Wie viel tüchtige Aerzte würden diese Stellung gern annehmen, wenn

auch die Privatpraxis (wie den höheren Militärärzten) verboten wäre,

und höchstens die consultative Praxis oder die Hülfe bei grossen

Operationen gestattet wäre. Wenn nebstdem die Stelle des zweiten oder

dritten Stadtarztes ebenso gut bezahlt würde, als die des ersten

Stadtarztes (700 fl. per Monat), so würden manche Aerzte gern diese

Stellung annehmen, weil ihnen damit ein stabiles Amt gegeben wäre, in

welchem sie wissenschaftliche Arbeiten leisten könnten. Man könnte

zu diesem Amte Aerzte wählen, welche in speciellen Fächern sich

+thatsächlich+ ausgebildet haben.

Stadtärzte befinden sich nur in Batavia, Samarang und Surabaya; wenn

nun diese drei Städte je einen Chirurgen, Oculisten und Geburtshelfer

zu Stadtärzten hätten, wie viel wäre der leidenden Bevölkerung

geholfen, wenn, ich will mit Nachdruck wiederholen, keine ephemeren

Specialisten, sondern solche Männer, welche factisch nach absolvirten

Studien ausschliesslich nur in einem Fach gearbeitet haben, die

Stellung der Stadtärzte einnehmen würden.

Die »Civil-Aerzte« sind Aerzte, welche keine Beamten, also nicht

pensionsfähig sind, kein Recht auf Urlaub und freie Reisen u. s. w.

haben, sondern es sind Aerzte, welche sich im Innern des Landes

niedergelassen haben, meistens im Centrum von Zuckerfabriken,

Tabaksanpflanzungen u. s. w., und dort den Kampf ums Dasein jucunde

et dulce beginnen können, weil die Regierung sie mit fl. 200 per

Monat subsidirt, wofür sie die Vaccination beaufsichtigen, die

Gefangenen, die niedern Beamten behandeln und in gerichtsärztlichen

und polizeilichen Fällen advisiren müssen. In vier Orten bezahlt die

Regierung selbst 400 fl., weil kein Arzt sonst sich dort niederlassen

würde. Manche dieser Doctoren stehen sich sehr gut und verdienen

1000-1500 fl. per Monat, obzwar auch in Indien »das Fett von der Suppe«

für die Aerzte abgenommen ist. Die Concurrenz wird mit jedem Tage

grösser.

In den grossen Städten giebt es natürlich noch Civil-Aerzte, welche

procul negotiis sind, d. h. gar kein Amt versehen und nur vom

Erträgniss ihrer Praxis leben.

Im Ganzen und Grossen ist die Existenz der Aerzte in Indien bis jetzt

eine günstige, und mitunter selbst eine sehr günstige zu nennen:

Alle können von ihrem Einkommen standesgemäss leben; viele können

von ihrem Einkommen ein kleines Capital für die alten Tage ersparen,

besonders durch Kauf einer grossen Lebensversicherung, und einige von

ihnen werden reich. Von den letzteren würde die Zahl viel grösser

sein, wenn sie sich nicht durch den Speculationsgeist verleiten

liessen, an geschäftlichen Unternehmungen sich zu betheiligen, ohne

von dem Geschäft auch nur etwas zu verstehen. Es wird nämlich für eine

gewöhnliche Visite 2 fl. 50, für eine Entbindung 100 fl. bezahlt,

während für Operationen, je nach den Vermögensverhältnissen der

Patienten, mehr oder weniger hohe Honorare bezahlt werden. Es sind aber

nicht die europäischen Patienten, welche diese günstigen pecuniären

Verhältnisse der Aerzte ermöglichen, sondern die Chinesen, von denen

vor 10 Jahren auf Java allein sich mehr als 200000 befanden, und (in

den grossen Städten) die Armenier. Wenn auch der Mittelstand der

Chinesen bei den petites misères de la vie zuerst zu den Hausmitteln

der Eingeborenen greift oder in den chinesischen Apotheken sein Heil

sucht oder den chinesischen Arzt zu sich kommen lässt, so wird er

doch, wie sein reicher Landsmann oder ein eingeborener Häuptling oder

Handelsmann, bei längerer Dauer die Hülfe eines europäischen Arztes

suchen. Die Zahl der Chinesen ist in allen grossen Städten, und auch

im Innern des Landes, sehr gross; nebstdem ist unter ihnen die Zahl

der »Reichen« viel grösser als unter den Europäern; in der Regel kommt

er als Kuli ins Land und ist und bleibt sparsam bis er reich ist. Wenn

er als Kuli 25-30 Kreuzer täglich verdient, wird er die Hälfte täglich

brauchen, so lange bis er 10-15 fl. erspart hat; dann zieht er in den

Kampong und spielt den Wucherer bei den Eingeborenen, bis ihm dieses

oder jenes kleine Grundstück von einem säumigen Schuldner zufällt. Auch

dann wird er immer und immer sparen; wenn er selbst schon Tausende und

Tausende besitzt, wird er vielleicht bei einer Hochzeit seiner Tochter

ein luxuriöses Fest geben und z. B. für das Feuerwerk allein 1000 fl.

bezahlen, aber die Sparsamkeit und die Nüchternheit bleiben die Basis

seines täglichen Lebens.

An anderer Stelle werde ich das Leben dieses conservativen Volkes

skizziren, soweit ich Gelegenheit hatte, als practischer Arzt dieses

kennen zu lernen; hier jedoch sei ihrer nur als pièce de résistance

des europäischen Arztes erwähnt. Nur durch ihre grosse Zahl und durch

ihre pünktliche Bezahlung des Arztes ist es möglich geworden, dass

eine grosse Zahl europäischer Aerzte in Indien eines reichlichen

Einkommens sich erfreuen können. Selbst der »kleine Mann« wird am

ersten des Monates für jede Visite, welche der europäische Arzt bei ihm

gemacht hat, den Ryksdaalder bereit haben, wenn der Einkassirer bei ihm

erscheint, um die quittirte Rechnung zu präsentiren. Ich z. B. hatte

tausende und tausende Chinesen behandelt, und davon habe ich keine fl.

200 unbezahlter Rechnungen zurückgelassen; ja noch mehr; in Magelang

brachte mir der Einkassirer einmal die Nachricht, dass ein von mir im

abgelaufenen Monat behandelter Chinese in seine Heimath zurückgereist

sei; ich legte, überrascht von dieser ungewöhnlichen Erscheinung, die

Quittung zu ihren europäischen Schicksalsgenossen; nach vielen Monaten

war er aus China zurückgekehrt und -- bezahlte die alte Rechnung!

Von der landläufigen Sage, dass der Chinese seinen Arzt nur für das

Gesundsein bezahle, ist in Indien nichts bekannt; aber eine andere

Eigenthümlichkeit ist mir in der Praxis aufgefallen. Zur Zeit, dass

der Chinese in Behandlung ist, zeigt er gegenüber dem behandelnden

Arzt eine besondere Liebenswürdigkeit; Früchte, Bäckereien, Fische,

nationale Speisen, wie essbare Vogelnester, Kimlo, bami wurden mir ins

Haus geschickt, so lange ich behandelte; in der Pause jedoch ignorirte

mich manchmal derselbe Chinese in auffallender Weise, ja er grüsste

mich nicht einmal. Ein gewisser Aberglaube scheint die Ursache von

diesem auffallenden Benehmen zu sein.

Sind in Europa die Tanten, Nichten und Schwestern des Patienten

der Schrecken jedes Arztes, weil sie ihre vereinzelten Erfahrungen

gegenüber dem Arzte zur rechten und zur unrechten Zeit geltend machen,

noch mehr hat in Indien der Hausdoctor darunter zu leiden. Wenn in

Holland verlangt werden würde, nicht nur die Therapie der Bauern,

sondern auch ihre Lebensweise und ihre prophylaktischen Maassregeln

+kritiklos+ anzunehmen, würde der Arzt von allen gebildeten

Familienangehörigen im Zurückweisen derselben eine Stütze finden; in

Indien wird dieses auf Grund landläufiger Phrasen gefordert; z. B.:

»Jedes Land hat seine Krankheiten, für welche Gott auch dort selbst

die Medicinen gegeben habe«; oder aber: »Kommt man in ein fremdes

Land, müsse man die Gebräuche und Sitten des Landes annehmen«; oder

aber: »Probiren geht über Studiren« u. s. w. Durch die Erziehung

sind die in Indien geborenen Europäer diesbezüglich in eine Reihe

mit den halbeuropäischen Familien zu stellen. (Aus der Therapie

eines europäischen Arztes allein kann man sofort ersehen, wo seine

Wiege gestanden und wo er die ersten Eindrücke für seinen Geist

und sein Gemüth erhalten hat. Ohne Ausnahme greift der in Indien

geborene europäische Arzt, auch wenn er einige Jahre die Mittelschulen

(Gymnasium oder Realschule) in Europa absolvirt und natürlich die

Universitäten von Holland besucht hat, bei den petites misères de la

vie zuerst zu den »indischen« Hausmitteln, obzwar, wie wir sahen,

eine bestimmte Dosirung der wirkenden Bestandtheile damit nicht

verbunden ist; denn auch der Arzt kann sich den herrschenden Einflüssen

nicht entziehen.) Lässt das Kind den Kopf hängen oder klagt es über

Kopfschmerzen, wird die Babu (= Kindermädchen) dem Vater des Kindes,

auch wenn er Arzt ist, nichts davon mittheilen, sondern ihm auf die

Stirn mit Sirihkalk irgend eine mystische Figur zeichnen und darauf

ein Stück der Limonaschale aufkleben. Ist ein Erwachsener unwohl, wird

die Babu ihm Ricinusöl oder ein Adstringens, z. B. die Blätter der

Djambufrucht (Psidium guajava) oder die Rinde von Djamblang (Syzygium

jambolanum) (welche in letzter Zeit gegen Diabetes anbefohlen wird) mit

solcher Ueberredungskunst anbefehlen und sofort auch anbieten, dass

schon zur Würdigung ihrer guten Absichten davon Gebrauch gemacht wird.

Dann kommen natürlich die verschiedenen weiblichen Familienmitglieder,

und bei einer Entbindung die Dukun, welche die Pflege der Wöchnerin

und des neugeborenen Kindes auf sich genommen hat. Eine Schüssel mit

10-20 Medicamenten bringt sie mit und probirt zuerst, hinter dem Rücken

des Arztes, eins für die Blutreinigung, das andere für die Wehen, ein

drittes für die Lochien u. s. w. anzubieten. Gelingt es ihr, nur eins

verkaufen zu können, wagt sie sich sofort auch an den Arzt und erzählt

ihm von den zauberhaften Erfolgen ihrer Medicamente. Ich für meine

Person stellte jedes Mal die Bedingung, dass für jedes Medicament,

welches von der Dukun angeboten wird, meine Zustimmung eingeholt werde;

jedes Mal erlaubte ich es, dass zum Verbande der Nabelschnur ein Pulver

gebraucht werde, welches die Dukun bereitete, indem sie den Kochlöffel,

mit dem der Kaffee geröstet wurde, abkratzte; alle anderen, und

besonders die internen, wurden für den Fall angenommen, als es nöthig

werden sollte. Dies war natürlich niemals der Fall.

In chirurgischen Fällen hat der Arzt beinahe niemals solche

Schwierigkeiten; bei der so oft vorkommenden Furunculosis jedoch

schwirren die therapeutischen Vorschläge wie Spreu im Wirbelwind um

den Kopf des Arztes, welcher zu einem solchen Patienten gerufen wird.

Zwölf Sorten Blätter werden gebraucht, um die Furunkel zum »Aufgehen«

zu bringen, und in der Regel muss der Arzt über jedes einzelne seine

Ansicht aussprechen, bevor es ihm gelingt, seine Therapie vorschlagen

zu können. Es ist vielleicht hier der Platz, über diese indische

Landplage einige Worte zu verlieren.

Die landläufige angebliche Ursache dieser endemischen Krankheit, das

Essen der Mangga (mangifera indica), beruht nach meiner Erfahrung

auf keiner thatsächlichen Basis. Hunderte und tausende essen diese

saftreiche, stark nach Terpentin riechende Frucht, ohne Furunkeln zu

bekommen; 25 Sorten dieser Frucht sind bekannt, darunter sind die

Mangga Kopior, von der Grösse einer Faust, und die Mangga padang

geradezu herrliche Früchte zu nennen.

Auch der Genuss von der Papaja (Carica papaya) (vide Seite 69) wird als

Ursache einer Hautkrankheit angegeben; sie wird beschuldigt, hin und

wieder eine Gelbfärbung der Haut zu veranlassen (Dr. Jacobs). Ob jedoch

thatsächlich ein Causalnexus zwischen diesen beiden Früchten und den

erwähnten Hautkrankheiten besteht, ist noch die Frage. Die Furunculosis

scheint vielmehr von andern Ursachen abzuhängen, welche mit dem Reifen

der Manggafrucht zeitlich zusammenfallen. Die Ernte dieser Frucht

fällt in die Zeit des Kentering von dem Ost- in den Westmonsun (vide

Seite 52). Zu dieser Zeit kommen die meisten Fieberfälle vor; die

dadurch veranlasste Cachexie ist ein starkes ätiologisches Moment in

der Entstehung zahlreicher Hautkrankheiten. Wenn auch mit Unrecht die

Hebrasche Schule beschuldigt wurde, die Dyskrasien aus der Aetiologie

der Hautkrankheiten entfernen zu wollen, so ist sie doch die Ursache

gewesen, dass (besonders seit dem Aufschwung der Bacteriologie)

Jahrzehnte lang beinahe ausschliesslich das Mikroskop in dieser Lehre

die Herrschaft führte.[36]

Im Jahre 1880 wurde ich dem Civil-Departement zugewiesen und nach

dem Süden des westlichen Javas gesendet, um in den damaligen

Fieberepidemien mit Hülfe von Krankenwärtern der mit dem Aussterben

bedrohten Bevölkerung Hülfe zu bringen. (Im dritten Theile werde

ich diese Epidemien ausführlicher erwähnen.) Ein fürchterliches

Bild socialen Elendes bot sich mir damals dar. Die durch das Fieber

erschöpften Patienten waren bedeckt mit Impetigo, Ectyma und

colossalen Geschwüren (in Folge ihrer unzweckmässigen Behandlung mit

durchlöcherten Kupfermünzen).

Im Jahre 1895 kamen zahlreiche Dysenteriefälle und andere

Darmkrankheiten von Lombok nach Magelang. Sobald sich bei diesen

Unglücklichen auf dem Körper zahlreiche impetiginöse Pustelchen

zeigten, wurde die Prognose infaustissima. Die humoral-pathologischen

Anschauungen in der Dermatologie, wie sie Peter Frank (1792), Struwe

(1829), Schönlein und C. H. Fuchs (1840) lehrten, waren also nach

diesen meinen Erfahrungen so weit gerechtfertigt, als sie nicht jene

Krankheit betrafen, wie z. B. die Scabies, welche mit Recht parasitären

Ursprungs sich herausstellten. Wenn also die Humoral-Pathologie in der

+Dermatologie+ raison d’être hat, so muss doch noch der Beweis

gebracht werden, dass die Furunculosis in Indien durch den Genuss

der Mangga-Frucht entstehe. Die zwei letzten Fälle, welche ich zu

beobachten Gelegenheit hatte, betrafen eine Lehrerin und einen Arzt,

welche beide an Malaria gelitten hatten; bei beiden war die Zahl

der Furunkeln innerhalb eines halben Jahres bis über 200 gekommen;

beide litten fürchterlich sowohl durch die Schmerzen als durch die

Erschöpfung, und beide erholten sich erst, als sie nach einer Reise

nach Europa von ihrer Malaria befreit waren.

Die Praxis der Aerzte ist in Indien eine schöne und vielseitige und

zwingt ihn bald, selbständig zu werden und sich von etwaigen Consilien

mit andern Collegen zu emancipiren. Wie oft ist er in Gegenden thätig,

wo auf hunderte von Meilen kein zweiter Arzt wohnt. Auf Java kommt man

diesbezüglich nicht so leicht in Verlegenheit; aber in Borneo z. B.,

wo ich im günstigsten Falle in 8-10 Tagen Assistenz und den Rath eines

zweiten Arztes erhalten konnte. Ja, ich zweifle keinen Augenblick, dass

in ganz Holland kein einziger Arzt so +vielseitige+ Erfahrungen

sammeln kann, als ein Arzt in Indien.

Das ist auch die Ursache, dass man in Indien nicht so leicht zu

Consilien übergeht, auch wenn man Collegen in der Nähe hat. Nebstdem

ist ein consilium pour acquit de conscience für den Patienten ein

theurer Spass -- es wird fl. 25 dafür gerechnet -- und bei dem Mangel

an thatsächlich specieller Ausbildung auch nicht empfehlenswerth. In

letzter Zeit bessern sich die Verhältnisse diesbezüglich auf Java; wir

haben tüchtige Oculisten, Chirurgen, Gynäkologen und Ohrenheilkundige

gekannt; aber auf Borneo gehören diese noch zu dem frommen Wunsche.

Uebrigens ist ja die Ausbildung der jungen Aerzte auf den holländischen

Universitäten im Allgemeinen sehr gut; sie können, in die Praxis

eingeführt, in jedem einzelnen Falle durch die Literatur leicht

Rath erholen und sind manuell auf der Schule genug geübt worden,

um auch im Nothfalle die Praxis der Specialisten üben zu können,

und zwar mit Erfolg. Anfangs der achtziger Jahre scheint jedoch ein

schlechter Geist unter den holländischen Studenten geherrscht zu

haben. Vielleicht generalisire ich damit zu viel, und es trifft nur

eine der vier Universitäten des Landes diese Schuld. Ich habe nämlich

in dem Jahre 188.. junge Aerzte nach Indien kommen gesehen, die

ebensoviel durch ihre Unwissenheit und manuelle Ungeschicklichkeit,

als auch durch ihren Indifferentismus gegen die Wissenschaft als

solche, geradezu eine traurige Rolle spielten. In den letzten Jahren

begegnete ich jedoch jungen Aerzten, welche mir imponirten durch

ihr Pflichtgefühl, durch ihr grosses theoretisches Wissen, durch

ihre manuelle Fertigkeit, welche nur das Resultat langer Uebung sein

kann, und welche beseelt waren von dem feu sacré de la jeunesse, den

leidenden Menschen zu helfen. Sie bilden einen grassen Gegensatz z. B.

zu jenem Arzte, welcher, noch grün hinter den Ohren, die Gynäkologie

als sein Specialfach ausgab und ohne Leitung allein, erst in der

Praxis in Indien sich dazu ausbildete!! Wie ich jetzt höre, hat er es

in den letzten Jahren zu einer bedeutenden Fertigkeit gebracht; aber

ich kannte ihn zur Zeit des Anfanges seiner indischen Laufbahn und

sah mit Staunen, wie ein Mann es wagen dürfe, +ohne Leitung+,

allein, gestützt durch die Bücher, auf Kosten der armen Patienten zum

gynäkologischen Operateur sich auszubilden. Wenn er die Flüche gehört

hätte, welche seinem tollkühnen Unternehmen von einzelnen Patienten

gezollt wurden, hätte er vielleicht mit einer bescheideneren Rolle,

als der eines Gynäkologen, sich begnügt! Das Traurigste bei der

Sache war jedoch, dass die Sanitätsbehörden es sahen und schwiegen.

Dieser Mann traurigen Andenkens vergass seinen Beruf, der leidenden

Menschheit zu helfen; er hat wahrscheinlich sein Ziel erreicht, und hat

wahrscheinlich eine gewisse Routine und Fertigkeit im Operiren erlangt;

aber die Opfer seines Noviciats waren überflüssig, weil operative Fälle

der Gynäkologie in der Regel warten können, bis sie von befugter Hand

behandelt werden können.

Die Praxis bei Kindern giebt dem europäischen Arzt in Indien noch mehr

Schwierigkeiten als in Europa; sind die europäischen Kindermädchen

abergläubisch, so sind es noch mehr die indischen; diese wissen aber

in der Regel, und selbst auf Kosten der Gesundheit ihrer Schützlinge,

ihre Ansichten geltend zu machen, wie es in Europa gewiss Ausnahme

ist. So z. B. soll nach ihrer Ansicht bei keiner Erkrankung des

Darmes ein Ei, bei keiner Hautkrankheit weisses Fleisch (vom Huhn,

Kalkun u. s. w.) und bei keiner Augenerkrankung eine Garnale dem

Patienten gegeben werden u. s. f. Ein schroffes Entgegentreten dieser

Anschauung, oder vielmehr ein principielles Negiren +aller+ ihrer

abergläubischen Ideen hat mir viel bessere Dienste geleistet als das

politische unbestimmte, halb zustimmende, halb ablehnende Besprechen

der therapeutischen und prophylaktischen Principien der Eingeborenen.

Wie viel diese das Gebiet des Geschlechtslebens beherrschen, kann man

sich kaum vorstellen, und die Zahl der Aphrodisiaca ist gross. Nur

selten wird ein chinesischer oder eingeborener Don Juan sich in diesen

Sachen an den europäischen Arzt wenden; sie fürchten, bei diesem kein

Verständniss für ihre Klage zu finden. Der europäische Arzt kommt also

selten in die Lage, sich mit der Frage der Aphrodisiaca zu beschäftigen.

Ein eigenthümlicher Dienstzweig der europäischen Aerzte ist das Abgeben

der ärztlichen Zeugnisse. Die gewöhnlichen Lebensversicherungen fordern

gegen Bezahlung von fl. 25 eine ausführliche und genaue Untersuchung;

es giebt aber auch Vereine, welche von dem Arzt nur die Erklärung

fordern, dass der Candidat »dieselbe Lebenschance habe als jeder

andere gesunde Mensch von seinem Alter«. Es sind dies Vereine der

Chinesen, welche nach dem Tode des Mitgliedes der Wittwe sofort einen

gewissen Betrag zur Hand stellen; ein ähnlicher Verein hat sich unter

den Officieren der Landarmee gebildet, welcher der Wittwe sofort nach

dem Tode des Mannes 1000 fl. auszahlt; die Mitglieder des Vereines

zahlen facultativ, d. h. bei jedem Todesfall je nach ihrem Rang

1-1½-2 fl. und erwerben dadurch das Recht, ihrer Frau (oder anderen

Familienmitgliedern) fl. 1000 bei ihrem Todesfalle ausbezahlen zu

lassen. Die chinesischen Vereine, welche dasselbe Ziel sich gesetzt

haben, verlangen nichts anderes als oben erwähnte Erklärung und kümmern

sich nicht darum, auf welche Untersuchung gestützt der Arzt seine

Erklärung abgiebt. Richtiger ist jedoch das Princip der europäischen

und amerikanischen Lebensversicherungsgesellschaften, welche von

dem Arzte nur die Mittheilung des Befundes verlangen und es ihrem

advisirenden Arzt überlassen, darauf seinen Beschluss zu fassen.

Neben +diesen+ ärztlichen Zeugnissen hat der europäische Arzt

vielfach Gelegenheit, für die zahlreichen Beamten und Officiere solche

auszustellen. Der Eine verträgt das Strandklima nicht und muss ins

Gebirge versetzt werden; der Andere leidet im Gebirge an Diarrhoe oder

Bronchialkatarrh und erhofft im warmen Klima der Ebene Heilung von

seinem Leiden; ein Dritter hat schon alle Zonen der Tropen bewohnt

und erwartet noch von einem Aufenthalt in Europa Rettung; ein Vierter

braucht ein Impfzeugniss für seine Kinder, welche die Schule besuchen

müssen; ein Fünfter muss dem Schützencorps (in den drei grossen Städten

Javas) eingereiht werden und findet sich zu schwach dazu und hat auch

keine Lust, bei der Feuerwehr Dienst zu leisten; ein Sechster wurde

von einem tollen Hunde gebissen und möchte gerne auf Staatskosten nach

Batavia gehen u. s. w. In früheren Jahrzehnten herrschte beim Abgeben

dieser »Certificate« eine laxe Moral, welche unter dem Deckmantel

von wissenschaftlichen Schlagwörtern eine Folge der Nonchalance,

leichtsinnigen Auffassung der Verhältnisse, manchmal falsch verstandene

Humanität oder Hascherei nach Popularität war. Im Jahre 188.. sah

sich die Regierung selbst bemüssigt, die Annahme der »Certificate«

eines Arztes zu verweigern, »weil er das Interesse des Reiches nicht

beherzigte«. Ich selbst habe einen Stabsarzt gekannt, der urbi et orbi

verkündigte, dass jeder ein »Certificat für Europa« von ihm bekommen

könne, der 8-10 Jahre hintereinander in den Tropen gelebt habe, weil

(damals war die Diagnose Neurasthenie noch nicht geläufig) durch einen

so langen Aufenthalt im Tropenklima das Nervensystem geschädigt sein

müsse und einer Erholung bedürfe. (Als ob ein Aufenthalt im Gebirge

nicht dasselbe Ziel erreichen könnte.) Da die Regierung die Kosten

einer Transferirung oder eines Urlaubes nach Europa (inclusive für Frau

und Kind) bezahlt, so handelte es sich damals um grosse Summen, welche

die Abgabe solcher »Certificate« veranlasste.

21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo. · 第 18 / 26 段