Die individuelle Prophylaxis gegen die Syphilis muss besonders in

Indien gegen die staatliche in den Hintergrund treten; denn die

Eingeborenen zeigen sich bis jetzt beinahe unzugänglich selbst den

einfachsten hygienischen Begriffen gegenüber; die dazu berufenen

Lehrer, die eingeborenen Heilkünstlerinnen, nicht viel mehr, so dass

von dieser Seite sehr wenig zu erwarten ist; Condome, abgesehen von

ihrer fraglichen Wirksamkeit, können an und für sich niemals in der

grossen Menge Gebrauch finden, und die Waschungen der Genitalien

u. s. w. werden dort aus religiösen Anschauungen besonders bei den

Frauen Schwierigkeiten finden, wenn sie sich weiter erstrecken sollten,

als auf ein oberflächliches Abspülen. Mässigung und Vorsicht in

der Befriedigung der Geschlechtslust würde der Eingeborene ebenso

wenig acceptiren, als etwa der europäische Soldat im Gebrauche der

Alcoholica. Die staatlichen Vorsichtsmaassregeln können nur dann

viel leisten, wenn die damit betrauten Organe auch den Geist der

gesetzlichen Bestimmung erfassen.

So lange im Innern des Landes +junge+ Männer die Regierung

repräsentiren, die nur zu oft dem Kitzel, von den Eingeborenen als

+unbeschränkte+ Alleinherrscher angesehen zu werden, alles

opfern, und so lange einzelne Officiere, in ähnlichen kleinlichen

Ideen befangen, dem Militärarzt nicht die nothwendige Unterstützung

verleihen, wird dem Fortschritt der Syphilis kein Damm gesetzt

werden. Die Dukuns, eingeborene Frauen, die in der Regel Hebammen

sind, jedoch für alle möglichen Krankheiten die Kräuter sammeln,

stehen ganz ohne Controle; Unterricht geniessen sie keinen.[47]

Die Tradition von Grossmutter auf Mutter u. s. w. ist der einzige

Lehrmeister; äusserliche Manipulation in allen möglichen Formen

(selbst bis zum Besteigen des schwangeren Uterus, um die verzögerte

Geburt zu beschleunigen), und die Verabreichung von einer grossen

Zahl von Medicamenten sind ihre geburtshilflichen Wissenschaften,

für die gewöhnlichsten Anforderungen der Reinlichkeit haben sie

kein Verständniss. Der Verbreitung der Syphilis mag +ihr+

künstlerisches Wirken eher zu statten kommen, als hinderlich sein.

Die Ammen kommen hier kaum in Betracht, weil die meisten eingeborenen

Frauen stark entwickelte Brustdrüsen haben und daher selten ihre Kinder

von Anderen säugen lassen, und die Europäerinnen, falls sie sich

schon den Luxus einer Amme verschaffen müssen, die nöthige Vorsicht

bei der Aufnahme einer solchen Frau üben. Diese Vorsicht kann nicht

genug geübt werden, weil nur der Auswurf der malayischen Bevölkerung

eine Amme abgiebt; sie wird ja nach mohammedanischen Begriffen dadurch

verunreinigt.

Die Vaccinateurs sollten jedoch besser beaufsichtigt werfen, als es

bis jetzt geschah. Auspitz’ Experimente zeigen, dass der Inhalt der

Vaccinepustel niemals Träger des Syphilisgiftes sei; also nur das Blut.

Alle Aerzte sind per se in Indien betraut mit der Aufsicht über die

Vaccination. Nur selten jedoch geht diese weiter als bis zur Uebernahme

der statistischen Berichte von den Vaccinateurs.

Die Prostituées, als die gefährlichste Verbreitungsquelle der Syphilis,

sind ebenso wie die öffentlichen Tanzmädchen (Ronggengs), Tandakmädchen

u. s. w. einer wöchentlichen ärztlichen Visitation unterworfen. Nicht

nur, dass die Zahl der Proscribirten relativ klein und die clandestinen

Priesterinnen des freien Triebes stark überwiegen, auch der Eifer für

diese sanitäre Maassregel ist sehr klein. Die damit betrauten Aerzte

sind entweder (besonders in den grossen Städten) so mit Privatpraxis

überladen, dass sie dieser Sache zu wenig Aufmerksamkeit schenken, oder

die Polizeiorgane sind so wenig von der Wichtigkeit dieser hygienischen

Maassregel durchdrungen, dass sie sich begnügen, hin und wieder eine

diesbezügliche Ordre zu geben, ohne um das Weitere sich zu bekümmern.

Auf Labuan Deli z. B. sind heute gewiss schon über 250 Mädchen; hin und

wieder kommt der Arzt von Medan dahin,[48] um in der kleinen Garnison

dem Einen oder Andern zu helfen, und nebstbei untersucht er auch einige

Prostituées, die ihm bei dieser Gelegenheit von dem Beamten gesendet

werden. Labuan Deli ist heute schon die Bezugsquelle der Syphilis für

die ganze Provinz bis an die Grenze der Battaker.

Die Matrosen der sogenannten Gouvernements-Marine unterstehen

ebenso wenig einer regelmässigen ärztlichen Untersuchung

als alle Polizeisoldaten. Auch die Niederländisch-Indische

Dampfschifffahrts-Gesellschaft, welche jährlich Millionen für den

Transport von Truppen u. s. w. von der indischen Regierung bezieht,

thut nichts, absolut nichts, um der Verbreitung der Syphilis durch

ihre Matrosen entgegenzutreten. Das Militär wird streng überwacht, und

die gesetzlichen Bestimmungen sind hinreichend, um in isolirten Forts

die Syphilis im Keime zu ersticken, wenn die civilen Behörden es an

der nöthigen Unterstützung nicht fehlen lassen. In den Casernen hat

wenigstens ⅓ der Bemannung Haushälterinnen.

Bei begründetem Verdacht, dass eine derselben inficirt sei, muss sie

sich der ärztlichen Behandlung unterwerfen, oder der Aufenthalt im

Fort wird ihr verboten, und sie wird den Civilbehörden zur weiteren

Behandlung übergeben.[48] Im Innern des Landes wird unter 10 Fällen

sicher 3 mal so eine Frau ruhig im nächsten Kampong (Dorfe) leben

können und der Bevölkerung das Geschenk der europäischen Civilisation

(= Syphilisation) übermitteln.

Von den Inseln des indischen Archipels kam die Syphilis sicher nicht

nach Europa, wenn auch Fracastor wehmüthig klagt:

India me novit, jucunda Neapolis ornat

Boetica concelabrat, Gallia mundus alit

Vos Itali, Hispania, Galli vos orbis alumni

Deprecor, ergo mihi dicite quae patria.

* * * * *

Die +Syphilisation+ des indischen Archipels hält gleichen Schritt

mit dem Vordringen der europäischen +Civilisation+, und wenn auch

einige Autoren in Indien die Heimath der Syphilis suchen und sehen, so

ist nichts unrichtiger als diese Annahme. Auf Borneo z. B. haben wir

noch deutliche Spuren des Priap-[49] und des Lingamdienstes, und doch

sah ich im Herzen dieser Insel während eines 3jährigen Aufenthaltes

keinen recenten Luesfall, weil die Soldaten des Forts von jeher ihren

Kopf einem Schäferstündchen zu Liebe nicht in Gefahr bringen wollten.

So wie im dritten Buch der Bibel vor der Ansteckungsfähigkeit,

des Trippers, gewarnt wird: »Vir qui patitur fluxum seminis,[50]

immundus erit«, so sprechen auch +Hippokrates+, +Galenus+,

+Celsus+ u. s. w. von Geschlechtskrankheiten, und selbst

+syphilitischer+ Formen gedenken die alten Autoren, wenn sie

von »ficus, ulcus acre, +pustulae lucentes+ und +sordigi

lichenes+« sprechen. Das Mittelalter ist zwar arm an Schilderungen

der damals herrschenden venerischen oder syphilitischen Erkrankungen,

aber dafür um so ausführlicher. So klagt z. B. der Dichter[51] in

seiner Ode an Priapus:

»Ante meis oculis orbatus priver et ante

Abscissus foedo nasus ore cadat!

Non me respiciet non me volet ulla puella.«

Zu allen Zeiten gab es also Geschlechtskranke, und dem ungeachtet wird

schon seit 3 Jahrhunderten der Streit um die Heimath der Syphilis

geführt. Von +Artruc+ bis +John Hunter+ haben alle Aerzte,

wie +Sydenham+, +Boerhave+ u. s. w. in Amerika die Wiege der

Syphilis gesehen, und +Sonnerat’s+ Erzählung des Lingamdienstes

(Venusdienst) hat Indien zum ersten Exporthafen der Syphilis gemacht.

Im indischen Archipelagus jedoch folgt die Syphilis dem Zuge der

europäischen Pioniere der Civilisation. Nur die 3 grossen Inseln

Java, Borneo und Sumatra sind mir aus Autopsie bekannt, und ich

möchte fast sagen, dass ich Schritt auf Schritt dem siegreichen Zuge

der Syphilis mit dem Vordringen der Europäer folgen konnte. Java

hat die Lues beinahe schon ganz erobert; die Küstenplätze haben die

liebesdurstigen europäischen Matrosen schon vor vielen Jahrzehnten

inficirt, und nur jene hoch gelegenen Strecken, welche, abseits von

der grossen Heeresstrasse, niemals ein Fort mit europäischer Besatzung

hatten, und deren Bewohner, zufrieden mit den Erträgnissen des Bodens,

die heimische Scholle nicht verlassen, keine bedeutenden Bedürfnisse

kennen, diese Strecken sind auch heute noch frei von der Erstlingsgabe

der europäischen Civilisation, der Syphilis.

Borneo und Sumatra sind theilweise noch unbekannt und nur zum kleinsten

Theile von Europäern in Besitz genommen. Auf ersterer Insel stand

ich in stetem Verkehr mit den Eingeborenen; sie halfen mir Thiere

sammeln. Es wurden mir viele operative Fälle zugewiesen und für alle

möglichen Krankheitsformen von den Dajakern mein ärztlicher Rath

eingeholt.[52] Dem ungeachtet sah ich im Herzen[53] Borneos keinen

Luesfall. Das Umsichgreifen der venerischen und syphilitischen

Krankheiten demonstrirt beinahe ad oculos der officielle Jahresbericht

über den Gesundheitszustand der holländisch-indischen Armee im

Quinquennium 1878-1882, der im 5. Heft der ärztlichen Zeitschrift für

Holländisch-Indien in Batavia erschien. Die Armee hatte nämlich im

Jahre 1878: Syphilis 854 und venerische Krankheiten 7652; im Jahre

1879: Syphilis 881 und venerische Krankheiten 8024; im Jahre 1880:

Syphilis 1125 und venerische Krankheiten 9650; im Jahre 1881: Syphilis

1289 und venerische Krankheiten 10261; im Jahre 1882: Syphilis 1270 und

venerische Krankheiten 10402.

Der prophylaktische Werth der Circumcisionen fällt in diesem Berichte

besonders scharf in die Augen.

Im Jahre 1882 befanden sich in der Armee 15349 Europäer und 14583

Eingeborene [Malayen[54], Javanen u. s. w.], und von diesen wurden

an Syphilis 988 oder 6·4% Europäer und 280 = 1·9% Eingeborene,

an venerischen Krankheiten 6812 oder 44% Europäer und 3552 = 24%

Eingeborene behandelt.[55] Auch das Verhältniss zu der Zahl der

Patienten spricht zu Gunsten der Eingeborenen, obwohl nicht so stark.

Krankenstand der Europäer 41595, Syphilis 988 = 2·3%, venerische

Krankheiten 6812 = 16%; Krankenstand der Eingeborenen 36660, Syphilis

280 = 0·8%, venerische Krankheiten 3552 = 9·7%.[56]

Wie wir sehen werden, leben beide Rassen unter denselben socialen

Verhältnissen; es kann also dieser Vorzug der Eingeborenen nur eine

Folge der Circumcision sein, der sie als Mohammedaner unterworfen sind.

Der hygienische Werth der Circumcision ist schon oft genug betont,

soweit mir aber bekannt, noch niemals so drastisch durch Ziffern

illustrirt worden als in diesem Falle. »Wein, Weib und Gesang« mögen

den europäischen Soldaten auf dem isolirten Posten die Zeit verkürzen

helfen; der Eingeborene trinkt als Mohammedaner keine berauschenden

Getränke; niemals hört man einen Malayen oder Javanen den Lüften sein

Liebesleid oder seine Sehnsucht nach der Heimath klagen; er kennt nur

eine Leidenschaft: die Liebe. Das Würfelspiel, dem er auch oft alles

opfert, seine Stellung und seine Zukunft, ist ihm auch nur Mittel zum

Zwecke: Geld zu gewinnen für den Schmuck seiner Geliebten. Und doch

zeigen die europäischen Soldaten im Jahre 1882 eine 3-4mal so grosse

Zahl der Syphilitiker und 2mal so grosse Menge venerischer Kranken.

Wie erwähnt, leben beide Rassen unter denselben socialen Verhältnissen,

und wenn dennoch die Zahl der syphilitischen Erkrankungen sich wie

64 : 19 verhält und die der venerischen Krankheit wie 44 : 24, so

spricht dies zu Gunsten der Circumcision.

In den Tropen ist ja eine reichliche Secretion der Fettdrüsen

vorherrschend; das Smegma sammelt sich also in grosser Menge um die

Glans an, und durch die saure Reaction des Schweisses (in Folge seines

grösseren Gehaltes an Fettsäure) sind Eicheltripper sehr häufig, und

zur Aufnahme des syphilitischen Virus ist der günstigste Boden gegeben.

Auch erklärt es sich leicht, warum die +syphilitischen+ Affectionen

der Europäer um 3-400% und die +venerischen+ Affectionen +kaum+ um

100% die Geschlechtskrankheiten der Eingeborenen überwiegen. Diese

schliessen in grösserer Zahl die Urethritiden ein, und beide Rassen

bieten so ziemlich gleiche Bedingungen zur Aufnahme des Trippergiftes.

Leider sehen wir, dass die venerischen Krankheiten in dem Quinquennium

1878-1882 sich bedeutend vermehrten,[57] während doch im Allgemeinen

die sanitären Verhältnisse der Armee sich besserten.

Im Jahre Armeestand Krankenstand Syphilis Venerische Kr.

in % in %

1878 37023 317 2·3 20

1879 30771 398 2·8 26

1880 31459 340 3·5 30

1881 30209 293 4·2 34

1882 30051 261 4·2 24

Es würde mich zu weit führen, die Factoren zu besprechen, welche die

sanitären Verhältnisse der indischen Armee mit jedem Jahre günstiger

werden liessen, und ich will mich darauf beschränken, jene socialen

Verhältnisse zu erwähnen, die auf die Verbreitung der Syphilis Einfluss

nehmen, und wenn manches pittoreske Genrebild dem europäischen Leser

etwas fremd erscheinen wird, werde ich nicht ermangeln, auch sein

raison d’être zu demonstriren.

Officiell anerkannte Polyandrie kommt unter den europäischen und

eingeborenen Soldaten nur ausnahmsweise vor; sie prügeln ihre »Frau«

zwar durch, wenn sie Beweise eines Ehebruches haben, glauben es aber

gerne, wenn sie den Besitz von Schmucksachen und Geld auf Gewinnste im

Würfelspiele zurückführen, und wenn der »Mann« Abends[58] all sein Geld

verloren hat, findet er es ganz natürlich, dass seine »Haushälterin«

hin und wieder verschwindet, um in einiger Zeit mit gefüllter Tasche

zurückzukehren.

Diese Soldatenfrauen ermöglichen jede Controle, und wenn demungeachtet

die Geschlechtskrankheiten in dem erwähnten Quinquennium zunahmen,

kann die Schuld nur in den Organen gesucht werden, welchen es obliegt,

hierin prophylaktische Maassregeln zu ergreifen. Im Gegensatz

zu Europa sind ja in der indischen Armee +die heimlichen+

Infectionsquellen in der Minorität. Denn ¼-⅕ der Mannschaft hat auf

Java eine »Haushälterin«, und auf den übrigen Inseln sichert sich

beinahe ⅖ der Garnison durch den Besitz einer »Njai« gewissermaassen

ein Familienleben und ein Heim inmitten der Caserne. Auf Java

nämlich erfreut sich der europäische wie der eingeborene Soldat

gewisser gesellschaftlicher Vorzüge. In den grossen Städten (Batavia,

Surabaya, Samarang u. s. w.) geben Oper, einige Mal in der Woche

aufgeführte Concerte, von Zeit zu Zeit Circusvorstellungen u. s. w.

genügend Abwechselung in dem sonst monotonen Soldatenleben; in den

kleinen Städten bieten Dilettantenvorstellungen des Militärs oder

der Bürger, einiger Verkehr mit den Bewohnern des Landes u. s. w.

auch einige Zerstreuung; auf den anderen Inseln jedoch hat selbst auf

den Hauptplätzen das Leben der europäischen Soldaten nur die Wahl:

Caserne[59] und Cantine, das der Eingeborenen nur die Caserne.

Hat er jedoch eine »Frau« oder eine »Haushälterin« bei sich und

geniesst er sogar Vaterfreuden, dann fühlt er sich in der Caserne

heimisch; diese wird ihm zur zweiten Heimath.[60] Die Frauen, die sich

dazu hergeben, stammen aus der tiefsten Schicht der Küstenbewohner. Das

sittliche Gehalt derselben steht dann um etwas höher, wenn sie sich

mit den eingeborenen Soldaten durch eine gesetzliche Ehe verbinden; im

anderen Falle sinken sie selbst unter das Niveau einer Prostituirten

in Europa, so z. B. sah ich eine solche Frau nackt unter Soldaten

baden, während jede mohammedanische Frau (in Indien wenigstens) ihr

Schiffbad[61] nur im Sarong (Rock) nimmt, den sie über die Brust

knüpft, auch wenn sie allein ist. (Der Islam kennt diesbezüglich sehr

strenge Vorschriften, so z. B. würde jede schwangere Frau früher zu

Grunde gehen, bevor sie sich von einem männlichen Arzte helfen liesse

oder von einer Hebamme manuelle Hülfe per vaginam annähme.)

Für die nicht verheiratheten »Frauen« der europäischen und

eingeborenen Soldaten ist oft der »Mann« auch nichts anderes als der

Firmaträger ihres Geschäftes, dem sie den Aufenthalt in der Caserne

verdankt. Er ist sich dessen auch bewusst, obwohl sehr viele solcher

»Soldatenfrauen« ihre uneheliche Untreue vor ihrem Manne geheim halten.

In Friedenszeiten geniessen diese Soldatenfrauen keine anderen

Begünstigungen, als die Erlaubniss zum Aufenthalt in der Caserne; in

Forts auf Kriegsfuss bekommen sie jedoch ihre tägliche Portion Reis

(0,6 Kilo) und etwas Salz. Schon wegen der hohen Transportkosten

dieser Frauen (und mit ihren Kindern) und aus +sittlichen+ und

strategischen Ursachen wurde die Frage ventilirt, ob diesem Zustande

ein Ende gemacht werden müsse. Nein und abermals nein! -- Der Soldat

hat in Indien ein elendes sociales Leben.[62] Besonders auf den

»Aussenbesitzungen« (Java und Madura sind von diesem Collectivnamen

ausgeschlossen) fühlt sich jeder Bürger als Herr (Tuwan) und hält es

also unter seiner Würde, einen Unterofficier oder gar einen Soldaten,

sei er noch so intelligent, bei sich zu empfangen. Nichts bietet diesem

Abwechslung, nichts Zerstreuung.

In den Jahre lang dauernden Guerillakriegen ist ihm seine Haushälterin

eine wahrhaft treue und sorgsame Pflegerin. Ermattet vom schweren

Patrouillendienst durch die sumpfigen Reisfelder, findet er bei seiner

Rückkunft eine Schale Thee, Kaffee und Suppe und kann sich der Ruhe

hingeben, während seine »Frau« die Kleider und Waffen reinigt. Jeden

Augenblick des Alarmrufes gewärtig, oft jeden zweiten oder dritten

Tag zum Schildwachdienst gerufen, in der Zwischenzeit »ausrücken« zu

müssen, wäre ihm unmöglich, wenn nicht seine Haushälterin ihm die

knapp zugemessene Ruhezeit ganz überliesse und für seine leiblichen

Bedürfnisse sorgte. Wird er krank oder verwundet, pflegt sie ihn.

+Doch last not least: Jedwelche Controle zur Bekämpfung der

Geschlechtskrankheiten ist geboten und möglich.+

Wir sehen aber, dass dessen ungeachtet die Syphilis im Quinquennium

1878-1882 zunahm; die Ursache liegt nur in der mangelhaften Ausführung

der diesbezüglichen Bestimmung und in der Unzweckmässigkeit einzelner

Verordnungen. Die Progression dieser Krankheitsfälle ist aber auch

unter den Europäern eine viel stärkere als unter den Eingeborenen, die

in viel grösserer Zahl Frauen bei sich haben:

Eingeborenen-Armeestand Syphilis Vener. Krankheiten

1878 19561 271 = 1·3% 2552 = 18%

1879 15919 200 = 1·2% 2723 = 17%

1880 15045 219 = 1·4% 3123 = 20%

1881 14509 272 = 1·8% 3120 = 21%

1882 14583 280 = 1·9% 3562 = 25%

Europäischer Armeestand Syphilis Vener. Krankheiten

1878 17477 583 = 3·3% 5072 = 28%

1879 14780 666 = 4·5% 5295 = 36%

1880 16247 901 = 5·5% 6486 = 39%

1881 15568 1008 = 6·4% 7107 = 45%

1882 15349 988 = 6·4% 6812 = 44%

Auf den »Aussenbesitzungen« hat eine viel grössere Zahl der Soldaten

Haushälterinnen, und allgemein erhält man (auch die ledigen Officiere)

den Rath, bei einer Transferirung, z. B. nach Borneo, sich mit dem

nöthigen Bedienungspersonal auf Java zu versorgen; thatsächlich ist

auch die Zahl der Geschlechtskranken ausserhalb Javas viel kleiner als

auf dieser Insel. Der Einwand, dass eben auf Java die Syphilis eine

grössere Verbreitung gefunden habe, ist richtig.

So sehen wir Java bei einem Armeestand von 15525 Mann mit 6·9% (1076)

Syphilitischen und 53% (8248) Venerischen belastet, während Borneo bei

einem Garnisonstand von 1932 Mann 2·0% (39) Syphilitische und 14% (282)

Venerische im Jahre 1882 hatte. Dass die Insel Borneo in unserem Falle

der Syphilis noch nicht so viel Spielraum zur Entwicklung geboten hat,

ist aber nicht die einzige Ursache, dass die Truppen beinahe 3-400%

weniger Venerische zählen als die auf Java; denn hier wie dort ist die

malayische Küstenbevölkerung der grosse Liverancier der Prostituées.

Aus verschiedenen Ursachen verkehren die Soldaten im Innern des Landes,

wenigstens in einigen Garnisonen, +nur+ mit ihren Haushälterinnen

oder mit jenen -- ihrer Kameraden. Würden die herrschenden Bestimmungen

auch mit Umsicht angewendet, müsste die Zahl der Geschlechtskranken

eine noch viel kleinere sein.

Würde zudem das Gesetz erlassen werden, dass jede Frau, die, ohne zu

heirathen, nur als Haushälterin einem Soldaten folgen wolle, sich vor

dem Einzug in die Caserne einer ärztlichen Untersuchung unterziehen

müsse,[63] dann wäre das jährliche Contingent der Geschlechtskranken

auf den Aussenbesitzungen geradezu ein Minimum. Nur sehr wenige Frauen

würden sich dadurch abschrecken lassen, Concubine eines Soldaten zu

werden. Der sittliche Gehalt dieser Frau steht ja doch auf einem

niedrigen Niveau; die Lehren des Islam existiren nicht für diese

Frauen; sie essen Schweinefleisch, trinken mitunter auch Schnaps und

finden auch im Verkehr mit einem Christen nichts Sündhaftes. Auch die

Erfahrung zeigt, dass eine absolute Einschränkung der Syphilis ganz gut

möglich ist.

Diese Soldatenfrauen haben also ihre raison d’être.

Dass auf Java die Zahl der geschlechtskranken Soldaten so enorm hoch

ist, hat, wie erwähnt, seine Ursache darin, dass in den grossen

Garnisonplätzen nur eine kleine Zahl Soldaten sich eine »Haushälterin«

hält. Natürlich ist die »clandestine Prostitution« der sehr willkommene

Deckmantel für die Nachlässigkeit der Organe, denen es obliegt, der

Verbreitung der Syphilis entgegenzutreten. Mit der Heimlichkeit der

Prostituirten ist’s ja in Indien gar nicht so arg gestellt. Die

militärische Staffage der Küche ist in Indien unbekannt; entweder sind

die betreffenden Babus (Dienstmädchen) verheirathet und leben mit Mann

und Kind in den Nebengebäuden ihrer Wirthschaft; auch wenn sie ledig

sind, würde es kein Soldat wagen dürfen, seine Geliebte im Herrnhause

aufzusuchen. Die Rendezvousplätze der Soldaten, welche keine »Njai«

haben oder ihren »Frauen« untreu sind, müssen nicht nur der Polizei

bekannt sein, +sondern sind es auch stets+.

Die »clandestinen« Prostituées sind für die betreffenden Organe nur ein

Deckmantel ihrer Nonchalance.

Dieser Jahresausweis constatirt also zwei Thatsachen:

1) Die Zahl der venerischen Erkrankungen und der Syphilisfälle wuchs

mit jedem Jahre beinahe constant im Quinquennium 1878-1882.

2) Java, welches seit vielen Jahrzehnten im factischen Besitze

der Europäer ist, hatte 6·9% und das wenig bekannte Borneo 2% des

Armeestandes an Syphilis und 53% resp. 14% an andern venerischen

Krankheiten Leidende.

So naheliegend auch die Erklärung dieser Thatsache ist, dass nämlich

in den sogenannten Aussenbesitzungen die Syphilis noch nicht allgemein

Wurzel geschlagen habe, so wenig ist sie frei von dem Einwande, dass

gerade die geringe Kenntniss des Landes und der geringe Verkehr mit

den Eingeborenen dieser Insel ein kleines Contingent zum Stande der

Geschlechtskranken liefern solle. Dieser Einwand ist aber nicht

stichhaltig, abgesehen davon, dass er das beste Plaidoyer für die

sogenannten »Haushälterinnen oder Soldatenfrauen« bietet -- Facta

loquuntur: Je weiter ich ins Innere von Borneo kam, desto mehr verlor

ich die Spur der Syphilis; je weiter wir uns auf Sumatra von der Küste

entfernen, desto weniger Geschlechtskranke findet man. Labuan Deli[64]

z. B. hatte vor 15 Jahren, wie der »Javabode« aus Anlass einer von

mir erschienenen diesbezüglichen Broschüre berichtete, keine publiken

Frauen und keine Syphilis; seitdem eine blühende, europäerreiche

Colonie von Pflanzern dort selbst eine Eisenbahn nothwendig machte,

zählt dieser kleine unbedeutende Hafenplatz schon mehr als 200

Priesterinnen der Venus vulgivaga aus aller Herren Länder. Der Hauptort

Medan, 3 Meilen von Labuan Deli entfernt, ist heute schon verseucht,

und ich bin überzeugt, dass nur energische Maassregeln im Stande sind,

die Durchseuchung des ganzen Bezirkes weit hinaus über die Grenzen der

Battaker, wo die Ida +Pfeiffer+ vor 45 Jahren noch Menschenfresser

fand, zu verhindern.

Auf Borneo sah ich, wie schon erwähnt, die Syphilis nicht einheimisch.

Nur dort, wo +die Soldaten in innigen Verkehr mit der Bevölkerung

traten, nur dort sah ich unter den Eingeborenen Syphilis+. Drei

Jahre sass ich im Herzen von Borneo, und kein recenter Syphilisfall

kam mir zur Beobachtung und zur Behandlung, obwohl die ursprünglichen

Bewohner des Landes, die Dajaker, ein liederliches Leben führen.

21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo. · 第 21 / 26 段