Fünf Tage nach dem Tode Smitts zog ich in dessen Wohnung ein. Den ganzen
Tag fühlte ich mich elend und traurig; das Wetter war feucht und kalt,
vom Himmel fiel halb Schnee, halb Regen. Nur gegen Abend zeigte sich für
einen Augenblick die Sonne und ein verlorener Strahl huschte, wohl aus
Neugier, für einen Augenblick zu mir ins Zimmer. Ich bedauerte es
bereits, hierher gekommen zu sein. Das Zimmer war ja groß, doch so
niedrig, feucht und öde, trotz der Möbel. Ich dachte mir gleich, daß ich
in dieser Wohnung den Rest meiner Gesundheit einbüßen würde. Und so
geschah es denn auch.
Den ganzen Morgen über hatte ich in meinen Papieren gelesen und sie in
Ordnung gebracht. Da ich keine Mappe besaß, hatte ich sie in einem
Kissenbezug hergebracht und alles durcheinander geworfen. Darauf setzte
ich mich hin um zu schreiben. Ich arbeitete damals an meinem großen
Roman, doch konnte ich die Gedanken nicht zusammenhalten, der Kopf war
mir so voll von anderen Dingen ...
Ich warf die Feder hin und setzte mich ans Fenster. Es dunkelte bereits
und auch in meiner Seele wurde es immer düsterer. Schwere Gedanken
lasteten auf mir. Es wurde mir klar, daß ich in Petersburg doch
schließlich untergehen mußte. Es nahte der Frühling; ich würde neu
aufleben, so schien es mir, wenn ich aus diesem Gefängnis wieder an die
freie Gotteswelt käme, den Duft frischer Wiesen und Wälder atmete, die
ich so lange nicht mehr gesehen! ... Mir ging noch der Gedanke durch den
Kopf, wie gut es wäre, wie durch einen Zauberspruch alles zu vergessen,
alles was ich in der letzten Zeit erlebt und erlitten, und mit frischem
Kopf und neuen Kräften von vorn wieder zu beginnen. Damals träumte ich
noch davon und hoffte auf eine Auferstehung. „Wie, wenn ich in ein
Irrenhaus käme, und dann gleichsam mein Gehirn von neuem gesundete.“ Ich
fühlte doch noch Lebensdurst in mir und glaubte an das Leben! ... Doch
auch bei diesem Gedanken lachte ich laut auf. „Und nach dem Irrenhause,
was würde dann folgen? Wirklich wieder Romane schreiben? ...“
So sann und trauerte ich, und die Zeit verstrich. Es war ganz dunkel
geworden. Am Abend stand mir ein Wiedersehen mit Natascha bevor; sie
hatte mich durch einen Brief vom Abend vorher dringend zu sich gebeten.
Ich sprang auf und bereitete mich vor, auszugehen. Es drängte mich
sowieso fort aus dieser Wohnung, einerlei wohin, in den Regen, in den
Schmutz.
Doch, je dunkler es wurde, um so geräumiger schien es bei mir im Zimmer
zu werden, das sich immer mehr und mehr erweiterte. Mir war, als müßte
ich in jeder Ecke des Zimmers den alten Smitt sehen, wie er so dasaß und
einen unbeweglich anstarrte, ihm zu Füßen Asorka. Und plötzlich
ereignete sich etwas, das tiefe Spuren in mir hinterließ.
Übrigens muß ich gestehen, daß es mir infolge nervöser Schwäche, oder
infolge der aufregenden Eindrücke in der neuen Wohnung und von der
Erkältung her geschehen konnte, daß ich bei zunehmender Dunkelheit in
einen Seelenzustand verfiel, der mich des öfteren in der Nacht
heimsuchte und den ich einen mystischen Schrecken nennen möchte. Es war
das die allerschrecklichste quälendste Furcht vor einem ungewissen
Etwas, das man selbst nicht näher zu erklären vermag: etwas nicht
Seiendes in der Ordnung der Dinge, das doch durchaus in jeder Minute zu
sein vermag, allen Vernunftgründen zum Trotz auftaucht und sich vor mir
als unerbittliche, schreckliche, unabwendbare Tatsache hinstellt. Die
Furcht wächst von Minute zu Minute, ungeachtet dessen, daß der Geist
in diesen Augenblicken noch größere Klarheit gewinnt, und
nichtsdestoweniger alle Macht verliert, dieser Empfindung
entgegenzutreten. Man gehorcht ihm nicht mehr, man kann ihn sich nicht
mehr nutzbar machen und die schreckliche Angst der Erwartung verdoppelt
sich langsam aber sicher.
Ich erinnere mich noch, ich stand mit dem Rücken zur Tür und griff nach
meinem Hut auf dem Tische, als mir der Gedanke kam, ich würde sofort
hinter mir den alten Smitt erblicken; die Tür würde sich langsam öffnen
und er würde auf der Schwelle stehen und ins Zimmer blicken, würde leise
mit gesenktem Kopf auf mich zukommen, sich vor mir aufstellen, seine
trüben Augen auf mich richten und plötzlich mir ins Gesicht lachen mit
seinem zahnlosen, unhörbaren Lachen, und sein großer Körper würde von
diesem Lachen hin- und hertanzen. Diese Vision richtete sich so klar und
deutlich in meiner Phantasie auf, daß es mir zur vollen,
unerschütterlichen Überzeugung wurde, daß alles das sofort geschehen
müsse, ja, vielleicht schon geschehen sei, und daß ich es nur nicht
gesehen, da ich mit dem Rücken zur Tür stand. In diesem Augenblick mußte
sich die Tür unbedingt öffnen, ich kehrte mich plötzlich um und – was
geschah? – die Tür öffnete sich wirklich leise, lautlos, genau so wie
ich es mir vorgestellt hatte. Ich schrie auf. Lange Zeit zeigte sich
niemand, als hätte die Tür sich von selbst geöffnet; plötzlich aber
erschien auf der Schwelle ein sonderbares Wesen: ein Paar Augen, die ich
kaum in der Dunkelheit unterscheiden konnte, blickten mich finster und
durchdringend an. Ein Schauer überlief meinen Körper. Zu meinem größten
Erstaunen sah ich, daß es ein Kind war, ein Mädchen, und wenn es sogar
Smitt selbst gewesen wäre, so hätte er mich vielleicht nicht so
erschrecken können, wie diese sonderbare, unerwartete Erscheinung eines
mir unbekannten Kindes, zu dieser Zeit und Stunde in meinem Zimmer.
Ich sagte bereits, daß die Kleine die Tür langsam und unhörbar öffnete.
Es war, als fürchtete sie sich, einzutreten. Als sie endlich auf der
Schwelle erschien, sah sie mich lange mit solcher Verwunderung an, als
wäre sie versteinert; zuletzt trat sie zwei, drei Schritte vor und
blieb, ohne ein Wort zu sagen, vor mir stehen. Jetzt konnte ich sie
deutlicher erkennen. Es war ein Kind von zwölf bis dreizehn Jahren,
klein von Wuchs, zart und blaß, als hätte es soeben eine schwere
Krankheit überstanden. Desto ausdrucksvoller aber leuchteten seine
großen, dunklen Augen. Mit der linken Hand hielt die Kleine über der
Brust ein altes, durchlöchertes Tuch zusammen, womit sie sich wohl vor
der Abendkälte zu schützen suchte. Bekleidet war sie, man kann ruhig
sagen, fast nur mit Lumpen. Das dichte dunkle Haar war ungekämmt und
zerwühlt. Wir standen uns ungefähr zwei Minuten lang so gegenüber, uns
gegenseitig anstarrend.
„Wo ist Großpapa?“ fragte sie endlich mit kaum hörbarer, heiserer
Stimme, als schmerzte ihr die Brust oder die Kehle.
Mein ganzer mystischer Schrecken war plötzlich verschwunden. Man fragte
nach Smitt! Ganz unerwartet kam ich also auf eine Spur von ihm!
„Dein Großpapa? Er ist gestorben!“ sagte ich ohne Besinnen, da ich auf
diese Frage garnicht vorbereitet war. Ich bereute es sofort. Einen
Augenblick blieb sie noch vor mir unbeweglich stehen, dann aber
erzitterte sie so heftig am ganzen Körper, daß ich fürchtete, sie bekäme
einen Nervenanfall. Ich mußte sie halten, damit sie nicht fiele. Nach
einigen Minuten wurde sie ruhiger und ich sah, mit welcher Anstrengung
sie ihre Erregung vor mir zu verbergen suchte.
„Vergib, vergib mir, mein Kind! Ich bin damit so einfach herausgeplatzt,
das war vielleicht nicht dein Großpapa ... Du Arme! ... Wen suchst du
eigentlich? Den Alten, der hier lebte?“
„Ja,“ brachte sie mit Anstrengung hervor und starrte mich unruhig an.
„Er hieß Smitt? Ja?“
„J–, Ja!“
„Also er ... nun, ja, er ist tot ... Sei nur nicht traurig, mein
Täubchen! Warum bist du nicht früher gekommen? Woher kommst du? Sie
haben ihn gestern beerdigt; er starb plötzlich, ganz unerwartet ... Du
bist also seine Enkelin?“
Die Kleine antwortete nicht auf meine überstürzten Fragen. Schweigend
kehrte sie sich um und ging fast lautlos aus dem Zimmer. Ich war so
bestürzt, daß ich sie nicht zurückhielt, noch sie etwas zu fragen wagte.
Auf der Türschwelle blieb sie noch einmal stehen, und halb zu mir
gewandt, fragte sie:
„Auch Asorka ist tot?“
„Ja, auch Asorka ist tot,“ antwortete ich, und mir schien die Frage so
sonderbar; sie klang so überzeugt davon, daß Asorka zusammen mit seinem
Herrn hatte sterben müssen.
Sie hörte meine Antwort an und verschwand dann lautlos durch die Tür,
die sie vorsichtig hinter sich zuschloß.
Eine Minute später stürzte ich der Kleinen nach, voll Ärger darüber, daß
ich sie hatte gehen lassen. Sie war so lautlos verschwunden, daß ich
nicht gehört, wie sie die zweite auf die Treppe hinausführende Tür
hinter sich zugeschlossen. „Die Treppe kann sie noch nicht verlassen
haben,“ dachte ich, und hielt lauschend still. Man vernahm weder ein
Geräusch noch Schritte. In einem unteren Stockwerk wurde eine Tür laut
zugeschlagen. Dann war wieder alles still.
Ich stieg eilig hinab. Die Treppe von meiner Wohnung in den vierten
Stock machte eine Biegung, erst von dort an führte sie geradeaus und
hinab. Es war eine dieser schmutzigen Hintertreppen, die man stets in
großen Mietshäusern mit kleinen Wohnungen findet. In diesem Augenblick
war es auf ihr vollständig finster. Ich tastete mich bis zum nächsten
Stockwerk hinunter und blieb dann stehen. Mir schien, als müsse sich
hier jemand vor mir auf dem Treppenabsatz versteckt haben. Ich tastete
mit den Händen längs der Wand und stieß ganz in der Ecke auf die Kleine,
die mit dem Gesichte zur Wand hin stand und leise, fast lautlos, weinte.
„Höre, warum fürchtest du dich?“ begann ich, „habe ich dich so sehr
erschreckt? Das tut mir leid. Als dein Großpapa starb, sprach er von
dir; das waren seine letzten Worte ... Bei mir liegen seine Bücher; sie
gehören jetzt wohl dir. Wie heißt du? Wo wohnst du? Er sagte, in der
sechsten Linie ...“
Doch konnte ich den Satz nicht beenden. Wie erschreckt darüber, daß ich
wissen konnte, wo sie wohne, schrie sie laut auf, stieß mich mit ihrer
mageren kleinen Hand beiseite und stürzte die Treppe hinunter. Ich
stürzte ihr nach. Unten vernahm ich noch ihre kleinen Schritte.
Plötzlich hörten sie auf ... Als ich auf die Straße trat, war sie nicht
mehr zu sehen. Ich eilte bis auf den Wosnessenskij-Prospekt hinunter und
als ich da anlangte, sah ich, daß alle meine Bemühungen vergebens waren:
sie war verschwunden. „Wahrscheinlich hat sie sich irgendwo vor mir
versteckt,“ dachte ich, „vielleicht gleich unten bei der Treppe.“