Eine Amme würde ich in Indien, wenn auch nicht unbedingt zurückweisen,

so doch als ultimum refugium in Reserve halten, wenn die künstliche

Ernährung nicht gelingen sollte; denn eine europäische Amme wird

vielleicht niemals zu bekommen sein, und mit einer eingeborenen

Amme sind so viel Unannehmlichkeiten verbunden, dass ich vorläufig

jeder Frau abrathen muss, ausser in der dringendsten Noth durch eine

eingeborene Amme ihr Kind säugen zu lassen. Vielleicht entschliesse

ich mich doch später dazu, die Leidensgeschichte einer französischen

Dame zu erzählen, welche in Magelang (Java) entgegen meiner Warnung

eine eingeborene Amme zu ihrem Kinde nahm, dreimal sie wechselte und

endlich ihr Kind mit der von mir angegebenen Conservemilch nicht nur

glücklich über die Zeit des Wechsels in der Nahrung brachte, sondern

auch zu einem kräftigen und gesunden Mädchen entwickeln sah. Ich liess

von der überall käuflichen Swiss condensed milk anfangs 1 : 17 (die

ersten 4 Wochen) und später aufsteigend bis 1 : 10 eine Auflösung machen

und gab davon 50 Ccm. in der ersten Woche, um bis 200 Ccm. per Dosis

zu steigen. Diese Milch hat mir wiederholt so vortreffliche Dienste

geleistet, dass ich die letzten Jahre zuerst zu diesem Surrogat der

Muttermilch meine Zuflucht nahm, und in zweiter Reihe zur Kuhmilch,

wo diese, wie z. B. auf Java, in hinreichender Quantität, aber oft in

schlechter Qualität zu bekommen ist.

Wenn man seine eigene Kuh hat und das Melken controlliren kann, so hat

man doch noch Schwierigkeiten damit; nur zu oft geschieht es, dass

die Kuh entweder krank wird, oder wenigstens sich den Magen verdirbt;

sie bekommt Diarrhoe und der Säugling, welcher ihre Milch trinkt --

wird auch krank. Wenn auch unter den schweizerischen Kühen, welchen

diese Conserven ihren Inhalt verdanken, die eine oder andere Kuh krank

wird, so vertheilt sich ihre Milch auf die grosse Menge; ich will mich

jedoch anderer theoretischer Erklärungen enthalten, weil für mich die

Thatsache spricht, dass in Indien unter den zahlreichen Ersatzmitteln

der Muttermilch die condensirte Milch mir die besten Resultate gegeben

hat.

Um nur eines Falles zu gedenken: Im Jahre 189.. kam in Ngawie der

Lieutenant X., welcher eine tuberculose Frau hatte, mit einem ½ Jahr

alten Kinde in Garnison. Das Kind war eine Mumie, obzwar es mit Eiweiss

genährt wurde. (Eiweiss kann nur für einige Tage ein Surrogat der

Muttermilch sein, für die Dauer regt es zu wenig die Peristaltik des

Magens und der Därme an.) Sofort liess ich die Ernährung mit Eiweiss

trotz des Sträubens der Eltern aussetzen und liess dem Kinde erwähnte

condensirte Milch, und zwar in einer Auflösung 1 : 12 geben. Das Kind

vertrug die Milch gut und schon nach wenigen Wochen entwickelte sich

ein kräftiges Fettpolster.

Eine zweite Ursache, warum ich in Indien geradezu vor dem Gebrauche

der Kuhmilch für Säuglinge warnen muss, ist die Thatsache, dass sie,

ich möchte sagen fast immer, mit Wasser aus dem Sumpfe (Sawahfeld),

oder aus den Riols, mit Zuckerwasser, Cocosmilch oder selbst mit

Gyps verfälscht wird. Selbst wenn man seine eigene Kuh hat, aber

beim Melken nicht dabei steht, ist man seiner Sache nicht sicher,

weil der Bediente, der damit betraut ist, einen Theil der Milch

unterschlägt, um sie zu verkaufen, und, um das gewöhnliche Maass

seinem Herrn abzuliefern, die Milch verfälscht. Uebrigens hat die

erwähnte condensirte Milch diesen Vortheil, dass man eventuell einen

Soxhletapparat entbehren kann. Man braucht ja keinen Vorrath an Milch

zu halten, während die von der Kuh gewonnene Milch nicht allein sofort

gekocht, sondern auch in gut verschlossenen Flaschen zum Zwecke der

Sterilisirung bewahrt werden muss. Wenn man keinen Soxhlet besitzt,

gebraucht man in Indien häufig die Fläschchen von Eau de Cologne von

ungefähr 200 Ccm. Trotz ihres Reichthums an Zucker hält sich die

condensirte Milch 2, selbst 3 oder 4 Tage in Indien, bevor Schimmel

darauf kommt; also für jeden Fall so lange, dass ein Kind die Büchse

zu Ende gebrauchen kann. Man kann ja aus einer Büchse 2-3 Liter Milch

gewinnen, und da nebstdem so eine Büchse 30-40 Kreuzer in Java kostet,

und eine Flasche Milch von 750 Ccm. mit 25 Kreuzern bezahlt wird, so

verdient auch vom ökonomischen Standpunkte aus diese Milch in Indien

den Vorzug vor der käuflichen Kuhmilch.

* * * * *

Im Jahre 18... wurde in W. eine grosse Caserne gebaut, ohne dass man

für Aborte gesorgt hatte. Als die Mannschaften die Caserne bezogen

und vergebens nach diesen Räumlichkeiten sich umsahen, erst an diesem

Tage wurde dieser Mangel entdeckt. Errare est humanum, und doch ist

dies ein unverzeihlicher Fehler gewesen, weil Jedermann beim Miethen

einer Wohnung an diese unentbehrlichen Räume denken soll und muss;

umsomehr in Indien, wo eigenthümliche Verhältnisse und auch andere

Gebräuche berücksichtigt werden müssen. So z. B. ist der Gebrauch des

Papiers zur Reinigung wenig oder gar nicht bekannt; die Eingeborenen

benützen Wasser selbst nach dem Verrichten eines kleinen Bedürfnisses.

Die Vorzüge dieses Gebrauches, tjèbok genannt, gegenüber dem des

Papieres, sind so in die Augen springend, dass es keines Wortes zur

Begründung bedarf. Für Männer mit Hämorrhoiden und für Frauen mit

weissem Fluss hat das Wasser in diesem Falle selbst einen so grossen

hygienischen Werth, dass ich auch in Europa diese Art von Reinigung

solchen Patienten recommandiren würde. Ich habe ja nur ein einziges

Mal in Indien eine Blenorrhoea recti gesehen, und zwar bei einem alten

europäischen Matrosen. Bei Frauen kann ja das Secret des weissen

Flusses auf die benachbarten Schleimhäute übergreifen; wie häufig

dieses in Europa geschieht, lässt ein Aufsatz in der W. M. W. No. 23

und 24 vom Jahre 1898 vermuthen; in Indien aber sah ich es niemals,

und ist kaum denkbar, weil die eingeborenen Prostituées sich eben nach

allen Entleerungen mit Wasser reinigen.

Zu diesem Zwecke befinden sich in jedem Aborte eine gewisse Anzahl

Weinflaschen mit Wasser gefüllt; öfters hält man zum Zwecke der

Desinfection auch Flaschen mit 5% roher Carbolsäure im Aborte

vorräthig; ich selbst bekam einen Officier zur Behandlung, welcher

irrthümlicher Weise eine Flasche Carbolsäure (anstatt Wasser) zur

Reinigung gebraucht hatte. Diese 5% Auflösung hatte keine weiteren

schädlichen Folgen als den augenblicklichen Schmerz. Solche

Verwechselungen sind natürlich leicht zu vermeiden. Ich hatte beim

Beziehen meines »Hauses« keine Wahl mehr über die Bauart meines

Abortes; der Bauplan des ganzen Hauses war ja schon lange vorher durch

die Regierung genehmigt. Ich will auch den technischen Theil nicht

besprechen, weil in der Bauhygiene von dem Capitän der Genie G. W.

F. de Vos Jeder diesbezüglich hinreichende Belehrung findet, der ein

Haus und einen Abort nach den Forderungen der Hygiene bauen will.

Dieses Buch ist aus dem Jahre 1892 und erwähnt darum noch nicht die

letzten Erfindungen auf diesem Gebiete. Wenn aber auch die Häuser keine

Wasserleitung haben, so liesse sich doch +ohne+ bedeutende Kosten

ein modernes Closet in jeder Privatwohnung anbringen, welches unbedingt

allen Anforderungen nicht nur der Hygiene und Zweckmässigkeit, sondern

auch der Aesthetik und Reinlichkeit entspricht. Diese wären jedoch nur

von den Europäern in Gebrauch zu nehmen; für den Eingeborenen ist das

Hocken eine solche Gewohnheit, dass er nie einen Abort gebraucht, bei

dem er sitzen muss. Es ist darum zweckmässig, für die eingeborenen

Bedienten den Abort nach »indischem« Modell einzurichten.[21]

Das Baden ist in Indien ein grösseres Bedürfniss als in Europa; durch

die höhere Temperatur ist eine grössere und intensivere Transpiration

bedingt, und es ist eine alltägliche Erscheinung, einen Kuli mit

nacktem Oberleib an der Arbeit zu sehen, während ihm der Schweiss in

fingerdicken Strömen herabfliesst; und doch ist die pigmentreiche Haut

weniger zum heftigen Schwitzen disponirt als die des blonden Europäers;

vielleicht ist es ein post und doch kein propter hoc, d. h. vielleicht

ist die Acclimatisation die Ursache, dass Eingeborene, halb europäische

und auch europäische Menschen, welche nach langer Anwesenheit unter

den Tropen einen dunklern Teint bekommen, weniger schwitzen, als die

Orang Baru, welche während des Anfangs ihrer indischen Laufbahn in so

heftiger Weise transpiriren, dass sie oft an den erschöpfenden Schweiss

der Phthisiker denken lassen; zur Regenzeit ist auch die Transpiration

intensiver als zur Trockenzeit, weil der niedrige Feuchtigkeitsgehalt

der Luft im Ostmonsun das Verdampfen der Flüssigkeit befördert. Der

Schweiss riecht intensiv sauer und zeigt auch eine saure Reaction, und

besonders bei Frauen zur Zeit der Menstruation; in der Regel ist die

Transpiration am stärksten in der Achselhöhle und am Bauche, wo die

Kleider eng anschliessen, obwohl Krause angiebt, dass die grösste

Menge von Schweissdrüsen sich an der Flachhand und Fusssohle befinden

(2236-2685 auf den ☐″). Hier färbt der Schweiss die Leibwäsche von

lichtgelben bis beinahe dunkelbraunen Flecken; wiederholt habe ich

Frauen unter Behandlung bekommen, welche glaubten, einen intensiven

Fluss aus der Vagina zu haben, weil sie braune Flecken in der Unterhose

hatten, und auch Männer, deren Gewissen nicht rein war, welche ähnliche

Flecken im Hemde hatten und an einer »leichten russischen Blenorrhoe«

zu leiden glaubten. Es war nichts anderes, als der Schweiss. Wie weit

der Inhalt der Talgdrüsen sich mit diesem vermengt hat, weiss ich

natürlich nicht; denn auch im Schweisse gesunder Menschen findet man

unter anderem Harnsäure, Harnstoff, ja selbst manchmal Indigo.

Thatsächlich besteht ein Vicariiren zwischen der Hauttranspiration und

dem Secerniren der Nieren. Auf meiner letzten Seereise bekamen wir bei

unserer Einfahrt in das Rothe Meer unerwartet eine niedrige Temperatur.

Auffallend war es, wie mit dem Zurücktreten der Schweissmenge eine

grössere Secretion der Nieren verbunden war; dasselbe geschieht, wenn

man in Indien selbst aus der Ebene ins Gebirge reist; je höher man

kommt, desto ergiebiger ist die Function der Nieren.

In Europa verliert man, nach Séguin, täglich durch die Haut 1/67 seines

Körpergewichtes; wie gross der Gewichtsverlust in Indien sei, ist mir

nicht bekannt, aber gross, sehr gross muss er sein, denn man muss ein-,

oft zweimal des Tages die Wäsche wechseln, und wenn man, wie z. B. der

Arzt, einen Beruf im Freien ausübt, selbst dreimal. Wie oft geschieht

es selbst, dass man in der Nacht aufstehen muss, um die wenige Wäsche,

welche man anhat, zu wechseln?!

Es bedarf also keiner weitern Motivirung, dass das tägliche Baden in

Indien einem dringenden Bedürfnisse entspreche; ja noch mehr, es ist

Regel, dass man zweimal des Tages badet, und manche Menschen thun

dieses selbst dreimal des Tages. Es ist aber ungesund, sofort nach dem

Verlassen des Bettes und vor Aufgang der Sonne sein Bad zu nehmen. Vor

Sonnenaufgang sollte man überhaupt das Zimmer nicht verlassen, weil die

nächtliche Luft von den Miasmen geschwängert wird. Nebstdem sind die

Poren der Haut durch das Schlafen hinter den Mosquitonetzen und durch

die reichliche Transpiration geöffnet, die Haut und die Leibwäsche

ist feucht und der plötzliche Uebergang in die kühle, mit Miasmen

geschwängerte Luft, vor dem Aufgang der Sonne, muss schädlich sein. Es

empfiehlt sich daher, die Nachtwäsche zu wechseln und den Aufgang der

Sonne abzuwarten, und erst unmittelbar vor dem Anlegen der Kleider sein

Bad zu nehmen. Die meisten Damen sind in dieser Hinsicht vorsichtiger

als die Männer; sie nehmen ihr erstes Bad erst nach Ablauf der grössten

häuslichen Arbeit, d. i. zwischen 10 und 11 Uhr, wenn das »Haus«

aufgeräumt ist und die weitere Arbeit der Köchin überlassen werden kann.

Das Bad selbst ist ein sogenanntes Schiffsbad (siram M), d. h. man

begiesst den Körper mit Wasser. Wannenbäder werden überhaupt nur von

einzelnen Kranken genommen; selbst in den grossen Spitälern badet

der grösste Theil der Patienten in dieser Weise oder gebraucht eine

Douche. Die Eingeborenen und die Chinesen nehmen gern ein Flussbad

oder erfrischen sich öfters des Tages unter einem Pantjoran (M). Das

sind kleine Bäche, welche mit einem Abzugrohr, gewöhnlich einem halben

Bambusrohr, versehen, das Wasser in einer Höhe von ungefähr 1 Meter

auf den Körper fallen lassen. Da diese Bäche gewöhnlich im Gebirge

vorkommen, so ist das Wasser zwar krystallhell, aber so kalt, dass ich

nur mit Schüttelfrost davon Gebrauch machen konnte. Ein Schiffsbad

in der Ebene z. B. hat 25-27° C.; die Pantjoran in Sindanglaya (im

Gebirge der Preangerregentschaft), welches beinahe 1100 Meter über dem

Meere liegt, hatte ein so kaltes Wasser, dass ich keinen Augenblick

unter dem Sturzbad verweilen konnte, obzwar im Bassin selbst der

Aufenthalt geradezu erquickend war. Auch in Salatiga befindet sich

ein solches Bad, welches durch sein helles, frisches Bergwasser zu

den besten indifferenten Bädern gehört, welches dem durch die Wärme

der Ebene erschöpften Organismus neue Energie und neue Lebenslust

giebt. Salatiga und Sindanglaya sind auf Java bekannte Luftkurorte,

wo Malaria- und Leberkranke in der Reconvalescenz Kräftigung des

Organismus suchen. Leider tragen die meisten Menschen keine Rechnung

mit der Temperaturdifferenz und gebrauchen dieselbe Haustoilette als

in der warmen Ebene. Erkältungen sind also sehr häufig und zwar die

des Darmes, so dass die armen Patienten durch die Diarrhoe gezwungen

werden, das »Bergklima« zu verlassen.

Auch mein »Haus« hatte ein Badezimmer, in welchem ein gemeisseltes 3

Cbm. grosses Wassergefäss sich befand; der Flur war mit Cement bedeckt;

ein Kleiderrechen war das einzige Möbelstück. Ich liess also noch

einen Spiegel aufhängen, liess auf den Boden hölzernes Rost auflegen,

weil man auf dem nassen Cementboden leicht ausgleiten kann, den

Filtrirstein mit grossem Topf hineinstellen und aus Zinnblech einen

Schöpfer machen, mit welchem ich mich siram konnte. Das Wasser erhielt

ich aus einer Rinne, welche das Regenwasser auffing, oder aber aus dem

Ziehbrunnen, welcher hinter dem Hause stand.

* * * * *

Auf Seite 18 sprach ich von dem Antassan Lotongtor, als von

einem historischen Orte, weil sich dort die traurigen Reste des

Kriegsschiffes »Onrust« befänden. Im Jahre 1877 war noch nicht

einmal im October die Regenzeit eingetreten; der Ostmonsun war so

ausgesprochen trocken gewesen, dass der grosse Strom Dusson im oberen

Laufe nicht nur für Dampfer, sondern selbst für Schleppkähne nicht mehr

befahrbar war. Wir bekamen Nachricht, dass bei Lotongtor das Wrack des

»Onrust« zu sehen sei; in zwei kleinen Kähnen gingen ich, Lieutenant X.

und der Bezirkshäuptling Dakop dahin, um es zu besichtigen. Der Kessel

stand mehr als ½ Meter über der Wasserfläche, und wir beide mussten

mit den schärfsten Worten den Indifferentismus der holländischen

Regierung verurtheilen, welche es nicht der Mühe werth gefunden hat,

und zwar in 18!! Jahren Zeit, das Wrack beseitigen zu lassen. Eine

traurige Siegestrophäe der Dajaker, welche selbst ihre Enkel zu neuer

Heldenthat und zu neuem Morden anfeuern musste! Dakop tauchte in das

Wasser und fand noch eine goldene Uhr und ein Medicinfläschchen im

Wracke; erstere wurde nach Bandjermasing gesendet, während ich das

Medicinfläschchen dem Sanitätschef der Kriegsmarine zukommen liess.

Wie es doch möglich sei, dass ein europäisches Kriegsschiff mit

Mann und Maus von wilden Dajakern ausgemordet werden könne, wird so

mancher fragen. Der antimilitärische Geist der Holländer war an diesem

schaurigen Drama ebenso schuld, wie 23 Jahre später, als auf Sumatras

Nordküste nach den siegreichen Feldzügen des Generals Karl van der

Heyden dieser das Obercommando in die Hände des Civilbeamten Pruys van

der Hoeven legen musste und die Atschinesen sofort wieder zum Angriffe

übergingen. Wie ein rother Faden zieht sich durch die ganze Geschichte

Indiens die Ungeduld der holländischen Regierung, das kaum unterworfene

oder eroberte feindliche Land, und wäre es nur für eine kurze Zeit, in

den Händen des zielbewussten, kräftigen Militär-Commandos zu lassen.

Kaum hat sich ein Feind de facto oder nur zum Schein unterworfen,

erscheint der Regierungs-Commissar, der Resident oder wie er sonst

heissen möge, und die militärische Macht wird zum Polizeidienst

degradirt.

Ich kann nicht umhin, den Verlauf dieses Dramas zu erzählen, wie er mir

von den Epigonen der Dajakschen Helden mitgetheilt wurde.

Im Jahre 1857 war Sultan Adam gestorben und hatte seinen Sohn Prabu

Anam[22] vorher auf Drängen seiner Frau Njaih Ratu Komala Sari

zum Thronfolger ernannt, obzwar die holländische Regierung ihren

gerechtfertigten Einwand dagegen erhoben hatte. Er wurde seines Thrones

verlustig erklärt und Tamdschit Illah, ein Enkel des Sultans Adam,

zum Sultan des Bandjermasingschen Reiches ernannt, obwohl er von

mütterlicher Seite nicht von fürstlicher Abstammung war; nebstdem war

sein Stiefbruder Hidajat, der dieses Vorrechtes sich erfreuen konnte,

zum Reichsverweser ernannt worden, ohne durch seine Geistesgaben auch

nur im Entferntesten dazu geschickt zu sein. Allgemeine Unzufriedenheit

herrschte hierauf im ganzen Südosten Borneos, welche natürlich

von Hidajat im Geheimen genährt wurde. Der damalige Resident von

Bandjermasing, Graf von Bentheim Tecklenburg, wusste so wenig von

dem drohenden Unwetter, dass er 1859 auf eine diesbezügliche Anfrage

von Batavia mit dem Dampfer Ardjuno das Bulletin dahin schickte:

»Politische Zustände günstig.« Der Landes-Commandant jedoch sandte

Ende März einen genauen Bericht über die Gährung im Reiche, und den

29. April kam der Oberst Andresen mit 300 Mann in Bandjermasing an, um

das militärische und civile Commando auf sich zu nehmen. Unterdessen

hatte der Aufstand, welcher zu Gunsten der Thronfolge des Hidajat

unternommen war, fürchterliche Ausbreitung gewonnen; in Pengaron wurde

der Ingenieur der Kohlenminen ermordet, im Süden von Martapura fielen

alle Europäer, 21 an der Zahl, zum Opfer; am Kapuasflusse erlitt ein

Missionar mit seiner Frau dasselbe traurige Schicksal u. s. w. Endlich

wurden die Truppen Herr des Aufstandes; beide Kronprätendenten, Hidajat

und Illah, wurden nach Java verbannt und das Reich am 14. December

1859 direct der holländischen Colonie einverleibt. Jetzt war es

natürlich die höchste Zeit, die Weisheit des Residenten N.. leuchten zu

lassen und das »militärische« Element sofort zu beseitigen. Resident

Nieuwenhuizen trat an die Spitze der Regierung, und Major Verspyk wurde

»+nur+« der militärische Commandant von der südöstlichen Hälfte

von Bandjermasing.

Der Krieg war jedoch nur mit den malayischen Fürsten beendigt. Die

Dajaker der Dusson ilir und ulu, welche diese zur Theilnahme an dem

Aufstand gegen die Holländer überredet hatten, legten ihre Waffen

nicht nieder. Sie fürchteten, unter dem holländischen Scepter ebenso

ausgesogen zu werden als unter dem malayischen Tyrannen; nebstdem

hatten sie »Blut gekostet«. Zahlreiche Köpfe von angesehenen Europäern

zierten ihre Wohnungen. Verlieren konnten sie nicht viel, weil sie

keinen Handel trieben, keine Magazine hatten, keine Fabriken, welche

leer stehen blieben; sie konnten nur gewinnen, wenn sie den Raubkrieg

fortsetzten. Der Herr Bangkert, welcher in Marabahan Assistent-Resident

war, sah in den einzelnen Truppen der Dajaker, welche bei Amuntai,

Barabei, Buntok und längs des Martapuraflusses schwärmten, nur noch

»einzelne böswillige Marodeure«, und versicherte gegenüber dem

Residenten Nieuwenhuizen, dass es ihm ein Leichtes sei, den dajakschen

Häuptling Suropatti wieder zur Unterwerfung zu bringen, weil er mit ihm

vor 7 Jahren ewige Freundschaft beschworen habe.

Induamban jedoch, die Tochter eines Häuptlings der Dusson ulu, hatte

ewige Feindschaft den verhassten Blanken geschworen; der Krieg

dauerte schon beinahe ein Jahr und noch kein einziger europäischer

Schädel wurde ihr angeboten, ihr, der Tochter des Gusti Leman, des

angesehensten Häuptlings im Gefolge Suropattis. Nur den Kopf einer

malayischen »Soldatenfrau« und eines javanischen Soldaten hatte

ihr Freier ihr zu Füssen gelegt; sie müsse jedoch auch den eines

holländischen Officiers bekommen. Sie zog von Lager zu Lager, nur

bekleidet mit dem Saloi und der Glasperlenschnur um den Knöchel des

rechten Fusses. Ihr rabenschwarzes, glänzendes Haar liess sie frei

über die Schultern flattern, und wenn Abends die Männer halb trunken

vom Tuwak vor dem Lager Wache hielten, erschien sie mit glühenden

Augen, fasste krampfhaft ihre Brüste und hob ihren rechten Fuss

gegen die Schildwacht mit den Worten: »Dies für einen holländischen

Officier.« Sie erzählte auch, dass sie schon siebenmal den Flug des

Antang (Falken) beschworen habe, und jedesmal sei er gegenüber den

rechten Pfeilen erschienen, dass die Töchter der Sonne (Mahatara)

ihr Vornehmen guthiessen, dass sie vor Sonnenuntergang zum Bigal

(Flussraub) und nicht zur Kajau (Kopfjagd durch Lauern im Walde)

ausziehen müssten, dass, sie wisse es aus guter Quelle, ein Feuerschiff

Suropatti werde abholen, dass alle Officiere und Bangkert in ihre

Hände fallen werden, und dass auch sie, ihre Freunde, welche jetzt im

Lager zu Amuntai versammelt, an diesem Bigal theilnehmen könnten, und

dass sie dem Bringer des Kopfes des ersten Officiers nicht nur für

immer angehören wolle, sondern dass sie den Kopf in Stücke schneiden

und jedem ihrer Freunde ein Stück schenken wolle. Sie wisse dies

sicher, denn ein Sanggian habe ihr (im Traume) ein viereckiges, gelbes

glänzendes Steinchen gezeigt, welches hinter dem Opferstock des letzten

Todtenfestes liegen sollte. Kaum war dieses am achten Tage beendet,

wartete sie den Sonnenuntergang ab, und als Alle sich in den Kampong

zurückgezogen hatten, um mit den Bliams und Bassirs zu ....., da sei

sie hinter den Opferstock gegangen und fand diesen gelb glänzenden

Stein. Dabei zog sie wild die Brüste auseinander, zwischen welchen,

auf einem dünnen Rottangschnürchen befestigt, ein gelbes Steinchen zum

Vorschein kam.

21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo. · 第 12 / 26 段