gegangen und hatte dort aus seinen Ersparnissen einen grossen Kahn
gekauft, welcher mit einer Decke aus Atap versehen war. Es war ihm
genug Geld übrig geblieben, um noch einen Vorrath an Salz zu kaufen,
und bunte Glasperlen und billige Leinenwaaren von allen möglichen
Farben bekam er auf Credit. Nebstdem miethete er zwei Bekompeyer,
welchen er einen Theil seines Gewinns versprach, und so zogen sie
stromaufwärts. Viel Lebensmittel brauchte er nicht mitzunehmen; denn
bis Teweh konnte er, wenn auch nur in vereinzelten Kampongs, doch
immerhin oft genug Gelegenheit finden, seinen Reisvorrath zu ergänzen;
in Teweh selbst konnte er von den Soldatenfrauen alle möglichen
Lebensmittel erstehen. Uebrigens brauchte er gar keine Entbehrung zu
leiden. Hier und da standen am Ufer Palmenbäume, von welchen seine
Begleiter die Cocosnüsse holten, welche ihm das Oel für die Nachtlampe
und zum Bereiten einzelner Speisen lieferten. Die Klapper[31] (Kalapa
S) gab ihnen einen erfrischenden Trank; ihre jungen Blattsprossen sind
ein angenehmes Gemüse, besonders wenn sie in Essig eingelegt sind, und
von der Arengpalme werden die unreifen Früchte gebraten gern gegessen.
Der Strom hat übrigens einen solchen Fischreichthum, dass man es sich
kaum vorstellen kann. Er konnte also täglich, ohne einen Kreuzer zu
bezahlen, die herrlichsten Fische, gekocht oder in Klapperöl gebraten,
sich verschaffen. Die Früchte für seinen Nachtisch verschaffte er sich
auch, ohne sie bezahlen zu müssen; das Brandholz zum Kochen seiner
Mahlzeiten holte er sich vom Ufer oder sammelte sich das Treibholz,
welches er auf der Decke des Kahnes trocknen liess; also waren die
täglichen Bedürfnisse ohne Schwierigkeiten gedeckt. Aber gefährlich war
sein Unternehmen, das ihn den Kopf hätte kosten können. Vielleicht war
er Fatalist wie jeder Mohammedaner, und ich möchte sagen, wie jeder
Bewohner der Tropen; vielleicht calculirte er, dass zur Zeit seines
Ausfluges Mangkosari selbst der Kopfjagd entgegentrat, um die Gunst
der Regierung zu erwerben (vide Seite 63), mit einem Worte: Er wagte
es. Oberhalb Teweh passirte er den Lahey, von welchem Fluss ein Weg
nach der Ostküste Borneos führt. Hier, im eigentlichen Gebiete des
Dusson (= Baritu) ulu, mit ungefähr 10000 Menschen, war er ausserhalb
des schützenden Armes der holländischen Regierung; dann (oberhalb des
Stromes Makujong) beginnt das Reich der Fürsten Murong und Siang,
welche erst im Jahre 1879 die Souveränität der holländischen Regierung
anerkannt haben. Hier wird viel Rottang, Guttapercha, Eisenholz und
andere Bauhölzer, von denen 60 Sorten auf Borneo gefunden werden,
gewonnen, Eisen und Goldstaub gefunden (Diamanten kommen mehr im
östlichen Theile vor); von hier werden Wachs, Honig und Schwalbennester
in den Handel gebracht; aber die Industrie ist beinahe Null. Nur
Matten, Djukungs (Canoës), Pfeile und Pfeilgift werden hier erzeugt und
Eisen aus dem Erze geschmolzen. Der Landbau beschränkt sich auf die
nothwendigste Menge des Reis und Pflege der Obstbäume, und im übrigen
werden hier -- Feste gefeiert.
So wenig die Industrie wegen ihrer geringen Entwicklung auf die
Wohlfahrt des Landes Einfluss nimmt, so sehr verdient mit einigen
Worten von ihrer Eisen-Industrie gesprochen zu werden, weil die Dajaker
mit den primitivsten Mitteln Eisen und Stahl gewinnen, welches dem
besten Material von Europa nicht nur gleichkommt, sondern es sogar
übertrifft.
Auf meiner Fahrt nach Surabaya zeigte mir der Schiffscapitän eine
sogenannte »Negaraklinge« (Negara ist ein Nebenfluss des Baritu,
welcher sich ins linke Ufer gegenüber Marabahan in diesen Strom
ergiesst), und schlug mit ihr in einen gusseisernen Pfeiler des
Schiffes eine Scharte, welche vielleicht einen Centimeter tief war!
Schon der Schmelzofen ist so einfach als möglich; er besteht aus 1
Meter hohem Lehmcylinder, dessen Wände ungefähr 10 Centimeter dick sind
und 20 cm über dem Boden zwei Oeffnungen haben, eine für das Rohr des
Blasbalges, die andere für den Abfluss der Schlacke, der innere Raum
ist jedoch nicht cylinder-, sondern pyramidenförmig, mit einer Basis,
welche ungefähr um 100 ☐cm kleiner ist als die obere Oeffnung. Beim
Füllen des Ofens wird pulverisirte Holzkohle auf den Boden gestreut mit
einer Grube in der Mitte zur Aufnahme des flüssiggewordenen Eisens; die
Röhre des Blasrohres muss bis zur Mitte der Grube reichen. Darauf wird
Holzkohle geworfen und auf diese das Eisenerz gelegt, welches vorher im
Holzfeuer geröstet und in kleine Stücke zerschlagen wurde. Die Kohle
wird hierauf angezündet und die Ausflussöffnung des Ofens geschlossen.
Der Blasbalg wird in Bewegung gesetzt (mit 40-50 Schlägen in der
Minute), hin und wieder wird die Ausflussöffnung geöffnet, um die
Schlacke herauszuholen, ungefähr nach jeder Stunde wird neues Erz mit
Kohle gemengt in den Ofen geworfen und dieses bis gegen Sonnenuntergang
fortgesetzt. Der Feierabend tritt nicht früher ein, als bis das
geschmolzene Eisen mit grossen Zangen aus dem Ofen herausgenommen,
auf dem Boden, welcher mit fein gestampfter Schlacke bedeckt ist, mit
hölzernem Hammer zu einem Würfel (von ungefähr 30 Kilo) bearbeitet,
in 10 Stücken vertheilt und so lange gehämmert und von der Schlacke
befreit wird, bis es dem Waffenschmied geliefert werden kann.
Ueber die Gewinnung des Goldes kann ich aus eigener Erfahrung und
Beobachtung nichts mittheilen; ebenso von der der Diamanten; nach den
Mittheilungen Perelaers soll jedoch der Reichthum an Gold[32] auf
dieser Insel sehr gross sein.
In dem Gebiete der Fürsten von Siang und Murong hatte mein ehemaliger
Bedienter das Quellengebiet des Baritu erreicht. Steile Ufer,
starke Krümmungen, Sandbänke, in das Flussbett hineinragende Felsen
charakterisiren den Oberlauf des Baritu, und an den Flüssen Topo und
Lamiung legte unser kühner Jünger Mercurs seinen Kahn an, um den
Tauschhandel anzufangen.
Aber erst im Quellengebiete dieser kleinen Flüsse erreichte er die
Heimath der Olo-Ott. Es gelang ihm jedoch niemals, diese primitiven
Menschen zu Gesicht zu bekommen, weil sie jede Berührung mit der
Aussenwelt scheuen. Bei seiner Ankunft brachte er die Waaren ans Ufer
und schlug mit einem Stück Holz auf einen in der Nähe stehenden Baum.
Dann zog er sich in seinen Kahn zurück, um zu übernachten. Jedesmal
unterdrückte er seine Neugierde, diese Buschmenschen zu Gesicht zu
bekommen; ein vergifteter Pfeil hätte sicher seine Neugierde bestraft.
Den andern Morgen ging er ans Ufer und sah Näpfe mit Goldstaub neben
seiner Waare stehen. War er damit zufrieden, so nahm er das Gold und
zog sich zurück, ohne sich zu kümmern, wann und wer seine Waaren
wegholen würde.
Mit diesem Ertrage begnügte er sich jedoch nicht, sondern am
untern Lauf dieser zwei Nebenflüsse sah er Dajaker, welche einer
grösseren Stabilität sich erfreuen, weil der Boden in dieser Gegend
aussergewöhnlich fett ist; oft wird 5-6 Jahre hintereinander auf
demselben Felde der Reis gepflanzt, um jedesmal dieselbe ergiebige
Ernte zu bekommen. Ich hatte oft Gelegenheit in dem Urwalde, die Dicke
der Humusschicht zu bewundern. Seit Jahrhunderten waren Gesträuche
hier in Fäulniss übergegangen und hatten mit der Erde eine dicke fette
Humusschicht gebildet.
Hier kaufte er für den erhaltenen Goldstaub Rottang, Eisenholz und
Guttapercha. Der Rottang ist eine Schlingpflanze mit einer Epidermis,
reichlich mit Stacheln versehen; in dem Urwalde ziehen sie kreuz und
quer, und ein Vordringen ist absolut unmöglich, wenn man sich nicht
mit der Hacke in der Hand einen Weg bahnt. Ich habe Rottang von 30-40
Meter Länge und faustdick gesehen. Abgeschnitten werden sie umgebogen
ins Wasser gelegt, wo die Epidermis aufweicht und durch Dreschen
darnach von dem »spanischen Röhrel« abfällt. Aus den gefällten Bäumen,
welche unser Handelsmann am Ufer des Dusson-Ulu mit dem Staubgolde
bezahlt hatte, wurde ein Floss gebaut, darauf Rottang, Damar und
Eisenholz geladen und die Reise nach Bandjermasing damit angetreten.
Zur Bequemlichkeit wird von manchen solchen Jüngern Mercurs auf dem
Flosse eine Hütte gemacht; ich selbst fuhr einmal mit einem solchen
Flosse von Lahey bis Teweh; in der Hütte befand sich ein Bett mit
Mosquito-Netz und daneben einige dapur, das sind aus Lehm gebrannte
Formen zur Aufnahme von Kohlen und Holz, auf welchen in Töpfen und
Pfannen gekocht wird. Es ist die angenehmste Weise zu reisen, weil
man überhaupt gar keine Bewegung fühlt. Das Floss wird mit dem Strome
fortgerissen und nur durch ein oder mehrere Steuerruder in der Mitte
des Stromes erhalten. Das Floss, mit dem ich gefahren bin, war sehr
breit und hatte also drei Steuerruder, mit welchen drei Männer nur mit
grosser Anstrengung das Floss dirigiren konnten, um nicht gegen eine
der zahlreichen Windungen des Ufers anzufahren und zerschellt zu werden.
Mit diesem Floss fuhr er also ungefähr zwei Wochen lang, und in
Bandjermasing verkaufte er es an den malayischen Händler, welcher
ihm die Leinwaaren creditirt hatte. Mit dem Guttapercha hatte er das
beste Geschäft gemacht, weil es wenig mit Sand und Schmutz gemischt
war. Leider kennen die Dajaker keine andere Art der Gewinnung des
Guttapercha, als den Baum zu fällen; hoffentlich hat die Regierung
schon ihren Einfluss geltend gemacht, sie von diesem Raubsystem
abzubringen. Einschnitte in die Rinde der Bäume sind ja hinreichend, um
das darin befindliche Harz abfliessen zu lassen. Die Wunde schliesst
sich und der Baum ist für eine nächste Production erhalten. Die
Bewohner sind ja für Aufklärungen zugänglich.
Eines Tages kam ein Dajaker zu mir mit der Bitte, ihm ein Mittel zu
nennen, das Guttapercha zu lösen; in Singapore werden nämlich drei
Sorten davon gekauft, abhängig nach der Menge der Verunreinigung. Wenn
es ein Mittel gäbe, das Guttapercha zu lösen, würde er nur I. Qualität
dieser Waare verkaufen und somit auch den höchsten Preis erzielen
können. Ich gab es ihm, ohne jedoch weiter zu erfahren, ob sein
Reinigungsverfahren ihm den erhofften Gewinn gebracht hat.
Damals befanden sich nur zwei europäische Geschäfte in Bandjermasing,
welche, wenn ich nicht irre, keinen Export betrieben; einige arabische
Händler und Hadjis[33] kauften die nach Bandjermasing gebrachten
Waldproducte, um sie wieder in Java oder Singapore auf den Markt zu
bringen. Seit dieser Zeit hat zwar auch die »Handelsmaatschappy«
eine Agentschaft dort errichtet; mir ist aber nicht bekannt, welche
Ausbreitung der Exporthandel damit gewonnen hat.
Eine gewisse Lethargie charakterisirte damals den Handel in Indien;
sie ist jedoch in den letzten fünf Jahren einer Unternehmungslust
gewichen, welche hoffentlich nicht wieder erlöschen und die schönsten
Früchte tragen wird. Es wird z. B. in Java und Sumatra so viel
Petroleum gewonnen, dass Japan und China schon seit drei Jahren das
amerikanische und russische Petroleum abzustossen beginnen. Auch
Borneo besitzt sehr viel Erdöl, welches dem unternehmenden Manne viel
Reichthum einbringen kann; denn die kleinste Hütte Javas hat schon
ihre kleine Petroleumlampe; auf allen grossen Wegen Javas sieht man
kleine Markthüttchen, in welchen Petroleum verkauft wird, und unter
den Dajakern ist die Damarlampe noch immer die schwache Lichtquelle,
welche die nächtlichen Feste und Orgien beleuchtet. Vielleicht würde
das helle, starke Licht einer Petroleumlampe auch civilisatorisch die
Sitten und Gebräuche dieser Wilden beeinflussen.
Vor zwei Jahren besprach ein Herr E.. in den indischen Zeitungen
den Plan, von Bandjermasing eine Eisenbahn nach Pontianak bauen
zu wollen.[34] Dieser Plan konnte nur in dem Gehirn eines Mannes
entstehen, welcher auf Borneo niemals gelebt oder höchstens mit
beschleunigter Geschwindigkeit diese Insel durchreist hatte. Amerika
hat sich dieser Phantast offenbar vor Augen gehalten, als er dieses
Project entwarf; nur vergass er einige nicht unbedeutende Unterschiede.
Borneo ist sehr schwach bevölkert; auch Amerika war es in jenen
Theilen, in welchen neue Eisenbahnen die Auswanderer Europas dahin
lockten. Diese Auswanderer sammelten sich jedoch zuerst in den grossen
Städten der Küste an, und von hier zogen diese Pioniere ins Innere des
Landes. Bandjermasing hat aber ohne die Officiere und Beamten keine
zwanzig europäische Familien; und bis diese Stadt einen Ueberschuss an
europäischen Arbeitern und Landbauern bekommen wird, dann erst darf man
an ein solches Unternehmen +denken+. Dieser Ueberschuss muss aber
auch sehr gross sein, um vom »Denken« zur Ausführung überzugehen. Der
Bau der Eisenbahnen in Amerika erfolgte durch die im Lande anwesenden
Arbeitskräfte. In Borneo müssten diese erst importirt werden. Der
östliche Theil ist hinreichend bevölkert, um +vielleicht+ einen
Theil derselben zum Bau der Eisenbahn heranziehen zu können.
Der Import von dem grössten Theil der nothwendigsten Arbeiter
würde Geld, und zwar viel Geld kosten; Kulis wären vielleicht in
hinreichender Menge von Java oder China zu bekommen; aber jetzt kommen
wir zu den technischen Schwierigkeiten -- im Stromgebiete des Dusson
würden die Eisenbahnarbeiter wie Fliegen dem Sumpffieber erliegen. Es
müsste, wenn von Bandjermasing aus die Bahn nach Norden und Westen
ginge, der theuerste und schwierigste Unterbau geschaffen werden, weil
das ganze Stromgebiet junger, weicher Alluvialboden ist; es müsste
also die ganze Eisenbahn weit nach Osten verlegt, zu diesem Zwecke
Bandjermasing verlassen und eine neue Hauptstadt angelegt werden.
Der Herr von E. brachte auch schon ausgearbeitete Skizzen, die ich
leider nicht mehr besitze; aber schon beim ersten Lesen dieses Planes
konnte ich mich eines Ausrufes der Ueberraschung nicht enthalten.
Während drei grosse Ströme von Norden nach Süden ziehen und als eine
natürliche, sehr +billige+ Fahrstrasse die Küste mit dem Herzen
verbinden, sollte eine Eisenbahn gebaut werden, welche hunderte und
hunderte Millionen Gulden und tausende und tausende Menschenleben
kosten sollte!! Ich bezweifle selbst, ob der Herr von E. während seines
Aufenthaltes in Borneo jemals ein steinernes Haus bauen gesehen hat.
Die Pilote gehen in den bodenlosen Grund wie in Butter hinein, und auf
solche Unterlage sollten hunderte, nein! tausende Brücken, Viaducte
u. s. w. gebaut werden! Wenn er wenigstens den Fuss der Gebirge zur
Route seiner Eisenbahn gewählt hätte, wäre er im Bereiche des Möglichen
geblieben; aber kein Mensch der Welt würde einen solchen Umweg machen,
wenn +ein kurzer billiger Wasserweg dasselbe Ziel erreicht+.
(Fig. 8.) Auch muss ich bezweifeln, ob der Herr von E. jemals einen
Westmonsun auf Borneo mitgemacht und gesehen hat, dass in +einem+
Tage alle drei Ströme um 10-15 Meter steigen und im Flachlande
Millionen Hektare Land unter Wasser setzen können!
+Und doch liessen sich die Schätze Borneos leicht und sicher
erschliessen, und zwar selbst ohne bedeutende Kosten.+
Von jenen Factoren, welche die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit
des Gelingens eines solchen Unternehmens bedingen, will ich nur den
einen besprechen, welcher gewissermaassen in den Rahmen dieses Buches
passt. Das ist die vielfach besprochene und ventilirte Frage, ob auch
Landbaucolonien in den Tropen möglich seien.
Vielfach wurde behauptet, dass auf Java die Europäer in dritter
Generation ausstürben, wenn sie sich nicht mit den Eingeborenen
mischen. In dieser Allgemeinheit ausgesprochen, entbehrt diese
Behauptung jeder wissenschaftlichen Basis. Es wurde niemals
ziffermässig nachgewiesen, wie viel europäische Familien gesund, d. h.
zeugungsfähig nach Indien kamen, ihre Kinder wieder gesund und
zeugungsfähig geheirathet hätten u. s. w. Wenn auch thatsächlich keine
einzige Familie auf Borneo z. B. mir bekannt ist, in welcher vom
Urgrossvater herab europäische Familien sich auf Borneo fortgepflanzt
hätten, so beweist dies nicht, dass sie nicht in Indien resp. in
Borneo fortpflanzungsfähig sind, sondern dass, aus welcher Ursache
auch immer, die europäischen Männer nicht immer europäische Frauen
geheirathet haben. Wer die Geschichte der indischen Colonien kennt,
ist davon nicht überrascht. Wie gross war die Anzahl der »anständigen
Frauen«, welche im vorigen Jahrhundert nach Indien gingen, im Anfange
dieses Jahrhunderts oder noch vor 50 Jahren!! Jedes Jahr kaum so viel,
als die Finger der beiden Hände zählen. Also die Männer, welche nach
Indien gingen, konnten nicht mit europäischen Frauen verkehren, weil
es deren nicht gab, und erst seit der Eröffnung des Suezkanals kommt
eine grössere Zahl europäischer Frauen nach Indien, so dass erst nach
30 Jahren eine diesbezügliche Statistik irgend einen wissenschaftlichen
Werth haben kann, weil sie auf eine grosse Reihe von Fällen sich
erstrecken wird.
[Illustration: Fig. 8. Südöstliche Hälfte von Borneo (Maassstab
1 : 8,000,000) nach einer Skizze des Topographischen Bureaus in Batavia.
Legenda.
œ holländisch = u.
z „ = s.
S^{ei} = Soengei = Nebenfluss.
Koeala = Moeara = Mündung.
Tg = Tandjong = Cap.
Poeloe = Insel.
]
Wenn Professor Stokvis auf Grund von theoretischen Erwägungen zu
dem Schlusse kam, dass Europäer in den Tropen auch Landbau-Colonien
errichten können, so kann ich dies, gestützt auf Erfahrungen, nur
bestätigen.
Als ich nach Indien kam, beschäftigte ich mich mit der Temperatur des
gesunden Menschen, weil es mir auffiel, dass die Fieberkranken in
der anfallfreien Zeit besonders niedere Temperatur hatten, und ich
fand, dass der gesunde Europäer niemals 37°, sondern 36·8° erreichte.
Dies waren jedoch nur Erwachsene; später hatte ich auch bei Kindern
Gelegenheit die Temperatur häufig zu messen; diese zeigten eine
durchschnittlich höhere Temperatur. Es zeigte sich immer, dass die hohe
Temperatur der Tropen keinen Einfluss auf die Körpertemperatur der
Menschen hatte, dass dieselbe zwischen denselben Grenzen schwankte,
als in Europa (36·25-37·5° C.), und dass also das Wärmeregulativ hier
wie dort nach denselben Gesetzen arbeite. Warum sollte also die höhere
Lufttemperatur schädlich sein, da der Körper das Vermögen besitzt,
stets eine constante Temperatur zu entwickeln?
Aber das Fieber, die Dysenterie, die Leberkrankheiten, die Cholera
u. s. w. der Tropen? Sind diese kein Hinderniss für die Arbeit auf
dem Felde, im Garten und im Walde? Natürlich sind diese Krankheiten
ein Hemmschuh jeder Arbeit und jeder Unternehmung. Man muss sie eben
verhüten; man muss eben nach den Regeln der Hygiene leben, um sie nicht
zu bekommen.
Prof. Geer hat übrigens in einer statistischen Arbeit nachgewiesen,
dass die holländischen Frauen in Indien länger als in ihrer Heimath
leben; die europäischen Kinder »gedeihen in Indien wie Kohl«; die
starke Transpiration, der Ausdruck der geregelten Wärmeregulation
gegenüber der hohes Aussentemperatur, die bedeutende Arbeitsleistung
der Menschen in ihrem Berufe und ausserhalb ihres Berufes (ist z. B.
eine ganze Nacht zu tanzen keine bedeutende Körperleistung?), welche
ich gesehen habe, sind mir Bürgschaft, dass Landbaucolonien in Indien
möglich sind.
* * * * *
Die Jagd in den Urwäldern Borneos hat einen eigenthümlichen Reiz,
erfordert aber auch gewisse Vorsichtsmaassregeln. Nie gehe man ohne
Führer, ohne Compass und ohne zweckmässige Kleidung auf die Jagd. Die
weissen Waschkleider sind auf der Jagd nicht zu gebrauchen, weil sie
schon in grosser Entfernung und zu früh (auch im dichtesten Walde) die
Aufmerksamkeit des Wildes erregen; besser sind schon die aus grauen,
oder lichtbraunen, oder schwach grünen ähnlichen Stoffen verfertigten.
Immer trage man Gamaschen, welche die Hose gut schliessen; sonst
schlüpfen die kleinen Blutegel in die Hosen, und man bekommt einen
ausgiebigen, unfreiwilligen Aderlass. So lästig auch die Stiefeletten
sein mögen, sind sie doch noch besser als die Halbschuhe, welche
man leicht verliert. Beabsichtigt man jedoch eine Sumpfgegend zu
durchschreiten, sind Stoffschuhe mit Gamaschen vorzuziehen, weil das
Wasser ebenso gut hinaus- als hineinfliessen kann. Kein Tropenhelm mit
Schleier, sondern eine kleine Mütze ohne herabhängenden Lappen für den
Nacken sei die Kopfbedeckung; die schön gestickte Waidmannstasche muss
auch zu Hause bleiben, weil man mit ihr überall hängen bleibt und die
Lebensbedürfnisse doch am besten im Kahne zurücklässt, mit welchem man
auf einem Antassan ins Innere des Landes dringt.
Ohne Führer auf die Jagd zu gehen, ist selbstverständlich gefährlich;
ich selbst habe z. B. in Gesellschaft mit dem einen Lieutenant einen
kleinen Spaziergang hinter dem Fort gemacht, um wieder »einmal einen
Urwald des jungfräulichen Borneos betreten zu haben«. Im Gespräch
vertieft, achteten wir nicht darauf, dass wir, ohne an den Rückweg zu
denken, in den Urwald eingedrungen waren. Es war 4 Uhr Nachmittags,
die Sonne war nicht mehr zu sehen, nur eine grosse, schöne Cicade
erhob sich lautlos von einem Aste, kein Zephyr bewegte die Blätter der
Waldriesen, welche uns umgaben, und vergebens drang unser Auge durch
das dichte Laub, um den Stand der Sonne zu sehen; Lianen kreuzten sich
nach allen Seiten von einem Baum zum andern; Parasiten und Epiphyten
bedeckten die hohen Stämme; unter uns drangen die Füsse in die mit
jungem Laube bedeckte hohe Humusschicht, und nirgends sahen wir eine
Moosschicht auf einem Baume, welche uns den Weg nach Norden zeigen
sollte. Lachenden Mundes, aber nicht mit fröhlichem Sinn, sprachen
wir von den tausend Gefahren, welche uns die nähernde Dämmerung und
Finsterniss bringen sollte: Die Schlangen, welche wir nicht sehen
würden, die rothen Ameisen, welche oft zu hunderten einen Baum bewohnen
und jedes lebende Wesen attaquiren, der Honigbär, die grossen und
schönen Baumwanzen, der wilde Büffel, der Panther, das Rhinoceros,
vielleicht einige eifersüchtige männliche Orang-Utangs, die Blutegel.
Als aber factisch die Dämmerung im Walde eintrat, als die Cicaden ihr
lautes Zirpen ertönen liessen, und aus weiter Ferne der Wau-Wau ein
klagendes Uh--uh ausstiess, als einige grosse Fledermäuse (Kalongs) und
fliegende Hunde ihre Flügel auszubreiten anfingen und selbst einige
grosse Leuchtkäfer auftauchten, da schwand auch von unsern Lippen das
Lächeln und -- endlich fiel es mir ein, einen Baum zu erklettern; ich
fand glücklicher Weise eine dünne Palme, und als ich ungefähr 10 Meter
hoch gekommen war, sah ich durch eine Lücke im Laub die untergehende
Sonne und eine kleine Fläche, von welcher in derselben Richtung ein
Bächlein mit klarem und hellem Wasser in sanftem Laufe floss, und
in dem die scheidenden Sonnenstrahlen sich spiegelten. Mit lautem
Hurrah stieg ich hinab, und bald fanden wir das Gesträuch, welches wir
durchdrungen hatten, und erreichten selbst noch vor Untergang der Sonne
den Saum des Waldes. Jetzt hörten wir auch das Blasen der Trompete,
welches der dritte Officier als Signal geben liess, als wir nicht nach
Hause kamen, und er ganz richtig vorausgesetzt hatte, dass wir uns
verirrt hätten. Als wir den kleinen freien Platz betraten, da stand
ein Dajaker mit gezücktem Mandau vor uns, welcher durch das Geräusch
unseres Ganges aufmerksam gemacht worden war. Der Dajaker ist nicht der
Wilde, der schon, wie die Rothhäute, durch sein Aeusseres imponirt;
dünne Lippen, eine schwach eingedrückte Nase, wenig hervorstehende
Backenknochen, bartloses Gesicht imponiren uns sehr wenig; in seiner
mangelhaften Toilette, nur mit dem Djawat bekleidet, tritt sein Schmutz
besonders durch die Schuppenkrankheit, zu der sich oft genug Geschwüre
paaren, ekelerregend in seiner ganzen Totalität vor unsere Augen.
Der Druck der malayischen Fürsten nahm ihnen alle Männerwürde und
Selbstvertrauen; ihr Gang ist also mehr schleichend als kräftig, und
nur wenige tragen ihren Kopf aufrecht.
Wir waren ohne Waffen und hatten nur unsere Stöcke bei uns. Entweder
hatte auch er das Signal gehört und glaubte, dass auch die Truppen in
nächster Nähe wären, oder sei es, dass er gar nicht glauben konnte,
dass wir ohne Revolver uns in den Urwald wagten, oder sei es, dass
wir unvermuthet vor ihm standen, so dass er keine Zeit und Gelegenheit
hatte, im Hinterhalt auf uns zu lauern, genug an dem, wir gingen
stolzen Hauptes, ohne auch nur mit einer Miene das Bewusstsein unserer
Wehrlosigkeit zu verrathen, unbelästigt an ihm vorbei, und ich brauche
mit keinem Wort das selige Gefühl zu schildern, mit welchem wir der
Richtung des Trompetenschalles folgten, und schon nach Sonnenuntergang
das Fort erreichten.