Zum Theil sind die europäischen Aerzte durch ihre Denkfaulheit an

diesen traurigen Verhältnissen schuld. Wenn ein hoher Militärarzt

das oben erwähnte Tractätlein der verewigten Heilkünstlerin von

Samarang (vielleicht war er der Verfasser desselben) einem gewesenen

klinischen Assistenten (von Prof. T. in Utrecht) nicht nur zur Lectüre

empfahl, sondern auch deren Befolgung mit dem ganzen Hochdruck seiner

militärischen Stellung erzwingen wollte, wenn ein anderer Arzt die

Behandlung »der indischen Damen« höher schätzt als die seiner Collegen,

weil sie die »indischen« Medicinen für die »indischen« Krankheiten

kennen, was der europäische Arzt unmöglich thun könne, oder wenn

ein Anderer gegenüber seinen »indischen« Patienten aus schlecht

angebrachter Höflichkeit der geäusserten Hymne nicht widerspricht oder

theilweise »für gewisse Krankheiten« anerkennt, oder wenn ein Dritter

sogar Compagnon der indischen Heilkünstlerin wird und, wie schon

erwähnt, die Diagnosen zwar stellt, die Behandlung der Krankheit an die

»Indische« überlässt; dann darf es Niemanden Wunder nehmen, dass der

ärztliche Stand in Indien auch viel an dem Wuchern dieses Unkrautes

Schuld hat. Horsfield sagt schon 1816 in seinem Resumé (Short account)

der indischen Arzneimittel: Man kann von der Praxis der Inländer wenig

lernen; sie gebrauchen die Medicin nur empirisch, ohne auf die Menge zu

achten; ihr Mangel an medicinischer Wissenschaft macht sie ungeschickt,

um die Wirkung einer Arznei auf den menschlichen Körper zu beurtheilen

... (Dr. van der Burg). Und nach 80 Jahren, nachdem wir einen bessern

Einblick in das Wesen der Krankheit bekommen haben, nachdem selbst

die Therapie zu den Wissenschaften gerechnet werden darf, giebt es

noch Aerzte, welche eine Dukun stimmberechtigt unter den Therapeuten

erklären!!!

Die Regierung jedoch hat eine viel grössere Schätzung der europäischen

Doctoren an den Tag gelegt, indem sie eine Schule für javanische Aerzte

errichtete, welche die Fortschritte der europäischen medicinischen

Wissenschaft in die grosse Menge des indischen Archipels einführen

sollen. Vor ungefähr 50 Jahren wurde in Batavia ein Seminarium für

die Söhne von Häuptlingen errichtet, welche nach Absolvirung der

Volksschule sich dem Studium der Medicin widmen wollten. Ich hatte

Gelegenheit, solche »Doctor Djawas« aus der damaligen Schule kennen

zu lernen, welche nur theilweise den Erwartungen der Regierung

entsprechen konnten, den Segen einer medicinischen Wissenschaft auch

den Eingeborenen zu Theil werden zu lassen. Die Unterrichtssprache war

damals nämlich die malayische. Die »Professoren« dieser Anstalt konnten

jedoch kaum eine gut malayisch geschriebene Zeile lesen oder schreiben,

sondern sprachen nur das gewöhnliche Casernenmalayisch. Anderseits

ist die malayische Sprache durch ihre Armuth gar nicht geschickt, als

Unterrichtssprache einer höheren Wissenschaft zu dienen. Es geschah

daher das Unvermeidliche, dass diese Doctoren-Djawa aus damaliger Zeit

niemals eine medicinische Idee erfasst, verstanden oder aufgenommen

haben und einfache Receptschreiber waren, und in chirurgischen Fällen

etwas mehr leisten konnten, als ein Krankenwärter. Seitdem jedoch die

Unterrichtssprache holländisch geworden ist, kommt ein ganz brauchbarer

Schlag von javanischen Aerzten in die Praxis. Es lässt sich darüber

streiten, wie viel von der medicinischen Wissenschaft diesen Aerzten

geboten werden soll, und ob das »zu viel« vielleicht mehr schaden

könnte als das zu wenig.

Ich sass 188.. bei einer mikroskopischen Arbeit, und der Doctor Djawa

folgte ihr mit Interesse. Endlich frug ich ihn, ob er auch wisse,

was ich unter dem Mikroskop suche. Jawohl, Mynheer, antwortete er,

Teichmannische Hämin-Krystalle. So sehr mich diese Antwort anfangs

überraschte, so sehr fand ich sie später in Uebereinstimmung mit seinem

übrigen medicinischen Wissen.

Wenn es nur der Regierung, oder vielmehr den Lehrern dieser Schule

auch gelänge, diesen jungen Menschen auch Pflichtgefühl einzuprägen

oder Begeisterung für die Wissenschaft, oder aber für das heilige Ziel

dieser Wissenschaft, für die Idee, der leidenden Menschheit +zu

helfen+! Derselbe »Doctor Djawa« wurde von mir betraut mit der

Behandlung der kranken Prostituées. Die neu zugewachsenen Personen

untersuchte ich mit ihm, besprach mit ihm die Behandlung und überliess

ihm dann das Weitere. Unerwartet kam ich eines Tages in das Spital,

und mein Assistent sass im Bureau, seine Cigarette zu rauchen, und

überliess die Behandlung der Patienten der Krankenwärterin. Im Jahre

1881 war eine verheerende Fieberepidemie im Süden des westlichen Java.

Als ich dahin von der Regierung geschickt wurde und Kampong für Kampong

besuchte, fand ich bei den Häuptlingen Flaschen mit verschimmelten

Chininpillen, welche sie beim Doctor Djawa des Bezirkes geholt hatten,

der aber seinen Kampong niemals verliess. Wie gesagt also, es fehlt

ihnen der nöthige Ernst und das Pflichtgefühl, so dass sie bis auf

wenige Ausnahmen nicht mit einer selbständigen Stellung betraut werden

und nur unter Aufsicht und Controle ihre Arbeit verrichten können. Die

Doctor Djawa müssen also die Vermittler sein zwischen der europäischen

medicinischen Wissenschaft und dem abergläubischen unwissenschaftlichen

und oft betrügerischen Treiben der Dukuns.

In früheren Zeiten bestand auch eine Hebammenschule, welche jedoch

schon nach kurzem Bestand aufgehoben wurde.

9. Capitel.

Kriegsspiele der Dajaker -- Angriff auf einen Dampfer -- Hebammen --

Frauen-Doctor -- Europäische Aerzte -- Gerichtsärzte -- Stadtärzte --

Civilärzte -- Furunculosis -- Aerztliche Commissionen -- Vaccinateurs.

In voller Kriegsausrüstung tritt der Dajaker zum Kriegsspiel. In seiner

linken Hand hält er den Schild, in seiner Rechten das Blasrohr für

die vergifteten Pfeile. Auf seiner linken Hüfte ruht der Mandau und

der Köcher mit den Pfeilen; auf dem Kopfe sitzt eine runde Mütze, aus

Rottang geflochten, mit Federn von dem Pfaufasan oder von dem Pfau;

ich hatte einige solche Mützen, welche mit dem Fell eines Orang-Utang

überzogen waren. Die Brust und der Rücken sind bedeckt mit einem

Ziegenfell, welches in der Mitte eine Oeffnung für den Kopf hat, von

dem Halsausschnitt fällt ein Bündel mit Amuletten herab (mit Zähnen von

den Babi-russa, Schneidezähnen von grossen Schweinsaffen u. s. w.

u. s. w.).

Im Kriegsspiel idealisirt jedes Volk die Art und Weise seiner

Kriegsführung oder, ich möchte lieber sagen, zeigt es die Theorie

seiner Kriegskunst. Wie in der Fechtschule der Gebrauch des Gewehres

gelehrt wird, das findet im Ernstfalle, abgesehen von dem Duell, keine

Anwendung; so muss man auch beim Anblick der Kriegstänze nur sehr

vorsichtig auf die Kriegsführung im Ernstfalle einen Schluss sich

erlauben.

Nicht mit erhobenem Haupte oder stolzen Schrittes tritt der Dajaker zum

Kampfspiele. Nonchalant oder gleichgiltig tritt er auf den Schauplatz,

wirft zunächst das Blasrohr weg und zieht gelassen den Mandau aus der

Scheide. Er beugt sein linkes Knie, deckt seinen Körper mit dem Schild

und späht hinter diesem nach allen Seiten; das rechte Bein streckt er

plötzlich aus und dreht sich dann wie ein Kreisel auf der Ferse seines

linken Fusses, um von Zeit zu Zeit seinen Mandau nach allen Seiten zu

schwingen. Hin und wieder ruft er kreischend la hap, la hap, springt

rechts und links, dreht sich wieder wie der Wind um seinen Fuss,

schlägt nach seinem unsichtbaren Feinde mit wuchtigem Schlag und fällt

endlich -- leblos danieder. La hap, la hap ertönt es aus den Reihen

seiner Zuschauer, und ein zweiter Tänzer erscheint auf dem Schauplatz,

um denselben Tanz aufzuführen.

Mich überraschte jedes Mal das Schlusstableau dieses Tanzes. Bei allen

nationalen Tänzen, welche ich sah, ist das Ende des Tanzes der Sieg.

Hier die Niederlage!!

In der Wirklichkeit und im Ernstfalle ist der Anfall mit dem Messer das

Ende des Kampfes, die vorbereitenden Maassregeln zeugen jedoch oft auch

von entwickelter Taktik und Strategie.

Ein Anfall auf den kleinen Dampfer »Kapitän van Os«, ausgeführt von den

Dajakern des südlichen Borneos, zeigt uns ihre Kriegskunst selbst im

günstigen Lichte.

Dieser Dampfer bekam Ende December 1859, nach dem unglücklichen und

tragischen Ende des Kriegsschiffes »Onrust« und des Kreuzers No. 42,

Befehl, die Mündung des Kapuaflusses zu blockiren. Jede Nacht wurde

er von beiden Ufern dieses Flusses beschossen. Den 3. Januar 1860

jedoch schwieg zwar das Feuer der Gewehre, aber man hörte aus den

mit dichtem Gesträuch bedeckten Ufern ununterbrochen Bäume unter den

gewaltigen Streichen der Axt fallen. Der Capitän glaubte das Ziel

dieser Arbeit zu kennen; die Dajaker fällen nämlich gerne den Baum

bis auf ¾ seiner Dicke, vor dem Fallen wird er durch Rottangstricke

geschützt, mit welchen er am nächsten Baume verbunden wird. Kommt nun

ein feindlicher Kahn oder Schiff in die Nähe eines solchen Baumes, wird

der Rottangstrick durchgeschlagen, der Baum fällt in das Wasser und

zertrümmert Alles, was unglücklicher Weise in einem solchen Augenblicke

auf der Wasserfläche schwimmt. Dieses war dem Capitän des Dampfers

»van Os« bekannt, und er konnte sich also das Ziel dieser Arbeit nicht

anders erklären, als dass die Dajaker ihn zur Fahrt in den Kapuafluss

verleiten und auf bekannte Weise ihn dann vernichten wollten. Er

verbrachte den ganzen Tag in Spannung, auf welche Weise sie ihr Ziel

zu erreichen sich bemühen würden. Gegen 7 Uhr Abends, nach Untergang

der Sonne, begann hierauf ein starkes Gewehrfeuer von beiden Ufern.

Der Capitän hatte sofort den Anker aufgezogen, als die erste Salve

erfolgte, und drehte den Dampfer bald gegen den Kapuafluss, bald

gegen den kleinen Dajakfluss oder selbst gegen die Landzunge; jedes

Mal wurde er von zwei Seiten mit lautem la hap-Ruf unter einem starken

Gewehrfeuer begrüsst. Um 12 Uhr ging der Mond unter; der Himmel war

bewölkt, eine pechschwarze Finsterniss bedeckte die ganze Landschaft,

welche nur hin und wieder durch die Flammen der Salvenschüsse

erleuchtet wurde und starker und stärker häuften sich Aeste, Laub

und Stämme rings um den kleinen Dampfer, und zuletzt näherte sich

selbst ein ganzer Berg von solchem Treibholz. Als bei einer Entfernung

von ungefähr 10 Metern der Commandant der 15 Mann, ein javanischer

Sergeant, eine ihm unverständliche Bewegung in dem Berge von Treibholz

bemerkte, gab er das Commando »Feuer«, der Schiffscapitän Glaser, der

Maschinist und die 15 Javanen gaben ein Salvenfeuer, die Matrosen eilen

zu den Kanonen und feuern ihre Kartätschen in den schwimmenden Berg und

-- eine Unzahl von Canoes flüchtet unter lautem Gejammer verwundeter

Dajaker aus diesem Berge von Treibholz. (Nach Perelaer.)

* * * * *

Besteht in Indien ein Bedürfniss für europäisch geschulte Hebammen?

Im Jahre 1897 sollte in Holland sich ein Verein constituiren, welcher

diese Sorge auf sich nehmen sollte. Hat ein solcher Verein raison

d’être? Die Geburtshülfe des grössten Theiles der eingeborenen

Hebammen ist, wenn wir von den krankhaften Zuständen absehen, eine im

Principe richtige Auffassung der Naturkräfte, und steht darum höher

als die europäische im Anfange der 90er Jahre. Bei normalen Geburten

beeinflusst nicht nur die Dukun ganz und gar nicht den normalen

Verlauf, sondern sie schadet auch nicht, weil principiell, und zwar aus

Sittlichkeitsgründen, jeder manuelle inwendige Eingriff vermieden wird.

Wie viel unglücklich verlaufende Entbindungen sind durch überflüssige

manuelle inwendige Eingriffe der europäischen Hebammen veranlasst

worden!

Die Zahl der normalen Geburten ist gewiss eine aussergewöhnlich grosse,

sonst hätte z. B. Java in den letzten neun Jahrzehnten nicht um 20

Millionen mehr Einwohner bekommen. Wenn auch Dr. Stratz der Behauptung

entgegentritt, »dass, wie alle Naturvölker, auch die javanischen Frauen

besonders schnell, bequem oder ohne Schmerzen entbinden«, so bleibt er

uns den Beweis dafür schuldig; er kann gar nicht diesen Beweis bringen,

weil ihm eine Statistik von normalen Geburten der Eingeborenen nicht

zu Gebote stand, und weil seine eigene Erfahrung diesbezüglich auf zu

kleine Zahlen von normalen und pathologischen Geburten basirt ist.

Meine eigenen Erfahrungen können natürlich nur von einem Eindrucke

im Allgemeinen sprechen, und dieser ist der allgemein herrschende,

dass die malayischen Frauen (aus anatomischen Gründen vielleicht)

viel leichter von der Frucht befreit werden, als die europäischen.

Ich will nur noch einmal hinweisen, dass in Indien Rhachitis sehr

selten vorkommt, dass alle indischen Frauen normal gebaut sind, und

selbst, dass ein Buckel ein rara avis ist. Der Heiltrieb ist bei den

Eingeborenen, wie jeder Arzt weiss, viel höher als bei den Europäern.

Bei einem Soldaten ging das Rad einer Kanone über die grosse Zehe

des rechten Fusses, und ich beschloss, die Zehe zu enucleiren; der

Hospitalchef kam dazu, und als er die Wunde sah, rieth er mir davon ab,

weil er ein Eingeborener sei; ich folgte seinem Rath, und der Patient

behielt eine brauchbare Zehe. Im Jahre 1892 wurde ich in Magelang zu

einer jungen Frau gerufen, welche durch einen Abortus einen heftigen

Blutverlust erlitten hatte. Als ich zu ihr kam, lag sie wie eine

Wachsfigur delirirend im Bette, der Puls war weniger als filiformis;

die Blutung noch nicht beendigt, und doch wurde mir jeder manuelle

Eingriff von Seiten der Familie nicht gestattet. Ich massirte den

Uterus durch die Bauchwand, gab eine Arznei, ut aliquid fieri videatur,

ging weg, und -- nach einem Jahre hatte sie wieder einen Knaben von

fünf Kilo. Ich erzähle dieses nur als Pendant zu dem Falle von Dr.

Stratz, wobei eine Berlinerin intra partum aus dem Bette ging, um ein

gutes Glas »Weisse« sich zu holen.

Wie gesagt, ich kann nur das Echo der allgemein angenommenen Ansicht

sein, dass die eingeborenen Frauen leicht entbinden; die Hülfe der

Hebammen ist ja eine unbedeutende. Die Dukun erscheint bei der jungen

Mutter mit 10-20 Medicinen sowohl für die Mutter als für den zu

erwartenden Staatsbürger. Nur sehr selten wird jedoch vor oder intra

partum Medicin gegeben; die meiste gilt dem Wochenbette und der Pflege

des Kindes; ob nun die äusseren Geschlechtstheile sanft gerieben

werden, ob alle Thüren, Fenster, Kisten und Kasten geöffnet werden,

dass die Entbindung schneller stattfinde, ob Geld in kupferne Schüsseln

geschüttet wird, oder gekochter Reis und Geld zwischen den Füssen der

Wöchnerin gestellt wird, um das Kind herauszulocken; ob ihr Urin zu

trinken gegeben wird von einem angesehenen Manne, oder ob der Mann ihr

ins Gesicht blasen muss, oder ob der Vater mit ausgespreizten Füssen

vor der Frau steht und rücklings schreitet, um das Kind, welches sich

nach seinem Vater sehnt, zu bewegen ihm zu folgen u. s. w. u. s. w. Das

sind doch keine Manipulationen, welche der Mutter und dem Kinde, oder

beiden gefährlich werden können. Wenn jedoch bei zögernder Geburt ein

langes Tuch, bengkun genannt, um den Oberbauch geschlungen wird, ist

dies allerdings schon ein einflussreicher Eingriff; oder wenn bei einer

Querlage die äussere Wendung nicht gelingt, oder aus andern Ursachen

der Mann auf den Bauch der Wöchnerin tritt und stampft, dann sind

Mutter und Kind in ihrem Leben bedroht; das ist wahr, aber dann sind

auch bedeutende pathologische Verhältnisse vorhanden, in welchen auch

eine europäische Hebamme nicht einschreiten darf und den Arzt holen

lassen muss. Nur in Ausnahmefällen wird eine mohammedanische Frau sich

dazu entschliessen, männliche Hülfe für einen solchen Fall in Anspruch

zu nehmen. Zu wiederholten Malen habe ich es erfahren, dass Männer

mich aufforderten, bei der Geburt ihrer Frau gegenwärtig zu sein und

etwaigen Falles thätig einzuschreiten; aber immer waren es die Frauen,

welche es nicht erlaubten.

Der letzte Fall traf eine javanische junge schöne Frau eines Lehrers,

welche durch ihr schlechtes Aussehen in den letzten Wochen ihrer

Gravidität den Mann veranlasste, mich zu consultiren. Ich fand normale

Verhältnisse von Lunge u. s. w., der Urin hatte kein Eiweiss u. s. w.;

aber die Beckenverhältnisse mochte ich nicht untersuchen, und von dem

Eintritt der Geburt wurde ich auch nicht verständigt.

Welchen Zweck hätte es also, hier für europäisch geschulte Hebammen

Geld, und zwar viel Geld auszugeben? In abnormen Fällen darf die

europäische Hebamme ebenso wenig einschreiten, als die Dukun es kann.

Bei normalen Geburten schadet die eingeborene Hebamme gewiss gar nicht,

oder sicher weniger, als die europäische, weil diese, in ihrer Sucht

nach Polypragmasie, oder um ihre Weisheit zu zeigen, die exploration

per vaginam immer und immer unternimmt. Welche europäische Hebamme

würde übrigens sich begütigen, im Innern des Landes im Kampong zu

wohnen, um nur den Eingeborenen Hülfe zu leisten, selbst bei einem

Gehalte von 100-200 fl. monatlich? Könnten diese Summen -- wie viele

müsste es deren im grossen »Insulinde« geben -- nicht besser verwendet

werden? In Java werden sogenannte Bezirksärzte mit 200 fl. monatlichem

Gehalte im Innern des Landes angestellt, und müssen dann sehen, wie

sie durch die Privatpraxis nebstdem soviel verdienen können, als

sie zu ihrem Lebensunterhalte u. s. w. nöthig haben. Die Regierung

würde zweckmässiger thun, einen Theil dieser Stellen durch weibliche

Aerzte zu besetzen, welche zur Praxis in vollem Umfange berechtigt

wären. Dadurch würde nicht nur eine grosse Zahl der eingeborenen

Frauen in ihren Erkrankungen einer wissenschaftlichen Behandlung sich

erfreuen können, sondern die moderne Geburtshülfe würde mit Hülfe der

weiblichen Aerzte auch in die grosse Menge der Eingeborenen dringen.

Wenn diese Doktorinnen nebstdem verpflichtet wären, zu allen Geburten

zu gehen, zu welchen sie gerufen werden, bei Entfernungen über 6 Pal

(± 9 Kilometer) eine standesgemässe Entschädigung erhielten, und wenn

auf ihrem Standplatze ein bescheidenes Zimmer eingerichtet würde, in

welchem die Wöchnerinnen die Zeit ihrer Entbindung abwarten könnten,

und welches mit einem einfachen Armentarium eingerichtet wäre, wenn

diese Doctorinnen exercitii causa alle Entbindungen leiten würden, so

dass die eingeborenen Frauen Zutrauen zu ihrer Kunst bekämen, dann

würden auch die abnormen Fälle, Steiss-, Querlagen u. s. w., mit Erhalt

des Lebens von Mutter und Kind glücklich beendigt werden können.

An weiblichen Doctoren hat Indien ein Bedürfniss, aber nicht an

Hebammen welchen nie und nimmermehr die Behandlung »aussergewöhnlicher«

Geburtsfälle anvertraut werden darf. --

Die Stellung der europäischen Aerzte ist im Allgemeinen in Indien eine

geachtete, und wie wir sehen werden, sind sie ein einflussreiches

Glied in der grossen Kette der Beamten, welche die Verwaltung Indiens

besorgen. Trotzdem zeigen sie Mängel, welche sich in Europa nicht

fühlbar machen, weil dort nur selten von +einem+ Arzte die

Totalität der medicinischen Wissenschaft gefordert wird. In Indien

+muss+ der Arzt vielseitig, ja noch mehr, er muss allseitig

entwickelt sein, so lauge, bis die Regierung zur Erkenntniss kommt,

dass eine solche Vielseitigkeit heutzutage unmöglich ist, und dass es

daher ihre Pflicht sei, mit diesem Factor zu rechnen. Auf Seite 33

sprach ich schon von dem mangelhaften Wissen der Militärärzte in der

medicina forensis, Bauhygiene, Epidemiologie und Militärhygiene.

Im Jahre 1880 wurde in Samarang eine junge Frau des Mordes an einem

neugeborenen Kinde angeklagt und vertheidigt von dem Advocaten C.

S., welcher heute im »hohen Hause« zu Buitenzorg eine grosse Rolle

spielt. Als corpus delicti lag, da der Mord schon vor einem Jahre

geschehen sein sollte, wenn ich mich nicht irre, ein ausgegrabener

Oberkiefer und ein Seitenwandbein vor. Der Advocat behauptete, dass

die anwesenden Knochenreste gar nicht von einem Menschen, sondern

von einem Affen herrührten. Er behauptete ferner, und brachte aus

einem vor ihm liegenden Haufen von Büchern die Beweise, dass dieser

auch nicht constatirt werden könne, weil der Gesichtswinkel zwischen

Menschen und Affen keinen Unterschied zeige. Da keine Gerichtsärzte

in Indien existiren, wurden nach einander vier Aerzte als Fachleute

herbeigezogen, welche durch die angeführten Citate des Advocaten

geradezu in beschämender Weise zum Schweigen gebracht wurden. Nichts

wäre jedoch leichter gewesen, als dieser unangenehmen Scene zu

entgehen. Der Gesichtswinkel (von Camper) kann ja nur an dem intacten

Schädel gemessen werden; denn es ist der Winkel zwischen der Linie,

welche gezogen wird von dem hervorragendsten Theil der Stirn bis zur

Mitte des Oberkieferzahnes und der Linie, welche vom äusseren Gehörgang

längs der Basis der Nasenhöhle zu der ersten gezogen wird. Um diesen

bestimmen zu können, muss man also wenigstens einen halben Schädel

haben. Die Fachleute liessen sich also in eine sterile Debatte mit

dem Vertheidiger ein und mussten also den kürzeren ziehen. In diesem

concreten Falle ist dies übrigens eine müssige Frage gewesen. Denn die

+Grösse+ des Kopfes musste zwischen Mensch und Affe, ausgenommen

den Orang, entscheiden.

Der Kopf eines Säuglings ist auffallend grösser als der eines gleich

alten Affen auf Java. Da der Orang auf Java ebenso selten als in Europa

gesehen wird, so hätte der Vertheidiger erst beweisen müssen, dass in

dieser Gegend ein Säugling eines Orang begraben wurde, das wieder eine

solche Seltenheit ist, dass es zur Beurtheilung des Falles ganz ausser

Betracht bleiben musste.

Wenn ich noch an den sensationellen Mord erinnere, welcher 1896 im

Osten Javas Monate lang die Europäer in Spannung erhielt, und der von

dem herbeigeholten Arzte als Selbstmord erklärt wurde, so will ich

mit diesem Sündenregister abschliessen und nur die Nothwendigkeit

betonen, dass in Indien Gerichtsärzte angestellt werden, welche

keine Civilpraxis ausüben dürfen; wenn deren einer auf Java, zwei

auf Borneo, zwei auf Sumatra und einer für die Molukken angestellt

werden, ist eine hinreichende Bürgschaft gegeben, dass dieser Theil

der Jurisprudenz die Rolle des Stiefkindes aufgeben könne. Vorläufig

wäre es selbst hinreichend, wenn der Arzt, welcher auf der Doctor

Djawa-Schule die pathologische Anatomie docirt, als Gerichtsarzt

nach allen Theilen des Archipels im Nothfalle gesendet werde. Java

wird von einem Telegraphennetze und von einer von Osten nach Westen

ziehenden Eisenbahn durchzogen, mit drei Seitenlinien, so dass er

im ungünstigsten Falle den zweiten Tag an Ort und Stelle sein kann.

Natürlich müsste dieser Fachmann in der pathologischen Anatomie auch

auf die Toxikologie, auf den forensischen Theil der Psychiatrie, auf

das Stiefkind der medicinischen Wissenschaft, die Biologie, und auf

alle Fächer sich verlegen, welche der moderne Gerichtsarzt beherrschen

muss, um seinen Posten auszufüllen.

Die »Stadtärzte« sind Beamte von einer zu sehr begünstigten Stellung.

Während der Militärarzt, wie wir unten sehen werden, oft von dem Umfang

seiner Arbeit erdrückt wird, kann sich der »Stadtarzt« bei einem

ziemlich guten Gehalt den grössten Theil des Tages der Privatpraxis

widmen, welche, gerade durch seine Stellung als Stadtarzt, gross

ist. Obzwar ihm die Behandlung der Patienten in den Civilspitälern

anvertraut ist, spielt er dort nur die Rolle des Consiliarius und

überlässt die eigentliche Arbeit dem Doctor djawa. Diese würden viel

bessere Dienste prästiren im Innern des Landes, wo sie unter Controle

der »Civil-Aerzte« nicht nur den Eingeborenen ärztliche Hilfe leisten,

sondern auch civilisatorisch Pioniere für die Lehren der europäischen

Hygiene u. s. w. werden können. Nach dem Reglement sollen die

Stadtärzte auch Gerichtsärzte sein; aber die Untersuchungsrichter sind

sehr liebenswürdige Leute und tragen der Thatsache Rechnung, dass die

Stadtärzte so wenig Zeit haben, und finden oft genug Ursache, einen

Militärarzt als Experten vorzuladen.

Im Jahre 189.. war ich in T., und ein Europäer gab seinem 9jährigen

Sohne mit seinem rechten Fusse einen Fusstritt gegen den Podex; das

Kind fiel nieder und -- war todt; ich hielt Section und fand als

Todesursache einen M-förmigen Riss in der Milz. Als »behandelnder Arzt«,

als Zeuge und als Experte wurde ich nach S.. gerufen, um in dieser

Sache als dreifacher Zeuge zu fungiren. Zufällig oder nicht zufällig

wurde ich gleichzeitig nach S.. transferirt und konnte stundenlang vor

dem Gerichtshof Rede und Antwort stehen über die Frage der spontanen

Risse der Milz u. s. w. Der dazu angewiesene Stadtarzt hatte natürlich

keine Zeit. --

Die Behandlung der Beamten, welche unter 150 fl. monatlich Gehalt

haben, untersteht auch den Stadtärzten, ebenso wie die Untersuchung

der Prostituées. Letztere lässt sehr viel zu wünschen übrig; denn die

»clandestine« Prostitution ist ja die vorherrschende, und die Zahl

der eingeschriebenen ist ja klein. Das heisst: clandestin gegenüber

dem Arzte; die Organisation der Polizei und das Leben in den offenen

Häusern bringt es mit sich, dass der Polizei alle Prostituirten bekannt

sein könnten, wenn die Beamten es nur +wollten+. Dies giebt jedoch

»Sussah«, d. h. Schreibereien und Schwierigkeiten; es wird also von

den Beamten durch die Finger gesehen, und der »Stadtarzt« hat mit der

Untersuchung der Prostituées sehr wenig zu thun.

21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo. · 第 17 / 26 段