Also, im Gebirge kann schwer von einem Tropenklima gesprochen werden.

(Auf dem Gipfel des Sumbing wurden 5° C. und des Morgens selbst Reif

beobachtet.) Auch die Flora verliert im Gebirge ihren tropischen

Charakter; Erdäpfel, Kohl, Zwiebeln, javanische Eiche (von denen schon

Friedmann 27 Arten kannte), Lorbeerbaum, Sassafras u. s. w. nehmen den

Bergen Javas den tropischen Charakter; von den Farrenkräutern kann

dasselbe nicht gesagt werden, weil sie ungeheuer gross werden. Ich

hatte in Magelang (Mittel-Java) einen »Farrenbaum«, dessen Stengel

mehr als zwei Faust dick war und dessen Blätter eine Laube waren,

unter welcher man bequem sitzen konnte. Noch will ich aus dieser

Höhenregion den Tjemorobaum (Casuariana Junghuniana) erwähnen, weil

er, wie die europäische Trauerweide, die passendste Zierpflanze eines

Kirchhofes ist. Wenn ich ihn auch nicht, wie andere Schreiber erzählen,

bis zu einer Höhe von 30 Metern sah, so fesselte er jedesmal meine

Aufmerksamkeit, wenn ich vor einem solchen Baume stand. Seine langen,

schlaff herunter hängenden Nadeln, sein schlanker gerader Baum geben

ihm einen düsteren Anblick, und wenn der Wind durch die feinen, rauhen,

nadelförmigen Zweige streicht, stimmt er uns ebenso viel wie sein

Anblick zum Ernst und zur Trauer.

Wenn also bei so veränderter Welt der Fauna und Flora auch die

Temperatur, die Regenmenge, der Feuchtigkeitsgehalt der Luft und des

Bodens, die Verunreinigung der Luft durch Staub, Kalkpartikelchen

und Miasmen sich so ändern, dass von einem Tropenklima nicht mehr

gesprochen werden darf, so ergiebt sich daraus die Nothwendigkeit,

übereinstimmend mit dieser neuen Welt auch sein tägliches Leben

einzurichten. Ich sah nicht nur in Magelang, welches 384 Meter über

dem Meeresspiegel liegt, sondern auch höher im Gebirge (z. B. 1000

Meter), die Eingeborenen keine anderen Kleider gebrauchen, als in

Batavia. Sie zogen einfach ihren Sarong über die Brust und legten sich

ohne andere Kleidung oder Bettdecke in ihre luftigen Bambushütten

auf die Baleh-Baleh schlafen. Aber wir Europäer können, noch mögen

dieses thun; unser Organismus ist feiner; er reagirt sofort auf solche

schädlichen Einflüsse; wir werden krank. Es ist gewiss anzuempfehlen,

dass Malariapatienten sich ins Gebirge flüchten, entweder um in der

Reconvalescenz schneller zu Kräften zu kommen und sich zu erholen,

oder um von den Fieberanfällen befreit zu werden. Wie oft geschieht

es jedoch, dass diese Patienten im Gebirge erschöpfende Diarrhoen

bekommen und zurück nach dem warmen Küstenklima verlangen; ich selbst

sah in Sindanglaya und Salatiga die Patienten in derselben luftigen

Kleidung in der Galerie sitzen oder ins Bad gehen, welche sie in

Batavia oder Surabaya trugen, und dabei mit Wollust von der »entzückend

herrlichen frischen Luft« dieses Ortes sprechen. Ich selbst konnte in

diese Hymne einstimmen, aber trug unter der Nachthose eine Unterhose

und zog Strümpfe an. Auch ich genoss von dieser »herrlichen frischen

Luft«, dass ich um 11 Uhr einen Spaziergang machen konnte, dass die

Transpiration auf ein Minimum reducirt war und dass der rothe Hund

mich nicht quälte. Der Appetit wurde besser, man ermüdet nicht so

schnell, die Respiration ist freier, man schläft besser, der Gang wird

elastischer, man urinirt mehr, mit einem Worte: Die Lebensenergie

ist erhöht, und die Lebenslust ist grösser. Wir werden im dritten

Theile sehen, dass darum oder wenigstens theilweise aus dieser

Ursache die Regierung im Gebirge (zu Malang, Magelang und Tjimahi)

die Depots der Truppen verlegte, aber den grossen Fehler beging, den

Unterschied zwischen europäischen und eingeborenen Recruten nicht zu

berücksichtigen, was die Acclimatisation derselben betrifft.

Warum ich niemals bis jetzt Ziffern aus der indischen Statistik und

nur aus dem militärischen Leben anrührte und es auch weiterhin nicht

thun werde, bedarf einiger Worte der Erklärung, wenn nicht auch der

Entschuldigung. Sie haben eben gar keinen wissenschaftlichen Werth. In

erster Reihe stammen nämlich alle statistischen Mittheilungen aus der

Feder eingeborener Schreiber, welche keine Ahnung von der Bedeutung und

dem Werth einer statistischen Wissenschaft haben; das kann bei einem

europäischen Schreiber auch der Fall sein; aber der eingeborene Beamte

vermisst jeden sittlichen Ernst, um seiner Aufgabe gerecht zu werden.

Ein Vaccinateur brachte mir die Impfungsergebnisse seines Bezirkes,

worin 95% der Picqure sich zu guten Pusteln entwickelt hatten; ich

äusserte meine Ueberraschung über diesen günstigen Erfolg; »Pigimana

sukah, tuwan Doctor.« Wie es dem Herrn Doctor beliebt, bekam ich zur

Antwort. Ich begriff diese Antwort damals nicht und legte die Tabellen

auf den Tisch; drei Tage später bekam ich eine »verbesserte Ausgabe«

von 25% gelungenen Einimpfungen!! Wenn nicht jede Frage über die

Verhältnisse u. s. w. eines Bezirkes an einen Beamten ganz neutral

gestellt wird, so wird er immer jene Antwort geben, welche er glaubt,

dass der höhere Beamte zu erhalten wünscht.

* * * * *

Die Holländer in Indien und in Europa zeigen vielseitige Unterschiede;

die Verhältnisse bestimmen den Menschen, und so beeinflussen die

indischen Zustände auch den +Charakter+ der Holländer. Wie weit

das +Klima+ darauf Einfluss nimmt, will ich nicht untersuchen,

weil es meine Kräfte überschreitet, und weil man so leicht in den

Fehler verfällt, post hoc, also propter hoc zu urtheilen.

Der blonde Teint der Europäer färbt sich leicht nach längerem

Aufenthalt in den Tropen, während bald die gesunde rothe Hautfarbe

einer blassen anämischen weicht. Untersuchungen aus letzter Zeit

bewegen sich auf dem Unterschied, ob Blutarmuth, oder nur Mangel

an Blutfarbstoff, oder nur ein krankhafter Zustand der peripheren

Capillaren die Ursache dieser blassen Hautfarbe sei. Hier muss ich

sofort beifügen, dass die Behauptung, die braune Rasse könne nicht

erröthen, unrichtig ist, und dass ich Gelegenheit hatte, malayische

Frauen aus psychischen Ursachen »roth« werden zu sehen. Es war nicht

die starke Röthe des Zornes (bei einer blonden Frau), auch nicht das

zarte Erröthen einer schamhaften Jungfrau Albions. Es war ein viel

feineres zartes Roth, das sich über das Gesicht, und selbst den Hals,

ergoss.

Den Einfluss des Tropenklimas auf das Herz zu studiren, hatte ich keine

Gelegenheit, obschon ich drei Jahre in der Superarbitrirungs-Commission

sass und alle Soldaten, welche vor ihr erschienen, untersuchte. Denn

mir fehlte der Befund des Herzens +vor+ ihrer Erkrankung und vor

ihrer Abreise nach Indien. Die so oft behauptete grössere Venosität

des Blutes konnte ich direct nicht nachweisen, weil mir die Mittel

zur Untersuchung fehlten; aber sie besteht wahrscheinlich in hohem

Grade; denn die passiv-congestiven Zustände aller Bauchorgane sind

thatsächlich eine häufige Erscheinung.

Die Grösse des Herzens nimmt einen Einfluss auf das Temperament und

den Charakter des Menschen; die Biologie liegt auf diesem Gebiete noch

brach; aber ich wage mich auf dieses Terrain, weil ich den Unterschied

in der Psyche der Europäer in Indien und in Holland auf den Einfluss

der gesteigerten Herzthätigkeit zurückführe, welche wiederum die

Ursache eines gesteigerten Nervenlebens ist.

Viele sind in Indien nervös, sie sind gejagt, Präcordialangst macht

sie scheinbar zu Pessimisten, die gestörte Darmfunction macht sie zum

Hypochonder (durch Autoinfection?). Eine Musik von mittelmässiger Kunst

regt sie auf; unerwartete Ereignisse treiben ihnen die Thränen ins

Auge, geringe körperliche Anstrengung verschnellt ihnen den Puls und

lässt sie eine Ermüdung fühlen, welche factisch nicht vorhanden ist;

viele ergeben sich mit einem gewissen Fatalismus einer Trägheit, welche

sie beschönigen wollen; sie unterwerfen sich bereitwillig dem monotonen

Tropenleben als unvermeidliche Folge der grossen Wärme so lange --

+als es ihnen gefällt+. Aber ein Tanzabend lässt Alt und Jung die

ganze Nacht Terpsichore huldigen, die Abreise eines Bataillons Soldaten

lässt dieselben Menschen einen Marsch von einer Stunde machen, um dann

noch 2-3 Stunden lang unter den Strahlen der glühenden Tropensonne auf

dem Einschiffsplatz zu stehen; eine bevorstehende Prüfung lässt sie

Tage, Wochen und Monate lang neben ihrer Berufsarbeit viele Stunden

täglich studiren,[28] und Stunden lang sah ich die zartesten Damen auf

die Ankunft des Königs von Siam warten, ohne deswegen denselben Abend

den Festlichkeiten zu Ehren dieses Gastes aus dem Wege zu gehen.

Ist der Holländer an und für sich ceremonieller als z. B. der

Süddeutsche, noch mehr ist er es in Indien, wo bis vor wenigen Jahren

gar kein Mittelstand existirte; da jeder Europäer damals zu der

bevorzugten Rasse der »Wolanda« gehörte, fühlte sich ein Jeder als

ein »tuwan«, als ein Herr und nahm die Gewohnheiten und Gebräuche

der Beamten- und Officierswelt an, deren Kreise ihm häufig in patria

verschlossen waren. Dies hat sich, wie schon erwähnt, seit einigen

Jahren verändert. Der kleine Kaufmann, der Schuhmacher und Schneider

»empfangen« nicht und gehen auch nicht mehr zu den Empfangsabenden

der Officiere und Beamten. Dieses »Formelle« im äusseren Auftreten

war jedoch von einer Freiheit in der Sprache begleitet, welche

an das »Unsittliche« grenzte. Auch dieses hat sich geändert und

gebessert; wenn auch in den besten Kreisen anstandslos von Darm- und

Uteruskrankheiten gesprochen wird, die ewigen Witze über das sexuelle

Leben beschränken sich, wenigstens in den besseren Kreisen, gegenwärtig

auf die jungen Männer.

Diese Ungenirtheit in der Conversation ist +eine+ der Ursachen

gewesen, dass die Holländer in patria ihre Landsleute »aus dem Osten«

für Menschen niederer Kategorie betrachteten. Von dem Spiessbürger, der

mit Geringschätzung von der »Indischen« spricht, welche »fingerdick«

den Staub auf den Möbeln liegen lassen solle, oder dem Arbeiter,

welcher in »dem colonial« per se einen Säufer oder ein verkommenes

Individuum sieht, bis zu dem Arzt, welcher seinen Collegen »aus Indien«

kaum jemals ebenbürtig oder gleichwerth anerkannt hat, weil er in »de

Oost« nur für die Reichsthaler lebe, in allen Kreisen zeigte sich diese

Geringschätzung der »indischen« Menschen.

Das Geschlechtsleben ist von Seite der Männer erhöht und von der der

Frauenwelt nicht geringer als in der Zone des gemässigten Klimas.

Zunächst ist es nicht wahr, dass per se jede europäische Dame an

Fluor albus leide. Eine halbeuropäische Dame behauptete sogar, dass

»indische« Damen niemals an Fluor albus leiden, es sei, dass er

verdächtigen Ursprunges sei. Noch vor dem Erscheinen des Buches »Die

Frauen in Java« von Dr. C. H. Stratz drängte sich mir die Erfahrung

auf, dass auch in Indien bei den europäischen Frauen der Fluor

albus ebenso häufig vorkommt als in Europa, und dass der Verdacht

Noggerath’s, in solchen Fällen die Quelle desselben bei der nicht

ausgeheilten chronischen Blennorrhoe der Männer zu suchen sei, auch

in Indien raison d’être habe. Aber auch Dr. Stratz, welcher ein

grösseres gynäkologisches Material unter den Händen hatte, hat unter

den europäischen Damen seiner Praxis, welche also krank waren, nur 50%

der Fälle an einem Fluor albus leidende gesehen. Da viele europäische

Frauen, welche in +Indien+ geboren sind, und da die sogenannten

halbeuropäischen Frauen oft Tage, Wochen und manchmal Monate lang kein

Mieder anziehen und unter der Kabaya nur ein Unterleibchen (Kutang)

tragen und blossfüssig, oder wenigstens ohne Strümpfe sich bewegen,

wird weder die Blutcirculation in den Füssen gestört, noch werden die

Brustorgane zusammen- und die Bauchorgane nach unten gedrückt, und die

Prolapsi uteri sind bei diesen Damen ebenso als bei den eingeborenen

Frauen aves rari. (Auch auf die Haltung des Körpers nehmen die

indischen Toiletten einen sichtbaren Einfluss; die Füsse sind ideale

Füsse; ein so schöner Fuss, wie ich ihn bei manchen eingeborenen

oder halbeuropäischen Frauen sah, kommt sehr selten in Europa vor.

Die halbeuropäischen Damen haben eine aufrechte Körperhaltung mit

hervorstehendem Bauche, und die Arme schlingern, mit nach vorn

gehaltenen Händen, wie ein Pendel hin und her.)

Die Menstruation beginnt bei den Mädchen, welche in Indien geboren

sind, sehr früh, nach van der Burg in einem Alter von

in Indien in Niederland

10-14 Jahren 53·63%!! 20·88%

15-18 „ 13·15% 54·77%

19 und darüber 2·97% 21·34%.

Die Periodicität unterliegt grösseren Schwankungen als in Europa, weil

z. B. oft schon nach 21-22 Tagen die Menses zurückkehren, und ebenso

ist die Intensität eine stark abwechselnde; grosse Blutverluste,

welche selbst für Abortus gehalten werden, wechseln mit jenen Fällen

ab, in welchen kaum einiges Blut in den gebrauchten Tüchern gesehen

wird. Diese dürfen nicht, wie in Europa die »Gesundheitslappen«,

mit Holzwolle oder Aehnlichem gefüllt sein, oder aus dickem Stoff

bestehen, weil durch das starke Transpiriren eine Maceration der Haut

stattfindet und einen Pruritus vulvae erregt. Der Einfluss des Klimas

auf die Libido bei den Frauen ist nur schwer nachzuweisen, und wird

auch in Europa nur nach der persönlichen Erfahrung der einzelnen

Gynäkologen beurtheilt. Es lässt sich aber nicht leugnen, dass die

geschlechtliche Erziehung der Mädchen in Indien mit viel grösseren

Schwierigkeiten zu kämpfen hat als in Europa. Der intensive Verkehr

mit den eingeborenen Bedienten macht die Mädchen »früh reif« und

eröffnet ihnen die Perspective des geschlechtlichen Lebens in einem

frühen Alter und füllt einen grossen Theil ihres Denkens und Fühlens

mit den Genüssen der Liebe aus, während selbst zahlreiche Fälle bekannt

sind, dass die männlichen Bedienten, wenn auch keinen »Gebrauch« von

der Unerfahrenheit dieser jungen Mädchen machen, doch mit Worten und

Geberden ihre Sinneslust reizen. Wenn in Europa so etwas geschieht, ist

sich der Bediente seiner Schuld bewusst, und es geschieht darum nur

ausnahmsweise; der javanische oder malayische Bediente jedoch, oder die

Zofe oder Köchin dieser Nation sieht darin nur ein +unschuldiges+

Wortspiel u. s. w., weil seine Töchter von dem Tage der Beschneidung an

in alle Geheimnisse der Ehe und Liebe eingeweiht werden und immer an

den Gesprächen der alten Frauen theilnehmen können. Wenn also die in

Indien geborenen Frauen sinnlicher sind als jene, deren Wiege in Europa

stand, so muss es erst bewiesen werden, ob das Klima oder die Erziehung

daran schuld ist. Soweit +meine+ Erfahrung reicht, möchte ich den

grösseren Factor in der Erziehung suchen.

Was die Fruchtbarkeit der europäischen Frauen angeht, dafür kann ich

keine Belege bringen. Unrichtig ist jedoch die Behauptung von Dr. van

der Burg, dass sie sich in extremen Grenzen bewege, d. h. dass sie

entweder steril sind oder sich eines grossen Kindersegens erfreuen

(Seite 295).[29] Was »die Neigung zu Abortus« betrifft, so hat dieses

auch andere Ursachen, als das Klima.

Auch bei den Männern wird die Geschlechtslust frühzeitig erweckt

und genährt; der Säugling, welcher unruhig ist wird von der »babu«

masturbiert, um ihn einschlafen zu lassen. Sobald der Knabe sprechen

kann, wird er (in zahlreichen Fällen) erst in malayischer Sprache sich

ausdrücken; er bleibt unter dem Zwange der Verhältnisse den grössten

Theil des Tages in der Gesellschaft der Bedienten, deren beschränkter

Ideenkreis nur zwei Themata kennt: das Spiel und die Liebe. Geht der

Knabe in die Schule, so eröffnet sich ihm eine neue Welt von Gedanken

und Ideen; aber die Welt der Sinneslust wird so früh ihm erschlossen,

dass die weitere Erziehung die Sinnlichkeit mildern, aber nicht

unterdrücken kann; ob die Onanie häufiger vorkomme als in Europa, will

ich bezweifeln, weil dies beinahe unmöglich ist; aber die Gelegenheit

zum Coitus ist den jungen Knaben so viel gegeben, dass ich annehmen

muss, dass der Onanie in Indien viel früher und viel häufiger eine

Grenze gesetzt wird als in Europa.

Thatsache ist es, dass oft halberwachsene Knaben schon den Genuss der

freien Liebe kennen, und dass ich, wie manche andere Aerzte, Schüler

der Realschule wegen Gonorrhoe zur Behandlung bekam. Von dem Scrotum

wird behauptet, dass es in der Regel schlaff herabhänge; aber ich

glaube, dass die Altersunterschiede hier wie dort ihren Einfluss

nicht verleugnen; das Smegma des Präputialsackes zersetzt sich sehr

leicht, und thatsächlich sind die Balanitiden sehr häufig bei den

Männern, welche sich nicht gewöhnt haben, den Präputialsack täglich zu

reinigen. (Ich habe selbst einen alten Beamten gekannt, welcher einen

ringförmigen Stein im Präputium hatte und von der operativen Entfernung

desselben nichts wissen wollte.) Ob die Geschlechtslust bei den Männern

viel höher sei als in Europa, trotz der »erschlaffenden Wärme«, möchte

ich kaum bezweifeln. Peccatur intra et extra muros Trojae, in Indien

aber ist die Gelegenheit zu sündigen gross, und nur zu oft hört man

von den indischen verheiratheten Don Juans, dass alle Tage Beefsteak

zu essen langweilig sei, und dass der Mensch gern Veränderungen habe;

und dennoch muss ich behaupten, dass unter den ernsten Männern meiner

Bekanntschaft die eheliche Treue ebenso hoch gehalten wurde als ceteris

paribus dieses in Europa der Fall ist.

Beiden Geschlechtern ist eine grosse Gewandtheit des Körpers eigen;

ob sie »rein« europäisches Blut in sich haben, oder von gemengter

Abstammung sind, in beiden Fällen sind die Kinder körperlich besser

entwickelt als in Europa. Während meines langen Aufenthaltes habe ich

ja nur +eine+ Eingeborene gesehen, welche einen +Buckel+

hatte; unter den europäischen Kindern habe ich kein einziges

missgeformtes gesehen, und nur sehr selten sah ich ausgesprochene

Skrophulosis. Von Rhachitis habe +ich+ keinen Fall gesehen. Wer

gewisse Krankheiten sucht, der findet sie natürlich. So hatte ein

dänischer Arzt mit aller Bestimmtheit in einem Falle von Rhachitismus

gesprochen, weil ein mageres Kind stark entwickelte Epiphysen der

Rippen hatte, während ich darin nur ein Kind mit schwach entwickeltem

Fettpolster sehen konnte. Die wichtigsten Factoren zur Entstehung

von der englischen Krankheit fehlen ja in Indien: schlechte

Volksnahrung und das Zusammenleben in engen, schlecht ventilirten

Räumen. Im Gegentheil. Die Kinder leben das ganze Jahr in der freien

Luft, und ihre Hauptnahrung ist der Reis. Auch ihre Kleidung ist

eine zweckentsprechende und befördert in jeder Hinsicht die freie

Entwicklung des Körpers. Die Knaben und Mädchen tragen nämlich ein

weisses Gewand, welches, ich möchte sagen, ein Hemd mit Hosenröhre

ist; werden die Mädchen grösser, bekommen sie darüber noch ein Hemd;

im Hause gehen sie natürlich blossfüssig oder mit Pantoffeln herum,

und nur bei besonderer Gelegenheit ziehen sie Schuhe, Strümpfe und

einen Hut an. Die Kinder eignen sich dadurch eine solche körperliche

Gewandtheit an, dass der Einfluss auf den Charakter sich geltend macht.

Abgesehen davon, dass z. B. selbst Mädchen aus dem niedrigsten Stande

eine gewisse Freiheit und Eleganz in der Bewegung zeigen, wie sie ihre

Altersgenossen in Europa nicht kennen, so ist ihr Selbstvertrauen

ein grosses und auch berechtigtes; führt ein solches Mädchen der

Zufall in die höchsten Kreise, ist sie nicht verlegen in ihrem

Gespräche und nicht in ihren Bewegungen; beim Tanze zeigt sie sich

so graziös, als jede Dame aus den höchsten Kreisen es nur wünschen

kann, und der Fächer ist in ihren kleinen, wohlgepflegten, zierlichen

Händen eine ebenso gefährliche Waffe als in den einer Salondame. Das

rabenschwarze, dichte, lange Haar einer Nonna (halbeuropäische Dame),

die dunkelbraunen, grossen Augen mit der lichtblauen Sclera, die

schneeweissen, regelmässigen Zähne, die wohlgeformte Büste, die breiten

Hüften, der kokette, sanft sich schmiegende Gang, die zierlichen,

kleinen Füsse und die wohlgepflegten Hände und Nägel, die eleganten

Pantoffeln, der eng umschliessende Sarong, welcher deutlich die Formen

der stark entwickelten Hüften zeigt, und die mit Spitzen besetzte

Kabaya, welche nur theilweise den schön geformten Busen bedeckt, sieh

da -- eine indische Venus.

Der indische Don Juan[30] verwendet auch sehr viel Sorgfalt auf seine

Toilette und noch mehr Geld. In Batavia z. B. wird er bei dem ersten

europäischen Schneider seine weisse Hose und Rock machen lassen, weil

dessen Schnitt elegant ist; er bezahlt zwar drei- bis viermal soviel

als beim chinesischen oder eingeborenen Schneider; aber es ist wahr,

er ist elegant in seiner weissen Kleidung, Lackschuhen und grossen

Manschetten. Sein rabenschwarzes Haar, seine dunkeln Augen stehen im

angenehmen Contrast zur Weisse seiner Zähne und seiner Toilette. Der

Sinjo, so nennt man nämlich den halbeuropäischen Mann, wird auch immer

mit mehr Erfolg bei den Nonnas flirten als der europäische Freier.

8. Capitel.

Urbewohner von Borneo -- Eisengewinnung bei den Dajakern -- Eisenbahn

auf Borneo -- Landbaucolonien -- Jagd in Borneo -- Im Urwalde verirrt

-- Wilde Büffel -- Medicin auf Borneo -- Aetiologie bei den Dajakern

-- Taufe bei den Dajakern -- Dukun -- Doctor djawa.

Ueber die Urbewohner Borneos, welche auf der niedrigsten Stufe der

menschlichen Civilisation stehen, den Olo-Ott (D), wissen nur wenige

Europäer aus Autopsie etwas Positives mitzutheilen. Der Reisende Dr.

Bock nennt sie Orang (M) Punang, während Dr. Karl Schwaner, welcher

in den Jahren 1843-1847 das Innere Borneos durchkreuzt hatte, auch

von den Olo-Ott spricht, welcher Name mir während meines Aufenthaltes

in Teweh viel geläufiger war als der des Dr. Bock. Die Berichte der

Frau Ida Pfeifer können kaum jemals in Betracht gezogen werden, weil

sie nicht nur, wie die meisten Reisenden, nur das Ziel kannte, in

möglichst kurzer Zeit die möglichst grosse Strecke zu durcheilen,

sondern auch, weil sie in der kurzen Zeit ihres Aufenthaltes im Norden

Borneos nur einen malayischen Bedienten als Dolmetsch hatte, welcher

ein wenig englisch sprach und von keinem der dajakschen Dialekte kaum

den Namen kannte. Hin und wieder mag ein »gebildeter« Dajaker einige

Worte der malayischen Sprache verstanden haben; ob aber durch solchen

Dolmetsch über Religion, Erbrecht, Tradition, Geschichte und Sagen

etwas Verlässliches mitgetheilt werden kann, muss unbedingt bezweifelt

werden. Auch meine Quelle über das Leben und Treiben der Olo-Ott ist

nicht die reinste. Wenn der Fürst von Siang mir gegenüber die Sprache

dieser Waldmenschen mit dem Grunzen eines Schweines vergleicht, so

tritt schon die Voreingenommenheit deutlich in den Vordergrund. Wie ich

schon vor 14 Jahren mittheilte, lebten sie damals und vielleicht heute

noch im Walde, ohne jede staatliche, gesellschaftliche Einrichtung, in

einzelnen Familien auf den Bäumen oder in aus Laub und Atap geformten

Hütten, und zwar nicht allein an den zwei Quellen des Baritu, sondern

auch östlich davon, im Gebirge, nahe den Quellen des Lahey, Tohop,

Marawy, Tahudja und Ossoh bis an die Grenze des Volkes Pari, welche

zwischen den höher stehenden Bewohnern des obern Laufes des Baritu und

dem Reiche Kutei leben.

Wie mir der Fürst von Siang weiter mittheilte, sind diese Waldmenschen

hell von Farbe und gross von Statur und leben von Pflanzen, Früchten

und Weichthieren der Sümpfe, kennen das Feuer, ohne darum Fleisch

oder andere Speisen zu kochen, und auch das Familienleben erhebt sie

nur ein wenig über die ersten primitivsten Elemente der Civilisation.

Aber den Werth des Goldes kennen sie schon sehr gut und gebrauchen

es zum Tauschhandel. Der Verkehr mit der Aussenwelt findet in einer

eigenthümlichen Weise statt, wenn ich den allgemeinen Mittheilungen

im obern Laufe des Baritu Glauben schenken darf. Uebrigens hatte ich

in Muarah Teweh einen malayischen Bedienten, welcher nach einem Jahre

den Abschied von mir nahm, um, wie er sagte, mit den Olo-Ott Handel zu

treiben. Ungefähr 1½ Jahre später kam er mich in Buntok aufsuchen und

erzählte mir alles, was er von den Olo-Ott wusste. Es war nichts Neues,

aber es bestätigte die Mittheilungen, wie ich sie früher wiederholt

gehört hatte.

21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo. · 第 14 / 26 段