Wenn ich auch oft auf die Jagd ging, so fehlte mir doch die Elasticität

des Körpers, um in Borneo als wahrer Nimrod auch grosses Wild zu

verfolgen. Schon die Jagd auf Wildschweine ist lohnend, weil man etwas

Abwechslung in sein Menu bringen kann. Diese fordert nur Geduld;

hinter dem Fort hatten die Soldaten einen Gemüsegarten angelegt, und

bald stellten sich diese ungalanten Gäste ein, welche das Grünzeug

auffrassen und den Boden aufwühlten. Ihre Spuren waren deutlich, und

darum zog ich öfters, kurz vor Aufgang des Mondes, mit meinem Bedienten

in den Garten und legte mich auf die Lauer. Sobald der Mond das Terrain

erhellte, kamen diese Feinschmecker, und zwar einzeln oder zu Paaren,

und fielen dann leicht in unsern Schuss. Auch die Jagd auf Rehe ist

ungefährlich, wenn man die Stelle kennt, wohin sie Abends zu trinken

kommen. Eine solche Tränke war in der Nähe des rechten Ufers des

Baritu, gegenüber der Mündung des Teweh. Es war eine grosse Schlucht

mit hellem, frischem Wasser, über welchem ein grosser Baum als Brücke

lag. Vor Sonnenuntergang kamen die Rehe und auch die Kantjils hier

ihren Abendtrunk holen. Gewöhnlich sass ich auf dem Baume, das Gewehr

schussbereit in der Hand.

Eines Tages jedoch ging ich mit dem Häuptling dahin, und er nahm Platz

auf dem Baume, während er mir die Lauer bei einem Baume empfahl, in

dessen Nähe der Weg war, auf welchem die Rehe zur Schlucht zogen. Ich

vertraute seinen Angaben um so mehr, als er factisch, viel häufiger als

ich, mit reicher Jagdbeute nach Hause kam. Ich suchte mir also hinter

dem angewiesenen Baume eine trockene Stelle aus und liess mich nieder

in geduldiger Erwartung dessen, was kommen sollte. Plötzlich wurde ich

jedoch durch ein fürchterliches Geräusch aufgeschreckt. Ich sprang

auf und sah über meinem Kopfe eine grosse Heerde von Schweinsaffen

(Fig. 7) von Baum zu Baum springen. War es nun Zufall oder nicht, ich

sah mir nun ein bischen näher die Gegend an, welche mir Dacop mit

solchen warmen Worten für die Lauer auf die Rehe angewiesen hatte,

und sieh’ da, es war der Weg zur Tränke für die gefährlichsten und

gefürchtetsten Riesen des Waldes, für die Büffel und Rhinocerosse!!

Dem Rhinoceros kann man entfliehen, wenn man seines Schusses nicht

sicher ist, oder wenn aus anderen Ursachen dieses plumpe Thier nicht

kampfesunfähig gemacht wird; aber der Büffel ist ein gefährlicherer

Gegner als der Königstiger und das Rhinoceros; denn der Banteng lebt

in Heerden, und wenn einer von ihnen, von der Kugel getroffen, mit

seinem donnerähnlichen Brüllen die Luft erschüttert, stürzt sich die

ganze Heerde auf den Jäger, der nur sehr selten dem traurigen Schicksal

entgehen wird, von der rasenden Heerde zertrümmert zu werden. Flüchtet

er sich auf einen Baum, so wühlt die Heerde in der Wurzel und stürmt

mit den Hörnern gegen den Baum, dass er endlich fallen muss; und ist

der Baum so dick, dass es vielleicht nur durch einzelne Einkerbungen

ihm möglich wurde, die hohen Aeste zu erreichen, und dass es den

rasenden Büffeln unmöglich ist, den Baum zu fällen, so weichen sie

nicht früher vom Platze, als bis die aufgehende Sonne sie zwingt, ins

Dickicht sich zurückzuziehen.

Nun, zu solchen Abenteuern hatte ich keine Lust, als ich auf dem Pfade

die Spur einer solchen Heerde sah; ich rief Dacop und zeigte ihm die

grossen Massen Mist. Er war auch kein grosser Held, und so zogen wir

uns zurück, ohne diese Ungeheuer des Waldes bei ihrer Abendzeche

belauscht zu haben. Das Bedauerlichste bei dieser Sache war jedoch,

dass ein Mann zum Häuptling eines Bezirkes gewählt war, der nicht

wusste, dass in der nächsten Nähe seines Kampongs die wilden Büffel

sich befanden. Dazu kommt noch, dass es alter Mist war, der zu unsern

Füssen lag.

* * * * *

Es ist kein dankbares Thema, den Entwicklungsgang der Medicin in

Borneo resp. in Indien zu verfolgen; denn wir kommen leider zu dem

traurigen Resultat, dass die Therapie, das Stiefkind der medicinischen

Wissenschaft, in Indien anstatt von den Europäern in die grosse Menge

der Eingeborenen zu dringen, bis jetzt den umgekehrten Weg genommen

hat: Dass nämlich die Europäer um vieles mehr von den therapeutischen

Maassregeln der Eingeborenen angenommen haben, als diese von den

europäischen Medicamenten Gebrauch machen.

Wenn wir festhalten, dass die Bevölkerung Borneos unter vier Rubriken

zu bringen ist, so müssen wir die Olo-Ott bei der Besprechung dieses

Capitels ganz ausser Betracht lassen. Mir ist von ihrer medicinischen

Wissenschaft gar nichts bekannt. Die eigentlichen Dajaker, oder wie

sie sich selbst nennen, Olo-Ngadju, haben jedoch schon so viel von den

Arzneien, Gebräuchen und Sitten ihrer malayischen Nachbarn und Fürsten

angenommen, dass es nicht leicht fällt, von einer Medicin der Dajaker

zu sprechen.

Die religiösen Ceremonien, die Beschwörungen der Geister und Teufel

sind originell, d. h. sie sind durch die malayische Umgebung nicht

beeinflusst worden; aber die Massage ist die der Malayen; nur hat sie

einen +sichtbaren+ Erfolg; Holzsplitter, Fischgräten, Nadeln,

Dornen u. s. w. wissen die Bliams beim Massiren aus dem Körper

herauszureiben, kneten und zu zwicken, wahrscheinlich als sichtbarer

Beweis, dass die Seele durch die Hülfe der Bliams in den Menschen

zurückgekehrt sei. Radja Antuën (der Antuën König) hat ja seine

Boten; diese entführen die Seele des Menschen und trachten, ihm dafür

Splitter, Gräten u. s. w. in den Leib zu stechen, so dass er krank

werden muss. So ein Antuë hat aber noch viele Mühe, bis es ihm gelingt,

Jemand krank zu machen. Zu diesem Zwecke muss er sich selbst den

eigenen Kopf abreissen. Dieser, d. h. der abgerissene Kopf, fliegt mit

den daran hängenden Fleischtheilen in das Haus seines Opfers. Zu diesem

Zwecke muss er sich vorher in einen Vogel, Ratte oder Maus verwandeln,

um Zutritt in das Haus zu bekommen. Sobald sein Opfer in den Schlaf

gefallen ist, stiehlt er ihm die Seele und steckt ihm eine Nadel, Gräte

u. s. w. in das Fleisch. Der Antuën muss jedoch sorgen, dass dies Alles

vor Anbruch des Tages geschehe. Denn, wenn es Licht wird, bevor der

Kopf seinen Körper gefunden hat, muss er auf die kommende Nacht warten,

um sich mit diesem wieder vereinigen zu können; aber unterdessen hat

der Körper den Fäulnissprocess begonnen, so dass der Antuën sterben

muss. Kommt jedoch der Kopf rechtzeitig zu seinem Körper zurück, dann

setzt der Antuën den Kopf wieder auf den Rumpf und bekommt wieder seine

menschliche Gestalt (Perelaer).

Diese Aetiologie der Krankheiten macht natürlich jede Diagnose

unmöglich und die eigenthümliche Therapie der Dajaker verständlich.

Ihre Massage haben sie vielleicht von den Malayen übernommen;

vielleicht ist sie Original, und dass die Bliams bei dieser Operation

immer ein corpus delicti finden, eine Fischgräte, Splitter u. s. w.,

kann vielleicht das Bestreben haben, durch Suggestion zu heilen. Auf

Seite 40 haben wir gesehen, dass in schweren Krankheitsfällen der ganze

Apparat der Beschwörung aufgeboten wird, um den Antuën zum Verlassen

des Patienten zu zwingen.

Bei der Geburt eines Kindes geschieht dasselbe, und in erster Reihe

wird an die Antuë Kankamiak ein schwarzes Huhn geopfert, um sie zu

versöhnen und ihr zu schmeicheln, weil sie es ist, welche die Frucht

der schwangeren Frau absterben und im Mutterleibe faulen lässt.

Nebstdem sind viele Abortiva bekannt und wird der gebärenden Frau eine

Arznei gegeben, welche den Gebärakt erleichtern soll. Vor und nach

der Geburt ist die junge Frau in sehr vielen Sachen »pali«, d. h.

vieles ist ihr verboten, z. B. dem Feuer sich zu nähern, Früchte zu

essen u. s. w. Hält sie sich jedoch aus irgend einer Ursache nicht an

die Vorschriften des »pali«, so wird sie »marujan«, d. h. sie hat die

Krankheit gesucht und kann nur durch Hülfe der Bliams von der drohenden

Gefahr befreit werden; so interessant auch das ganze Wochenbett der

dajakschen Frau vom ethnographischen Standpunkte aus ist, so würde es

mich doch zu weit von meinem Ziele führen, wenn ich es ausführlich

beschreiben wollte.

Aber die Taufe des Kindes will ich doch mit einigen Worten erwähnen,

weil ich dieselbe gesehen habe. Wenn das Kind ein Jahr alt ist, darf

es zum ersten Male im Flusse gebadet werden (vor dieser Zeit wird es

im Hause nur hin und wieder mit Wasser begossen), und dieses geschieht

in der Form des Mandoifestes. Zu diesem Zwecke werden 7 Blanggas mit

Wasser gefüllt, das sind Töpfe von ungefähr 40 cm Höhe und weiter

Oeffnung, welche durch ihr hohes Alter oft 2-4000 fl. kosten; natürlich

haben die Chinesen oft versucht, Imitationen dieser Töpfe einzuführen

und zu verkaufen, ohne dass ihnen dieses jemals gelungen wäre, denn

jeder dieser Töpfe hat seinen Stammbaum, der durch ganz Borneo bekannt

ist. So lange er nicht in tausend Scherben zerbrochen ist, weiss

jeder Dajaker, wo und bei wem ein grosser Blangga sich befindet. Es

ist also bis jetzt noch niemals gelungen, einen falschen Blangga

einzuführen. Sie werden in weibliche und männliche, und nach ihren

Figuren in zahlreiche Unterarten eingetheilt. Ich hatte Gelegenheit,

einige Blanggas zu sehen, welche dieselbe Form, und zwar die eines

dickbäuchigen Topfes, aber in der Nähe des Halses verschieden geformte

Drachen und Schlangen in Basrelief hatten. Diesen Töpfen wird eine

aussergewöhnliche Zauberkraft zugeschrieben; sie vertreiben alle

Antuëns und alle bösen Geister, sie geben dem Besitzer eine gute Ernte,

Glück bei dem Fischfang, auf der Jagd und -- in der Liebe.

Neben diesen Töpfen werden 7 Gantangs (1 G. = 1/10 Pikol = 6·2 Kilo)

gut gereinigter Reis und ein langer Rottang gelegt, welche die

Verwandten des Kindes bewachen, während die Bliams die Sanggiangs

anrufen und bitten, »das Wasser des Lebens« bei dem Bruder von

Mahatara zu holen. (Mahatara = Mata hari = Auge des Tages.) Ist die

Menge des Wassers in den Blanggas und die des Reises und die Länge

des Rottangs über Nacht grösser geworden, dann haben die Sanggiangs

das Lebenswasser gebracht (danom Kaharingan), und es wird in einem

metallenen Becken mit dem Blute eines schwarzen Schweines gemischt und

auf den Fluss gebracht. Darin wird das Kind siebenmal getaucht und im

Flusswasser abgespült. In einem pittoresken Aufzug wird das Kind an

das andere Ufer gebracht und zwar in einem Kahn, welchen der Vater mit

6 Männern schwimmend begleitet, während die andern Familienmitglieder

und Freunde ebenfalls in Canoes folgen. Das Canoe der Bliams und

Bassirs ist mit Blumen verziert. Am jenseitigen Ufer werden an Djata,

den Bruder des Mahatara, Affen, Hirsch- und Entenfleisch geopfert und

darauf wird die Zurückreise angetreten. Zu Hause angekommen, wird das

Kind auf ein todtes Schwein gesetzt und auf seinen Kopf wird Reis

gestreut, welcher von einer weissen Henne abgefressen werden muss, wenn

dem Kinde eine glückliche Zukunft bescheert sein soll.

Die eigentlichen Dajaker legen, wie ich schon oben erwähnte, der

Behandlung ihrer Kranken sehr viel Suggestion zu Grunde und gebieten

über keinen grossen Arzneischatz, obzwar sie die Nachbarn der Malayen

sind und Jahrhunderte lang unter dem Joche malayischer Despoten

seufzten. Auch von den europäischen Doctoren haben sie noch nicht

vieles angenommen. Während meines 3½jährigen Aufenthaltes unter ihnen

wurde ich nur zu drei internen Fällen gerufen: kam eine Frau zu mir, um

mich über das starke Ausfallen ihrer Haare zu consultiren, ein Mann bat

mich um Hülfe gegen seine blutige Diarrhoe, und drei Personen liessen

sich von einer Hasenscharte befreien. Auch wurde mir ein Kind gebracht,

welches keine Arme hatte, 27 cm lang war ohne die Unterschenkel, welche

8½ cm lang waren, alle drei Gelenke und nur die erste und fünfte Zehe

hatte.

Die malayische Bevölkerung hat nicht nur ihre Sprache, sondern einen

grossen Theil ihres medicinischen Glaubens den Völkern des indischen

Archipels aufgedrängt; die Dajaker Borneos wie die Bataker von Sumatra,

die Chinesen auf Java wie die in den Molukken, die Javanen, Sundanesen,

Manduresen, sie alle haben malayische therapeutische Maassregeln

in ihren Arzneischatz aufgenommen, geradeso wie die Europäer. Wie

wenig ist von der europäischen medicinischen Wissenschaft bis jetzt

in die grosse Menge der malayischen Völker gedrungen; das Chinin,

Ricinusöl, Santonin und die Vaccination sind bis jetzt Gemeingut

der höher stehenden malayischen Stämme geworden. Die Häuptlinge in

Java consultiren den europäischen Arzt, wenn ihnen die heimathlichen

Mediciner keine Heilung bringen; der Bauer jedoch wird höchstens in

chirurgischen Fällen Hülfe bei uns suchen.

Auf welch niedriger Stufe die Medicin der Malayen steht, kann

der Patient nicht ahnen, der zur Fahne der halbeuropäischen

Heilkünstlerinnen schwört, oder die Kunst der Dukuns bewundert. Es

ist unglaublich, wie selbst wissenschaftliche Männer durch das post

hoc so schnell zum propter hoc übergehen und in die Hymne auf die

Kunst der Dukuns einstimmen. Perelaer z. B. bewundert die Kunst der

dajakschen Bliams, dass sie durch äussere Untersuchung der schwangeren

Frau das Geschlecht des Kindes bestimmen können, und dass sie sich

niemals darin geirrt hätten, und fügt hinzu: »Soweit haben es unsere

Accoucheurs mit all ihrem Küchenlatein noch nicht gebracht.« -- Das

wäre gewiss bewunderungswerth, wenn es nur wahr wäre. Die Kunst der

Dukuns wird selbst von Dr. Stratz überschätzt; sie sind nicht mehr

und nicht weniger als geschickte Masseusen. So wird von ihnen auch

behauptet, dass sie durch die äussere Untersuchung eine Gravidität von

14 Tagen oder einem Monat diagnosticiren könnten, und alle Aerzte beten

dieser Behauptung nach; auch dies ist nicht wahr. In T.... kam Frau K.

zu mir mit der Klage, die ein Arzt in Indien so oft hören muss, dass

sie wieder schwanger sei, obzwar sie noch einen Säugling von einigen

Monaten habe, dass ihr dieses ungelegen komme, weil sie von ihrem

Einkommen keine grosse Familie ernähren könne, und dass ich ein gutes

Werk thäte, sie von einem grossen Kindersegen zu befreien. Moralische

Entrüstung zu äussern über ihr derartiges Verlangen und noch dazu zu

einer Zeit, dass sie glaubt, schwanger zu sein, wäre zwecklos gewesen;

man wird ja in Indien so häufig um Abortusmittel direct und indirect

ersucht, dass ich mich in solchen Fällen nur über das Gefährliche

eines solchen Ansuchens erging und höchstens ein unschuldiges Mittel

angab, z. B. warme Fussbäder mit Asche, ohne die sittliche Frage zu

besprechen. Diese Dame behandelte ich jedoch schon seit längerer

Zeit so dass ich auch diese Seite ihrer Bitte besprechen konnte. Im

weiteren Gespräche zeigte es sich, dass ihre Diagnose sehr unsicher

und nur gegründet auf die Untersuchung einer Dukun war. Diese hätte

ihr nebstdem ihre Medicin angeboten, um sie von der unerwünschten

süssen Last zu befreien. Glücklicherweise ist Frau K. nicht darauf

eingegangen; denn zwei Tage später stellten sich die Menses spontan

ein; hätte diese Dame die Medicin dieser Dukun eingenommen, wären

nicht nur 2,50 fl., welche sie verlangt hatte, umsonst ausgegeben

gewesen, sondern auch der Ruf dieser Dukun wäre gefeiert worden, dass

sie nicht nur die Diagnose der Gravidität schon in den ersten Wochen

stellen könne, sondern dass sie auch ein unfehlbares Mittel besitze,

dulce et jucunde die Frauen vom unerwünschten Kindersegen befreien zu

können. Im andern Falle jedoch wäre der Rest -- Schweigen gewesen.

Dasselbe sehen wir bei jenen halbeuropäischen Frauen, welche sich mit

der Behandlung der »Bauchkrankheiten« beschäftigen und selbst von

Aerzten empfohlen werden. Die glücklichen Fälle werden an die grosse

Glocke gehängt und die andern Fälle werden todtgeschwiegen. Selbst

europäische Aerzte lassen sich von solchen Frauen behandeln, obwohl

ihre Therapie auf die roheste Empirie basirt ist, und wie wir sehen

werden, selbst aus der Quelle des gröbsten Aberglaubens schöpft! Im

Jahre 1896 starb eine solche Matrone in Samarang und erhielt sogar

ein Jahr später ein kleines Monument auf dem Friedhofe, nachdem ein

Oberstabsarzt sogar ein Büchlein über ihre Therapie herausgegeben

hatte!! Diese Damen haben absolut kein medicinisches Wissen; sie

individualisiren gar nicht; alt oder jung, Mann oder Frau; erstes

oder letztes Stadium der Erkrankung, Dysenterie oder Enteritis

membranacea, primäre oder secundäre Erkrankung, Ursache oder Folge

anderer Krankheiten, complicirt mit Fieber oder ohne Fieber; alles

geht auf dieselbe Schablone. Die Dosirung ist auch sehr primitiv; ihre

Kräuter werden »handvoll«, fingerspitzenvoll u. s. w. verabfolgt.

Natürlich müssen diese Kräuter an einem bestimmten Tage und Stunde und

bei gewissem Stande des Mondes u. s. w. gesammelt sein. Einige sind

jedoch so »gewissenhaft«, dass sie ihre europäischen Patienten erst

nach ihrem befreundeten Doctor schicken, um eine Diagnose stellen zu

lassen; sie haben aber unabhängig von der Diagnose des Arztes dieselbe

Behandlungsweise, welche ihnen -- viel Geld einträgt.

Natürlich drängt sich die Frage auf, worauf denn ihr Erfolg basirt sei;

Erfolg müssen sie ja haben, sonst müsste zuletzt ihre Unkunde deutlich

zu Tage treten. Welche Therapie hat aber gar keinen Erfolg? Soll ich

an jene zahlreichen Infectionskrankheiten erinnern, welche ohne jede

Behandlung und +trotz+ jeder Behandlung der Heilung zugeführt

werden, z. B. Blattern, Typhus, Scharlach u. s. w. u. s. f. Wenn nun

in solchen Fällen Daun sedjuk[35] oder Mata udang (Cissus cinerea) dem

Kranken gegeben werden und diese heilen, so haben wir doch kein Recht,

die Therapie der Malayen zu bewundern und sie unserem Arzneischatz

einzuverleiben. Eine Haematemesis in Folge eines Ulcus ventriculi

heilt +ohne+ jede Medicin, wenn nur dem Magen die nöthige Ruhe

gegönnt wird, die Bildung der Thrombus zu ermöglichen; noch vor wenigen

Wochen stand ich vor diesem Falle, dass ein 18jähriges Mädchen grosse

Mengen von Blut erbrach und ich dazu gerufen wurde; ich gab nichts als

kalte Compressen auf den Magen. Die Blutung wiederholte sich nicht,

und das Mädchen erfreut sich heute einer vollkommenen Gesundheit. In

einem solchen Falle hätte eine Dukun von den Daun setjang (caesalpina

doppan) ein Decoct gegeben, und wäre die Patientin geheilt, hätten

die »inlandsche geneesmiddelen« das Aureol der Unfehlbarkeit gewiss

erhalten. Hätte aber diese Patientin abermals eine Blutung bekommen,

und wahrscheinlich mit ihrem Leben die Therapie der Dukun bezahlt, denn

diese hätte sicher den Magen auch massirt, so hätte der Fatalismus sein

tröstendes Wort gesprochen: Tuwan Allah Kassih = Gott hat es gegeben.

Die Behandlung der externen Krankheiten der Eingeborenen findet bei

den Europäern nur in ganz seltenen Fällen Anwendung; die Andol-andol

(von Mylabris rubripennis) oder Sasawi (sinapis alba) oder Daun gatel

(Urticaria ovalifolia) haben zwar auch in der europäischen Pharmakopöa

Aufnahme gefunden; auch werden bei Furunculosis und Phlegmonen häufig

von halbeuropäischen Patienten Daun baba (Solanum nigrum) oder Daun

bisol (Veronica cinerea) u. s. w. gebraucht; aber zu einer Operation

eines Tumors, zu einer Luxation, zu einer Fractur, oder zu einer

kosmetischen Operation u. s. w. wird immer von den europäischen

Patienten, und häufig auch von den Eingeborenen, die Hülfe eines

europäischen Arztes angerufen. Die Dukuns gehören aber unbedingt zur

messerscheuen, arabischen Schule. Aber selbst auf dem Gebiete ihrer

grössten Triumphe, und zwar in der Behandlung der »Bauchkrankheiten«,

verdienen weder die Dukuns noch die »indischen Damen« Nachahmung

oder sogar Bewunderung ihrer Kunst. Sehr oft wird als Vortheil der

»inländischen« Behandlung die Regelung der Diät angegeben; ich will

nicht davon sprechen, dass sie schablonenhaft bei jeder Bauchkrankheit,

d. h. bei jeder Darmerkrankung, dieselbe ist; aber sie wird in den

meisten Fällen nicht gehalten und kann nicht gehalten werden, weil

der europäische Gaumen eben ein anderer ist als der eines Kuli; und

dann hat die »Dame« ihren berechtigten (?) Vorwurf bei der Hand,

dass der Patient trotz Monate langer Behandlung nicht gesund werden

konnte, weil er sich nicht an ihre Vorschrift der Diät gehalten habe.

Ich war im Jahre 189.. zum Mittagmahl beim Sanitätschef in Batavia

eingeladen, welcher an Spruw (Aphthae tropicae) litt. Auch er stand

unter Behandlung einer solchen »indischen Dame«. Zum Getränk hatte

er auf dem Tisch Reiswasser und zur Nahrung seit Wochen und Monaten

Nassi tim, d. h. in Reis ohne Gewürze und ohne Fett gekochtes und

eingedampftes Huhn und Deng-deng, d. h. getrocknetes Fleisch. Wer

kann eine solche Nahrung für die Dauer aushalten!? Die Patienten

sündigen also immer, und auch mein Gastherr pries die Zweckmässigkeit

der »indischen« Diät und versicherte mir, dass er gewiss schon längst

geheilt wäre; »aber das Fleisch ist schwach,« fügte er lächelnd hinzu.

Leider hat die Diätregelung des Dr. Gelpke ihren Weg nach Indien nicht

gefunden; sie hat nämlich Rechnung getragen mit den verwöhnten Gaumen

der Europäer und war ebenso viel, wenn nicht mehr zweckmässig, als die

der »indischen Damen«, und brachte genug Abwechslung in das Menu der

Patienten. Die medicamentöse Behandlung dieser Damen ist dieselbe als

die der Dukuns.

Jahrzehnte, oft noch mehr als ein Lebensalter dauert es, bis in Europa

eine neue medicinische Schule in die grosse Menge gedrungen ist, und

ebenso lange dauert es, bis sie wieder der neuesten gewichen ist. (Noch

im Jahre 1875 ersuchte mich in Wien eine Dame um die Venaesection,

welche sie jährlich im Frühling zur Reinigung ihres Blutes vornehmen

liess.) Aber die Dukuns haben gar keine »Schule« angenommen. Durch

Tradition lernen sie die Medicamente in kalte und warme eintheilen; bis

auf einige (den Aerzten abgelauschte) ausgesprochene Krankheitsbilder,

wie Cholera und Blattern, kennen sie keine Diagnostik und sprechen von

kranker Kehle (Diphtheritis), von krankem Bauche (alle Krankheiten der

Verdauungsorgane), oder von einzelnen Symptomen, wie sakit Kentjing bei

Nieren- und Blasenkrankheiten, und wenden jene Medicinen an, welche

bei Tradition für die symptomatische Behandlung bekannt sind. Ich

würde nicht so viele Worte über diese Frauen verlieren, wenn nicht so

viele hunderte und tausende arme Patienten in ihrem blinden Glauben an

diese Heilkünstlerinnen Wochen und Monate lang sich mit ihrem Leiden

herumschleppen würden, anstatt durch eine radicale Behandlung von ihren

schmerzvollen Leiden befreien zu lassen.

21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo. · 第 16 / 26 段