Wenn ich nun auch das Geschlechtsleben der Europäer in den Tropen mit

einigen Worten bespreche, so bin ich mir der Schwierigkeiten bewusst,

welche damit verbunden sind; denn nur die Erfahrung aus +wenigen+

Fällen kann das Thatsächliche meiner Mittheilungen sein. Peccatur

intra et extra muros Trojae. Ueberall wird gesündigt, in Europa und

in Indien; aber unrichtig ist es, dass, wie so oft angenommen wird,

in Indien die Europäer auf schlechtem Fusse mit der Moral im Eheleben

stünden. Weil die Zahl der Europäer eine kleine ist, und weil die

Wohnungen den ganzen Tag den neugierigen Blicken der Nachbarn exponirt

sind, so werden die Sünden des Einzelnen schneller und leichter

bekannt, als in Europa. Ich habe hier wie dort solide Ehemänner

gekannt; ich habe in Indien ebenso viele Frauen gekannt, welche nicht

der geringste Vorwurf einer ehelichen Untreue treffen konnte, als in

Europa.

Andere behaupten wiederum das Gegentheil. Die Tropensonne sollte auf

den Mann erschlaffenden und auf die Frau erregenden Einfluss nehmen.

Dies ist sicher nicht wahr. Der Totaleindruck, den ich diesbezüglich

während meines 21jährigen Aufenthaltes in Indien gewann, ist ein ganz

anderer gewesen. Ob es nun die Gluth der Tropensonne, oder das üppige

Leben, oder der Mangel an geistigen Genüssen sei, oder alle diese

Factoren zusammen, thatsächlich ist auch das Geschlechtsleben der

Europäer in Indien ein intensiveres als in Europa. Es ist aber doch ein

grosser Unterschied, ob der Europäer in Indien oder in Europa erzogen

wurde. Hat der Europäer in Indien seine Wiege, sei er Vollblut-Europäer

oder habe er eingeborenes Blut in sich, so wird durch den Umgang mit

den eingeborenen Bedienten frühzeitig die Geschlechtslust erweckt, und

es ist, wie ich schon früher erwähnt habe, keine Seltenheit, einen

Realschüler oder einen Gymnasiasten an einer Blenorrhoe urethrae

behandeln zu müssen. Auch die Mädchen werden frühzeitig in die

Geheimnisse des Ehe- und Geschlechtslebens eingeweiht, so dass es oft

den Eltern viel Mühe kostet, sie vor einem Falle zu schützen. Nebstdem

sind die in Indien geborenen Europäer im Allgemeinen viel besser mit

den Aphrodisiaca und mit den Kunstmitteln betraut, welche den Genuss

in der Liebe erhöhen sollen. Auch das grosse Reich der Liebestränke

der Eingeborenen ist ihnen geläufiger als jenen Europäern, welche in

Holland ihre Erziehung genossen haben. Ich sah und sprach selbst mit

europäischen Damen, welche in ihrem ganzen Denken und Fühlen, und

besonders in der Unbefangenheit, mit welcher sie das geschlechtliche

Leben besprachen, kaum von eingeborenen Frauen unterschieden werden

konnten. Diese halten wohl, wie Dr. van der Burg schreibt, das Factum

der geschlechtlichen Vereinigung und Alles, was damit zusammenhängt,

vor der Umgebung geheim, d. h. nichts Anderes als die Handlung selbst;

sie finden das Küssen coram publico unanständig, führen aber mit ihren

Kameradinnen und anderen Frauen Gespräche, welche Damen, die dieses

nicht gewohnt sind, die Schamröthe ins Gesicht treibt. Die »Sachen«

werden ganz gewöhnlich und oft in ordinären Ausdrücken bei ihrem Namen

genannt, und es ist nur schwer zu verhindern, dass europäische Kinder

schon in ihrer frühesten Jugend in Sachen eingeweiht werden, welche

selbst den Erwachsenen in Europa nicht immer bekannt sind. Kleine

Kinder werden bei der Entbindung der Mutter nicht entfernt, sehen

zu, was da geschieht, erzählen und besprechen die geschlechtlichen

Unterschiede u. s. w.

Diese Charakterisirung der eingeborenen Frauen ist ceteris paribus auch

auf die europäischen Damen anwendbar, welche in Indien geboren sind;

natürlich zeigen nicht Alle diese Ungenirtheit im Gespräche in gleichem

Maasse; aber alle sind freier in ihren Ausdrücken als Frauen desselben

Standes in Europa. Ich selbst habe z. B. in Gesellschaft von drei

Officiersfrauen Witze über mich ergehen lassen müssen, welche in Europa

gewiss nie und nimmer in diesen Kreisen aus zartem Frauenmunde gehört

wurden.

Im Jahre 188.. wurde ein Officier nach Atschin transferirt, wo seit

mehr als 25 Jahren ein Guerillakrieg geführt wird. Sein Ersuchen,

seine junge Frau mitnehmen zu dürfen, wurde nicht bewilligt und --

seine Frau gab ihm ihre Zofe als »Haushälterin« mit.

Vor dem Forum der Moral wird die Toleranz dieser jungen Frau vielleicht

verurtheilt werden; das Gelübde der ehelichen Treue bricht dieser

Officier aber nur mit Wissen seiner Frau -- volenti non fit injuria

--, vom Utilitätsstandpunkte aus jedoch betrachtet, verliert dieser

»Ehebruch« jeden Vorwurf.

Die Gelegenheit zu sündigen ist in Indien sehr gross; auch in Atschin

giebt es zahlreiche Soldatenfrauen, und auf dem Strandplatz Oleh-leh

zahlreiche malayische, chinesische und andere Prostituées (europäische

werden von der holländischen Regierung im ganzen Archipel nicht

zugelassen), welche jeden Strohwittwer in seiner freien Zeit in ihre

Netzstricke zu locken suchen. Die Gefahren einer venerischen oder

luetischen Erkrankung, welche ihrem Manne drohten, kannte diese junge

Officiersfrau, während die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Mann bei

dieser »Haushälterin« ein Kind würde bekommen, sehr klein war. Wenn

man nämlich einer eingeborenen Frau verbietet, ein Kind zu bekommen,

so weiss sie die Conception zu verhindern. Unsere junge Officiersfrau

wählte also zwischen zwei Uebeln das kleinere, und nach 14 Monaten

Abwesenheit kam ihr Mann, gesund an Leib und Seele, zurück. Die frühere

Zofe wurde natürlich aus ihrer alten und neuen Stellung entschlagen und

suchte und fand einen andern Dienst.

Da die eingeborenen Frauen gerne als »Haushälterinnen« bei den

europäischen jungen Leuten in Dienst treten, da ihre eheliche Treue

gegen ihre eigenen Männer vieles zu wünschen übrig lässt, und da die

Zahl der gewilligen eingeborenen Frauen gross und die der Prostituées

noch viel grösser ist, so ist, wie ich schon oben erwähnt habe, die

Gelegenheit zu sündigen sehr gross; und doch sind auch in Indien, trotz

der Gluth der Tropensonne und trotz des üppigen Lebens, die Fesseln der

Ehe als Grundlage des ganzen gesellschaftlichen und staatlichen Lebens

ebenso hoch geschätzt und geheiligt als in Europa.

12. Capitel.

Abreise von Borneo -- Tod meiner zwei Hausfreunde durch Leberabscesse

-- Bandjermasing nach 100 Jahren.

Am 4. October 1880 wurde meine Transferirung nach Weltevreden

beschlossen, und schon 14 Tage später kam ein Regierungsdampfer

von Bandjermasing nach Buntok und brachte meinen Nachfolger, Dr.

Posewitz. Der Dampfer konnte und wollte nicht länger als einen Tag

in Buntok bleiben; ich stand also vor der Wahl, entweder in einem

Tage alles einzupacken und die Apotheke, Spital und den ganzen Dienst

zu übergeben, vielleicht auch noch Auction zu halten, oder den

Dampfer ohne mich abreisen zu lassen und späterhin mit einem Kahn

nach Bandjermasing zu gehen. Zudem ging von der Hauptstadt erst am

30. des Monates das Dampfschiff nach Surabaya, und es bestand eine

Commandementsordre, dass bei Transferirungen nach einer andern Insel

die Militär-Commandanten ihre Officiere u. s. w. an einem solchen Datum

nach Bandjermasing schicken sollten, dass diese nicht länger als 2-3

Tage dort auf die Abreise des Schiffes zu warten brauchten.

Meine Sammlung von Häuten, Fischen und Schlangen hinderte mich nicht,

sofort abzureisen; ich war ja schon mehr als 3 Jahre auf einem

»Buitenposten«, wo die Regierung niemals einen Officier länger als

diese Zeit lässt, um ihn nicht menschenscheu werden zu lassen; ich

war also täglich meiner Transferirung gewärtig. Ich liess durch mein

Factotum Tilly sofort alle Büchsen sortiren und in Kisten einpacken.

Meine kleine Menagerie existirte damals auch nicht mehr. Beim Verlassen

des Forts Teweh habe ich das Affenhäuschen nicht mitgenommen; ich gab

den Affen die Freiheit. Dieses hatte ich früher schon öfter gethan; sie

entfernten sich niemals von der nächsten Umgebung des Fortes; sie mögen

wohl am 1. Januar 1880 erstaunt gewesen sein, dass gegen den Abend

mein Bedienter sie nicht mit Früchten zum Hause gelockt hat, und mein

Bela sie nicht mit seinem Bellen begrüsste. Meine Menschenaffen waren

ausgestorben; die beiden Wau-Waus (Hylobates concolor) waren schon

in Teweh den Leberabscessen erlegen (+nicht+ der Tuberculosis),

und meine zwei Orangs hatte die Pylephlebitis ulcerosa hinweggerafft.

Am schwersten traf mich der Verlust des einen Gibbon; so ausgelassen

und übermüthig er war, so treu und anhänglich zeigte er sich zu mir.

Ich habe Niemandem mein Beileid versagt, der um den Tod eines Hundes

übermässig trauerte; denn noch heute betrauere ich den Verlust dieses

liebenswürdigsten aller Affen. Wie ein Kind legte er seine langen Arme

um meinen Hals und sah mich mit so innigem, liebevollem Blick an, als

der Todesengel an ihn trat, dass sich mir dieser Blick noch bis zum

heutigen Tage, also nach 19 Jahren, in meine Erinnerung eingeprägt hat.

+Die Affen lieben wie die Menschen, sie fühlen wie die Menschen, sie

hassen wie wir und sterben wie die Menschen.+

Ich verliess also das Innere Borneos mit einem Dampfer, blieb ungefähr

8 Tage in Bandjermasing, und erleichterten Herzens schiffte ich mich

Ende October 1880 ein, um für viele Jahre nicht mehr den Segnungen der

Civilisation entrückt zu sein.

Wie üblich bei der Abreise eines Officiers, spielte die Militärmusik am

Ufer ihre ohrenzerreissenden[68] Weisen, den befreundeten Officieren

und Beamten galt mein letzter Gruss, und ich blieb am Hintertheil

des Schiffes stehen, um noch einmal, und zwar zum letzten Male,

das pittoreske Bild der Ufer der Martapura und des Baritu an mir

vorbeiziehen zu lassen. Es war bereits Nachmittags, als wir die breite

Mündung des Baritu und die grosse Sandbank überschifft hatten; im

Schiffsraum war die Luft zu heiss, und ein unangenehmer Geruch von

Maschinenöl und der Küche durchdrang die tieferen Räume. Auf dem Deck

nahm ich also mein Mittagschläfchen.

* * * * *

Bawean in Sicht, rief der Controleur M., welcher zu gleicher Zeit als

ich die Insel Borneo verliess, und es ist schon 4 Uhr; wollen Sie

keinen Thee nehmen? Ohne ihn nur einer Antwort zu würdigen, drehte ich

mich auf die andere Seite und -- träumte.

Es war der 31. October 1990. La-ilâha illa llahu wa Muhamadun

rasul-l-lahie sangen hunderte von Stimmen am Ufer der Tanah Laut, wo

die Spitzen der Behörden mit hunderten der Eingeborenen die Ankunft des

neuen Residenten erwarteten. Denn ein Sturm peitschte die Wellen des

Meeres, wie ihn die Aeltesten des Landes hier an der Küste der Javasee

noch niemals gekannt, noch niemals gesehen hatten. Auf dem Berge

Tungul stand ein Fort, und sein elektrischer Scheinwerfer warf jede 10

Minuten ein mächtiges Strahlenbündel hinaus in die sturmbewegte See, um

das Schiff zu suchen, welches den neuen Residenten an Bord hatte. So

mancher Seufzer der europäischen Beamten gesellte sich zu dem lauten

Gebete der Mohammedaner und der dajakischen Grossen. Endlich brach die

Macht des Sturmes, und plötzlich erhob sich dicht neben dem Ufer ein

Schiff aus der Tiefe des Meeres. Das Zeltdach aus Glas öffnete sich,

und der Resident stieg mit seinem Gefolge auf das Land. Ein ebenso

lautes Hurrah begrüsste den Fürsten, als wenige Minuten vorher die

Windsbraut über das Ufer gebrüllt hatte.

Hierauf bestiegen die Anwesenden die elektrische Eisenbahn, welche vom

Cap Selátan durch die Provinz Tabanio (also 100 Km.) in 1½ Stunden

Bandjermasing erreichte. Zu ihrer linken Seite lag die Niederung mit

ihren drei grossen Strömen, grosse Dajak, kleine Dajak und Baritu.

Am linken Ufer des Baritu befinden sich grosse Magazine, Werfte und

Docks, und das ganze Getümmel einer blühenden Hafenstadt fesselte die

Aufmerksamkeit der Reisenden um so mehr, als den Hintergrund sanft

aufsteigendes Hügelland mit den Bergen Kapit, Satuï und Sakumbang

abschloss, auf welchen zahlreiche Villen und Landhäuser standen.

Unterwegs erzählte der Resident, dass er nur ungern dieses Schiff zu

seiner Ueberfahrt genommen habe, weil es seine erste Fahrt war, und

die Maschinen noch nicht erprobt waren. Beim Ausbruch des Sturmes

wurde sofort die gläserne Decke zugeschlagen, die Zwischenräume wurden

zur Hälfte mit Wasser gefüllt und während das Schiff immer tiefer und

tiefer sank, bis zuletzt durch das gläserne Dach nicht einmal der

Himmel zu sehen war, strömte im Salon aus den geöffneten Krähnen die

Luft aus, welche +die+ Capitän in stark comprimirtem Zustande

in grossen Fässern mitgenommen hatte. Nach der Versicherung der Frau

Capitän wäre der Vorrath an Luft hinreichend gross selbst für eine

Reise von 5-6 Tagen gewesen.

Der Zug hielt nur bei Bati-Bati an, von wo aus zwei Zweige, der eine

nach Bandjermasing, der andere nach Martapura gingen. Der Resident

wählte den ersteren, welcher ihn nach der Residenz des Reiches bringen

sollte. Obwohl diese Stadt mitten im Sumpfe lag, war sie und blieb

sie aus politischen Gründen der Sitz der Aemter und Würden; das höher

gelegene Martapura und besonders die am Berge Bebaris gelegenen Villen

wurden jedoch im Ostmonsun von den Beamten der Hauptstadt häufig

aufgesucht. Uebrigens waren die hygienischen und sanitären Zustände

Bandjermasings nicht so ungünstig, als man nach seiner Lage urtheilen

sollte. Schon vor »der Schans van Thujl« begann ein grosser Dyk,

welcher die Stadt umzog und erst 5 Kilometer oberhalb der Mündung des

Kween endigte. Da nebstdem schon seit 30 Jahren zahlreiche Drainröhren

und Canäle Bandjermasing durchzogen, welche entweder in den Baritu

oder in den Kween mündeten, nebstdem schon seit 100 Jahren immer und

immer der Boden durch Sand und Steine verhärtet wurde, so hatte diese

Stadt von dem ursprünglichen sumpfigen Boden nicht viel zu leiden.

Zwischen den beiden Sümpfen, welche im Norden und im Süden der Stadt

sich längs des Stromes hinzogen, befand sich schon seit 25 Jahren

eine stattliche Anpflanzung von Eukalyptus und andern Bäumen. Auch

befand sich dort eine Wasserleitung, welche mit grossen Cysternen im

östlichen Gebirge anfing und das Trink- und Kochwasser nach Martapura

und Bandjermasing brachte, während eine zweite Wasserleitung das Wasser

aus den höher gelegenen Theilen des Martapuraflusses in einem Canale

nach Bandjermasing führte, wo es in einem Kessel filtrirt und gereinigt

wurde. Von diesem aus wurde es durch Maschinen in ein grosses Reservoir

geleitet, welches hinter dem Fort Tatas erbaut war.

Bei seiner Ankunft bezog der Resident das Haus seines Vorgängers,

welcher von seiner Seite wieder mit Frau und Kind im Hotel Baritu

vier Zimmer miethete. Den andern Morgen war grosser Empfang für alle

europäischen Bewohner der Stadt, für die eingeborenen Beamten und die

souveränen Fürsten des Landes. Der Fürst von Pasir war jedoch noch

nicht angekommen, obzwar die Post schon vor zwei Tagen seine Ankunft

gemeldet hatte. Da er jedesmal, d. h. bei jeder Seereise, fürchterlich

durch die Seekrankheit litt, nahm er diesmal den Landweg. Mit einem

Kahn fuhr er auf dem Pasirfluss bis zur Mündung des Nebenflusses Samu,

und auf diesem bis zur Hälfte der Entfernung von dessen Quelle, welche

auf dem Berge Melihat entspringt. Diesen überstieg er zu Fuss, während

die seit Jahrzehnten importirten kleinen javanischen Pferde das Gepäck

trugen. Bei Pringin bestieg er wieder einen Kahn, wo der Bolanganfluss

schiffbar wurde, und kam so in den Negarastrom, von diesem in den

Baritu, ohne aber zur rechten Zeit in der Hauptstadt einzutreffen.

Der neue Resident dankte den Anwesenden für den herzlichen Empfang und

erging sich dann in einigen Bemerkungen über den günstigen Zustand

des Reiches, entwickelte weiterhin seine Pläne für die Zukunft und

versprach, für das Wohl des Landes wie ein Vater zu sorgen und

alle seine Kräfte, sein ganzes Denken und Sinnen der Wohlfahrt der

südöstlichen Hälfte Borneos zu widmen.

Von seinem Programm und von seinen Plänen für die Zukunft, welche

ungeschmälerten Beifall fanden, waren die folgenden in jeder Hinsicht

bedeutend:

Wenn auch bis jetzt drei grosse Ströme, welche das Herz Borneos mit

der Küste und dem schönen Hafen verbinden, für den Handel billige

und bequeme Verkehrsstrassen seien, so müsste doch für eine bessere

Verbindung mit den seitwärts gelegenen Landwegen gesorgt werden, und

zwar durch Bauen von Kanälen, breiten Heeresstrassen und kleinen

Eisenbahnen.

Für die Industrie müsste in ausgedehnterer Weise als bis jetzt die

Bevölkerung gewonnen werden, und zwar durch Anwerben geschickter

Handwerker von Java, welche als Lehrer, von dem Staate besoldet, die

in ihrer Heimath blühenden Handarbeiten der grossen Masse der Bewohner

Borneos zugänglich machen sollten.

Die letzten Reste der Waldmenschen müssten gezwungen werden, feste

Wohnplätze zu wählen; zu diesem Zwecke würde er jedem Familienvater

100 Hectar Weide oder Bauland in Erbpacht geben, sie zu Gemeinden

vereinigen, Schulen errichten lassen u. s. w.

Der Reichthum an Holz müsse durch zweckmässige Gesetze gegen das

herrschende Raubsystem erhalten bleiben.

Da der letzte Nachkomme von James Brook in Serawak ohne Nachkommen auf

dem Throne sässe, müssten diplomatische Verhandlungen die Vereinigung

dieses Landes mit seinem Reiche anstreben.

In der Hauptstadt müssten ethnographische, zoologische, mineralogische

und geologische Sammlungen angelegt werden.

Ein hygienisch-medicinisches Institut müsste errichtet werden und eine

medicinische Schule für weibliche Aerzte (für männliche Aerzte sorge ja

hinreichend die Academie auf dem benachbarten Java).

Für den bereits auf einer hohen Stufe stehenden Handel müssten

Schutzmaassregeln genommen werden, wie z. B. gute Zollbeamte, höhere

Einfuhr- und niedere Ausfuhrzölle.

Zur Vertheidigung des Reiches müssten an der Grenze zahlreiche kleine

Forts mit modernen Vertheidigungsmitteln errichtet, alle Hafenplätze

und alle Landungsplätze der Küste genügend gegen jeden Angriff eines

auswärtigen Feindes verstärkt werden.

Das Heer müsse ein nationales werden, d. h. nur aus den Bewohnern des

Reiches bestehen, welche von dem Reiche ihre Waffen erhielten und

nur im Kriegsfalle aus ihrer Heimath abgerufen werden können. Da der

Gebrauch der Waffen schon in der Schule gelehrt werde, und die Bürger

nur zur Vertheidigung des Landes ihren friedlichen Arbeiten entzogen

werden können, so sei es überflüssig, ein stehendes Heer zu halten;

die Officiere und Unterofficiere der Polizei würden im Kriegsfalle das

Commando über die übrigen Soldaten auf sich nehmen.

Nachdem der Resident zum Schluss allen Religionen seinen Schutz und

Schirm versprochen hatte, belohnte ein lautes Hurrah seine weisen

Pläne ...

»Die Küste von Madura in Sicht,« rief mir mit lauter Stimme der

Controleur X. ins Ohr; ich erwachte.

Anhang.

Geschichte des Süd-Ostens von Borneo.

Die Dajaker haben keine eigene Schrift. Als Gott die Menschen

erschaffen hatte, gab er allen Rassen nicht nur ihre eigene Sprache,

sondern auch die Schrift. Die Vertreter von Borneo jedoch verzehrten

das ihnen geschenkte Alphabet, wodurch dieses sich mit ihrem Körper

vereinigte und zum +Gedächtnisse+ metamorphosirte. Die Dajaker

behaupten also, dass sie an Büchern kein Bedürfniss hätten, um die

Wissenschaft ihrer Religion und Geschichte bewahren zu können.

Die Tradition ist dadurch die einzige Quelle, aus welcher der

Geschichtsforscher schöpfen muss, um die +Urgeschichte+ dieser

Insel kennen zu lernen bis zu jener Zeit, in welcher der Strom der

Völkerwanderung auch Borneo erreichte. An dieser nahmen die Chinesen,

Hindu, Malayen, Araber, Buginesen (von Celebes) und zuletzt die

Europäer ihren Antheil.

* * * * *

Borneo bestand nach der sagenreichen Tradition in den urältesten Zeiten

nur aus den Bergen Pararawan und Bundang, welche von zahlreichen

Klippen umgeben waren. Die Voreltern der Dajaker waren in einem

goldenen Schiffe angekommen und hatten von der Insel Besitz genommen.

Nach und nach hätte der Schlamm des Meeres die Riffe und Klippen mit

den genannten Bergen zu einem Ganzen verschmolzen.[69]

Aber auch die Ethnographen beschäftigen sich mehr mit der Frage, wann

und welche Menschenrassen zuerst die Insel Borneo bevölkert hätten, und

besprechen nur skeptisch die Möglichkeit der Existenz von Urbewohnern

dieser Insel. Aus der Aehnlichkeit der Gottesvorstellungen u. s. w.

suchen die Ethnographen einen Zusammenhang der Urbewohner Borneos mit

den Afrikanern, mit Assam, dem Gebiete des Himalaya, mit Tibet und

Mongolei, mit den Hindus und mit den Chinesen, und finden selbst den

Weg, den, unter Einfluss von Winden, vor Jahrtausenden die Bewohner

dieser Theile der Erde auf Kähnen nach Borneo genommen hätten.

Es ist wahr, dass zahlreich die Stämme der Dajaker sind und zahlreich

die Dialekte der dajakschen Sprache; der Unterschied im Körperbau ist

gewiss nicht grösser als z. B. zwischen den Holländern und Deutschen.

Wenn der eine Stamm grössere Geschicklichkeit im Bearbeiten des Eisens,

der andere im Weben von Sarongs zeigt, wenn der eine den Oberleib, der

andere die Waden tätowirt, und der dritte gar nicht diesen Gebrauch

kennt; wenn der eine Stamm als Nomade und nur in einzelnen Familien in

den Urwäldern an den Flüssen wohnt, der andere in mehreren Familien,

und zwar unter einem Häuptling, einen Kampong bewohnt, ein dritter

jedoch seinen Kampong mit Palissaden umgiebt und ein vierter sogar

Kanonen auf Bastionen in seinem Fort aufpflanzt; wenn der eine Hatallah

oder Mahatara (= Mata-hari = das Auge Gottes) seinen obersten Gott

nennt; der zweite dreimal täglich La-ilaha, illa llahu wa Muhamadun

rasul-l-lahie mit dem Antlitz nach Mekka laut ausruft, und ein dritter

zu Christus, dem Sohne Gottes, betet; wenn der Dajaker mit dem Mandau,

Blasrohr, Schild (telawang), mit dem Ziegenfell (ajong) auf der Brust

und mit dem Tapoh (aus Rottang geflochtene, mit Thierhaut bedeckte

Mütze) sein Ngayau unternimmt, und ein zweiter auf seinem Assanzug mit

dem Gewehr sich bewaffnet u. s. w.; wie gross auch der Unterschied in

allen Sitten und Gebräuchen der Dajaker ist, und wie oft auch Analoga

auf den benachbarten Inseln und im Herzen Asiens und Afrikas gefunden

werden, so kann ich darin dennoch keinen Beweis sehen, dass Borneo

keine Aborigines haben sollte.[70]

Seit Jahrhunderten sind auf der Westküste Borneos chinesische Colonien;

Hindus, Malayen, Buginesen und Araber sind seit langer Zeit auf den

Küsten, und selbst weit ins Innere des Landes, ansässig; sie haben den

Eingeborenen des Landes vieles eingeimpft und viele ihrer Sitten und

Gewohnheiten aufgedrungen. Schwer fällt es mir aber zu glauben, dass

die Einwanderer entweder die ganze Urbevölkerung verdrängt hätten oder

dass vor ihrer Ankunft Borneo unbevölkert gewesen sein sollte.

Die Verwandtschaft der gegenwärtigen Dajaker, was ihre Sagenwelt,

ihren Aberglauben, ihre Religion, ihre Sitten und Gewohnheiten

betrifft, mit denselben anderer Inseln oder anderer Continente lässt

sich viel leichter erklären durch das Axiom: Gleiche Ursachen und

gleiche Folgen, während die Theorie, dass von +einem+ Paare die

Welt bevölkert worden sei, +nur gezwungen+ die Urbevölkerung

Borneos auf Einwanderung basiren lässt.

* * * * *

Nach Schwaner ist die Schöpfungsgeschichte der Dajaker, welche sich am

meisten von islamitischen Anschauungen fern gehalten haben, folgende:

Im Anfang war das Wasser, in welchem sich Naga bussai bewegte, eine

ungeheure Schlange von herrlicher Farbe und geschmückt mit Krone und

Diamanten, und einem Kopf so gross als die Erde. Hatalla (Gott aus

dem Arabischen, jetzt auch Matara von matahari = Auge Gottes = Sonne

genannt) warf Erde auf den Kopf von Naga, welche sich als Insel über

das Wasser erhob. Ranjing Atalla stieg hinab und fand 7 Eier; zwei von

ihnen enthielten einen Mann und eine Frau, welche jedoch todt waren

-- die andern 5 enthielten den Keim von allen Pflanzen und Thieren.

Ranjing Atalla kehrte zum Schöpfer zurück, um den Lebensgeist für

diese zwei Menschen zu holen. Unterdessen hatte Sangsang Angai (= der

Gott des Windes) sich auf die Erde niedergelassen und blies ihnen den

Athem ein, womit sie jedoch den Keim des Todes aufgenommen hatten.

Ranjing Atalla, welcher den Menschen den Geist der Unsterblichkeit

bringen wollte, fand bei seiner Ankunft die Arbeit von Angai (D =

Wind). Er kehrte trauernd zum Himmel zurück und nahm nicht nur die

Unsterblichkeit der Menschen mit, sondern alle göttlichen Geschenke,

welche er für den Menschen bestimmt hatte: die ewige Jugend,

allgemeines Glück und Ueberfluss ohne Arbeit.

21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo. · 第 23 / 26 段