Im Jahre 188.. lebte ich in der Hauptstadt des Bezirks X. An der

Grenze desselben wohnte der Controleur Y., welcher mit einer Dame aus

Amsterdam verheirathet war. Dieser Dame gefiel das Leben in Indien,

und noch dazu an der Grenze eines Bezirkes, so wenig, dass sie ihren

Mann veranlassen wollte, entweder mit Urlaub zu gehen oder den Abschied

aus dem Dienst zu nehmen. Einen Urlaub zu nehmen und nach Europa auf

eigene Kosten zu gehen, d. h. für sich, seine Frau, zwei Kinder und

eventuell für eine Babu die Transportkosten zu zahlen, hätte ihn einige

tausend Gulden gekostet. Er wandte sich also an mich mit der Bitte,

ihm ein »Certificat nach Europa« zu geben!! Im ersten Augenblick

kochte das Blut in mir über das Verlangen, ein solches ärztliches

Zeugniss erhalten zu wollen, ohne dass er krank gewesen war, ohne dass

er, und wäre es nur für eine einzige Woche, unter meiner ärztlichen

Behandlung gewesen wäre. Ich liess jedoch von meiner Entrüstung

nichts merken, sondern nahm mir vor, ihn dafür gut »abzuführen«. Es

war mir nämlich bekannt, dass dieser Mann in seiner Frau geradezu

eine Xantippe gefunden hatte, welche sein Leben ihm mit Klagen und

Vorwürfen verbitterte, dass er sie dem herrlichen Leben der Grossstadt

A. entrissen und in eine Einsiedelei gebracht habe. Darauf basirte

ich meinen Plan der Bestrafung. Ich bestimmte einen Tag der folgenden

Woche, an dem er mit einem Stempelbogen zu mir kommen sollte. Zur

angewiesenen Stunde erschien der gute Mann. Ohne ihn zu untersuchen

oder über seinen Zustand zu befragen, übernahm ich den Stempelbogen,

schrieb das »Certificat«, und mit einem freudestrahlenden Gesicht und

unter überschwänglichen Worten des Dankes wollte er mich verlassen.

Ich hielt ihn jedoch zurück mit den Worten, ob er denn kein Verlangen

habe zu erfahren, für welche Krankheit ich es unter Eid »noodzakelijk«

erklärt habe, dass er nach Europa gehen müsse. Es war ein Mann, der

vielleicht um 10 cm grösser war als ich, ein homo quadratus von

strotzender Gesundheit. Er warf einen Blick in das »Certificat«,

und wüthend zerriss er das Papier. Ich hatte geschrieben, »dass zur

Erholung des Herrn Y., Controleur zu X., ein 2jähriger Urlaub +seiner

Frau+ nöthig sei!« Als er jedoch mir über diesen schlechten Witz

Vorwürfe zu machen begann, wies ich ihm einfach die Thür mit den

Worten: »Sind Sie froh, dass ich Ihr Verlangen mit einem »schlechten

Witz« beantwortet habe; seitdem ich hier bin, sind Sie niemals krank

gewesen oder haben sich wenigstens nicht unter meine Behandlung

gestellt. Adieu.«

Diesen ungesunden Zuständen hat die Regierung vor einigen Jahren in

radicaler Weise ein Ende gemacht. In allen Fällen, dass ein Kranker

ohne Nachtheil vor einer Commission von drei Aerzten erscheinen kann,

entscheidet diese über die Nothwendigkeit eines Urlaubes nach Europa;

der behandelnde Arzt giebt dem Candidaten eine historia morbi mit, die

Commission untersucht den Kranken, verabfolgt das »Certificat« und

reicht übrigens eine genaue Beschreibung seines Zustandes ein, welche

auf amtlichem Wege nach Holland geschickt wird. Hier ist (in dem Haag)

eine stabile Commission, welche vor Ablauf des Urlaubes den Kranken

wieder untersucht und festsetzt, ob der Kranke nach Indien zurückkehren

könne, ob sein Urlaub verlängert (bis 3 Jahre) oder ob der Candidat

überhaupt im Interesse seiner Person und des Dienstes pensionirt werden

müsse.

Es ist eine eigenthümliche Erscheinung, dass diese Commission so viel

als möglich aus Militärärzten besteht, und zwar sowohl in Indien

als in Holland. In dem Haag ist der Präsident ein pensionirter

Oberstabsarzt, und die zwei Mitglieder werden aus der Zahl der

Militärärzte genommen, welche zeitlich mit Urlaub in Holland sich

aufhalten; und in Indien sind es die jeweiligen drei ältesten

Militärärzte der Superarbitrirungscommission, welche diesen Zweig der

ärztlichen Praxis ausfüllen müssen.

Auch einen »Gesundheitsrath« haben die drei grossen Städte Javas,

welche die Hygiene der Stadt überwachen sollen. Auf Bandjermasing

bestand weder zu meiner Zeit noch jetzt ein solcher; dort holen sich

die Verwaltungsbeamten von dem militärischen Landessanitätschef

etwaigen Rath.

Jene Civilärzte, welche im Innern des Landes eine monatliche Zulage

als Gerichtsärzte bekommen, sowie der erste Stadtarzt in den

grossen Städten sind mit der Aufsicht über die Impfung betraut. Die

Oberaufsicht über die Vaccination führt jedoch ein »Inspector« von

der »bürgerlijk geneeskundige dienst«. Die Impfung geschieht nämlich

nicht von Aerzten, und nicht einmal von den »Doctoren djawa«, sondern

von Vaccinateuren, d. h. von Eingeborenen, welche bei einem alten

Vaccinateur Monate oder Jahre lang assistiren, sich nach einiger Zeit

bei irgend einem Arzte einer Prüfung unterwerfen, von diesem ein

Zeugniss ihrer theoretischen und praktischen Befähigung ausstellen

lassen, und bei einer etwaigen Vacatur auf Grund dieses Zeugnisses sich

um diese Stellung bewerben. Sein Gehalt beträgt 30-50 fl. monatlich.

Dieses System hat sich bis jetzt sehr gut bewährt, und es geschieht

sehr häufig, dass selbst europäische Mütter von dem eingeborenen

»Mantri Djadjar« = Vaccinateur ihre Kinder impfen lassen, weil er mit

einem bescheidenen Honorare sich zufrieden giebt. Der Vaccinestoff ist

seit einigen Jahren vorherrschend ein animaler; er wird in Weltevreden

auf gewöhnliche Weise gewonnen und nach dem ganzen Archipel an die

Vaccinateure und Doctoren gesendet. Die Ersteren, welche von Dorf zu

Dorf wandern müssen, gebrauchen natürlich noch sehr oft die humanisirte

Lymphe; die Doctoren jedoch, welche zur Impfung gerufen werden, lassen

sich in der Regel, ich glaube gegen eine Bezahlung von 2 fl., eine

Phiole animaler Lymphe kommen, um damit gleichzeitig einige Kinder

ihrer Clientel zu impfen. Dort, wo keine Civilärzte sind, ist der

älteste Militärarzt mit der Aufsicht über die Vaccination betraut, muss

jedes Jahr eine Inspectionsreise in seinem Vaccinationsbezirk machen

und darüber einen ausführlichen »Rapport« einreichen. Nur einmal, und

zwar im Jahre 1882, sah ich mich bei einer solchen Inspectionsreise

veranlasst, radicale Maassregeln an den Residenten vorzustellen und

hierüber an den Sanitätschef zu berichten, welcher mir auch einige

Worte der Anerkennung dafür schriftlich sandte. Im zweiten Theile

werde ich darüber ausführlicher sprechen, weil es ein schönes Fest

war, welches ich damals im Innern von Sumatra gesehen habe; aber das

Resultat meiner Inspection war damals ein trauriges. 500 junge Mädchen

wurden mir vorgeführt, und bei einer grossen Anzahl derselben waren die

alten Narben die von grossen Geschwüren; auch unter den jüngsten, d. h.

welche erst vor 14 Tagen eingeimpft waren, befanden sich zahlreiche

grosse Geschwüre. Mich mit einer genaueren Untersuchung dieser

Geschwüre einzulassen, war nicht möglich, wie wir sehen werden. Ich

stellte jedoch dem Residenten, der gleichzeitig dort anwesend war, vor,

den Vaccinateur nach dem Hauptplatze zurückgehen zu lassen, um bei mir

einige Lectionen zu nehmen, den alten Vaccinestoff aussterben und neue

Lymphe von Batavia kommen zu lassen.

Seit einigen Jahren wird eine antiseptische oder vielmehr aseptische

Impfung von den Vaccinatoren verlangt; ich zweifle aber sehr, ob ohne

Controle diese auch ausgeführt wird. Der Vaccinateur führt zwar ein

Fläschchen mit Carbol und Sublimat mit sich; wenn er jedoch im Kampong

50-100 eingeborene Kinder zu impfen hat, wird sich seine Antisepsis

wohl nur darauf beschränken, mit einem schmutzigen Lappen den Arm

mit Carbol zu befeuchten und das Messer damit abzuwischen. Aber, wie

gesagt, dennoch ist der Vaccinateur »the right man in the right place«;

denn ohne grosse Auslagen wird der Segen der Vaccination bis in die

entferntesten Kampongs des ganzen indischen Archipels eingeführt.

10. Capitel.

Geographie von Borneo -- Reise des dänischen Gelehrten Dr. Bock

-- Besteigung des Berges Kinibalu -- Die Syphilis in Indien --

Beschneidung.

Dr. Posewitz, welcher mein Nachfolger in Buntok wurde, hat nicht nur

die Geologie der Insel Borneo ausführlich beschrieben, sondern auch mit

gründlichem Fleisse die Namen aller Gelehrten gesammelt, welche sich

mit der Ethnographie, Geographie und allen verwandten Wissenschaften

dieser Insel beschäftigt haben.

Ob aber die Karte von Borneo in dem grossen Atlas von Stemfoort und

ten Siethoff, welcher in den Jahren 1883-1885 verfertigt wurde, sich

auch auf die Untersuchungen +dieses+ Geologen basirt, ist mir

nicht bekannt; auch kenne ich die Quelle nicht, welcher diese beiden

Kartographen die Höhenangaben der einzelnen Berge von Borneo entnommen

haben.

Borneo zerfällt in drei Theile: 1. Der Süd-Osten Borneos, dessen

Grenze im Norden der Gebirgszug ist, welcher von der nördlichsten

Spitze zur Westküste parallel mit der Nordküste zieht, im Westen der

»westliche Theil« von Borneo, im Süden die Javasee und im Osten die

Strasse von Makassar. Das Innere und der Süden des Landes, welcher

früher das Bandjermasingsche Sultanat genannt wurde, ist seit dem

Jahre 1864 direkter holländischer Besitz, während die Ostküste aus

einzelnen kleinen Staaten[37] besteht, welche unter malayischen Fürsten

in grösserem oder kleinerem Maasse die Souveränität der holländischen

Regierung anerkannt haben. Der mächtigste und einflussreichste dieser

Fürsten ist der Sultan von Kutei.

2. Die »westliche Hälfte« der Insel mit der Hauptstadt Pontianak ist

ebenfalls im Besitze der Holländer.

3. Der Norden Borneos steht unter englischer Oberherrschaft und besteht

aus den Staaten Saba, Brunei und Serawak mit der Insel Labuan.

Die triangularische Aufnahme dieser Insel hat sich bis jetzt auf

die der Küste beschränkt, während die anderen Inseln des indischen

Archipels so ziemlich genau schon bekannt sind. So ist z. B. die

triangularische Aufnahme der Insel Sumatra im 1. Grad und die von Java

schon seit langer Zeit im 2. Grad vollendet. Wann es möglich sein wird,

die Schwierigkeiten zu überwinden, welche mit einer triangularischen

Aufnahme von Borneo verbunden sind, lässt sich natürlich heute nicht

feststellen.

Der Lauf der Flüsse wird von den europäischen und eingeborenen Beamten

aufgenommen, wenn sie auf ihren Kähnen das Land durchziehen. Natürlich

hat diese Aufnahme nur dann einen dauernden Werth, wenn es sich um den

Lauf der Flüsse +jenseits+ des angespülten Landes handelt; denn im

Alluvium und im Diluvium ist das Bett der Ströme ein ewig wechselndes.

Der Lauf der Gebirge hat die Form einer Gabel mit vier Zinken, und

es hat also Borneo eine vierfache Wasserscheide, und zwar mit sehr

grossen Strömen. Die bedeutendsten Flüsse dieser Insel sind folgende:

An der Nordküste der Rajang- oder Redjangfluss, der Beram- und der

Bruneifluss. An der Ostküste münden der Kinabalang-, Bulangan-,

Mahakam- und der Pasirfluss. In die Javasee ergiessen sich der

Baritu, Kapuas Murong (= kleiner Dajakfluss) und Kahajan (= grosser

Dajakfluss), welche nicht weit von der Mündung ineinanderströmen und

zwei Inseln bilden, und zwar die Inseln (Pulu) Petak und Kupang;

nebstdem wären an der Südküste noch erwähnenswerth die Flüsse

Katingan-, Sampit- und Pembuasfluss (Fig. 8). An der Westküste ist der

Kapuas der einzige bedeutende Fluss, welcher mit zahlreichen Kanälen

und Armen sich in die Karimatastrasse ergiesst.

Was die Orographie dieser Insel betrifft, so lässt sie noch viel zu

wünschen übrig; nur von einzelnen Bergen ist die Höhe bekannt. So z. B.

sollen im Osten der Insel die Berge Melihat und Beratus +ungefähr+

1000 Meter hoch sein, während in der Nähe der Nordküste (116° 30′ O. L.

und 6° N. B.) der Kinibalu eine Höhe von 4170 Meter haben soll.

Es sind, wie oben erwähnt wurde, vier Gebirgszüge, welche Borneo

durchziehen. Der erste beginnt von der nördlichsten Spitze und zieht

beinahe parallel zur Nordküste nach Westen und bildet theilweise mit

seinem Bergrücken die Grenzlinie zwischen Serawak und dem holländischen

Borneo. Der zweite Gebirgszug zieht nach dem Südwesten und ist die

Grenze zwischen dem westlichen und südöstlichen Theil von Borneo. Der

dritte geht beinahe in senkrechter Linie nach Süden und der vierte in

einer concaven Linie nach dem Südosten der Insel und scheidet die mehr

oder weniger abhängigen Staaten mit eigenen Fürsten von dem ehemaligen

Bandjermasingischen Reiche.

Der höchste Berg der Insel ist der bereits erwähnte Kinibalu, der durch

seine Lage in der Nähe der Nordküste den Seefahrern nach China und Java

hinreichend bekannt ist; auf der Westseite hat seine Spitze die Form

eines abgestumpften Kegels.

Schon vor 40 Jahren, und zwar im Jahre 1858, wurde die Besteigung

desselben versucht, und zwar von zwei Seiten. Die erste Expedition

wollte die Quelle des Tampasuk aufsuchen und von dort aus den Gipfel

erreichen (April 1858). Längs dieses Flusses drang man vorwärts; »die

Schwierigkeiten waren nicht geringer Natur, denn bald war der Fluss zu

durchwaten, bald ging es über zerbröckelte Granitfelder, bald durch

Urwälder. Tief hatte der Strom und seine zahlreichen Nebenflüsse den

Boden durchwühlt; Landstürze und Erdrutsche bedrohten die Reisenden

von allen Seiten, und selbst ungeheure Granitblöcke, die ursprünglich

auf dem Gipfel des Berges gelegen haben mochten, waren durch die

Gewalt des Wassers weit ins Land hineingeführt. Nach den starken

wolkenbruchartigen Regengüssen, die im Innern Borneos keineswegs zu

den Seltenheiten gehören, steigen die wilden Ströme oft binnen wenigen

Stunden 50 Fuss hoch und reissen dann mit unwiderstehlicher Gewalt

Alles, was ihnen in den Weg kommt, selbst die schwersten Felsmassen,

wie leichte Spielbälle mit sich fort. Die von ihnen weggeschwemmte Erde

wird lange Zeit im Wasser schwebend erhalten und erst an den Küsten

abgesetzt, wo sie dann den fruchtbaren Alluvialboden bilden hilft.«

»Die Natur an den Abhängen des Kinibalu ist ungemein reich, namentlich

wachsen hier die schönen Nepenthes-Arten und rothe, gelbe oder violette

Alpenrosen. Die Kälte nimmt zu, je näher man dem Gipfel kommt, und als

die Reisenden die zweite Nacht nach ihrem Aufbruche in einer Höhle

zugebracht hatten, fanden sie am andern Morgen alle Gebüsche mit Reif

überzogen. Auf die Rhododendron-Büsche folgte nacktes granitisches

Gestein, und aus diesem erhob sich, 3000 Fuss hoch, noch fast senkrecht

ansteigend, der Gipfel des Berges. Hier und da strömten kleine

Wassergerinnsel über den Granit, und kleines Strauchwerk wuchs spärlich

in den geschützten Winkeln der Felsvorsprünge. Da die Felsen fast unter

40° ansteigen, so versuchte Spencer St. John (dies ist der Name des

kühnen Gelehrten), die Ersteigung mit wollenen Strümpfen durchzusetzen;

diese zerrissen jedoch bald, und seine Füsse begannen zu bluten. Ausser

einigen Moosen und Gräsern wuchs an dieser Stelle nichts weiter.«

(Friedmann.)

Die zweite Expedition, welche einige Monate später erfolgte, war aus

denselben Ursachen nicht glücklicher. Sie folgte dem Lauf des Flusses

Tawaran (auf der Westseite des Berges), ohne die Quelle dieses Flusses

zu finden oder den Gipfel des Berges zu erreichen.

* * * * *

Wenn auch im letzten Capitel die Geschichte der südöstlichen Hälfte

Borneos mitgetheilt und es unvermeidlich sein wird, einige Namen von

Städten, Bezirken und kleinen Reichen anzuführen, so glaube ich doch,

an dieser Stelle mich nicht mehr, als gethan ist, mit der Geologie,

Hydro- und Orographie des Landes beschäftigen zu müssen, weil jeder,

der sich dafür interessirt, in Dr. Posewitz’s Geologie von Borneo

eine reiche Quelle findet, aus welcher er nicht nur alles findet, was

die Geologie des Landes betrifft, sondern auch eine übersichtliche

Angabe aller Reisenden, welche diese Insel auch im Interesse anderer

Wissenschaften durchzogen haben.

* * * * *

Die südöstliche Hälfte Borneos wurde bis jetzt nur von einer kleinen

Anzahl von Gelehrten durchforscht. Der erste war ein Sergeant der

indischen Armee, Namens F. J. Hartmann, welcher im Jahre 1790 den

Baritustrom bereiste, und der letzte war Dr. Bock, ein dänischer

Gelehrter, welcher zur Zeit meines Aufenthaltes, und zwar im Jahre

1879, mit dem Sultan von Kutei die Reise durch das Innere des Landes

anfing und den letzten Theil allein zurücklegte. Der bedeutendste

Forscher jedoch war Schwaner, welcher in den Jahren 1844 bis 1847

Borneo vom Süden nach dem Westen durchzog und geradezu ein standardwork

über die Ethnographie der Dajaker schrieb, welches jedoch leider in

vielfacher Richtung schon veraltet genannt werden muss. Uebrigens haben

auch G. Müller 1825, Hallewyn 1824-25, Dalton 1827, Henrici 1831, S.

Müller, Horner und Korthals 1836-39, Heinrich von Gaffron (gleichzeitig

mit Schwaner) und Dewall 1846 bis 1849 zur Erforschung dieses Theiles

von Borneo bedeutende Beiträge geliefert,[38] welcher 361653 ☐kmeter

gross ist und im Jahre 1883 645772 (??) Einwohner zählte.

Wie erwähnt, zog Dr. Bock im Jahre 1880 mit dem Sultan von Kutei

(Ostküste von Borneo) von der Hauptstadt dieses Reiches, Samarinda,

über Land nach Bandjerma+sing+.

So manchem Leser wird es aufgefallen sein, dass ich constant von

Bandjerma+sing+ schreibe, während die meisten Reisenden, und auch der

erwähnte grosse Atlas von Stemfoort und ten Siethoff, der Hauptstadt

des südöstlichen Borneos den Namen Bandjerma+sin+ geben. Für meine

Schreibweise habe ich jedoch eine historische und etymologische

Rechtfertigung.

In vielen alten Handschriften wird von dem Lande von Banjerma+singh+

gesprochen. So z. B. schreibt die »hohe indische Regierung« in ihrem

Briefe vom 25. Februar 1660 an den »Kaufmann« Dirk van Lier: »Omdat het

land van Banjerma+singh+ groote Quantiteit pepers jaarlijks mitgeven

kann .... dat zij zich vermeten hebben Oud-Banjerma+singh+ ...« Auch

der bekannte Reisende Valentyn schreibt den Namen mit einem gh am

Ende.[39]

Der Name Bandjermasing wird aber auch dem Barituflusse gegeben. Dies

ist jedoch ganz unrichtig. Die Stadt Bandjermasing liegt nämlich gar

nicht an den Ufern dieses Stromes, sondern an seinem Nebenflusse

Martapura. Auch die Dajaker nennen diesen Strom niemals Bandjermasing,

sie sprechen nur von einem Baritu- oder Dussonflusse. Von der Mündung

bis ungefähr zum Kampong Baru (1° 20′ S. B.) nennen sie ihn den

Baritustrom; von hier aus bis zum Nebenflusse Montalat (0° 35′ S. B.)

führt er den Namen Dusson ilir = unterer Dusson, und Dusson ulu =

oberer (Lauf des) Dusson heisst er bis zur Vereinigung der Belatong-

und Murongflüsse (0° 45′ N. B.), welche für die Quellen dieses

mächtigen Stromes gehalten werden.

* * * * *

Wenn ich mit einigen Zeilen das Werk des dänischen Dr. Bock »Unter

den Kannibalen auf Borneo«, oder vielmehr seine Reise vom Osten nach

dem Süden der Insel Borneo bespreche, leiten mich mancherlei Motive.

Wenn er z. B. im 21. Capitel schreibt: »Was die Sittlichkeit betrifft,

so bin ich geneigt, den Dyaks eine hohe Stufe der Civilisation

zuzugestehen,« so fehlt mir jedes Verständniss für diese Phrase.

Ich weiss, dass Dr. Bock nur kurze Zeit auf Borneo geweilt hat, dass

Dr. Bock wie alle andern Reisenden nur ein Ziel kannte: In möglichst

kurzer Zeit die möglichst grosse Strecke zu durcheilen; dass Dr. Bock

zur Erwerbung ethnographischer Thatsachen nur die Mittheilungen seiner

Dolmetscher oder Führer benutzen konnte; Dr. Bock konnte also gar nicht

in die Tiefe der Sitten und Gebräuche der Eingeborenen eindringen,

und doch -- fällt er ein Urtheil. Ja noch mehr. Vom 16. Juli 1879 bis

3. März 1880 war er auf Borneo, hörte in Teweh, dass sich in Buntok

ein Arzt befinde, der sich mit dem Sammeln von Fischen und Schlangen

beschäftige und tausende und tausende Käfer bereits nach Europa

gesendet hatte u. s. w. Am helllichten Tage zog er mit seinem Kahn

bei Buntok vorbei und fand es nicht der Mühe werth, diesen Collegen

aufzusuchen und seine Sammlungen anzusehen, obzwar dieser drei Jahre

lang an der Mündung des Teweh gewohnt hatte und gewiss mehr als er (Dr.

Bock) Gelegenheit hatte, ein Urtheil über die Fauna von Borneo sich

anzueignen. Ich kenne die Ursachen dieser beschleunigten Rückreise nach

Bandjermasing; ich kann sie aber nicht billigen.

Nachdem Dr. Bock seinen Ausflug zu den O. Punang beendigt hatte,

und zwar, indem er den Mahakamfluss und seine Nebenflüsse Telen und

Klintjoû stromaufwärts mit Kähnen gefahren war, war er nach Samarinda

zurückgekehrt, um mit dem Sultan von Kutei die Reise nach dem Strome

Baritu über Land zu machen. Er zog noch einmal den Mahakamfluss

stromaufwärts bis zum Semajangsee, den er, wie auch den folgenden

Djempangsee, mit einem Kahn befuhr, und auf dem Lawafluss kam er in die

Wasserscheide des östlichen Gebirgszuges. Eine kurze Strecke mussten

sie zu Fuss das Gebirge überschreiten, um in dem Renangonfluss, welcher

ein Nebenfluss des Teweh ist, wieder mit Kähnen die Reise fortsetzen zu

können.

Das Reisetempo des Sultans war ihm jedoch zu langsam, so dass er sich

entschloss, seinen Reisebegleiter zu verlassen, und allein Teweh

erreichte, wo sich bereits ein holländisches Kriegsschiff befand, um

ihn und den Sultan von Kutei cito et jucunde nach Bandjermasing zu

bringen.

Warum Dr. Bock in der Einsiedelei dieses Ortes, welcher kurz vorher

von uns verlassen war, auf dem Kriegsschiffe seine Aufwartung

+nicht+ machte, weiss ich nicht. Als jedoch zwei Tage später der

Sultan ankam und am Bord des Kriegsschiffes festlich empfangen werden

sollte, schloss sich Dr. Bock uneingeladen dem Zuge an, und zwar in

Reisetoilette. Der Officier, welcher an der Falltreppe die Gäste

empfing, glaubte ihn zurückweisen zu müssen. Dies kränkte Dr. Bock mit

mehr oder weniger Recht so sehr, dass er ans Land ging und sofort sans

adieu Teweh verliess und fünf Tage und Nächte in seinem Kahne nach

Bandjermasing reiste, ohne andere Lebensmittel als Reis bei sich zu

haben.

Diese Details dieser übereilten Reise des Dr. Bock erfuhr ich später

von dem Häuptlinge Dacop +und+ von dem Seeofficier, welcher bei

dem festlichen Empfang des Sultans von Kutei »du jour« gehabt hatte.

Als Dr. Bock auf seiner Eilfahrt nach Bandjermasing mein Haus in Buntok

passirte, war es 5 Uhr Nachmittags, und ich sass in der Vorderveranda,

meinen Thee zu trinken. Neben mir wohnte der Controleur der Abtheilung,

und vor seinem Hause stand ein Polizeimann auf der Wache. Als dieser

einen Kahn mit der holländischen Fahne vorbeifahren sah, rief er sein

»Werda« zu und bekam zur Antwort: Tuwan blanda = ein holländischer

Herr. So räthselhaft mir und den übrigen Officieren die Reise eines

Tuwans auf einem Kahne sein musste, während ein Kriegsschiff, wie

wir wussten, sich bei Teweh befand, so wenig liess sich daran etwas

verändern, weil der Kahn die holländische Fahne führte und nebstdem mit

grösster Eile fortgefahren war.

Ich kann also die Bemerkung nicht unterdrücken, dass ich es wohl

verstehe, wenn Dr. Bock sich gekränkt oder beleidigt fühlte, dass er

mit dem Kriegsschiffe, auf dessen Boden er beleidigt wurde, nicht

die Reise machen wollte; es ist mir aber nicht verständlich, dass er

darum nicht in Buntok Halt machte, um die einzigen Europäer dieser

Gegend aufzusuchen, und meine Sammlung von Fischen, Schlangen, Käfern,

Insecten und Thierfellen zu besichtigen, von welcher ihm der Häuptling

Dacop, wie ich später erfuhr, ausführliche Mittheilungen gemacht hatte.

Dr. Bock ist Zoologe; er hätte bei mir so manches Neue und

Unbekannte sehen können, wie z. B. die nach mir benannte Python

Breitensteini,[40] Parachella Breitensteini[41] und Breitensteinia

insignis,[42] und doch liess er sich diese Gelegenheit entgehen, sein

Wissen von der Fauna Borneos zu bereichern!

Aber auch als Ethnograph hat, wie schon oben erwähnt, Dr. Bock durch

seinen kurzen Aufenthalt auf Borneo der Wissenschaft nur schlechte

Dienste geleistet; er hat nur weniges gesehen und zu viel den

Mittheilungen seiner Führer vertraut, welche oft nicht einmal der

Sprache der Gegenden mächtig waren, welche sie im Fluge durchreist

hatten.

* * * * *

Während meines Aufenthaltes in Teweh und Buntok hatte ich nur wenig

Material für das Studium der Magen-, Leber- und Darmkrankheiten, welche

in den Tropen so häufig beobachtet werden, weil beinahe niemals die

Eingeborenen bei solchen Krankheiten meine Hülfe in Anspruch nahmen;

aber auch von der Syphilis sah ich viel weniger Fälle, als ich erwartet

hatte. Es giebt ja einige Autoren, welche nach Indien die Heimath der

Syphilis verpflanzen wollten. In +Borneo+ fand ich sie (d. h. die

Heimath der Syphilis) damals ebenso wenig, als später auf Sumatra und

Java.

Wie ich schon früher mittheilte, mochte ich mir über diese Frage ein

Urtheil erlauben, weil ich mit den Dajakern mehr als jeder andere

Officier oder Beamte verkehrte; ich wurde zu allen ihren Festen

eingeladen, bei einzelnen Krankheitsfällen wurde von meiner ärztlichen

Kunst Gebrauch gemacht, und durch meine Dilettantenarbeiten im

Ausstopfen und Sammeln der Thiere kam ich ebenfalls vielfach mit diesen

primitiven Menschen in Berührung.

Als im Jahre 1879 der Fürst von Murong und Siang nach Teweh kam,

suchte ich bei und von ihm die Lösung aller offenen Fragen zu finden,

z. B. die Existenz von Vulkanen in Borneo und die der Elephanten und

Schwanzmenschen; am wichtigsten war mir jedoch die Frage, ob unter

den Waldmenschen (Olo-Ott) die Lues vorkäme, und ob die venerischen

Erkrankungen ebenso häufig als im übrigen Theile des indischen

Archipels bei den Urbewohnern Borneos beobachtet werden.

Wenn ich auch seinen Mittheilungen keinen höheren Werth beimessen

will, als sie eben verdienen, so muss ich doch mittheilen: +Borneo

ist nicht die Heimath der Syphilis, und die auf dieser Insel jetzt

vorkommenden Luesfälle sind ein Importproduct der Europäer+. Aber

auch auf den Inseln Sumatra und Java ist die Syphilis (ich spreche nur

von +dieser+ und nicht von den sogenannten +venerischen+

Krankheiten) von den Europäern eingeführt worden, wie ich in der W. M.

P. im Jahre 1884 und in der B. K. W. im Jahre 1886 nachzuweisen mich

bemühte.

Ich schrieb damals:

»Genau so weit als die Europäer in Indien vordringen, findet sich die

von ihnen verstreute Aussaat der Syphilis. In neuester Zeit konnte man

dies in Deli (Ostküste von Sumatra) Schritt auf Schritt verfolgen.

21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo. · 第 19 / 26 段