Dieses war die erste, und beinahe möchte ich sagen, die einzige

Dysenterie-Epidemie, welche ich in Indien gesehen habe; im Jahre 1895

habe ich in Magelang (Java) auch zahlreiche Dysenterie-Kranke gesehen;

aber wie wir im Capitel »Java« sehen werden, kann in diesem Falle

von einer Epidemie stricte dictu nicht gesprochen werden. Ja noch

mehr, es ist noch die Frage, ob gegenwärtig in Java überhaupt noch

Dysenteriefälle vorkommen. Von Laien wird die Diagnose »Dysenterie«

sehr häufig gestellt, d. h. immer, sobald Blut im Stuhl sich zeigt;

aber diese Diagnose erfordert noch ein wenig mehr. Der Arzt wird

aber in gewöhnlichen Verhältnissen auf »Java« kaum alle Jahre einen

Dysenteriefall zu Gesicht bekommen; mit Recht wurde sogar vor dem Jahre

1894 bezweifelt, ob überhaupt die Dysenteria tropica auf Java noch

vorkomme; denn in der ganzen Armee wurden von 1891-94 12, 10, 9, 14,

also durchschnittlich 11 Dysenterie-Kranke behandelt. Dieser Zweifel

ist gerechtfertigt gegenüber jenem Theil der Bevölkerung, mit welchem

der europäische Arzt in Berührung kommt; denn dieser Theil, mag es ein

Europäer oder ein Eingeborener sein, trinkt kein Sawahwasser, ohne es

zu filtriren, oder gebraucht nur artesisches Wasser (in den grossen

Städten). Ob jedoch in jenen abgelegenen Kampongs, deren Bewohner

niemals einen europäischen Arzt zu Rathe ziehen, noch gegenwärtig die

Dysenterie vorkomme, weiss ich nicht; in der Armee, welche allein eine

Statistik von nennenswerther Bedeutung herausgiebt, waren bis zum Jahr

1894 die Dysenteriefälle immer nur vereinzelt. In diesem Jahre brachte

der Krieg auf Lombok mit seinen elenden und traurigen Erlebnissen eine

grosse Zahl von Dysenteriefällen, welche nach Java evacuirt wurden;

meistens kamen sie nach Magelang, wo auch noch später einzelne Fälle

vorkamen, jedoch keine Epidemie sich einstellte. Diese einzelnen Fälle

recrutirten sich auch aus Soldaten, welche +nicht+ auf Lombok

gewesen waren, wenigstens die letzten Wochen oder Monate vor ihrer

Erkrankung, so dass, was übrigens nicht mehr eines Beweises bedarf, der

infectiöse Charakter dieser Krankheit constatirt werden konnte.

5. Capitel.

Fort Buntok -- Orang-Utang -- Operationen -- Prostitué bei den Affen

-- Darwinisten -- Indische Häuser -- Möbelfabrikanten -- Französische

Mode -- Gefährliche Obstbäume -- Einrichtung der Häuser -- Dajakische

Häuser -- Götzenbilder -- Tuwak oder Palmwein -- Wittwenstand der

Dajaker -- Opfern der Sclaven -- Todtenfest.

Als mein Vorgänger im April 1877 Teweh verliess, nach Batavia ging und

von dort aus mir einen Brief schrieb, meldete er mir unter anderem,

dass ich nicht lange in dieser abgelegenen Garnison bleiben würde,

weil, wie ihm der Armee-Commandant mitgetheilt habe, die Aufhebung

Tewehs eine beschlossene Sache sei. Es dauerte aber drei Jahre, bis

(am 1. Januar 1880) das Fort eingezogen und nach Buntok verlegt wurde.

Es war für alle drei Officiere eine mit strenger Arbeit verbundene

Zeit, weil jeder einzelne in seinem Fach dafür sorgen musste, dass

alles so gut als möglich eingepackt zur Uebersiedlung an diesem

Tage bereit gehalten werde. Am 31. December kam ein Kriegsschiff

uns holen; die Soldaten und Sträflinge brachten alles an Bord, und

den folgenden Morgen sollten die letzten Geräthe mit der Mannschaft

eingeschifft werden. Es regnete fürchterlich; in Strömen fiel der

Regen zur Erde; gegen 11 Uhr war alles eingeschifft, und schon ertönte

das Signal »Vorwärts«, als die drei Mächte, der Militär-Commandant,

der Assistentresident und der Schiffscapitän, zu einer Besprechung

am Hinterdeck des Schiffes sich zurückzogen. Der Commandoruf: »Stop«

erscholl, und wir, »dii minores gentium«, suchten vergebens eine

Erklärung für diesen Vorgang. Die Boote wurden wieder herabgelassen,

und die ganze Besatzung mit den Sträflingen ging wieder ans Land -- um

die Palissaden niederzureissen. Erst im letzten Augenblick hatte der

Assistentresident es für bedenklich erklärt, ein Fort zurückzulassen,

welches dem Feinde bequem und leicht der Sammelplatz für seine Truppen

werden und verhindern könnte, dass späterhin, wie beabsichtigt war,

die Palissaden aus dem Boden gerissen und nach Buntok gebracht würden,

um dort wieder in Gebrauch genommen zu werden. Sie bestanden nämlich

aus Eisenholz (Sideroxylon), welches trotz der 15 Jahre, welche sie im

Gebrauch standen, noch immer ein theures, gut verwendbares Material

war. Also unter einem heftigen Tropenregen zogen die Truppen die

verbindenden Stangen aus den Balken, rissen sie aus dem Boden, und

auf diese Weise blieben sie liegen, ohne eine Palissade zu sein; das

Ganze war eine überflüssige Plagerei der Soldaten, weil ein etwaiger

Feind in 1-2 Tagen, wenn er hätte wollen, die Palissade wieder in

Ordnung bringen konnte. Wenn das Kriegsschiff schon die grossen

schweren Baumstämme nicht mitnehmen konnte oder wollte, so war es auch

zwecklos, im heftigsten Regenwetter die Soldaten Stunden lang arbeiten

zu lassen. Endlich konnten wir unter Dampf gehen und kamen nach Buntok.

Es war ein neues Fort in Viereckform mit zwei Bastionen im Westen und

Osten; kopfschüttelnd betrachtete ich das neue Fort; vielleicht keine

15 Meter war es vom Ufer entfernt und die westliche Bastion keine 10

Meter!! Buntok liegt beinahe ganz im alluvialen Land; der Fluss Baritu

kommt gerade oberhalb des Forts in einer scharfen Strömung gegen das

Fort an; mit mathematischer Genauigkeit liess sich berechnen, dass in

5-6 Jahren das Fort einstürzen müsse, weil der Baritu die Palissaden

in dieser Zeit erreicht haben müsse; und factisch hat schon zur Zeit

meines Aufenthaltes der Kampf mit dem Wasser angefangen; es wurden

Strombrecher angelegt, aber ohne Erfolg; ich weiss nicht mehr, wie

lange dieser Unterspülungsprocess dauerte; Buntok musste verlassen

werden, und das Fort wurde wieder nach Teweh verlegt.

[Illustration: Fig. 6. Mein zweiter Hausfreund.]

Im Fort selbst wohnte der militärische Commandant; für den »Doctor«

und den dritten Officier sollten zur Seite des Forts Wohnungen gebaut

werden; unterdessen blieb ich im Kampong neben dem Controleur wohnen,

und zwar zusammen mit dem Officiersstellvertreter v. E., welcher

den Bau des Forts geleitet hatte. Meine kleine Menagerie hatte ich

von Teweh mitgebracht; Jacob und Simon, die zwei kleinen jungen

Orang-Utangs, konnten sich nur langsam an die neuen Verhältnisse

gewöhnen. Als ich den folgenden Morgen nach dem Fort gehen wollte,

welches ungefähr 10 Minuten von meiner Wohnung entfernt war, begleitete

mich Jacob. Auf der Ebene bewegte sich der Orang sehr schwerfällig;

die langen Arme gebraucht er zwar beim gewöhnlichen Gange, aber nicht

mit der innern Fläche der Hand; er stützt sich auf den Rücken der

eingeschlagenen Hand; dadurch kann er nur langsam vorwärts kommen;

auch auf den Bäumen sind seine Bewegungen sehr langsam und träge,

besonders im Vergleiche mit dem Gibbon, welcher mit Windeseile von

Baum zu Baum springt, klettert oder sich schwingt. Um 8 Uhr sollte ich

in der Caserne sein, weil um diese Zeit täglich der »Krankenrapport«

gehalten wird. Mein Orang wollte sich, wie er es mit dem Bedienten

zu thun pflegte, auf meinem Unterschenkel festhalten, um auf diese

Weise meine Gesellschaft nicht zu verlieren. Dies war mir jedoch eine

lästige Anhänglichkeit stricte dictu und ich erlaubte es auch diesmal

nicht. Darauf begann er so ein jämmerliches Geschrei und humpelte mir

nach, so dass ich mit ihm Erbarmen hatte. Ich überliess ihn dennoch

seinem Schicksale und ging eilenden Fusses in die Caserne, wohin unter

denselben klagenden Tönen mein Jacob mir folgte. Der Krankenrapport

war beendigt, und ich ging in’s neue Spital, um die erste Anordnung zu

treffen, als auch mein vierhändiger Freund erschien, ohne dass ich es

bemerkte; er aber fasste mich bei der Hand, um mich zu begrüssen und

auf seine Gegenwart aufmerksam zu machen. (Fig. 6.)

Jacob blieb die ganze Zeit bei mir und folgte mit seinen verständigen

Augen all meinem Thun und Lassen; um 11 Uhr verliess ich das Fort

und liess den Orang durch meinen Bedienten nach Hause tragen. Hier

lebte ich schon in einem grossen Comfort; meine Wohnung bestand aus

Holz und hatte Fenster; ich konnte Spiegel und Gemälde aufhängen; ich

konnte mit Vorhängen die Fenster verzieren; ich hatte eine Veranda,

in welcher ich Gäste empfangen konnte, und ich hatte europäische

Nachbarn, den Controleur mit seiner Frau. Noch bequemer hatten es

Simon und Jacob; an das Haus grenzte ein kleiner Garten und hinter

ihm der Urwald. Zwischen beiden war ein breiter Streifen âlang-âlang

(Schilfrohr) und hier hatten sie ein pied à terre sich gebaut; nach

dem Frühstück verschwanden sie, kehrten zum Mittagessen zurück;

Nachmittags machten sie denselben Spaziergang, um vor Eintritt der

Finsterniss zurück zu sein. Natürlich war ich neugierig, wo und wie

sie ihre Zeit zubrachten; ich folgte ihnen eines Tages und sah sie im

Schilfrohr -- »Klima schiessen«.[14] Das Rohr war plattgedrückt, und

sie lagen auf dem Rücken und zogen Grimassen, während der eine die

Unterlippe schaufelförmig hervorstreckte und Speichel darin ansammelte,

gab ihm der andere mit dem Zeigefinger einen kleinen Stoss, so dass

der Speichel weithin spritzte. Die Ruhe ihrer Bewegungen, das Phlegma

in allem ihrem Thun und Lassen steht im grellen Gegensatze zu dem

sanguinischen Temperament und ausgelassenen Treiben der Gibbons. Eines

Tages brachte ich meinen Wau-Wau, der ein Weibchen war, zu Jacob, der

damals in seinem Käfig lag und sich in seine Decke eingewickelt hatte;

Jacob stand auf, näherte sich dem Gibbon und spitzte die Lippen,

wobei die Unterlippe die Form einer kleinen Schaufel bekam. Offenbar

wollte er den Wau-Wau küssen. Dieser jedoch sprang zurück und verrieth

deutlich, dass er von seiner Intimität nichts wissen wollte; dreimal

wiederholte mein Orang seine Liebesbewerbungen, und als er zum dritten

Male einen Korb geholt hatte, fasste er sein Kopfpolster, schlug es

wüthend auf den Boden und zog sich schmollend in die Ecke seines Käfigs

zurück. Wiederholt habe ich diese Scene aufführen lassen, und es wäre

mir unmöglich gewesen, seinen Bewegungen eine andere Deutung zu geben,

als die einer Liebeswerbung. Das Einwickeln in seine Decke ist für

den Orang geradezu ein Bedürfniss, obwohl ich es nicht erklären kann,

denn wenigstens in Teweh hatten wir keine Mosquitos und die Temperatur

in der Nacht war zwar etwas niedriger als bei Tage, aber doch nicht

empfindlich kalt. Das erste Mal, dass ich den Käfig des Abends nicht

schloss, weil er schon an mich gewöhnt war, hatte er in der Nacht das

Tischtuch vom Tisch genommen, um davon Gebrauch zu machen; natürlich

musste am folgenden Tage das Tischtuch von dem Bedienten aufgehoben

werden. In der Nacht wurde ich jedoch plötzlich wach; im ersten

Halbschlaf glaubte ich, einen Gorilla vor meinem Bette stehen zu sehen;

bald merkte ich jedoch, dass mein Jacob es war, der das Leinentuch

unter meinem Körper hervorzuziehen trachtete. Den andern Tag gab ich

ihm eine alte Militärdecke, und er war zufrieden. Die Intelligenz

dieser Affen ist factisch sehr gross, und es ist kein Zufall, dass ein

Dajaker und ein bekannter, seither verstorbener Larynkolog (im Jahre

1885) mich frugen, ob man dem Orang nicht sprechen lernen könnte. Wenn

es auch sein grösstes Vergnügen war, auf dem Rücken zu liegen, mit den

Füssen in der Höhe und die Lippen zu einer Schaufel zu spitzen und mit

dem Speichel zu spielen, so suchte er doch Thätigkeit und fand sie in

meinem Conversationslexikon; mit grösster Zufriedenheit betrachtete er

die Bilder in diesem Buche, und als er eines Tages die Zeichnung des

Elephanten zu Gesicht bekam, warf er das Buch weg; oder er stieg auf

den Schreibtisch und zerlegte meine Lampe, er nahm Ballon und Cylinder

ab und drehte den Dochtträger heraus. Auch war er sehr bald mein

täglicher Gast zu Tisch; ich gebrauchte jedoch die Vorsicht, seinen

Stuhl etwas von dem Tische entfernt zu halten, so dass er nicht mit

seinen langen Armen in eine der Schüsseln greifen konnte; auf einem

kleinen Teller bekam er seinen Reis mit Fleisch und Huhn u. s. w.: er

ass Alles, was auf den Tisch kam, und wenn er genug hatte, gab er den

Teller auf den Stuhl, ohne ihn jemals fallen zu lassen, und entfernte

sich.

Man kann ihn eine Caricatur von einem Menschen nennen; auf dem Stuhl

sass er nämlich mit gekreuzten Füssen wie die Eingeborenen und fasste

mit denselben den Teller; sein grosser Bauch erinnerte mich immer

an den »Reisbauch« der indischen Kinder, wenigstens er hat dieselbe

Form und dieselbe Grösse; sein Gesicht ist haarlos, und der übrige

Körper ist mit Ausnahme der innern Flächen der Hände und Füsse mit

rothbraunen Haaren bedeckt; er hat in der Jugend eine schöne, hohe

Stirn, welche im Alter zurücktritt und zwar mit einer scharfen Kante

von rechts nach links; dazu entwickeln sich im hohen Alter grosse

Drüsen zu beiden Seiten des Gesichts (die Ohrspeicheldrüsen?), so

dass er den menschlichen Typus verliert und ein geisterähnliches

Ansehen erhält. Dieses erklärt auch, dass die Dajaker von zwei Sorten

Orang-Utangs sprechen, weil sie sich nicht vorstellen können, dass

zwei so verschiedene Wesen denselben Ursprung haben könnten. (Nun, der

vom hohen Alter gebückte Greis ist auch dem jungen Knaben sehr wenig

ähnlich.) Nach Friedmann heissen die alten Orang-Utangs Pappan und die

ohne die erwähnten Drüsen Rambi; ich habe jedoch nur alte Orang-Utangs

mit diesen grossen Drüsen gesehen, während Friedmann erzählt, dass es

auch junge Pappan gäbe. Ich habe ungefähr 25 Orang-Utangs bekommen,

gewöhnlich um den Preis von 5-7.50 fl. per Stück, von diesen waren

nur die zwei erwähnten, Simon und Jacob, lebend; die andern waren mit

Pfeilen oder Gewehren geschossen; der grösste war 150 cm. lang und

hatte einen so versteinerten Schädel, dass ich sein Alter auf 80-100

Jahre schätzte; ich habe noch keinen Menschenschädel gesehen, der ein

so hohes Alter gezeigt hätte.

Vieles habe ich bereits über den Orang gelesen, und manches war

insofern übertrieben, als ihrem Thun und Lassen manchmal Motive

untergeschoben wurden, welche offenbar zu hoch gegriffen waren. Mein

Simon liebte es z. B., in der Küche sich bei der Köchin aufzuhalten

und ihr von Zeit zu Zeit den Sarong aufzuheben; ich habe niemals etwas

anderes darin gesehen, als einen unschuldigen Zeitvertreib, während die

Köchin ihn dafür einen »Nâckal« nannte, d. h. ausgelassener Junge, weil

sie in dieser Bewegung seiner Hände etwas anderes suchte.

Ich kann nicht umhin, eine Erzählung von Spencer St. John mitzutheilen,

obwohl sie wenig Vertrauen verdient, weil er offenbar zu viel den

Mittheilungen der Eingeborenen vertraute; er spricht ja von einem 5′

2″!! grossen Orang. Er theilt also folgende Erzählung eines Dajakers

mit: »Ein junger Dajaker wanderte an einem heissen Tage durch das

Dickicht; er kam zu einem kleinen Bache, dessen klares Wasser ihn zum

Baden einlud. Schnell entkleidete(?) er sich, legte seine Waffen,

Schwert und Blasrohr, auf die Seite und sprang hinein. Als er sich

erfrischt hatte und wieder aus Ufer stieg, bemerkte er, dass ein

mächtiges Orang-Utang-Weibchen vor seinen Kleidern(?) Wache hielt und

auf ihn zukam. Sprachlos vor Erstaunen stand er da; dasselbe steigerte

sich noch mehr, als das Thier ihn beim Arme ergriff und ihn zwang, mit

auf einen laubreichen Baum zu klettern. Dort musste er sich zu ihm

setzen und bekam Früchte zu essen, doch bewachte es ihn eifersüchtig

und litt nicht, dass er hinabstieg. Dies dauerte einige Zeit, bis die

Wächterin sorgloser wurde. Der Mann benützte den günstigen Augenblick

und entschlüpfte nach dem Platze, wo er seine Waffen gelassen hatte.

Als der Orang ihm dahin folgte, erschoss er ihn aus dem Blasrohr mit

einem vergifteten Pfeile.

Wer die Behendigkeit und die Schnelligkeit kennt, mit welcher sich ein

Dajaker bewegt, und nur einmal die Unbeholfenheit des Orang gesehen

hat, oder vielmehr, wie langsam dieser auf dem Boden geht und wie

ruhig, gelassen, ich möchte fast sagen schwerfällig von Ast zu Ast auf

den Baum klettert, den erfasst sofort die Unwahrscheinlichkeit dieser

Erzählung.

Wir hatten z. B. in Teweh vor dem Fort eine Hütte stehen, wo wir

nach unserm Spaziergange um 6 Uhr uns niederliessen und gewöhnlich

ein Glas Limonade tranken; Jacob wartete auf den Augenblick, dass

wir genug entfernt waren und, ich weiss nicht, ob es Zufall war oder

Absicht, er stieg jedesmal hinauf, um das Glas des militärischen

Commandanten zu nehmen und auszutrinken; sobald ich das sah, eilte

ich natürlich zurück, und der Orang ergriff die Flucht; ich möchte

sagen, dass +jeder Mann+, ohne gerade zu laufen, jeden Orang-Utang

einholen kann und muss; Jakob wurde auch immer eingeholt und für seine

Genäschigkeit bestraft, wobei er ein so jämmerliches Geschrei erhob,

dass ich Mitleid mit ihm haben musste; wenn jedoch mein Gibbon bei

irgend einem muthwilligen Streiche ertappt wurde, da war er auch, wie

ein Wirbelwind, schon entflohen, und beinahe niemals gelang es, ihn

einzuholen und sofort zu bestrafen.

Eines Tages sass ich bei der Theetafel, als er sich mit erhobenen Armen

näherte, hin und wieder sich in der Achselhöhle kratzte und mit der

gleichgiltigsten Miene von der Welt den Kopf nach allen Seiten hin

drehte; ich kannte meinen Pappenheimer zu gut, um nicht zu wissen, dass

mein Gibbon irgend einen Bubenstreich ausführen wolle, wenn er solche

Gleichgiltigkeit zeigte. Kaum hatte ich mich auch zur Seite gewendet,

um ein Stück Zucker zum Thee zu nehmen, sprang der kleine Gibbon auf

den Tisch, packte den silbernen Theelöffel und eilte hinweg. Es war

das Werk eines Augenblickes stricte dictu; sofort sass er auf der

Fallklappe, welche vom Dach des Hauses zur Palissade bei Sonnenschein

oder Regen gelegt wurde. Mit dem Löffel in der Hand sah er mich mit

seinen schelmischen Augen triumphirend an, und weder mein Bitten noch

Drohen erreichten ihr Ziel. Endlich liess ich die Klappe schliessen,

so dass entweder er oder der Löffel in die Chicane fallen musste. Der

Löffel war dort nicht zu sehen, und der Affe sass hoch oben auf dem

Dache. Zufällig fanden wir später den Löffel zwischen den Latten der

geflochtenen Fallklappe.

Eines Tages sah ich, dass mein Gibbon einen traumatischen Staar am

rechten Auge hatte; zu gleicher Zeit hatte ich einen malayischen

Patienten, welcher centrale Flecken an einem seiner Augen hatte; durch

Entfernung eines Stückes der Regenbogenhaut konnte er wieder den

Gebrauch seines Auges bekommen. Ich schrieb also nach Bandjermasing

an den Landes-Sanitäts-Chef d. G., welcher ein bekannter Oculist war,

und bat ihn, die Augeninstrumente, welche zu diesen zwei Operationen

nöthig waren, mir zu borgen. Vor der Operation liess ich den Gibbon von

unten bis zum Halse einwickeln, um ihn zur Ruhe zu bringen; es half

nichts; ich narcotisirte ihn also und führte die Staaroperation nach

den Regeln der Kunst aus. Die Operation war bei ihm schwieriger als bei

einem Menschen, weil zum Fixiren des Augapfels mir der Platz fehlte.

Der Rand der Orbita ist nämlich beim Wau-Wau gerade so gross als die

Cornea; den Augapfel durch die Cornea fixiren zu lassen, hielt ich für

gefährlich; ich musste also mit der Pincette in die Orbita eindringen,

um dort die Conjunctiva sclerae zu fassen. Kaum war die Operation

beendigt und ein Verband angelegt, als auch schon der Affe erwachte,

sich den Händen der assistirenden Krankenwärter entriss, davon eilte

und den noch unvollkommenen Verband vom Kopfe riss. Ich war jedoch

unter den herrschenden Verhältnissen mit dem Resultat der Operation

zufrieden. Die Wunde heilte mit einem Vorfalle der Regenbogenhaut.

-- Auch folgende Operation einer Phlegmone bei einem Affen ist

mittheilenswerth. Es war ein alter grosser Gibbon, 90 cm lang, welcher

gefesselt mir gebracht wurde. Unter den Soldaten war ein Europäer,

der in gewisser Hinsicht das Factotum des Forts war. Tilly hiess er

und war ein Belgier. Das Wort Furcht kannte er nicht, und er verstand

alles. Ging eine Taschen-Uhr schlecht, reparirte er sie; brach ein

Instrument von mir, von der Genie oder von der Artillerie, er brachte

es in Ordnung; wollte ich eine Blechbüchse für meine Spirituspräparate

haben, er machte sie mir aus Petroleumbüchsen u. s. w. Auf meine

Frage, warum er noch nicht Korporal oder Feldwebel sei (denn auch

seine Aufführung liess nichts zu wünschen übrig), antwortete er mir:

Wozu soll ich Korporal u. s. w. werden? Mein Essen und Trinken habe

ich; durch meine Arbeiten verdiene ich viel mehr als ein Feldwebel und

habe gar keine Verantwortung; als Korporal ist man der Sündenbock von

jedem und für jeden. Also, ich thue meinen Dienst und bin dann frei,

zu thun, was ich will. Als mir dieser grosse Wau-Wau gebracht wurde,

ersuchte ich den Dajaker, die Fesseln zu lösen, weil eine Hand stark

geschwollen war und beim Palpiren die Anwesenheit von Eiter verrieth.

Der Dajaker wagte dies jedoch nicht zu thun, weil er sich vor den

starken Zähnen des alten Wau-Wau fürchtete. Ich liess also Tilly holen,

welcher den Wau-Wau mit fester Hand im Nacken fasste, der Dajaker löste

die Fesseln und legte sie über die Hüfte an und befestigte den Strick

an einem grossen Nagel der Palissade. Mit traurigem und schmerzhaftem

Gesichtsausdruck sass der Gibbon zwischen den Spitzen der Palissade

und zeigte selbst meinem jungen Gibbon die Zähne, wenn er sich ihm

näherte. Nun war das auch für mich eine gefährliche Nachbarschaft; ich

gab jedoch den Muth nicht auf; ich nahm eine Wundspritze mit warmem

Wasser und spritzte ihm diese aus respectvoller Entfernung auf die

geschwollene Hand; offenbar war durch die Entfernung der Fesseln oder

durch das Bespritzen mit warmem Wasser ihm deutlich geworden, dass ich

gute Absichten mit ihm habe; genug an dem, schon nach ein paar Stunden

konnte ich mich ihm nähern, streicheln und die Hand gut untersuchen und

ihm die Phlegmone öffnen!! Nach der Operation legte er selbst seinen

Kopf auf meine Schulter. Mit einem gut angelegten Verbande überliess

ich ihn dann der Ruhe. Leider konnte ich ihn nicht auf der Palissade

lassen, weil an dieser Stelle die Patrouille in der Nacht auf und ab

ging. Vor Schluss des Thores liess ich ihn von Tilly hinausbringen und

an einem Baume anbinden. Den andern Morgen war er geflüchtet, indem er

die Fesseln vom Unterbauch abgestreift hatte.

[Illustration: Fig. 7. Der Schweinsaffe (Cercopithecus nemestrinus).]

Vor dem Fort hatte ich mir in Teweh ein Affenhäuschen bauen lassen,

in welchem die Affen von niedrigem Range gemüthlich beisammen lebten.

Der Cercopithecus nemestrinus, der Schweinsaffe, ist ein wilder Cumpan

mit starkem Gebiss; er hat Backentaschen, Steissschwülen, kurzen,

gekrümmten Schwanz und eine gelbliche Farbe. Ich hatte späterhin einen

solchen Lampongaffen, welcher abgerichtet war, Cocosnüsse zu pflücken;

zu diesem Zwecke wurde er mit einem langen Stricke zu der Cocospalme

gebracht, an der er sofort schnell hinaufkletterte und begann, die

einzelnen Nüsse um ihren Stiel zu drehen oder abzubeissen. Sah ich,

dass die Frucht noch grün, d. h. zu jung war, so schüttelte ich nur

mit dem Strick, und er nahm eine andere in Arbeit. In Sumatra werden

die »Lampongaffen« allgemein zu dieser Arbeit abgerichtet; sie sind

jedoch wie alle Affen im höheren Alter falsch und -- ist es Zufall

oder nicht -- mein Exemplar eilte immer, sobald es losgekommen war, in

die Küche gegen die weiblichen Bedienten, obzwar oder vielleicht eben,

weil es selbst ein Weibchen war. Jene, welche ich jedoch auf Borneo

hatte, waren noch jung und lebten friedsam mit den übrigen beisammen.

Wenn ich hin und wieder meinen Gibbon in den Käfig brachte, so gab es

fürchterliche Eifersuchtsscenen; denn mein Gibbon (ein Weibchen) zeigte

in so auffallender Weise sein Verlangen, wieder einmal Liebesgenuss zu

kennen, dass man ihn eine -- Prostituée nennen musste. Das Geschrei

der übrigen weiblichen Affen wurde so fürchterlich, dass ich um sein

Leben besorgt war; gern folgte er in einem solchen Falle meinem Rufe,

den Käfig zu verlassen. Affen gewöhnen sich leicht an den Menschen;

wie oft entkam einer oder der andere, und er flüchtete höchstens auf

das Dach des Forts; gegen den Abend kamen sie ohne Ausnahme zurück;

hin und wieder selbst brachte ich meinen Hund vor den Käfig, welcher

nun geöffnet wurde. Das neckische Spiel der Affen mit dem Hunde war

interessant. Die Thür war noch keinen Meter hoch; der Hund stand vor

der Thüre, und die Affen tänzelten um ihn herum, bis sie endlich einer

nach dem andern den Käfig verlassen hatten; der Hund eilte ihnen nach;

endlich sprang einer nach dem andern in den Fluss, und mein Hund that

dasselbe; ruhig liess jeder Affe den Hund näher kommen, um im rechten

Augenblick unterzutauchen. »Bela«, mein treuer Jagdhund, dreht sich

rechts und links und sieht endlich in einer Entfernung von 20-30 Metern

wieder ein Köpfchen auftauchen; er schwimmt dahin; endlich ist jeder

der Affen des Spieles müde und lässt sich von dem Hunde packen, der

sie, ohne sie zu verletzen, mit den Zähnen ans Ufer bringt. Hier werden

sie von meinem Bedienten in Empfang genommen und wieder ins Häuschen

gebracht. Wiederholt wurde behauptet, dass die Affen auch in der

Gefangenschaft sich paaren; ich habe es jedoch niemals gesehen und kann

daher diese Behauptung nicht unterschreiben.

21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo. · 第 9 / 26 段