Zu allen ihren Festen wurde ich von Dajakern eingeladen, weil ich

ein dankbarer Gast war; ich brachte nämlich ein oder zwei Flaschen

Genevre mit und begnügte mich, ein ganz passiver Zuschauer zu sein.

Wenn jedoch der Herr Y. kam, liefen die Mädchen entweder ganz weg oder

zogen sich mit ängstlicher Miene in eine Ecke zurück, wie erschreckte

Schafe in einen Stall, nicht weil er ihre Keuschheitsgefühle (?)

wiederholt beleidigt hatte, +sondern weil er Tyrannengelüste als ein

Servitut seiner Stellung beschaute, das nicht bezahlt werden dürfe+.

Das ist ja, wie wir bereits andeuteten, die ärgste Schande für ein

dajaksches, ja selbst für ein malayisches Mädchen. Vor mir fürchteten

die dajakschen Mädchen sich nicht, weil ich die Rolle des nüchternen

Beobachters niemals verliess, und diesem Umstande verdanke ich es

auch, dass ich in ihren Glauben und Liturgie, in ihre Gebräuche und

Sitten einen Einblick erhielt, wie wenig Andere, obzwar der Controleur

X.[18] darin einen wachsenden Einfluss meinerseits sah, der unterdrückt

werden musste. Als ich z. B. (vide Seite 80) meine Reise nach Telang

antreten wollte, musste ich einen Kahn miethen, und zwar den einzigen,

der in Buntok zur Verfügung stand, den des Kamponghäuptlings. Zufällig

erkundigte ich mich Abends bei ihm, ob der Kahn schon gereinigt sei.

Ja, erwiderte dieser, aber der Herr Controleur giebt mir nicht die

Erlaubniss, den Kahn zu vermiethen!!

Ein andermal war ich bei einem Feste gewesen, und als ich nach Hause

ging, folgte mir ein Dajaker mit einer Schüssel als Gegengeschenk

für die zwei Flaschen (3 Liter) Genevre, welche ich gebracht hatte.

Der Controleur erfuhr dies durch seinen Bedienten und schickte den

Befehl, dem Feste ein Ende zu machen, weil der Controleur in seinem

Mittagschläfchen gestört werde. Die Dajaker fühlten diesen Wink mit

dem Zaunpfahle, schickten auch dem Controleur eine Schweinskeule und

-- mochten weiter singen, tanzen und spielen!! Ob solche Geschenke,

Slametans (javanisch Sedekah) genannt, auch unter den Dajakern üblich

seien, will ich bezweifeln. Bei den Malayen, bei den Javanen u. s. w.

ist der Slametan eine Landessitte: Ein eingeborener Feldwebel

verheirathet z. B. seine Tochter und möchte gerne die Officiere zum

Tanzfeste einladen. Er schickt also an die Frau oder Haushälterin

der Officiere eine Schüssel mit einem geschlachteten oder lebenden

Huhn, 10-20 Eier, eine Staude Pisang und andere Früchte. Der Anstand

erfordert, dass man nicht nur diese Geschenke annimmt, sondern auch

sofort ein Gegengeschenk, und zwar in Geld macht. Wenn der Betrag nicht

höher ist als der Werth des gesendeten »Slamatans«, dann kann man in

Zukunft von solchen Aufmerksamkeiten vielleicht verschont bleiben. Will

man jedoch seine besondere Erkenntlichkeit für die Einladung zeigen,

dann giebt man ½-1 oder 2 fl. mehr und wird beim Erscheinen des Festes

besonders herzlich empfangen.

Dieser malayischen Sitte also wollten die Dajaker folgen, wenn sie

mir, wie erwähnt, ein Gegengeschenk brachten, und zwar die Keule eines

Wildschweines und einige Früchte.

Wenn sie auch den Tuwak[19] als Volkstrank stark gebrauchen, so

ziehen sie doch den Genevre vor, obschon oder vielleicht weil sein

Alcohol bedeutend grösser ist. Gewöhnlich hat der Tuwak 3-5% Alcohol

und der Genevre 40-50%; ersterer kann dadurch in viel grösseren

Mengen getrunken werden als der Genevre; alle Feste der Dajaker

dauern 4-6-8 Tage; der Tuwak wird in grossen Töpfen (Blanggas) auf

den Festplatz gebracht und von Alt und Jung, von Frau und Mann mit

halben Cocosnussschalen aus den Blanggas geschöpft. Sie werden

dadurch fröhlich, ausgelassen, aber nur selten betrunken. Eine

solche Orgie muss man gesehen haben, um an sie glauben zu können. Es

war ein »Todtenfest«, bei welchem ich zum ersten Male eine solche

»Ausgelassenheit« der Dajaker sah, welche ein Beamter sittlich

entrüstet nicht mit ansehen wollte.

Der Kamponghäuptling, zu dem ich im Jahre 1877 gerufen wurde, um ihm

in seiner schweren Krankheit (Carcinoma vesicae) Hülfe zu leisten, war

gestorben; sein Körper war auf das Feld gebracht und in einem hölzernen

Sarge der Verwesung übergeben. Nach dieser Zeit sollte das Todtenfest

beginnen. Eile hatte es damit nicht, weil die Wittwe zu alt war, um

an eine zweite Heirath zu denken, und weil ein solches Fest viel Geld

kostet. Nebstdem hatten sie gehört, dass Muarah Teweh aufgelassen

werden sollte; sie konnten dann vielleicht zu Ehren der Verstorbenen

einige Sclaven opfern, wie es bei den unabhängigen Dajakern damals

noch üblich war. Da jedoch noch Ende 1878 das Fort Teweh bestand und

noch immer keine Anstalten zum Verlassen der Boven-Dusson genommen

wurden, entschlossen sie sich endlich, für ihn das Todtenfest zu

halten, ohne Sclaven zu opfern; denn der Geist (liau) wurde zwar in

den ersten 24 Stunden nach seinem Tode vom Charon (Tampon Telon) nach

dem »Wolkensee« gebracht, aber die Seele, welche erst nach Ablauf des

Todtenfestes dahin gebracht wird, um sich mit der »liau« zu vereinigen

und die Freuden des Himmels zu geniessen, blieb, so lange der Sarg des

Verstorbenen nicht bestattet ist, unbefriedigt schweben. Die Wittwe

ist, so lange das Todtenfest nicht gegeben ist, »pali«; ihre Kinder

sind »pali«, d. h. sie sind unrein und werden von den Sanggiangs (gute

Geister) nicht erhört. Nebstdem muss die Wittwe die Trauerkleider, d. h.

stets ein Kopftuch und schwarze Kleider tragen (unmittelbar nach dem

Tode trägt sie jedoch weisse und erst später schwarze Kleider). Das

sind genug Ursachen, um das Todtenfest sobald als möglich zu geben,

d. h. sobald die grossen Ausgaben, welche damit verbunden sind, gedeckt

werden können. Unser Häuptling hatte keine Sclaven officiell, d. h. er

hatte nur »Schuldner, welche ihre Schuld durch Arbeit auf dem Felde

und in dem Hause zu tilgen sich verpflichtet hatten«; diese aber beim

Todtenfeste seines Vaters zu opfern, wagte er nicht wegen Anwesenheit

des Forts; er wählte also dazu Karbouwen (indische Büffel), welche

dasselbe Schicksal erlitten, als den Sclaven zugedacht war. Sie wurden

an einem Opferstock festgebunden, und ihnen gegenüber nahmen die Männer

in voller Kriegsrüstung in einer Reihe Platz; einer nach dem andern

sprang aus der Reihe hervor, und unter dem Jubelgesang der Bliams und

Bassirs schwang er seine Lanze gegen den unglücklichen Stier, der, nur

leicht verwundet, ein fürchterliches Gebrüll ausstiess.

Ein fürchterlich schöner und doch erbärmlicher Anblick war es, ein

solch colossales plumpes Riesenthier mit seinen gutmüthigen Augen

und seinen massiven Hörnern machtlos und wehrlos gefesselt zu sehen

und preisgegeben dem mordlustigen Spiele der Menschen. Wir Europäer

sassen auf einem hohen Gerüst und waren ausser Gefahr, auch wenn es

dem Büffel gelungen wäre, seine Fesseln zu brechen und in blinder Wuth

sich auf seine Quäler zu stürzen. Drei Jahre später sah ich dieses.

Ein Karbouw sollte geschlachtet werden; die Sundanesen (Bewohner des

Westens von Java), welche seinen Kopf mit dicken Stricken auf dem

Blocke festhalten sollten, liessen plötzlich die Stricke los, mit einem

wilden Angstschrei zog sich der Büffel aus der Schlinge und stürzte in

die umgebende Menge, welche sofort auf die nächsten Bäume flüchtete;

ich selbst hatte noch Zeit, mein Pferd zu besteigen, welches mich bald

ausser Gefahr brachte. Wenn man im täglichen Leben einer Heerde dieser

Riesenbüffel begegnet, oder sie im Sumpfe baden sieht, während nur ein

kleiner Bube die ganze Heerde leitet und sie wäscht, dann bewundert

man den sanften Charakter dieser Ungeheuer, welche jedoch ihrer Kraft

sich ganz gut bewusst sind. In Tjilatjap fuhr ich mit meinem Mylord,

welcher mit zwei Pferden bespannt war, durch eine Heerde von diesen

Riesenbüffeln; um keinen Millimeter wichen sie aus, so dass das

Spritzbrett meines Wagens zertrümmert, ohne dass nur ein Karbouw auch

nur ein Haar breit zur Seite gedrängt wurde.

Endlich hatte der letzte der anwesenden Dajaker seine Lanze in das

Herz des Karbouws gestossen, mit einem fürchterlichen Gebrüll, dem

sofort das Todesröcheln folgte, stürzte der Riesenbüffel zusammen,

und Alt und Jung stürzte sich auf ihn, um Stücke abzuschneiden und

kochen zu lassen. Während dieser Zeit begann der Reigentanz; die

dajakschen Schönen waren zu Ehren der anwesenden Gäste (der Resident,

Assistent-Resident, Controleur und wir zwei Officiere) in Festgewand,

mit Sarong, Badju und Selindang gekleidet und umstanden einen

Opferstock, auf welchem eine Ziege angebunden war. Die weibliche Jugend

umzog tanzend in einem Reigen den Altar, indem sie in der einen Hand

die Tóte hielten und darauf bliesen, und mit der anderen Hand die der

Nachbarin berührten; unter dem ohrzerreissenden Schalle der Pauken

und der kupfernen Becken sangen sie ihr illa-la-hap, blieben stehen,

beugten sich und drehten den Körper rechts und links, um wie eine

Sprungfeder aufzuschnellen. Um diesen Reigen bewegten sich drei Bassirs

mit vorausgestreckten Armen, in welchen grosse kupferne Ringe hingen,

und die dritte Reihe bestand aus zwei -- Clowns; sie trugen nur eine

Schwimmhose und hatten eine Maske vor dem Gesicht.

Den ernsten Gesang der Bassirs begleiteten diese Bajazzos mit Sprüngen

und ekelhaften körperlichen Bewegungen; bald näherten sie sich den

Mädchen und ahmten unter dem schallenden Gelächter der Frauen die

Bewegungen des Coitus nach, bald brachten sie ein Gläschen Genevre an

die Lippen einer Schönen und liessen sie das Gläschen in einem Schluck

leer trinken, und bald carikirten sie die Bewegungen der Bassirs.

Ich habe noch nie so ein widerliches, ekelhaftes Fest gesehen, als

dieses Todtenfest bei den Dajakern; ich muss jedoch beifügen, dass

nur diesen einen Tag wir Europäer officiell Zeuge waren (es dauerte

ja 8 Tage), und dass nicht nur zu Ehren der Todten solche Orgien

gefeiert werden, sondern bei jeder Gelegenheit; das für das Todtenfest

charakteristische Abholen der Leiche von dem Felde, das Aufbahren der

ausgetrockneten Leiche, das Schmücken derselben u. s. w. haben wir

nicht gesehen, ebenso, als wir Abends nach Fallen der Sonne die Bassirs

und Bliams nicht ihre Rollen vertauschen sahen. Sie haben aufgehört,

Zauberer zu sein, und beim Scheine der kleinen Harzflammen beginnen

jene schon angedeuteten Orgien, welche zwar in Europa nicht unbekannt

sind, aber doch nur von Wenigen geübt werden. Wenn Rousseau etwas

von +diesen+ »Naturmenschen« gewusst hätte, wäre in seinem Emil

niemals ihnen eine Hymne gesungen worden.

Nach Perelaer lautet die erste Strophe des Liedes, welches die Bassirs

beim Todtenfeste sangen, wie folgt:

Dedari liau olo matai, tandjong ambon dari liau[20]

Balongkangnihau tandjong danom manawan.

6. Capitel.

Ameisen und Termiten in den Wohnungen -- Verderben der Speisevorräthe

-- Milch-Ernährung der Säuglinge -- Aborte Tjebok -- Transpiration

in den Tropen -- Baden -- Siram = Schiffsbad -- Antimilitärischer

Geist der Holländer -- Das Ausmorden der Bemannung des Kriegsschiffes

„Onrust“, von den Dajakern erzählt.

Bei der Einrichtung eines »Hauses« muss man in Indien auf vieles

bedacht sein, das in Europa kaum in Betracht gezogen wird; die üppige

Flora und Fauna der Tropen z. B. können des Guten zu viel leisten.

Abgesehen von der Gefahr, in seinem Garten Bäume und Früchte zu halten,

welche durch ihre Grösse beim Herabfallen geradezu gefährlich werden

können, ist es nicht rathsam, wogegen so häufig gesündigt wird, auf den

Mauern Schlingpflanzen anzubringen; es nesteln sich darin zahlreiche

Insecten, welche bei Gelegenheit ins Zimmer kriechen. Ein schöner Baum

ist der Seite 101 erwähnte Waringinbaum; mit seinem mächtigen Laub und

den zahlreichen Luftwurzeln wird er oft ein stattlicher, herrlicher

Baum; seine Wurzeln aber pflanzen sich weit unter dem Boden fort und

unterminiren die Grundmauern; sie müssen also in bedeutender Entfernung

von dem Hause (wenigstens 20 Meter weit) gepflanzt werden. Eine gleiche

Gefahr bieten die mächtigen Rhizophoren, welche ein gutes Brennmaterial

liefern; da sie jedoch nur in neugebildetem Alluvialboden gedeihen, und

da selten ein »Haus« in diesem gebaut wird, so ist diese Gefahr der

Mangroven nur eine theoretische. Auch ist es nicht empfehlenswerth,

stark riechende Blumen im Hause zu halten, obzwar die Ventilation der

Wohnungen intensiver ist als in Europa. Halbeuropäische Frauen und

noch mehr die Eingeborenen gebrauchen gerne Odeurs, welche geradezu

betäubend sind und selbst Kopfschmerzen verursachen, z. B. die Blüthe

der melatti (eine Jasminumsorte), welche sogar von den malayischen und

javanischen Dichtern in allen Tonarten besungen wird.

Aber auch die Fauna ist so üppig, dass selbst im täglichen Leben gegen

ihren zu grossen Reichthum Maassregeln genommen werden müssen. Gegen

die Riesen des Urwaldes hat der Einzelne in seinem »Hause« nur selten

sich zu schützen; denn sie ziehen sich vor dem Menschen zurück; auf

der Jagd nach ihnen habe ich natürlich so manche Vorsichtsmaassregeln

nehmen müssen, um nicht umgekehrt ihnen eine Beute zu werden; aber

die grosse Welt der kleinen Thiere giebt im »Hause« den Menschen

viel zu schaffen. Zahlreiche Eidechsen sieht man auf den Mauern

herumlaufen; diese sind jedoch gern gesehene Gäste, weil sie uns in

der Jagd gegen die Mosquitos und andere Insecten helfen. Wenn zur

Zeit der Kenteringe vor dem Regen grosse Schwärme von fliegenden

Ameisen (Larong) die brennenden Lampen des Abends umkreisten und auf

den Tisch mit dem Verlust ihrer Flügel niederfielen, da machte es mir

immer viel Vergnügen, den grossen Appetit meiner zahmen Eidechsen zu

bewundern. Scheu waren sie nicht und fürchteten sich vor mir nicht im

Geringsten. So lagen sie auf dem Tische auf der Lauer, und sobald eine

Ameise auf den Tisch fiel, weil sie sich an dem warmen Lampencylinder

verbrannt hatte, stürzten sie aus ihrem Schlupfwinkel und verschlangen

die Ameise. Zu ihrer Lieblingsspeise gehört auch die Walang sangit

(Stenocoris varicornis), welche einen fürchterlichen Gestank verbreitet

und oft bedeutenden Schaden den Reisfeldern verursacht. Zu den

tolerirten und aus denselben Ursachen gern gesehenen Gästen gehören die

Frösche, welche in die Veranda gesprungen und hin und wieder auch ins

Haus kommen; denn auch sie verzehren eine grosse Menge der Insecten;

Wanzen habe ich nur in den Spitälern gesehen; aber die Ameisen sind

eine fürchterliche Plage der Hausfrau, sowie die »weissen Ameisen«,

besser Termiten (termes fatalis) genannt, in ihrer Gefrässigkeit

geradezu gefährlich werden. Von diesen sah ich oft 1 Meter hohe Nester,

welche so hart waren, dass sie mit der Hacke zertrümmert werden

mussten, um das Innere besichtigen zu können. Es war ein Erdhügel aus

Lehm mit zahlreichen, labyrinthähnlichen Gängen. In der Mitte lag die

Königin, welche von den Malayen gern gegessen wird. Aber auch die

Larongs sind ein Leckerbissen der Javanen und Malayen. Zur Zeit des

Schwärmens werden im Hause weisse Lavoirs unter die Lampe mit Wasser

gefüllt gestellt. Die schwärmenden »weissen Ameisen«, wie der Holländer

die Termiten nennt, versengen an der Lampe die Flügel oder die Füsse,

oder sie fallen, erschöpft durch die ausstrahlende Wärme der Lampen,

nieder und werden im Wasser aufgefangen; die Flügel werden, wenn sie

nicht schon abgefallen sind, herausgerissen und die Termite selbst

in Oel mit oder ohne Mehl gebacken. Ich konnte mich niemals dazu

entschliessen, mich durch Kosten von ihrem mandelähnlichen Geschmacke,

den sie haben sollen, zu überzeugen. Ob die javanischen Gourmands

jemals einen europäischen Feinschmecker in ihre Gilde aufnehmen werden?

Ich bezweifle es. Beinahe täglich kann man im Kampong oder selbst in

seinem eigenen Garten 2-3 Mitglieder seiner Bedienten auf dem Boden

hintereinander sitzen sehen, welche auf dem Kopfe ihres Vordermannes

gewisse ungeladene Gäste suchen und +verspeisen+.

Bekannt ist es, dass die Termiten grossen Schaden anrichten

+können+, wenn man ihrem gefrässigen Triebe keine Grenzen

setzt. Mir gelang dies immer, so dass ich während meines 21jährigen

Aufenthaltes in den Tropen nicht den geringsten Schaden durch die

râjaps erlitt. Meine Kästen liess ich niemals +an+ den Mauern

stehen, sondern in einer Entfernung von 2-3 cm.; die Füsse derselben

ruhten entweder in zinnernen Näpfen, welche mit Wasser oder Petroleum

gefüllt waren, oder auf kleinen zinnernen Platten; auch die Kisten und

Koffer standen nicht auf dem Fussboden selbst, sondern auf Ziegeln;

jede Woche wurden alle Kästen, Koffer und Kisten zur Seite geschoben

zur Controle, ob die Termiten sich unter denselben nicht angesiedelt

hätten; täglich wurden die Matten von dem Fussboden aufgenommen, um

nach Oeffnungen zu suchen, aus welchen sie ins Haus hätten dringen

können. Oft genug sah ich dann zwischen den Fugen des Fussbodens

kleine Sandhügelchen mit einer Oeffnung, in welcher die Termiten aus-

und eingingen. Ich goss in die Löcher Petroleum oder Carbolsäure (5%

Auflösung), um für lange Zeit von ihrem Besuche verschont zu bleiben.

Lästig sind die +schwarzen+ Ameisen, welche von Vielen gern

gesehene Gäste sind, weil, wie man behauptet, sie die Termiten

vertreiben. Thatsache ist, dass ich beide niemals zu gleicher

Zeit in meiner Wohnung hatte. Die schwarzen Ameisen scheinen eben

aussergewöhnlich stark entwickelten Riechnerv zu haben. Es ist oft

unglaublich, wie sicher und schnell diese Ameisen ihre Beute finden.

Lässt man z. B. die Zuckerbüchse unbewahrt Abends auf dem Tische

stehen, so ist den andern Morgen die Oberfläche schwarz von Ameisen;

Man muss also die Zuckerdose immer in einer Schale mit Wasser stehen

lassen. Aber nach einigen Tagen hilft dieses Präservativ auch nicht

mehr, wenn die Zuckerschale nebstdem nicht gut geschlossen ist. Man

sieht dann auf dem Wasser Leichen von Ameisen schwimmen, auf welchen

die lebenden sorglos ihre Näscherei aufsuchen. Nach der Ansicht der

Eingeborenen opfern sich einige Ameisen dem Tode durch Ertrinken, um

mit ihrem Leichnam eine Brücke zu bauen, auf welcher ihre Brüder zu

dem Zucker gelangen können. Natürlich ist der Speisekasten immer und

ewig ihren Einfällen ausgesetzt und selbst, wenn seine Füsse in Näpfen,

mit Wasser und Petroleum gefüllt, stehen. Die Eingeborenen behaupten,

dass in einem solchen Falle die Ameisen, durch den Geruch der Speisen

angelockt, sich vom Plafond auf den Kasten fallen lassen; ich fand

jedoch eine andere Erklärung dieser eigenthümlichen Erscheinung. Die

Hausfrau lässt nämlich im Eifer ihres Amtes die Thür des Kastens offen

stehen, welche sich an die Mauer anlehnt; von dieser finden sie dann

ihren Weg in den Kasten. Man erwehrt sich also der schwarzen Ameisen

am besten, wenn man auf dem Tische keine Speisen stehen lässt, den

Speisekasten in einiger Entfernung von der Mauer und seine Füsse in

einen Napf mit Petroleum stellt; Wasser zu diesem Zwecke zu gebrauchen,

ist darum nicht praktisch, weil es von den Hunden, Katzen und Ratten

in der Nacht ausgetrunken wird. Sind die »weissen Ameisen« auch

gefährlicher als die schwarzen Ameisen, weil sie alles zerstören,

was aus dem Thier- und Pflanzenreich stammt (Banknoten und hölzerne

Schiffe fielen schon ihrer Fresswuth zum Opfer), so sind die schwarzen

Ameisen wieder lästiger, weil sie eine ununterbrochene Aufmerksamkeit

der Hausfrau erfordern, um die Speisereste vor ihren Angriffen zu

beschützen. Leider sind diese nicht die einzigen Feinde, gegen welche

die Hausfrau einen steten Kampf führen muss. Die drei Factoren, welche

die Entwicklung der Bacterien ermöglichen, organische Stoffe, Wärme

und Feuchtigkeit, befinden sich in Indien zu allen Zeiten und an allen

Orten. Dadurch verderben die Speisen sehr leicht und sehr schnell unter

den Tropen. Nach 48 Stunden sind Fleisch und Fische schon ungeniessbar.

In Essig eingelegte Gurken u. s. w. haben in wenigen Tagen eine dicke

Schimmelauflage, wenn der Verschluss der Gefässe nicht luftdicht ist.

Wenn auch die Gurken u. s. w. unter der Schimmelschicht nicht verdorben

waren, so ekelte mich der Anblick so sehr, dass ich sie immer habe

wegwerfen lassen. Mit Milch zubereitete Mehlspeisen können kaum 24

Stunden lang bewahrt werden, weil sie darnach sauer werden. Fette

Fleischspeisen werden nach 2 Tagen ranzig. Das sind Verhältnisse,

welche den Hausfrauen viele Sorgen bereiten, wenn ihnen von den Männern

ein gewisser Grad von Sparsamkeit auferlegt werden muss.

In Buntok musste ich viele Conserven gebrauchen, weil weder von den

eingeborenen noch von den sogenannten Soldatenfrauen viele Sorten

Grünzeug gepflanzt wurden. Physolen (Katjang), Spinat (Bajem),

aubergines (terong = Solanum melongena), Gurken, Wassermelonen, Labu

(Lagenaria idolatrica), junge Bambus kamen auf meinen Tisch; ebenso

klein war die Abwechslung in den Fleischspeisen: Huhn, Ei, Fisch und

Beefsteak; ich musste also zu Conserven meine Zuflucht nehmen, um hin

und wieder junge Erbsen oder Spargel zu essen, oder californische

Birnen, Kirschen, Aepfel und Pfirsiche zum Nachtisch zu haben, oder

aber eine andere Fleischsorte geniessen zu können als Huhn und wiederum

Huhn u. s. w. u. s. w. Späterhin und zwar auf Java war eine Conserve

auf meinem Tisch eine grosse Ausnahme, es sei denn, dass ich Gäste

hatte.

Eine wichtige Rolle spielte die Milch. Wir hatten auf Borneo keine

Kuh, also auch keine Milch; die Rinder, welche uns das Rindfleisch

lieferten, wurden von Bengalis über Java und von Madura importirt und

niemals zur Zucht gebraucht; von Bandjermasing wurden sie in grossen

Kähnen nach Buntok und Teweh geschleppt, was oft wochenlang dauerte.

Sie waren bei ihrer Ankunft oft so mager, dass wir sie Kleiderstöcke

nannten, weil man auf die Hüfte factisch einen Hut aufhängen konnte.

Da diese Rinder das erlaubte Minimum an Gewicht gewöhnlich hatten, so

gab sich der chinesische Lieferant keine Mühe, diese Thiere fetter

werden zu lassen. Das Gras war in Buntok wegen der immerwährenden

Ueberschwemmung mit theilweise gemischtem Fluss- und Seewasser

schlecht; er hätte also die Rinder mit Reis mästen müssen; er that es

nicht; so geschah es selten, dass das Rind nach dem Schlachten, nach

der Enthäutung und nach der Entfernung der Eingeweide, des Kopfes und

der Füsse mehr als 75 Kilo wog. Nun, solche Rinder wären auch nicht

besonders geschickt für die Gewinnung einer guten Milch gewesen;

Ziegenmilch konnten wir ebenso wenig als Eselinnen- oder Pferdemilch

bekommen; Karbouwen sah ich auch nicht in Buntok, also wir mussten

Milch aus Conserven zum Kaffee und Thee nehmen. War auch diese nicht

zu bekommen, so quirlte ich in meinen Morgenkaffee ein Ei, welches

selbst ein angenehm schmeckendes Surrogat für Milch ist. Weniger

für Erwachsene als für Säuglinge ist ja Milch eine Lebensfrage. Es

kommt wohl selten bei den dajakschen und malayischen Müttern ein

vollständiger Mangel an Milch vor; ich wenigstens habe kein einziges

Mal gehört, dass eine eingeborene Mutter ihr Kind nicht säugen konnte;

dass sie jedoch zu wenig oder zu schlechte Milch haben, sah ich öfters;

sie helfen sich dadurch, dass sie das Kind mit einem Brei vollstopfen,

welcher aus weichgekochtem Reis, Pisang und Zucker besteht. Die

Zweckmässigkeit dieser Kinderernährung lässt sich theoretisch

bestreiten; ob aber die Sterblichkeit unter den eingeborenen Kindern

eine grössere oder kleinere sei als unter den Europäern, ist gar kein

Zweifel, wenn wir auch keine statistischen Ausweise darüber haben.

Java hatte im Anfange dieses Jahrhunderts 5 Millionen Seelen, heute

25 Millionen; die Sterblichkeit kann also nicht gross sein. Aber es

ist eine kleine und schwache Rasse; dieses spricht nicht für die

Zweckmässigkeit der vegetabilischen Kinderernährung. Nebstdem ist es

bekannt, dass die eingeborenen Kinder einen Hängebauch haben, der unter

dem Namen »Reisbauch« bekannt ist.

21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo. · 第 11 / 26 段