Swediaux, Beckmann und Andere behaupten zwar in Ostindien den Ursprung

der Syphilis gefunden zu haben; es ist aber unbegreiflich, in dem

Mythus vom Lingamdienste (= Venusdienst) auch eine Schilderung

syphilitischer Krankheiten lesen zu können. Sonnerat (Voyage aux Indes

I. Band) erzählt uns diese folgendermaassen:

»Die Büsser hatten durch ihre Opfer und Gebete grosse Gewalt erlangt;

aber ihre und ihrer Frauen Herzen mussten stets rein bleiben, wenn

sie sich in dem Besitze derselben erhalten wollten. Siva hatte aber

die Schönheit dieser rühmen gehört und fasste den Entschluss, sie zu

verführen. Zu diesem Zwecke nahm er die Gestalt eines jungen Bettlers

von vollkommener Schönheit an, hiess den Vishna sich in ein schönes

Mädchen zu verwandeln und sich an den Ort begeben, wo sich die

Büsser aufhielten, um sie in sich verliebt zu machen ..... +Ihre

Leidenschaften nahmen dadurch noch mehr zu; am Ende schienen sie ganz

leblos, und ihre schmachtenden Körper glichen+ dem Wachs, das in

der Nähe +des Feuers schmilzt+.« Bei diesem bilderreichen Satze

kann man nur an eine Erschöpfung durch übermässigen Geschlechtsgenuss

denken. Dies ist ersichtlich aus dem weiteren Verlaufe: »Siva selbst

begab sich an den Wohnort der Frauen. Wie Bettler trug er in der einen

Hand eine Wasserflasche und sang dabei, wie diese zu thun pflegen.

Sein Gang war aber so entzückend, dass sich alle Frauen um ihn

versammelten, worauf sie durch den Anblick des schönen Sängers erst

völlig in Verwirrung geriethen. Diese war bei einigen so gross, dass

sie ihren Schmuck und ihre Bekleidung verloren und ihm im Gewande der

Natur folgten, ohne es zu bemerken. Nachdem er das Dorf durchzogen

hatte, verliess er es, aber nicht allein; denn alle folgten ihm in

ein benachbartes Gebüsch, wo er von ihnen erhielt, was er wünschte.

Bald darauf wurden die Büsser gewahr, dass +ihre Opfer die vorige

Kraft nicht mehr hatten, dass ihr Vermögen nicht mehr dasselbe, wie

ehedem+.«

Die Rache, die dafür die Fakire nahmen, war fürchterlich; ihre

vereinigten Gebete und Büssungen »gingen wie eine +Feuerflamme

aus und ergriffen Siva’s Zeugungstheile und trennten sie von seinem

Körper+. Erzürnt über die Büsser, nahm sich nun Siva vor, die

ganze Welt damit in Brand zu setzen .......« Wenn man selbst mit

europäischer Anschauung diesen Satz kritisch beleuchtet, könnte man

höchstens an einen phagedänischen Schanker denken, aber noch lange

nicht an das Krankheitsbild der Syphilis. Auf den Inseln des indischen

Archipelagos, von denen hier die Rede sein wird, findet man überall

Spuren des altindischen Glaubens und seiner Sitten und Gebräuche, und

auf Sumatra z. B. kann man doch nur, wie oben erwähnt, deutlich die

Syphilis den Europäern bei ihrem Eindringen ins Innere folgen sehen,

ohne die Syphilis dort heimisch zu finden. Was die indische Regierung

dagegen thut, ist mit Rücksicht auf die herrschenden Verhältnisse

bitter wenig;[43] sie nimmt sich eben nur europäische Verhältnisse als

Muster und vergisst, dass gerade der Unterschied in den politischen

Verhältnissen mehr Mittel zur Abwehr der Verbreitung dieser Seuche

an die Hand giebt in Indien als in Holland, abgesehen davon, dass

duo si faciunt idem, non est idem. Die autokratische Regierungsform

durch das Intermedium der eingeborenen Fürsten macht Manches möglich,

was die individuelle Freiheit in Holland zurückweisen würde. Im

Jahre 1883 z. B. wohnte ich den Schiessübungen der Artillerie in

der Preangerregentschaft bei. Beinahe täglich bekam ich neue Fälle

von venerischen oder syphilitischen Erkrankungen. Die Quelle dieser

Erkrankungen war mir bekannt. In der Nähe des militärischen Terrains

befand sich ein kleiner Kampong (Dorf) von ungefähr 20 Hütten, in denen

die Priesterinnen der Venus vulgivaga wohnten. Darüber erstattete

ich dem Residenten dieser Abtheilung Bericht und machte auf die

unvermeidlichen Folgen aufmerksam. Sofort erhielt ich zur Antwort,

dass der Regent (der eingeborene Fürst) die nothwendigen Schritte thun

werde, um meine Vorschläge zur Ausführung zu bringen. Diese waren in

der Hauptsache folgende: »Die »=Prostituées=« jede Woche zur

Visitation mir vorführen zu lassen, um die Erkrankten sofort ins

Spital zu Bandong senden zu können, weil der dortige Bezirksarzt nur

einmal in vier Wochen nach Batu Djadjar kommen dürfe.« Der Pâtih

(Stellvertreter des Regenten) besuchte mich den folgenden Tag und

theilte mir mit, dass in Folge meines Anschreibens auf Befehl des

Regenten den folgenden Samstag »alle Frauen zur Visitation kommen

müssten, welche keinen Mann hätten«. Schon dieses war über das Ziel

geschossen und der Pâtih konnte auf meine Bemerkung, dass in meinem

Briefe nur von »Prostituées« die Rede war, nur seinen Befehl vom

Regenten entgegenhalten. Noch mehr jedoch erstaunte ich, dass unter

den vorgeführten 32 Frauen 4 waren, die zufolge Behauptung des

Dorfhäuptlings sicher keine Prostituées sein konnten, weil sie eben

noch Jungfrauen seien.

Dieser Missbrauch der Amtsgewalt machte mich auch zum Ehestifter; denn

viele brachten junge Männer mit, die erklärten, in den nächsten Tagen

schon diese Frau heirathen zu wollen; die Untersuchung dieser Frauen

bestätigte es auch, dass sie unmöglich Prostituées sein konnten.

Dieser Vorfall lehrte mich, dass bei der herrschenden Regierungsform

eine energische Prophylaxis der Syphilis möglich sei, den guten Willen

der europäischen Beamten vorausgesetzt. Dieser fehlt jedoch manchmal,

wie folgender Fall zeigt: Im Jahre 1882 war ich in Telok Betong

(Sumatra) in Garnison. Eines Tages kam zu mir der Doctor Djava, um

folgenden Bericht zu erstatten:

Ein eingeborener Polizeimann habe eine Frau, die schon zweimal von ihm

geschieden gewesen sei. (Nach mohammedanischem Rechte und vielleicht

nur nach Sitte in der Provinz Lampong muss eine Frau dreimal von ihrem

Manne geschieden sein, bevor die Ehe für immer aufgelöst werden kann.)

Weil seine jetzige Frau ihn angesteckt habe, wolle er zum dritten Mal

sie wegjagen und eine andere junge Frau nehmen. Wie gewöhnlich liess

ich erst den Doctor Djava beide untersuchen, und er berichtete auch von

der Frau, dass sie in der Vagina Ulcera hätte. Mir kam die ganze Sache

recht verdächtig vor; ich sah selbst nach und fand von den Ulc. vaginae

keine Spur, wohl aber beim Manne eine frische Urethritis, Ulcera

mollia und Bubonen; ich entliess die Frau aus dem Spital und schlug

vor, den Mann unter Behandlung zu stellen. Dies geschah jedoch nicht;

mit Hinweis auf die herrschenden Bestimmungen, die nur von inficirten

+Frauen+ sprächen, wurde der betreffende Polizeimann von dem

Secretaris auf seinen Posten ins Innere des Landes zurückgesendet.

Schon an anderer Stelle (Geneeskundig Tijdschrift vor Nederl. Ind.

1883) sprach ich von der Thatsache, dass Indien nur ausnahmsweise

schwere Formen der Lues sehe; gegentheilige Behauptungen müssen

vorsichtig aufgenommen und kritisch abgewogen werden. Die Lues hat,

wenigstens soweit meine Erfahrungen reichen, in Borneo, Sumatra und

Java vielleicht an Extensität, aber für keinen Fall an Intensität

Europa überflügelt; ziffermässig liesse sich das durch die officiellen

Ausweise über den Krankheitsstand des Militärs bestätigen, wenn

nur diese Ziffern irgend einen Werth hätten! Wie es damit in

Europa aussieht, weiss ich nicht; wahrscheinlich um nichts besser

als in Indien. Was kommt in die Rubrik Syphilis? Die Zeiten sind

vorbei, wo jeder Tripper und jedes Ulcus am Penis mit S. I oder

S. II in die Bücher eingetragen wurden; vielleicht nur, dass noch

einige englische Aerzte jede venerische Affection mit Quecksilber

behandeln. Auf Singapore wenigstens behandelt Dr. B., der Chef im

Spitals der Prostituées, jede primäre Affection der Syphilis mit

Sublimat-Einspritzungen; auf meine Frage, in wie viel Fällen die

secundären Erscheinungen bei dieser Behandlung ausblieben, wandte sich

Dr. B. überrascht zu seinem Apothecary und sprach stolz das grosse Wort

aus: »Die kommen bei dieser Behandlung eben gar nicht vor.«

Wie viele weiche Schanker, wie viele unschuldige Ekzeme oder Herpes

mögen es auf ihrem Gewissen haben, wenn Dr. B. in dem erhebenden

Bewusstsein lebt, er sei im Stande, durch Sublimat den weiteren Verlauf

der Lues zu coupiren?!

Wie oft ist an und für sich die Differentialdiagnose zwischen Ulcus

induratum und Ulcus molle mit infiltrirtem Boden erst nach Tagen oder

gar nach Wochen zu stellen? Und in allen Spitälern stand es früher nur

wenige Tage dem Doctor frei, die Diagnose offen zu lassen.

Ein dritter Punkt nimmt den Ziffern allen Werth. Wie lange lässt man,

wie lange kann oder darf man einen syphilitischen Soldaten unter

Behandlung im Spitals halten? Klar ist, dass er, so lange das Leiden

ein ansteckungsfähiges ist, in Spitalsbehandlung behalten werden

soll. Abgesehen davon, dass darüber die Ansichten noch himmelweit

auseinandergehen, nehmen die Verhältnisse noch einen enormen Einfluss.

Ich z. B. würde keinen Augenblick anstehen, in einem kleinen Fort

mit 70 bis 100 Mann, wo durch zufällige Umstände jede zweite oder

dritte Nacht der Soldat Schildwach stehen müsste, alle Patienten mit

Roseola, Angina, kleinen indolenten Bubonen, Sarcocele u. s. w. der

Spitalbehandlung zu entschlagen und ambulatorisch zu behandeln.

Im Jahre 1883 lag seit sechs Wochen ein europäischer Soldat zu Seruway

(Sumatra) mit einem faustgrossen Tumor testis syphilit. im Spitale.

Bei der Uebernahme des Dienstes äusserte der Patient den Wunsch,

ambulatorisch behandelt zu werden. Mein an Dienstjahren wenigstens

noch junger Vorgänger war nicht wenig überrascht, als ich sofort die

Einwilligung dazu gab.

Darin sind alle Militärärzte einig, dass unmöglich der ganze Cyclus der

Lues im Spitale abgewartet werden kann. Die Schwankungen in der Zeit,

+wann+ der Patient zeitweilig keiner Behandlung oder wenigstens

nur einer ambulatorischen zu unterziehen wäre, müssen natürlich auch

die statistischen Angaben über Syphilis enorm unsicher machen. Darum

bringe ich keinen ziffermässigen Beleg für meine obige Behauptung.

Dass die venerischen Erkrankungen in Indien sehr häufig sind, dass die

indische Armee reiche Syphilisfälle aufweise (das grosse allgemeine

Krankenhaus in Wien hat ja auch 10%), dass jedoch nur als seltene

Ausnahme schwere erschöpfende Formen vorkommen, kann jeder Arzt

bestätigen, der vorurtheilsfrei beobachtet und kritisch zu Werke geht.

Die Verhältnisse in Indien und die Lebensweise sind ja die günstigsten,

das syphilitische Gift zu schwächen. Ich habe während meines 8jährigen

Aufenthaltes in Indien kein einziges skrophulöses Individuum gesehen

und nur einen einzigen Eingeborenen mit einer bedeutenden Kyphose. Das

Leben in der freien Luft, die eiweissreiche Volksnahrung (Reis), die

besonders für Europäer günstigen socialen Verhältnisse, die täglichen

Bäder und vielleicht auch die reichliche Transpiration erhöhen gewiss

die Widerstandskraft des Körpers gegen den syphilitischen Process.

Die Häufigkeitsscala der einzelnen syphilitischen Formen entspricht so

ziemlich der in Europa bekannten. Ulcus, Adenitis, Roseola, Angina,

Rupia, Iritis (cyclitis), Psoriasis u. s. w. folgen sich so ziemlich

in Indien wie in Europa; auch das gleichzeitige Auftreten einzelner

Symptome bindet sich dort an eine gewisse Regelmässigkeit, so dass z. B.

die Rupia kaum jemals gleichzeitig mit der ersten Roseola beobachtet

wurde. -- Von den schweren Formen, wie z. B. Psoriasis universalis,

Knochensyphilis, Syphilis der inneren Organe, deletäre Iritiden, durch

ihre zu grosse Ausbreitung erschöpfende Rupia- oder Ecthymageschwüre

u. s. w. sah ich nur ausnahmsweise und hörte ebenso selten davon

Erwähnung thun.

Die Behandlung der Syphilis in Holländisch-Indien richtet sich

unter den europäischen Aerzten so ziemlich nach der betreffenden

heimathlichen Schule; der Eine behandelt die secundäre Form mit

Quecksilber, der Andere alle Fälle, die ihm unterkommen, ohne einen

Unterschied in dem Stadium der Erkrankung zu machen, beinahe Alle

jedoch unterscheiden scharf zwischen Ulcus molle und Syphilis und

behandeln ersteres entweder exspectatif oder mit Jodoform oder Cuprum

sulf. u. s. w. und beschränken die Mercurbehandlung nur auf Syphilis;

einzelne enthalten sich dieser ganz und gar. Von einer einheitlichen

Behandlung der +Eingeborenen+ jedoch kann kaum die Rede sein; in

Sumatra z. B. werden alle Geschwürsformen von den Chinesen ebenso mit

Mercurius vivus bekämpft wie in Bantam mit kupfernen durchlöcherten

Blättchen. Der zweite Theil von Dr. van de Burg: »De Geneesheer in

Indien« wird wohl mehr darüber bringen, und ich will hier nicht zu

weitläufig werden.[44]

Die Prophylaxis der Syphilis und ihre Verbreitung im indischen Archipel

ist enge gebunden an das sociale, politische und religiöse Leben der

indischen Nationen. Nur Java, Borneo und Sumatra können hier besprochen

werden, weil ich nur diese drei Inseln aus Autopsie kenne und die

Aufnahme von Erfahrungen Anderer nicht in den Bereich dieser Abhandlung

ziehen möchte. Die malayische Bevölkerung dieser drei Inseln ist

mohammedanischen Glaubens; sie kennen also die Circumcision bei den

Knaben und Mädchen und die Depilation des Mons veneris. (Rosenbaum:

Lustseuche im Alterthume.) Es ist aber unrichtig, die Depilation als

allgemeine Volkssitte in Asien hinzustellen; denn nur Tänzerinnen,

Prostituées u. s. w. ziehen sich die Haare vom Venushügel aus, wenn sie

noch nicht den Rubikon (18. bis 20. Lebensjahr) überschritten haben;

sie wollen sich dadurch das Air einer +sehr jungen+ Frau geben.

Der prophylaktische Werth dieser Operation ist nicht zu verkennen,

wie auch das Glätten der Haut mit Bimsstein (Rosenbaum) und das

Beschmieren des Körpers mit Oel die Empfänglichkeit für die Aufnahme

des syphilitischen Giftes schwächt.

Im Norden Sumatras ist Päderastie[45] landesüblich, und noch bei meinem

letzten Aufenthalte in Seruway (Atschin) hatte ein Atjeër einen jungen

Mann (Knaben) getödtet, der einem Dorfgenossen zu Willen gewesen war,

ihn jedoch verschmähte. Die Mohammedaner baden von Gesetzeswegen

wenigstens einmal täglich, waschen sich nach den diversen Entleerungen

und ebenso nach dem Coitus.

In Borneo wohnen im Innern des Landes, mit Ausnahme des unteren Laufes

der grossen Ströme (z. B. des Baritu, wo die Bekompeyer dem Islam

angehören), Dajaker, Heiden, welche Jahr aus Jahr ein Feste feiern.

Aus den grossen Blanggas (Töpfen aus der Hinduzeit) wird der Tuwak

(gegohrenes, braunliches, schwachalcoholisches Getränke aus Reis

oder Blüthe der Saquerns saccharifer, oder Boranus flabelliformis

u. a.) in grossen Schalen von Alt und Jung, von Mann und Frau Tage lang

getrunken. Erst die Nacht macht dem Trinken ein Ende.

Ein ganzes Dorf (besonders auf dem Ufer des erwähnten Baritu) wohnt

in einem langen Hause; in einer Veranda versammeln sich alle Gäste

zur Nachtruhe; das kleine Lämpchen, gefüllt mit Damarharz, erlischt

sehr bald, und zügellos blindlings werden da Orgien verübt, vor

denen nicht nur die keusche Diana, sondern auch Venus sich beschämt

verhüllt. Wenn Schiffe nach Java aus Europa und Amerika kommen,

besonders Segelschiffe, die Monate lang auf der See schwammen, sieht

man ganze Boote oft mit 30-40 Frauen von Batavia oder Surabaya

in die hohe See stechen, um die liebesdurstenden Matrosen zum

schaukelnden Schäferstündchen zu verlocken. Nach 10 Uhr Nachts fahren

in den belebtesten Theilen von Batavia kleine Wagen mit je einer

Frauensperson, welche sich anbietet, auf und nieder. Auch im Punkte

der ehelichen Treue scheinen alle Nationen etwas auf dem Kerbholze zu

haben, obschon gewisse Maulhelden offenbar der Uebertreibung Meister

sind. Die sogenannten Haushälterinnen jedoch, welche den besser

situirten europäischen Beamten, Officieren u. s. w. ein Surrogat der

Ehe bieten, seien sie Eingeborene oder seien sie halbeuropäische

Frauen, sind beinahe ausnahmslos mehr oder weniger Allerweltsfreund.

Feste, Kartenspiele, die Gluth der Tropensonne und eigenthümliche

sociale Verhältnisse erhöhen also im Vergleich zu Europa das

geschlechtliche Leben in Indien und mit diesem auch die Gelegenheit zur

Verbreitung der venerischen Krankheit.

Weder die alten Römer, noch die Griechen, noch die Araber erwähnen

der Syphilis; dass sie zu jener Zeit noch nicht existiert habe,

ist dadurch noch nicht erwiesen. (Dass in den Inseln des indischen

Archipels syphilisfreie Reiche seien, kann man sich jedoch durch

Autopsie überzeugen.) Doch von Affectionen der Genitalien sprechen

schon Celsus und andere Schriftsteller. Dioskorides giebt auch

Heilmittel gegen Kondylome an den Geschlechtstheilen u. s. w. an. Auch

im Mittelalter waren venerische Krankheiten sehr gut bekannt, und 1347

verlangte Königin Johanna I., dass »die Puellae publicae im Bordell

zu Avignon alle Samstage von der Frau Amtmännin und einem Wundarzte

untersucht werden, und wenn eine mit dem aus der Hurerei entstandenen

Uebel behaftet gefunden wird, soll man sie von den übrigen entfernen,

damit sie sich Keinem mehr preisgebe und die Jugend anstecke«. Selbst

die neueste Zeit fasst Krankenbilder in einem Rahmen und bringt sie

in einen causalen Zusammenhang, die noch im vorigen Jahrhundert in

ihrer Totalität unbekannt waren, z. B. Morb. Basedowii. So ist es

ganz verständlich, dass specifische Ulcera u. s. w. mit consecutiver

Roseola u. s. w. vorkamen, ohne dass man deren Zusammenhang ahnte und

ihnen einen gemeinsamen Namen gab. Man hat also nur wenig Anlass, einen

exotischen Ursprung der Syphilis zu suchen.

Im Jahre 1521 erscheint zum ersten Male dieser Collectivname. Natürlich

musste Amerika der Sündenbock und als die Pflanzstätte der Lustseuche

verschrieen sein. 1493 kam zum ersten Male Columbus nach Europa zurück,

und schon 1483 war ein epidemisches Auftreten in Rom constatirt worden.

Demungeachtet citiren alle Schreiber (auch Prof. Bäumler in Ziemssens

»Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie«) den Gonzalo

Hernandez de Oviedo als maassgebende Autorität für die Abstammung der

Syphilis aus Amerika, weil er bei seinem Aufenthalt in Haiti 1513 diese

Thatsachen constatiren zu können glaubte.

Sei die Syphilis ein amerikanisches Product, hätten sie die Franzosen,

oder die Italiener, oder die Deutschen in die Welt gebracht, in

Indien und speciell in dem indischen Archipel folgt sie nur der Spur

der Europäer. Java entzieht sich heute schon einem diesbezüglichen

objectiven Nachweis; nicht so das jungfräuliche Borneo und Sumatra.

Im Jahre 1877 sass ich im Herzen Borneos, in Muarah Teweh; hier sah

ich, was eine zweckmässige und gut durchgeführte Prophylaxis leisten

könnte; während 3½ Jahren kam kein einziger Fall von recenter Syphilis

vor. Auf dieser Insel lässt sich die Ausbreitung der Syphilis gut

verfolgen. Die malayischen Frauen auf der Küste und dem unteren Theile

der grossen Ströme stehen in innigem Verkehr mit den Europäern, sei

es als Haushälterinnen, sei es als Prostituées oder dienstwillige

verheirathete Frauen; auch im Innern des Landes, so weit eben

Garnisonen liegen, die mit den dajakschen Frauen in Contact kommen,

wurde Syphilis unter den Eingeborenen gesehen. Von diesen kann nur

schwer eine weitere Verbreitung erfolgen, weil die freien und relativ

unabhängigen Stämme im Innern des Landes in steter Feindschaft mit den

übrigen stehen; auch die Handelsleute, Bekompeyer oder Chinesen, die

sich ins Innere des Landes, selbst bis in das Reich der Waldmenschen

wagen, können die Lues nicht verpflanzen; sie haben ihren Kopf zu

lieb, um ihn einem Schäferstündchen zu opfern. Auch die Soldaten in

Muarah Teweh gaben kein einziges Mal sich mit den Dajaker-Frauen ab,

darum habe ich auch keinen einzigen Fall von recenter Syphilis unter

ihnen gesehen, obwohl ich 100-200 Dajaker zur Behandlung bekam. Ich

besuchte ihre Dörfer, ihre Feste, ich stand durch meine Beschäftigung

mit dem Ausstopfen der Thiere im innigen Verkehr zu ihnen, ich wurde

zur Behandlung von Patienten in ihre Wohnräume gerufen, und niemals

sah ich ein luetisches Individuum, obwohl ich dieser Sache die grösste

Aufmerksamkeit schenkte; ihre Priester und Priesterinnen sind im

strengsten Sinne des Wortes Prostituées; ihre zahlreichen Feste, ihre

mangelhafte Toilette und das enge Zusammenleben auf einem kleinen Raume

würden die Verbreitung der Lues, falls dieselbe überhaupt vorkäme,

enorm begünstigen.

Java erfreut sich diesbezüglich leider schon eines grösseren Terrains.

Im Laufe dieses Jahrhunderts wurden die Holländer nach und nach Herren

der Insel, und selbst die zwei selbständigen Kaiserreiche Solo und

Djocja haben europäische Garnisonen. Und doch giebt es noch einzelne

Strecken, die frei von Syphilis sind. Mir ist z. B. der +Süden+

der Provinz Bantam etwas mehr bekannt. Abseits der grossen Strassen

liegen noch Kampongs (Dörfer), wohin niemals ein Europäer kommt und

deren Bewohner kaum jemals ihren Geburtsort verlassen.[46] Dort

sind die Frauen auch nicht so liederlich, zeigen eine weitgehende

Zurückhaltung gegen die Europäer und geben also wenig Gelegenheit,

die Syphilis aufzunehmen und zu verbreiten. Kam ich (1881) in ein

solches Dorf, um die armen Menschen, die durch Malariafieber und Hunger

erschöpft, auszusterben drohten, wenn die holländische Regierung

sich ihrer nicht erbarmt hätte, so war es mir Anfangs nicht möglich,

die Frauen zu Gesichte zu bekommen; nach und nach erst entschlossen

sie sich, Medicamente und Lebensmittel von mir anzunehmen, die

durch europäische Krankenwärter vertheilt wurden. Sumatra bietet

Verhältnisse, die mehr jenen von Borneo gleichen.

Die politische Abhängigkeit der Stämme auf dieser Insel unterliegt

allen möglichen Abstufungen. Der südliche Theil -- die Provinz

Lampong -- die Provinzen Palembang und Benkalen haben eine geregelte

europäische Verwaltung und sind daher sanitären Maassregeln zugänglich.

Die sogenannte Ostküste befindet sich erst in einem Uebergangsstadium;

das Innere des Landes hat bis jetzt nur wenigen Europäern den Zutritt

erlaubt. So ist die »Lampong« besonders durch die Frauen von der

Küste Bantams schon eine Brutstätte der Syphilis geworden, und in der

Ostküste mit dem Hafenplatz Labuan Deli beginnt diese Krankheit mit

Riesenschritten ihren siegreichen Einzug in das Land zu nehmen.

»Noch vor 25 Jahren,« so berichtet der »Javabote« in einer Nummer des

vorigen Jahres aus Anlass einer von mir erschienenen Abhandlung, »war

das Medan (Hauptplatz der Provinz) frei von Syphilis; heute ist sie auf

dem Hafenplatz und in der Hauptstadt in floribus, und schon unter den

Bewohnern der »Tamiang« konnte ich einige Fälle constatiren. Kommen

einmal die einzelnen Stämme zur Ruhe, die sich jetzt an der Grenze

Atjehs und Battakers bekämpfen, und tritt dann ein inniger Verkehr

zwischen den Soldaten und den eingeborenen Polizisten ein, dann wird

auch das Innere Sumatras schon in wenigen Jahrzehnten der Lues und

dem Branntwein verfallen sein; denn weder +alle+ Officiere noch

die +jungen+ Beamten, welche im Innern des Landes die Pioniere

der Civilisation vergegenwärtigen, begreifen die prophylaktischen

Bestimmungen in ihrer ganzen Tragweite.

21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo. · 第 20 / 26 段