Endlich kam der letzte Dolmetsch, und nach langer Debatte erfuhr ich

erst das Folgende: Der lange Dajaker sei von der Quelle der Teweh zu

mir gekommen, weil er an blutiger Diarrhoe leide; diese Krankheit

hätte sich langsam und allmählich entwickelt, nachdem er vor acht

Monaten von einer Tigerschlange (Python) attaquirt worden sei. Er ging

nämlich um diese Zeit im Walde und hatte nur einen grossen Korb auf

seinem Rücken; plötzlich fühlte er etwas Nasskaltes auf dem Rücken, er

griff dahin, und in diesem Augenblicke schlang sich eine Sawahschlange

viermal um seinen Thorax. Die Elasticität des Korbes rettete ihn vor

einem sichern Tode; denn sie gab ihm Gelegenheit und Zeit, unter den

Windungen der Tigerschlange sein Messer zu ziehen und mit raschen und

kräftigen Zügen die Schlange -- zu durchsägen. Diese Riesenschlangen,

welche in Indien fälschlich für Boas gehalten werden, erreichen oft

eine ungeheure Länge. In Buntok (zwischen Marabahan und Teweh) hatte

eine Python den Stall eines Dajakers überfallen und war mit einer

Gans davon geeilt. Durch das Geschnatter der übrigen Gänse aufmerksam

gemacht, eilte er hinaus, und es gelang ihm noch, mit seinem Mandau

ihr den Kopf abzuschlagen. Als ich den folgenden Tag ins Spital ging,

sah ich den Rumpf auf der Strasse liegen; er war 9 Schritte, also mehr

als 6 Meter lang; man will selbst Sawahschlangen von 8 Meter Länge

gesehen haben. Diese Gans hatte ein sehr trauriges Schicksal, denn

allgemein wird in Indien angerathen, Gänse in seinem Garten zu halten,

weil sie durch ihr Geschnatter die Schlangen vertreiben sollten, und

gerade eine Gans war es, welche sich die hungrige Python zu ihrem

Opfer auserlesen hatte. Das beste Mittel jedoch, die Schlangen aus der

Umgebung der Häuser fern zu halten, besteht darin, dass man rings um

das Haus alles Gras ausrodet; die Schlangen lieben nicht die steinigen

Wege, und wenn auch eine sich auf einen solchen Weg verirrt, so sieht

man sie und läuft nicht Gefahr, sie zu treten und von ihr gebissen

zu werden. Dies ist sehr wichtig; denn keine Schlange greift den

Menschen an, und jede Schlange geht dem Menschen aus dem Wege, wenn

er sie nicht tritt oder angreift. Man kann +neben+ der grössten

und giftigsten Schlange gehen, sie beobachten u. s. w., man bleibt

unbehelligt, so lange man sie nur in Ruhe lässt. Ich habe zahlreiche

Patienten behandelt, welche von giftigen und ungiftigen Schlangen

gebissen waren. Auf mich machte es den Eindruck, dass der Biss einer

giftigen Schlange nicht absolut tödtlich sei, und dass es allein davon

abhänge, ob das Gift direct in eine Vene eingespritzt werde oder

nur das subcutane Gewebe reize; im letzten Falle entsteht nur eine

Entzündung mit consecutivem Exsudat, welches mechanisch die Aufnahme

des Giftes in die Blutcirculation erschwert oder unmöglich macht. Damit

ist natürlich der Process localisirt. Wenn jedoch der Giftzahn seinen

Inhalt direct in das Lumen einer Vene entleert, so wird der tödtliche

Ausgang nicht lange auf sich warten lassen; wenn nur eine Arrosion

eines Blutgefässes ursprünglich stattgefunden hat, welche erst secundär

die Wand einer kleinen Vene öffnet und den Uebergang des Giftes in den

Blutstrom ermöglicht, ist natürlich noch nach Stunden und selbst nach

1-2 Tagen der Tod durch einen Schlangenbiss möglich. Da a priori diese

Verhältnisse nicht erkannt werden können, ist es darum rathsam, sofort

nach dem Bisse einer giftigen Schlange die Extremitäten abzuschnüren

und die Wunde auszubrennen. (Compressen mit Ammoniak haben natürlich

gegen die Aufnahme des Giftes ebenso wenig Erfolg als der inwendige

Gebrauch desselben.) Ein Unicum in dieser Hinsicht sah ich im Jahre

1880 in Bantam (Süd-Westen von Java). Eine Frau sah ich mit einem

exquisit komischen Stumpf des linken Unterschenkels und Contractur des

Kniegelenkes. Auf meine Frage, wie sie dazu gekommen sei, erzählte sie

mir, dass sie vor 13 Monaten von einer Schlange in den Fuss gebissen

wurde, dass sie die Wunde (landesüblich) mit einer Kupfermünze bedeckt

habe, welche wie ein Sieb durchlöchert war, dass die Wunde jedoch nicht

heilte, sondern immer grösser und grösser wurde, und dass zuletzt

der Fuss abgefallen sei. Da sie die ganze Zeit den Unterschenkel

in gebeugter Stellung gehalten hatte, so hatte sich nebstdem die

Contractur des Kniegelenkes entwickelt.

Auch hatte ich einmal Gelegenheit, einen Schlangenbeschwörer zu sehen

und zu sprechen. Es war in Tjilaljap, wo ein Javane mit zwei lebenden,

2-3 Meter grossen Schlangen zu mir kam, welche sich um seinen Hals und

Arme schlangen; natürlich erzählte er mir, dass er eine Medicin (obat)

eingenommen habe, welche ihn gegen die Folgen eines Schlangenbisses

unempfindlich gemacht habe. Als ich jedoch ihn frug, ob er vielleicht

die Giftzähne ausgebrochen hätte und darum den Biss seiner Schlangen

nicht fürchte, lächelte er mit verschmitzten Augen und bot sie mir zum

Kaufe an. Da ich eine unbenutzte Volière aus Draht in meinem Garten

stehen hatte, entsprach ich seinem Wunsche und liess sie dahin bringen.

Es war an einem Samstag, an welchem Tage die meisten Männer Abends in

den Club gehen, um Whist, L’hombre, Quadrille oder Billard zu spielen.

Meine Frau bat mich, diesen Abend das Haus nicht zu verlassen, weil

sie der Stärke des Drahtnetzes nicht vertraute. Als ich jedoch bei

meiner Absicht verblieb, schloss sie alle Thüren und Fenster des Hauses

sofort nach meinem Weggehen und verstopfte überdies noch die Ritzen

zwischen Thür und Boden mit Lappen. Um 1 Uhr Nachts kam ich nach Hause,

ging sofort nach der Volière, zündete ein Streichhölzchen an, um meine

neuen Gefangenen im Schlafe beobachten zu können; ja wohl, »der Vogel

war geflogen«, wie ein holländisches Sprichwort sagt. Der Käfig war

leer. Im Stillen pries ich natürlich die Vorsichtsmaassregeln, welche

meine Frau genommen hatte, und ging zu Bett, ohne meiner Frau etwas

von der Flucht der beiden Schlangen zu erzählen. Am andern Morgen

rief ich das ganze Personal herbei, den Kutscher, die Bedienten,

die Köchin, die Babu (Zofe) und den Gärtner, und theilte ihnen das

Vorgefallene mit. An Stelle des Entsetzens und Furcht, was ich von

ihnen beim Hören dieser Botschaft erwartete, bekam ich nur die kurze

Antwort »baik« = gut, und sie gingen -- die Schlangen suchen. Die

grössere der beiden lag ruhig am Eingange des Gartens zu schlafen.

Der Kutscher nahm einen grossen Bambus, legte an das eine Ende eine

Schlinge und näherte sich vorsichtig der schlafenden Schlange (es war

eine Python bivittatus, welche auch von den Chinesen gegessen wird).

Ebenso schnell als geschickt zog er die Schlinge über den Kopf, zog

das freie Ende des Strickes, welches er in der Hand gehalten hatte,

an, und der Flüchtling war wieder gefangen. Mit Hurrah wurde sie in

den Garten gebracht, und ich liess sofort das Todesurtheil über den

Deserteur aussprechen. Es bleibt eine solche Nachbarschaft immerhin

gefährlich, weil ihre Bewegungen geradezu geräuschlos sind. In Teweh

bekam ich einen solchen Gast sogar einmal ins Schlafzimmer und ins

Bett. Es war nämlich Ueberströmung und die Schlangen der Umgebung

flüchteten sich aufs Trockene (hinter dem Garten begann nämlich ein

kleines Hügelland). Ich hatte oft Gelegenheit, die Schwimmtüchtigkeit

der Schlangen zu bewundern. Sollte diese die Sage von der Existenz

der Seeschlangen veranlasst haben? Es war die erste Ueberschwemmung

(1878), welche ich in Teweh mitmachte. Ich stand vor dem Fort, wo das

Wasser schon 1 Centimeter hoch stand. Da sah ich ruhig und gelassen

eine Schlange sich uns nähern. Ich stellte mich zur Seite, und kaum war

sie auf dem trockenen Ufer angelangt, als ich mich niederbückte und mit

einem kräftigen Schlage meines Stockes ihren Kopf zerschmetterte (??).

Die Schlange war ungefähr 2 Meter lang; ich nahm sie auf meinen Stock

und schleuderte sie weit in den Fluss; wie überrascht war ich jedoch,

als ich sah, dass diese Schlange auf der Oberfläche des Wassers sich

erholte, einfach umkehrte und wieder ans Ufer schwamm.

Bei dieser Ueberschwemmung sah ich zahlreiche Schlangen, welche aufs

Ufer kamen, um Nahrung zu suchen. Eines Abends jedoch lag ich schon im

Bett und las, als von dem Dachraum herab eine Schlange auf das Zelt

meines Bettes sich fallen liess und mich mit fragenden Augen anblickte.

Ich sprang aus dem Bett, holte ein grosses Hackemesser, und es gelang

mir, mit einem Schlage den Kopf abzuschlagen.

Wenn ich auch die Furcht vor den Schlangen auf ihr richtiges Maass

zurückführen will, weil keine einzige ungereizt den Menschen angreift,

so muss ich doch vor diesen Reptilien warnen, weil man eben zufällig,

und ohne es zu beabsichtigen, eine Schlange treten kann. Unser

Fort stand auf Pfählen, und bei jeder Ueberströmung krochen kleine

Schlangen, welche sich auf das Trockene flüchteten, auf den Pfählen des

Hauses hinauf und kamen auf diese Weise auch in die Wohnung; dies waren

die gefährlichen Ular (Schlange) welang und die Ular dedor; es sind

dies kleine niedliche Schlangen von 20-40 cm; ihr Gift ist aber nach

den Mittheilungen der Eingeborenen ausserordentlich lebensgefährlich.

* * * * *

[Illustration: Fig. 4. Mein erster Hausfreund.]

Sehr bald hatte ich zwei junge Orang-Utangs und zwei Gibbons (Hylobates

concolor) domesticirt in meinem Hause; der Orang ist ein Phlegmaticus,

der Gibbon ist ein ausgelassener Junge, welcher den ganzen Tag nur auf

tolle Streiche denkt und Mann und Frau, Alt und Jung, Thier und Mensch

necken oder plagen will. Manchmal wurden seine tollen Streiche lästig,

aber noch öfters musste selbst der grösste Hypochonder über ihn lachen.

Ich hatte z. B. einen kleinen Honigbär (Ursus malayanus), welcher in

einem eisernen Käfig lebte; er war ein gutmüthiges Thier, welcher

seinen Reis sehr gerne mit den kleinen Hühnern theilte; wenn jedoch

die alte Henne vor dem Käfig angstvoll gluckte, um ihre Jungen vor dem

Gastherrn zu warnen, so fand sie kein Gehör bei den Küchlein; aber der

kleine Bär hatte Mitleiden mit der besorgten Mutter; er wollte ihr

helfen und zwischen den Stäben des Gitters die alte Henne hineinziehen.

Die Henne schrie aus Leibeskraft, er liess sie jedoch nicht los und

wollte sie mit seiner Pfote hineinzwängen, wodurch oft nicht nur

Federn, sondern auch ein Stückchen Haut mitgerissen wurde. Hin und

wieder gab ich ihm die Freiheit, und gerne trottelte er dann in die

Küche. um bei den Dienstboten ein Stückchen Zucker zu holen. Weh ihm

jedoch, wenn mein Gibbon ihn erblickte! Aufrecht kam dieser gelaufen

(Fig. 4), die langen Arme hielt er in die Höhe, die Schenkel im Knie

ein wenig gebogen und nach Aussen rotirt. So konnte ich meinen Gibbon

langsam auf der Erde dem Bären nachlaufen sehen, der die Gefahren,

welche ihm drohten, kannte und brummend weglief. Vergebliche Mühe;

denn der Gibbon hat ihn sehr bald ereilt, springt ihm auf den Rücken,

giebt ihm einen guten Biss und eilt schnell davon, wobei er dann auch

seine Hände gebraucht. Der Bär ist wüthend und läuft dem Plaggeiste

nach, brummend und heulend. Der Gibbon wartet geduldig ab, bis der Bär

nahe ist, springt ihm wieder auf den Rücken, beisst ihn in die Ohren

und springt auf den nächsten Baum oder auf einen Pfeiler der Küche. In

seiner Wuth klettert ihm der Bär nach, ohne zu ahnen, welche Streiche

der Gibbon ersinnt, um ihn noch mehr zu plagen. Ruhig bleibt er auf

dem Aste sitzen, blickt auf den Bär, welcher brummend und langsam

heraufklettert, mit vornehmer Ruhe herab, und wer, wie ich, seinen

Blick kannte, konnte schon aus seinem Zucken der Augenlider wissen,

dass der Gibbon verrätherische Pläne schmiedete. Endlich ist der Bär

in seiner Nähe, der Affe schwingt sich mit seinen langen Armen, während

die Fusse den Ast festhalten, unter dem Bären auf den Stamm des Baumes,

lässt seine Füsse los und fasst jetzt die Hinterfüsse des Bären. Wie

dieser auch brummt und heult, sein Plaggeist lässt die Füsse nicht

los; er zieht so lange, bis das arme Schlachtopfer endlich dem Zuge

nachgiebt und, gezogen von dem Affen, endlich den Boden erreicht. Noch

einmal beisst ihn der Affe und verschwindet mit Windeseile im Fort.

* * * * *

Ein grosses Beobachtungsmaterial boten mir meine Hausgenossen aus der

Thierwelt, und manches Mittheilenswerthe enthält darüber mein Tagebuch.

Soweit es in den Rahmen einer Reisebeschreibung passt, werde ich sie in

den folgenden Capiteln mittheilen, und jetzt vorläufig wieder dem Arzt

oder vielmehr der Hygiene einige Seiten einräumen.

* * * * *

Im Allgemeinen tritt in Borneo die trockene Zeit (der Ost-Monsun) viel

später ein als auf Java. Im ersten Jahre meines Aufenthaltes auf dieser

Insel (im Jahre 1877) war sogar erst im August die erste regenfreie

Woche eingetreten. Mit dem Eintritt der Monsune steht geradezu in einem

Causalnexus der Gesundheitszustand von Menschen und Thieren. Welcher

Theil des Jahres in den Tropen jedoch der gesunde oder der gesündere

zu nennen sei, lässt sich im allgemeinen nicht behaupten; locale

Ursachen spielen hierbei eine grosse Rolle. Was Teweh betrifft, so lag

es nicht mehr in der Ebene des angespülten Landes. Aber das Bett des

Baritu und des Nebenflusses Teweh, an deren Ufern unser Fort stand,

war vorherrschend Lehmboden. Ein steter Wechsel des Wasserstandes

charakterisirt diesen Strom auch noch in Teweh, wo die Ebbe und

Fluth des Meeres nicht mehr merkbar ist; 10-15 Meter Unterschied im

Niveaustande war eine häufige Erscheinung. Das Wasser bringt aus

den Bergen eine Schlammmasse, welche reich an vegetabilischen und

thierischen Stoffen ist, und lagert es (beim Sinken) auf den seicht

absteigenden Ufern ab. Diese Schlammmassen sind die Brutstätte der

todbringenden Miasmen. In der Regenzeit, wenn es täglich einige

Stunden stark regnet, bleibt der Wasserstand hoch und bedeckt die

sedimentirten Schlammmassen, und verhindert also gewissermaassen

mechanisch das Entstehen der fieberbringenden Plasmodien. Aber auch in

der trockenen Zeit können alle Bedingungen zur Existenz der Malaria,

Beri-Beri u. s. w. fehlen. Wenn Tage oder Wochen lang, oder selbst

Monate lang kein einziger Tropfen Regen fällt, wenn durch den niederen

Wasserstand die Ufer Wochen oder Monate lang den versengenden, aber

auch bactriciden Sonnenstrahlen ausgesetzt sind, und wenn selbst grosse

Sprünge und Risse in den ausgetrockneten Lehmboden des Flussbettes

kommen, auch dann fehlt den Miasmen jede Basis der Entwicklung.[7]

In der Uebergangszeit zu beiden Monsunen (Kentering) sind jedoch im

Gegentheil alle Factoren zu einer üppigen Entwicklung der Miasmen

gegeben: Feuchtigkeit, Wärme und organische Stoffe. Ueberraschend

gross war auch der Unterschied des Krankenstandes im Fort zu den

verschiedenen Jahreszeiten. Während des Höhepunktes des Ostmonsuns,

und noch mehr während des Westmonsuns, hatte ich oft Tage lang keinen

einzigen Patienten. Sobald jedoch während des Ostmonsuns in der Woche

ein- oder zweimal es regnete, oder sobald in der Regenzeit in der Woche

einige Tage frei vom Regen blieben, meldeten sich alle Soldaten, welche

früher schon an Intermittens gelitten hatten. Aber nicht allein die

Malaria forderte in der Kentering ihre Opfer; auch die Beri-Berifälle

bekamen ihre Recidiven zu dieser Zeit. Ich sehe noch den ersten

Beri-Berifall vor mir, welcher sich in Teweh bei mir meldete; es war

ein Soldat, welcher den ganzen Tag seinen Dienst verrichtet hatte und

gegen den Abend unwohl wurde und mich nur um ein Linimentum ersuchte,

weil er so schwere Füsse hätte. In der Absicht, den folgenden Morgen

ihn eventuell zu untersuchen, liess ich ihm durch den Krankenwärter

Spiritus camphoratus geben, ohne weiter mich mit ihm zu beschäftigen.

Wie erschrak ich aber, als ich zu demselben Patienten in derselben

Nacht gerufen wurde und ihn mit den stärksten und ausgesprochenen

Erscheinungen der Herzparalyse sterbend sah. Es ist vor einigen Jahren

in Atjeh geschehen, dass ein Beri-Beri-Patient als geheilt das Spital

verliess und auf dem Wege nach der Caserne todt niederfiel. Ein solcher

plötzlicher Tod scheint bei dieser Krankheit selbst häufig vorzukommen.

Im Jahre 1880 hatte ich im grossen Militärhospital in Batavia »die

Wacht«; in der Nacht wurde ich zu einem Beri-Beri-Patienten gerufen,

welcher mit einer schweren Hydrops pericardii darniederlag; ich

entschloss mich, ihm eine subcutane Injection von Pilocarpin zu

geben, und schrieb das Recept auf die »Krankenliste«, welche für

jeden Patienten angelegt wird und neben der Behandlung auch die

Krankheitsgeschichte enthalten soll. Mit der »Liste« wurde das

Pilocarpin aus der Apotheke geholt, und die übrigen Patienten des

»Saales« umstanden das Bett, als ich ihm die Injection machte. Einer

dieser Zuschauer hielt mir auch den Leuchter mit der Kerze (das Spital

hatte zwar schon damals Gasbeleuchtung; aber dieser »Saal« war als

temporärer Pavillon noch mit Oel beleuchtet). Hierauf ging ich wieder

schlafen, und zwei Stunden später kam mir ein Krankenwärter melden:

»Der Patient ist gestorben.« Ich nahm ihm die »Liste« ab, um die Stunde

seines Todes aufzuschreiben, bevor ich mich angekleidet hatte, um bei

diesem Opfer der Beri-Beri den Tod zu constatiren. Ich glaubte jedoch

eine unrichtige »Krankenliste« zu haben, weil ich die Notirung vor der

Injection darauf nicht sah; auf meine diesbezügliche Frage erwiderte

mir der Krankenwärter, nicht Sidin, dem ich Pilocarpin eingespritzt

hätte, sondern Amat, der mir bei dieser Gelegenheit die Kerze gehalten

hatte, sei plötzlich gestorben!! Diese miasmatische Krankheit, welche

mit der Malaria die indische Armee decimirt (die Beri-Beri sucht die

meisten Opfer unter den Eingeborenen), wird im zweiten und dritten

Theil noch ausführlicher besprochen werden müssen. Solche plötzliche

Todesfälle aber geben dem jungen Militärarzte einen Wink, mit der

Diagnose »Simulation« vorsichtig zu sein. Besonders die moderne Schule,

welche nur +Krankheiten+ und nicht +den Kranken+ behandelt,

hat an solchen irrigen Beschuldigungen eines unglücklichen Patienten

oft genug Schuld; der junge Arzt baut in erster Reihe seine Diagnose

auf den Befund durch Stetoskop, Harn u. s. w. Der Visus practicus

fehlt ihm in Indien wie überall; Missgriffe sind also unvermeidlich;

dies muss ihn also zur Vorsicht mahnen, die Diagnose »Simulation«

nicht leichtfertig zu stellen. Ich weiss sehr gut, dass beim Militär

damit grosse Schwierigkeiten verbunden sind; aber es ist nicht so

arg, als man annimmt; herrscht ein guter Geist und Disciplin unter

den Soldaten, sind, wie wir sehen werden, auch in Friedenszeiten die

Fälle der Simulation nicht häufig, besonders wenn der Arzt sich nicht

foppen lässt, und zur Zeit des »Ausrückens« noch weniger. Am 4. April

1887 sollte der Marsch nach Kotta-radja Bedil in Atjeh stattfinden, und

an diesem Tage hatte sich kein einziger Soldat krank gemeldet!! Dass

in ruhigen Zeiten die petites misères de la vie sich fühlbar machen,

besonders wenn z. B. von einem Korporal oder Sergeant »Theorie« über

die Handgriffe des Gewehres oder über die Bestandtheile der Kanone

gehalten wird, dass dann die Soldaten Hülfe für ihre kleinen Qualen

bei dem Doctor suchen, um eventuell »Frei vom Dienste« zu bekommen,

spricht nicht gegen den »guten Geist unter den Soldaten«, sondern

ist -- begreiflich. Natürlich giebt es auch einige echte Simulanten

in der indischen Armee. Einen solchen Fall hatte ich in Teweh zur

Behandlung bekommen, und weil er ein Unicum in seiner Art ist, an den

van Hasselt in seinem Buche über Simulation nicht einmal gedacht hat,

will ich ihn etwas ausführlicher mittheilen. Ein Franzose, Namens

Daudu, kam nach Teweh und meldete sich schon den andern Tag krank,

»weil er so viel durch seinen Bauch leide«. Er stand vor mir als der

Typus eines kräftigen, gesunden und schönen Mannes, hatte aber einen

Bauch wie eine -- schwangere Frau. Ich untersuchte alle Organe der

Brust, sie waren gesund; der Puls regelmässig, die Schleimhäute waren

normal gefärbt, der Stuhlgang, das Uriniren und der Appetit waren,

wie er selbst mittheilte, normal; aber der Bauch war wie eine Trommel

gespannt; es war unmöglich, durch Percussion Leber, Milz oder Nieren

zu untersuchen; natürlich ergab auch die Palpitation ein negatives

Resultat. -- Ich kann und will nicht alle Details der Untersuchung und

nur das Eine mittheilen: Nichts Objectives war zu finden, und keine

andere subjective Klage äusserte der Patient (?) als: »j’ai tant de mal

au ventre« oder »je souffre horriblement«.

21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo. · 第 5 / 26 段