IX.

Ich sah ihn scharf an, obgleich ich ihn schon des öfteren gesehen; ich

sah ihm tief in die Augen, als hätte sein Blick alle meine Zweifel lösen

können, wodurch er dieses Kind so bezaubert, in ihr diese wahnsinnige

Liebe wachgerufen hatte, eine Liebe bis zum Vergessen jeglicher Pflicht,

eine Liebe, der Natascha alles, was ihr bis jetzt heilig gewesen, zum

Opfer bringen wollte. Der Fürst nahm meine beiden Hände, schüttelte sie

kräftig und sein bescheidener und heller Blick drang mir tief in die

Seele.

Ich fühlte, daß ich mich – zumal er mein Feind war – in meinem Urteil

über ihn hatte irren können, denn ich liebte ihn nicht, habe ihn auch

niemals lieben können – ich war die einzige Ausnahme unter allen, die

ihn kannten. Hartnäckig konnte ich mich an vieles nicht gewöhnen,

besonders nicht an sein elegantes Äußeres, vielleicht weil es schon zu

elegant und gesucht war.

Später begriff ich, daß ich ihn auch darin parteiisch beurteilt hatte.

Er war hoch und schlank; sein Gesicht war von länglicher Form und immer

bleich; er hatte blondes Haar und große blaue Augen, die milde und

nachdenklich in die Welt schauten und aus denen dann zuweilen eine

kindliche Freude aufleuchtete. Seine vollen roten Lippen hatten einen

wunderschönen Schnitt und um den festgeschlossenen Mund lag ein seltsam

ernster Zug; um so unerwarteter und bezaubernder war dann sein Lächeln,

so naiv und gutherzig, daß man, in welcher Stimmung man sich auch

befand, unwillkürlich mitlächeln mußte und dabei das Bedürfnis empfand,

genau so zu lächeln, wie er. Er kleidete sich, wie gesagt, sehr elegant,

doch diese Eleganz kostete ihm keine Mühe, sie schien ihm angeboren.

Freilich besaß er auch einige von den schlechten Gepflogenheiten und

Angewohnheiten des guten Tones: Leichtsinnigkeit, Selbstgenügsamkeit und

höfliche Grobheit. Doch war er offenherzig und sich seiner

Angewohnheiten so bewußt, daß er sich selbst tadelte und über sie

lachte. Mir scheint es, daß dieses Kind von Jüngling nicht einmal im

Scherz hätte lügen können, und wenn er es je getan, so würde er sich

gewiß nichts Schlechtes dabei gedacht haben. Sogar sein Egoismus war

anziehend, vielleicht weil er so offensichtlich war und nichts zu

verbergen suchte. Er war schwach, vertrauensselig und schüchtern und

hatte gar keine Willenskraft. Ihn zu betrügen und zu beleidigen wäre

eine Sünde gewesen, so wie es Sünde ist, ein Kind zu beleidigen und zu

betrügen. Er war, was seiner Jugend entsprach, vollständig naiv und

unwissend und verstand nichts vom wirklichen Leben; übrigens würde er

auch mit vierzig Jahren nichts von ihm verstanden haben. Solche Menschen

sind zu einer ewigen Unmündigkeit verurteilt. Ich glaube, es gab keinen

Menschen, der ihn nicht liebte, er war zu jedem zärtlich wie ein Kind.

Natascha hatte recht; er wäre vielleicht imstande gewesen, schlecht zu

handeln, durch schlechten, starken Einfluß dazu veranlaßt, doch hätte er

über die Folgen seiner Tat vor Reue sterben können. Natascha fühlte

instinktiv, daß sie seine Herrin, seine Beherrscherin und er ihr Opfer

sein würde. Sie berauschte sich im voraus an dem Gefühl, ihn sinnlos zu

lieben, und denjenigen, den sie liebte, sinnlos zu quälen, nur weil sie

ihn liebte – deshalb war es ihr vielleicht ein Bedürfnis, sich selbst

zuerst zu opfern. Doch auch aus seinem Ärger strahlte Liebe, und er

betrachtete sie mit Entzücken. Triumphierend sah sie mich an. In diesem

Augenblick vergaß sie alles – die Eltern, den Abschied und jedes

Mißtrauen ... In diesem Augenblick war sie glücklich.

„Wanjä!“ rief sie, „ich fühle mich schuldig vor ihm und bin seiner nicht

wert! Ich dachte schon, du würdest nicht mehr kommen, Aljoscha. Vergiß

meine schlechten Gedanken, Wanjä. Ich werde alles wieder gut machen!“

fügte sie hinzu und sah ihn mit grenzenloser Hingebung an.

Er lächelte und küßte ihre Hand, und, ohne die Hand freizugeben, wandte

er sich an mich.

„Verurteilen Sie mich nicht. Schon lange wollte ich Sie als meinen

Bruder umarmen; sie hat mir viel von Ihnen erzählt. Wir sind uns bis

jetzt eigentlich fremd geblieben. Wollen wir Freunde sein und ...

verzeihen Sie uns,“ fügte er noch mit halber Stimme und etwas errötend

mit seinem bezaubernden Lächeln hinzu, sodaß ich nicht anders konnte,

als seinen Vorschlag von ganzem Herzen anzunehmen.

„Ja, ja, Aljoscha,“ griff Natascha auf, „er ist unser, unser Bruder, er

hat uns schon verziehen und ohne seine Freundschaft würden wir nicht

glücklich sein. Ich habe es ihm bereits gesagt ... Oh, grausame Kinder

sind wir, Aljoscha! Doch wir werden zu dreien leben ... Wanjä!“ fuhr sie

fort und ihre Lippen zitterten ein wenig, „sieh, du gehst jetzt zu ihnen

nach Haus; du hast ein goldenes Herz, wenn sie mir auch nicht vergeben

wollen, so werden sie sehen, daß du mir vergeben hast, und das wird sie

weicher stimmen. Erzähle ihnen alles, alles, mit deinen von Herzen

kommenden Worten. Verteidige mich, rette mich; sage ihnen die Gründe

meiner Tat, so wie du sie verstanden hast. Weißt du, Wanjä, ich hätte

mich vielleicht heute nicht dazu entschließen können, wenn du nicht

gekommen wärest! Du bist meine Rettung: ich habe sofort an dich gedacht

und gehofft, du würdest es ihnen mitteilen, du würdest den ersten

Schmerz mildern helfen. O, Gott! Sage ihnen von mir, Wanjä, ich wüßte

es, daß sie mir nicht mehr vergeben, doch wenn sie mich auch verfluchen

sollten, so würde ich sie mein ganzes Leben segnen und für sie beten.

Mein Herz ist bei ihnen! Ach, warum können wir nicht alle zusammen

glücklich sein! Warum, warum! ... O Gott! Was habe ich getan!“ rief sie,

sich plötzlich besinnend, und vor Entsetzen erschauernd schlug sie die

Hände vor ihr Gesicht. Aljoscha umarmte sie und drückte sie schweigend

an sich. Wir schwiegen alle drei.

„Und Sie konnten ein solches Opfer von ihr verlangen!“ sagte ich zu ihm

mit vorwurfsvollem Blick.

„Verurteilen Sie mich nicht!“ wiederholte er, „ich versichere Ihnen, daß

alle Qualen, wenn sie auch jetzt sehr heftig sind – nicht von langer

Dauer sein werden. Ich bin davon vollkommen überzeugt. Man muß nur den

Mut haben, diesen ersten Augenblick zu ertragen, dasselbe hat auch sie

mir gesagt. Sie wissen, daß dieser Familienstolz, dieser sinnlose Prozeß

an allem die Schuld trägt ... Doch (ich habe es mir lange überlegt,

versichere ich Ihnen) das alles muß einmal ein Ende nehmen. Wir werden

uns alle wieder miteinander aussöhnen und vollständig glücklich sein.

Wer weiß, vielleicht wird unsere Vermählung der erste Schritt zur

Aussöhnung sein. Ich glaube sogar, daß es gar nicht anders sein kann.

Was glauben Sie?“

„Sie sagen: Vermählung. Wann werden Sie sich denn trauen lassen?“ fragte

ich, auf Natascha blickend.

„Morgen oder übermorgen; wenigstens übermorgen bestimmt. Sehen Sie, ich

selbst weiß es noch nicht genau, und um die Wahrheit zu sagen, habe ich

auch noch keine Schritte getan. Ich dachte, vielleicht kommt Natascha

heute gar nicht. Dazu wollte mich mein Vater noch durchaus zu meiner

Braut führen (Sie wissen, man will mich verheiraten; Natascha hat es

Ihnen doch erzählt? Ich aber will nicht). So konnte ich auf nichts

Bestimmtes rechnen. Sicher lassen wir uns übermorgen trauen. Auf dem

Wege nach Pskoff, nicht weit von hier, lebt auf dem Lande ein Freund von

mir, aus dem Lyzeum, ein sehr guter Mensch, Sie werden ihn vielleicht

noch kennen lernen. Im Dorfe wird es doch auch einen Geistlichen geben,

bestimmt weiß ich es zwar nicht. Ich hätte mich früher darnach

erkundigen sollen, doch bin ich noch nicht dazu gekommen. Im übrigen

sind das doch alles Nebensachen. Man könnte im Notfalle aus einem

Nachbardorfe einen Geistlichen holen; wie denken Sie darüber? Schade,

daß ich meinem Kameraden noch nichts davon geschrieben habe, man hätte

ihn benachrichtigen sollen. Vielleicht ist mein Freund noch nicht einmal

anwesend. Das ist jedoch das Wenigste! Man muß nur wollen, alles andere

wird sich schon finden, nicht wahr? Doch bis morgen oder übermorgen wird

sie bei mir bleiben. Ich habe eine Wohnung gemietet, in der wir leben

werden. Ich werde nicht mehr zu meinem Vater zurückkehren, nicht wahr

Natascha? Sie werden uns besuchen? Ich habe alles sehr nett

eingerichtet. Meine Freunde werden mich besuchen; ich werde

Gesellschaftsabende ...“

Voll Unwillen und zugleich tiefem Kummer hörte ich ihm zu. Natascha sah

mich flehend an, ihn nicht allzu streng zu beurteilen. Sie hörte seinen

Erzählungen mit traurigem Lächeln liebevoll zu, wie man einem lieben

fröhlichen Kinde bei seinem süßen und unsinnigen Geplapper zuhört. Ich

sah sie vorwurfsvoll an. Mir war unerträglich schwer zumut.

„Doch Ihr Vater?“ fragte ich. „Sind Sie fest überzeugt, daß er Ihnen

verzeihen wird?“

„Versteht sich; was bleibt ihm denn anderes übrig? Das heißt, zuerst

wird er mich natürlich verfluchen; davon bin ich überzeugt. Er ist schon

einmal so, und zu mir ist er immer sehr streng. Vielleicht wird er auch

versuchen, seine väterliche Macht mir gegenüber zu gebrauchen ... Doch

das ist nicht ernst zu nehmen. Er liebt mich namenlos; er wird sich

ärgern und mir doch verzeihen. Dann werden wir uns alle aussöhnen und

alle glücklich sein. Auch ihr Vater ...“

„Wenn er aber nicht verzeiht? Haben Sie auch darüber nachgedacht?“

„Er wird mir unbedingt verzeihen, wenn auch nicht sofort. Nun, was tut

es? Ich werde ihm zeigen, daß auch ich Charakter besitze. Er macht mir

immer Vorwürfe, daß ich keinen Charakter habe, daß ich leichtsinnig sei.

Jetzt kann er sehen, ob ich leichtsinnig bin oder nicht? Verheiratet

sein, ist keine Kleinigkeit. Ich bin kein Kind mehr ... das heißt, ich

wollte sagen, daß ich dann so sein werde, wie die anderen ... ich meine,

wie andere verheiratete Männer. Ich werde mir selbst mein Brot

verdienen. Natascha sagt, daß es besser sei, so zu leben, als auf

Rechnung anderer, wie wir alle leben. Wenn Sie wüßten, wie viel Gutes

sie mir sagt! Ich wäre selbst nie darauf gekommen, ich bin nicht so

aufgewachsen, man hat mich nicht so erzogen. Freilich, ich weiß es

selbst, daß ich leichtsinnig bin und zu nichts fähig; doch wissen Sie,

vorvorgestern hatte ich einen sonderbaren Gedanken. Es ist eigentlich

nicht gerade der richtige Augenblick, um davon zu sprechen, doch möchte

ich es gern tun, um Ihren Rat zu hören. Sehen Sie: ich möchte Romane

schreiben und sie an Zeitungen verkaufen, so wie Sie es tun. Werden Sie

mir dabei helfen, nicht? Ich habe auf Sie gerechnet und mir gestern die

ganze Nacht über einen Roman ausgedacht, so zur Probe, und wissen Sie:

es kann wirklich eine nette Sache werden. Das Sujet habe ich aus einer

Skribeschen Komödie genommen ... Ich werde Ihnen später davon erzählen.

Die Hauptsache ist, daß man dafür Geld bekommt ... Ihnen gibt man doch

Geld dafür!“

Ich mußte lächeln.

„Sie lachen,“ sagte er, gleichfalls lächelnd.

„Nein, hören Sie mich an,“ fügte er mit unglaublicher Naivität hinzu,

„beurteilen Sie mich nicht darnach, wie ich scheine; ich besitze viel

Beobachtungsvermögen; Sie werden selbst sehen. Warum soll ich es nicht

versuchen? Vielleicht gelingt es mir ... Doch andererseits haben Sie

recht; ich verstehe nichts vom wirklichen Leben; das hat mir Natascha

auch gesagt, übrigens sagen es alle; was kann ich für ein Schriftsteller

werden? Lachen Sie nur, lachen Sie mich nur aus, wirken Sie nur auf mich

ein, und machen Sie mich nur besser als ich bin – Sie tun es ja für sie,

Sie lieben sie ja doch. Ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß ich ihrer

nicht wert bin, das fühle ich; es fällt mir sehr schwer, ich weiß gar

nicht, wofür sie mich so lieb hat? Und doch – ich würde ihr mein ganzes

Leben hingeben wollen! Wirklich, bis zu diesem Augenblick habe ich

nichts gefürchtet, doch jetzt packt mich die Furcht! Herrgott! Sollte es

einem Menschen, der sich ganz seiner Pflicht hingibt, wirklich an

Geschick und Kraft fehlen, diese Pflicht zu erfüllen? Helfen Sie uns

doch, Sie, unser Freund! Sie sind der einzige Freund jetzt, der uns

geblieben ist. Denn was verstehe ich allein davon! Verzeihen Sie, daß

ich mich so auf Sie verlasse, aber ich halte Sie für einen edlen

Menschen und für besser als mich. Doch ich werde mich bessern, seien Sie

überzeugt davon, und will Ihrer beider wert sein.“

Er drückte mir hierbei wieder die Hand und aus seinen freundlichen Augen

strahlte eine aufrichtige Hingabe. So vertrauensvoll reichte er mir die

Hand, so überzeugt, daß ich sein Freund sei!

„Sie wird mir helfen, mich zu bessern,“ fuhr er fort. „Denken Sie bitte

nicht schlecht von uns, machen Sie sich keine Sorgen um uns. Ich mache

mir viel Hoffnungen und in materieller Beziehung werden wir gewiß

gesichert sein. Wenn es, zum Beispiel, mit dem Roman nicht gehen sollte

(um die Wahrheit zu sagen, habe ich gleich, als ich davon sprach, bei

mir gedacht, daß der Roman nur eine Dummheit sei, und ich erzählte es

Ihnen nur, um Ihre Meinung darüber zu erfahren), wenn der Roman mir

nicht gelingen sollte, so könnte ich im äußersten Fall Musikunterricht

erteilen. Sie wissen es vielleicht nicht, daß ich musikalisch bin? Ich

werde mich nicht schämen, von derartiger Arbeit zu leben. Ich schließe

mich in dem Falle vollständig den neuen Ideen an. Außerdem besitze ich

viele Wertsachen, Bibelots, Toilettengegenstände: was sollen sie mir?

Ich werde sie verkaufen und, wir können lange Zeit hindurch davon leben!

Schließlich kann ich im äußersten Falle immer noch als Beamter

eintreten. Mein Vater wird sich sogar darüber freuen, er hat es schon

längst gewünscht, ich habe mich unter dem Vorwand, kränklich zu sein,

davon frei gemacht. Sowie er aber sehen wird, daß die Ehe mir Nutzen

bringt, mich vernünftig macht, und ich wirklich in den Staatsdienst

getreten bin ... so wird er sich freuen und mir alles verzeihen ...“

„Haben Sie auch, Alexei Petrowitsch, bedacht, was zwischen Ihrem und

Nataschas Vater daraus entstehen wird? Was, glauben Sie, was wird wohl

heute abend in ihrem Hause geschehen?“

Ich wies hierbei auf die totenbleich dastehende Natascha. Ich war

erbarmungslos.

„Ja, ja, Sie haben recht, das ist furchtbar!“ antwortete er. „Ich habe

schon daran gedacht und seelisch sehr darunter gelitten ... Doch was ist

zu machen? – Sie haben recht: wenn doch nur wenigstens ihre Eltern uns

vergeben würden! Wenn Sie wüßten, wie ich sie beide geliebt habe! Sie

standen mir so nahe, als wären sie meine eigenen Eltern! – und womit

zahle ich es ihnen heim?! Ach, diese Streitigkeiten, diese Prozesse! Sie

glauben nicht, wie schrecklich das ist! Und warum streiten sie sich.

Alle lieben wir uns gegenseitig, und streiten uns! Man sollte sich

endlich aussöhnen und der Sache ein Ende machen! Ich würde es tun an

ihrer Stelle ... Furchtbar sind Ihre Worte. Natascha, es ist

schrecklich, was wir zu tun beabsichtigen! Ich habe es schon früher

gesagt ... Du selbst hast darauf bestanden ... Doch, hören Sie, Iwan

Petrowitsch, es kann sich noch alles zum Guten wenden. Wir werden sie

aussöhnen. Gewiß, es muß sein; sie werden unserer Liebe nicht

widerstehen können ... Mögen sie uns verfluchen, wir werden sie dennoch

lieb haben; sie werden nachgeben. Sie glauben mir nicht, was für ein

gutes Herz manchmal mein Vater hat! Er blickt nur so finster unter den

Brauen hervor, doch ist er oft sehr zugänglich. Wenn Sie wüßten, wie

liebevoll er heute mit mir gesprochen, wie er mich zu überzeugen

versuchte! Und ich handle gerade heute gegen seinen Willen; das stimmt

mich sehr traurig. Und alles dieser elenden Vorurteile wegen! Das ist

einfach – Wahnsinn! Wenn er sich doch Natascha nur einmal ordentlich

ansehen, mit ihr eine halbe Stunde zusammensein wollte? Er würde uns

sofort alles erlauben.“

Bei diesen Worten blickte er in leidenschaftlicher Zärtlichkeit auf

Natascha.

„Tausendmal habe ich mir vorgestellt,“ setzte er sein Geplauder fort,

„wie er sie lieben wird, wenn er sie nur kennen lernt, und wie sie sie

alle in Verwunderung setzen würde. Denn sie haben doch alle noch nicht

ein solches Mädchen gesehen! Der Vater denkt, daß sie eine Intrigantin

ist. Meine Pflicht ist es, ihre Ehre wieder herzustellen, und das werde

ich tun! Ach, Natascha! Dich werden alle lieben, alle, es gibt keinen

Menschen, der dich nicht lieben müßte,“ fügte er begeistert hinzu. „Wenn

ich deiner auch nicht wert bin, so liebst du mich doch, ich aber ... O,

du kennst mich doch! Und haben wir denn noch mehr nötig zu unserem

Glück! Nein, ich glaube, glaube daran, daß dieser Abend uns allen

zusammen Glück, Friede und Eintracht bringt. Gesegnet sei dieser Abend!

Nicht, Natascha? Doch, was ist mit dir? Mein Gott, was fehlt dir?“

Sie war bleich wie eine Tote. Sie hatte während Aljoschas weitläufiger

Rede kein Auge von ihm gewandt, doch allmählich wurde ihr Blick immer

trüber und starrer und ihr Antlitz blässer und blässer. Mir schien es,

daß sie zuletzt kaum mehr zuhörte und völlig abwesend dastand. Der

Ausruf Aljoschas weckte sie aus ihrer Versunkenheit. Sie fuhr zusammen,

schaute um sich und – wandte sich plötzlich zu mir. In aller Eile, und

als ob sie es vor Aljoscha verbergen wollte, zog sie aus der Tasche

einen Brief und gab ihn mir. Er war an ihre Eltern gerichtet und am

Abend vorher geschrieben worden. Als sie ihn mir reichte, sah sie mich

scharf und durchdringend an, als hätte sie sich mit ihrem Blick an mich

festgesogen. In diesem Blick lag eine solche Verzweiflung, niemals

vergesse ich diesen schrecklichen Blick! Mich schauderte: ich sah, daß

sie sich in diesem Moment der ganzen Tragweite ihres Schrittes bewußt

wurde. Sie wollte nur etwas sagen, sie begann schon und, plötzlich –

verlor sie das Bewußtsein. Ich fing sie auf. Aljoscha erbleichte vor

Schreck; er rieb ihre Schläfen, küßte ihre Hände, ihre Lippen. In zwei

Minuten kam sie wieder zu sich. Nicht weit von uns entfernt stand die

Droschke, in der Aljoscha gekommen war; er rief sie herbei. Als Natascha

in den Wagen gehoben wurde, preßte sie wie unsinnig meine Hand und heiße

Tränen rannen über meine Finger. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Ich

stand noch lange an derselben Stelle und schaute ihm nach. Mein ganzes

Glück entschwand in diesem Augenblick und mein Leben zerbrach in zwei

Hälften. Schmerzhaft mußte ich das empfinden. ... Langsam ging ich den

Weg zurück, zu den Alten. Ich wußte nicht, was ich ihnen sagen sollte,

noch wie ich zu ihnen ins Zimmer treten wollte. Meine Gedanken

erstarrten mir, meine Füße wankten ...

Und das ist die Geschichte meines Glückes! Das war das Ende meiner

Liebe: Ich werde nun in der unterbrochenen Erzählung fortfahren.

Sämtliche Werke 19 · 第 17 / 59 题