte, daß ich bei zunehmender Dunkelheit in

einen Seelenzustand verfiel, der mich des öfteren in der Nacht

heimsuchte und den ich einen mystischen Schrecken nennen möchte. Es war

das die allerschrecklichste quälendste Furcht vor einem ungewissen

Etwas, das man selbst nicht näher zu erklären vermag: etwas nicht

Seiendes in der Ordnung der Dinge, das doch durchaus in jeder Minute zu

sein vermag, allen Vernunftgründen zum Trotz auftaucht und sich vor mir

als unerbittliche, schreckliche, unabwendbare Tatsache hinstellt. Die

Furcht wächst von Minute zu Minute, ungeachtet dessen, daß der Geist

in diesen Augenblicken noch größere Klarheit gewinnt, und

nichtsdestoweniger alle Macht verliert, dieser Empfindung

entgegenzutreten. Man gehorcht ihm nicht mehr, man kann ihn sich nicht

mehr nutzbar machen und die schreckliche Angst der Erwartung verdoppelt

sich langsam aber sicher.

Ich erinnere mich noch, ich stand mit dem Rücken zur Tür und griff nach

meinem Hut auf dem Tische, als mir der Gedanke kam, ich würde sofort

hinter mir den alten Smitt erblicken; die Tür würde sich langsam öffnen

und er würde auf der Schwelle stehen und ins Zimmer blicken, würde leise

mit gesenktem Kopf auf mich zukommen, sich vor mir aufstellen, seine

trüben Augen auf mich richten und plötzlich mir ins Gesicht lachen mit

seinem zahnlosen, unhörbaren Lachen, und sein großer Körper würde von

diesem Lachen hin- und hertanzen. Diese Vision richtete sich so klar und

deutlich in meiner Phantasie auf, daß es mir zur vollen,

unerschütterlichen Überzeugung wurde, daß alles das sofort geschehen

müsse, ja, vielleicht schon geschehen sei, und daß ich es nur nicht

gesehen, da ich mit dem Rücken zur Tür stand. In diesem Augenblick mußte

sich die Tür unbedingt öffnen, ich kehrte mich plötzlich um und – was

geschah? – die Tür öffnete sich wirklich leise, lautlos, genau so wie

ich es mir vorgestellt hatte. Ich schrie auf. Lange Zeit zeigte sich

niemand, als hätte die Tür sich von selbst geöffnet; plötzlich aber

erschien auf der Schwelle ein sonderbares Wesen: ein Paar Augen, die ich

kaum in der Dunkelheit unterscheiden konnte, blickten mich finster und

durchdringend an. Ein Schauer überlief meinen Körper. Zu meinem größten

Erstaunen sah ich, daß es ein Kind war, ein Mädchen, und wenn es sogar

Smitt selbst gewesen wäre, so hätte er mich vielleicht nicht so

erschrecken können, wie diese sonderbare, unerwartete Erscheinung eines

mir unbekannten Kindes, zu dieser Zeit und Stunde in meinem Zimmer.

Ich sagte bereits, daß die Kleine die Tür langsam und unhörbar öffnete.

Es war, als fürchtete sie sich, einzutreten. Als sie endlich auf der

Schwelle erschien, sah sie mich lange mit solcher Verwunderung an, als

wäre sie versteinert; zuletzt trat sie zwei, drei Schritte vor und

blieb, ohne ein Wort zu sagen, vor mir stehen. Jetzt konnte ich sie

deutlicher erkennen. Es war ein Kind von zwölf bis dreizehn Jahren,

klein von Wuchs, zart und blaß, als hätte es soeben eine schwere

Krankheit überstanden. Desto ausdrucksvoller aber leuchteten seine

großen, dunklen Augen. Mit der linken Hand hielt die Kleine über der

Brust ein altes, durchlöchertes Tuch zusammen, womit sie sich wohl vor

der Abendkälte zu schützen suchte. Bekleidet war sie, man kann ruhig

sagen, fast nur mit Lumpen. Das dichte dunkle Haar war ungekämmt und

zerwühlt. Wir standen uns ungefähr zwei Minuten lang so gegenüber, uns

gegenseitig anstarrend.

„Wo ist Großpapa?“ fragte sie endlich mit kaum hörbarer, heiserer

Stimme, als schmerzte ihr die Brust oder die Kehle.

Mein ganzer mystischer Schrecken war plötzlich verschwunden. Man fragte

nach Smitt! Ganz unerwartet kam ich also auf eine Spur von ihm!

„Dein Großpapa? Er ist gestorben!“ sagte ich ohne Besinnen, da ich auf

diese Frage garnicht vorbereitet war. Ich bereute es sofort. Einen

Augenblick blieb sie noch vor mir unbeweglich stehen, dann aber

erzitterte sie so heftig am ganzen Körper, daß ich fürchtete, sie bekäme

einen Nervenanfall. Ich mußte sie halten, damit sie nicht fiele. Nach

einigen Minuten wurde sie ruhiger und ich sah, mit welcher Anstrengung

sie ihre Erregung vor mir zu verbergen suchte.

„Vergib, vergib mir, mein Kind! Ich bin damit so einfach herausgeplatzt,

das war vielleicht nicht dein Großpapa ... Du Arme! ... Wen suchst du

eigentlich? Den Alten, der hier lebte?“

„Ja,“ brachte sie mit Anstrengung hervor und starrte mich unruhig an.

„Er hieß Smitt? Ja?“

„J–, Ja!“

„Also er ... nun, ja, er ist tot ... Sei nur nicht traurig, mein

Täubchen! Warum bist du nicht früher gekommen? Woher kommst du? Sie

haben ihn gestern beerdigt; er starb plötzlich, ganz unerwartet ... Du

bist also seine Enkelin?“

Die Kleine antwortete nicht auf meine überstürzten Fragen. Schweigend

kehrte sie sich um und ging fast lautlos aus dem Zimmer. Ich war so

bestürzt, daß ich sie nicht zurückhielt, noch sie etwas zu fragen wagte.

Auf der Türschwelle blieb sie noch einmal stehen, und halb zu mir

gewandt, fragte sie:

„Auch Asorka ist tot?“

„Ja, auch Asorka ist tot,“ antwortete ich, und mir schien die Frage so

sonderbar; sie klang so überzeugt davon, daß Asorka zusammen mit seinem

Herrn hatte sterben müssen.

Sie hörte meine Antwort an und verschwand dann lautlos durch die Tür,

die sie vorsichtig hinter sich zuschloß.

Eine Minute später stürzte ich der Kleinen nach, voll Ärger darüber, daß

ich sie hatte gehen lassen. Sie war so lautlos verschwunden, daß ich

nicht gehört, wie sie die zweite auf die Treppe hinausführende Tür

hinter sich zugeschlossen. „Die Treppe kann sie noch nicht verlassen

haben,“ dachte ich, und hielt lauschend still. Man vernahm weder ein

Geräusch noch Schritte. In einem unteren Stockwerk wurde eine Tür laut

zugeschlagen. Dann war wieder alles still.

Ich stieg eilig hinab. Die Treppe von meiner Wohnung in den vierten

Stock machte eine Biegung, erst von dort an führte sie geradeaus und

hinab. Es war eine dieser schmutzigen Hintertreppen, die man stets in

großen Mietshäusern mit kleinen Wohnungen findet. In diesem Augenblick

war es auf ihr vollständig finster. Ich tastete mich bis zum nächsten

Stockwerk hinunter und blieb dann stehen. Mir schien, als müsse sich

hier jemand vor mir auf dem Treppenabsatz versteckt haben. Ich tastete

mit den Händen längs der Wand und stieß ganz in der Ecke auf die Kleine,

die mit dem Gesichte zur Wand hin stand und leise, fast lautlos, weinte.

„Höre, warum fürchtest du dich?“ begann ich, „habe ich dich so sehr

erschreckt? Das tut mir leid. Als dein Großpapa starb, sprach er von

dir; das waren seine letzten Worte ... Bei mir liegen seine Bücher; sie

gehören jetzt wohl dir. Wie heißt du? Wo wohnst du? Er sagte, in der

sechsten Linie ...“

Doch konnte ich den Satz nicht beenden. Wie erschreckt darüber, daß ich

wissen konnte, wo sie wohne, schrie sie laut auf, stieß mich mit ihrer

mageren kleinen Hand beiseite und stürzte die Treppe hinunter. Ich

stürzte ihr nach. Unten vernahm ich noch ihre kleinen Schritte.

Plötzlich hörten sie auf ... Als ich auf die Straße trat, war sie nicht

mehr zu sehen. Ich eilte bis auf den Wosnessenskij-Prospekt hinunter und

als ich da anlangte, sah ich, daß alle meine Bemühungen vergebens waren:

sie war verschwunden. „Wahrscheinlich hat sie sich irgendwo vor mir

versteckt,“ dachte ich, „vielleicht gleich unten bei der Treppe.“

Sämtliche Werke 19 · 第 18 / 59 题