Kaum mehr denn eine Nacht blieb sie in demselben Lager; am Ufer des

Teweh war sie heute, morgen zog sie nach den Ufern des Montalat, an

den Ufern des Kapuas und Kahajan theilte sie die freudige Botschaft

mit, anfangs December den Kopf eines hohen Officiers in Händen zu

haben. In ihrem kleinen Canoe übersetzte sie den Baritu und hatte

nebst ihrem Saloi nur noch den Tudong (Fig. 2), einen grossen

Strohhut in der Form einer Futterschwinge, welche ihr Vater bei einem

Becompeyer erbeutet hatte, um endlich wieder an der Mündung des Teweh

die Nachricht abzuwarten, ob und wann Suropatti zur Unterredung mit

Bangkert eintreffen werde. Anfang December kam ein Bote von Suropatti,

welcher mittheilte, dass nach der dritten Einladung des Herrn Bangkert

der Fürst beschlossen habe, bei Teweh eine Conferenz zu halten, und

zwar sollte dieses den 10. December geschehen. »Illa-la-hap« stiess

Induamban beim Hören dieses Berichtes aus, nahm zwei Ruderer auf, um

in Eilmärschen die Orang Tabayan, O. Anga, O. Njamet und selbst an der

Quelle des Teweh die O. Bonoi aufzusuchen und sie sofort zur Reise nach

der Mündung des Teweh zu veranlassen, während zwei ihrer Liebhaber

stromabwärts bis Buntok zogen, um alle Dajaker am 10. December, Alt und

Jung, Mann und Frau, zwischen dem Teweh und Montalat in den Atassans

sich verbergen zu lassen. Thatsächlich erschien den 9. December Abends

das Kriegsschiff »Onrust«[23] vor der Mündung des Montalat; die

Anker wurden fallen gelassen, und mit gezücktem Säbel betraten die

Schildwachen das Deck. Die Officiere und der Assistentresident Bangkert

gingen um 6½ Uhr zur Abendtafel, ohne auch nur zu ahnen, dass sie

von Hunderten und Hunderten lüsterner Augen belauscht wurden. Suropatti

war noch nicht erschienen, und so beschloss Bangkert, den folgenden

Morgen ihm bis Teweh entgegenzufahren. Induamban und die Hunderte

Dajaker folgten lautlos dem Schiffe, welches wegen der zahlreichen

Krümmungen und der Sandbänke nur langsam fahren konnte. 12 Uhr schlug

es, und noch Niemand war zu sehen. Nach Tisch zog sich Bangkert aus

und ging sein Nachmittagsschläfchen thun, als um 2½ Uhr der laute

Werdaruf der Deckwacht ihn aus seinem ersten Schlaf unsanft riss.

Ohne weitere Kleidung anzulegen, also nur mit einem Sarong bekleidet,

eilte er auf das Deck und sah drei grosse Kähne mit der holländischen

Flagge dem Schiffe sich nähern. +Einer davon trug jedoch die Flagge

umgekehrt.+[24] »Suropatti kommt also sich unterwerfen,« rief

er dem Schiffscapitän frohlockend und jubelnd zu, welcher bei dem

Werdarufe der Schildwache schnell die Uniform anzog, um beim Empfang

des Fürsten gegenwärtig zu sein. Als er jedoch den Herrn Bangkert nur

im Sarong gekleidet sah, zog er sich in seine Cajüte zurück, um sich

seiner überflüssigen Epauletten zu entledigen. Unterdessen hatte das

Schiff gestoppt, den Anker und die Falltreppe fallen lassen, und mit

lautem Tabéh Tuwan,[25] Tabéh Tuwan hatten sich Suropatti, Bangkert und

der Commandant begrüsst. Auf dem Decke stand ein Tisch, auf welchem

Bangkert und Suropatti sich niedersetzten, das Gefolge setzte sich

auf den Boden nieder, und bei einem Gläschen Genevre begannen die

Unterhandlungen.

Zu dem Gefolge, welches abwechselnd auf dem Decke sass oder hockte

(Djongkok), gehörten auch der Vater (?) und der Geliebte Induambans.

Von den Verhandlungen der beiden Männer verstand das Gefolge nur

einzelne Worte, weil sie in der malayischen Sprache geführt wurden;

als aber ein Mandur mit Säcken Ringgis = ryksdaalders = 2 fl. 50 auf

dem Decke erschien, wurde es ihnen deutlich, dass Suropatti sich

unterwerfen würde, und als der Vater Induambans spöttisch den Geliebten

seiner Tochter frug, ob er noch den Saloi hätte, welchen sie ihm als

Gegengeschenk seiner Liebeswerbung gegeben hatte, sprang dieser mit

einem durchdringenden Schrei auf die Füsse, zog seinen Mandau und

fasste den Schiffsarzt, welcher in diesem Augenblick auf Deck erschien,

bei den Haaren und schlug ihm den Kopf ab; zu gleicher Zeit erschienen

von dem gegenüberliegenden Antassan zahlreiche Djukungs, aus welchen

die Dajaker wie Katzen das Schiff erkletterten, in ihrer Mitte mit

gezogenem Mandau Induamban, Suropatti erfasste den Kopf Bangkerts,

und ebenso schnell flog die Bande der Dajaker in das Zwischendeck, um

Alles zu ermorden. Während Induamban mit dem Kopfe des Schiffscapitäns

in der hocherhobenen Hand bigal, bigal rief, stürzte sich ein

javanischer Bedienter ins Wasser und entkam als Einziger dem traurigen

Blutbade. 44 europäische, 11 eingeborene Matrosen, 6 Officiere und der

Assistenz-Resident Bangkert waren in wenigen Minuten den Mördern zum

Opfer gefallen. Im Februar 1860 zog eine Expedition nach Lotongtor, um

die Dajaker dafür zu züchtigen. Wieder wusste Niemand, was die Dajaker

mit dem ausgemordeten Schiffe gethan hatten. Sie wussten nicht, dass

die Kanonen mit dem Pulvervorrath von den Dajakern ans Ufer gebracht

wurden und in Lahey, ungefähr zwei Stunden oberhalb Muarah Teweh,

zur Batterie aufgepflanzt wurden. Als die Kriegsschiffe an Lahey

vorbeifahren, bekam das erste Schiff einen Schuss aufs Deck, ohne dass

es glücklicher Weise kampfesunfähig wurde; sofort wurden die Matrosen

ausgeschifft und nahmen im Sturm die Festung und sahen zu ihrer

Ueberraschung nicht nur die Kanonen und Munition von dem »Onrust«,

sondern auch die grossen eisernen Querbalken, welche die zwei grossen

Schaufelräder des Schiffes verbanden.

7. Capitel.

Acclimatisation -- Sport in Indien -- Sonnenstich -- Prophylaxis

gegen Sonnenstich -- Alcoholica -- Bier -- Schwarzer Hund --

Mortalität beim Militär im Gebirge und in der Ebene -- Klima --

Statistik -- Erröthen der Eingeborenen -- Geringschätzung der

„Indischen“ -- Fluor albus, Menstruation -- Gesundheitslappen --

Erziehung der Mädchen -- Indische Venus -- Indischer Don Juan.

Die Frage der Acclimatisation hat schon viel Tinte und Papier gekostet,

und doch ist dieses Thema noch nicht erschöpfend behandelt, obzwar

selbst Virchow schon vor 30 Jahren zu dieser Frage Stellung genommen

hat. Die thierische Zelle besitzt im Allgemeinen eine ungeheure

Fähigkeit, sich in die extremen Verhältnisse zu schicken. Momentan

sind zwei Aerzte auf Java, welche kurz vor ihrer Abreise nach Indien

eine Nordpolexpedition mitgemacht haben. Derselbe Maschinist, welcher

im Schiffsraume bei dem Ofen steht, verträgt fünf Minuten später den

Aufenthalt auf dem Decke, obschon er vielleicht eine Temperatur unter

Null dort findet. Pictet und Young (Comptes rendus Bd. 98 S. 747) sahen

Bacterien, welche −70° 108 Stunden und −130° 20 Stunden aushielten,

während wiederum ±100° Wärme nöthig ist, um sie sicher zu tödten.

Aber auch der menschliche Geist erfreut sich einer Elasticität, die

oft unglaublich ist. Wie viel tausend und tausende Menschen führen

Jahre lang ein Leben voll Schmerz, Verdruss und Elend, ohne ein

Opfer des geistigen Todes zu werden. Also muss gesagt werden: Die

Acclimatisation ist im Allgemeinen für Jedermann möglich. Wie aber

der Maschinist während des Aufenthaltes beim Ofen stark transpirirt

und beim Aufenthalt auf dem Deck durch die Kälte leidet, so ist auch

für Jedermann die Acclimatisation mit gewissen Beschwerden verbunden.

Um aber bei demselben Beispiel zu bleiben: gerade wie der Maschinist

vom Ofen weg nicht +sofort+ und in +derselben Toilette+

aufs Deck gehen wird, ebenso ist es für Jedermann nöthig, den

Acclimatisationsprocess mit Vorsicht und entsprechend den Lehren der

Hygiene zu leiten und unterstützen, d. h. mit andern Worten, der Mensch

muss den neuen Verhältnissen entsprechend seine Lebensweise einrichten

und zwar entsprechend seiner Constitution und seinen Gewohnheiten.[26]

Bekannt ist es, dass vor ungefähr 23 Jahren zwei englische

Naturforscher nach Afrika gingen und dort ein eigenthümliches

Leben führten; der Eine nahm sofort das ganze Thun und Lassen der

Eingeborenen an, so dass er selbst dieselben, d. h. +keine+

Kleider gebrauchte. Der Andere jedoch behielt soweit seine

heimathlichen Gewohnheiten, dass er Abends im Frack zu Tische ging.

Der Erstere stützt sich auf die allgemein geäusserte Regel, dass

man sich überall in die Sitten und Gebräuche des Landes fügen und

schicken müsse. Das ist richtig, aber damit ist noch nicht gesagt, sie

kritiklos anzunehmen. Der Erstere hat geradezu unrichtig gehandelt,

weil seine Constitution eben eine andere war als die der Eingeborenen;

denn, um nur ein Symptom von tausend anderen hervorzuheben, bei einer

Temperatur von 37° C. wird der Eingeborene ohne anstrengende Arbeit

nicht transpiriren, während der Europäer in Schweiss gebadet sein wird;

kommt nun, sagen wir, ein leises Zephyrwehen, so wird der Eingeborene

es nicht fühlen, der Europäer jedoch frösteln und vielleicht eine

Erkältung von grösserer oder kleinerer Intensität bekommen.

Aber auch der zweite Naturforscher beging eine hygienische Sünde, weil

er mit den veränderten klimatischen Verhältnissen nicht rechnete.

Dieses ist ja die wichtigste Bedingung, die Acclimatisation ohne

bedeutenden Schaden für Körper und Seele zu ermöglichen. Dazu gehört

aber auch Zeit, und mit Recht spricht der Volksmund von einem Pikol

(= 125 Pfd. = 62½ Kilo) Reis, den man gegessen haben muss, um

nicht mehr zu den Orang-Baru (= Neulingen) gerechnet zu werden. Ein

Pikol hat 100 Kattie; der Eingeborene isst täglich 1 Kattie Reis,

und der Europäer aus besserem Stande, weil er zum Reis noch vieles

andere isst, ½ Kattie; der Volksmund fordert also zur vollständigen

Acclimatisation 6 Monate Zeit.

Das ist ein Zeitraum, welcher gewiss hinreichend ist, um in die

Verhältnisse des Tropenlebens sich einbürgern zu können.

Als ich zum ersten Male nach Singapore kam und dort die englischen

Herren und Damen Nachmittags im offenen Wagen herumfahren und Lawn

tennis spielen sah, war mir diese Lebensweise unverständlich, weil

in Holländisch-Indien Jedermann, dem die Geschäfte dies erlauben, um

diese Zeit sein Mittagschläfchen hält, zu diesem Zwecke die Haus-

oder Nachttoilette anzieht und darnach ein Bad nimmt, und erst kurz

vor Sonnenuntergang spazieren geht. Seitdem sind 16 Jahre verflossen,

und die Erfahrung hat meine Ansichten darüber radical verändert Ich

bin nämlich zu der Ueberzeugung gekommen, dass die Bewegung in der

freien Luft auch in Indien nicht nur +nicht schädlich+, sondern

sogar »gesund« sei. Die Pflanzer sind die gesündesten Menschen auf

Java und erreichen das höchste Alter; die Beamten, Handelsleute und

jene Officiere, welche ihr Leben nur im Bureau zubringen, sind in der

Regel sehr anämisch, haben eine grosse Leber oder Hämorrhoiden oder

beides, und sind oft nichts anderes als Treibhauspflanzen, welche

bei jedem Windzug sich unwohl fühlen. Ich selbst befand mich am

wohlsten zur Zeit, als ich sogenannten Garnisonsdienst hatte, d. h.

den ganzen Vormittag von 6 Uhr ab von Caserne zu Caserne und von Haus

zu Haus gehen musste. Viele Menschen fürchten den Spaziergang oder

die Arbeit in der freien Luft oder unter den »versengenden Strahlen

der Tropensonne« wegen des etwaigen Sonnenstiches und -Fiebers.

Die »versengenden Sonnenstrahlen« verbrennen aber die Plasmodien,

verhindern also das Entstehen von Fieber und sind der grösste Feind der

Miasmen der Sümpfe. Aber auch die Gefahr von Sonnenstich ist nicht so

gross als allgemein angenommen wird. Wie viel tausende und tausende von

Kuli arbeiten auf dem Felde, nur mit einem Strohhut auf dem Kopfe und

einer kurzen Hose auf dem Leibe, ohne einen Sonnenstich zu bekommen?

Die meisten und besten Militärhygieniker wissen, dass zur Entstehung

des Sonnenstiches eine Menge von Factoren zusammen wirken müssen,

und geben darum zahlreiche prophylaktische Maassregeln an, welche

sich bewährt haben. Schon Robertson Jackson behauptete mit Recht,

dass Menschen im heissen Klima ebenso viel arbeiten können, als im

gemässigten, womit meine Erfahrung gänzlich übereinstimmt.

Ich habe den Jahresausweis des Sanitätschefs der indischen Armee von

1895 vor mir, und zufolge diesem waren nur vier Soldaten in diesem

Jahre am Sonnenstich erkrankt, wovon einer starb; ich habe im Jahre

1887 eine Expedition auf Atjeh mitgemacht, bei welcher ich am 5.

April um 4 Uhr ausrücken musste und um 1 Uhr nachmittags nach Hause

kam, ohne nur einen Mann verloren zu haben, obwohl der ganze Weg über

einen baumlosen Wall sich zog; im Jahre 1895 machte ich in Java die

grossen Manöver mit, wobei wir von 6 Uhr Morgens bis 3 Uhr Nachmittags

manövrirten, und nur 9 Mann waren ausgefallen wegen Retentio urinae,

Diarrhoe u. s. w., aber keiner darunter litt an Sonnenstich. Die

prophylaktischen Maassregeln, welche genommen wurden, waren folgende:

Sofort hinter der Stadt öffneten sich die Reihen, so dass die Soldaten

nicht in geschlossenen Gliedern marschirten, sondern frei und

ungezwungen sich bewegen konnten. Die Halscravate und Röcke wurden

geöffnet, so dass die Circulation des Blutes am Halse nicht behindert

wurde; die Soldaten hatten in ihren Feldflaschen Thee mitgenommen,

und vor dem Ausrücken wurde Sorge getragen, dass kein Schnaps dafür

eingetauscht wurde. Die Temperatur unter dem Helmhute ist auch nicht

bedeutend grösser gewesen, als die Aussenluft, weil für Ventilation des

Hutes gesorgt war. Bei jedem Rasten konnte die Mannschaft Thee oder

Wasser nach Belieben trinken. Die lockere Marschordnung verhinderte,

dass »durch das Zusammendrängen vieler Menschen die Wärmeabgabe

beschränkt wird, weil dadurch die natürliche Luftbewegung gestört und

eine Art von Stagnation einer warmen und feuchten Atmosphäre in der

Umgebung der einzelnen Körper begünstigt wird« (Roth und Lex 3. Band

S. 407) und eine Anhäufung von Kohlensäure stattfindet. Die häufigsten

Hitzschläge kommen ja vor in geschlossenen, schlecht ventilirten

Räumen, wo die Luft von der ausgeathmeten Kohlensäure der übergrossen

Menschenmenge vergiftet wird.

Niemand braucht sich also zu fürchten, bei Beobachtung einzelner

hygienischer Maassregeln in den Tropen einer mässigen Bewegung sich

zu befleissigen, seinen Geschäften nachzugehen, und so weit er es in

Europa gewöhnt war, dem Sporte zu huldigen, durch welchen er seine

Muskelkraft in Uebung erhält, seine Widerstandskraft gegen schädliche

Einflüsse erhöht und sein Selbstvertrauen stärkt.

Was das Essen betrifft, muss ich den europäischen Neuling aufmerksam

machen, dass die starken Gewürze für ihn überflüssig, ja selbst

schädlich sind. Wenn er einen guten Appetit hat, so producirt sein

Magen eine hinreichende Menge des sauren Saftes und braucht also zu

erhöhter Secretion nicht angeregt zu werden. Stellt sich zeitweilig

Appetitmangel ein, dann ist es noch immer Zeit genug, zum Lombok

u. s. w. zu greifen. Er wird also auch nicht so leicht in den Fehler

verfallen, +zu viel+ zu essen, das, wie wir Seite 67 sahen, eine

reichliche Quelle zum Entstehen von Magen-, Leber- und Darmkrankheiten

giebt.

Auch der Alcohol stumpft die Acidität des Magensaftes ab, und darum ist

es rathsam, aller Alcoholica sich zu enthalten. Kleine Mengen von Wein

werden ihm jedoch nicht schaden, weil, um ein Beispiel anzuführen, ¼

Liter Wein ungefähr nur 20 Gramm Alcohol enthält, +der übrigens durch

die freie Säure theilweise neutralisirt wird+, während +ein+

Gläschen Cognac oder Rum bei einem Alcoholgehalte von 56-77% (Volumen)

schon 36-40 Gramm Alcohol repräsentirt. Wenn ich den Alcohol als

Genussmittel anerkenne, das entbehrlich ist und selbst schädlich werden

kann (durch zu grosse Mengen), so muss ich noch mehr das Bier als

unbedingt schädlich für den Gebrauch in den Tropen zurückweisen, weil

es Fett ansetzt und zur Vergrösserung der Leber und zur Retention der

Galle Anlass giebt. Nur für ärztliche Zwecke, wie z. B. für milcharme

Wöchnerinnen, darf es in den Tropen getrunken werden.

Das Trinkwasser entspreche den auf Seite 21 angedeuteten Anforderungen.

Die Kleidung muss sich immer den zeitlichen Temperaturverhältnissen

anpassen. Niemals gebrauche man die weissen Kleider ohne Leibwäsche;

es ist gewiss kein ästhetischer Anblick, einen Menschen vor sich zu

sehen, dessen Transpiration mit den bekannten Zeichnungen rings um die

Schulter, am Rücken und eventuell an anderer Stelle des Körpers markirt

zu sehen; aber auch sehr »ungesund« ist es, ohne Flanellhemd (mit

oder ohne Aermel, je nach Gewohnheit) sich Erkältungen auszusetzen.

Am meisten wird vergessen, der niedrigen Temperatur im Gebirge und

auch in der Ebene in den frühen Morgenstunden während der trockenen

Zeit Rechnung zu tragen; selbst in Samarang, also an der Küste (Javas)

beobachtete ich manchmal des Morgens um 6 Uhr 16° C. Es war eine

angenehm erfrischende kühle Temperatur, und doch muss ich es Jedermann

anrathen, in solchen Fällen niemals das Schlafzimmer zu verlassen, ohne

unter der Nachttoilette auch Strümpfe und Leibwäsche anzulegen; wenn

um 7½ oder 8 Uhr die Luft wärmer geworden ist, kann ja von dieser

Vorsichtsmaassregel Abstand genommen werden.

Das Baden wurde ebenfalls schon besprochen und zwar Seite 122.

Junge Männer, welche nach Indien gehen, um einen Beruf auszuüben,

also dauernd oder für viele Jahre dort zu weilen, mögen sobald als

möglich heirathen; das Surrogat der Ehe, d. h. mit einer Haushälterin

zu leben, hat in den letzten Jahren glücklicher Weise stark abgenommen,

aber es besteht noch, und ist dieses auch ein nothwendiges Uebel,

so kann gegenwärtig dem leicht abgeholfen werden. Wenn ich auch

den moralischen Standpunkt nicht verleugnen will, weil die Ehe die

Basis des gesellschaftlichen Lebens ist, so will ich dennoch mehr

die praktische[27] als die sittliche Seite dieser Frage besprechen.

Das Concubinat mit einer eingeborenen, oder chinesischen, oder

halbeuropäischen Frau demoralisirt die Männer. Wieso dieser Process in

Holländisch-Indien zu dem Namen »schwarzer Hund« kam, ist mir nicht

bekannt; sollte der »rothe Hund« (Vide Seite 10) eine Beschwerde des

Körpers und der »schwarze Hund« die der Seele bedeuten? Die Männer

werden durch diese Frauen oft so demoralisirt, dass, wie ich es

wiederholt sah, sie in ihrem ganzen Denken und Fühlen auf das Niveau

eines rohen, ungebildeten Eingeborenen kamen! Nebstdem besitzen

diese Frauen eine aussergewöhnlich hohe Kunst, ihre »Männer« unter

den Pantoffel zu bekommen. Jede europäische Frau kann diesbezüglich

noch vieles, sehr vieles von einer »Njaih« lernen. Zur Illustration

dieser Behauptung will ich nur zwei Fälle aus meiner Erfahrung

mittheilen. Lieutenant A. wohnte in einem Fort; seine Wohnung hatte

nur eine Aussicht und zwar auf den Fluss. Er durfte niemals bei der

Palissade stehen, weil auf dem Flusse das Badehaus und der Abort der

Soldaten sich befand. »Es schicke sich nicht, dass der Lieutenant

die Soldatenfrauen dahin gehen sehe,« behauptete seine chinesische

Haushälterin, und dieser Pantoffelheld hat 1½ Jahr lang in seiner

Wohnung nur die vier kahlen Wände aus Bambus gesehen!

In B. war Ball bei dem Resident. In der vorderen Veranda des

Residentenhauses tanzten die Officiere und Beamten, während vor

derselben die Bedienten dem bunten Treiben zusahen. Unter diesen befand

sich so manche Haushälterin, deren Herz in Eifersucht oder in Furcht

leidenschaftliche Gluth ins Gesicht jagte. Das Auge der Eifersucht

sieht scharf. Die Haushälterin des Lieutenant X. ertrug den Anblick

nicht mehr, dass ihr »Mann« die Taille seiner Tänzerin umfasste und

mit liebevollen Blicken ihre schön geformte Büste betrachtete; sie

eilte nach Hause und kehrte sofort zurück; aber nicht allein; hinter

ihr folgte der Bediente mit einem Topfe, der aber nicht leer war.

Der Bediente wurde in den Tanzsaal geschickt, um den Lieutenant

X. herauszurufen. Er kam und bekam den Inhalt des Topfes auf sein

schuldiges Haupt. Auch in Europa schwingen die Frauen manchmal (?) den

Pantoffel, der, mit Sammt bekleidet, oft genug ein heilsamer Sporn

für einen energielosen, denkfaulen Mann ist; so sehen wir auch in

Indien, dass die besten Soldaten jene sind, welche »eine Haushälterin«

haben. Im Allgemeinen aber ist der Pantoffel, den eine eingeborene

Haushälterin über ihrem »Mann« (lakki M) schwingt, nicht mit Sammt und

Seide gefüttert; es ist ein hölzerner Pantoffel, der mitunter selbst

mit grossen Nägeln beschlagen ist.

Zur leichten Acclimatisation Maass im Geschlechts-Genusse zu empfehlen,

ist selbstverständlich; aber die Gluth der Tropensonne, die Monotonie

des täglichen Lebens, die reichliche Gelegenheit, welche Diebe schafft,

und das üppige Leben lassen Bacchus mit Venus nicht nur unter den

Dajakern, wie wir sahen, sondern auch unter den Europäern einen festen

Bund schliessen.

Ich muss es wiederholen, ein verständiges Leben, welches den

Anforderungen der Hygiene entspricht, ermöglicht eine leichte und

ungefährliche Acclimatisation und eine nicht viel kleinere Lebensdauer

in Indien als in Europa. Im Jahre 1895 starben von 17216 europäischen

Soldaten 261 Mann, das ist 1·51%.

Im Jahre 1894 starben, wie Stabsarzt Mydracz mittheilt, in der Schweiz

0·2, Deutschland (ohne Bayern) 0·2, Holland 0·29, Oesterreich 0·36,

Nordamerika 0·54, Russland 0·55, Spanien 0·82 und in England 0·84 pro

Mille der Kopfstärke. Das ist also ein grosser Unterschied in der

Mortalität zwischen den indischen und diesen europäischen Armeen. Diese

1·5% Mortalität verliert aber viel von ihrem Schrecken, wenn man die

Verhältnisse berücksichtigt. Im Jahre 1895 erlagen ja viele den Wunden

und Erkrankungen vom Kriegsschauplatze Atjeh und Lombok. Aber auch der

Unterschied zwischen einer Armee, welche aus Freiwilligen besteht,

und einer solchen, welche allgemeine Dienstpflicht hat, macht sich

diesbezüglich geltend. Die Assentirung ist nämlich bei Freiwilligen

mit grösseren Schwierigkeiten verbunden, als bei jenen, welche der

allgemeinen Dienstpflicht unterstehen. Diese simuliren, um von dem

Militärdienst befreit zu werden; jene jedoch dissimuliren, um wegen

des hohen Handgeldes angenommen zu werden. (Ich sass drei Jahre in

der Superarbitrirungs-Commission und habe also nach beiden Richtungen

hinreichende Erfahrungen.) Wenn der freiwillige Soldat sein Handgeld

verprasst hat, dann gefällt ihm oft das militärische Leben nicht mehr;

er beginnt also Krankheiten zu simuliren, während er vielleicht bei

der Aufnahme diese oder jene Krankheit dissimulirt hat.

Die Sterblichkeit ist gegenwärtig also unter dem Einfluss der

verbesserten Hygiene und dem verminderten Missbrauch des Alcohols nicht

viel grösser als in Europa, aber auch bedeutend kleiner als in früheren

Jahren. Im Jahre 1828 starben (nach van der Burg) von 1000 europäischen

Soldaten 294!! und im Jahre 1895 (nach dem officiellen Jahresausweis)

15!!

Eine zweite Frage drängt sich Jedermann auf, welche ebenfalls durch den

statistischen Ausweis beantwortet werden +könnte+ und zwar, ob

im Allgemeinen die im Gebirge oder in der Ebene gelegenen Garnisonen

gesünder seien resp. eine kleinere Sterbeziffer aufzuweisen haben. Die

Statistik lässt uns diesbezüglich im Stich. Im Jahre 1895 waren unter

den 261 gestorbenen europäischen Soldaten

20 in Weltevreden (Küste) = 1·2% des Standes

47 „ Surabaya (Küste) = 6·9% „ „

30 „ Kota Radja (Küste) = 2·2% „ „

29 „ Ampenan (Küste) = 3·9% „ „

25 „ Magelang (Gebirge) = 1·4% „ „

14 „ Samarang (Küste) = 2·0% „ „

16 „ Malang (Gebirge) = 1·2% „ „

10 „ Padang (Küste) = 2·0% „ „

Wir sehen also aus dieser Statistik, dass der Höhenunterschied keinen

bedeutenden Einfluss auf die Sterblichkeit der europäischen Soldaten

genommen hat; denn die drei grössten Städte Javas liegen auf der

Küste, und zwar auf der Nordküste dieser Insel; und doch zeigen sie

untereinander einen so grossen Unterschied in der Sterblichkeit, dass

sich noch andere Factoren geltend machen müssen.

Ich will sofort bemerken, dass Surabaya kein artesisches Wasser hat,

das die zwei anderen Städte schon seit Decennien besitzen, und dass

seit Einführung desselben der Gesundheitszustand in Batavia und

Samarang in auffallender Weise sich gebessert habe.

Der Höhenunterschied beeinflusst aber zum grössten Theil alle jene

Factoren, welche in ihrer Totalität den Begriff Klima bedingen. Das

solare Klima, d. h. das Klima, welches Indien zufolge seiner Lage und

geographischen Breite haben +sollte+, kann den Hygieniker weniger

interessiren, als das factische oder physische Klima, welches durch die

Temperatur, Feuchtigkeitsgehalt der Luft und des Bodens, Luftdruck,

Regenmenge, Windrichtung, Verunreinigung der Luft durch Staub, Kohle

und Miasmen bedingt ist, das sind Factoren, welche nur theilweise von

der geographischen Breite abhängen. Zum grossen Theil werden sie auch

beeinflusst von der geologischen Art des Bodens von Berg und Wald

u. s. w.

Wenn man also von einem Tropenklima -- und zwar mit Recht -- spricht,

dann versteht man immer darunter das Klima der Ebene und der Küste; mit

der Erhebung über dem Boden sinkt die Temperatur nicht unbedeutend und

damit auch jener Factor des Klimas, welcher einerseits den grössten

Einfluss auf den Charakter des Klimas nimmt, andererseits aber auch

am besten bekannt und studirt ist, weil wir einen festen bequemen

Maassstab dafür haben: das Thermometer. Im Jahre 1891 besuchte ich

einen Kaffeepflanzer auf dem Berge Lawu (Mittel-Java), ungefähr 1000

Meter über dem Meere; Nachmittags um 5 Uhr wurde es mir zu kalt im

Freien, ich musste mich ins Zimmer zurückziehen und die Fenster

schliessen lassen.

21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo. · 第 13 / 26 段