Dajaker, zufolge einer Sage im Dusongebiete, Darwinisten sind; die
Schöpfung der Menschen geschah auf diese Weise, dass Tempon Telon mit
einem fürchterlichen Blasen in die Versammlung der aufrührerischen
Thiere flog und dadurch drei Sorten von Affen Menschengestalt gab;
aus dem Keesch (Cercopithecus cynomolgus) wurde der Javane, aus dem
Orang-Utang der Dajaker und aus dem Nasenaffen mit weisser Glabella,
und weissem Präputium der Europäer; da ich unsern Stammvater, d. h. den
Nasenaffen, niemals besass, weiss ich nicht, ob der Nasenaffe dieser
Sage mit dem Nasalis larvatus identisch sei.
Von den Halbaffen Borneos hatte ich nur den Tarsius spectrum und den
Plumplori (Stenops tardigradus).
Auch die Frage von dem Vorkommen von Elephanten auf Borneo muss ich mit
wenigen Worten besprechen, weil, um nur ein Beispiel anzuführen, ich
in Batavia im Jahre 1896 darüber interpellirt wurde. Meines Wissens
nach kommen sie +nicht+ auf Borneo vor; ich sass ja im Herzen
von Borneo, niemand hatte sie gesehen, die dajaksche Sprache hat kein
Wort für diese Ungeheuer des Waldes und der gebildete Dajaker spricht
nur von gâdja, welches Wort malayisch ist; niemals sah ich einen
Zahn oder sonst einen Theil eines Elephanten, und jede Information,
die ich darüber nahm, hatte kein anderes Resultat als dass eine
Rhinocerossorte, aber kein Elephant auf der Insel Borneo vorkomme.
Bekanntlich wird erzählt, dass vor ungefähr 140 Jahren die ostindische
Compagnie an den Sultan von den Sulu-Inseln (im Osten von Borneo)
einige Elephanten zum Geschenk gegeben habe, dass er jedoch gefürchtet
hatte, dass diese »theuren« Gäste seinen Vorrath von Reis in kürzester
Zeit auffressen würden, und dass er sie also auf die Küste von Borneo
bringen und weglaufen liess. Selbst Friedmann, welcher ebenfalls
diese Erzählung mittheilt, fügt hinzu, dass jedoch Elfenbein allein
von todten Thieren gefunden worden, und dass zu seiner Zeit niemals
ein lebender Elephant gesehen worden sei. Aus obiger Ursache jedoch
muss ich sogar annehmen, dass überhaupt die ganze Erzählung jeder
historischen Basis entbehre.
* * * * *
Bei unserer Ankunft in Buntok am 1. Januar 1880 war das Fort
fertig, aber für zwei Officiere fehlten noch die Wohnungen; der
Platz-Commandant wohnte im Forte, ich zog zum Aspirant-Officier der
»Genie« (= Ingenieurs), und der dritte Officier bezog vorläufig im
Fort die Wohnung eines Feldwebels. Natürlich wurde der Bau passender
Häuser für zwei Officiere sofort angefangen, und zwar wenige Schritte
entfernt von der Südseite des Forts. Nicht nur in Holland, sondern
auch in Indien bewohnt in der Regel jede Familie »ein Haus« und nicht
»eine Wohnung«, und der echte holländische Spiessbürger hat nur
Mitleiden für den Wiener oder Berliner, welcher kein eigenes »Haus«
bewohnt, sondern mit vielen Andern den Gebrauch eines Hauses theilt.
In Indien, wo der Grund ausserordentlich billig ist, hat nebstdem
jedes Haus einen grösseren oder kleineren Garten, welcher in erster
Reihe Fruchtbäume und nur ausnahmsweise Blumenanlagen hat. Natürlich
sind die Häuser ohne Stockwerke, haben die Villaform im entarteten
altgriechischen Stile und sind aus Bambus, Holz oder Stein gebaut. Wenn
ich auch im letzten Jahre meines Aufenthaltes in Indien, und zwar in
Samarang, Häuser im Schweizerstil erbauen sah, so ist im Allgemeinen
der Typus +aller+ Häuser folgender: Das Haus hat die Form eines
Oblongums und besteht aus einer vorderen und hinteren Veranda, welche
mit einem Gange verbunden sind und zu dessen Seite je 2-3-4 Zimmer
sich befinden. Ausserhalb des »Hauses« befinden sich die Speisekammer,
Bedientenzimmer, Küche, Aborte, Badezimmer, Stall, Wagenremise und
der Brunnen. Eine solche Wohnung wurde also auch für mich gebaut,
und zwar aus Holz; die inwendigen Wände wurden mit Tapeten belegt,
was ich seitdem niemals mehr gesehen habe. Es stand auf Pfeilern von
ungefähr ½ Meter Höhe; dies ist eine zweckmässige Maassregel. Wenn
auch der Grund des Hauses mit Steinen, trockenen Korallen oder Sand
ausgefüllt ist, so dringt bei hohem Stande des Flusses das Wasser im
weichen Alluvialboden nicht nur +bis+ an, sondern auch +in+
die Grundmauern des Hauses. Ist aber das Material des Unterbaues nicht
gut trocken, was sehr oft der Fall ist, wenn es lange Zeit vor dem
Gebrauche am Bauplatze aufgespeichert lag, oder wenn junge Korallen
angewendet wurden, von welchen z. B. die Thiere noch nicht abgestorben
sind, dann ist ein solches Haus auch bei niedrigem Wasserstande feucht;
es entwickeln sich Miasmen und verpesten das Haus.
Wenn aber das Haus ½-1 oder selbst 1½ Meter über dem Boden sich erhebt,
wenn unter dem Flur des Hauses sich ein Hohlraum befindet, z. B. ein
grosses Gewölbe, oder wenn das Haus auf hohen Pfeilern steht, so
dass der Wind die Zwischenräume gut durchstreichen kann, dann können
die Miasmen, welche aus dem feuchten Grunde aufsteigen, mit jedem
Windschlage vertrieben werden. Wenn nicht Sümpfe in der Nähe des Hauses
sich befinden, so ist die Richtung von Nordost nach Südwest die beste,
so dass weder den ganzen Vormittag, noch den ganzen Nachmittag die
Schlafzimmer von den heissen Sonnenstrahlen erwärmt werden. So wählte
auch ich das Zimmer im Osten zum Schlafzimmer; dadurch hatte ich zur
Zeit meines Mittagsschläfchens keine Sonne auf den Mauern meines
Schlafzimmers stehen, und auch zur Nachtzeit war die Temperatur darin
weniger hoch als im Zimmer auf der anderen Seite. Sind jedoch Sümpfe
in der Nähe, dann bestimmt die Lage derselben die Wahl der Thüren
und Fenster; bei Nacht werden die aufsteigenden Miasmen durch keine
versengenden Sonnenstrahlen vernichtet und darum ist es gefährlich, bei
offenem Fenster zu schlafen, wenn der Wind die Miasmen aus den nahen
Sümpfen gerade durch die Fenster ins Haus jagt. Dies war bei meinem
Hause der Fall. Da ich unmöglich den Sumpf drainiren oder trocken legen
konnte, liess ich zwischen meinem Hause und dem Sumpfe einen Schirm
pflanzen, welcher das Ueberstreichen der Miasmen verhindern sollte.
Weder Eucalyptus noch Sonnenblumen hatte ich zu diesem Zwecke gewählt;
ich wollte rasch Hülfe haben, und dies war nur möglich durch die Wahl
eines Baumes, welcher in kurzer Zeit hinreichend Laub erreicht. Auch
vor dem Eingange des Forts stand ein Schilderhäuschen, welches den
ganzen Tag den glühenden Sonnenstrahlen ausgesetzt war, weil die Bäume
kaum so dick als ein Spazierstock waren und nur geringes Laub trugen.
Es waren nämlich einige Waringinbäume (Urostigna benjaminum) gepflanzt,
welche erst nach Jahren eine stattliche Grösse erreichen; unterdessen
sollte jedoch die Schildwacht doch auch etwas Schatten haben; ich
schlug also vor, hier wie dort Warubäume (Hibiscus elatus??) pflanzen
zu lassen, welche schon nach einigen Monaten ein stattliches Laub
tragen.
Die Einrichtung des Hauses war die allgemeine, d. h. Rohrstühle aus
Djatiholz (Tectona grandis), Kasten und Tische aus demselben Holz,
Spiegel und Gemälde. Erst in den letzten 5 Jahren entwickelte sich
der Luxus, gepolsterte Stühle, schwere Vorhänge und Fussteppiche in
Gebrauch zu nehmen. Batavia begann damit, und schon in wenigen Jahren
wird dieser Luxus sich bis in die entferntesten Garnisonen aller Inseln
verbreitet haben; die Erfahrung muss erst lehren, ob dieser Luxus neben
dem hohen Preis noch andere Vorzüge habe. Denn die Stühle aus Djatiholz
mit Rottanggeflecht waren praktisch und schön. Die elegantesten Stühle
werden nämlich auf Java von den chinesischen Möbelmachern gemacht; nach
jeder Zeichnung und nach jedem Modell verfertigt der gezopfte Chinese
Alles, und um einen Preis, der in Europa unerhört ist. Ich besitze
momentan einen Rohrstuhl, welchen ich um 3 Fl. in Singapore gekauft
habe und der geradezu das Erstaunen aller Fachleute wegen seiner
schönen Arbeit, aber noch mehr um die Billigkeit erregt. Der Gebrauch
der Teppiche an Stelle der Matten muss auch noch erprobt werden; die
Matten haben zwar den Nachtheil, dass sie den blossen Füssen der
Kinder (auch Erwachsene gehen oft ohne Schuh[15] und Strümpfe im Hause
herum) nachtheilig werden können. Wenn sie nicht aus gutem Rottang
(Calamus), sondern aus anderem ordinären Schilfrohr, oder gar aus
Bambus geflochten sind, haben sie oft Unebenheiten, an welchen der
Fuss oder der Podex der herumrutschenden Kinder sich verletzen kann,
oder aber, was noch häufiger geschieht, sie sind so glatt, dass man
häufig ausgleitet und fällt. Es hat gewiss so manchen hygienischen
Nutzen, Teppiche zur Bedeckung des Bodens zu verwenden; wie sie sich
jedoch zu der Feuchtigkeit des Bodens und zu den zahlreichen Motten,
Mosquitos und Ameisen verhalten, dazu fehlt mir die Erfahrung. Auch
was die Vorhänge betrifft, bleibt die Frage noch immer offen, ob das
Neuere auch das Bessere sei. Ich hatte (wie überall) weisse Vorhänge
aus Vitrage, welche mit Vorhängen aus mehr oder weniger schönen
Cretonen garnirt waren. In den letzten Jahren sah ich jedoch schwere,
theure Vorhänge aus Damast u. s. w. die Fenster verzieren. Zum Mildern
des scharfen Lichtes habe ich weisse oder gefärbte Vitrage an den
Fenstern selbst anbringen lassen; also zu diesem Zweck sind theuere,
schwere Vorhänge entbehrlich; nebstdem werden sie in ihren Falten ein
Heer von Insecten und selbst Eidechsen bergen, wenn sie nicht täglich
ausgeklopft werden; aber die Zukunft wird es erst lehren, ob sie
+bleibend+ dem Möbel eines Hauses in Indien eingereiht werden
können.
Als ich im Jahre 189.. in Weltevreden bei einem Collegen zum ersten
Male eine solche nach europäischer Mode eingerichtete Wohnung sah mit
Divan, Teppichen, Vorhängen, Causeusen, Chaiselongues und diversen
Phantasiestühlen, da bedauerte ich es, dass auch in Sachen der Mode
Java am Gängelband von Europa läuft und jede Originalität aufgiebt.
(Auch in der Wissenschaft könnte Java sich von Europa emancipiren, und
dies wird auch geschehen, aber wann?)
Ist es zu bedauern, dass in Europa die verschiedenen nationalen
Trachten verschwinden und Platz machen der »französischen Mode«, noch
mehr verdient es Tadel, dass die Mode Europas ihr strenges Scepter
über Indien führt. Vor 20 Jahren trug keine Dame einen Hut, auch die
Männer nicht nach Sonnenuntergang, welcher täglich zwischen 6-6½
Uhr stattfindet, wobei die Dämmerung nur 10-15 Minuten dauert; nur
wenn eine Dame aus den höheren Ständen auf die Reise ging, und wenn
die Herren im Laufe des Tages ihren Geschäften nachgingen, trugen
sie Hüte. Gegenwärtig hat der Hut in allen Formen Indien erobert;
bei den Empfangsabenden, welche um 7 Uhr Abends beginnen, hat gewiss
schon die Hälfte der europäischen Damen den thurmhohen Hut auf dem
Kopfe, und gewiss 90% der Männer einen modernen Filzhut in der Hand;
ja selbst der Cylinder und der Claquehut haben sich der Köpfe der
höchsten Würdenträger bemächtigt. Im Anfange dieses Jahrhunderts kamen
die Damen im Sarong und Kabaya auf den Empfangsabend des Unterkönigs
in Buitenzorg, und am Ende desselben Jahrhunderts in Seiden- und
Sammetroben und Hüten von ½ Meter Höhe! O quae mutatio rerum.
* * * * *
Der Eingang in mein Haus befand sich im Garten und war üblicher Weise
mit Blumentöpfen umgeben, welche theilweise auf der Treppe selbst
und zum Theil in der Veranda standen. Diese Blumentöpfe waren jedoch
nichts anderes als die leeren Petroleumbüchsen und leere Bier- oder
Weinfässer, welche grün angestrichen waren. Andere Blumentöpfe aus
Lehm gebrannt, welche in verschiedenen Formen gegenwärtig in Java
um einen Preis von 8-25 Kreuzern gebraucht werden, waren auf Borneo
damals unbekannt; die Petroleumbüchsen werden jedoch noch heute gerne
überall zu Blumentöpfen umgewandelt, weil sie nicht brechbar sind.
Das Petroleum kommt nämlich in Kisten in den Handel, welche zwei
Büchsen zu je 18 Liter enthalten. (Im Innern Javas kosten diese 36
Liter Petroleum fl. 4·25 bis fl. 4·50. Die leeren Büchsen sind ein
sehr gesuchter Handelsartikel geworden, weil sie, wie gesagt, zu
Blumentöpfen und zur Versendung von Cocosöl u. s. w. gebraucht werden.
Seitdem in Java und Sumatra ergiebige Petroleumquellen entdeckt
wurden, werden diese Büchsen auch in Indien gemacht, und zwar aus
dünnen Zinnplatten, welche aus Europa bezogen werden.) -- Schön sind
solche Blumentöpfe nicht, wenn sie auch grün oder braun angestrichen
werden, aber dauerhaft sind sie. Auch im Garten selbst sieht man
diese Blumentöpfe stehen, ohne dass sie den bescheidensten Ansprüchen
des guten Geschmackes entsprechen; dass jedoch so selten Blumenbeete
gefunden werden -- ich sah sie nur bei Pflanzern -- hat seine gute
Ursache; ein grosser Theil der europäischen Bevölkerung ist flottirend,
d. h. die Beamten und Officiere werden häufig transferirt; jedesmal
hält der Transferirte Auction von seinen Möbeln u. s. w.; Blumenbeete
können natürlich nicht transportirt werden, aber Blumentöpfe; hinc
illae lacrimae. Da nebstdem die Blumen ein starker Modeartikel sind,
so kann ein geschäftlicher Geist mit dem Verkaufe der Blumentöpfe oft
einen hübschen Gewinn erzielen. Diese Aussicht hatte ich natürlich
nicht, weil bei einer etwaigen Transferirung nur mein Nachfolger der
einzige Käufer voraussichtlich war; denn damals hatten die eingeborenen
Häuptlinge der Umgebung, im Gegensatze zu ihren Amtsbrüdern auf Java,
noch kein besonderes Bedürfniss nach Blumentöpfen, Schaukelstühlen,
Lampen, Tischen, Illustrationen aus alten illustrirten Zeitungen, alter
Wäsche und Kleidern u. s. w. gezeigt, und ich war auf meinen Nachfolger
angewiesen, wie viel von der Einrichtung verkauft werden würde; hätte
er Möbel mitgebracht, so hätte ich alles um eine Kleinigkeit oder um
gar keinen Preis an den Mann bringen können.
Bei der Wahl der Bäume im Garten kann man nicht genug vorsichtig sein;
denn wenn man Kinder hat, welche gern im Garten spielen, können Bäume
mit grossen Früchten sehr gefährlich werden. Noch vor Kurzem hat Dr. F.
auf Java einen zweijährigen Sohn dadurch verloren, dass im Garten eine
Cocosnuss diesem auf den Kopf fiel. Ich liess also keine Palmen, keine
Durian und keine Nangka[16] pflanzen. Von Mangistan, Liberia-Kaffee,
Mangga und Pisangbäumen liess ich Ableger aus dem benachbarten Kampong
holen und sie in entsprechendem Abstand in den Boden stecken. Zu meiner
Genugthuung fassten alle Ableger Wurzel. Die Umgebung der Bäume blieb,
wie der ganze Garten, frei von Gras, weil ich Sand, mit Kalk und
kleinen Kieselsteinen gemischt, zum Pflaster des Gartens gebrauchte.
Der Graswuchs kann ja so üppig sein, dass es sehr viel Mühe kostet,
es aus dem Garten fernzuhalten. Noch muss ich bemerken, dass weder
die Fenster noch die Thüren des Hauses jemals durch die Bäume bedeckt
werden konnten, so dass der Wind immer das ganze Haus durchstreichen
konnte.
Natürlich erforderte das neue Haus eine landesübliche und
standesgemässe Einrichtung. Dem »Standesgemässen« wird leicht Genüge
geleistet. In der vorderen Veranda spielt sich nämlich, wenn ich mich
dieses Ausdruckes bedienen darf, das Salonleben ab; hier empfängt
man die Besuche; sie sind also darnach eingerichtet. Ein runder oder
ovaler Tisch mit sechs Schaukelstühlen, Lampe und Blumentöpfen ist die
Einrichtung eines kleinen Hauses in einem kleinen Orte; in grösseren
Orten, oder wenn man verheirathet ist und einen »jour fixe« hält, ist
eine zwei- oder dreimal so grosse Zahl von Stühlen mit einem oder zwei
Divans unvermeidlich; sehr oft hängen an der Mauer schöne Gravüren (von
Gopil z. B.) oder porzellanene Blumenvasen u. s. w. Auch ich war in der
Lage, meinen »Empfangssalon« standesgemäss einzurichten, obwohl die
Zahl der Stühle nicht gross zu sein brauchte; denn im Ganzen waren es
ja nur fünf Männer und eine Dame, mit welchen ein Verkehr möglich und
erlaubt war; wenn jedoch ein Dampfer zu uns kam, da musste schon auf
eine doppelte Anzahl gerechnet werden; nun dann nahm ich einfach die
Stühle meines Schlafzimmers u. s. w. zu Hülfe.
Die hintere Veranda, in der holländischen Sprache »achtergallery«
genannt, ist der Schauplatz des täglichen Familienlebens. In der Ebene
und in warmen Gegenden im Allgemeinen ist die hintere Veranda ebenfalls
eine offene Halle, und doch besitzt sie die ganze Einrichtung eines
Familien- und Speisezimmers. Im Gebirge jedoch ist sie häufig, aber
bei Weitem nicht immer, ein grosses Zimmer mit Fenstern, weil in der
Morgen- und Abendstunde die Temperatur[17] oft so niedrig ist, dass der
Gebrauch in der Haustoilette ein sehr unangenehmes Gefühl der feuchten
Kälte mit sich bringt. Hier wird von der Hausfrau und den Kindern der
ganze Tag verlebt, von hier aus hat sie Uebersicht über die Küche,
über die Bedienten, über den Garten und über die Speisekammer; hier
spielen die Kinder auf dem mit Matten bedeckten Boden, oder arbeiten
die Schulkinder ihre Hausaufgaben, hier versieht die Hausfrau alle ihre
Arbeiten, und hier wird auch gespeist. In einigen Häusern befindet sich
über dem Tische die Pongka, d. i. ein grosser Fächer, der mit einem
Stricke von einem der Bedienten während der Mahlzeit ununterbrochen
in Bewegung gehalten wird. Dieser Fächer wird in Englisch-Indien
häufiger gesehen als in Holländisch-Indien. Vor zwanzig Jahren war die
Pongka auf Borneo, und selbst auf Java noch ganz unbekannt. Es wird
mit ihr nämlich ein Luftstrom erzeugt, welcher besonders Menschen mit
Rheumatismus Anfangs lästig ist. Gewöhnt man sich jedoch daran, dann
bietet er eine angenehme Abkühlung.
Wie oft wird die malayische Rasse eine diebische genannt! In einer
offenen Veranda, welche mitten in einem kleinen Garten steht, der
von allen Seiten zugänglich ist, befinden sich nicht allein die
grossen Möbelstücke, als Buffet, Tische und Stühle, sondern Gläser,
silberne Messer, Gabeln und Löffel, zahlreiche Gemälde und Nippsachen
zur Verzierung der Mauern und Tische, und wie selten hört man von
einem Diebstahle! In jeder grossen Stadt Europas würde eine solche
Veranda nicht eine einzige Nacht von den Langfingern unbehelligt
bleiben. Einige Familien lassen zwar in der Veranda eine »Nachtwache«
... =schlafen!= welche eigentlich nur verhindern soll, dass
Räuber, Mörder oder Diebe in die geschlossenen Schlafzimmer eindringen
können. Landherren haben jedoch auch »nichtschlafende Wächter«, welche
vielleicht einige Dienste leisten.
Wie gross der Unterschied zwischen einer europäischen und einer
dajakschen Wohnung sei, möge folgende Schilderung der letzteren,
entnommen einem Vortrage, welcher in der geographischen Gesellschaft im
Jahre 1885 von mir gehalten wurde, die beste Illustration geben. Ich
muss hier jedoch für den Ethnographen bemerken, dass die Beschreibung
die eines Hauses ist, welches auf dem Baritu gegenüber der Mündung
des Tewehflusses, also gegenüber dem europäischen Fort lag und keine
Palissaden hatte. Es sind echte Pfahlbauten (die ich übrigens auch noch
im Süden von Java, an der sogenannten Kindersee und auf Sumatra gesehen
habe).
Im Süden Borneos, und zwar schon von Buntok aus, bestehen die Kampongs
(Dörfer) aus einzelnen Häusern, welche in gewisser Entfernung von
einander liegen und darum auch keine gemeinschaftlichen Palissaden
haben können; im Norden jedoch, wo die Dajaker in einem steten Kampfe
unter einander leben, sind diese Kampongs nicht mehr als ein langes
Haus von ungefähr 100 Meter Länge und stehen auf Pfählen von 1½-2 m
Höhe. Vor dem Hause stehen hin und wieder einige Ampatong, das sind
aus Eisenholz geschnitzte Figuren mit bis auf die Brust hervorragenden
Zungen und stark entwickeltem Charakter ihres Geschlechtes, nach
welchem sie auch in männliche und weibliche eingetheilt werden. Sie
dienen gewissermaassen zur Vogelscheuche, um nämlich die in der Luft
herumschweifenden Hantus, bösen Geister, von den lebenden Menschen
selbst abzuhalten, und speculiren dabei auf die Sinneslust dieser
feindlichen Bewohner der Luft. Die ganze Front des Hauses nimmt ein
Vorsaal ein, in dem das öffentliche Leben sich abspielt. Gäste werden
hier empfangen, Berathungen gepflogen, bei schlechtem Wetter ihre
zahlreichen Feste gefeiert u. s. w. Hier münden auch die Thüren der
Wohnungen der einzelnen Familien. In einer solchen Wohnung spielt
sich das tägliche Familienleben in allen seinen Phasen im einzigen
Raume ab. Auf dem Boden, der aus Latten von der Rinde der Arengpalme
besteht, liegen Matten zur Schlafstätte; der reiche Dajaker hat auch
einige Polster aus Kapok (indische Pflanzendaunen), manchmal sogar eine
Matratze. Im Hintergrunde stehen auf einigen thönernen Herden, Dâpur
genannt, die thönernen oder kupfernen Kessel auf Holzfeuern, und der
Rauch findet nur schwer durch das kleine Fenster oder durch die Lücken
der Matten den Weg nach aussen. Der Gestank der getrockneten todten
Fische mischt sich dazu mit den Ausdünstungen der Menschen. Der Kranke
oder das kleine Kind können nicht den Weg zum Flusse nehmen (wo der
Abort steht), weil nur ein Baumstamm mit Einkerbungen, oder eine Leiter
mit dünnen Bambusstäben die Treppe zum Flusse ist. Die Defäcationen
geschehen also im Zimmer und zwar über den Löchern in der Flur, und
Schweine und Hühner halten zwischen den Pfählen Wache, um den Dienst
der Sanitätspolizei zu übernehmen. In den Dächern mengen sich unter das
triefende Fischgeräthe, seien es Netze oder Seros, d. h. geflochtene
Körbe in allen möglichen Formen, die Schädel der theuern abgestorbenen
Familienmitglieder, oder erbeutete Schädel, die in einem Bündel von
Flocken aus der Nipapalme eingehüllt sind.
In diesen Häusern werden alle Phasen des persönlichen, des Familien-
oder des Gemeindelebens mit 4-8 Tage langen Festen gefeiert, bei
denen Venus und Bacchus abwechselnd sich die Hände reichen. Bei Tag
wird der Tuwak aus grossen Schalen getrunken, in Chören getanzt beim
ohrzerreissenden Schall der Pauken, und der scheidende Tag ladet
Jung und Alt, das ganze Dorf zur Orgie; ihre Priester (Bassirs) und
Priesterinnen (Bliams) sind Prostituées im strengsten Sinne des Wortes,
und wenn sie sich doch einer gewissen grossen Verehrung erfreuen, so
wird es Niemand überraschen, der die dualistische Erklärung eines
intelligenten Häuptlings vom Standpunkte eines Dajakers hört: »Die
Verehrung gilt ja nur ihrem Geiste und nicht ihrem Körper.« Sie sind
nämlich Zauberer und beschwören die Geister, welche über die Menschen
Krankheiten bringen, sie bannen die Hantu’s, welche dem neugeborenen
Kinde Unheil drohen, sie trachten die bösen Vorzeichen, welche einem
kriegerischen Unternehmen entgegenstehen, zu beschwören, sie massiren
die Kranken und Ermüdeten, wobei oft ein Splitter, kleine Schlangen
u. s. w. aus dem Körper geholt werden und -- prostituiren sich gegen
Bezahlung; die lesbische Liebe und die Sünden Sodoms und Gomorrhas
sind alltägliche Sünden, so dass ihre Priester eine zweite Ursache der
geringen Bevölkerung von Borneo sind. (Die erste ist, wie wir Seite 61
sahen, die Kopfjagd.)
Von den dajakschen Kampongs, welche vor ihren Palissaden hohe Stangen
mit den Köpfen der getödteten Feinde stehen haben, und von ihren
Tätowirungen weiss ich aus Autopsie nichts mitzutheilen. (Von der
Religion und Sprache der Dajaker will ich auch nicht sprechen, weil
dieses in den Rahmen eines ethnographischen Werkes und nicht in eine
Reisebeschreibung gehört, und weil thatsächlich das Material unter
meinen Händen wächst, auch wenn ich mich begnüge, das selbst Erlebte
und das mit eigenen Augen Gesehene mitzutheilen.)