sind allerdings gewiss noch 95% Analphabeten, weil nur die Töchter
der Häuptlinge die Schule besuchen, und zwar entweder die malayische
oder die holländische Schule; läuft das malayische Mädchen von Borneo
von 2-3 Jahren nackt auf der Strasse, mit einem silbernen Feigenblatt
vor den Schamtheilen, welches mit einer Schnur um die Hüften gebunden
wird, und Ringen an Händen und Füssen, so geht sie doch mit 7-8 Jahren
schon mit einem Sarong und bunter Kapaya gekleidet, wenn sie die Schule
besucht oder am Neujahrstag ihre Gratulationsvisite abstattet; sonst
ist ihre Toilette der Sarong, welcher unter den Achseln befestigt wird;
ihre Reife bekundet sie durch die Beschneidung, welche den meisten
Europäern unbekannt ist, weil sie von einer Dukun (Hebamme) ohne
Festlichkeiten ausgeführt wird. (Bei den Knaben hat die Beschneidung,
wie wir sehen werden, immer einen mehr oder weniger öffentlichen
Charakter.) Nach der Beschneidung tritt sie in alle Rechte einer
heirathsfähigen Frau. Besonders die Häuptlinge auf den Inseln heirathen
gerne eine junge Frau, um sicher ihres Kaufes zu sein, d. h. dass
physisch und geistig der zarte Thau der Virginität erhalten sei; sie
bezahlen auf Borneo 50-150 fl. Brautschatz; nur zu oft entläuft die
junge Braut ihrem ältlichen Bräutigam, weil seine leidenschaftlichen
Umarmungen schmerzhaft sind. Sie wird von ihren Eltern wieder in die
Wohnung des Mannes gebracht, bis endlich dieser sein Ziel erreicht.
Solche junge Frauen von 13-14 Jahren gehören bei den malayischen
Häuptlingen Borneos zur Regel; sie sind dann auch zärtliche Frauen
und finden sich recht gut in diese Rolle. Das ganze Aeussere ist
bis auf die plattgedrückte Nase ein angenehmes, wenn sie kein Sirih
kaut, die Zähne nicht schwarz färbt und nicht abfeilt. Das letzte ist
natürlich Regel, weil es Volkssitte ist, aber oft unterlassen dieses
jene Frauen, welche durch den Umgang mit den Europäern auch eine
andere Geschmacksrichtung angenommen haben. So eine junge malayische
Frau hat zierlich schöne Füsse, magere Hände mit langen, mit bunten
Ringen geschmückten Fingern, welche etwas hyperextendirt, d. h. nach
dem Rücken der Hand gebogen sind, eine schöne Büste, glänzend schwarze
Haare und Augen, die Lippen sind etwas dick und die Ohrläppchen haben
Oeffnungen von der Grösse einer Krone, welche ausgefüllt werden mit
einem Cylinder, verziert mit zahlreichen Diamanten.[10] Das lange Haar
wird auf dem Hinterkopf in einen grossen Knoten gebunden und trägt
reiche Haarnadeln; der Sarong wird mit einem silbernen oder goldenen
Gürtel über den Hüften, und die Kabaya mit 2-3 Nadeln, welche mit
zierlichen Ketten verbunden sind, geschlossen. Auf den Armen tragen sie
Armbänder.
* * * * *
Alle unsere drei Haushälterinnen waren Malayische Frauen, welche ihre
Scepter im Hauptgebäude des Forts schwangen; nicht nur von den übrigen
Soldatenfrauen, sondern auch von den Frauen und Männern des Kampongs
wurde ihre Stellung sehr hoch geschätzt; die Eine fühlte sich als die
Haushälterin des »Militär-Commandanten« als die höchste Person des
Forts; die zweite fühlte sich in noch höherer Position, weil ihr »Mann«
in der Caserne die höchste Autorität sei, und die dritte wollte von der
gewichtigen Stellung ihrer zwei Colleginnen nichts wissen, weil sie die
Tochter eines Hadji’s war und weil »ihr Mann« ein Doctor sei, von dem
alle beide in allen täglichen Fragen des Lebens ganz und gar abhängig
seien, und weil er den grössten Gehalt beziehe. Solche Debatten nahmen
oft eine gefährliche Heftigkeit an; ich kam einst zu einer solchen
thätlichen Scene; die Eine behielt ein Bündel Haare ihrer Nachbarin
in Händen, während die dritte die Spuren eines Bisses im Oberarm für
Wochen lang davon trug.
* * * * *
Während meines Aufenthaltes in Teweh, also vom April 1877 bis 1.
Januar 1880, habe ich keine europäische Dame gesehen und gesprochen,
und in Buntok, d. i. bis Oktober des Jahres 1880, habe ich im Ganzen
nur mit drei europäischen Damen verkehren können. Die erste war eine
»indische Dame«, und zwar die Frau des Controleurs, welcher in Buntok
seinen Standplatz hatte und einige Wochen nach unserer Uebersiedelung
von Teweh (1. Januar 1880) seine Frau zu sich kommen liess, weil er
hoffte, durch die gleichzeitige Anwesenheit von Officieren seiner
Frau wenigstens einige Gesellschaft und »Ansprache« bieten zu können.
Die zwei andern Damen waren die Frauen von zwei Missionären, welche
im Osten von dem Barituflusse, und zwar in Telang und Tamejang
Layang, auf Kosten der Barmer Missionsgesellschaft der Bekehrung und
Civilisirung der Dajaker sich gewidmet hatten. Späterhin habe ich nie
mehr Gelegenheit gehabt, mit Missionären zu verkehren, und ich kann
mir daher über die Arbeit dieser Männer im Allgemeinen aus Autopsie
kein Urtheil erlauben. Von diesen zwei Männern jedoch bekam ich einen
so ungleichen Eindruck, dass ich noch weniger das Thun und Lassen der
Missionäre in Holländisch-Indien +im Allgemeinen+ beurtheilen
kann. Folgender Anlass gab mir Gelegenheit, diese zwei protestantischen
Familien im Innern Borneos aufzusuchen: Im Osten der Insel lebte der
Sohn Suto-Ono’s, jenes Dajakers, welcher im Kriege der Jahre 1859-1863
ehrlich und treu der Holländischen Regierung zur Seite stand. Es war
ein fürchterlicher Aufstand; die Kohlenminen von Pengaron wurden
geplündert, der europäische Ingenieur ermordet; das Kriegsschiff
»Onrust« mit Mann und Maus ausgemordet (auf seinem Kessel stand ich
noch im Jahre 1878); der kleine Kreuzer No. 42 fiel ebenfalls in die
Hände der Dajaker; Puhi Petak und die Schanze von van Thuyll wurden
erobert u. s. w. Die malayische Bevölkerung, welche den Aufstand
begonnen hatte, ermüdete bald im Kampfe mit den Holländern; Antasari
war gestorben, Hidajat nach Java verbannt und Demang Lehmann zum Tode
verurtheilt; doch die Dajaker setzten den Kampf fort, bis endlich die
Uebermacht der europäischen Strategie und Waffen im Jahre 1864 dem
Krieg ein Ende machte und das Sultanat von Bandjermasing beseitigte.[11]
Der Sohn des treuen Häuptlings Suto-Ono folgte in seiner Würde, und in
dieser Eigenschaft schrieb er mir im Jahre 1880 einen Brief, und zwar
in malayischer Sprache. Er theilte mir mit, dass in seinem Bezirke
eine Dysenterie-Epidemie ausgebrochen sei, d. h. er gebrauchte diesen
Ausdruck nicht; aber mit wenigen und doch so glücklich gewählten
Ausdrücken beschrieb er die Symptome der unglücklichen Patienten,
dass mir sofort das Bild der septischen Dysenterie deutlich wurde,
und dass ich diese präcise und deutliche Schreibweise dieses Dajakers
bewundern musste. Buntok lag in der Nähe der inficirten Gegend; ich
fürchtete, dass die Epidemie unser Fort erreichen könnte, wenn sie
in ihrem Fortschreiten nicht aufgehalten würde. Ich ging also mit
diesem Brief zu dem Controleur, der ungefähr den Wirkungskreis eines
Kreishauptmanns hat. Diesem routinirten Beamten kam der Brief sehr
ungelegen, weil er in seinen stereotypen Bulletins: »Gesundheitszustand
günstig, politische Verhältnisse günstig« Veränderung bringen sollte.
»Wozu lassen Sie mich diesen Brief lesen?« frug er mich. »Vielleicht
kann man diesen armen Dajakern Hülfe in ihren schweren Leiden
bringen; vielleicht können die hygienischen Verhältnisse verbessert
werden, so dass die Epidemie bald ein Ende nehme; nebstdem fürchte
ich, dass sie das Fort erreiche, wo in einem relativ engen Raume 150
Menschen beisammen wohnen, und dass es dann zu spät sei, ›den Brunnen
zuzudecken, wenn das Kalb schon ertrunken ist‹.« (Holl. Sprichwort.)
»Kennen Sie die Sitten und Gebräuche der Dajaker, dass Sie auch nur den
geringsten Nutzen von einer hygienischen Maassregel erwarten?«
»Ja, gerade darum will ich dahin gehen, um nicht nur zu sorgen, dass
diese unglücklichen Patienten von ihren so fürchterlichen Schmerzen
befreit werden und heilen, sondern auch, dass die Fäcalien ...«
»Ah, jetzt verstehe ich Sie, Doctor! ...« und dabei machte er mit
seinen Fingern die Bewegungen des Geldzählens.
Darauf konnte ich nichts anderes erwidern, als dass es mir sehr
gleichgiltig sei, wie er über mich denke, dass ich ihn jedoch warne,
mir noch einmal solche Insinuationen in’s Gesicht zu sagen, weil ich
dann auch meine Finger bewegen würde, und zwar nicht in der Luft,
sondern auf seiner Wange.
Zu dieser unparlamentarischen Antwort liess ich mich hinreissen, weil
er mit seiner Fingerbewegung andeuten wollte, dass meine Theilnahme für
die »unglücklichen« Dajaker nichts anderes als reine Geldspeculation
sei.
Ich ging darnach zum Militär-Commandanten, erzählte ihm den Vorfall
und bat ihn um einen Privat-Urlaub für einige Tage, um wenigstens
etwas gegen diese Epidemie thun zu können. Da er nur für vier Tage
die Befugniss hatte, nebstdem in meiner Abwesenheit den ärztlichen
Beruf im Fort auf sich nehmen musste, so wollte er noch einmal mit
dem Controleur darüber sprechen. Obwohl mit dieser kleinen Expedition
grosse Unkosten verbunden waren, bat ich doch den Lieutenant T., von
diesem Plan abzustehen, weil ich mit einem solchen Manne überhaupt
nicht verkehren wollte, und weil ich fürchten musste, dass ein solcher
Mann noch Aergeres im Stande zu thun sei, wenn es gälte, ihn aus seinem
Dolce far niente herauszureissen. Ich bekam also meinen Urlaub für
vier Tage, miethete einen Kahn mit sechs Ruderern, nahm für vier Tage
Lebensmittel mit, und mein Bedienter, welcher einige dajaksche Worte
sprach, war mein Dolmetsch, Küchenmeister, Gesellschafter u. s. w.
Der Kahn war so lang, dass ich darin liegen, während die dajakschen
Ruderer und mein Bedienter bequem mit gekreuzten Füssen (nach ihrer
Gewohnheit) sitzen konnten. Die hintere Hälfte des Kahnes hatte eine
Decke aus Atap, welche mich vor Regen und Sonnenschein beschützte;
Waffen nahm ich nicht mit, nach dem Princip, dass mir Einzelnen
eine Waffe, Revolver oder Säbel, gegen eine Uebermacht unmöglich
etwas helfen könnte, und dass »Vertrauen wieder Vertrauen gewinne«.
Zwischen Buntok und Mengkatip befinden sich zahlreiche Nebenflüsse und
Antassans; auf der Karrauw sollte ich das von der Epidemie heimgesuchte
Gebiet erreichen. Dieser Fluss ist befahrbar und giebt den Weg nach dem
Osten der Insel, in welcher ein langer Gebirgsstock von Nordwesten nach
Südosten zieht. Zwischen ihm und dem Baritu sind zahlreiche Danaus mit
ihrem düsteren, schwermüthigen Panorama. Telang war das Ziel meiner
Reise, welches an einem kleinen Flusse desselben Namens liegt. Dieser
ist wieder ein Nebenfluss des Sungei (kleiner Fluss), Siong, welcher
zwischen dem S. Pattai und dem Karrauw (1° 37′ S. B.) in den Baritu
sich ergiesst. Seine Ufer haben niedriges Gesträuch; seine Mündung
ist mit Treibholz angefüllt, und unvergesslich bleibt mir die Reise,
die ich damals auf diesem Wasser machen musste; dreimal habe ich die
Kähne wechseln müssen, weil sie zu gross waren, und habe zuletzt ein
Djukung, die nicht mehr als ein ausgehöhlter Baumstamm war, benützt.
Es schwamm aber so viel Treibholz, dass die Ruderer nicht einmal den
kleinen Kahn vorwärts bringen konnten; sie stiegen aus und sprangen
auf den Stämmen umher, wie Onkel Tom auf den Eisschollen. Zuletzt war
das Wasser nur noch 1 Meter tief, so dass mir die Dajaker den Platz im
Kahne gönnten, ins Wasser stiegen und ihn über das Treibholz zogen.
Wir waren in einem Antassan, d. h. in einem Wasserkanal, den der Strom
in den weichen Alluvialboden gräbt oder vielmehr bohrt. Sein Ende war
bald erreicht, und vor mir lag eine schöne, schneeweisse Strasse aus
Kalkstein, welche zum Hause des Missionärs F. führte. Hier verblieb
ich sechs Tage (inclusive der Tage der Ankunft und Abreise, welche
der Militär-Commandant im Interesse der guten Sache nicht rechnete),
und wenn auch mein Gastherr klagte, dass nach zehnjähriger Arbeit nur
acht Familien den protestantischen Glauben angenommen haben, so machte
dennoch seine Arbeit auf mich den günstigsten Eindruck. Die Dajaker
lernten Lesen und Schreiben; zur Sonntags-Uebung versammelten sich über
30 Personen in der Kirche und sangen christliche Lieder in dajakscher
Sprache, und zu den täglichen Andachtsübungen, im Hause des Missionärs
selbst, sangen die dajakschen Bedienten deutsche Lieder. Leider habe
ich bei einer solchen Gelegenheit der Frau des Missionärs zu einem
unangenehmen Missverständniss Anlass gegeben. Es war ein schönes
Genrebild; die Frau F. sass am Phisharmonium, und daneben ihre zwei
Kinder mit wahren Engelsköpfen. Hinter ihnen stand ein junges, schönes
dajakisches Mädchen. Es herrschte eine gewisse heilige Weihe in diesem
Raume, und dieser Zauber erfasste mich mit voller Macht. Als wieder ein
deutsches Lied begann, wollte ich die Aussprache der Dajakerin genauer
unterscheiden und näherte mein Ohr dem Kopfe des Mädchens. Herr F.,
der neben mir sass, sah und verstand auch mein Verlangen; die Frau F.
jedoch verkannte meine Absichten, und mit lauter drohender Stimme drang
das Lied durch das Haus: »Nur Gott ist meine Liebe«, und stärker und
stärker fielen die Hände auf die Tasten, bis ich den Wink verstand und
den Kopf zurückzog.[12]
Sobald als möglich liess ich mich von dem Districtshäuptling
herumführen und fand ein grosses Feld für meine Thätigkeit. Nicht
allein, dass ich zahlreiche Patienten behandeln konnte (der Herr F.
war Homöopath), sondern auch die Hygiene trat in ihre Rechte. Der
Dajaker[13] lässt nämlich die Leiche drei Tage im Hause liegen, bis
er sie in den Sarg giebt, welcher aus einem schweren Baum besteht;
dieser Sarg bleibt entweder im Hause oder wird auf das Feld gebracht,
wo er auf ein Gestell gelegt wird, mit einem Sonnenschirm über seinem
Kopfe; in beiden Fällen ist der Sarg mit einem Deckel aus demselben
Holze geschlossen und hat in der Mitte des Bodens eine Oeffnung mit
einer kleinen Röhre; durch diese läuft ununterbrochen das Wasser ab,
oder besser gesagt, die Flüssigkeit, welche beim Faulen der Leiche
sich abscheidet. Man corrigirt, wenn die Leiche im Hause bleibt, den
damit verbundenen Gestank dadurch, dass in den Topf, welcher die
Fäulnissflüssigkeit auffängt, Harz, Oel und Kalk gegeben werden. Ob nun
die Leiche auf dem Felde oder im Kampong bleibt, dauert es noch lange,
bis das »Todtenfest« den Schlussstein des Begräbnisses besorgt. Man
wartet, bis die Leiche ganz ausgetrocknet ist, oder man wartet, bis man
das Geld hat, welches das Todtenfest kostet; also es verstreichen oft
1-2 Jahre, bis die Leiche verbrannt oder beigesetzt wird.
Bei meiner Ankunft hatten die meisten Verstorbenen nicht einmal einen
Topf unter sich, um die Flüssigkeit der Fäulniss aufzufangen; nun
dass dies Zustände sind, welche geradezu das Aufhören einer Epidemie
unmöglich machen, bedarf keiner weiteren Erörterung. Natürlich gelang
es mir nicht, die sofortige Bestattung der Leichen zu veranlassen, aber
sie willigten ein, die Excremente u. s. w. mit Kalk, Schwefel und Asche
zu begraben, und die Cadaver nicht im Hause, sondern auf dem Felde den
Fäulnissprocess abwarten zu lassen.
Den folgenden Tag zog ich weiter in das Gebiet des Häuptlings und kam
nach Tameang Layang, wohin mich der Herr F. begleitete. Auch hier
wohnte ein Missionär von der Barmer Missionsgesellschaft mit Frau und
Kind. Man kann sich keinen grelleren Contrast vorstellen als diese
zwei Männer, welche im Innern von Borneo die Civilisation und das
Christenthum verbreiten wollen. Der Eine, ein philosophisch geschulter,
geistreicher Mann, welcher den Segen des Christenthums, aber auch den
der europäischen Civilisation erkannt hat und für +beide+ das
dajaksche Volk gewinnen will; der Andere, dessen Ideenkreis sicher
nicht den des dajakschen Districtshäuptlings übertraf, beklagte
nur, dass die Dajaker solche verstockte Heiden seien und durchaus
das Christenthum nicht annehmen wollten, während der Herr F. mit
Genugthuung im erfolgreichen Unterrichte in der Schule schon ein
schönes Ziel sah, das er erreicht hat. Jener war früher Schmied; aber
noch in Borneo hämmert er nur Einen Amboss, und zwar, dass die Sünde
die Ursache aller Uebel sei, und zwar die Sünde im banalsten Sinne des
Wortes; sein College konnte mir gegenüber nach solcher banalen Debatte
nur kopfschüttelnd beifügen: »Ja, ja, mein College hat viel Amtseifer.«
Auch pries er mit überschwänglichen Worten die Verdienste und Talente
des Controleurs seines Bezirkes, weil er den Markttag der Dajaker, der
früher jeden Sonntag gehalten wurde, auf den Montag verlegt hatte.
Umgekehrt war seine Frau eine einfache, geduldige, tolerante Frau,
während die Frau des Philosophen etwas fanatisch angelegt war. Ich
muss es jedoch wiederholen, dass die sechs Tage, welche ich bei den
Missionären verlebt habe, zu den schönsten meines Aufenthaltes auf
Borneo gehören.
Einen schönen Schlag der Dajaker sah ich in diesen beiden Orten; an
und für sich ist der Dajaker nicht so dunkel als der Malaye an der
Küste, und doch fiel mir ihre blanke Hautfarbe auf, so dass ich den
Districtshäuptling um Aufklärung ersuchte. Lächelnd zeigte er nur in
der Ferne -- die Ruinen eines Forts, welches vor zwanzig Jahren dort
gestanden hatte. Diese Rasseverbesserung durch europäische Soldaten
wird wohl dort ein Unicum gewesen sein, denn in Muarah Teweh hätte
zwanzig Jahre später gewiss kein europäischer Soldat es gewagt,
mit einer dajakschen Frau ein Liebesverhältniss anzuknüpfen. Eines
Tages bekam ich Nachricht, dass im Kampong des Häuptlings Djatra die
Blattern ausgebrochen seien. Bevor ich in Bandjermasing das Ansuchen
um Vaccinestoff und um einen malayischen Vaccinateur machen wollte,
musste ich wissen, ob die Berichte des Häuptlings richtig seien und
wie viel Blatternkranke schon vorkämen. Ich machte mich also mit dem
Districtshäuptling auf den Weg und kam per Kahn vor den Kampong, bei
welchem alle Einwohner zu einem Feste vereinigt waren und, da es schon
Nachmittag 5 Uhr war, dem Tuak (schwach alkoholisches Getränk) gut
zugesprochen hatten. Kaum hatte ich den Fuss auf das Ufer gesetzt,
als zwei junge hübsche Mädchen, nur mit dem Saloi gekleidet, auf mich
zukamen. Hinter ihnen aber schwankte ein Dajaker, mit seinem Mandau
bewaffnet, den Mädchen halb betrunken nach, streckte die Hand zum
Grusse aus und rief wiederholt: Ich kenne Dich (saja kanal samah kowe).
Die liebeslüsternen Augen der beiden jungen dajakschen Schönen waren
mir zu gefährlich, und ich zog mich in den Kahn zurück und begnügte
mich, die Ziffern der Blatternkranken, welche Dakop mitgetheilt hatte,
nach Bandjermasing einzusenden. -- Auch habe ich zum ersten Male in
Telang diese Andeutung gehört, dass die europäischen Soldaten sich mit
den dajakschen Frauen abgegeben hätten.
* * * * *
Den sechsten Tag verliess ich also die beiden Missionäre mit dem
Bewusstsein, was unter den herrschenden Umständen in so kurzer Zeit zu
thun möglich war, auch gethan zu haben; d. h. ich gab den Missionären
Winke zur Behandlung der Unglücklichen und zur Verbesserung der
hygienischen Zustände. Unterwegs wurde mir ein Sägehai angeboten
(Pristis antiquorum), welcher sich bis in die Nähe von Teweh
verirrt hatte und dort eingefangen wurde, und zu Hause angekommen,
berichtete ich meinem Chef nach Bandjermasing alle Maassregeln, die
ich getroffen hatte. Da ich übrigens den Häuptling ersucht hatte,
mich durch wöchentlichen Rapport von der Ausbreitung der Epidemie auf
dem Laufenden zu erhalten, so erhielt ich ein gutes Bild von ihrem
Verlaufe, der mich leider sehr beunruhigte; denn mit jeder Woche bekam
ich Rapport aus Kampongs, welche näher dem Fort lagen, und nach zwei
Monaten beschloss ich, wieder eine Inspectionsreise zu unternehmen.
Ich ersuchte den Militär-Commandanten um einen eintägigen Urlaub, weil
ich nur die Kampongs auf dem Ufer des Baritu besuchen wollte, von
welchen ich aus dem erhaltenen Rapport den Krankenstand kannte. Den
Abend vor meiner Abreise ging ich zu dem Controleur, um ihn davon zu
verständigen. Er billigte zu meiner Ueberraschung meinen Plan, rieth
mir aber, erst um 8 Uhr aufzubrechen, weil er um 6 Uhr denselben Weg
nehmen müsse, um dem Residenten (Statthalter) bis zur Grenze seines
Bezirks entgegen zu fahren. Arglos willigte ich natürlich ein, und als
ich am folgenden Tage bei allen Kampongs, wo ich anlegte, hörte, dass
zwei Stunden vorher der Controleur gewesen sei und dass +gar keine
Dysenterie-Patienten+ sich unter ihnen befänden, dass diejenigen,
von welchen sie in ihren Rapporten gesprochen hatten, schon gesund oder
gestorben seien, und als sich dieses bei jedem Kampong wiederholte,
und als ich nebstdem bei den meisten Kampongs oft Minuten lang warten
musste, bis sich ein Häuptling oder überhaupt jemand am Anlegeplatz
zeigte, da -- fielen mir die Schuppen von den Augen. Ich kehrte um,
weil ich doch keinen Nutzen von meiner Reise erwartete, und weil
denselben Abend der Resident ankommen sollte. Bei dem officiellen
Empfange erzählte mir der Schiffskapitän des Dampfers folgenden Dialog
zwischen dem Residenten und dem Controleur, welcher in seiner Gegenwart
an Deck des Schiffes geführt wurde. Bei Mengkatip wäre der Controleur
auf das Schiff gekommen und hätte ein Resumé von den Verhältnissen des
Bezirkes gebracht. Zuletzt frug der Resident: »Wie steht es mit der
Gesundheit am obern Lauf des Dussons?«
»Gut! Resident! Der Menschenmörder behauptet zwar, dass wir eine
Dysenterie-Epidemie hätten, und er ist auch hier in der Nähe »+auf
Inspection+«; aber nach meiner 19jährigen Erfahrung in den Tropen
geschieht es immer in den Kenteringen, dass mehr Menschen sterben als
sonst.«
»Wer ist das, der Menschenmörder?«
»Der Doctor!«
»So, der +Doctor+ sagt, dass hier eine Dysenterie-Epidemie ist,
und Sie sagen: dies hätte keine Bedeutung!! Vorläufig genug darüber!«
Nach dem officiellen Empfang, welcher auf dem Schiffe selbst
stattfand, ging der Resident auf’s Land und besuchte zuerst den
Militär-Commandanten und dann mich. Nachdem ich alles erzählt hatte,
fand er nicht nur Anerkennung für meine Bemühung, sondern forderte mich
auch auf zu »declariren«, d. h. für die zwei Reisen, welche ich im
Interesse der armen Patienten gemacht hatte, nach dem üblichen Modus
die Rechnung einzureichen; in meinem Range konnte ich 6 fl. per Tag
Diät und sieben Ruderknechte für 1 fl. per Tag und Kopf in Rechnung
bringen, so dass ich keinen Schaden erlitten hatte.
Bald darauf verminderte sich die Zahl der Kampongs, welche
Dysenterie-Kranke bekamen, und die Zahl der Todesfälle, und zuletzt war
die Epidemie ganz und gar erloschen.