Alle Phasen des persönlichen, des Familien- oder des Gemeindelebens

werden mit 4 bis 8 Tagen langen Festen gefeiert, bei denen Venus und

Bacchus abwechselnd die Hände sich reichen. Bei Tag wird der Tuwak

(schwach alcoholisches Getränk) aus grossen Schalen getrunken, in

Chören getanzt beim ohrzerreissenden Schall grosser Pauken und der

malayischen Gamelang, und der scheidende Tag ladet Alt und Jung, das

ganze Dorf zur Orgie, so dass kaum jemals eine Braut virgo intacta war.

Bei solchem Familienleben konnte selbst der oberflächlichen Beobachtung

eine etwa eingenistete Lues nicht entgehen.[65] Die Soldaten haben

hier wie dort gleiche Lust zur Liebe; hier wie dort sind Soldaten, die

keine »Haushälterin« haben; hier wie dort giebt es zahlreiche untreue

Ehemänner, welche bei den Frauen des Landes Abwechslung in ihrem

monotonen pseudoehelichen Leben suchen.

Wenn also auch die directe Beobachtung fehlen würde, dass im indischen

Archipel die Syphilis +nicht+ einheimisch sei, so würde schon der

Jahresbericht hinreichend beweisen, dass auf diesen Inseln die Syphilis

von den Europäern importirt sei, und dass mit dem Vordringen der

Pioniere der Civilisation die Lues ihren siegreichen Zug durch das Land

hält. Die Syphilis ist eine Treibhauspflanze der rasch lebenden grossen

Städte. Auf dem Lande, im Innern der Inseln, fern von dem Gewühle der

grossen Culturcentren, findet sie nur wenig oder gar keine Nahrung.

* * * * *

Wiederholt wurde bis jetzt von der Beschneidung bei den Eingeborenen

gesprochen, welche den europäischen Aerzten nur vom Hörensagen bekannt

ist. Da ich jedoch Gelegenheit hatte, die rituelle Circumcision zu

sehen, so will ich gern einige Worte darüber verlieren, und zwar in

Wiederholung dessen, was ich in der W. M. W. Nr. 27 vom Jahre 1897

darüber geschrieben habe:

Was die Circumcision der Javanen, Malayen (an der Küste des ganzen

Archipels), der Sundanesen (im Westen von Java), der Maduresen (von

der Insel Madura und von dem Osten Javas) und der anderen Mohammedaner

betrifft, ist bis jetzt den europäischen Aerzten nur Weniges bekannt

geworden. So z. B. wusste unter 7 Collegen, mit welchen ich dieses

Thema besprach, kein einziger, dass auch die mohammedanischen

Frauen (im Gegensatze zu den Juden) beschnitten werden, oder aber,

was der »Beschneider« mit dem inneren Blatte des Präputiums thue.

Der europäische Arzt dringt ebenso wenig als die übrigen Europäer

(mit Ausnahme der Polizei- und Verwaltungsbeamten) tiefer in das

Leben der Eingeborenen; er ist und bleibt ein fremdes Element,

und was er von ihren Sitten und Gebräuchen weiss, schöpft er aus

unverlässlicher Quelle, aus dem niedersten Theile der Bevölkerung, aus

den Mittheilungen seiner Bedienten, und -- wenn er Junggeselle ist --

seiner Concubine.

Die Beschneidung der Frauen geschieht sehr geheim, im Gegensatze zu der

bei den Knaben. Eine Dukun, vielleicht am besten zu vergleichen mit

einer Hebamme, welche jedoch die Behandlung +aller+ Krankheiten

auf sich nimmt und besondere geschickt im Massiren (pidjet) ist, und

ihr Meisterstückchen in der Verhinderung der Conception thut, ritzt in

der Regel mit einem gewöhnlichen Messer das Präputium der Clitoris;

bei übermässiger Länge des letzteren jedoch amputirt sie. Aus Autopsie

weiss ich von dieser Operation nichts zu erzählen. Bei allen festlichen

Gelegenheiten wird ein Festessen (slametan) gegeben, zu dem auch die

Europäer eingeladen werden; nur nicht bei dieser Gelegenheit. Dies

ist die Hauptursache, dass der europäische Nachbar ebenso wenig davon

weiss, als z. B. der europäische Arzt, der die männlichen Verwandten

eines Häuptlings und vielleicht auch seine Frau und Tochter im

Krankheitsfalle behandelt.

Die Beschneidung der Knaben ist mit mannigfachen Ceremonien

verbunden und unterscheidet sich in der Wahl der Instrumente, in

der Methode u. s. w., je nach Insel und Theilen der Insel und den

Vermögensverhältnissen des Vaters. Das Folgende ist entnommen der

Beobachtung bei einem Javanen im Innern Javas (in Magelang) und bei

dem Sohne eines angesehenen Häuptlings (eines Pâtih). Dieser Mann

hatte (offenbar in Folge einer schlechten oder gar nicht ausgeführten

Circumcision) eine atrophische Phimosis, die Verhaut war zum grössten

Theile mit der Glans verwachsen; auch einer seiner Söhne hatte, wie

ich später sah, eine partielle Verwachsung des Präputiums mit der

Glans. Vielleicht wusste er, dass der mohammedanische Beschneider

bei der kleinsten Abweichung sich nicht zu helfen wisse, vielleicht

wollte er von der localen Anästhesie Gebrauch machen lassen, genug,

er ersuchte mich, den europäischen Arzt, die Circumcision bei seinem

Sohne vorzunehmen. Auf meinen Einwand, dass er vielleicht hierdurch den

Unwillen der mohammedanischen Geistlichkeit auf sich ziehen könnte,

bemerkte er: Es ist nirgends vorgeschrieben, wer diese Operation machen

müsse, wenn sie nur zur rechten Zeit gethan werde. Gar so sicher fühlte

er sich später in dieser Behauptung nicht; denn ein paar Tage vor der

Beschneidung zog er seine Bitte so weit zurück, dass ich die Operation

selbst dem Hadji (mohammedanischen Priester) überlassen sollte, den

Knaben jedoch vorher local anästhesiren und die Nachbehandlung auf mich

nehmen sollte. Wie wir sehen werden, geschah dies zu seinem Glücke.

An dem Tage der Operation sah ich eine grosse Schaar von Hadjis ein

Zelt umgeben, welches, aus Tulle bestehend, einen kleinen viereckigen

Raum umschloss mit einem kleinen Tischchen und einem Stuhle. Auf dem

Tischchen standen verschiedene Fläschchen, darunter eines mit Cocain

und eine silberne Schale zum Auffangen des Blutes. Unter dem Klange

zahlreicher Tamburins und dem monotonen Gesange der Hadjis ging der

Candidat in die Hütte und stellte sich zwischen die Beine eines Hadji,

welcher auf dem Stuhle sass und ihn mit seinen Armen umschlang. Ein

zweiter Hadji hockte auf dem Boden und bemühte sich, mit einem Stäbchen

von der Dicke und Form einer dicken Stricknadel, den Präputialraum

zu umkreisen; obzwar ihm dieses nicht gelang, wie ich später sah,

hob er doch eine kleine Falte in die Höhe, brachte dahinter ein in

der Form einer anatomischen Pincette gebogenes Rottanstück und that

zwischen dieser Pincette und dem Stäbchen einen Schnitt, offenbar in

der Absicht, einen Zwickel auszuschneiden, vielleicht in der Weise,

wie +Bardeleben+ die Excision der Vorhaut beschreibt. Diese

war ihm jedoch nicht gelungen; er hatte nur ein Stückchen Epidermis

von dem äusseren Blatte abgeschnitten. Enfin, ich bekam den kleinen

Mohammedaner zur weiteren Behandlung und vollführte -- lege artis --

die Incision. Unterdessen wurden noch 8 andere Knaben (Söhne aus dem

Gefolge) beschnitten, bei welchen die obengenannten Schwierigkeiten

natürlich sich nicht einstellten. Wie ich später sah, war bei ihnen

ein grosses, beinahe dreieckiges Stück vom Präputium ausgeschnitten,

das äussere Blatt hatte sich zurückgezogen, und auf das innere Blatt

hatten sie ein graues feines Pulver gestreut. Dieses Pulver rührt von

dem Neste der Wespen her, welche sich auf alten Bambushecken ansiedeln.

Es wird in grosser Menge auf das eine Blatt gestreut, bleibt sitzen,

bis es mit der feinen zarten Membran eingetrocknet abfällt. +Ein

Verband wird nicht angelegt+; um jedoch die Wunde vor dem Reiben des

Unterrockes (Sarong) zu schützen, wird ein Horn in der Form unserer

Schuhlöffel (bei den Armen wird ein Stück der Cocosnussschale in diese

Form geschnitten) an dem Bauche über dem Penis befestigt und darüber

der Sarong gefaltet. Der Ruhe pflegen die Patienten nur so weit, dass

sie nicht laufen.

Dem Europäer ist es ein pittoreskes Bild, einen javanischen Knaben von

ungefähr 13 Jahren, gefolgt von einigen Schicksalsgenossen, langsam und

mit gespreizten Füssen gehen zu sehen, mit einem bunten Wedel in der

Hand, ein Bedienter trägt über seinem Haupte den Sonnenschirm (pajong),

und in der Gegend der Symphysis pubis wird das mit dem Sarong bedeckte

Horn sichtbar, um gleichsam urbi et orbi zu verkündigen und ad oculos

zu demonstriren, dass der Knabe Mohammedaner und +Mann+ geworden sei.

Von anderen Operationsmethoden weiss ich nur vom Hörensagen; so zum

Beispiel wird an Stelle eines gewöhnlichen groben eisernen Messers,

welches in unserem Falle gebraucht wurde, ein Stück scharfen Bambus

gebraucht. In anderen Orten wird keine Excision, sondern eine

Circumcision lege artis gemacht; zu diesem Zwecke wird das Präputium

in eine Zange gefasst, welche aus zwei Stäbchen besteht, die mit zwei

Ringen aus Rottang aneinander gepresst werden. Das hervorragende

Präputium wird dann abgeschnitten. Dieses sind die häufigsten

landläufigen Erzählungen über die rituelle Circumcision bei den

Bewohnern der Sundainseln.

11. Capitel.

Das „Liebesleben“ bei den Waldmenschen, Dajakern, Malayen und

Europäern -- Aphrodisiaca -- Abschied von Borneo -- Bandjermasing

nach 100 Jahren.

Ein Lieutenant, welcher gegenwärtig einen hohen Rang in der indischen

Armee einnimmt, liebte es, in müssigen Stunden zu -- philosophiren

(?) und bezeichnete vor vielen Jahren den Genuss der sinnlichen Liebe

als denselben, welchen wir bei einem ergiebigen Stuhlgang hätten,

mit andern Worten, er gab der sinnlichen Liebe dieselbe Basis als

den übrigen Entleerungen des Körpers!! Zu einer so trivialen und so

gemeinen Benennung der sinnlichen Liebe hat sich meines Wissens noch

kein Materialist erniedrigt, der nur jemals einen wissenschaftlichen

Gedanken in seinem Gehirn ausbrütete; denn die Endproducte des

Stuhlganges sind, wenn nicht schädliche, doch gewiss überflüssige

Producte, während die der sinnlichen Liebe das Schönste, Grösste und

Mächtigste schaffen, das das ganze Weltall kennt: ein neues organisches

Wesen. Nur als Curiosum habe ich also den Ausspruch dieses Officiers

erwähnt und als Beweis, wie weit sich Menschen verirren können, wenn

sie mit materialistischen Ideen prunken wollen; gerade wie es widerlich

ist, wenn manche Leute als Gottesleugner mit ihren atheistischen Ideen

sich brüsten.

Es ist ein heikles Thema, die Liebe der Naturvölker zu besprechen,

schildern und unter dem Secirmesser der Kritik zu betrachten; ich kann

jedoch nicht mit Stillschweigen darüber hinweggehen, weil in Indien

so zahlreiche unrichtige Ansichten über das +Gefühlsleben+ der

Eingeborenen im Allgemeinen colportirt werden.

Die stehende Phrase, welche gern von Europäern gebraucht wird, ist:

Der Malaye ist gefühllos; nichts ist unrichtiger als dieses. +Sie

fühlen+, aber es gehört nicht zum guten Ton, seine Gefühle zu

zeigen, sondern sie zu verbergen.

Eines Tages wurde ich zu einem Fürsten gerufen, dessen Sohn vom

Baume gefallen war und sich den rechten Vorderarm gebrochen hatte;

wenige Minuten vorher war der Vater abgereist, und es gelang meinem

Kutscher, den Reisewagen einzuholen und ihn zurückzurufen. Ich ging ihm

entgegen, um ihm in schonender Weise von dem Vorgefallenen die Details

mitzutheilen. So lange wir im Garten, umgeben von seinem Gefolge,

waren, bewahrte der Regent seine unerschütterliche Ruhe, und keine

Regung verrieth in seinem Gesichte, in seinen Worten und in seiner

Haltung das väterliche Mitgefühl; kaum waren wir jedoch im Zimmer,

befreit von den neugierigen Blicken des Gefolges, als sein Vaterherz

mit +erregten+ Worten von mir die Prognose, den Verlauf der

Krankheit, ihre Dauer u. s. w. zu wissen verlangte.

Auch das Liebesleben der Malayen entzieht sich ganz dem Urtheile

der Europäer, weil sie jede Liebesäusserung coram publico als

unsittlich perhorresciren; man kann Jahre lang verheirathete Bediente

in seinem Hause haben, ohne sie einen Händedruck, einen Kuss oder

nur die geringste körperliche Berührung wechseln zu sehen, obwohl

sie den ganzen Tag bei der oben beschriebenen Bauart des Hauses dem

controlirenden Auge der Hausfrau und der Nachbarn ausgesetzt sind. Ich

für meine Person habe z. B. noch niemals einen eingeborenen Mann eine

Frau küssen gesehen, so dass ich nur von Mittheilungen anderer diesen

Vorgang kenne; es soll, wie das Wort tjîum schon sagt, eine Art von

Beschnüffeln sein (tjîum heisst nämlich ursprünglich riechen).

Ich muss es also wiederholen, dass nur scheinbar die »Gefühllosigkeit«

der Malayen besteht, und dass diese Völker ebenso innig lieben und

leidenschaftlich hassen können; ja noch mehr. Die Liebe erfasst in

ihrem Sinnesrausch diese Menschen noch mächtiger als die Europäer.

Gewiss die Hälfte der Morde geschieht im Feuer des Liebesrausches oder

der Eifersucht, und das französische Sprichwort: Cherchez la femme, hat

in der malayischen Sprache ein Synonym und zwar: Perkâra parampuwan =

Affaire (durch) Frauen. Während in Europa der Raubmord, der Mord aus

Gewinnsucht viel häufiger vorkommt als der aus Eifersucht, sehen wir

bei der malayischen Rasse umgekehrt die Liebe viel häufiger den Dolch

in die Hand des Eifersüchtigen drücken als die Habsucht.

Vor einigen Jahren lockte eine öffentliche Dirne in Triest einen jungen

Mann in ihre Wohnung, und während sie auf seinem Schoosse sass und ihn

liebkoste, legte sie, wie sie sagte, scherzend eine Schlinge um seinen

Hals. Plötzlich sprang sie jedoch auf, und ihr Liebhaber, welcher in

demselben Zimmer verborgen war, fasste die Schlinge mit kräftiger Hand

und erwürgte diesen jungen Mann!!

Darauf wurde der Leichnam seiner ganzen Habe beraubt!! Einen solchen

feigen und gemeinen Mord +kann+ ein Malaye unmöglich thun. Der

Malaye wird in der Eifersucht den Kris ziehen und seinen Nebenbuhler

durchbohren; er wird vielleicht, um Geld zur Befriedigung seiner

Leidenschaft zum Spiele und zur Liebe zu bekommen, einen Raubmord thun;

er wird vielleicht, um seinem Hasse zu genügen, Amok laufen; aber die

Engelmacherei -- kennt er nicht. Eine malayische erzürnte Mutter wird

in der ersten Aufwallung ihres Zornes ihr Kind zwicken oder bei den

Haaren ziehen; niemals jedoch wird eine malayische Frau durch Wochen

langes Martern oder Hungern-Lassen ein Kind dem gewissen Tode weihen,

wie man es so oft in Europa erzählen hört. Von solchen Fälschungen, wie

sie die Dreyfussaffaire ans Tageslicht brachte, schweigt wahrscheinlich

die Geschichte der Intriguen auf den Höfen von Djocja, Kutei u. s w.

Die Auswüchse der europäischen Civilisation haben, mit einem Wort

gesagt, die primitiven Sitten der malayischen Bevölkerung noch nicht

verdorben.

Doch ad rem.

Die Waldmenschen kennen, wie mir im Jahre 1879 der Fürst von Murong

und Siang mittheilte, kein fesselndes Band der Ehe; sie leben in

einzelnen Familien, und ihre erwachsenen Kinder vereinigen sich wieder

ohne den Segen eines Priesters und ohne Zustimmung irgend eines andern

Häuptlings als ihres Vaters. Ihr Geschlechtsleben sei dasselbe wie das

eines Schweines (Babi). Das ist alles, was ich von diesem dajakischen

Häuptling über das Geschlechtsleben dieser primitiven Menschen zu

wissen bekam. Auch hätten diese keine Geschlechtskrankheiten, wie ich

schon früher mitgetheilt habe. Da dieser Häuptling nur im geringen

Maasse der malayischen Sprache mächtig, und mein Dolmetsch (der

Häuptling von Teweh) kein vertraubarer Berichterstatter war, musste ich

davon absehen, nähere Details über das »Liebesleben« der Waldmenschen

von Borneo zu erfahren.

Der Dajaker »heirathet« zwar, und grosse, langdauernde Feste geben dem

Trauacte eine feierliche Weihe (??), aber die Basis ihrer Ehe ist die

Liederlichkeit, die Sittenlosigkeit, welche die Dajaker selbst unter

die Affen tief sinken lässt.

Der Dajaker heirathet nur, um eine kürzere oder längere Zeit den

Gebrauch der Frau sich zu sichern, sei es als Krankenwärterin, sei es

zur Befriedigung seiner thierischen Gelüste, oder sei es zur Erhöhung

seiner Einkünfte. Wenn seine Frau einem anderen Manne Fallstricke legt

-- der Ehebruch wird ja mit dem Tode bedroht, aber nicht thatsächlich

bestraft, -- so wird er nicht nur mit Vergnügen das erhaltene Bussegeld

in Empfang nehmen, sondern wird sich auch dessen rühmen, dass er eine

so pîntare[66] Frau besitze, und dass sie schon zwei- oder dreimal

diesen genialen Streich ausführen konnte u. s. w.

Schon die Vorbedingungen der Ehe sind unmoralisch. Der Dajaker erwartet

von seiner Frau gar nicht die Jungfräulichkeit, selbst wenn er mit

seiner zukünftigen Frau verlobt wurde, als sie noch Kind war.

Die dajakische Frau weiss aber auch, dass ihr zukünftiger Mann nicht

jung heirathen würde, dass er vor der Ehe alle Laster von Sodom und

Gomorrha geübt habe, und dass die Ehe ihr nur einen früh gealterten,

kraft- und saftlosen Mann bringen werde.

Der Dajaker und die dajakische Frau stehen in ihrem Geschlechtsleben,

wie gesagt, tief unter den Affen.

Ich hatte in Teweh ein Affenhäuschen und hatte daher Gelegenheit, auch

in dieser Richtung die Affen beobachten zu können. Sie sind Onanisten

im hohen Grade. Ich hatte einen kleinen Schweinsaffen, welcher Stunden

lang an seinem Präputium saugte; ich bestreute dasselbe mit dem bittern

Chinin, um ihn von dieser Gewohnheit abzubringen; ich amputirte

das Präputium, welches durch das stete Zerren stark hypertrophisch

geworden war. Nichts half jedoch; er ging tabetisch zu Grunde. Der

Affe ergiebt sich in verschiedenen Weisen dem Genusse der gereizten

Geschlechtsnerven; aber der Dajaker -- übertrifft ihn.

Die dajakische Frau gebraucht den Balak, d. i. ein künstlicher mit

Wachs überzogener Penis, und der dajakische +Mann+ ist stolz,

mit einem Priester (Basir) ein eheliches Leben führen zu können!

Dr. van der Burg erzählt, dass die Dajaker »den Penis mit einem

Stückchen Holz oder Bein durchbohren und an den freien Enden hölzerne

Kügelchen befestigen, mit dem Zwecke, die innere Fläche der Vagina

zu reizen und dadurch stärkere Contractionen von dem Constrictor

cunni zu bekommen. Ein so ausgerüsteter Penis befindet sich u. a. im

pathologisch-anatomischen Cabinet des Militärhospitales in Weltevreden.«

Dieses Präparat habe ich in Weltevreden nicht gesehen, weil ich

nicht daran gedacht habe, es zu suchen; ich habe aber auch von diesem

Instrumente zur Zeit meines Aufenthaltes in Borneo kein Exemplar

gesehen und auch nicht davon sprechen gehört (auch Perelaer reiht die

Existenz dieses Instrumentes in das Reich der Fabel); ich schenke

jedoch den Mittheilungen des Dr. van der Burg Vertrauen, weil ich ihn

einer solchen Lüge unfähig halte und weil -- es in den Rahmen des

liederlichen Lebens der Dajaker passt und ein Analogon ist zu dem bei

andern Nationen des indischen Archipels gebräuchlichen Verfahren, einen

Büschel Pferdehaare um den Penis zu knüpfen, um den Geschlechtsgenuss

der Frau zu erhöhen.

Den Schleier des ehelichen Lebens der Dajaker will ich nicht aufheben,

weil es sich nur wenig von dem Geschlechtsleben der unverheiratheten

Männer und Frauen unterscheidet. Bei den zahlreichen und lange

dauernden Festen wird ja unter dem Einflusse des Tuwak jeder

Unterschied zwischen Alt und Jung, zwischen ledig und verheirathet

vergessen, und wenn ich einen Schluss mir erlaube von dem, was ich

selbst gesehen habe, auf das, was mir mitgetheilt wurde, so ist es

vielleicht besser, wenn ich den Schleier nicht weiter lüfte.

Die Malayen der Insel Borneo sind Mohammedaner, und als solche

tragen sie die Keuschheit äusserlich in höherem Maasse zur Schau als

die Europäer. Ihre Polygamie ist gesetzlich geschützt; aber ihre

Leidenschaft ist zügellos, weil der Geist der mohammedanischen Religion

in sie nicht gedrungen ist, und ihnen eine höhere Bildung fehlt, welche

ihrem Geiste eine andere Nahrung giebt, als die Sorge für die Liebe und

das Würfelspiel. Nebstdem ist der Kampf ums Dasein in der üppigen Natur

der Tropen ein leichter; die Sorge um das tägliche Brod beherrscht in

Borneo, ebenso wie auf den übrigen Inseln des indischen Archipels, nur

ausnahmsweise den einfachen Kampongbewohner; um 10 Kreuzer sind seine

täglichen Bedürfnisse gedeckt, und wenn der Bauer in seiner freien

Zeit sich als Kuli vermiethet, so erhält er 15-20 Kreuzer pro Tag und

ist im Stande, damit selbst den Unterhalt für seine Frau und Kind zu

decken; denn sein Feld giebt ihm genug Reis für seine ganze Familie;

die Hühner und Enten bereichern entweder seinen Tisch oder schaffen ihm

durch den Verkauf der Eier einen kleinen Erwerb. Seine Frau webt sich

allein den nöthigen Sarong oder bemalt den europäischen billigen Kattun

in geschickter Weise mit den Farbstoffen des Landes, unter welchen der

Indigo die erste Rolle einnimmt.

Das Gemeindeleben bringt nur zur Zeit der Wahlen einige Abwechselung

in das eng begrenzte Geistesleben der Malayen; er concentrirt dieses

also auf das Geschlechtsleben und auf das Spiel.

Dieses ist die wichtigste Ursache, dass der Malaye der Erhöhung des

Geschlechtsgenusses im Allgemeinen eine hohe Sorgfalt zuwendet und

mit der Wahl der Aphrodisiaca regelmässiger sich beschäftigt, als der

Europäer.

Der grösste Theil der Aphrodisiaca, welche der Malaye gebraucht, sind

Arzneien, Früchte, Fische u. s. w., welche die Dauer des Genusses

verlängern sollen; es besteht aber ein Unterschied zwischen dem

malayischen und europäischen Wüstling. Dieser gebraucht z. B. die

Diablotins, um die Zahl der Opfer in einer Nacht zu vergrössern;

der Malaye jedoch rühmt sich mehr, das Quale erhöht zu haben. Der

europäische Don Juan schwelgt bei der Erinnerung an eine Nacht, in

welcher er 4-5, vielleicht 6mal am Altare der Liebe hätte sein Opfer

darbringen können, der Malaye jedoch, und noch mehr der Javane oder

der Halbeuropäer, wetteifern in der Dauer eines solchen Opfers; ¼

Stunde im Tempel der Venus jedesmal weilen zu können, ist das Ziel

des malayischen Liebhabers. Ein zweiter Unterschied charakterisirt

den malayischen Schwelger; in seinen ruhmredigen Gesprächen gedenkt

er des langdauernden Genusses, welchen er der +Frau+ geboten

hat, und lässt seine Person erst die zweite Rolle spielen, während

der europäische Grosssprecher nur von seiner und nicht seiner Frau

Leistungsfähigkeit spricht. Die Mittel, welche sie dazu gebrauchen,

stammen aus der Pflanzen- und Thierwelt, und -- Massage und Gymnastik.

Die Gymnastik führt das halberwachsene Mädchen in die Schule der Liebe,

die Medicamente sollen dem reifen Mannesalter seine Kräfte erhalten und

dem beginnenden Greisenalter mit Hülfe der Massage den letzten Funken

des männlichen Feuers erhalten.

Die Zahl der Aphrodisiaca ist gross; die Tripang, Schwalbennester,

schwere Weine, zahlreiche Fischsorten, aromatische Kräuter, welche

als Kataplasmen gebraucht werden; Pferdehaare, welche in den sulcus

glandis mit hervorragendem Ende gebunden werden; der Penis von einem

Kaiman oder einer Seekuh (Halicore Dugong) werden getrocknet zu einem

Pulver gerieben und mit Wasser getrunken; die Eier der Schildkröten,

die Stacheln der Haie; einige Sorten Käfer, welche das Pfeilgift legèn

liefern sollen (??); einige Früchte,[67] Austern u. s. w. u. s. w.

sind die am meisten gebrauchten. Ich hatte Gelegenheit, wenigstens

den Einfluss des reichlichen Fischessens auf die Energie der Männer

zu beobachten. Im Süden Javas, und zwar im Westen von dem Hafenplatz

Tjilatjap, befindet sich ein kleines Dorf auf Pfahlbauten; der

Meerbusen, an dessen Ufer dieses Dorf steht, heisst das Kindermeer

(Kinderzee); die Fruchtbarkeit seiner Bewohner ist gross und -- der

Einfluss der +ausschliesslichen+ Nahrung von den Fischen aus

dieser Gegend liess sich auch bei den Europäern constatiren, welche

sich dort aufhielten. Ob es eine einzelne Species der zahlreichen

Fischsorten, oder im Allgemeinen das starke Consumiren der Fische war,

was die Geschlechtslust der Männer in so hohem Maasse erregt, weiss

ich natürlich nicht zu sagen; aber wahrscheinlicher ist, dass die

eiweissreiche Nahrung auf den Organismus kräftigend und stärkend wirkt,

so dass Männer und Frauen unter den günstigsten Lebensbedingungen leben

und also auch im höchsten Grade fortpflanzungsfähig sind.

21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo. · 第 22 / 26 段