auch die Privatpraxis (wie den höheren Militärärzten) verboten wäre,
und höchstens die consultative Praxis oder die Hülfe bei grossen
Operationen gestattet wäre. Wenn nebstdem die Stelle des zweiten oder
dritten Stadtarztes ebenso gut bezahlt würde, als die des ersten
Stadtarztes (700 fl. per Monat), so würden manche Aerzte gern diese
Stellung annehmen, weil ihnen damit ein stabiles Amt gegeben wäre, in
welchem sie wissenschaftliche Arbeiten leisten könnten. Man könnte
zu diesem Amte Aerzte wählen, welche in speciellen Fächern sich
+thatsächlich+ ausgebildet haben.
Stadtärzte befinden sich nur in Batavia, Samarang und Surabaya; wenn
nun diese drei Städte je einen Chirurgen, Oculisten und Geburtshelfer
zu Stadtärzten hätten, wie viel wäre der leidenden Bevölkerung
geholfen, wenn, ich will mit Nachdruck wiederholen, keine ephemeren
Specialisten, sondern solche Männer, welche factisch nach absolvirten
Studien ausschliesslich nur in einem Fach gearbeitet haben, die
Stellung der Stadtärzte einnehmen würden.
Die »Civil-Aerzte« sind Aerzte, welche keine Beamten, also nicht
pensionsfähig sind, kein Recht auf Urlaub und freie Reisen u. s. w.
haben, sondern es sind Aerzte, welche sich im Innern des Landes
niedergelassen haben, meistens im Centrum von Zuckerfabriken,
Tabaksanpflanzungen u. s. w., und dort den Kampf ums Dasein jucunde
et dulce beginnen können, weil die Regierung sie mit fl. 200 per
Monat subsidirt, wofür sie die Vaccination beaufsichtigen, die
Gefangenen, die niedern Beamten behandeln und in gerichtsärztlichen
und polizeilichen Fällen advisiren müssen. In vier Orten bezahlt die
Regierung selbst 400 fl., weil kein Arzt sonst sich dort niederlassen
würde. Manche dieser Doctoren stehen sich sehr gut und verdienen
1000-1500 fl. per Monat, obzwar auch in Indien »das Fett von der Suppe«
für die Aerzte abgenommen ist. Die Concurrenz wird mit jedem Tage
grösser.
In den grossen Städten giebt es natürlich noch Civil-Aerzte, welche
procul negotiis sind, d. h. gar kein Amt versehen und nur vom
Erträgniss ihrer Praxis leben.
Im Ganzen und Grossen ist die Existenz der Aerzte in Indien bis jetzt
eine günstige, und mitunter selbst eine sehr günstige zu nennen:
Alle können von ihrem Einkommen standesgemäss leben; viele können
von ihrem Einkommen ein kleines Capital für die alten Tage ersparen,
besonders durch Kauf einer grossen Lebensversicherung, und einige von
ihnen werden reich. Von den letzteren würde die Zahl viel grösser
sein, wenn sie sich nicht durch den Speculationsgeist verleiten
liessen, an geschäftlichen Unternehmungen sich zu betheiligen, ohne
von dem Geschäft auch nur etwas zu verstehen. Es wird nämlich für eine
gewöhnliche Visite 2 fl. 50, für eine Entbindung 100 fl. bezahlt,
während für Operationen, je nach den Vermögensverhältnissen der
Patienten, mehr oder weniger hohe Honorare bezahlt werden. Es sind aber
nicht die europäischen Patienten, welche diese günstigen pecuniären
Verhältnisse der Aerzte ermöglichen, sondern die Chinesen, von denen
vor 10 Jahren auf Java allein sich mehr als 200000 befanden, und (in
den grossen Städten) die Armenier. Wenn auch der Mittelstand der
Chinesen bei den petites misères de la vie zuerst zu den Hausmitteln
der Eingeborenen greift oder in den chinesischen Apotheken sein Heil
sucht oder den chinesischen Arzt zu sich kommen lässt, so wird er
doch, wie sein reicher Landsmann oder ein eingeborener Häuptling oder
Handelsmann, bei längerer Dauer die Hülfe eines europäischen Arztes
suchen. Die Zahl der Chinesen ist in allen grossen Städten, und auch
im Innern des Landes, sehr gross; nebstdem ist unter ihnen die Zahl
der »Reichen« viel grösser als unter den Europäern; in der Regel kommt
er als Kuli ins Land und ist und bleibt sparsam bis er reich ist. Wenn
er als Kuli 25-30 Kreuzer täglich verdient, wird er die Hälfte täglich
brauchen, so lange bis er 10-15 fl. erspart hat; dann zieht er in den
Kampong und spielt den Wucherer bei den Eingeborenen, bis ihm dieses
oder jenes kleine Grundstück von einem säumigen Schuldner zufällt. Auch
dann wird er immer und immer sparen; wenn er selbst schon Tausende und
Tausende besitzt, wird er vielleicht bei einer Hochzeit seiner Tochter
ein luxuriöses Fest geben und z. B. für das Feuerwerk allein 1000 fl.
bezahlen, aber die Sparsamkeit und die Nüchternheit bleiben die Basis
seines täglichen Lebens.
An anderer Stelle werde ich das Leben dieses conservativen Volkes
skizziren, soweit ich Gelegenheit hatte, als practischer Arzt dieses
kennen zu lernen; hier jedoch sei ihrer nur als pièce de résistance
des europäischen Arztes erwähnt. Nur durch ihre grosse Zahl und durch
ihre pünktliche Bezahlung des Arztes ist es möglich geworden, dass
eine grosse Zahl europäischer Aerzte in Indien eines reichlichen
Einkommens sich erfreuen können. Selbst der »kleine Mann« wird am
ersten des Monates für jede Visite, welche der europäische Arzt bei ihm
gemacht hat, den Ryksdaalder bereit haben, wenn der Einkassirer bei ihm
erscheint, um die quittirte Rechnung zu präsentiren. Ich z. B. hatte
tausende und tausende Chinesen behandelt, und davon habe ich keine fl.
200 unbezahlter Rechnungen zurückgelassen; ja noch mehr; in Magelang
brachte mir der Einkassirer einmal die Nachricht, dass ein von mir im
abgelaufenen Monat behandelter Chinese in seine Heimath zurückgereist
sei; ich legte, überrascht von dieser ungewöhnlichen Erscheinung, die
Quittung zu ihren europäischen Schicksalsgenossen; nach vielen Monaten
war er aus China zurückgekehrt und -- bezahlte die alte Rechnung!
Von der landläufigen Sage, dass der Chinese seinen Arzt nur für das
Gesundsein bezahle, ist in Indien nichts bekannt; aber eine andere
Eigenthümlichkeit ist mir in der Praxis aufgefallen. Zur Zeit, dass
der Chinese in Behandlung ist, zeigt er gegenüber dem behandelnden
Arzt eine besondere Liebenswürdigkeit; Früchte, Bäckereien, Fische,
nationale Speisen, wie essbare Vogelnester, Kimlo, bami wurden mir ins
Haus geschickt, so lange ich behandelte; in der Pause jedoch ignorirte
mich manchmal derselbe Chinese in auffallender Weise, ja er grüsste
mich nicht einmal. Ein gewisser Aberglaube scheint die Ursache von
diesem auffallenden Benehmen zu sein.
Sind in Europa die Tanten, Nichten und Schwestern des Patienten
der Schrecken jedes Arztes, weil sie ihre vereinzelten Erfahrungen
gegenüber dem Arzte zur rechten und zur unrechten Zeit geltend machen,
noch mehr hat in Indien der Hausdoctor darunter zu leiden. Wenn in
Holland verlangt werden würde, nicht nur die Therapie der Bauern,
sondern auch ihre Lebensweise und ihre prophylaktischen Maassregeln
+kritiklos+ anzunehmen, würde der Arzt von allen gebildeten
Familienangehörigen im Zurückweisen derselben eine Stütze finden; in
Indien wird dieses auf Grund landläufiger Phrasen gefordert; z. B.:
»Jedes Land hat seine Krankheiten, für welche Gott auch dort selbst
die Medicinen gegeben habe«; oder aber: »Kommt man in ein fremdes
Land, müsse man die Gebräuche und Sitten des Landes annehmen«; oder
aber: »Probiren geht über Studiren« u. s. w. Durch die Erziehung
sind die in Indien geborenen Europäer diesbezüglich in eine Reihe
mit den halbeuropäischen Familien zu stellen. (Aus der Therapie
eines europäischen Arztes allein kann man sofort ersehen, wo seine
Wiege gestanden und wo er die ersten Eindrücke für seinen Geist
und sein Gemüth erhalten hat. Ohne Ausnahme greift der in Indien
geborene europäische Arzt, auch wenn er einige Jahre die Mittelschulen
(Gymnasium oder Realschule) in Europa absolvirt und natürlich die
Universitäten von Holland besucht hat, bei den petites misères de la
vie zuerst zu den »indischen« Hausmitteln, obzwar, wie wir sahen,
eine bestimmte Dosirung der wirkenden Bestandtheile damit nicht
verbunden ist; denn auch der Arzt kann sich den herrschenden Einflüssen
nicht entziehen.) Lässt das Kind den Kopf hängen oder klagt es über
Kopfschmerzen, wird die Babu (= Kindermädchen) dem Vater des Kindes,
auch wenn er Arzt ist, nichts davon mittheilen, sondern ihm auf die
Stirn mit Sirihkalk irgend eine mystische Figur zeichnen und darauf
ein Stück der Limonaschale aufkleben. Ist ein Erwachsener unwohl, wird
die Babu ihm Ricinusöl oder ein Adstringens, z. B. die Blätter der
Djambufrucht (Psidium guajava) oder die Rinde von Djamblang (Syzygium
jambolanum) (welche in letzter Zeit gegen Diabetes anbefohlen wird) mit
solcher Ueberredungskunst anbefehlen und sofort auch anbieten, dass
schon zur Würdigung ihrer guten Absichten davon Gebrauch gemacht wird.
Dann kommen natürlich die verschiedenen weiblichen Familienmitglieder,
und bei einer Entbindung die Dukun, welche die Pflege der Wöchnerin
und des neugeborenen Kindes auf sich genommen hat. Eine Schüssel mit
10-20 Medicamenten bringt sie mit und probirt zuerst, hinter dem Rücken
des Arztes, eins für die Blutreinigung, das andere für die Wehen, ein
drittes für die Lochien u. s. w. anzubieten. Gelingt es ihr, nur eins
verkaufen zu können, wagt sie sich sofort auch an den Arzt und erzählt
ihm von den zauberhaften Erfolgen ihrer Medicamente. Ich für meine
Person stellte jedes Mal die Bedingung, dass für jedes Medicament,
welches von der Dukun angeboten wird, meine Zustimmung eingeholt werde;
jedes Mal erlaubte ich es, dass zum Verbande der Nabelschnur ein Pulver
gebraucht werde, welches die Dukun bereitete, indem sie den Kochlöffel,
mit dem der Kaffee geröstet wurde, abkratzte; alle anderen, und
besonders die internen, wurden für den Fall angenommen, als es nöthig
werden sollte. Dies war natürlich niemals der Fall.
In chirurgischen Fällen hat der Arzt beinahe niemals solche
Schwierigkeiten; bei der so oft vorkommenden Furunculosis jedoch
schwirren die therapeutischen Vorschläge wie Spreu im Wirbelwind um
den Kopf des Arztes, welcher zu einem solchen Patienten gerufen wird.
Zwölf Sorten Blätter werden gebraucht, um die Furunkel zum »Aufgehen«
zu bringen, und in der Regel muss der Arzt über jedes einzelne seine
Ansicht aussprechen, bevor es ihm gelingt, seine Therapie vorschlagen
zu können. Es ist vielleicht hier der Platz, über diese indische
Landplage einige Worte zu verlieren.
Die landläufige angebliche Ursache dieser endemischen Krankheit, das
Essen der Mangga (mangifera indica), beruht nach meiner Erfahrung
auf keiner thatsächlichen Basis. Hunderte und tausende essen diese
saftreiche, stark nach Terpentin riechende Frucht, ohne Furunkeln zu
bekommen; 25 Sorten dieser Frucht sind bekannt, darunter sind die
Mangga Kopior, von der Grösse einer Faust, und die Mangga padang
geradezu herrliche Früchte zu nennen.
Auch der Genuss von der Papaja (Carica papaya) (vide Seite 69) wird als
Ursache einer Hautkrankheit angegeben; sie wird beschuldigt, hin und
wieder eine Gelbfärbung der Haut zu veranlassen (Dr. Jacobs). Ob jedoch
thatsächlich ein Causalnexus zwischen diesen beiden Früchten und den
erwähnten Hautkrankheiten besteht, ist noch die Frage. Die Furunculosis
scheint vielmehr von andern Ursachen abzuhängen, welche mit dem Reifen
der Manggafrucht zeitlich zusammenfallen. Die Ernte dieser Frucht
fällt in die Zeit des Kentering von dem Ost- in den Westmonsun (vide
Seite 52). Zu dieser Zeit kommen die meisten Fieberfälle vor; die
dadurch veranlasste Cachexie ist ein starkes ätiologisches Moment in
der Entstehung zahlreicher Hautkrankheiten. Wenn auch mit Unrecht die
Hebrasche Schule beschuldigt wurde, die Dyskrasien aus der Aetiologie
der Hautkrankheiten entfernen zu wollen, so ist sie doch die Ursache
gewesen, dass (besonders seit dem Aufschwung der Bacteriologie)
Jahrzehnte lang beinahe ausschliesslich das Mikroskop in dieser Lehre
die Herrschaft führte.[36]
Im Jahre 1880 wurde ich dem Civil-Departement zugewiesen und nach
dem Süden des westlichen Javas gesendet, um in den damaligen
Fieberepidemien mit Hülfe von Krankenwärtern der mit dem Aussterben
bedrohten Bevölkerung Hülfe zu bringen. (Im dritten Theile werde
ich diese Epidemien ausführlicher erwähnen.) Ein fürchterliches
Bild socialen Elendes bot sich mir damals dar. Die durch das Fieber
erschöpften Patienten waren bedeckt mit Impetigo, Ectyma und
colossalen Geschwüren (in Folge ihrer unzweckmässigen Behandlung mit
durchlöcherten Kupfermünzen).
Im Jahre 1895 kamen zahlreiche Dysenteriefälle und andere
Darmkrankheiten von Lombok nach Magelang. Sobald sich bei diesen
Unglücklichen auf dem Körper zahlreiche impetiginöse Pustelchen
zeigten, wurde die Prognose infaustissima. Die humoral-pathologischen
Anschauungen in der Dermatologie, wie sie Peter Frank (1792), Struwe
(1829), Schönlein und C. H. Fuchs (1840) lehrten, waren also nach
diesen meinen Erfahrungen so weit gerechtfertigt, als sie nicht jene
Krankheit betrafen, wie z. B. die Scabies, welche mit Recht parasitären
Ursprungs sich herausstellten. Wenn also die Humoral-Pathologie in der
+Dermatologie+ raison d’être hat, so muss doch noch der Beweis
gebracht werden, dass die Furunculosis in Indien durch den Genuss
der Mangga-Frucht entstehe. Die zwei letzten Fälle, welche ich zu
beobachten Gelegenheit hatte, betrafen eine Lehrerin und einen Arzt,
welche beide an Malaria gelitten hatten; bei beiden war die Zahl
der Furunkeln innerhalb eines halben Jahres bis über 200 gekommen;
beide litten fürchterlich sowohl durch die Schmerzen als durch die
Erschöpfung, und beide erholten sich erst, als sie nach einer Reise
nach Europa von ihrer Malaria befreit waren.
Die Praxis der Aerzte ist in Indien eine schöne und vielseitige und
zwingt ihn bald, selbständig zu werden und sich von etwaigen Consilien
mit andern Collegen zu emancipiren. Wie oft ist er in Gegenden thätig,
wo auf hunderte von Meilen kein zweiter Arzt wohnt. Auf Java kommt man
diesbezüglich nicht so leicht in Verlegenheit; aber in Borneo z. B.,
wo ich im günstigsten Falle in 8-10 Tagen Assistenz und den Rath eines
zweiten Arztes erhalten konnte. Ja, ich zweifle keinen Augenblick, dass
in ganz Holland kein einziger Arzt so +vielseitige+ Erfahrungen
sammeln kann, als ein Arzt in Indien.
Das ist auch die Ursache, dass man in Indien nicht so leicht zu
Consilien übergeht, auch wenn man Collegen in der Nähe hat. Nebstdem
ist ein consilium pour acquit de conscience für den Patienten ein
theurer Spass -- es wird fl. 25 dafür gerechnet -- und bei dem Mangel
an thatsächlich specieller Ausbildung auch nicht empfehlenswerth. In
letzter Zeit bessern sich die Verhältnisse diesbezüglich auf Java; wir
haben tüchtige Oculisten, Chirurgen, Gynäkologen und Ohrenheilkundige
gekannt; aber auf Borneo gehören diese noch zu dem frommen Wunsche.
Uebrigens ist ja die Ausbildung der jungen Aerzte auf den holländischen
Universitäten im Allgemeinen sehr gut; sie können, in die Praxis
eingeführt, in jedem einzelnen Falle durch die Literatur leicht
Rath erholen und sind manuell auf der Schule genug geübt worden,
um auch im Nothfalle die Praxis der Specialisten üben zu können,
und zwar mit Erfolg. Anfangs der achtziger Jahre scheint jedoch ein
schlechter Geist unter den holländischen Studenten geherrscht zu
haben. Vielleicht generalisire ich damit zu viel, und es trifft nur
eine der vier Universitäten des Landes diese Schuld. Ich habe nämlich
in dem Jahre 188.. junge Aerzte nach Indien kommen gesehen, die
ebensoviel durch ihre Unwissenheit und manuelle Ungeschicklichkeit,
als auch durch ihren Indifferentismus gegen die Wissenschaft als
solche, geradezu eine traurige Rolle spielten. In den letzten Jahren
begegnete ich jedoch jungen Aerzten, welche mir imponirten durch
ihr Pflichtgefühl, durch ihr grosses theoretisches Wissen, durch
ihre manuelle Fertigkeit, welche nur das Resultat langer Uebung sein
kann, und welche beseelt waren von dem feu sacré de la jeunesse, den
leidenden Menschen zu helfen. Sie bilden einen grassen Gegensatz z. B.
zu jenem Arzte, welcher, noch grün hinter den Ohren, die Gynäkologie
als sein Specialfach ausgab und ohne Leitung allein, erst in der
Praxis in Indien sich dazu ausbildete!! Wie ich jetzt höre, hat er es
in den letzten Jahren zu einer bedeutenden Fertigkeit gebracht; aber
ich kannte ihn zur Zeit des Anfanges seiner indischen Laufbahn und
sah mit Staunen, wie ein Mann es wagen dürfe, +ohne Leitung+,
allein, gestützt durch die Bücher, auf Kosten der armen Patienten zum
gynäkologischen Operateur sich auszubilden. Wenn er die Flüche gehört
hätte, welche seinem tollkühnen Unternehmen von einzelnen Patienten
gezollt wurden, hätte er vielleicht mit einer bescheideneren Rolle,
als der eines Gynäkologen, sich begnügt! Das Traurigste bei der
Sache war jedoch, dass die Sanitätsbehörden es sahen und schwiegen.
Dieser Mann traurigen Andenkens vergass seinen Beruf, der leidenden
Menschheit zu helfen; er hat wahrscheinlich sein Ziel erreicht, und hat
wahrscheinlich eine gewisse Routine und Fertigkeit im Operiren erlangt;
aber die Opfer seines Noviciats waren überflüssig, weil operative Fälle
der Gynäkologie in der Regel warten können, bis sie von befugter Hand
behandelt werden können.
Die Praxis bei Kindern giebt dem europäischen Arzt in Indien noch mehr
Schwierigkeiten als in Europa; sind die europäischen Kindermädchen
abergläubisch, so sind es noch mehr die indischen; diese wissen aber
in der Regel, und selbst auf Kosten der Gesundheit ihrer Schützlinge,
ihre Ansichten geltend zu machen, wie es in Europa gewiss Ausnahme
ist. So z. B. soll nach ihrer Ansicht bei keiner Erkrankung des
Darmes ein Ei, bei keiner Hautkrankheit weisses Fleisch (vom Huhn,
Kalkun u. s. w.) und bei keiner Augenerkrankung eine Garnale dem
Patienten gegeben werden u. s. f. Ein schroffes Entgegentreten dieser
Anschauung, oder vielmehr ein principielles Negiren +aller+ ihrer
abergläubischen Ideen hat mir viel bessere Dienste geleistet als das
politische unbestimmte, halb zustimmende, halb ablehnende Besprechen
der therapeutischen und prophylaktischen Principien der Eingeborenen.
Wie viel diese das Gebiet des Geschlechtslebens beherrschen, kann man
sich kaum vorstellen, und die Zahl der Aphrodisiaca ist gross. Nur
selten wird ein chinesischer oder eingeborener Don Juan sich in diesen
Sachen an den europäischen Arzt wenden; sie fürchten, bei diesem kein
Verständniss für ihre Klage zu finden. Der europäische Arzt kommt also
selten in die Lage, sich mit der Frage der Aphrodisiaca zu beschäftigen.
Ein eigenthümlicher Dienstzweig der europäischen Aerzte ist das Abgeben
der ärztlichen Zeugnisse. Die gewöhnlichen Lebensversicherungen fordern
gegen Bezahlung von fl. 25 eine ausführliche und genaue Untersuchung;
es giebt aber auch Vereine, welche von dem Arzt nur die Erklärung
fordern, dass der Candidat »dieselbe Lebenschance habe als jeder
andere gesunde Mensch von seinem Alter«. Es sind dies Vereine der
Chinesen, welche nach dem Tode des Mitgliedes der Wittwe sofort einen
gewissen Betrag zur Hand stellen; ein ähnlicher Verein hat sich unter
den Officieren der Landarmee gebildet, welcher der Wittwe sofort nach
dem Tode des Mannes 1000 fl. auszahlt; die Mitglieder des Vereines
zahlen facultativ, d. h. bei jedem Todesfall je nach ihrem Rang
1-1½-2 fl. und erwerben dadurch das Recht, ihrer Frau (oder anderen
Familienmitgliedern) fl. 1000 bei ihrem Todesfalle ausbezahlen zu
lassen. Die chinesischen Vereine, welche dasselbe Ziel sich gesetzt
haben, verlangen nichts anderes als oben erwähnte Erklärung und kümmern
sich nicht darum, auf welche Untersuchung gestützt der Arzt seine
Erklärung abgiebt. Richtiger ist jedoch das Princip der europäischen
und amerikanischen Lebensversicherungsgesellschaften, welche von
dem Arzte nur die Mittheilung des Befundes verlangen und es ihrem
advisirenden Arzt überlassen, darauf seinen Beschluss zu fassen.
Neben +diesen+ ärztlichen Zeugnissen hat der europäische Arzt
vielfach Gelegenheit, für die zahlreichen Beamten und Officiere solche
auszustellen. Der Eine verträgt das Strandklima nicht und muss ins
Gebirge versetzt werden; der Andere leidet im Gebirge an Diarrhoe oder
Bronchialkatarrh und erhofft im warmen Klima der Ebene Heilung von
seinem Leiden; ein Dritter hat schon alle Zonen der Tropen bewohnt
und erwartet noch von einem Aufenthalt in Europa Rettung; ein Vierter
braucht ein Impfzeugniss für seine Kinder, welche die Schule besuchen
müssen; ein Fünfter muss dem Schützencorps (in den drei grossen Städten
Javas) eingereiht werden und findet sich zu schwach dazu und hat auch
keine Lust, bei der Feuerwehr Dienst zu leisten; ein Sechster wurde
von einem tollen Hunde gebissen und möchte gerne auf Staatskosten nach
Batavia gehen u. s. w. In früheren Jahrzehnten herrschte beim Abgeben
dieser »Certificate« eine laxe Moral, welche unter dem Deckmantel
von wissenschaftlichen Schlagwörtern eine Folge der Nonchalance,
leichtsinnigen Auffassung der Verhältnisse, manchmal falsch verstandene
Humanität oder Hascherei nach Popularität war. Im Jahre 188.. sah
sich die Regierung selbst bemüssigt, die Annahme der »Certificate«
eines Arztes zu verweigern, »weil er das Interesse des Reiches nicht
beherzigte«. Ich selbst habe einen Stabsarzt gekannt, der urbi et orbi
verkündigte, dass jeder ein »Certificat für Europa« von ihm bekommen
könne, der 8-10 Jahre hintereinander in den Tropen gelebt habe, weil
(damals war die Diagnose Neurasthenie noch nicht geläufig) durch einen
so langen Aufenthalt im Tropenklima das Nervensystem geschädigt sein
müsse und einer Erholung bedürfe. (Als ob ein Aufenthalt im Gebirge
nicht dasselbe Ziel erreichen könnte.) Da die Regierung die Kosten
einer Transferirung oder eines Urlaubes nach Europa (inclusive für Frau
und Kind) bezahlt, so handelte es sich damals um grosse Summen, welche
die Abgabe solcher »Certificate« veranlasste.