Schmerzen für die +Dauer+ zu simuliren, ist beinahe unmöglich,

denn der Schmerz schreibt eine deutliche Schrift in den Zügen

der Patienten; das erfahrene Auge unterscheidet den erheuchelten

und den wirklichen Schmerz. Nun, der Schauspieler simulirt auch

Schmerz, aber Tage oder Wochen lang die Rolle einer Mater dolorosa

+ununterbrochen+ zu spielen, wird wohl der grössten Künstlerin

unmöglich sein. Dieses mochte wohl unser Freund Daudu gewusst haben

und gab sich auch nicht einmal Mühe, durch ein leidendes Aussehen auf

mein Mitleid Einfluss zu nehmen. Er hoffte alles von seinem grossen

Bauch. Ich wusste mir also nicht anders zu helfen, als dass ich ihn

zur Beobachtung ins Marodenzimmer aufnahm. Durch die Krankenwärter

ihn observiren zu lassen, dazu hatte ich keine Lust; oder besser

gesagt, zu wenig Vertrauen in die Ehrlichkeit und den Muth dieser

Soldaten. Der europäische »Bediende« würde als Verräther wenn nicht

durchgeprügelt, so doch boycottirt worden sein; und die eingeborenen

»Handlanger« hätten gewiss ein gleiches Schicksal erfahren. Ich selbst

kam natürlich so oft als möglich in den Krankensaal, und immer stand

Daudu wie eine Säule in strammer Haltung vor seinem Bett und mit einem

Bauche, als ob eine Pauke angebunden gewesen wäre. Kam ich in der

Nacht und lag er, was sehr selten geschah, auf dem Rücken, so war das

vorsichtigste Zurückziehen der »Sprey«, in welche er eingewickelt war,

hinreichend, um ihn aufzuwecken, und der Bauch hatte sofort seine alte

Haltung.[8] Ich gab ihm bei der Morgenvisite eine Morphiuminjection

von 10 mg; er schlief jedoch nicht ein, weil er durch forcirtes Auf-

und Abgehen und durch Kaffeetrinken die Wirkung des Morphium zu

neutralisiren suchte. Zur Chloroformnarcose meine Zuflucht zu nehmen,

konnte ich mich nicht entschliessen, weil ich keine Assistenz hatte.

Sein Zustand blieb unverändert, d. h. er ass gut, trank, bewegte sich

und lebte wie jeder andere gesunde Soldat, und jede Untersuchung ergab

negatives Resultat. Unter diesen Verhältnissen musste das Vermuthen

von Simulation in mir auftauchen, und zwar musste ich daran denken,

ob er nicht ein »Luftschnapper« sei, der, wie gewisse hysterische

Patienten, Luft in grosser Menge verschlucken können, oder aber, ob

er nicht wie die Bauchredner gelernt hätte, in der +Inspiration+

zu sprechen. Mit palliativen Mitteln mich aus dieser schwierigen Lage

herauszuhelfen, wäre auch möglich gewesen; ihn z. B. frei zu stellen

von allen schweren Arbeiten, als Corvédienste, Schildwache stehen

u. s. w.; dies wollte ich nicht thun, weil ich damit direct oder

indirect ihn für krank erklärt hätte, also ... ich wartete. Diesmal,

wie späterhin sehr oft, brachte das Warten die erwünschte Aufklärung.

Daudu wurde nicht müde mit seiner künstlichen Auftreibung des Bauches,

aber er ging in die Falle, die ich ihm legte. Ich musste nämlich die

Apotheke in Ordnung bringen; zu diesem Zwecke liess ich von Daudu

neue Signaturen schreiben u. s. w. In der Apotheke stand auch, stets

gefüllt, die »Feldverband-Kiste« und die »Feldmedicinen-Kiste«,

welche je 30-50 Kilo wogen und beim Ausrücken von zwei Kulis mit

grossen Bambusstangen auf den Schultern getragen werden sollten. Mit

bewunderungswürdiger Leichtigkeit und Geschicklichkeit hantirte er mit

diesen Kisten, als ob sie nicht einmal 5 Kilo wogen. Ich beneidete

ihn oft um seine Körperkraft, die ihn dazu in Stand setzte; aber das

Vermuthen, dass sein Zustand kein pathologischer sei, bekam dadurch

beinahe Gewissheit. Ich sorgte dafür, dass der militärische Commandant

auch Gelegenheit bekam, diese seine Körperkraft beobachten zu können,

und zwar nicht nur momentan, sondern ich liess ihn oft stundenlang

die schwersten Arbeiten in der Apotheke verrichten, z. B. die grossen

Töpfe, Büchsen und Kisten einen ganzen Vormittag von einem Kasten in

den andern überbringen u. s. w., so dass ich die Ueberzeugung bekam,

dass Daudu nicht krank und dass sein Zustand ein artificieller sei.

Nach zwei Monate langer Beobachtung hatte ich mir also die Ueberzeugung

geschafft, +dass sein Zustand ihm nicht hinderlich im Verrichten

seines Dienstes sein könne+ (per analogiam). Der Zufall wollte es

auch, dass um diese Zeit ein Transport mit militärischen Utensilien

nach Bandjermasing gehen sollte. Daudu ersuchte mich, den Transport

mitmachen (dies geschah zu Wasser in einem Boote) und zugleich von

Bandjermasing nach der Superarbitrirungscommission zu Surabaja

gesendet werden zu können. Mit der grössten Ruhe sagte ich ihm, dass

dazu keine Ursache wäre, dass er nicht krank sei, dass er ganz gut

seinen Dienst thun könne, und dass er also den folgenden Morgen das

Marodenzimmer verlassen müsse. In der ersten Ueberraschung sprach er

nur »C’est impossible, mon Doctor major«, und ich entliess ihn nur

mit den Worten: »je l’ai vu que vous pouvez faire votre service.« Die

Sache nahm natürlich den erwarteten Verlauf. Den andern Tag meldete er

sich wieder krank, der Militär-Commandant frug mich brieflich (gemäss

einer gegenseitigen Absprache), nicht ob er krank sei, sondern ob er

seinen Dienst verrichten könne, was ich mit gutem Gewissen bejahen

konnte; Daudu wurde bestraft, er reclamirte bei dem militärischen

Commandanten in Bandjermasing, der mich ebenfalls um mein Gutachten

officiell ersuchte; ich blieb bei meiner Behauptung, dass der Reclamant

seinen Dienst verrichten könne; er wandte sich an das Kriegsgericht,

und auch dieses verurtheilte ihn wegen Unwilligkeit und wegen Mangel

an Achtung gegen seine Vorgesetzten, und endlich ... machte er alle

seine Dienste. Zu gleicher Zeit wollte er sich in einem hochelegant

französisch geschriebenen Brief, den ich noch heute besitze, an den

Unterkönig wenden, in welchem er sich als das Opfer der mangelhaft

entwickelten Wissenschaft der Medicin hinstellt, da nicht einmal

so ein ausgezeichneter Arzt als Dr. Breitenstein seinen Zustand

beurtheilen könne; er hat ihn aber auf mein Anrathen inhibirt. Einige

Monate später musste ich einen Brief begutachten, welcher auf dem

Wege der Gesandtschaft von seinem Bruder, einem Advocaten in Paris,

an den Unterkönig geschickt wurde. In diesem frug dieser Advocat

nur, wie es mit dem Magenleiden seines Bruders gehe. Ich begnügte

mich, mitzutheilen, dass mir von einem Magenleiden des Daudu gar

nichts bekannt war, da er während seines zweimonatlichen Aufenthaltes

im Marodenhause zu Muarah Teweh sich eines solch guten Appetits

erfreut hat, dass er nicht einmal an der gewöhnlichen Ration der

Soldaten-Menage genug hatte, sondern sich oft noch Reis u. s. w. dazu

kaufte. In einer ebenso feigen als läppischen Weise hat aber Daudu sich

dafür an mir gerächt. Als ich im October 1880 Borneo verlassen musste,

war ich gezwungen, einige Tage in Bandjermasing auf die Ankunft des

Schiffes zu warten. Täglich ging ich nach dem Spital, welches im Fort

lag, und passirte bei dieser Gelegenheit die Caserne der Artilleristen.

Eines Tages stand Daudu in der Veranda, und gerade als ich vorbeiging,

bog er so seinen Oberleib, dass ich nur das Ende des Rückens zu sehen

bekam! Wohlweislich sprach ich ihn dafür nicht an, denn er hätte gewiss

mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt versichert, mich nicht kommen

gesehen zu haben.

Solche seltene Fälle von Simulation sind in gewisser Hinsicht natürlich

nicht gefährlich; d. h. wenn man aus Unsicherheit der Diagnose oder

aus zu grosser Gewissenhaftigkeit hineinfällt, so wird nicht leicht

ein zweiter Soldat es wagen, ein solches Leiden zu simuliren; aber

bei anderen simulirten Krankheiten geschieht dies häufig; denn dem

Soldaten macht es immer Freude, seinem Vorgesetzten ein Schnippchen

schlagen zu können. Im Jahre 18.. kam z. B. ein Soldat mit Schmerzen

in dem rechten Oberarm ins Spital zu M.... Per exclusionem zweifelte

ich keinen Augenblick, dass dieser Patient einige Tage im Spitale

ausruhen wollte, und theilte dies dem jüngeren Arzt mit, dem ich meinen

Dienst übergab, weil ich auf Urlaub ging. Dieser wusste es natürlich

(?) besser als ich, diagnosticirte: Neuritis brachialis, und als ich

zurückkam, waren drei solche Fälle, und zwar von demselben Bataillon

und von derselben Compagnie im Spital. Sogar ein vierter meldete sich

mit dieser Krankheit; ich untersuchte ihn nach den Regeln der Kunst und

schrieb ihn schon den folgenden Tag aus dem Spitalstande. Es kam kein

neuer Fall von Neuritis brachialis mehr zur Behandlung, und auch die

übrigen drei verliessen in einigen Tagen geheilt(?) das Spital.

* * * * *

Den 6. October (1877) war das mohammedanische Neujahrsfest (1294). Die

Mohammedaner feiern diesen Tag mit allem Luxus, der ihnen zu Gebote

steht; Jeder geht in seinem neuen Kleide in die Moschee, spazieren

und Visite machen; auch zu uns kamen sie ins Fort und zwar unter einem

fürchterlichen Raketenfeuer. -- Ueberall wird Feuerwerk (mortjon)

an diesem Tage angezündet, und je stärker das Donnern und Poltern

desselben ist, desto grösser ist das Vergnügen dieser Menschen. Wenn

man am mohammedanischen oder chinesischen Neujahr durch die Strassen

einer grossen Stadt Javas fährt, hält man sich krampfhaft das Herz,

weil man fürchtet, dass die Pferde durch das tolle Schiessen, oder

getroffen von den Funken des Feuerwerkes scheu werden; sie gewöhnen

sich jedoch so daran wie die Menschen. Dass natürlich die europäische

und halbeuropäische Jugend an diesem lauten Vergnügen activ Theil

nimmt, ist selbstverständlich. Wie viel tausend Gulden an einem solchen

Tage für dieses Freudenschiessen verschleudert werden, weiss Gott. Sehr

selten hört man jedoch von einem Unglück bei dieser Gelegenheit. Ich

selbst hatte nur im letzten Jahre meines Aufenthaltes in Indien eine

kleine unangenehme Ueberraschung durch die Mortjon zu erleiden. Ich

fuhr nämlich in meiner Equipage von Samarang nach Tjandi und suchte

so viel als möglich dem Feuerwerke aus dem Wege zu gehen; kaum war

ich jedoch auf der grossen Strasse, als ein Knabe sein Bündel mit

brennenden Mortjons in die Luft warf; ohne darauf zu achten, fuhr ich

weiter. Wenige Minuten darauf jedoch stieg auf meiner Seite eine kleine

Rauchwolke und eine Flamme in die Höhe. Das Mortjon hatte die offene

Rücklehne getroffen und in Brand gesetzt.

[Illustration: Fig. 5. Erste Begegnung mit der Tochter des Fürsten

Mangkosari.]

Zu den Besuchen, welche wir damals erhielten, gehörte auch die Tochter

Mangkosari’s, welche natürlich nicht zu uns selbst, sondern zu unseren

Haushälterinnen kam. Ein langer Zug von 20-25 Frauen zwischen 15-25

Jahren näherte sich dem Fort. An der Spitze des Zuges ging jene stolz

wie eine Juno und schön wie eine Venus. Mit ihren feuersprühenden Augen

und elfenbeinernen Zähnen verrieth sie in ihrem gemessenen Schritt und

der ihrer hohen Abkunft bewussten Haltung ihre fürstliche Abstammung.

Bei ihrem Eintritt legte sie ihre kleine, weiche Hand in die meinige

mit den Worten slamat taon Baru = glückliches Neujahr, ging stolzen

und erhobenen Hauptes bei mir vorbei in das hintere Zimmer, wo meine

Haushälterin auf dem Boden sass, und liess sich ebenfalls nieder,

während das Gefolge in gemessener Entfernung ein Gleiches that.

Natürlich war der Boden mit (Singaporschen) Matten bedeckt, und meine

Haushälterin, welche von der Ankunft dieser Fürstentochter verständigt

war, hatte für Gebäck, Zuckerwerk und Thee gesorgt. Ihr zurückhaltendes

Benehmen gegen mich hatte seine gute Ursache. Täglich machte ich

nämlich vor Sonnenuntergang einen Spaziergang zwischen dem Fort und

der Wohnung ihres Vaters, welche am rechten Ufer des Tewehflusses

lag; ich ahnte nicht, dass jedesmal ein Paar schwarze, feurige Augen

mich auf meinem Spaziergang beobachteten. Eines Tages jedoch kam ich

an das Ende der Strasse, und sieh’ da! zwei schöne Frauen sassen auf

einem gefällten Baume, welcher vor dem Hause Mangkosari’s lag. Die

eine der beiden kannte ich bereits; es war die (halbchinesische) Frau

des chinesischen Lieferanten des Forts; die zweite wurde mir als die

Tochter Mangkosari’s vorgestellt. Selten habe ich ein so schönes

Mädchen gesehen, und niemals mit einer schöneren Frau, als diese war,

gesprochen. Im Laufe des Gespräches (in malayischer Sprache) bot sie

mir (Fig. 5) Früchte aus dem Körbchen an, welches sie in der Hand

hielt; einen Augenblick zögerte ich, diese Liebesgabe anzunehmen --

die Frauen standen auf und mit einem kurzen und gemessenen Tabeh

(Gegrüsset) verliessen sie mich. Nur zweimal noch bekam ich hierauf

während meines dreijährigen Aufenthaltes in Teweh die Tochter

Mangkosari’s zu sehen, und zwar beim erwähnten Neujahrsfest und 1½

Jahr später, als die Frau des Mangkosari schwer erkrankte und mich um

Hülfe ersuchen liess.

* * * * *

Den 3. Mai 1878 hatte ein Dajakscher Jüngling in unserer nächsten

Nähe sich seinen Brautschatz geholt. Ungefähr 500 Schritte hinter dem

Fort waren einige Malayen mit dem Fischfang beschäftigt, plötzlich

sprangen einige Dajaker aus dem Gebüsche; vier von ihnen gelang es,

je einen Malayen beim Kopfhaar zu fassen und ihm mit dem Mandau mit

einem Schlag den Kopf abzuschlagen. Ebenso schnell als sie gekommen

waren, wussten sie auch zu entfliehen, bevor die übrigen Fischer sich

von ihrem Schrecken erholt hatten. Nur die kopflosen Leichen ihrer

Kameraden und die Blutspuren, welche in den Urwald führten, waren die

traurigen Ueberreste dieser Kopfjagd. Die Kopfjäger schnitten mit den

kleinen Messern, welche sich auf der Scheide der Mandaus befanden, das

Fleisch von den Köpfen ab, die langen Haare derselben banden sie an

die Griffe ihrer Schwerter, und frohlockend zogen sie weiter, in der

Ueberzeugung, mit ihren Schätzen jedes spröde Frauenherz erobern zu

können. Die Werthscala eines Kopfes ist folgende: Sclave, Kind, Frau,

Dajaker, Malaye, Chinese und Europäer. Die Leiche des einen Opfers

wurde mir als corpus delicti des Verbrechens zur Obduction gebracht.

Ich habe seitdem keine Gelegenheit mehr gehabt, eine solche Leiche zu

obduciren; ich weiss also nicht, ob es Zufall war, oder ob es immer

geschieht: am Rumpfe befand sich nur ein Schnitt, der den Zwischenraum

zweier Halswirbel durchzogen hat. Was ich darüber bei Perelaer und

Schwaner gelesen habe, und was mir darüber von den Eingeborenen

erzählt wurde, stimmt damit überein, d. h. der Kopfjäger liegt im

Hinterhalt, springt im gegebenen Augenblick auf sein Opfer, fasst es

bei den Haaren, und mit +einem+ Schwunge seines Mandaus trennt er

den Kopf vom Halse. Diese Trophäen sind den Dajakern das Zeichen des

persönlichen Muthes, und darum wurden sie damals von den Bräuten von

ihren Freiern gefordert. Mittheilenswerth ist die Erzählung, welche

Perelaer in Nr. 11 vom Militär-Spectator 1864 bringt. Im Jahre 1860

reiste Harimaung nach Kwala Kapuas und schloss mit den Beamten dieser

Gegend ein Bündniss und beschwor, die Kopfjagd aufzugeben und auch in

seinem Reiche die Kopfjagd zu verbieten. Viele Jahre hielt er sein

Wort, bis ihn die Liebe wortbrüchig machte, obwohl sein Vater und seine

Freunde ihn als Feigling behandelten und beschimpften. Er ging auf

Freiersfüssen, ohne jedoch seine Braut heimführen zu können, weil er

noch keinen Kopf erbeutet hatte, ja noch mehr, sie bot ihm den saloi

(den kurzen, bis zum Knie reichenden Sarong) mit den Worten an: »Du

bist kein Mann, Du musst Frauenkleider tragen.« Auch diesen Schimpf

ertrug er, um dem Wort treu zu bleiben, das er dem Commandanten von

Kwala Kapuas gegeben hatte. Als aber seine Geliebte einem berühmten

Kopfjäger aus Miri (Kahajan) Gehör gab und selbst als Bräutigam annahm,

da schwanden seine guten Vorsätze. Eines Tages verschwand er plötzlich

und kehrte nach einigen Tagen zurück, mit seinem Korb auf dem Rücken,

welcher vier Köpfe enthielt. Der süsseste Liebeslohn strahlte aus den

Augen seiner Geliebten, als er den Korb vor ihren Füssen hinstellte

und die Schädel herausrollen liess. Er aber blieb ruhig stehen und

streckte seine Hand nach dem auf dem Boden liegenden Liebeslohn. Es

waren die Köpfe +ihres+ Vaters, +ihrer+ Mutter, +ihrer+

Schwester und ihres -- +Bräutigams+. »Du hast Köpfe gewünscht,«

fügte er hinzu, »hier sind sie; ich habe meinen Eid gebrochen; ich darf

nicht mehr unter die Augen des Commandanten von Kwala Kapuas kommen;

sei verflucht!« Er floh in die Urwälder, welche er seitdem nicht mehr

verlassen hat.

Natürlich giebt sich die Holländische Regierung alle Mühe, nicht nur

unter ihren eigenen Unterthanen, sondern auch über die Grenze ihres

Gebietes hinaus dieser grausamen Sitte zu steuern; abgesehen davon,

dass die Sitten durch einen solchen Gebrauch nie milder werden können,

ist die Kopfjagd eine der Ursachen, dass Borneo so schwach bevölkert

ist.

Nach einer solchen Kopfjagd, wie sie Harimaung übte, bleibt natürlich

die Blutrache nicht aus. Die Familie seiner Geliebten nahm Rache; sein

ganzes Vaterhaus wurde ausgemordet und dessen ganzes Vermögen wurde

zersplittert, und er selbst blieb -- in den Urwäldern Borneos.

* * * * *

Lieutenant X., welcher gleichzeitig der Vertreter der Regierung

gegenüber der Bevölkerung war (civile gezagvoerder), liess den

Districtshäuptling Dakop kommen und gab ihm den Befehl, den Mörder

auszuforschen, einzufangen und der Regierung auszuliefern. Unterdessen

kam schon Mangkosari sich bei dem Commandanten melden und bot sich

an, den Mörder zu suchen. Ich erinnere mich nicht mehr, ob Lieutenant

X. sein Anerbieten annahm, denn es war noch keine Antwort auf sein

Gnadengesuch eingelaufen, oder ob dieser Häuptling trotz des Verbotes

des Militär-Commandanten diesen Kriegszug unternahm; genug an dem;

einige Stunden später, während Dakop noch am Berathschlagen war, sah

ich Mangkosari mit ungefähr 100 Mann den Baritu stromaufwärts fahren.

Den andern Tag um 9 Uhr Abends sassen wir drei Officiere an der

Whisttafel, als ein weihevoller Gesang an unser Ohr drang; wir traten

zur Palissade; gellende Hurrahrufe mengten sich unter das gedehnte

illa--la--lah há; eine ägyptische Finsterniss bedeckte die Landschaft,

so dass wir nur einige Lämpchen wie Irrlichter auf dem Wasser schweben

sahen; ein Blitzstrahl zuckte und zeigte uns vielleicht 40 kleine

Kähne, welche sich unserem Fort näherten. Einer von ihnen blieb stehen,

zwei Männer stiegen aus, wovon der Eine eine Laterne trug; als sie der

Palissade nahe waren, erhob der Eine die Laterne, ein hundertstimmiges

Hurrah drang zu unseren Ohren und wir sahen den zweiten Mann -- ich

glaubte, dass es Mangkosari selbst war -- einen Schädel in die Höhe

bringen, welcher, beleuchtet von der Laterne des zweiten Dajakers, uns

den Mörder zeigen sollte, welcher mit seinem Kopfe sein Verbrechen

gebüsst hatte. Wahrlich! eine eigenthümlich pittoreske Scene, die sich

uns damals darbot! (Wer weiss, welchem unschuldigen Mann Mangkosari den

Kopf abgeschnitten hat, um nur einen Beweis für seine Tüchtigkeit als

Polizeimann zu geben.)

Noch dreimal hat während meines 3½ jährigen Aufenthaltes auf Borneo die

Regierung von einer solchen Kopfjagd Nachricht bekommen. Der Einfluss

der europäischen Civilisation macht sich natürlich, wenn auch langsam,

doch sicher geltend, so dass heut zu Tage dieser grausame Gebrauch

nicht so häufig geübt wird als früher. Dazu trägt auch die neue Waffe

das ihrige bei. Als vor ungefähr 25 Jahren in der indischen Armee die

Hinterlader eingeführt und die zurückgestellten alten Vorderlader auf

Auction gebracht wurden, blieb kein einziges dieser alten Gewehre

unverkauft. Auch unter den Dajakern befanden sich zahlreiche Käufer,

welche die neue Waffe sehr gut zu gebrauchen lernten. Ich ging damals

oft auf die Jagd und nahm einen Dajaker aus dem Gefolge Mangkosari’s

mit, welcher mir das Gewehr trug. Bald wurde er ein geübter Schütze,

der seinen Lehrmeister bei weitem übertraf. Vom oberen Laufe des Baritu

kamen Ende 1879 die Fürsten von Murong und Siang nach Teweh und sahen

damals zum ersten Male einen Dampfer und die neuen Beaumont-Gewehre;

das Dampfschiff erregte mehr ihre Neugierde als Erstaunen; aber als sie

das Hinterladergewehr gebrauchen sahen, sprangen sie wie Besessene vor

Bewunderung. Ueber die Waffen der Dajaker, welche noch nicht von der

Cultur beleckt sind, d. h. welche nur den Mandau, Schild, Pfeile und

Blasrohr gebrauchen, ausführlich zu schreiben, würde überflüssig die

Grenzen dieses Buches überschreiten.

Nur will ich mittheilen, dass ich mit dem Ipoh, dem Pfeilgift der

Dajaker, einige Experimente gemacht habe. Ich habe nämlich 1 Gran =

65 Milligramm Ipoh in Wasser gemischt einem kleinen Affen ins Rectum

eingespritzt. Obwohl ungefähr die Hälfte sofort wieder ausfloss und ich

den Affen (Cercopithecus cynomolgus) nach Angabe der Dajaker sofort

unter Wasser tauchte, bekam er doch nach ungefähr 10 Minuten Krämpfe

und starb. Zweimal habe ich ein Schuppenthier (Manis pentadactyla)

durch Ipoh getödtet; das erste Mal in Teweh und das zweite Mal, 16

Jahre später, in Java. Mit dem Messerchen gab ich zwischen zwei

Schuppen einen Stich und steckte hierauf einen Pfeil in die Wunde.

Im ersten Falle starb das Thier beinahe sofort nach der Operation,

während es im Jahre 1896 doch noch ¼ Stunde dauerte, bis das Thier

unter Convulsionen erlag. Nach Perelaer stamme das Gift von zwei Sorten

Gewächsen; das eine, das Siren, stamme von einem Baume, und das andere,

Ipoh, von einem Strauche. Nach meinen Untersuchungen dürfte in dem

Theile Borneos, welchen ich bewohnt habe, Strychnos Tieuté Lechenault,

und in Kapuas, Antiaris toxicaria die Quelle des Pfeilgiftes gegeben

haben. Dass jedoch, wie Wefers Bettink behauptete, »das Pfeilgift von

Borneo keine Spur von Strychnin enthalte«, kann ich, soweit es die

Pfeile betrifft, welche ich in Teweh erhielt, nicht unterschreiben. Der

verstorbene Professor Stricker in Wien schrieb mir seiner Zeit nämlich,

dass das von mir gesendete Ipoh eine Strychninsorte sei.

* * * * *

»Greift nur hinein in’s volle Menschenleben, und wo ihr’s packt, da

ist’s interessant.« So ging es auch mir während meines Aufenthaltes

auf der Insel Borneo. In dem engen Raume des kleinen Forts herrschte

Monotonie des ganzen täglichen Lebens. Als Arzt konnte ich nicht

viel zu thun haben, weil hundert Soldaten, welche doch in der Kraft

ihres Lebens stehen, nicht oft erkranken; als Mensch und als Officier

kostete ich den Kelch eines der civilisirten Welt entrückten Bestehens

bis auf die Neige, weil ich nur zwei Kameraden hatte, d. h. weil nur

zwei Officiere und sonst niemand sich im Fort befand, mit denen ich

verkehren konnte, und doch hatte ich keine Langeweile. Denn so oft als

möglich (und natürlich immer auf eigene Verantwortung) verliess ich

das Fort, um zu jagen, um Käfer zu sammeln, um einem dajakischen Feste

beizuwohnen oder um an der Grenze des Urwaldes seltene Orchideen zu

pflücken u. s. w.

So geschah es auch, dass ich den 25. Februar 1878 mit dem

Bezirkshäuptling Dakop über den Baritu setzte, um hinter dem Kampong

des Demong Djatra zu jagen. Der alte Kamponghäuptling war seinem

Blasenkrebs erlegen, und sein Sohn Demong Djatra, der Nachfolger

in dieser Würde, ist mein Freund (?) geworden. So oft als möglich

besuchte er mich, d. h. so oft er Pulver für sein Gewehr nöthig hatte,

und brachte mir hin und wieder auch kleine Geschenke, z. B. Früchte

mit. Sein Gesichtsausdruck war der eines hinterlistigen Mannes, und

vielleicht war dies die Ursache, dass mein Wau Wau ihn jedesmal

attaquirte, wenn er zu mir ins Zimmer trat. Entweder riss er ihm

wüthend das Tuch vom Kopfe oder er hing sich an seine Füsse und zerriss

ihm die Hose (welchen Luxus er sich immer erlaubte, wenn er ins Fort

kam), oder er sass zwischen den Spitzen der Palissade und riss ihn en

passant, mit einem Ausdruck voller Wuth, bei dem Kragen, kurz und gut,

er hasste den Demong Djatra. Dies war darum so auffallend, weil es der

einzige Dajaker und der einzige Mensch war, dem mein Wau Wau solche

unzweideutigen Beweise seiner Feindschaft gab, und weil thatsächlich

Falschheit die Physiognomie dieses Häuptlings zeigt. Dass er zwei Jahre

später das Haupt des Aufstandes war, will ich nur per parenthesim

erwähnen, weil noch andere unserer »Freunde (sobat)« daran Theil

genommen hatten, ohne dass sie einen solchen listigen Ausdruck gehabt

hatten.

Als wir uns seinem Kampong näherten, sahen wir eine eigenthümliche

Scene. Im Wasser stand mein »Freund« Djatra, vor ihm lag ein Boot,

hinter ihm standen drei Männer in feierlicher Haltung und neben diesen

eine Miniatur-Hütte, welche auf einem Gestell umgeben mit Wachslichtern

ruhte. Im Hintergrunde standen die übrigen Bewohner des Kampong als

Zuschauer. Unter den Frauen waren einige junge, welche über dem Knöchel

eine Schnur mit kleinen Glasperlen hatten. Auf meine Frage, warum nicht

alle Frauen diese Glasperlen über dem Knöchel tragen, theilte mir Dakop

mit, dass nur jene Frauen oder Mädchen diesen Schmuck anlegen, welche

zu heirathen wünschen. (Also eine dajakische Heirathsannonce!) Die

drei Männer murmelten ihre Gebete und besprengten den Djatra mit Reis.

Nun kam dessen Frau und kletterte auf einen Baum, der vor dem Boote im

Wasser stand. Djatra nahm sein Mandau und hieb so lange darein, bis

der Baum mit seiner Frau ins Wasser fiel. Jetzt stiegen Mann und Frau

in den Kahn, welcher nichts mehr als ein ausgehöhlter Baumstamm war,

und der älteste der drei Bliams fasste ihn mit den Händen und platsch!

beide liegen im Wasser; das Boot wird, während die beiden das Wasser

von sich abschütteln, gut mit Wasser abgespült, und diese Procedur wird

dreimal wiederholt. Nach dieser Taufe eilen Mann und Frau an den Wall

und kriechen in eine zu diesem Zwecke bereitete Grashütte. Burschen

bringen brennende Fackeln herbei, eine zweite Frau (garde-dame!)

leistet dem Paare in der niedrigen Hütte Gesellschaft, es stürmen

die drei Priester mit Lanzen gegen die Hütte, umtanzen sie schreiend

und mit den Lanzen schwingend und drohend; mit Hurrah springen die

drei Insassen aus der Höhle und im folgenden Moment verbrennen die

Flammen die Grashütte. Jetzt ist Djatra, welcher Reconvalescent

nach einer schweren Krankheit war, vollkommen gereinigt und das

+Genesungsfest+ abgelaufen.

* * * * *

Zahlreich sind die Krankheiten des Magens, der Leber und der Därme, an

welchen die Europäer in Indien leiden. Natürlich wird dem Klima die

Schuld gegeben, die Ursache dieser zahlreichen Krankheiten zu sein, ob

aber mit Recht, das ist noch die Frage. Denn in Indien wird zu viel

gegessen und zu viel getrunken. Woher soll der Magen die hinreichende

Menge des sauren Magensaftes nehmen, wenn er durch eine zu grosse

Menge von Speisen überfüllt wird. Man hilft sich zwar dadurch, dass man

zu den Speisen gewisse Gewürze zusetzt, welche eine grössere Production

von sauerem Magensaft anregen sollen; aber dieses hat seine Grenze.

Zuletzt kann keine grössere Menge gesunden Magensaftes erzeugt werden;

die grosse Menge aufgenommener Speisen wird nicht zur gehörigen

Zeit verdaut in den Zwölf-Fingerdarm geschafft, weil der Magen

atonisch geworden ist. Es muss Dyspepsie eintreten, weil nicht genug

saurer Magensaft vorhanden ist, um die Fermentation der Speisen zu

ermöglichen, und auch Plethora stellt sich ein, welche zu Congestionen

der Leber und der anderen Baucheingeweide und zum Entstehen der

Hämorrhoiden Anlass giebt.

Es lässt sich zwar nicht leugnen, dass in Indien die Flora und Fauna

aussergewöhnlich üppig sind und dass also auch das Reich der Bacterien

durch die immer herrschende Wärme und grosse Feuchtigkeit der Luft

einen günstigen Boden zur Entwicklung hat; aber auch in Indien ist der

sauere Magensaft im Stande, die Bacterien des Magens und des Darmes zu

verzehren, wenn er in +hinreichender+ Menge vorhanden ist. Daran

denkt man in der Regel nicht, obzwar unter den Tropen der Stoffwechsel

lange nicht so energisch ist, als in Europa. Jeder von uns weiss ja,

dass in den kalten Wintermonaten der Appetit grösser als im Sommer ist,

und doch wird in Indien, wo das ganze Jahr hindurch eine Temperatur von

25-40° herrscht, nicht nur +nicht weniger+ gegessen und getrunken

als in Europa, sondern sogar mehr. Zur Illustration dieser Behauptung

will ich jetzt eine Beschreibung der Diners folgen lassen, welche man

z. B. in Batavia in einem Hotel ersten oder zweiten Ranges erhält.

(Wegen Mangel an Restaurationen und Kaffeehäusern bekommt man in den

Hôtels auf Java die ganze Verpflegung und zwar für 4-6 fl. per Tag.)

Beim Aufstehen des Morgens erhält man eine Schale Kaffee, welcher, so

unglaublich es ist, nicht schlechter sein kann, als er ist. Zwischen

7-8 Uhr geht man zum ersten Frühstück.

Man erhält Thee oder Kaffee, zwei Eier, Butterbrot, Käse, Salami und

Beefsteak. In Indien geborene Europäer nehmen gerne beim Frühstück

einen Teller voll Nassi Gôrèng, d. i. Reis mit klein gehacktem

Fleisch, Zwiebeln und Lombok (Paprika) in Cocosöl gebacken und mit

zwei Spiegeleiern garnirt. Ich pflegte bei meinem Aufenthalt in

Indien dabei zu bemerken, dass in Europa nicht einmal der Fürst von

Reuss-Greiz-Schleiz-Lobenstein ein so reiches Frühstück habe, als

ein einfacher Lieutenant in Indien. Vorläufig muss man damit bis 1

Uhr Nachmittags zufrieden sein. Um jedoch zu dieser Hauptmahlzeit

(Rysttafel genannt) den nöthigen Appetit mitzubringen, steht vor

dem Essen die Caraffe mit Genever und Bitterextract den Gästen à

discrétion. Wie der Magyar seinen Sliwowitz, so nimmt der Holländer vor

Tisch ein, zwei oder drei Gläschen »Bitter«.

21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo. · 第 6 / 26 段